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Bundesverwaltungsgericht 09.08.2011 D-1277/2011

August 9, 2011·Deutsch·CH·CH_BVGE·PDF·1,738 words·~9 min·1

Summary

Asyl und Wegweisung | Asyl und Wegweisung; Verfügung des BFM vom 24. Januar 2011

Full text

Bundesve rwa l t ungsge r i ch t T r i buna l   adm in istratif   f édé ra l T r i buna l e   ammin istrati vo   f ede ra l e T r i buna l   adm in istrativ   f ede ra l Abteilung IV D­1277/2011 Urteil   v om   9 .   Augus t   2011 Besetzung Richter Thomas Wespi (Vorsitz), Richter Robert Galliker, Richter Gérald Bovier, Gerichtsschreiber Stefan Weber. Parteien A._______, geboren X._______, Kosovo, vertreten durch M. Milovanovic, Beschwerdeführerin,  gegen Bundesamt für Migration (BFM), Quellenweg 6, 3003 Bern,    Vorinstanz.  Gegenstand Asyl und Wegweisung; Verfügung des BFM vom 24. Januar  2011 / N_______.

D­1277/2011 Sachverhalt: A.  Eigenen  Angaben  zufolge  verliess  die  Beschwerdeführerin,  eine  Volkszugehörige der Gorani mit letztem Wohnsitz in B._______, Kosovo,  ihre Heimat zusammen mit ihren Familienangehörigen am 11. Dezember  2010  auf  dem  Landweg. Über  ihr  unbekannte  Länder  seien  sie  am  13.  Dezember  2010  unter  Umgehung  der  Grenzkontrolle  in  die  Schweiz  gelangt, wo sie und ihre Familie gleichentags im C._______ Asylgesuche  einreichten  und  anschliessend  ins D._______  transferiert wurden. Nach  der  Kurzbefragung  im  D._______  am  27.  Dezember  2010  und  der  ebenfalls  dort  durchgeführten  direkten  Anhörung  vom  11.  Januar  2011  wurde  sie  mit  Verfügung  vom  21.  Januar  2011  für  den  Aufenthalt  während des Asylverfahrens dem Kanton E._______ zugewiesen. Zur  Begründung  ihres  Asylgesuchs  führte  die  Beschwerdeführerin  im  Wesentlichen aus, sie sei wegen der Probleme ihrer Familie mit Albanern  ausgereist.  Sie  persönlich  sei  in  der  Schule  mehrfach  von  Albanern  beschimpft  und  auch  angespuckt  worden,  weil  sie  dort  mit  bosnischen  Mitschülerinnen  Serbokroatisch  gesprochen  habe.  Als  sie  an  der  Universität gewesen sei, sei ihr dies jedoch nicht mehr passiert. Im Jahre  (...)  sei  sie  am  Blinddarm  operiert  worden,  wobei  das  Pflegepersonal  vergessen  habe,  ihr  nach  der  Operation  eine  Infusion  zu  stecken.  Erst  nachdem  ihr  Vater  interveniert  gehabt  habe,  habe  sie  eine  Infusion  erhalten. Weiter  sei  die  ganze Familie  von  den Problemen  ihres Vaters  betroffen  gewesen.  Dieser  habe  ihnen  nicht  alles  erzählt,  ausser  dass  man ihn als Spion bezeichnet und gleichzeitig bedroht habe. Auch seien  die  Schaufenster  ihres  Geschäfts  eingeschlagen  worden  und  Albaner  hätten  versucht,  ihren  Bruder  F._______  (...)  zu  entführen.  Dieser  sei  überdies mit dem Tode bedroht worden. Ihr älterer Bruder G._______ sei  ferner vor längerer Zeit einmal im Geschäft mit einem Messer angegriffen  worden.  Diesen  Vorfall  habe  die  Familie  bei  der  Polizei  zur  Anzeige  gebracht,  denjenigen mit  Bruder  F._______  jedoch  nicht,  weil  ihr  Vater  erfahren habe, dass die Eltern des Angreifers einen hohen Posten bei der  Regierung  gehabt  hätten.  Im  Dezember  2010  hätten  ihre  Eltern  beschlossen,  die  Heimat  zu  verlassen.  Auf  die  weiteren  Ausführungen  wird, soweit wesentlich, in den nachfolgenden Erwägungen eingegangen. B.  Mit Verfügung vom 24. Januar 2011 – gleichentags eröffnet – lehnte das  BFM das Asylgesuch der Beschwerdeführerin ab und ordnete gleichzeitig 

D­1277/2011 die  Wegweisung  aus  der  Schweiz  an.  Die  Vorinstanz  begründete  ihre  Ver­fügung im Wesentlichen damit, dass die Vorbringen der Beschwerde­ führerin den Anforderungen an die Flüchtlingseigenschaft gemäss Art. 3  des Asylgesetzes vom 26. Juni 1998 (AsylG, SR 142.31) nicht genügten.  Ferner sei der Vollzug der Wegweisung als zulässig, zumutbar und mög­ lich zu erachten. C.  Mit Eingabe  vom 22. Februar  2011 erhob die Beschwerdeführerin  beim  Bundesverwaltungsgericht Beschwerde, beantragte, es sei die Verfügung  der  Vorinstanz  aufzuheben  und  ihr  Asylgesuch  sei  gutzuheissen,  und  ersuchte  in  formeller  Hinsicht  um  Gewährung  der  unentgeltlichen  Prozessführung  im Sinne  von  Art.  65  Abs.  1  des  Bundesgesetzes  vom  20.  Dezember  1968  über  das  Verwaltungsverfahren  (VwVG,  SR  172.021).  Auf  die  Begründung  der  Beschwerde  wird,  soweit  entscheidwesentlich, in den Erwägungen eingegangen. D.  Mit Zwischenverfügung des Instruktionsrichters vom 4. März 2011 wurde  der Beschwerdeführerin mitgeteilt, dass sie den Ausgang des Verfahrens  in  der  Schweiz  abwarten  könne.  Die  Behandlung  des  Gesuchs  um  Gewährung  der  unentgeltlichen  Prozessführung  im  Sinne  von  Art.  65  Abs.  1  VwVG  wurde  auf  einen  späteren  Zeitpunkt  verwiesen  und  gleichzeitig auf die Erhebung eines Kostenvorschusses verzichtet. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1.  1.1. Gemäss Art. 31 des Verwaltungsgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005  (VGG, SR 173.32) beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Beschwerden  gegen  Verfügungen  nach  Art.  5  VwVG.  Das  BFM  gehört  zu  den  Behörden  nach  Art.  33  VGG  und  ist  daher  eine  Vorinstanz  des  Bundesverwaltungs­gerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme  im Sinne von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht  ist  daher  zuständig  für  die  Beurteilung  der  vorliegenden  Beschwerde  entscheidet  auf  dem  Gebiet  des  Asyls  endgültig,  ausser  bei  Vorliegen  eines  Auslieferungsersuchens  des  Staates,  vor  welchem  die  beschwerdeführende Person Schutz sucht (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d  Ziff.  1  des  Bundesgerichtsgesetzes  vom  17.  Juni  2005  [BGG,  SR  173.110]). Eine solche Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG 

D­1277/2011 liegt  in  casu  nicht  vor.  Das  Bundes­verwaltungsgericht  entscheidet  demnach endgültig. 1.2.  Die  Beschwerde  ist  frist­  und  formgerecht  eingereicht.  Die  Beschwerdeführerin hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen,  ist  durch  die  angefochtene  Verfügung  besonders  berührt  und  hat  ein  schutzwürdiges  Interesse  an  deren  Aufhebung  beziehungsweise  Änderung. Sie  ist daher zur Einreichung der Beschwerde legitimiert (Art.  108 AsylG sowie Art. 105 AsylG  i.V.m. Art. 37 VGG und Art. 48 Abs. 1  und Art. 52 VwVG). Auf die Beschwerde ist einzutreten. 1.3. Mit Beschwerde kann die Verletzung von Bundesrecht, die unrichtige  oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts und  die Unangemessenheit gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG). 1.4. Die Abteilungen des Bundesverwaltungsgerichts entscheiden  in der  Regel  in der Besetzung mit drei Richtern oder Richterinnen  (vgl. Art. 21  Abs. 1 VGG). Gestützt auf Art. 111a Abs. 1 AsylG wurde vorliegend auf  die Durchführung eines Schriftenwechsels verzichtet. 2.  2.1. Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund­ sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im  Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali­ tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer  politischen  Anschauungen  ernsthaften  Nachteilen  ausgesetzt  sind  oder  begründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden. Als  ernsthafte Nachteile  gelten  namentlich  die Gefährdung  des  Leibes,  des  Lebens  oder  der  Freiheit  sowie  Massnahmen,  die  einen  unerträglichen  psychischen  Druck  bewirken.  Den  frauenspezifischen  Fluchtgründen  ist  Rechnung zu tragen (Art. 3 AsylG). 2.2.  Wer  um  Asyl  nachsucht,  muss  die  Flüchtlingseigenschaft  nachweisen  oder  zumindest  glaubhaft  machen.  Diese  ist  glaubhaft  gemacht,  wenn  die  Behörde  ihr  Vorhandenihr  mit  überwiegender  Wahrscheinlichkeit  für  ge­geben  hält.  Unglaubhaft  sind  insbesondere  Vorbringen, die in wesentlichen Punkten zu wenig begründet oder in sich  widersprüchlich sind, den Tatsachen nicht entsprechen oder massgeblich  auf  gefälschte  oder  ver­fälschte  Beweismittel  abgestützt  werden  (Art.  7  AsylG).

D­1277/2011 3.  3.1.  Die  Vorinstanz  hielt  zur  Begründung  ihres  ablehnenden  Asylent­ scheides  im Wesentlichen  fest,  die  von der Beschwerdeführerin geltend  gemachten  Übergriffe  von  Seiten  privater  Dritter  wegen  ihrer  Zugehörigkeit  zur  Minderheit  der  Goraner  würden  keine  Intensität  erreichen,  welche  ihr  ein  menschenwürdiges  Leben  in  Kosovo  verunmöglichten  oder  in  unzumutbarer  Weise  erschwerten.  Bezeichnenderweise habe sie auch angegeben, dass die Belästigungen  nach  Antritt  des  Universitätsstudiums  aufgehört  hätten.  Hinsichtlich  der  geltend  gemachten  Vorkommnisse  bei  weiteren  Familienangehörigen  (Vater  sei  als  Spion  bezeichnet  worden;  Beschädigung  von  Fensterscheiben  des  Imbissgeschäfts;  Übergriffe  auf  Brüder)  sei  anzuführen, dass es in Kosovo in den vergangenen Jahren vereinzelt zu  schwerwiegenden  Übergriffen  auf  Angehörige  der  ethni­schen  Minderheiten, namentlich der Goraner, gekommen sei. Es könne  jedoch  nicht  von  allgemeinen  Vertreibungen  ausgegangen  werden.  Nach  der  Unabhängigkeitserklärung  vom  17.  Februar  2008  sei  in  Kosovo  auch  nach  dem  Statuswechsel  eine  internationale  zivile  und  militärische  Präsenz  vorgesehen.  In  Kosovo  bestünden  mit  der  UNO­Verwal­ tung (UNMIK)  und der EU zwei  internationale Missionen. Die am 9. De­ zember  2008  offiziell  gestartete  Rechtsstaatlichkeitsmission  EULEX  sei  formal  den  Vereinten  Nationen  unterstellt  und  werde  unter  deren  Oberhoheit  und  innerhalb  eines  statusneutralen  Rahmens  geführt.  Die  internationalen  Si­cherheitskräfte  sowie  die  Kosovo  Police  (KP)  würden  die  Sicherheit  ga­rantieren  und  seien  weitgehend  in  der  Lage,  die  ethnischen  Minderheiten  in  Kosovo  zu  schützen.  Bei  Übergriffen  intervenierten  die  Sicherheitskräf­te  regelmässig,  und  bei  Straftaten  gegen Angehörige von Minderheiten würden Ermittlungen aufgenommen.  Zentrale  Polizeifunktionen  würden  weiterhin  von  internationalen  Polizeikräften  wahrgenommen  und  die  neue  kosovarische  Verfassung  gestehe  den  Minderheiten  umfassende  Rechte  zu.  Die  Beschwerdeführerin  gebe  an,  sie  habe  von  den Problemen  der  Familie  nichts wissen wollen. Wenn  ihr Vater davon erzählt habe, habe sie sich  zurückgezogen und geweint. Anlässlich der Anhörung habe sie erklärt, ihr  Vater  habe  die  Vorfälle  mit  den  eingeschlagenen  Scheiben  jeweils  der  Polizei gemeldet. Diese habe  jedoch nichts gemacht und die Täter nicht  fassen können. Demgegenüber habe jedoch einer ihrer Brüder erklärt, die  Polizei sei immer gekommen, wenn er oder sein Vater sie hinzugezogen  habe. Sie habe angemessen agiert, indem sie zum Beispiel ein Protokoll  über  die  Vorfälle  oder  Fotos  von  den  Beschädigungen  aufgenommen  habe. Somit  gebe es  keine Hinweise auf  eine Verweigerung  staatlichen 

D­1277/2011 Schutzes.  Ausserdem  seien  Angehörige  der  Goraner  proportional  in  sämtlichen  wichtigen  Behörden  vertreten,  mitunter  auch  in  den  Polizeibehörden. Folglich könne den kosovarischen Behörden auch nicht  mangelnder  Schutzwille  und  fehlende  Schutzfähigkeit  vorgeworfen  werden.  Da  demnach  vom  Vorhandensein  eines  adäquaten  Schutzes  durch  den  Heimatstaat  auszugehen  sei,  seien  die  geltend  gemachten  Übergriffe vorliegend nicht asylrelevant.  3.2.  Demgegenüber  wendete  die  Beschwerdeführerin  in  ihrer  Rechtsmitteleingabe – soweit nicht eine Wiederholung des Sachverhalts  enthaltend  –  im  Wesentlichen  ein,  die  erlittenen  Erniedrigungen  und  Bedrohungen  hätten  sie  aus  dem  psychischen  Gleichgewicht  gebracht.  Bei einer Rückkehr müsse sie um Leib und Leben fürchten, was auch aus  gesundheitlichen Gründen nicht zu verantworten sei. Für weitere Details  werde auf die Ausführungen in der Beschwerdeschrift  im Verfahren ihrer  Eltern (N_______; Geschäfts­Nr. D­1278/2011) verwiesen. 3.3. Das Bundesverwaltungsgericht gelangt nach Prüfung der Akten zum  Schluss,  dass  das  BFM  die  Vorbringen  der  Beschwerdeführerin  im  Zusammenhang mit  den  angeführten Übergriffen  seitens  privater Dritter  zu  Recht  und  mit  zutreffender  Begründung  als  nicht  asylrelevant  erachtete. 3.3.1. Nach den Erkenntnissen des Bundesverwaltungsgerichts  sind die  bisher zuständigen Behörden in Kosovo – im Rahmen ihrer Möglichkeiten  – systematisch gegen Bedrohungen und Übergriffe Dritter  vorgegangen.  Insoweit  kann  zum  heutigen  Zeitpunkt  vom  Schutzwillen  und  auch  von  einer  weitgehenden  Schutzfähigkeit  der  in  Kosovo  tätigen  nationalen  Sicherheitsbehörden ausgegangen werden. 3.3.2. Die  Vertreter  der  neuen  Regierung  haben  sich  im  Rahmen  ihrer  Unabhängigkeitserklärung  im  Februar  2008  verpflichtet,  sämtliche  Verträge und Absprachen, die sich aus dem "Umfassenden Vorschlag zur  Regelung  des  Kosovostatus"  des  Sondergesandten  des  UNO­ Generalsekretärs  für den Prozess zur Bestimmung des künftigen Status  von  Kosovo  ergeben,  vollumfänglich  zu  erfüllen.  Was  die  allgemeine  Situation  der Angehörigen  der  goranischen Ethnie  in Kosovo  betrifft,  ist  festzustellen,  dass  sie  als  gut  integrierte Minderheit  selbst während  der  Unruhen  im  März  2004  grösstenteils  verschont  blieben  und  gemäss  Lageberichten  für  sie  die Situation  auch nach den Unruhen weitgehend  stabil geblieben ist.

D­1277/2011 3.3.3. Das Bundesverwaltungsgericht  geht  davon aus,  dass Angehörige  ethnischer Minderheiten grundsätzlich die Möglichkeit haben, sich an die  Behörden  zu  wenden  und  diese  um  Schutz  vor  Übergriffen  Dritter  zu  ersuchen.  Zudem  bejaht  das  Bundesverwaltungsgericht  in  ihrer  Rechtsprechung  den  generellen  Schutzwillen  und  die  generelle  Schutzfähigkeit der zuständigen Sicherheitskräfte bezüglich strafrechtlich  relevanter  Übergriffe  auf  Angehörige  der  ethnischen  Minderheiten  in  Kosovo. 3.3.4. Das BFM führte zur Begründung des ablehnenden Asylentscheides  zu  Recht  aus,  die  Vorbringen  der  Beschwerdeführerin  hielten  den  Anforderungen  an  Art.  3  AsylG  nicht  stand,  da  Übergriffe  durch  Dritte  oder  Befürchtungen,  künftig  solchen  ausgesetzt  zu  sein,  nur  dann  asylrelevant seien, wenn der Staat seiner Schutzpflicht nicht nachkomme  oder  nicht  in  der  Lage  sei, Schutz  zu gewähren. Straftaten würden  von  den Behörden in Kosovo im Rahmen ihrer Möglichkeiten verfolgt.  Bei  den  geltend  gemachten  Bedrohungen  durch  Angehörige  der  albanischen  Ethnie  handelt  es  sich  um  Übergriffe  Dritter.  Solche  Übergriffe  seitens  ethnischer  Albaner  auf  die  Beschwerdeführerin  sind  nicht  asylrelevant,  da  ihr  die  Möglichkeit  offenstand,  sich  an  die  heimatlichen  Behörden  zu  wenden  und  diese  um  Schutz  zu  ersuchen  (vgl. zur Publikation vorgesehenes Urteil BVGE D­6827/2010 vom 2. Mai  2011 E.  4.7). Vorliegend  sind  keine Hinweise  dafür  erkennbar,  dass  ihr  staatlicher  Schutz  verweigert  worden  wäre.  Aufgrund  der  Aktenlage  ist  nicht auch nur annähernd hinreichend dargelegt, dass der kosovarische  Staat der Beschwerdeführerin adäquaten Schutz verweigert hätte oder in  Zukunft verweigern würde. 3.4. Zusammenfassend ergibt sich, dass die Vorbringen der Beschwerde­ führerin den Anforderungen an die Flüchtlingseigenschaft nicht genügen;  die  entsprechende  Feststellung  des  BFM  ist  zu  bestätigen.  Es  kann  darauf verzichtet werden, auf die Darlegungen  in der Beschwerdeschrift  weiter  einzugehen,  da  sie  an  obiger  Erkenntnis  nichts  zu  ändern  vermögen. Die Vorinstanz hat das Asylgesuch der Beschwerdeführerin zu  Recht und mit zutreffender Begründung abgelehnt. 4.  4.1. Lehnt  das Bundesamt  das Asylgesuch  ab  oder  tritt  es  darauf  nicht  ein,  so  verfügt  es  in  der  Regel  die Wegweisung  aus  der  Schweiz  und 

D­1277/2011 ordnet den Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit  der Familie (Art. 44 Abs. 1 AsylG). 4.2. Die Beschwerdeführerin verfügt weder über eine ausländerrechtliche  Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf Erteilung einer sol­ chen.  Die  Wegweisung  wurde  demnach  zu  Recht  angeordnet  (Art.  44  Abs. 1 AsylG; BVGE 2009/50 E. 9 S. 733, BVGE 2008/34 E. 9.2 S. 510,  Entscheidungen  und  Mitteilungen  der  Schweizerischen  Asylrekurskommission [EMARK] 2001 Nr. 21). 5.  5.1.  Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder  nicht möglich, so regelt das Bundesamt das Anwesenheitsverhältnis nach  den gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme von Aus­ ländern  (Art. 44 Abs. 2 AsylG; Art. 83 Abs. 1 des Bundesgesetzes vom  16.  Dezember  2005  über  die  Ausländerinnen  und  Ausländer  [AuG,  SR  142.20]). 5.2. Der Vollzug ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche Verpflichtungen  der  Schweiz  einer Weiterreise  der  Ausländerin  oder  des  Ausländers  in  den Heimat­, Herkunfts­ oder  in einen Drittstaat entgegenstehen (Art. 83  Abs. 3 AuG). So darf  keine Person  in  irgendeiner Form zur Ausreise  in  ein Land gezwungen werden, in dem ihr Leib, ihr Leben oder ihre Freiheit  aus einem Grund nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet ist oder in dem sie  Gefahr läuft, zur Ausreise in ein solches Land gezwungen zu werden (Art.  5 Abs. 1 AsylG; vgl. ebenso Art. 33 Abs. 1 des Abkommens vom 28. Juli  1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge [FK, SR 0.142.30]). Gemäss  Art. 25 Abs. 3 der Bundesverfassung der Schweizerischen Eidgenossen­ schaft vom 18. April 1999 (BV, SR 101), Art. 3 des Übereinkommens vom  10. Dezember 1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche  oder  erniedrigende  Behandlung  oder  Strafe  (FoK,  SR  0.105)  und  der  Praxis zu Art. 3 der Konvention vom 4. November 1950 zum Schutze der  Menschenrechte  und  Grundfreiheiten  (EMRK,  SR  0.101)  darf  niemand  der  Folter  oder  unmenschlicher  oder  erniedrigender  Strafe  oder  Behandlung unterworfen werden. 5.3. Die Vorinstanz wies in ihrer angefochtenen Verfügung zutreffend dar­ auf  hin,  dass  der  Grundsatz  der  Nichtrückschiebung  nur  Personen  schützt,  die  die  Flüchtlingseigenschaft  erfüllen.  Da  die  Beschwerdeführerin  keine  asylrechtlich  erhebliche  Gefährdung  nachzuweisen  oder  glaubhaft  zu  machen  vermag,  kann  das  in  Art.  5 

D­1277/2011 AsylG verankerte Prinzip des flüchtlingsrechtlichen Non­Refoulements im  vorliegenden  Verfahren  keine  Anwendung  finden.  Eine  Rückkehr  der  Beschwerdeführerin nach Kosovo ist demnach unter dem Aspekt von Art.  5  AsylG  rechtmässig.  Sodann  er­geben  sich  aus  den  Akten  keine  hinreichenden  Anhaltspunkte  dafür,  dass  sie  für  den  Fall  einer  Ausschaffung  dort mit  beachtlicher Wahrscheinlichkeit  einer  nach Art.  3  EMRK  oder  Art.  1  FoK  verbotenen  Strafe  oder  Behandlung  ausgesetzt  wäre.  Gemäss  Praxis  des  Europäischen  Gerichtshofes  für  Menschenrechte  (EGMR)  sowie  jener  des  UN­Anti­Folterausschusses  müsste  die  Beschwerdeführerin  eine  konkrete  Gefahr  ("real  risk")  nachweisen oder glaubhaft machen, dass ihr im Fall einer Rückschiebung  Folter  oder  unmenschliche  Behandlung  drohen  würde  (vgl.  EGMR,  [Grosse  Kammer],  Saadi  gegen  Italien,  Urteil  vom  28.  Februar  2008,  Beschwerde  Nr.  37201/06,  §§  124­127,  mit  weiteren  Hinweisen).  Auch  aus  der  allgemeinen  Menschenrechtssituation  in  Kosovo  oder  aus  der  Tatsache,  dass  dort  Angehörige  ethnischer  Minderheiten  in  verschiedener Hinsicht Diskriminierungen –  so auch  von Seiten privater  Dritter  –  ausgesetzt  sind,  lässt  sich  noch  kein  reales  Risiko  von  Folter  oder  unmenschlicher  oder  erniedrigender  Strafe  oder  Behandlung  herleiten.  Hinsichtlich  der  angeführten  gesundheitlichen  Probleme  ist  festzustellen, dass in casu aussergewöhnliche Umstände, die gestützt auf  die  Praxis  des  Europäischen Gerichtshofs  für Menschenrechte  (EGMR)  zu  Art.  3  EMRK  zur  Feststellung  der  Unzulässigkeit  des  Wegweisungsvollzuges  aus  gesundheitlichen  Gründen  führen  könnten  (vgl.  dazu das Urteil  des EGMR Emre gegen die Schweiz  vom 22. Mai  2008, Verfahren Nr. 42034/04), aufgrund der Akten nicht ersichtlich sind.  Nach  dem Gesagten  ist  der  Vollzug  der Wegweisung  sowohl  im  Sinne  der asyl­ als auch der völkerrechtlichen Bestimmungen zulässig. 5.4.   5.4.1. Gemäss Art. 83 Abs. 4 AuG kann der Vollzug  für Ausländerinnen  und Ausländer unzumutbar ihr, wenn sie im Heimat­ oder Herkunftsstaat  auf  Grund  von  Situationen  wie  Krieg,  Bürgerkrieg,  allgemeiner  Gewalt  und  medizinischer  Notlage  konkret  gefährdet  sind.  Wird  eine  konkrete  Gefährdung  festgestellt,  ist  –  unter Vorbehalt  von Art.  83 Abs.  7 AuG –  die vorläufige Aufnahme zu gewähren (vgl. Botschaft zum Bundesgesetz  über  die  Ausländerinnen  und  Ausländer  vom  8.  März  2002,  BBl  2002  3818). 5.4.2.  Die  Vorinstanz  hielt  in  der  angefochtenen  Verfügung  fest,  dass  weder  die  im Heimatstaat  herrschende politische Situation  noch  andere 

D­1277/2011 Gründe gegen die Zumutbarkeit der Rückführung nach Kosovo sprechen  würden.  Die  Sicherheitslage  habe  sich  in  den  vergangenen  Jahren  verbessert  oder  zumindest  stabilisiert  und  die  Wahrscheinlichkeit  einer  konkreten Gefährdung für Bosniaken, Torbes und Gorani alleine aufgrund  der  Ethnie  könne  weitgehend  ausgeschlossen  werden.  Zudem  sei  für  diese  Ethnien  die  Bewegungsfreiheit  grundsätzlich  in  ganz  Kosovo  gegeben.  Auch  der  Zugang  zu  den  medizinischen  und  sozialen  Strukturen  sei  in  aller  Regel  gewährleistet.  Zudem  gebe  es  auch  keine  individuellen  Gründe,  die  gegen  die  Zumutbarkeit  eines  Wegweisungsvollzugs  sprechen  würden.  Die  junge  und  gesunde  Beschwerdeführerin  besitze  eine  gute  Schulbildung  und  verfüge  in  Kosovo über ein familiäres Beziehungsnetz. Zudem habe sie erklärt, dass  das Geschäft der Familie, welches derzeit von Verwandten weitergeführt  würde,  ausgereicht  habe,  um  die  Lebensgrundlage  der  Familie  zu  finanzieren. 5.4.3.  In  der  Beschwerdeschrift  führt  die  Beschwerdeführerin  zur  Zumutbarkeit  des  Wegweisungsvollzugs  sinngemäss  aus,  dass  sie  als  Angehörige  einer  ethnischen  Minderheit  in  Kosovo  kein  menschenwürdiges  Leben  führen  könne  und  ihr  eine  Rückkehr  aus  gesundheitlichen Gründen nicht zugemutet werden könne. 5.4.4.  In  Kosovo  herrscht  im  jetzigen  Zeitpunkt  nicht  eine  generell  unsichere, von bewaffneten Konflikten oder jederzeit drohenden Unruhen  geprägte  Lage,  aufgrund  derer  die  Beschwerdeführerin  bei  einer  Rückkehr  unweigerlich  einer  konkreten  Gefährdung  ausgesetzt  würde.  Blosse soziale und wirtschaftliche Schwierigkeiten, von denen weite Teile  der  ansässigen  Bevölkerung  betroffen  sind,  genügen  nicht,  um  eine  Gefährdung  im  Sinne  von  Art.  83  Abs.  4  AuG  darzustellen  (vgl.  BVGE  2010/41 E. 8.3.6 S. 591, EMARK 2005 Nr. 24 E. 10.1 S. 215). Die  Beschwerdeführerin  gehört  der  Minderheit  der  slawischen  Muslime  und innerhalb dieser der Untergruppe der Gorani an. Was die allgemeine  Lage der slawischen Muslime betrifft, so wurde ihnen im Vergleich zu den  Angehörigen  der  Ethnien  der  Roma,  Ashkali  und  „Ägypter“  (vgl.  BVGE  2007/10 mit weiteren Hinweisen) sowie den Kosovo­Serben schon immer  eine  höhere  Toleranz  entgegengebracht.  Im  Zusammenhang  mit  der  Beurteilung der Vollziehbarkeit einer Wegweisung äusserte sich die ARK  bereits  in EMARK 2002 Nr.  22  zur Situation  der  slawischen Muslime  in  Kosovo.  Gemäss  aktueller  Rechtsprechung  ist  ein Wegweisungsvollzug  der  slawischen  Muslime,  so  insbesondere  der  Gorani,  in  sämtliche 

D­1277/2011 Gebiete  von  Kosovo  –  mit  Ausnahme  der  Region  von  Mitrovica  –  als  zumutbar zu erachten (vgl. zur Publikation vorgesehenes Urteil BVGE D­ 6827/2010 vom 2. Mai 2011 E. 8.6). Dem  BFM  ist  darin  zuzustimmen,  dass  die  Wahrscheinlichkeit  einer  konkreten Gefährdung  für  Angehörige  der Gorani  alleine  aufgrund  ihrer  Ethnie  weitgehend  ausgeschlossen  werden  kann.  Zudem  ist  für  diese  Ethnie die Bewegungsfreiheit in Kosovo grundsätzlich gegeben. Auch ihr  Zugang zu den medizinischen und sozialen Strukturen  ist  in aller Regel  gewährleistet  (vgl.  etwa  das  Urteil  des  Bundesverwaltungsgerichts  E­ 7846/2008 vom 15. September 2010 E. 9.6.). Das Gericht verkennt nicht,  dass  die  Reintegration  in  Kosovo  insbesondere  für  Minderheiten  schwierig  ihr  kann.  Dieser  Umstand  vermag  jedoch  keine  konkrete  Gefährdung derselben zu begründen.  5.4.5.  In Bezug  auf  die  individuelle  Zumutbarkeit  des Wegweisungsvoll­ zuges  sind  folgende  Aspekte  zu  beachten:  Die  Beschwerdeführerin  verfügt  den  Akten  zufolge  über  einen Mittelschulabschluss  und  war  bis  zur Ausreise Studentin an der Universität  in B._______  (vgl. act. A3/11,  S.  2).  Zudem  kann  sie  in  ihrer  Herkunftsregion  auf  ein  grosses  Beziehungsnetz  sowie  die  Unterstützung  ihrer  engsten  Familienangehörigen  zurückgreifen,  da  ihre  hier  weilenden  Eltern  und  Brüder mit Urteilen gleichen Datums die Schweiz ebenfalls zu verlassen  haben,  weshalb  auf  die  in  der  Rechtsmitteleingabe  dargelegten  Befürchtungen  –  ohne  Schutz  des  Vaters  und  der  Brüder  wäre  sie  möglicherweise das Opfer einer Vergewaltigung oder des Organhandels  – nicht  weiter  einzugehen  ist.  Hinsichtlich  der  vorgebrachten  Beeinträchtigung  des  psychischen  Gesundheitszustandes  ist  festzustellen, dass die Beschwerdeführerin  im Verlaufe der Befragungen  selber  nie  vorbrachte,  sie  sei  infolge  der  erlittenen  Ereignisse  ernsthaft  psychisch erkrankt,  und sah sich dementsprechend offensichtlich weder  in  der  Heimat  noch  in  der  Schweiz  veranlasst,  deswegen  fachärztliche  Hilfe in Anspruch zu nehmen. Vielmehr gab sie an, sich allgemein vor den  Problemen zurückgezogen und deswegen geweint zu haben. Auch habe  sie  grosse Angst  gehabt  und  sei  sehr  traurig  gewesen  (vgl.  act.  A3/11,  S. 5; A8/10, S. 4). Da  in Kosovo die medizinische Versorgung auch mit  Blick  auf  eine  allenfalls  benötigte  psychotherapeutische  und  medikamentöse Behandlung als ausreichend zu bezeichnen  ist  (vgl. zur  Publikation vorgesehenes Urteil BVGE D­6827/2010 vom 2. Mai 2011 E.  8.8.2),  wäre  es  ihr  zuzumuten,  eine  entsprechende  Behandlung  im  Bedarfsfall in ihrer Heimat in Anspruch zu nehmen.

D­1277/2011 5.4.6. Der Vollzug der Wegweisung erweist sich nach dem Gesagten ins­ gesamt als zumutbar.  5.5. Schliesslich obliegt es der Beschwerdeführerin, sich nötigenfalls bei  der  Vertretung  des  Heimatstaates  die  für  eine  Rückkehr  notwendigen  Reisedokumente  zu  beschaffen  (Art.  8  Abs.  4  AsylG),  weshalb  der  Vollzug der Wegweisung auch als möglich zu bezeichnen ist (Art. 83 Abs.  2 AuG, vgl. auch BVGE 2008/34 E. 12 S. 513 ff.). 5.6. Zusammenfassend hat das BFM den Wegweisungsvollzug zu Recht  als zulässig, zumutbar und möglich erachtet. Nach dem Gesagten fällt ei­ ne Anordnung der vorläufigen Aufnahme ausser Betracht (Art. 83 Abs. 1­ 4 AuG). 6.  Aus  diesen  Erwägungen  ergibt  sich,  dass  die  angefochtene  Verfügung  Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig und  vollständig feststellt und angemessen ist (Art. 106 AsylG). Die Beschwer­ de ist deshalb abzuweisen. 7.  Bei  diesem  Ausgang  des  Verfahrens  wären  die  Verfahrenskosten  grundsätzlich  der  unterliegenden  Beschwerdeführerin  aufzuerlegen  (Art.  63  Abs.  1  VwVG).  Diese  hat  jedoch  um  unentgeltliche  Prozessführung  nach Art.  65 Abs.  1 VwVG ersucht. Gemäss dieser Bestimmung befreit  die Beschwerdeinstanz eine Partei, die nicht über die erforderlichen Mittel  verfügt,  auf Antrag  von  der Bezahlung  der Verfahrenskosten,  sofern  ihr  Begehren  nicht  aussichtslos  erscheint.  In  casu  erschienen  die  Anträge  der  Beschwerdeführerin  nicht  als  aussichtslos.  Da  zudem  von  ihrer  Bedürftigkeit  auszugehen  ist,  ist  das Gesuch gutzuheissen und  von der  Erhebung von Verfahrenskosten abzusehen. (Dispositiv nächste Seite)

D­1277/2011 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1.  Die Beschwerde wird abgewiesen. 2.  Das  Gesuch  um  Gewährung  der  unentgeltlichen  Prozessführung  im  Sinne von Art. 65 Abs. 1 VwVG wird gutgeheissen. 3.  Es werden keine Verfahrenskosten auferlegt. 4.  Dieses  Urteil  geht  an  die  Beschwerdeführerin,  das  BFM  und  die  zuständige kantonale Behörde. Der vorsitzende Richter: Der Gerichtsschreiber: Thomas Wespi Stefan Weber Versand:

D-1277/2011 — Bundesverwaltungsgericht 09.08.2011 D-1277/2011 — Swissrulings