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Bundesverwaltungsgericht 23.11.2011 E-8252/2010

23. November 2011·Deutsch·CH·CH_BVGE·PDF·875 Wörter·~4 min·3

Zusammenfassung

Asylgesuch aus dem Ausland und Einreisebewilligung | Ausland

Volltext

Bundesve rwa l t ungsge r i ch t T r i buna l   adm in istratif   f édé ra l T r i buna l e   ammin istrati vo   f ede ra l e T r i buna l   adm in istrativ   f ede ra l Abteilung V E­8252/2010 Urteil   v om   2 3 .   No v embe r   2011 Besetzung Richter Markus König (Vorsitz), Richter Hans Schürch, Richter François Badoud,    Gerichtsschreiberin Karin Maeder­Steiner. Parteien A._______, geboren am (…), B._______, geboren am (…), C._______, geboren am (…), D._______, geboren am (…), E._______, geboren am (…), F._______, geboren am (…), G._______, geboren am (…), Eritrea, alle vertreten durch Laura Rossi, Fürsprecherin, (…) Rechtsberatungsstelle für Menschen in Not, (…),  Beschwerdeführende,  gegen Bundesamt für Migration (BFM), Quellenweg 6, 3003 Bern,    Vorinstanz.  Gegenstand Gesuch um Familiennachzug / Asylgesuch aus dem  Ausland; Verfügung des BFM vom 28. Oktober 2010 / N (…).

E­8252/2010 Sachverhalt: A.  Der  Beschwerdeführer  verliess  seinen  Heimatstaat  eigenen  Angaben  zufolge im Februar 2008, gelangte am 7. Dezember 2008 in die Schweiz  und suchte gleichentags um Asyl nach. Mit – unangefochten gebliebener  – Verfügung vom 1. Juni 2010 nahm das BFM ihn als Flüchtling vorläufig  in der Schweiz auf.  B.  Mit  einer  als  "Gesuch  um  Familienzusammenführung"  bezeichneten  Eingabe  vom  15.  Oktober  2010  beantragten  die  Beschwerdeführenden  beim BFM, der Beschwerdeführerin und Ehefrau des Beschwerdeführers  sowie den fünf gemeinsamen Kindern sei die Einreise in die Schweiz zu  bewilligen. C.  Mit Verfügung vom 28. Oktober 2010 – eröffnet am 2. November 2010 –  verweigerte  das  BFM  der  Beschwerdeführerin  und  den  Kindern  die  Einreise in die Schweiz und lehnte das um Gesuch um Familiennachzug  ab.  D.  Mit Eingabe  ihrer Rechtsvertreterin vom 29. November 2010 fochten die  Beschwerdeführenden  die  Verfügung  des  BFM  vom  28.  Oktober  2010  beim Bundesverwaltungsgericht an. Sie beantragten dabei die Aufhebung  der  vorinstanzlichen  Verfügung;  das  BFM  sei  anzuweisen,  der  Beschwerdeführerin  und  den  gemeinsamen  Kindern  die  Einreise  in  die  Schweiz  zwecks  Anerkennung  der  Flüchtlingseigenschaft  zu  bewilligen.  Eventualiter  sei  die  Vorinstanz  anzuweisen,  das  Gesuch  um  Familienzusammenführung  als  Asylgesuch  aus  dem  Ausland  zu  prüfen  und  unter  diesem  Titel  den  genannten  Personen  die  Einreise  in  die  Schweiz  zu  gewähren.  In  prozessrechtlicher  Hinsicht  ersuchten  die  Beschwerdeführenden  um  Verzicht  auf  die  Erhebung  eines  Kostenvorschusses und um Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege  und  Rechtsverbeiständung  gemäss  Art.  65  Abs.  1  und  2  des  Bundesgesetzes  vom  20. Dezember  1968  über  das  Verwaltungsverfahren (VwVG, SR 172.021). E.  Mit  Zwischenverfügung  des  Bundesverwaltungsgerichts  vom  3.  Dezember 2010 verzichtete der Instruktionsrichter auf die Erhebung eines 

E­8252/2010 Kostenvorschusses,  lehnte  das  Gesuch  um  Gewährung  der  unentgeltlichen  Rechtsverbeiständung  ab,  verwies  für  das  Gesuch  um  Gewährung  der  unentgeltlichen  Rechtspflege  auf  einen  späteren  Zeitpunkt  und  überwies  die  Akten  der  Vorinstanz  zur  Einreichung  einer  Vernehmlassung.  F.  Mit  Eingabe  vom  13.  Dezember  2010  reichte  das  BFM  seine  Vernehmlassung  zu  den  Akten,  hielt  vollumfänglich  an  seinen  Erwägungen  fest  und  beantragte  die  Abweisung  der  Beschwerde.  Die  Vernehmlassung  wurde  den  Beschwerdeführenden  am  15.  Dezember  2010 zur Kenntnis gebracht. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1.  1.1. Gemäss Art. 31 des Verwaltungsgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005  (VGG, SR 173.32) beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Beschwerden  gegen  Verfügungen  nach  Art. 5  VwVG.  Das  BFM  gehört  zu  den  Behörden  nach  Art. 33  VGG  und  ist  daher  eine  Vorinstanz  des  Bundesverwaltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme  im Sinn  von Art. 32 VGG  liegt  nicht  vor. Das Bundesverwaltungsgericht  ist daher zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und  entscheidet  auf  dem  Gebiet  des  Asyls  endgültig,  ausser  bei  Vorliegen  eines  Auslieferungsersuchens  des  Staates,  vor  welchem  die  beschwerdeführende Person Schutz sucht (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d  Ziff. 1  des  Bundesgerichtsgesetzes  vom  17. Juni  2005  [BGG,  SR 173.110]). 1.2. Das  Verfahren  richtet  sich  nach  dem  VwVG,  dem  VGG  und  dem  BGG, soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6  AsylG). 1.3.  Die  Beschwerde  ist  frist­  und  formgerecht  eingereicht.  Die  Beschwerdeführenden  haben  am  Verfahren  vor  der  Vorinstanz  teilgenommen, sind durch die angefochtene Verfügung besonders berührt  und  haben  ein  schutzwürdiges  Interesse  an  deren  Aufhebung  beziehungsweise  Änderung;  sie  sind  daher  zur  Einreichung  der  Beschwerde legitimiert (Art. 105 und Art. 108 Abs. 1 AsylG, Art. 48 Abs. 1 

E­8252/2010 sowie Art. 52 VwVG). Auf die Beschwerde ist einzutreten. 2.  Mit  Beschwerde  kann  die  Verletzung  von  Bundesrecht,  die  unrichtige  oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts und  die Unangemessenheit gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG). 3.  Im  vorliegenden  Verfahren  stellt  sich  vorab  die  Frage,  ob  es  sich  beim  Gesuch vom 15. Oktober 2010, mit dem die Bewilligung der Einreise der  Beschwerdeführerin und der Kinder  in die Schweiz beantragt wurde, um  ein  Gesuch  um  Familiennachzug  und  Einbezug  in  die  vorläufige  Aufnahme des Beschwerdeführers handelt (auf welches in erster Linie die  Bestimmung von Art. 85 Abs. 7 des Bundesgesetzes vom 16. Dezember  2005  über  die  Ausländerinnen  und  Ausländer  [AuG,  SR  142.20]  Anwendung  finden  würde),  oder  aber  um  ein  Asylgesuch  aus  dem  Ausland (das primär nach Art. 20 Abs. 2 und 3 i.V.m. Art. 3 sowie Art. 52  [Abs.  2]  des  Asylgesetzes  vom  26. Juni  1998  [AsylG,  SR  142.31])  zu  beurteilen wäre. 3.1.  In  ihrer  Verfügung  hält  die  Vorinstanz  im  Wesentlichen  fest,  der  Beschwerdeführer sei mit Verfügung vom 1. Juni 2010 in der Schweiz als  Flüchtling  vorläufig  aufgenommen  worden.  Seine  Ehefrau  und  Kinder  könnten  aber  gemäss  Art.  85  Abs.  7  AuG  frühestens  drei  Jahre  nach  dieser  Anordnung  nachgezogen  und  in  seine  vorläufige  Aufnahme  eingeschlossen  werden.  Deshalb  sei  das  Gesuch  um  Familiennachzug  abzulehnen und der Ehefrau und den Kindern die Einreise in die Schweiz  nicht zu bewilligen.  3.2.  In  der Beschwerde wird  geltend gemacht,  seit  dem 1. Januar  2008  unterstehe  der  Familiennachzug  von  Flüchtlingen  und  allen  anderen  vorläufig aufgenommenen Personen den gleichen Bestimmungen (Art. 85  Abs.  7  AuG).  Die  dreijährige  Karenzfrist  für  den  Familiennachzug  vorläufig  aufgenommener  Flüchtlinge  sei  von  der  Verordnungsstufe  auf  Gesetzesstufe gehoben worden. Die neue Bestimmung sei verfassungs­  und/oder  völkerrechtswidrig,  wobei  insbesondere  das  Recht  auf  Familienleben und die Rechtsgleichheit betroffen seien. Eventuell sei die  Sache  zur  Behandlung  als  Asylgesuch  aus  dem  Ausland  an  die  Vorinstanz  zurückzuweisen,  zumal  die  Beschwerdeführerin  und  die  drei  jüngsten Kinder  seit Ende Oktober  2010  im Heimatland  inhaftiert  seien.

E­8252/2010 4.  4.1.  Das  Bundesverwaltungsgericht  hat  in  BVGE  2007/19  festgestellt,  dass  das  Familiennachzugsgesuch  eines  vorläufig  aufgenommenen  Flüchtlings, mit dem unter anderem eine persönliche Gefährdung der sich  im Ausland befindenden, nachzuziehenden Familienangehörigen geltend  gemacht  wird,  nach  Treu  und  Glauben  auch  als  Asylgesuch  aus  dem  Ausland  im  Sinn  von  Art.  20  Abs.  2  und  3  AsylG  zu  verstehen  ist  und  dass  die  Prüfung,  ob  ein  Gesuchsteller  die  Flüchtlingseigenschaft  originär,  aufgrund  einer  eigenen  persönlichen  Gefährdung,  erfüllt,  der  Prüfung  eines  allfälligen  derivativen  Anspruchs  auf  Anerkennung  als  Flüchtling vorgeht. Ein derivativer Einbezug von Familienangehörigen und  eingetragenen  Partnern  in  die  vorläufige  Aufnahme  von  vorläufig  aufgenommenen  Flüchtlingen  erfolgt  demnach  erst,  wenn  zuvor  festgestellt  wurde,  dass  die  einzubeziehende  Person  die  Flüchtlingseigenschaft nicht selbstständig nach Art. 3 AsylG erfüllt. 4.2. Entgegen  der  in  der  Beschwerde  vertretenen  Auffassung  kann  bei  geltend gemachter Gefährdung der Angehörigen im Heimatland demnach  nicht  zunächst  das  Familiennachzugsverfahren  und  erst  eventuell  (respektive nach negativen Abschluss des ersteren) das Verfahren eines  Asylgesuchs aus dem Ausland durchgeführt werden. Die Reihenfolge ist  vielmehr gerade umgekehrt; dies steht im Übrigen auch im Interesse der  betroffenen  Ausländerinnen  und  Ausländer,  nachdem  das  Auslandverfahren  die  Möglichkeit  einer  Asylgewährung  (unter  Anerkennung  der  originären  Flüchtlingseigenschaft)  bietet,  während  auf  dem Weg über Art.  85 Abs. 7 AuG bestenfalls  die  vorläufige Aufnahme  und die  derivative Flüchtlingseigenschaft  zu  erreichen wäre. Art.  37  der  Asylverordnung 1 vom 11. August 1999 über Verfahrensfragen  (AsylV 1,  SR  142.311)  hält  denn  auch  fest,  dass  der  Prüfung  eines  allfälligen  derivativen Anspruchs auf Anerkennung als Flüchtling  stets  die Prüfung  der  originären  Flüchtlingseigenschaft,  also  einer  persönlichen  Gefährdung nach Art. 3 AsylG, vorzugehen hat (vgl. auch Art. 74 Abs. 5  Satz 2 der Verordnung vom 24. Oktober 2007 über Zulassung, Aufenthalt  und Erwerbstätigkeit [VZAE, SR 142.201]). 4.3.  Vorliegend  war  die  Eingabe  der  Beschwerdeführenden  vom  15.  Oktober  2010  zwar  als  "Gesuch  um  Familienzusammenführung"  und  nicht  explizit  als  "Asylgesuch"  bezeichnet worden.  Aus  der  Begründung  dieses Gesuchs geht aber hervor, dass die Beschwerdeführerin mit den  Kindern  schon  einmal  in  den  Sudan  zu  fliehen  versucht,  aufgrund  der  grossen Gefahr  jedoch  habe  umkehren müssen.  Somit  war  bereits  das 

E­8252/2010 Gesuch nicht  primär mit  dem Umstand begründet,  dass es  sich bei  der  Beschwerdeführerin um die Ehefrau des Beschwerdeführers handle.  In  der  Beschwerde  wurde  zudem  ergänzend  ausgeführt,  bei  einem  weiteren  Fluchtversuch  seien  die  Beschwerdeführerin  und  die  Kinder  verhaftet und sie und die drei Jüngsten seien seither inhaftiert. 4.4. Obwohl in der Beschwerde ausdrücklich ausgeführt wurde, dass die  Eingabe  (eventualiter)  als  Asylgesuch  aus  dem  Ausland  zu  prüfen  sei,  und  die  Vorinstanz  in  diesem  Zusammenhang  zur  Stellungnahme  eingeladen  wurde,  ging  das  BFM  in  der  Vernehmlassung  vom  13.  Dezember  2010 mit  keinem Wort  auf  diese  Frage  ein  und  beschränkte  sich darauf, letztlich ohne Begründung die Abweisung der Beschwerde zu  beantragen.  4.5. Art. 18 AsylG definiert, dass jede Äusserung, mit der eine Person zu  erkennen  gibt,  dass  sie  die  Schweiz  um  Schutz  vor  Verfolgung  nachsucht,  als  Asylgesuch  zu  gelten  hat.  Vorliegend  haben  die  Beschwerdeführenden – unabhängig von der Bezeichnung ihres Gesuchs  wie auch von der Tatsache, dass dieses nicht bei einer schweizerischen  Vertretung,  sondern  direkt  beim  BFM  eingereicht  wurde  (vgl.  Entscheidungen  und  Mitteilungen  der  Schweizerischen  Asylrekurskommission  [EMARK]  1995  Nr.  15  E.  2b  S.  129)  –  für  die  Beschwerdeführerin und die Kinder um Schutz vor Verfolgung  in Eritrea  ersucht und damit ein Asylgesuch aus dem Ausland gestellt. 4.6. Die  Beschwerde  ist  damit  gutzuheissen,  soweit  die  Aufhebung  der  angefochtenen Verfügung beantragt wird. Die Akten sind der Vorinstanz  zur Prüfung der Eingabe vom 15. Oktober 2010 als Asylgesuch aus dem  Ausland zu überweisen.  Dabei wird das BFM gemäss Art. 20 Abs. 2 und 3 AsylG zu prüfen haben,  ob  die  Asylsuchenden  eine  unmittelbare  Gefahr  für  Leib,  Leben  oder  Freiheit  aus  einem Grund  nach  Art.  3  Abs.  1  AsylG  glaubhaft  machen  können und ob ein weiterer Aufenthalt im Wohnsitz­ oder Aufenthaltsstaat  für  die  Dauer  der  näheren  Abklärung  des  Sachverhalts  zumutbar  erscheint.  5. 

E­8252/2010 5.1.  Beim  vorliegenden  Verfahrensausgang  sind  keine  Kosten  aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 und 2 VwVG). Das Gesuch um Gewährung  der unentgeltlichen Rechtspflege erweist sich somit als gegenstandslos. 5.2.  Den  Beschwerdeführenden  ist  angesichts  ihres  prozessualen  Obsiegens  eine  Entschädigung  für  die  ihnen  notwendigerweise  erwachsenen Parteikosten zuzusprechen (Art. 64 As. 1 VwVG sowie Art.  16 Abs. 1 Bst. a VGG und Art. 7 Abs. 1, Art. 8 und Art. 9 des Reglements  vom  21. Februar  2008  über  die  Kosten  und  Entschädigungen  vor  dem  Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]). Die von ihrer Rechtsvertreterin eingereichte Kostennote erscheint als den  Verfahrensumständen  angemessen.  Die  vom  BFM  zu  entrichtende  Parteientschädigung wird demnach auf Fr.  1'599.45  (inkl. Auslagen und  Mehrwertsteuer) festgelegt. (Dispositiv nächste Seite)

E­8252/2010 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1.  Die  Beschwerde  wird  insoweit  gutgeheissen  als  die  Aufhebung  der  angefochtenen Verfügung beantragt worden ist. 2.  Die  Verfügung  des  BFM  vom  28.  Oktober  2010  wird  aufgehoben.  Die  Akten werden der Vorinstanz zur Prüfung der Eingabe vom 15. Oktober  2010 als Asylgesuch aus dem Ausland überwiesen. 3.  Es werden keine Verfahrenskosten erhoben. 4.  Das  BFM  wird  angewiesen,  den  Beschwerdeführenden  für  das  Rechtsmittelverfahren  eine  Parteientschädigung  von  Fr.  1'599.45  zu  entrichten. 5.  Dieses  Urteil  geht  an  die  Beschwerdeführenden,  das  BFM  und  die  kantonale Migrationsbehörde. Der vorsitzende Richter: Die Gerichtsschreiberin: Markus König Karin Maeder­Steiner Versand: