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Bundesverwaltungsgericht 25.10.2011 E-759/2011

25. Oktober 2011·Deutsch·CH·CH_BVGE·PDF·1,252 Wörter·~6 min·1

Zusammenfassung

Zuweisung der Asylsuchenden an die Kantone | Zuweisung der Asylsuchenden an die Kantone; Verfügung des BFM vom 9. Dezember 2010

Volltext

Bundesve rwa l t ungsge r i ch t T r i buna l   adm in istratif   f édé ra l T r i buna l e   ammin istrati vo   f ede ra l e T r i buna l   adm in istrativ   f ede ra l     Abteilung V E­759/2011 Urteil   v om   2 5 .   O k t ob e r   2011 Besetzung Richterin Gabriela Freihofer (Vorsitz), Richter Robert Galliker, Richterin Emilia Antonioni,    Gerichtsschreiber Simon Thurnheer. Parteien A._______, geboren am (…), Sri Lanka,   vertreten durch Dr. iur. Helena Hess, Rechtsanwältin, (…), Beschwerdeführerin,  gegen Bundesamt für Migration (BFM),  Quellenweg 6, 3003 Bern,    Vorinstanz.  Gegenstand Zuweisung der Asylsuchenden an die Kantone; Verfügung  des BFM vom 9. Dezember 2010 / N (…).

E­759/2011 Sachverhalt: A.  Die  Beschwerdeführerin  reiste  eigenen  Angaben  zufolge  am  26.  April  1995  in die Schweiz ein, wo sie gleichentags um Asyl nachsuchte. Das  damalige  Bundesamt  für  Flüchtlinge  (BFF)  wies  das  Asylgesuch  mit  Verfügung vom 30. April  1998 ab und ordnete die Wegweisung aus der  Schweiz an. Mit dem Vollzug der Wegweisung beauftragte es den Kanton  B._______. B.  Die mit  Eingabe  vom  4.  Juni  1998  bei  der  damaligen  Schweizerischen  Asylrekurskommission  (ARK) dagegen erhobene Beschwerde wurde mit  Entscheid  vom  21.  Januar  2002  im  Vollzugspunkt  gutgeheissen,  im  übrigen  aber  abgewiesen. Mit  Verfügung  vom 28.  Januar  2002  ordnete  das BFM die vorläufige Aufnahme an und  teilte die Beschwerdeführerin  dem Kanton B._______ zu. Diese Verfügung erwuchs unangefochten  in  Rechtskraft. C.  Mit Eingabe  vom 14.  Januar  2010  beim Amt  für Migration  des Kantons  C._______  ersuchte  die  Beschwerdeführerin  um  Bewilligung  der  Wohnsitznahme in jenem Kanton. Zuständigkeitshalber  leitete  jenes Amt  das Gesuch um Kantonswechsel mit Schreiben vom 20. Januar 2010 ans  nunmehr  zuständige  BFM  weiter.  Gleichzeitig  teilte  es  dem  BFM  mit,  dass  es  das  Gesuch  ablehne.  Der  Beschwerdeführerin  wurde  mit  Schreiben des BFM vom 16. Januar 2010 im Rahmen der Wahrung des  rechtlichen  Gehörs  Gelegenheit  zur  Stellungnahme  eingeräumt;  die  Beschwerdeführerin liess sich innert Frist nicht vernehmen.  Mit  Verfügung  vom  19.  März  2010  verneinte  das  BFM  das  Vorliegen  eines  Anspruchs  auf  Einheit  der  Familie  und  wies  das  Gesuch  um  Kantonswechsel  mit  Blick  auf  die  ablehnende  Haltung  des  Kantons  C._______ ab. Die Verfügung erwuchs unangefochten in Rechtskraft. D.  Mit  Eingabe  vom  28.  September  2010  stellte  die  Beschwerdeführerin  beim  BFM  ein  Gesuch  um  Bewilligung  der  Wohnsitznahme  im  Kanton  C._______.  Dabei  machte  sie  im  Wesentlichen  geltend,  ihre  in  D._______  wohnhafte  Schwester  sei  (…)  krank  und  bedürfe  intensiver  Betreuung und Pflege durch die Beschwerdeführerin, welche zu diesem  Zweck täglich von E._______ nach D._______ anreise. Mit der Verlegung 

E­759/2011 ihres  Wohnsitzes  in  den  Kanton  C._______  könne  sie  die  Reisezeit  beträchtlich  verkürzen  und  müsste  sich  nicht  die  zusätzliche  Belastung  der langen Anreise auf sich nehmen. E.  Das BFM unterbreitete das Gesuch um Kantonswechsel den betroffenen  Kantonen  B._______  und  C._______  mit  Schreiben  vom  21. Oktober  2010 zur Stellungnahme, wobei das Amt  für Migration C._______ seine  Zustimmung zum Kantonswechsel mit Schreiben  vom 25. Oktober  2010  verweigerte.  F.  Mit  Schreiben  vom  1.  November  2010  gewährte  das  BFM  der  Beschwerdeführerin  das  rechtliche  Gehör,  wobei  sie  sich  mit  Eingabe  ihrer Rechtsvertreterin vom 26. November 2010 dazu äusserte.  G.  Mit Verfügung vom 9. Dezember 2010 (eröffnet am 13. Dezember 2010)  wies das BFM das Gesuch der Beschwerdeführerin um Kantonswechsel  ab. Zur  Begründung  führte  das  Bundesamt  aus,  ein  Kantonswechsel  einer  vorläufig  aufgenommenen  Person  werde  mangels  Zustimmung  der  betroffenen Kantone einzig bei Anspruch auf Einheit der Familie oder bei  schwerwiegender Gefährdung verfügt. Auf den Anspruch auf Einheit der  Familie  könnten  sich  nur  Ehegatten  und  ihre  minderjährigen  Kinder,  (impliziter)  nicht  aber  volljährige  Geschwister  berufen.  Eine  ernsthafte  Gefährdung der Schwester der Beschwerdeführerin sei nicht gegeben, da  der  Beschwerdeführerin  die  tägliche  An­  und  Rückreise  von  und  nach  E._______  zuzumuten  sei,  zumal  ihr  auch  frei  stehe,  ihren  Wohnsitz  innerhalb  des  Kantons  B._______  näher  zu  D._______  zu  verlegen;  ausserdem  sei  die  Schwester  nicht  auf  die  Betreuung  durch  die  Beschwerdeführerin  angewiesen,  da  die  notwendige  Betreuung  grundsätzlich auch durch die (…) Klinik in F._______ erfolgen könne. H.  Die  Beschwerdeführerin  erhob  mit  Eingabe  ihrer  Rechtsvertreterin  vom  28. Januar 2011 beim Bundesverwaltungsgericht gegen die letztgenannte  Verfügung Beschwerde und beantragte, die angefochtene Verfügung sei  aufzuheben und dem Gesuch um Kantonswechsel sei stattzugeben. Zur 

E­759/2011 Begründung der Beschwerde wird,  soweit  für den Entscheid wesentlich,  auf die nachfolgenden Erwägungen verwiesen. I.  Das  Bundesverwaltungsgericht  forderte  die  Beschwerdeführerin  mit  Zwischenverfügung vom 22. August 2011 auf, zum Nachweis der geltend  gemachten Abhängigkeit ihrer Schwester ein aktuelles ärztliches Zeugnis  beizubringen,  das  eine  medizinische  Diagnose  enthalte  und  über  die  Pflegebedürftigkeit  Aufschluss  gebe,  insbesondere  auch  über  die  Pflegebedürftigkeit  in  zeitlicher  Hinsicht,  und  eine  Erklärung  über  die  Entbindung  der  oder  des  behandelnden  Ärztin  oder  Arztes  von  der  Schweigepflicht  gegenüber  den  Asylbehörden,  und  erhob  einen  Kostenvorschuss, welchen die Beschwerdeführerin am 26. August 2011  fristgerecht bezahlte. J.  Die Beschwerdeführerin  reichte mit Eingabe  ihrer Rechtsvertreterin vom  30.  September  2011,  nachdem  vom  Bundesverwaltungsgericht  einem  Gesuch  um  Fristverlängerung  stattgegeben  worden  war,  verschiedene  Dokumente zu den Akten: ­ einen ärztlichem Bericht vom 8. September 2011, ­ eine  Entbindungserklärung  (ärztliche  Schweigepflicht)  vom  28.  September 2011,  ­ einen  Vorbescheid  der  Schweizerischen  Invalidenversicherung  (IV)  betreffend Zusprache einer  Invalidenrente zu Gunsten der Schwester  der Beschwerdeführerin vom 21. September 2010,  ­ einen  Vorbescheid  der  IV  betreffend  Zusprache  einer  Hilflosenentschädigung  (mittlere  Hilflosigkeit)  zu  Gunsten  der  Schwester der Beschwerdeführerin vom 21. September 2010. ­ verschiedene Fahrplanauszüge.

E­759/2011 Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1.  1.1. Gemäss Art. 31 des Verwaltungsgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005  (VGG, SR 173.32) beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Beschwerden  gegen Verfügungen nach Art. 5 des Bundesgesetzes vom 20. Dezember  1968  über  das  Verwaltungsverfahren  (VwVG,  SR 172.021).  Das  BFM  gehört zu den Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz  des  Bundesverwaltungsgerichts.  Eine  das  Sachgebiet  betreffende  Ausnahme  im  Sinne  von  Art. 32  VGG  liegt  nicht  vor.  Das  Bundesverwaltungsgericht  ist  daher  zuständig  für  die  Beurteilung  der  vorliegenden  Beschwerde  und  entscheidet  über  Beschwerden  gegen  Verfügungen  des  BFM  betreffend  den  Kantonswechsel  einer  vorläufig  aufgenommenen Person endgültig (Art. 112 Abs. 1 des Bundesgesetzes  vom 16. Dezember  2005 über  die Ausländerinnen und Ausländer  [AuG,  SR 142.20]  i.V.m. Art. 83 Bst. c Ziff. 3 des Bundesgerichtsgesetzes vom  17. Juni 2005 [BGG, SR 173.110]). 1.2.  Die  Beschwerde  ist  frist­  und  formgerecht  eingereicht.  Die  Beschwerdeführerin hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen,  ist  durch  die  angefochtene  Verfügung  besonders  berührt  und  hat  ein  schutzwürdiges  Interesse  an  deren  Aufhebung  beziehungsweise  Änderung;  sie  ist  daher  zur  Einreichung  der  Beschwerde  legitimiert  (Art. 50 Abs. 1, Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 VwVG). Auf die Beschwerde  ist einzutreten. 2.  Mit  Beschwerde  kann  die  Verletzung  von  Bundesrecht,  die  unrichtige  oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts und  die Unangemessenheit gerügt werden (Art. 49 VwVG). 3.  Gemäss  Art. 85  Abs. 3  AuG  ist  das  Gesuch  um  Kantonswechsel  von  vorläufig  aufgenommenen  Personen  beim  BFM  einzureichen  Der  Kantonswechsel wird vom BFM nur bei Zustimmung beider Kantone, bei  Anspruch auf Einheit der Familie oder bei schwerwiegender Gefährdung  der  asylsuchenden  Person  oder  anderer  Personen  verfügt  (Art. 21  der 

E­759/2011 Verordnung  vom  11. August  1999  über  den  Vollzug  der  Weg­  und  Ausweisung  von  ausländischen  Personen  [VVWA,  SR  142.281]  i.V.m.  Art.  22  Abs.  2  der  Asylverordnung 1  vom  11. August  1999  über  Verfahrensfragen [AsylV 1, SR 142.311]). Nach  Anhörung  der  betroffenen  Kantone  entscheidet  das  BFM  grundsätzlich  endgültig.  Vorbehalten  bleibt  gemäss  Art. 85  Abs. 4  AuG  die Anfechtung dieses Entscheides mit der Begründung, er verletze den  Grundsatz der Einheit der Familie.  4. Die  Bestimmungen  von  Art.  85  Abs.  4  AuG  und  Art.  27  Abs.  3  des  Asylgesetzes  vom  26. Juni  1998  (AsylG,  SR  142.31),  wonach  der  Zuweisungsentscheid  beziehungsweise  ein  Entscheid  über  ein  Kantonswechselgesuch  nur  mit  der  Begründung  angefochten  werden  kann,  der  Grundsatz  der  Einheit  der  Familie  sei  verletzt,  haben  den  gleichen materiellen Inhalt, weshalb es sich rechtfertigt, die in Bezug auf  Art. 27 Abs. 3 AsylG entwickelte Rechtsprechung zu berücksichtigen.  Der von Art. 27 Abs. 3 AsylG erfasste Begriff der Familieneinheit orientiert  sich  am  grundsätzlich  im  Asylrecht  geltenden  Familienbegriff,  wonach  gemäss  Art.  1  Bst.  e  AsylV  1  in  erster  Linie  Ehegatten  und  deren  minderjährige  Kinder,  mithin  also  die  Kernfamilie,  als  Familie  zu  verstehen sind, wobei eingetragene Partnerinnen und Partner sowie die  in  dauernder  eheähnlicher  Gemeinschaft  lebenden  Personen  den  Ehegatten gleichgestellt sind. Über die Kernfamilie hinausgehend umfasst  der Familienbegriff  gemäss Art.  51 Abs.  2 AsylG  i.V.m. Art.  38 AsylV 1  auch  andere  nahe Angehörige, wenn  sie  eine Behinderung  haben  oder  aus einem anderen Grund auf die Hilfe einer Person, die in der Schweiz  lebt,  angewiesen  sind  (vgl.  Entscheidungen  und  Mitteilungen  der  Schweizerischen Asylrekurskommission [EMARK] 1995 Nr. 24). Nach der  Rechtsprechung der ARK ist darunter –  im Rahmen des Familienasyls –  eine Person zu verstehen, welche der Unterstützung bedarf, die durch ein  in  der  Schweiz  lebendes  (asylberechtigtes)  Familienmitglied  und  nicht  durch die Schweizer Behörden oder  durch Dritte  zu erbringen  ist. Dazu  wird  ein  besonderes  Engagement  des  in  der  Schweiz  lebenden  Angehörigen verlangt,  indem dieser seine verwandte Person nicht bloss  finanziell  oder  moralisch  unterstützt,  sondern  sich  persönlich  um  sie  kümmert (vgl. EMARK 2000 Nr. 21 E. 6c S. 200 f., EMARK 2001 Nr. 24  E. 3 S. 191 f.). 

E­759/2011 In  BVGE  2008/47  vom  10.  November  2008  kam  das  Bundesverwaltungsgericht  im Ergebnis zum Schluss, dass die Berufung  auf  den Grundsatz  der Einheit  der Familie  im Sinne  von Art.  27 Abs.  3  letzter  Satz  AsylG  entweder  die  Anwesenheit  eines  Angehörigen  der  Kernfamilie der asylsuchenden Person oder – so dies nicht der Fall  ist –  ein  Abhängigkeitsverhältnis  gemäss  Rechtsprechung  zu  Art.  8  der  Konvention  vom  4. November  1950  zum  Schutze  der  Menschenrechte  und Grundfreiheiten  (EMRK, SR 0.101) beziehungsweise Art. 51 Abs. 2  AsylG voraussetzt. Gemäss  der  erklärten  Absicht  des  Gesetzgebers  dient  die  mit  Art.  27  Abs.  3  letzter  Satz  AsylG  eingeführte  Beschwerde  dazu,  der  völkerrechtlichen  Verpflichtung  der  Schweiz  aus  Art.  8  und  13  EMRK  Rechnung zu  tragen. Daher  ist gemäss BVGE 2008/47 E. 4.1.1 bei der  Feststellung des Schutzgehalts von Art. 27 Abs. 3 letzter Satz AsylG die  Rechtsprechung,  insbesondere  diejenige  des  Bundesgerichts  und  der  Strassburger  Organe,  zu  Art.  8  EMRK  zu  berücksichtigen,  wobei  der  Familienbegriff von Art. 27 Abs. 3  letzter Satz AsylG nicht weitergeht als  derjenige von Art. 8 EMRK. Auf den Schutz von Art. 8 EMRK können sich neben den Mitgliedern der  Kernfamilie (siehe dazu oben stehende Erwägungen) auch weitere nahe  Angehörige  (wie etwa solche betreffend das Verhältnis von Onkel/Tante  und  Neffe/Nichte,  von  Grosseltern  und  Enkeln  oder  unter  volljährigen  Geschwistern)  berufen,  sofern  eine  nahe,  echte  und  tatsächlich  gelebte  Beziehung unter ihnen besteht (vgl. BVGE 2008/47 E. 4.1.1 mit weiteren  Hinweisen). Gemäss bundesgerichtlicher Rechtsprechung setzt eine über  die  eigentliche  Kernfamilie  hinaus  gehende  schützenswerte  verwandtschaftliche Beziehung  voraus,  dass  zwischen diesen Personen  ein  besonderes  Abhängigkeitsverhältnis  besteht  (vgl.  Urteil  des  Schweizerischen Bundesgerichts vom 24. Oktober 2002 [2A.145/2002]E.  3.2 ­ 3.5, BGE 129 II 11 E. 2 S. 14, BGE 120 Ib 257 E. 1d­f S. 260, BGE  115 Ib 5 E. 2c).  Die Abhängigkeit eines Menschen von einem andern steht im Gegensatz  zu seiner erlangten Selbständigkeit. Sie kann sich unabhängig vom Alter  namentlich aus besonderen Betreuungs­ oder Pflegebedürfnissen wie bei  körperlichen  oder  geistigen  Behinderungen  und  schwerwiegenden  Krankheiten  ergeben  (vgl.  BGE  115  Ib  1).  Liegen  keine  solchen  Umstände  vor,  hängt  sie  regelmässig  vom  Alter  beziehungsweise  Entwicklungsstand der betreffenden Person ab. 

E­759/2011 Vorliegend  ist  zu  prüfen,  ob  die  in  D._______  lebende  Frau  auf  eine  Weise von der Beschwerdeführerin abhängig  ist, dass ein Anspruch auf  eine  Zuweisung  der  Beschwerdeführerin  an  den  Kanton  C._______  im  Sinne des Schutzes der Einheit der Familie besteht. 5. Die  Vorinstanz  anerkennt,  dass  die  Schwester  der  Beschwerdeführerin  (…) schwer krank und pflegebedürftig ist, deren Ehemann, da er Vollzeit  arbeitet,  nicht  imstande  ist,  diese  Betreuung  zu  verrichten,  und  die  Beschwerdeführerin  täglich  und  ganztägig  ihre  Schwester  betreut.  Das  BFM führt aus, die  tägliche An­ und Rückfahrt von und nach E._______  sei ihr zumutbar; ausserdem sei ihre Schwester nicht auf ihre Betreuung  zwingend  angewiesen,  da  sie  in  der  (…)  Klinik  F._______  behandelt  werden  könnte.  Damit  verneint  es  eine  besondere  Gefährdung  der  Schwester der Beschwerdeführerin, was gemäss Art. 85 Abs. 4 AuG nicht  Gegenstand  der  Beschwerde  bildet.  Den  Anspruch  auf  Einheit  der  Familie prüft das BFM ungenügend und verkennt insbesondere, dass der  Schutzgehalt  des  Anspruchs  auf  Einheit  der  Familie  unter  den  oben  genannten Umständen über die Kernfamilie hinausreicht. Es unterlässt zu  prüfen,  ob  diese  Umstände  gegeben  sind,  insbesondere  ob  unter  den  Geschwistern eine nahe, enge und tatsächlich gelebte Beziehung und ein  anspruchsbegründendes Abhängigkeitsverhältnis besteht.   6. Aus  den Beweisdokumenten  (u.  a.  ärztlicher Bericht  vom 8. September  2011,  Vorbescheide  IV)  geht  hervor,  dass  die  Schwester  der  Beschwerdeführerin  (…)  schwer  krank  ist  und der  intensiven Betreuung  und  Pflege  bedarf,  was  von  der  Vorinstanz  nicht  bestritten  wird.  Die  Beschwerdeführerin  bringt  vor,  sie  pflege  und  betreue  ihre  Schwester  täglich  und  ganztägig  (frühmorgens  bis  abends).  Die  eingereichten  Beweisdokumente  weisen  zwar  auf  keinen  so  intensiven  Pflege­  und  Betreuungsbedarf,  wie  in  der  Beschwerdeschrift  behauptet  wird,  hin,  wonach  die  Schwester  der  Beschwerdeführerin  einer  lückenlosen  Betreuung rund um die Uhr bedürfe und eine Betreuungslücke von einer  bis  zwei  Stunden  zwischen  der  Fahrt  des  Schwagers  zu  seiner  Arbeitsstelle und der Ankunft der Beschwerdeführerin bei ihrer Schwester  eine  Gefährdung  darstelle.  Die  Beweisdokumente  vermögen  das  Bundesverwaltungsgericht  jedoch  von  der  intensiven  Pflege­  und  Betreuungsbedürftigkeit  der  Schwester  der  Beschwerdeführerin  zu  überzeugen.  Dem  ärztlichen  Bericht  vom  8. September  2011  ist  zu  entnehmen, dass die Betreuung durch die Beschwerdeführerin (…) einer 

E­759/2011 Fremdbetreuung oder einer Behandlung in der (…) Klinik vorzuziehen ist.  Damit  liegt ein nach Art.  8 EMRK beziehungsweise Art.  85 Abs. 4 AuG  relevantes Abhängigkeitsverhältnis zwischen der Beschwerdeführerin und  ihrer  Schwester  vor  (vgl.  Entscheid  des  Bundesverwaltungsgerichts  D­ 4027/2009 vom 4. September 2009). Auf Grund der intensiven Pflege und  Betreuung,  welche  die  Beschwerdeführerin  erbringt,  ist  vorliegend   von  einer nahen, engen und tatsächlich gelebten Beziehung auszugehen. Die  Einwände  des  BFM,  das  tägliche  Pendeln  aus  dem  Kanton  B._______ nach D._______ sei zumutbar und grundsätzlich bestehe die  Möglichkeit einer Behandlung in der (…) Klinik F._______, tun nichts zur  Sache;  insbesondere  ändern  sie  nichts  daran,  dass  zwischen  der  Beschwerdeführerin  und  ihrer  Schwester  ein  Abhängigkeitsverhältnis  besteht, da jene in besonderem Masse auf Unterstützung angewiesen ist,  die  in  dieser  Form  nur  von  der  Beschwerdeführerin  erbracht  werden  kann,  so  dass  eine  Unterbringung  der  Beschwerdeführerin  im  Aufenthaltskanton ihrer Schwester angezeigt erscheint.  7. Zusammenfassend  ist  festzustellen,  dass  die  Verweigerung  der  Zuweisung  der  Beschwerdeführerin  an  den  Kanton  C._______  für  die  Dauer  der  vorläufigen  Aufnahme  das  Recht  auf  Einheit  der  Familie  verletzt.  Die  Beschwerde  ist  demnach  gutzuheissen,  die  angefochtene  Verfügung  aufzuheben  und  das  BFM  anzuweisen,  die  Beschwerdeführerin dem Kanton C._______ zuzuweisen. 8. Bei  diesem  Ausgang  des  Beschwerdeverfahrens  sind  keine  Verfahrenskosten  zu  erheben  (vgl.  Art.  63  Abs.  1  und  2  VwVG).  Der  geleistete Kostenvorschuss ist zurückzuerstatten. 9. Der  obsiegenden  Beschwerdeführerin  ist  zulasten  der  Vorinstanz  eine  Parteientschädigung  für  die  ihr  erwachsenen,  notwendigen  und  verhältnismässig hohen Kosten zuzusprechen (vgl. Art. 64 Abs. 1 VwVG  i.V.m. Art. 7 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und  Entschädigungen  vor  dem  Bundesverwaltungsgericht  [VGKE,  SR  173.320.2]. Die  Rechtsvertreterin  der  Beschwerdeführerin  hat  dem  Gericht  mit  der  Beschwerdeeingabe vom 28. Januar 2011 eine Honorarrechnung für den 

E­759/2011 Zeitraum  vom  17.  November  2010  bis  28.  Januar  2011  im  Betrag  von  insgesamt  Fr.  1'080.85  eingereicht.  Da  allfällige  Kosten  erst  ab  13.  Dezember  2010  (Zeitpunkt  der  Eröffnung  der  Verfügung)  zu  erstatten  sind  und  in  Anbetracht  der  nach  der  Erstellung  der  Honorarrechnung  getätigten  Eingabe  vom  30. September  2011  erscheint  unter  Berücksichtigung  der  massgebenden  Berechnungsfaktoren  (Art.  7­13  VGKE) eine Parteientschädigung von Fr. 1'200.­ (inkl. aller Auslagen) als  angemessen. Dieser Betrag  ist  der Beschwerdeführerin  durch das BFM  zu entrichten. (Dispositiv nächste Seite)

E­759/2011 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1.  Die Beschwerde wird gutgeheissen.  2.  Die Verfügung des BFM vom 9. Dezember  2010 wird  aufgehoben. Das  BFM  wird  angewiesen,  die  Beschwerdeführerin  für  die  Dauer  der  vorläufigen Aufnahme dem Kanton C._______ zuzuweisen. 3.  Es  werden  keine  Verfahrenskosten  erhoben.  Der  geleistete  Kostenvorschuss wird zurückerstattet. 4.  Das  BFM  wird  angewiesen,  der  Beschwerdeführerin  eine  Parteientschädigung im Betrag von Fr. 1'200.­ auszurichten. 5.  Dieses  Urteil  geht  an  die  Beschwerdeführerin,  das  BFM  und  die  zuständige kantonale Behörde. Die vorsitzende Richterin: Der Gerichtsschreiber: Gabriela Freihofer Simon Thurnheer

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