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Bundesverwaltungsgericht 03.08.2011 E-7452/2008

3. August 2011·Deutsch·CH·CH_BVGE·PDF·1,729 Wörter·~9 min·1

Zusammenfassung

Asyl (ohne Wegweisung) | Asyl (ohne Wegweisung); Verfügung des BFM vom 23. Oktober 2008

Volltext

Bundesve rwa l t ungsge r i ch t T r i buna l   adm in istratif   f édé ra l T r i buna l e   ammin istrati vo   f ede ra l e T r i buna l   adm in istrativ   f ede ra l Abteilung V E­7452/2008 Urteil   v om   3 .   Augus t   2011 Besetzung Richter Walter Stöckli (Vorsitz),  Richter Walter Lang, Richter Maurice Brodard, Gerichtsschreiber Tobias Meyer. Parteien A._______, geboren (…), und ihre Töchter B._______,  geboren (…), und C._______, geboren (…), alle Eritrea,  alle vertreten durch Daniel Habte, Beschwerdeführende,  gegen Bundesamt für Migration (BFM), Quellenweg 6, 3003 Bern,    Vorinstanz.  Gegenstand Asyl und Flüchtlingseigenschaft;  Verfügung des BFM vom 23. Oktober 2008 / N (…).

E­7452/2008 Sachverhalt: A.  Die  Beschwerdeführenden,  die  der  Ethnie  der  Tigriner  angehören,  verliessen nach eigenen Angaben ihr Heimatland Eritrea am 3. November  2006  Richtung  Sudan,  wo  sie  ihren  Ehemann  respektive  Vater  trafen.  Von dort gelangten sie drei Monate später per Flugzeug über Jemen und  einen ihnen unbekannten Ort in die Schweiz, wo sie am 30. Januar 2007  eintrafen und gleichentags um Asyl nachsuchten. B.  Die  Mutter  (nachfolgend:  die  Beschwerdeführerin)  wurde  am  12. Dezember  2007  im Empfangs­  und Verfahrenszentrum  (EVZ)  Basel  summarisch  befragt  (Protokoll:  A2)  und  am  23. Oktober  2008  in  Bern  ausführlich  zu  ihren Asylgründen  angehört  (Protokoll:  A11).  Sie  brachte  im Wesentlichen  vor,  der  Grund  ihrer  Ausreise  sei  religiöser  Natur.  Ihr  Ehemann, den sie 1994 geheiratet habe, sei Mitglied einer Pfingstkirche.  Sie  sei  dieser  Kirche  2004  beigetreten  und  im September  2005  getauft  worden. Nachdem die Kirchen  in Eritrea geschlossen worden seien,  sei  sie  am  1. Januar  2006  mit  rund  zwanzig  weiteren  Personen  festgenommen  worden,  als  sie  in  einem  privaten  Haus  gebetet  hätten.  Sie sei während zehn Tagen festgehalten worden. Am 2. Juli 2006 sei sie  erneut  festgenommen  worden,  ebenso  ihr  Ehemann.  Sie  seien  in  verschiedene  Gefängnisse  gekommen;  die  Kinder  seien  in  der  Obhut  einer  Nachbarin  geblieben.  Bevor  Letztere  ins  Ausland  gegangen  sei,  habe sie der Zonenverwaltung mitgeteilt, sie könne sich nicht weiter um  die  Kinder  kümmern.  Die  Beschwerdeführerin  sei  daraufhin  mit  einer  Verwarnung  freigelassen  worden,  habe  aber  unterschriftlich  bestätigen  müssen, nichts mehr  im Zusammenhang mit der Bibel zu  tun zu haben.  Ihr Mann sei nach seiner Freilassung  in den Sudan geflüchtet, habe sie  später nachkommen lassen und habe ihre Ausreise organisiert. Seit etwa  April 2007 habe sie keinen Kontakt mehr mit ihm. C.  Mit Verfügung  vom 23. Oktober  2008  –  eröffnet  am 24. Oktober  2008 –  stellte  das  BFM  fest,  die  Beschwerdeführenden  erfüllten  die  Flüchtlingseigenschaft nicht,  lehnte die Asylgesuche ab, wies sie aus der  Schweiz  weg  und  verfügte  die  vorläufige  Aufnahme  wegen  Unzumutbarkeit  des  Wegweisungsvollzug.  Zur  Begründung  der  Ablehnung  des  Asylgesuchs  führte  es  aus,  die  Vorbringen  seien 

E­7452/2008 durchwegs  unsubstantiiert,  widersprüchlich  und  unglaubhaft,  womit  die  Asylrelevanz nicht geprüft werden müsse. D.  Mit  Eingabe  vom  20. November  2008  (Poststempel)  erhoben  die  Beschwerdeführenden beim Bundesverwaltungsgericht Beschwerde und  beantragten,  die  Verfügung  des  BFM  sei  aufzuheben,  ihre  Flüchtlingseigenschaft  sei  anzuerkennen  und  ihnen  sei  Asyl  zu  gewähren. Eventualiter sei die Unzulässigkeit des Wegweisungsvollzugs  festzustellen.  In  verfahrensrechtlicher  Hinsicht  beantragten  sie  die  Gewährung  der  unentgeltlichen  Prozessführung  und  den  Verzicht  auf  Erhebung eines Kostenvorschusses. Mit  der  Beschwerde  gaben  die  Beschwerdeführenden  folgende  Beweismittel  zu  den  Akten:  ein  Internetausdruck  mit  Informationen  zur  Pfingstgemeinde, Bestätigungen ihrer Mitgliedschaft und Mitarbeit in zwei  christlichen  Freikirchen  in  der  Schweiz,  ein  Ausschnitt  aus  dem  Jahresbericht  2007  von  Amnesty  International  betreffend  Eritrea,  ein  "Formular  Desertion  und  illegaler  Grenzübertritt"  einer  eritreischen  Behörde (inkl. Übersetzung),  ihre Taufurkunde, ein Foto  ihrer Taufe und  zwei DVDs mit Aufnahmen, die sie beim Beten  im Kreise  ihrer Kirche  in  der Schweiz zeigen. E.  Mit  Verfügung  vom  27. November  2008  gewährte  der  zuständige  Instruktionsrichter  des  Bundesverwaltungsgerichts  die  unentgeltliche  Prozessführung,  verzichtete auf  die Erhebung eines Kostenvorschusses  und lud gleichzeitig das BFM zur Vernehmlassung ein. E.a.  In  seiner  Stellungnahme  vom  28. November  2008  führte  das  BFM  aus, die Beschwerdeschrift enthalte keine neuen erheblichen Tatsachen  oder Beweismittel, die eine Änderung seines Standpunktes  rechtfertigen  könnten, und beantragte Abweisung der Beschwerde. Es bezeichnete die  Aussagen der Beschwerdeführerin als durchwegs klar unsubstantiiert und  damit  unglaubhaft,  sowohl was  ihr  religiöses Engagement,  als  auch  die  beiden  Haftaufenthalte  und  insbesondere  die  illegale  Ausreise  betreffe.  Daran könnten auch die eingereichten Beweismittel nichts ändern, zumal  den Bestätigungsschreiben wenig Beweiswert zukomme. E.b.  Mit Eingabe vom 14. Januar 2009 führten die Beschwerdeführenden  aus, es sei nicht zulässig, dass das BFM den eingereichten Beweismittel 

E­7452/2008 pauschal jeglichen Beweiswert abspreche, zumal die Beschwerdeführerin  ihrer  Mitwirkungspflicht  mit  deren  Einreichung  vollumfänglich  nachgekommen  sei  und  ihre  Vorbringen  glaubhaft  gemacht  habe.  Das  vom BFM  zur  Anwendung  gebrachte  Beweismass  sei  unzulässig  hoch,  genüge doch im Asylverfahren die Glaubhaftmachung.  Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1.  1.1. Gemäss Art. 31 des Verwaltungsgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005  (VGG, SR 173.32) beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Beschwerden  gegen Verfügungen nach Art. 5 des Bundesgesetzes vom 20. Dezember  1968  über  das  Verwaltungsverfahren  (VwVG,  SR 172.021).  Das  BFM  gehört zu den Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz  des  Bundesverwaltungsgerichts.  Eine  das  Sachgebiet  betreffende  Ausnahme  im  Sinne  von  Art. 32  VGG  liegt  nicht  vor.  Das  Bundesverwaltungsgericht  ist  daher  zuständig  für  die  Beurteilung  der  vorliegenden  Beschwerde  und  entscheidet  auf  dem  Gebiet  des  Asyls  endgültig,  ausser  bei  Vorliegen  eines  Auslieferungsersuchens  des  Staates, vor dem die beschwerdeführende Person Schutz sucht (Art. 105  des  Asylgesetzes  vom  26. Juni  1998  [AsylG,  SR 142.31];  Art. 83  Bst. d  Ziff. 1  des  Bundesgerichtsgesetzes  vom  17. Juni  2005  [BGG,  SR 173.110]). Das  Verfahren  richtet  sich  nach  dem  VwVG,  soweit  das  VGG  nichts  anderes bestimmt (Art. 37 VGG). 1.2.  Die  Beschwerde  ist  frist­  und  formgerecht  eingereicht.  Die  Beschwerdeführenden  haben  am  Verfahren  vor  der  Vorinstanz  teilgenommen, sind durch die angefochtene Verfügung besonders berührt  und  haben  ein  schutzwürdiges  Interesse  an  deren  Aufhebung  beziehungsweise  Änderung;  sie  sind  daher  zur  Einreichung  der  Beschwerde legitimiert (Art. 105 und Art. 108 Abs. 1 AsylG, Art. 48 Abs. 1  sowie Art. 52 VwVG). Auf die Beschwerde ist einzutreten. 2.  Mit  Beschwerde  kann  die  Verletzung  von  Bundesrecht,  die  unrichtige  oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts und  die Unangemessenheit gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG). 3.  Gemäss  Art. 2  Abs. 1  AsylG  gewährt  die  Schweiz  Flüchtlingen 

E­7452/2008 grundsätzlich  Asyl.  Flüchtlinge  sind  Personen,  die  in  ihrem Heimatstaat  oder  im Land,  in dem sie zuletzt wohnten, wegen  ihrer Rasse, Religion,  Nationalität,  Zugehörigkeit  zu  einer  bestimmten  sozialen  Gruppe  oder  wegen ihrer politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt  sind  oder  begründete  Furcht  haben,  solchen  Nachteilen  ausgesetzt  zu  werden. Als  ernsthafte Nachteile  gelten  namentlich  die Gefährdung  des  Leibes,  des  Lebens  oder  der  Freiheit  sowie  Massnahmen,  die  einen  unerträglichen  psychischen  Druck  bewirken;  frauenspezifischen  Fluchtgründen ist Rechnung zu tragen (Art. 3 AsylG). Flüchtlingen wird unter anderem dann nicht Asyl gewährt, wenn sie erst  durch  ihre  Ausreise  aus  dem  Heimat­  oder  Herkunftsstaat  oder  wegen  ihres Verhaltens nach der Ausreise zu Flüchtlingen  im Sinne von Art.  3  AsylG wurden (subjektive Nachfluchtgründe nach Art. 54 AsylG). 4.  4.1. Das BFM begründet die Abweisung des Asylgesuchs damit, dass die  Aussagen  der  Beschwerdeführerin  durchwegs  unsubstantiiert  und  widersprüchlich  seien.  Insbesondere  seien  ihre  Aussagen  zu  den  Haftumständen  extrem  knapp,  ihre  Begründung  und  Motivation,  der  Pfingstgemeinde  beizutreten,  seien  unsubstantiiert,  ebenso  die  Schilderung  der  Umstände  der  Festnahmen.  Schliesslich  habe  sich  die  Beschwerdeführerin  in  der  Befragung  zur  Person  und  in  der  Anhörung  widersprüchlich  bezüglich  der  Bedingungen  geäussert,  unter  denen  sie  aus der zweimonatigen Haft entlassen worden sei. 4.2. Die  Beschwerdeführerin  bringt  demgegenüber  in  ihrer  Beschwerde  vor,  sie  habe alle  gestellten Fragen genau und ausführlich  beantwortet.  Fragen,  die  ihr  nicht  gestellt  worden  seien,  hätte  sie  jedoch  nicht  beantworten  können.  Zu  ihrer  Inhaftierung  habe  sie  klare,  widerspruchsfreie  und  schlüssige  Angaben  gemacht.  Der  angebliche  Widerspruch  bezüglich  der  Bedingungen  ihrer  Freilassung  sei  in  Anbetracht  der  entsprechenden Passagen  in  den Protokollen  unhaltbar.  Die  eingereichten  Beweismittel  belegten  die  Zugehörigkeit  zur  Pfingstgemeinde  zur  Genüge.  Ihre  Vorbringen  bezüglich  der  Verfolgungshandlungen,  denen  sie  in  Eritrea  ausgesetzt  gewesen  sei,  deckten  sich  mit  den  Lageberichten  zahlreicher  Menschenrechtsorganisationen und seien deshalb glaubhaft. 5. 

E­7452/2008 5.1. Die Flüchtlingseigenschaft ist dann nachzuweisen, wenn der Beweis  möglich  ist.  Da  die  Asylsuchenden  oft  den  strikten  Beweis  über  Sachverhalte  bezüglich  ihrer  Verfolgung  in  ihrem  Heimatland  nicht  erbringen können und sie sich in einem Beweisnotstand befinden, da es  sich  um  Ereignisse  handelt,  die  den  Gesetzen  ihrer  Herkunftsstaaten  widersprechen, meist nicht dokumentiert sind und keine Kooperation der  heimischen Amtsstellen zu erwarten ist, lässt das Gesetz das verminderte  Beweismass der Glaubhaftmachung zu (Art. 7 AsylG). Vorbringen sind dann glaubhaft, wenn sie genügend substantiiert, in sich  schlüssig und plausibel sind; sie dürfen sich nicht in vagen Schilderungen  erschöpfen  oder  den  Tatsachen  oder  der  allgemeinen  Erfahrung  widersprechen und sie dürfen nicht widersprüchlich sein oder der inneren  Logik  entbehren.  Darüber  hinaus  muss  die  asylsuchende  Person  persönlich glaubwürdig erscheinen, was insbesondere dann nicht der Fall  ist, wenn sie ihre Vorbringen auf gefälschte oder verfälschte Beweismittel  abstützt  (Art. 7  Abs. 3  AsylG),  wichtige  Tatsachen  unterdrückt  oder  bewusst  falsch  darstellt,  im  Laufe  des  Verfahrens  Vorbringen  auswechselt  oder  unbegründet  nachschiebt,  mangelndes  Interesse  am  Verfahren zeigt oder die nötige Mitwirkung verweigert. Glaubhaftmachung  bedeutet  –  im  Gegensatz  zum  strikten  Beweis  –  ein  reduziertes  Beweismass und lässt durchaus Raum für gewisse Einwände und Zweifel  an den Vorbringen des Beschwerdeführers. Eine Behauptung gilt bereits  als glaubhaft gemacht, wenn das Gericht von  ihrer Wahrheit nicht völlig  überzeugt  ist,  sie  aber  überwiegend  für  wahr  hält,  obwohl  nicht  alle  Zweifel  beseitigt  sind.  Für  die  Glaubhaftmachung  reicht  es  demgegenüber  nicht  aus, wenn  der  Inhalt  der Vorbringen  zwar möglich  ist,  aber  in  Würdigung  der  gesamten  Aspekte  wesentliche  und  überwiegende  Umstände  gegen  die  vorgebrachte  Sachverhaltsdarstellung  sprechen.  Entscheidend  ist  im  Sinne  einer  Gesamtwürdigung,  ob  die  Gründe,  die  für  die  Richtigkeit  der  Sachverhaltsdarstellung  sprechen,  überwiegen  oder  nicht;  dabei  ist  auf  eine  objektivierte  Sichtweise  abzustellen  (vgl.  die  von  der  ARK  begründete  Rechtsprechung  in:  Entscheidungen  und  Mitteilungen  der  Schweizerischen Asylrekurskommission [EMARK] 2005 Nr. 21 E. 6.1 mit  weiteren Hinweisen, welche vom Bundesverwaltungsgericht weitergeführt  wird). 5.2.  Angesichts  der  grossen  Zahl  von  eingereichten  Beweismitteln  erscheint  es  angebracht,  vorab  ein  Inventar  der  beim  BFM 

E­7452/2008 beziehungsweise  beim  Bundesverwaltungsgericht  zu  den  Akten  gegebenen Dokumente zu erstellen: a)  eritreische  Identitätskarte  vom  (…),  lautend  auf  [Name  der  Beschwerdeführerin  mit  zusätzlichem  dritten  Namen],  geboren  (…),  Nr.  (…)  (inkl.  Übersetzung  ins  Deutsche,  erstellt  vom  Amtsübersetzer  anlässlich der EVZ­Befragung); b)  eritreischer  Ausweis  vom  (…),  ausgestellt  von  der  staatlichen  Commission  for  Eritrean  Refugee  Affairs,  lautend  auf  den  Namen  der  Beschwerdeführerin,  versehen  mit  einer  Foto  von  ihr  und  ihren  beiden  Kindern, Nr. (…); c) Auszug aus dem städtischen Familienregister  von D._______, datiert  vom  (…),  lautend  auf  die  Namen  E._______  (Ehemann/Vater)  und  die  Beschwerdeführenden, Familienhaupt­Reg.­Nr. (…) (Fotokopie); d­f)  Geburtsscheine  der  drei  Beschwerdeführenden,  alle  am  (…)  in  D._______ ausgestellt; g)  Heiratsurkunde  vom  (…),  Urkunde  Nr.  (…),  Bestätigung  der  Eheschliessung nach Brauch am (…) und der offiziellen Registrierung der  Ehe am (…); h) Bestätigung eines Pastors der (…) Church of Eritrea in D._______ vom  (…) betr. Taufe und Mitgliedschaft der Beschwerdeführerin; i) Foto der Erwachsenentaufe der Beschwerdeführerin; j­k) Bestätigung der Freikirche  (…) Church vom  (…) betr. Mitgliedschaft  und Teilnahme der Beschwerdeführerin; Bestätigung des Besuchs eines  Gospelkurses bei dieser Kirche vom (…); l) Bestätigung der (…) Gemeinde (…) vom (…) betr. kirchliche Aktivitäten  der Beschwerdeführerin im Sommer 2007; m­n) zwei DVD betr. Gottesdienste der Pfingstgemeinde von 2007; o)  Formular  Desertion  und  illegaler  Grenzübertritt  betr.  den  Vater  der  Beschwerdeführerin vom (…) (Fotokopie, mit Deutsch­Übersetzung); p­q)  zwei  Diplome  der  Beschwerdeführerin  über  die  Ausbildung  als  Schneiderin und Köchin aus den Jahren 1999 und 2001 (Fotokopien). 5.3. Die vorangestellten Ausführungen über das  reduzierte Beweismass  der  Glaubhaftmachung  gelten  sowohl  für  die  Frage,  ob  die  Beschwerdeführerin in Eritrea einer Pfingstkirche angehörte, als auch für  die  geltend  gemachten  Verfolgungen  wegen  der  Religionszugehörigkeit 

E­7452/2008 und  damit  verbundenen  Aktivität.  Da  die  Pfingstkirchen  in  Eritrea  verboten  sind  und  Personen,  die  der  Mitgliedschaft  in  einer  solchen  Kirche verdächtigt werden, von den staatlichen Behörden überwacht und  teilweise verfolgt werden, ist ein strikter Beweis der Mitgliedschaft für die  Beschwerdeführerin weder zumutbar noch möglich. 5.3.1. Die  Glaubhaftigkeit  der  Mitgliedschaft  der  Beschwerdeführerin  in  einer  Pfingstkirche  ist  damit  aufgrund  einer  Gesamtwürdigung  ihrer  Aussagen und der eingereichten Beweismittel zu beurteilen.  Die Beschwerdeführerin beantwortete die Frage nach dem Grund für den  Beitritt  in  der  summarischen  Anhörung  dahingehen,  dass  ihr Mann, mit  welchem  sie  seit  1994  nach  Brauch  und  ab  Oktober  2004  offiziell  verheirat ist, sie über die Bibelinhalte gelehrt habe und sie ihm ab 2004 in  die  Kirche  gefolgt  sei;  getauft  worden  sei  sie  im  Jahr  2005.  Die  Beschwerdeführerin  wurde  in  den  beiden  Anhörungen  weder  weitergehend  nach  ihren  Motiven  noch  zu  den  konkreten  Glaubensinhalten  gefragt.  Hätten  die  seitens  des  BFM  befragenden  Personen  zu  diesem  Zeitpunkt  Zweifel  an  der  Mitgliedschaft  der  Beschwerdeführerin  bei  einer  Pfingstkirche  in Eritrea  gehabt,  hätten  sie  entsprechend  nachfragen  müssen.  Dass  die  Beschwerdeführerin  ihrem  Mann nach mehreren Jahren faktischer Ehe nach offizieller Verheiratung  in  die  Kirche  gefolgt  ist,  ist  grundsätzlich  plausibel.  Der  offizielle  Eheschluss  im  Jahr  2004  wird  mit  entsprechenden  Dokumenten  bewiesen (E. 5.2 Bst. g) und die Zugehörigkeit zur Pfingstkirche (…) wird  mit der kirchlichen Bestätigung und der Fotografie der Taufzeremonie (E.  5.2  Bst.  h­i)  belegt.  Es  ist,  wie  von  der  Beschwerdeführerin  zu  Recht  vorgebracht,  nur  schwer  vorstellbar,  dass  dieses  Foto  gefälscht  oder  gekauft worden  sein  könnte, weshalb  es  als  echt  zu  betrachten  ist. Die  Bestätigungsschreiben  von  zwei  Pfingstgemeinden  in  der  Schweiz  und  die beiden DVD's  (E. 5.2 Bst.  j­n) können zwar, wie das BFM zu Recht  vorbringt,  ihr  Engagement  in  diesen  Kirchen  nicht  beweisen.  Erst  recht  vermögen sie die seinerzeitige Mitgliedschaft in Eritrea nicht zu beweisen.  Sie bilden aber sehr wohl ein zusätzliches Indiz für die Verbundenheit der  Beschwerdeführerin mit  der  Religion  und  sind  in  der  Gesamtabwägung  bezüglich  der  Glaubhaftigkeit  ihrer  Vorbringen  miteinzubeziehen.  Konkrete  Argumente,  welche  die  diesbezüglichen  Aussagen  der  Beschwerdeführerin  in Zweifel  ziehen würden,  sind  nicht  auszumachen.  Der Beschwerdeführerin  ist es damit gelungen,  ihre Mitgliedschaft  in der  Pfingstkirche in Eritrea glaubhaft zu machen.

E­7452/2008 5.3.2. Bezüglich der geltend gemachten Verfolgung durch die eritreischen  Behörden  aufgrund  ihrer  Mitgliedschaft  in  der  Pfingstkirche  ist  festzustellen,  dass  die  Aussagen  der  Beschwerdeführerin mit  Berichten  verschiedener  Beobachter  der  Situation  in  Eritrea  übereinstimmen  (vgl.  unter vielen anderen Quellen: UNHCR Eligibility Guidelines for Assessing  the  International  Protection  Needs  of  Asylum­Seekers  from  Eritrea,  20. April  2011,  S. 24 ff.;  GEISER  ALEXANDRA,  Eritrea:  Evangelikale  und  pentekostale Kirchen, Auskunft der SFH­Länderanalyse, 9. Februar 2011,  S. 2;  Annual  Report  of  the  United  States  Commission  on  International  Religious Freedom, Mai 2011, S. 68 ff.; Human Rights Watch, Service for  Life, State Repression and  Indefinite Conscription  in Eritrea, April  2009,  S. 59 ff.).  Diesen  Berichten  zufolge  sind  in  Eritrea  lediglich  vier  Kirchgemeinden offiziell zugelassen, alle anderen Kirchen sind seit 2002  verboten;  ihre  Gebetsräume  wurden  geschlossen.  Insbesondere  ist  es  den  Angehörigen  dieser  verbotenen  Kirchen  untersagt,  öffentlich  ihrem  Glauben  nachzugehen.  Zudem  gehen  die  staatlichen  Behörden  zumindest  in  einigen  Regionen  Eritreas  auch  gegen  private  Zusammenkünfte  und  Betgruppen  dieser  Religionen  vor  und  nehmen  Teilnehmende  fest.  Diese  werden  regelmässig  ohne  Prozess  über  kürzere oder längere Zeit festgehalten. Berichtet wird auch, dass religiöse  Gefangene  bei  ihrer  Freilassung  ihrem  Glauben  abschwören  und  dies  schriftlich  bestätigen müssen. Pfingstkirchen  scheinen  dabei  zusammen  mit den Zeugen Jehovas zu den häufigsten Zielgruppen zu gehören. Die  Aussagen  der  Beschwerdeführerin  sind  mit  diesen  als  glaubhaft  einzustufenden Berichten in jeder Beziehung kompatibel, erzählt sie doch  von Verhaftungen während  privater  Zusammenkünften,  von willkürlicher  Haft  auf  unbestimmte  Zeit  ohne  Anklage  und  Prozess  sowie  von  der  Verpflichtung, nach der Haftentlassung dem Glauben abzuschwören.  Zudem  ist  festzustellen,  dass die Beschwerdeführerin  zwar  knapp,  aber  doch genügend substantiiert  über  ihre Erlebnisse Auskunft  gab. Auf  die  lediglich bei der Anhörung zu den Asylgründen gestellten Frage nach den  Haftbedingungen  antwortete  sie  tatsächlich  nur:  "sehr  schlimm".  Die  befragende Person  stellte  keine weitere Frage  zu den Haftbedingungen  mit Ausnahme einer solchen nach allfälligen Misshandlungen, die von der  Beschwerdeführerin  dahingehend  beantwortet  wurde,  dass  die  Inhaftierten  bedroht worden  seien,  den Glauben  abzuschwören  (A11 S.  6).  Im Übrigen erzählte  die Beschwerdeführerin mit  der  zu  erwartenden  Ausführlichkeit. So nannte sie die genauen Daten ihrer Verhaftungen, die  Namen und Art der beiden Gefängnisse,  in denen sie  inhaftiert war, die  Dauer der jeweiligen Haft und erwähnte die separate Inhaftierung (A11 S. 

E­7452/2008 6 f., A2 S. 4 f.), ohne sich in den beiden Anhörungen zu widersprechen.  Sie  machte  Angaben  zu  den  Umständen  der  Verhaftung,  zum  Tagesablauf  im  Gefängnis  und  zu  den  Bedingungen  ihrer  Entlassung.  Schliesslich ist auch in diesem Zusammenhang festzustellen, dass es an  der  befragenden  Person  gelegen  hätte,  den  Sachverhalt  anlässlich  der  Anhörung – die nur gut zwei Stunden dauerte – durch zusätzliche Fragen  weiter  zu  erhellen,  falls  sie  Zweifel  an  der  Richtigkeit  der  Vorbringen  gehabt haben sollte. Die  Behauptung  des  BFM,  die  Beschwerdeführerin  habe  bezüglich  der  Bedingungen  ihrer Haftentlassung widersprüchliche Aussagen  gemacht,  in  dem  sie  einmal  ausgesagt  habe,  sie  habe  bei  ihrer  Entlassung  ein  Dokument  unterschrieben,  ein  anderes  Mal,  sie  habe  wöchentlich  ein  solches unterschreiben müssen, kann zudem nicht gestützt werden. Die  Beschwerdeführerin  sagte  gemäss  Protokoll  an  der  summarischen  Befragung  vom  12. Februar  2007  (A2  S.  5):  "Dann  kam  ich  mit  einer  Verwarnung  raus.  Sie  kamen  dann  immer  einmal  in  der Woche  vorbei  und  liessen mich  ein Dokument  unterschreiben,  welches  besagte,  dass  ich nie  etwas mit  der Bibel  zu  tun haben werde."  In  der Anhörung  vom  30. Mai  2008  sagte  sie  aus,  sie  habe  bei  ihrer  Entlassung  einen  Brief  unterschreiben müssen, dass sie mit den anderen Leuten keinen Kontakt  aufnehmen und auch nichts mit der Bibel zu tun haben dürfe (A11 S. 5).  Die  Aussage  in  der  summarischen  Befragung  kann  nicht  nur  so  verstanden  werden,  dass  die  Beschwerdeführerin  jede  Woche  ein  entsprechendes  Dokument  unterschreiben  musste,  was,  wie  die  Beschwerdeführerin  zu  Recht  vorbringt,  in  der  Tat  keinen  Sinn  gehabt  hätte.  Zieht  man  zudem  Verzerrungen  durch  die  Übersetzung  und  die  Protokollierung  –  Verbindung  von  zwei  unabhängigen  Aussagen  durch  die Konjunktion "und" in einem Satz? – sowie die Tatsache mit ein, dass  die  summarische  Befragung  nur  beschränkt  der  Abklärung  der  Asylgründe  dient  (vgl.  EMARK 1993 Nr. 6 E. 3),  lässt  sich  die Aussage  der  Beschwerdeführerin  in  der  Anhörung  ohne  Weiteres  als  Konkretisierung  ihrer  Aussage  anlässlich  der  summarischen  Befragung  lesen:  Einerseits  musste  sie  bei  ihrer  Entlassung  ein  Dokument  unterschreiben, dass sie weder mit  Leuten  ihrer Kirchgemeinde Kontakt  aufnehmen  würde,  noch  je  wieder  etwas  mit  der  Bibel  zu  tun  haben  werde. Anderseits wurde  sie wöchentlich  von  den  staatlichen Behörden  kontrolliert. 5.3.3.  Zusammenfassend  ist  festzuhalten,  dass  die  Vorbringen  der  Beschwerdeführerin  bezüglich  ihrer  Verhaftungen,  ihrer 

E­7452/2008 Gefängnisaufenthalte  und  der  Bedingungen  ihrer  Freilassung  glaubhaft  sind.  Zu Gunsten  der Glaubwürdigkeit  der  Beschwerdeführerin  ist  auch  anzuführen,  dass  sie offenbar all  diejenigen Beweismittel  –  zur  Identität  der  Familienmitglieder,  zur  Heirat,  zu  ihrem  Bezug  zu  den  Kirchgemeinden in Eritrea und der Schweiz, zu ihrer Ausbildung, zu ihrem  Vater  –,  derer  sie  habhaft  werden  konnte,  dem Gericht  eingereicht  hat  und damit das von ihr im Rahmen ihrer Mitwirkungspflicht zu Erwartende  erfüllt  hat.  Insgesamt  ist  es  den  Beschwerdeführenden  nicht  zuletzt  aufgrund  der  persönlichen  Glaubwürdigkeit  der  Beschwerdeführerin  gelungen,  eine  erlittene  asylrelevante  Verfolgung  im  Sinne  von  Art. 1A  des  Abkommens  vom  28. Juli  1951  über  die  Rechtsstellung  der  Flüchtlinge (FK, SR 0.142.30) und Art. 3 AsylG glaubhaft zu machen. 5.4.  Vergangene  Verfolgung  ist  nur  dann  für  das  Bestehen  der  Flüchtlingseigenschaft  von  Bedeutung,  wenn  daraus  auf  eine  im  Zeitpunkt  des  Asylentscheides  andauernde  Gefahr  vor  künftiger  Verfolgung zu schliessen ist. Angesichts der bezüglich Umgang mit nicht  genehmen  religiösen Gruppen  unveränderten Situation  in Eritrea  haben  die  Beschwerdeführenden  aus  gutem  Grund  Furcht  vor  künftiger  Verfolgung  im  Falle  einer  Rückkehr.  Sie  erfüllen  damit  die  Flüchtlingseigenschaft.  5.5.  Da  die  Beschwerdeführenden  nicht  erst  in  der  Schweiz  sich  der  Pfingstgemeinde angeschlossen haben, sondern bereits im Zeitpunkt des  Verlassens der Heimatlandes die Flüchtlingseigenschaft erfüllt haben, ist  der Asylausschussgrund von Art. 54 (subjektive Nachfluchtgründe; siehe  vorn E. 3, 2. Absatz) nicht anwendbar. Da auch kein anderer gesetzlicher  Asylausschlussgrund (vgl. Art. 52, 53 und 55 AsylG) vorliegt, ist ihnen Asyl  zu gewähren (Art. 2 Abs. 1 AsylG). 6.  6.1.  Bei  diesem  Ausgang  des  Verfahrens  sind  keine  Verfahrenskosten  aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 und 2 VwVG). 6.2.  Den  obsiegenden  und  im  Verfahren  vor  dem  Bundesverwaltungsgericht  vertretenen  Beschwerdeführenden  ist  zu  Lasten  der  Vorinstanz  eine  Parteientschädigung  für  die  ihnen  erwachsenen  notwendigen  und  verhältnismässig  hohen  Kosten  zuzusprechen  (Art.  64  Abs. 1  VwVG  in  Verbindung  mit  Art.  7  des  Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen  vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]). 

E­7452/2008 Es wurde vom Rechtsvertreter keine Kostennote zu den Akten gereicht.  Der  notwendige  Vertretungsaufwand  lässt  sich  indes  aufgrund  der  Aktenlage  zuverlässig  abschätzen,  weshalb  praxisgemäss  auf  die  Einholung  einer  solchen  verzichtet  wird  (vgl.  Art.  14  Abs.  2  VGKE).  In  Anwendung  der  genannten  Bestimmungen  und  unter  Berücksichtigung  der massgeblichen Bemessungsfaktoren (vgl. Art. 8 ff. VGKE) ist die vom  BFM  auszurichtende  Parteientschädigung  von  Amtes  wegen  auf  pauschal  Fr. 1200.–  (ausgehend  von  einem  Ansatz  von  Fr.  150.–  pro  Stunde, inklusive Auslagen und Mehrwertsteueranteil) festzusetzen.

E­7452/2008 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1.  Die Beschwerde wird gutgeheissen. 2.  Die  Verfügung  des  BFM  vom  23. Oktober  2007  wird  aufgehoben.  Das  BFM wird angewiesen, den Beschwerdeführenden in der Schweiz Asyl zu  gewähren. 3.  Es werden keine Verfahrenskosten auferlegt. 4.  Das  BFM  wird  angewiesen,  dem  Beschwerdeführer  eine  Parteientschädigung von Fr. 1200.– auszurichten. 5.  Dieses  Urteil  geht  an  die  Beschwerdeführenden,  das  BFM  und  die  zuständige kantonale Behörde. Der vorsitzende Richter: Der Gerichtsschreiber: Walter Stöckli Tobias Meyer Versand:

E-7452/2008 — Bundesverwaltungsgericht 03.08.2011 E-7452/2008 — Swissrulings