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Bundesverwaltungsgericht 14.02.2012 E-721/2012

14. Februar 2012·Deutsch·CH·CH_BVGE·PDF·1,681 Wörter·~8 min·3

Zusammenfassung

Nichteintreten auf Asylgesuch und Wegweisung (Dublin-Verfahren) | Nichteintreten auf Asylgesuch und Wegweisung nach Italien (Dublin-Verfahren); Verfügung des BFM vom 1. Februar 2012

Volltext

Bundesve rwa l t ungsge r i ch t T r i buna l   adm in istratif   f édé ra l T r i buna l e   ammin istrati vo   f ede ra l e T r i buna l   adm in istrativ   f ede ra l     Abteilung V E­721/2012 Urteil   v om   1 4 .   Februar   2012   Besetzung Richterin Christa Luterbacher mit Zustimmung von Richter Robert Galliker Gerichtsschreiberin Sarah Diack. Parteien A._______, geboren am (…), Gambia,  (…), Beschwerdeführer,  gegen Bundesamt für Migration (BFM), Quellenweg 6, 3003 Bern,    Vorinstanz Gegenstand Nichteintreten auf Asylgesuch und Wegweisung nach Italien  (Dublin­Verfahren);  Verfügung des BFM vom 1. Februar 2012 / N (…).

E­721/2012 Das Bundesverwaltungsgericht stellt fest und erwägt, A.  Der  Beschwerdeführer  –  eigenen  Angaben  zufolge  ein  aus  (…)  stammender  Gambier  katholischer  Religionszugehörigkeit  –  verliess  gemäss seinen Ausführungen seine Heimat am 20. September 2007 und  gelangte nach Libyen, verbrachte dort zirka dreieinhalb Jahre und reiste  dann im Mai 2011 nach Italien weiter. In Italien lebte er – in Besitz eines  dreimonatigen "Permesso di soggiorno", der ihm einmal bis zum Oktober  2011  verlängert  worden  sei  –  während  acht  Monaten  in  zwei  verschiedenen Asylcamps. Am 8. Januar 2012 reiste er mit dem Zug über  Chiasso  in  die  Schweiz  ein  und  stellte  gleichentags  im  Empfangs­  und  Verfahrenszentrum (EVZ) Kreuzlingen ein Asylgesuch. B.  Die  am  10. Januar  2012  durch  das  BFM  mittels  der  europäischen  Fingerabdruck­Datenbank  (EURODAC)  durchgeführten  Abklärungen  ergaben,  dass  der  Beschwerdeführer  am  13.  Mai  2011  erstmals  in  Lampedusa daktyloskopisch erfasst worden  ist  und am 18. Mai 2011  in  B._______, Italien, ein Asylgesuch gestellt hat. In den Akten befindet sich  eine Kopie eines Zugbillets vom 6. Januar 2012 von Mailand nach Genf,  eine Kopie  des  italienischen  "Permesso  di  Soggiorno  per Stranieri"  des  Beschwerdeführers, gültig bis zum (…) November 2011, und ein Bericht  der  eidgenössischen  Zollverwaltung.  Letzterem  ist  zu  entnehmen,  dass  der Beschwerdeführer bei seinem ersten Einreiseversuch am (…) Januar  2012  in Brig kontrolliert worden  ist und daraufhin eine Wegweisung aus  der Schweiz verfügt wurde (A7/12). C.  Am  25. Januar  2012  wurde  der  Beschwerdeführer  im  EVZ  summarisch  befragt  (A9/11).  Dabei  führte  er  im  Wesentlichen  aus,  dass  ihm  sein  Aufenthaltsausweis  in  Italien  nicht  mehr  verlängert  worden  sei,  er  an  einem schlechten und abgelegenen Ort untergebracht worden sei und er  deshalb das Gefühl gehabt habe, nicht mehr  länger  in  Italien bleiben zu  dürfen. D.  Anschliessend  wurde  ihm  anlässlich  der  Befragung  im  EVZ  am  25. Januar  2012  das  rechtliche  Gehör  zu  einer  allfälligen  Wegweisung  nach  Italien  gewährt,  da  Italien  gestützt  auf  seine  Aussagen  und  den  Fingerabdruckvergleich vermutlich für die Durchführung seines Asyl­ und  Wegweisungsverfahren zuständig sei. Er bestritt die Zuständigkeit Italiens 

E­721/2012 nicht, führte dazu jedoch aus, dass er in Italien durch die Behörden nicht  unterstützt  worden  sei,  namentlich  nicht  genügend  zu  essen  und  keine  Kleider erhalten habe. Weiter seien  ihm keine Dokumente ausgehändigt  worden und es sei ihm nicht ermöglicht worden, zu arbeiten, um finanziell  unabhängig zu sein. Er habe an seinem Unterkunftsort nur gelitten, und  daraufhin  –  da  die  Bedingungen  zu  schlecht  gewesen  seien –  beschlossen,  Italien zu verlassen. Er habe keinerlei Verwandte  in  Italien  und wolle dort nicht weiterhin leiden (A9 S. 8). E.  Mit Verfügung vom 27. Januar 2012 wurde der Beschwerdeführer für die  Dauer des Asylverfahrens dem Kanton (…) zugewiesen. F.  Am 11. Januar 2012 richtete das BFM, gestützt auf Art. 16 Abs. 1 Bst. c  der Verordnung EG Nr.  343/2003 des Rates vom 18. Februar 2003 zur  Festlegung  von  Kriterien  und  Verfahren  zur  Bestimmung  des  Mitgliedstaats,  der  für  die  Prüfung  eines  von  einem  Drittstaatsangehörigen  in  einem  Mitgliedstaat  gestellten  Asylantrages  zuständig  ist  (Dublin­II­VO),  das  Ersuchen  um  Rückübernahme  ("take  back")  des  Beschwerdeführers  an  die  italienischen  Behörden.  Der  Eingang  des  elektronisch  übermittelten  Rückübernahmegesuchs  wurde  mit  automatischem  Antwortsmail  vom  11. Januar  2012  bestätigt.  Am  26. Januar  2012  gelangte  das  BFM  erneut  an  die  zuständigen  italienischen  Behörden  und  führte  dabei  aus,  dass  –  da  bis  zum  26. Januar 2012 keine Antwort erfolgt sei – gemäss Art. 20 Abs. 1 Bst. c  Dublin­II­VO  Italien  als  für  das  Asylverfahren  des  Beschwerdeführers  zuständig  gelte.  Der  Eingang  des  Mails  wurde  von  den  italienischen  Behörden wiederum automatisch bestätigt. G.   Mit Verfügung vom 1. Februar 2012 – eröffnet am 3. Februar 2012 – trat  das BFM gestützt auf Art. 34 Abs. 2 Bst. d des Asylgesetzes vom 26. Juni  1998  (AsylG,  SR  142.31)  auf  das  Asylgesuch  nicht  ein,  wies  den  Beschwerdeführer aus der Schweiz nach Italien weg, ordnete den Vollzug  an,  wobei  der  Beschwerdeführer  die  Schweiz  spätestens  am  Tag  nach  dem  Ablauf  der  Beschwerdefrist  zu  verlassen  habe,  und  stellte  gleichzeitig  fest,  einer  allfälligen  Beschwerde  komme  keine  aufschiebende  Wirkung  zu.  Auf  die  Begründung  der  Verfügung  wird –  soweit  entscheidwesentlich  –  in  den  nachstehenden  Erwägungen  eingegangen.

E­721/2012 H.  Mit  englischsprachiger  Eingabe  vom  8. Februar  2012  (Poststempel)  erhob  der  Beschwerdeführer  beim  Bundesverwaltungsgericht  dagegen  Beschwerde  und  beantragte,  die  Verfügung  des  BFM  vom  1. Februar  2012 sei aufzuheben, es sei seine Flüchtlingseigenschaft anzuerkennen,  es  sei  ihm  Asyl  zu  gewähren.  Eventualiter  sei  festzustellen,  dass  der  Wegweisungsvollzug unzulässig,  unzumutbar und unmöglich  sei  und es  sei  ihm  die  vorläufige  Aufnahme  zu  gewähren.  Weiter  sei  der  Beschwerde  die  aufschiebende Wirkung  zu  erteilen  und  die  zuständige  Behörde  zudem  vorsorglich  anzuweisen,  die  Kontaktnahme  mit  den  heimatlichen Behörden sowie  jegliche Datenweitergabe an dieselben zu  unterlassen,  wobei  der  Beschwerdeführer  –  bei  allfällig  bereits  erfolgter  Datenweitergabe –  in  einer  separaten Verfügung darüber  zu orientieren  sei.  Zudem  ersuchte  der  Beschwerdeführer  um  Gewährung  der  unentgeltlichen  Rechtspflege  im  Sinne  von  Art.  65  Abs.  1  und  2  des  Bundesgesetzes  vom  20.  Dezember  1968  über  das  Verwaltungsverfahren  (VwVG,  SR  172.021)  und  um  Verzicht  auf  die  Erhebung  eines  Kostenvorschusses.  Auf  die  Begründung wird  –  soweit  entscheidwesentlich – in den nachfolgenden Erwägungen eingegangen. I.  Mit  Telefax  vom  9. Februar  2012  setzte  das  Bundesverwaltungsgericht  den Vollzug  der Wegweisung  im Sinne  einer  vorsorglichen Massnahme  gemäss Art. 56 VwVG vorläufig aus. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1.  1.1. Gemäss Art. 31 des Verwaltungsgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005  (VGG, SR 173.32) beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Beschwerden  gegen  Verfügungen  nach  Art. 5  VwVG.  Das  BFM  gehört  zu  den  Behörden  nach  Art. 33  VGG  und  ist  daher  eine  Vorinstanz  des  Bundesverwaltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme  im Sinne von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht  ist daher zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und  entscheidet  auf  dem  Gebiet  des  Asyls  endgültig,  ausser  bei  Vorliegen  eines  Auslieferungsersuchens  des  Staates,  vor  welchem  die 

E­721/2012 beschwerdeführende Person Schutz sucht (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d  Ziff. 1  des  Bundesgerichtsgesetzes  vom  17. Juni  2005  [BGG,  SR 173.110]). Ein solches Auslieferungsersuchen liegt nicht vor. 1.2. Das Verfahren  richtet  sich  nach  dem VwVG,  soweit  das  VGG  und  das AsylG nichts anderes bestimmen (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG). 1.3. Die Eingabe des Beschwerdeführers erfolgte  in englischer Sprache.  Praxisgemäss  kann  auf  die  Nachforderung  einer  Übersetzung  in  eine  Amtssprache  verzichtet  werden,  wenn  die  Rechtsbegehren  und  deren  Begründung  verständlich  sind.  Der  Entscheid  des  Gerichts  ergeht  indessen  in deutscher Sprache  (vgl. Art. 33a Abs. 2 VwVG  i.V.m. Art. 6  AsylG).  Aus  der  Eingabe  des  Beschwerdeführers  gehen  die  Rechtsbegehren  klar  hervor  und  die  Begründung  ist  in  verständlicher  Weise formuliert, womit vorliegend auf eine Übersetzung verzichtet wird. 1.4.  Die  Beschwerde  ist  damit  frist­  und  formgerecht  eingereicht.  Der  Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist  durch  die  angefochtene  Verfügung  besonders  berührt  und  hat  ein  schutzwürdiges  Interesse  an  deren  Aufhebung  beziehungsweise  Änderung.  Er  ist  daher  zur  Einreichung  der  Beschwerde  legitimiert  (Art. 105 und Art. 108 Abs. 2 AsylG, Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 VwVG).  Auf die Beschwerde ist unter Vorbehalt des Nachfolgenden einzutreten.  1.5.  Bei  Beschwerden  gegen  Nichteintretensentscheide,  mit  denen  es  das  BFM  ablehnt,  das  Asylgesuch  auf  seine  Begründetheit  hin  zu  überprüfen  (Art. 32  ­  35  AsylG),  ist  die  Beurteilungskompetenz  der  Beschwerdeinstanz  grundsätzlich  auf  die  Frage  beschränkt,  ob  die  Vorinstanz zu Recht auf das Asylgesuch nicht eingetreten ist (vgl. BVGE  2011/9  E.  5;  Entscheidungen  und  Mitteilungen  der  Schweizerischen  Asylrekurskommission  [EMARK]  2004  Nr. 34  E. 2.1  S. 240  f.)  Die  Beschwerdeinstanz enthält  sich einer  selbständigen materiellen Prüfung  und  weist  die  Sache  –  sofern  sie  den  Nichteintretensentscheid  als  unrechtmässig  erachtet  –  zu  neuer  Entscheidung  an  die  Vorinstanz  zurück.  Daher  kann  auf  das  Begehren  auf  Anerkennung  der  Flüchtlingseigenschaft und Asylgewährung nicht eingetreten werden. Die Vorinstanz hat die Frage der Wegweisung und des Vollzugs materiell  geprüft,  weshalb  dem  Bundesverwaltungsgericht  diesbezüglich  grundsätzlich  volle  Kognition  zukommt,  wobei  sich  diese  Fragen –  namentlich  diejenigen  hinsichtlich  des  Bestehens  von  http://links.weblaw.ch/EMARK-2004/34 http://links.weblaw.ch/EMARK-2004/34 http://links.weblaw.ch/EMARK-2004/34 http://links.weblaw.ch/EMARK-2004/34 http://links.weblaw.ch/EMARK-2004/34

E­721/2012 Vollzugshindernissen  –  in  den  Dublin­Verfahren  bereits  vor  Erlass  des  Nichteintretensentscheides  stellen  (vgl.  BVGE  2010/45  E.  8.2.3  und  10.2).  Im  Rahmen  des  Dublin­Verfahrens,  bei  dem  es  sich  um  ein  Überstellungsverfahren  in  den  für  die  Prüfung  des  Asylgesuches  zuständigen  Staat  handelt,  bleibt  systembedingt  kein  Raum  für  Ersatzmassnahmen im Sinne von Art. 44 Abs. 2 AsylG i.V.m. Art. 83 Abs.  1 des Bundesgesetzes vom 16. Dezember 2005 über die Ausländerinnen  und  Ausländer  (AuG,  SR  142.20  [vgl.  BVGE  2011/9  E.  5]).  Die  Anordnung von Ersatzmassnahmen (die vorläufige Aufnahme) respektive  die Feststellung von diesen zugrundeliegenden Vollzugshindernissen der  Wegweisung  in  den  Heimatstaat  kann  auch  nicht  Gegenstand  des  vorliegenden  Beschwerdeverfahrens  sein.  Deshalb  ist  auf  die  Beschwerde  ebenfalls  nicht  einzutreten,  soweit  darin  beantragt wird,  es  sei  dem  Beschwerdeführer  allenfalls  die  vorläufige  Aufnahme  zu  gewähren. 1.6.  Über  offensichtlich  unbegründete  Beschwerden  wird  in  einzelrichterlicher  Zuständigkeit  mit  Zustimmung  eines  zweiten  Richters  beziehungsweise  einer  zweiten  Richterin  entschieden  (Art.  111  Bst.  e  AsylG).  Wie  nachfolgend  aufgezeigt,  handelt  es  sich  um  eine  solche,  weshalb  der  Beschwerdeentscheid  nur  summarisch  zu  begründen  ist  (Art. 111a  Abs.  2  AsylG).  Gestützt  auf  Art.  111a  Abs.  1  AsylG  wurde  vorliegend auf einen Schriftenwechsel verzichtet. 2.  2.1.  Gemäss  Art. 34  Abs. 2  Bst. d  AsylG  wird  auf  Asylgesuche  in  der  Regel nicht eingetreten, wenn Asylsuchende in einen Drittstaat ausreisen  können,  welcher  für  die  Durchführung  des  Asyl­  und  Wegweisungsverfahrens  staatsvertraglich  zuständig  ist. Die Prüfung der  staatsvertraglichen  Zuständigkeit  zur  materiellen  Behandlung  eines  Asylgesuches richtet sich dabei nach den Kriterien der Dublin­II­VO (vgl.  die einleitenden Bestimmungen sowie Art. 1 Abs. 1 des Abkommens vom  26. Oktober 2004 zwischen der Schweizerischen Eidgenossenschaft und  der  Europäischen  Gemeinschaft  über  die  Kriterien  und  Verfahren  zur  Bestimmung  des  zuständigen  Staates  für  die  Prüfung  eines  in  einem  Mitgliedstaat  oder  in  der  Schweiz  gestellten  Asylantrags  [Dublin­ Assoziierungsabkommen,  SR  0.142.392.689]  i.V.m.  Art. 29a  Abs. 1  der  Asylverordnung 1 vom 11. August 1999 über Verfahrensfragen  [AsylV 1,  SR 142.311]). Im Weiteren setzt Art. 34 Abs. 2 Bst. d AsylG voraus, dass 

E­721/2012 der  staatsvertraglich  zuständige  Staat  einer  Übernahme  der  asylsuchenden Person zugestimmt hat (vgl. Art. 29a Abs. 2 AsylV 1). 2.2.   Das BFM ersuchte die  italienischen Behörden am 11. Januar 2012  um Rückübernahme  ("take  back")  des  Beschwerdeführers.  Die  Anfrage  blieb unbeantwortet. Daraufhin  führte das BFM mit Mail  vom 26. Januar  2012 aus, dass die  italienischen Behörden gestützt auf die Dublin­II­VO  als  für  das  Asylverfahren  des  Beschwerdeführers  zuständig  gälten.  Gemäss  Art.  20  Abs.  1  Bst.  c  Dublin­II­VO  gilt  das  Rückübernahmegesuch, welches sich auf einen EURODAC­Treffer stützt,  als  akzeptiert,  wenn  es  nach  zwei  Wochen  unbeantwortet  blieb.  Der  EURODAC­Treffer liegt vor (vgl. Bst. B) und zwischen den Anfragen vom  11. Januar 2012 und dem 26. Januar 2012 liegen 15 Tage; die Vorinstanz  ging  aufgrund  dieser  Sachlage  zu  Recht  von  der  Zuständigkeit  Italiens  aus. 3.  3.1. Der Beschwerdeführer macht in seiner Beschwerde geltend, dass er  sein  Heimatland  verlassen  habe,  um  sein  Leben  zu  retten,  in  Italien  jedoch  keine  Sicherheit  habe.  Er  habe  keine  Verwandten  in  Italien  und  die  italienischen Behörden würden sich nicht um  ihn kümmern, weshalb  er  bei  einer  Rückkehr  ohne  Obdach  und  Geld  auf  der  Strasse  leben  müsse  und  auch  nicht  arbeiten  dürfe  und  keine  Dokumente  erhalten  würde. Er hoffe,  in der Schweiz die nötige Unterstützung zu erhalten, da  er  auch  die  Schule  besuchen  wolle.  Diesen  Vorbringen  ist  sinngemäss  der  Antrag  zu  entnehmen,  das  BFM  sei  anzuweisen,  das  Recht  zum  Selbsteintritt  auszuüben.  Diesbezüglich  wird  im  Folgenden  erstens  die  Verletzung von völkerrechtlichen Normen und anschliessend das allfällige  Vorliegen  von  humanitären  Gründen  im  Sinne  von  Art.  29a  Abs. 3  AsylV 1 geprüft. 3.2.  3.2.1.  Nach  der  in  Art. 3  Abs. 2  Dublin­II­VO  verankerten  Souveränitätsklausel  kann  jeder  Mitgliedstaat  einen  von  einem  Drittstaatsangehörigen  eingereichten  Asylantrag  prüfen,  auch  wenn  er  nach den  in  der Verordnung  festgelegten Kriterien nicht  für  die Prüfung  zuständig  ist.  Der  betreffende  Mitgliedstaat  wird  dadurch  zum  zuständigen  Mitgliedstaat  im  Sinne  der  Verordnung  und  übernimmt  die  mit dieser Zuständigkeit einhergehenden Verpflichtungen.

E­721/2012 3.2.2. Eine selbstständige Rüge der Verletzung von Art. 3 Abs. 2 Dublin­ II­VO  ist nur möglich, wenn mit der Forderung nach einem Selbsteintritt  gleichzeitig  geltend  gemacht wird, mit  der Durchsetzung  nach  der  nach  der  Dublin­II­VO  feststehenden  Zuständigkeit  würde  eine  Norm  des  Völkerrechts  –  wie  beispielsweise  Art. 3  der  Konvention  vom  4. November  1950  zum  Schutze  der  Menschenrechte  und  Grundfreiheiten  (EMRK,  SR  0.101)  –  oder  aber  eine  Norm  des  innerstaatlichen Rechts verletzt (vgl. BVGE 2010/45 E. 5).  3.2.3.  Italien  ist  –  wie  die  Schweiz  –  unter  anderem  Signatarstaat  des  Abkommens  vom  28. Juli  1951  über  die  Rechtsstellung  der  Flüchtlinge  (FK,  SR  0.142.30),  der  EMRK  und  des  Übereinkommens  vom  10. Dezember 1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche  oder  erniedrigende  Behandlung  oder  Strafe  (FoK,  SR  0.105).  Als  nach  Art.  3  Abs.  1  Dublin­II­VO  zuständiger  Staat  ist  Italien  zudem  an  die  Richtlinie  2005/85/EG  des  Rates  vom  1. Dezember  2005  über  Mindestnormen  für  Verfahren  in  den  Mitgliedstaaten  zur  Zuerkennung  und  Aberkennung  der  Flüchtlingseigenschaft  (sog.  Verfahrensrichtlinie)  und  die  Richtlinie  2003/9/EG  des  Rates  vom  27.  Januar  2003  zur  Festlegung von Mindestnormen  für die Aufnahme von Asylbewerbern  in  Mitgliedstaaten (sog. Aufnahmerichtlinie) gebunden. 3.2.4. Gemäss Art. 3 FoK und der Praxis zu Art. 3 EMRK darf niemand  der  Folter  oder  unmenschlicher  oder  erniedrigender  Strafe  oder  Behandlung  unterworfen  werden.  Es  darf  davon  ausgegangen  werden,  dass  Italien  seine  völkerrechtlichen  Verpflichtungen  respektiert  und  namentlich das Gebot des Non­Refoulement (vgl. Art. 33 FK) sowie Art. 3  EMRK  beachtet  (vgl.  BVGE  2010/45  E.  7.3  –  7.7).  Die  Gefahr  einer  Kettenabschiebung kann somit  in aller Regel als ausgeschlossen gelten.  Der  Beschwerdeführer  macht  denn  auch  keine  entsprechenden  konkreten Vorbringen geltend, die diesen Überlegungen entgegenstehen  würden.  Mithin  vermag  der  Beschwerdeführer  nicht  darzutun,  es  bestünde  ein  konkreter  Grund  zur  Annahme,  dass  er  von  Italien  ohne  korrekte  Prüfung  seiner  Gesuchsgründe  in  die  Heimat  zurückgeführt  würde und ihm somit  in Italien eine das Refoulement­Verbot verletzende  Rückschiebung  ins  Heimatland  drohen  würde.  Ebenso  wenig  ist  den  Ausführungen  des  Beschwerdeführers  ein  konkreter  Hinweis  auf  eine  systematische  Verletzung  der  völkerrechtlichen  Verpflichtungen  durch  Italien  zu  entnehmen;  auch  seine  Rüge,  Italien  habe  ihm  keine  Dokumente  ausgestellt,  erweist  sich  aufgrund  des  bei  den  Akten  liegenden "Permesso di Soggiorno" als unzutreffend.

E­721/2012 3.3. Sind  humanitäre  Gründe  im  Sinne  von  Art.  29a  Abs. 3  AsylV 1  zu  erkennen,  die  einer  Überstellung  des  Beschwerdeführers  nach  Italien  entgegenstehen, kann ein Selbsteintritt gemäss Art. 3 Abs. 2 Dublin­II­VO  als angezeigt erscheinen (vgl. BVGE 2010/45 E. 8.2, BVGE 2011/9 E. 8). Dem  Bundesverwaltungsgericht  ist  bekannt,  dass  das  italienische  Asylverfahren gewisse Schwachstellen aufweist und dass Asylsuchende  in  Italien  bei  der  Unterkunft,  der  Arbeit  und  dem  Zugang  zur  medizinischen  Infrastruktur  durchaus  gewissen  Schwierigkeiten  ausgesetzt  sein  können.  Das  Gericht  geht  aber  davon  aus,  Dublin­ Rückkehrende  würden  betreffend  Unterbringung  von  den  italienischen  Behörden eher  bevorzugt  behandelt,  und es würden  sich  zudem neben  den staatlichen Strukturen auch zahlreiche private Hilfsorganisationen der  Betreuung von Asylsuchenden und Flüchtlingen annehmen. Weiter ist auf  die  Tatsache  hinzuweisen,  dass  gemäss  der  Aufnahmerichtlinie  Italien  gehalten  ist,  den  Asylsuchenden  materielle  Aufnahmebedingungen  zu  gewähren,  die  die Sicherung  des  Lebensunterhalts  und  der Gesundheit  gewährleisten. Es besteht kein Grund zur Annahme, Personen, die sich  im  Rahmen  eines  Asylverfahrens  in  Italien  aufhalten,  würden  aufgrund  der  dortigen  Aufenthaltsbedingungen  in  eine  existenzielle  Notlage  versetzt  (vgl.  etwa  Entscheide  des  Bundesverwaltungsgerichts  E­ 536/2012  vom  3. Februar  2012,  D­378/2012  vom  25. Januar  2012,  D­ 7654/2010 vom 20. April 2011 mit weiteren Hinweisen). Das BFM weist in  seiner Verfügung  zutreffend auch darauf  hin,  gegen die Umsetzung der  Aufnahmerichtlinie  durch  Italien  seien  bisher  keinerlei  Beanstandungen  von  Seiten  der  Europäischen  Kommission  ergangen,  und  es  sei  dem  Beschwerdeführer  zuzumuten,  sich  an  die  dafür  zuständigen  Behörden  zu  wenden,  um  die  nötige  Unterstützung  zu  beantragen.  Die  Einwendungen  des  Beschwerdeführers,  er  habe  keine  Verwandte  in  Italien,  sind  nicht  stichhaltig  und  auch  die  Vorbringen,  er  habe  nicht  genügend zu Essen und kein Dach über dem Kopf, erweisen sich nach  den dargelegten Erkenntnissen des Bundesverwaltungsgerichts als nicht  geeignet, einer Wegweisung nach Italien entgegenzustehen. Nach  dem  Gesagten  sind  keine  humanitären  Gründe  im  Sinne  von  Art. 29a  Abs.  3  AsylV 1  zu  erkennen,  die  einen  Selbsteintritt  gemäss  Art. 3 Abs. 2 Dublin­II­VO als angezeigt erscheinen liessen.

E­721/2012 4.  Angesichts  der  gesamten  Umstände  sind  keine  Gründe  ersichtlich,  die  einen  Selbsteintritt  der  Vorinstanz  gemäss  Art. 3  Abs. 2  Dublin­II­VO  nahegelegt hätten. Das BFM  ist  somit  in Anwendung von Art. 34 Abs. 2  Bst. d AsylG zu Recht auf das Asylgesuch des Beschwerdeführers nicht  eingetreten.  5.  5.1.  Das  Nichteintreten  auf  ein  Asylgesuch  hat  in  der  Regel  die  Wegweisung  aus  der  Schweiz  zur  Folge  (Art. 44  Abs. 1  AsylG).  Vorliegend  hat  der  Kanton  keine  Aufenthaltsbewilligung  erteilt,  und  es  besteht  zudem  kein  Anspruch  auf  Erteilung  einer  solchen  (vgl.  EMARK   2001 Nr. 21). Die verfügte Wegweisung steht daher  im Einklang mit den  gesetzlichen Bestimmungen und wurde vom BFM zu Recht angeordnet. 5.2.    Im  Rahmen  des  Dublin­Verfahrens  im  Sinne  von  Art. 34  Abs. 2  Bst. d AsylG, bei dem es sich um ein Überstellungsverfahren  in den  für  die  Prüfung  des  Asylgesuches  zuständigen  Staat  handelt,  besteht  systembedingt  kein  Raum  für  Ersatzmassnahmen  im  Sinne  von  Art. 44  Abs. 2 AsylG i.V.m. Art. 83 Abs. 1 – 4 AuG. Eine entsprechende Prüfung  hat,  soweit  notwendig,  vielmehr  bereits  im  Rahmen  des  Nichteintretensentscheides  stattzufinden  (vgl.  BVGE  2010/45  E. 10.2).  Die Vorinstanz  hat  in  diesem Sinne  den Vollzug  der Wegweisung  nach  Italien zu Recht als zulässig, zumutbar und möglich bezeichnet. 6.  Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass es dem Beschwerdeführer nicht  gelungen  ist  darzutun,  inwiefern  die  angefochtene  Verfügung  Bundesrecht  verletzt,  den  rechtserheblichen  Sachverhalt  unrichtig  oder  unvollständig  feststellt  oder  unangemessen  ist  (Art. 106  AsylG).  Die  Beschwerde ist daher abzuweisen, soweit darauf einzutreten ist. 7.  7.1.  Aufgrund  des  direkten  Entscheids  in  der  Hauptsache  sind  die  Gesuche  um  Verzicht  auf  die  Erhebung  eines  Kostenvorschusses,  um  Gewährung  der  aufschiebenden  Wirkung  und  um  vorsorgliche  Massnahmen  im  Zusammenhang  mit  einer  Datenweitergabe  an  den  Heimatstaat gegenstandslos geworden. Betreffend das Rechtsbegehren,  der  Beschwerdeführer  sei  –  bei  allfällig  bereits  erfolgter  Datenweitergabe –  in einer separaten Verfügung darüber zu orientieren, 

E­721/2012 ist  festzuhalten,  dass  aus  den  Akten  nicht  ersichtlich,  dass  eine  Datenweitergabe erfolgt ist. Insofern ist dieses Rechtsbegehren obsolet. 7.2. Gemäss  Art. 65  Abs. 1  VwVG  befreit  die  Beschwerdeinstanz  eine  Partei, die nicht über die erforderlichen Mittel verfügt, auf Antrag von der  Bezahlung der Verfahrenskosten, sofern  ihr Begehren nicht aussichtslos  erscheint. Gemäss Art. 65 Abs. 2 VwVG wird einer mittellosen Partei  in  einem nicht aussichtslosen Verfahren ein Anwalt bestellt, wenn dies zur  Wahrung  ihrer Rechte notwendig  ist  (Art. 65 Abs. 2 VwVG). Da sich die  Rechtsbegehren  aufgrund  vorstehender  Erwägungen  als  aussichtslos  erweisen, sind die Gesuche um unentgeltliche Prozessführung  im Sinne  von  Art.  65  Abs.  1  VwVG  und  das  Gesuch  um  unentgeltliche  Rechtsverbeiständung  im Sinne von Art. 65 Abs. 2 VwVG – unbesehen  der belegten Mittellosigkeit – abzuweisen.  7.3. Bei  diesem Ausgang des Verfahrens  sind die Kosten  von Fr.  600.­  (Art.  1­3  des  Reglements  vom  21. Februar  2008  über  die  Kosten  und  Entschädigungen  vor  dem  Bundesverwaltungsgericht  [VGKE,  SR  173.320.2]) dem Beschwerdeführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). (Dispositiv nächste Seite)

E­721/2012 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1.  Die Beschwerde wird abgewiesen, soweit darauf einzutreten ist. 2.  Das  Gesuche  um  Gewährung  der  unentgeltlichen  Prozessführung  und  der unentgeltlichen Rechtsverbeiständung werden abgewiesen. 3.  Die  Verfahrenskosten  von  Fr. 600.­­  werden  dem  Beschwerdeführer  auferlegt.  Dieser  Betrag  ist  innert  30  Tagen  ab  Versand  des  Urteils  zu  Gunsten der Gerichtskasse zu überweisen.  4.  Dieses  Urteil  geht  an  den  Beschwerdeführer,  das  BFM  und  die  zuständige kantonale Behörde. Die Einzelrichterin: Die Gerichtsschreiberin: Christa Luterbacher Sarah Diack Versand:

E-721/2012 — Bundesverwaltungsgericht 14.02.2012 E-721/2012 — Swissrulings