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Bundesverwaltungsgericht 22.11.2011 E-6753/2007

22. November 2011·Deutsch·CH·CH_BVGE·PDF·2,369 Wörter·~12 min·2

Zusammenfassung

Asyl und Wegweisung | Asyl und Wegweisung; Verfügung des BFM vom 6. September 2007 / N

Volltext

Bundesve rwa l t ungsge r i ch t T r i buna l   adm in istratif   f édé ra l T r i buna l e   ammin istrati vo   f ede ra l e T r i buna l   adm in istrativ   f ede ra l Abteilung V E­6753/2007 Urteil   v om   2 2 .   No v embe r   2011 Besetzung Richterin Regula Schenker Senn (Vorsitz), Richter Fulvio Haefeli, Richter François Badoud,    Gerichtsschreiberin Aglaja Schinzel. Parteien A._______, Afghanistan,   vertreten durch lic. iur. Susanne Sadri, Asylhilfe Bern,  Beschwerdeführer,  gegen Bundesamt für Migration (BFM), Quellenweg 6, 3003 Bern,    Vorinstanz.  Gegenstand Asyl und Wegweisung; Verfügung des BFM vom 6.  September 2007 / N (…).

E­6753/2007 Sachverhalt: A.  Der  Beschwerdeführer  verliess  Afghanistan  eigenen  Angaben  zufolge  Ende Juli 2007 und reiste auf dem Luftweg via Dubai nach Europa. Am  10. August 2007 gelangte er in die Schweiz und ersuchte am 13. August  2007  im  Empfangs­  und  Verfahrenszentrum  (EVZ)  B._______  um  Asyl  nach.  Anlässlich  der  Kurzbefragung  vom  17.  August  2007  und  der  Anhörung  vom  22.  August  2007  zu  den  Asylgründen  durch  das  BFM  machte der Beschwerdeführer im Wesentlichen Folgendes geltend: Er  sei  in  C._______  geboren  worden,  seine  Familie  (Vater  ethnischer  Pashtune,  Mutter  Tadschikin)  sei  aber  nach  Pakistan  geflohen,  als  er  noch sehr klein gewesen sei. Mit fünf oder sechs Jahren sei er mit seiner  Familie nach Afghanistan  zurückgekehrt, wo sie  zunächst  in C._______  gelebt und im Jahre 2002 nach D._______ umgezogen seien. Sein Vater  sei Mitglied der Islamischen Partei Afghanistans (Hezb­e­Islam) gewesen,  nach seiner Rückkehr aus Pakistan aber aus der Partei ausgetreten und  dann  als  Lehrer  tätig  gewesen.  Anfangs  2007  hätten  Gesandte  des  Parteiführers  Gulbuddin  Hekmatyar  seinen  Vater  aufgesucht  und  ihn  dazu aufgefordert,  der Partei wieder  beizutreten. Dieser  habe  sich  aber  geweigert,  worauf  er  am  Montag,  den  (…)  2007,  in  D._______  erschossen worden sei. Eine Woche nach dem Tod seines Vaters sei er  von  zwei  Personen  aufgesucht  worden,  welche  ihn  aufgefordert  hätten,  der Partei beizutreten und für sie gegen das Regime zu kämpfen. Er sei  von diesen bedroht worden, sie würden ihn töten, falls er nicht mitmachen  würde. Diesen Vorfall  habe  er  seiner Mutter  berichtet  und  zwei  bis  drei  Tage später sei er mit ihr nach Kabul gereist, um die Situation mit seinem  Onkel  zu  besprechen.  Dieser  sei  der  Meinung  gewesen,  er  solle  Afghanistan verlassen. Mit Hilfe eines Freundes des Onkels, welcher ihm  (dem Beschwerdeführer) das nötige Geld für die Ausreise geliehen habe,  sei  es  ihm,  nachdem  er  sich  drei  bis  vier  Monate  bei  seinem Onkel  in  Kabul  versteckt  gehalten  habe,  möglich  gewesen,  Afghanistan  zu  verlassen. Die ganze Reise sei von einem Schlepper organisiert worden,  welcher einen gefälschten Pass besorgt habe. Als der Beschwerdeführer  in Europa in den Zug eingestiegen sei, habe ihm der Schlepper den Pass  abgenommen. Anlässlich  der  Anhörung  am  22.  August  2007  reichte  der  Beschwerdeführer  eine  Kopie  seiner  Identitätskarte  (Tazkara)  zu  den  Akten;  das  Original  sei  von  seinem  Onkel  in  Afghanistan  abgeschickt 

E­6753/2007 worden  und  werde  nachgereicht,  sobald  er  es  erhalten  werde.  Einen  Pass  habe  er  nie  besessen  und  auch  nie  beantragt.  Das  Original  der  Tazkara wurde nicht – wie in Aussicht gestellt – zu den Akten gereicht. B.  Mit Verfügung vom 6. September 2007 (eröffnet  tags darauf)  lehnte das  BFM  das  Asylgesuch  des  Beschwerdeführers  ab  und  ordnete  seine  Wegweisung aus der Schweiz  sowie den Vollzug an. Den ablehnenden  Asylentscheid  begründete  die  Vorinstanz  damit,  dass  die  Verfolgungsvorbringen des Beschwerdeführers den Anforderungen an die  Glaubhaftigkeit  gemäss  Art.  7  des  Asylgesetzes  vom  26. Juni  1998  (AsylG,  SR  142.31)  nicht  standhalten  würden  und  er  daher  die  Flüchtlingseigenschaft gemäss Art. 3 AsylG nicht erfülle. Der Vollzug der  Wegweisung  sei  zulässig,  zumutbar  und  möglich.  Für  die  detaillierte  Begründung wird, soweit wesentlich, auf die Erwägungen verwiesen. C.  Mit  Eingabe  vom  5.  Oktober  2007  erhob  der  Beschwerdeführer  Beschwerde  beim  Bundesverwaltungsgericht  und  beantragte,  der  vor­ instanzliche  Entscheid  sei  aufzuheben  und  ihm  Asyl  zu  gewähren.  In  einem  sinngemässen  Eventualantrag  verlangte  er  die  Feststellung  der  Unzulässigkeit  und  der Unzumutbarkeit  des  Vollzuges  der Wegweisung  aus der Schweiz sowie die vorläufige Aufnahme. In prozessualer Hinsicht  beantragte er die Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege. D.  Mit  Zwischenverfügung  vom  18.  Oktober  2007  stellte  das  Bundesverwaltungsgericht  den  legitimen  Aufenthalt  des  Beschwerdeführers während  des Beschwerdeverfahrens  fest,  hiess  das  Gesuch  um  Gewährung  der  unentgeltlichen  Prozessführung  gut,  verzichtete  auf  die  Erhebung  eines  Kostenvorschusses  und  setzte  der  Vorinstanz Frist zur Einreichung einer Vernehmlassung.  E.  Mit  Vernehmlassung  vom  23.  Oktober  2007,  welche  dem  Beschwerdeführer am 26. Oktober 2007 zur Kenntnis und Stellungnahme  gebracht  wurde,  beantragte  die  Vorinstanz  die  Abweisung  der  Beschwerde.  Für  die  detaillierte  Begründung  wird  auf  die  Erwägungen  verwiesen.  Der  Beschwerdeführer  machte  von  seinem  Recht  auf  Stellungnahme keinen Gebrauch. 

E­6753/2007 F.  Mit  Eingaben  vom  22.  September  2008,  14.  Oktober  2010  sowie  6.  Januar  2011  ergänzte  der  Beschwerdeführer  seine  Beschwerde  und  reichte  weitere  Beweismittel  (Parteiausweis  des  Vaters  im  Original;  Schulzeugnis des 10.­12. Schuljahres  im Original; Zeitungsartikel  [Kopie  und  Original  mit  Übersetzung];  Haftbefehl  bezüglich  Bruder  des  Beschwerdeführers; Fotografien des verletzten Onkels; Kopie des Passes  des Onkels; Arztbericht bezüglich Onkel) zu den Akten. Auf den Inhalt der  Ergänzungen  und  die  Beweismittel  wird,  soweit  wesentlich,  in  den  Erwägungen eingegangen.  G.  Mit  Zwischenverfügung  vom  24.  Juni  2011  lud  das  Bundesverwaltungsgericht  die  Vorinstanz  zu  einem  weiteren  Schriftenwechsel ein und machte diese auf das Grundsatzurteil vom 16.  Juni  2011  (E­7625/2008)  aufmerksam,  in  welchem  das  Bundesverwaltungsgericht  eine  aktualisierte  Lageanalyse  betreffend  die  Sicherheitslage  und  die  humanitäre  Situation  in  Afghanistan  vorgenommen hat. H.  Mit  Vernehmlassung  vom 11.  Juli  2011, welche  dem Beschwerdeführer  am 21. Juli 2011 zur Kenntnisnahme zugestellt wurde, hielt das BFM an  seiner Verfügung vom 6. September 2007 fest.  Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1.  1.1. Gemäss Art. 31 des Verwaltungsgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005  (VGG, SR 173.32) beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Beschwerden  gegen Verfügungen nach Art. 5 des Bundesgesetzes vom 20. Dezember  1968  über  das  Verwaltungsverfahren  (VwVG,  SR 172.021).  Das  BFM  gehört zu den Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz  des  Bundesverwaltungsgerichts.  Eine  das  Sachgebiet  betreffende  Ausnahme  im  Sinne  von  Art. 32  VGG  liegt  nicht  vor.  Das  Bundesverwaltungsgericht  ist  daher  zuständig  für  die  Beurteilung  der  vorliegenden  Beschwerde  und  entscheidet  auf  dem  Gebiet  des  Asyls 

E­6753/2007 endgültig,  ausser  bei  Vorliegen  eines  Auslieferungsersuchens  des  Staates,  vor  welchem  die  beschwerdeführende  Person  Schutz  sucht  (Art. 105 des Asylgesetzes vom 26. Juni 1998 [AsylG, SR 142.31]; Art. 83  Bst. d  Ziff. 1  des  Bundesgerichtsgesetzes  vom  17. Juni  2005  [BGG,  SR 173.110]). 1.2. Das  Verfahren  richtet  sich  nach  dem  VwVG,  dem  VGG  und  dem  BGG, soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6  AsylG). 1.3.  Die  Beschwerde  ist  frist­  und  formgerecht  eingereicht.  Der  Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist  durch  die  angefochtene  Verfügung  besonders  berührt  und  hat  ein  schutzwürdiges  Interesse  an  deren  Aufhebung  beziehungsweise  Änderung.  Er  ist  daher  zur  Einreichung  der  Beschwerde  legitimiert  (Art. 105 AsylG i.V.m. Art. 37 VGG und Art. 48 Abs. 1, 50 und 52 VwVG).  Auf die Beschwerde ist einzutreten. 2.  Mit  Beschwerde  kann  die  Verletzung  von  Bundesrecht,  die  unrichtige  oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts und  die Unangemessenheit gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG). 3.  3.1.  Gemäss  Art. 2  Abs. 1  AsylG  gewährt  die  Schweiz  Flüchtlingen  grundsätzlich  Asyl.  Flüchtlinge  sind  Personen,  die  in  ihrem Heimatstaat  oder  im Land,  in dem sie zuletzt wohnten, wegen  ihrer Rasse, Religion,  Nationalität,  Zugehörigkeit  zu  einer  bestimmten  sozialen  Gruppe  oder  wegen ihrer politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt  sind  oder  begründete  Furcht  haben,  solchen  Nachteilen  ausgesetzt  zu  werden. Als  ernsthafte Nachteile  gelten  namentlich  die Gefährdung  des  Leibes,  des  Lebens  oder  der  Freiheit  sowie  Massnahmen,  die  einen  unerträglichen  psychischen  Druck  bewirken.  Den  frauenspezifischen  Fluchtgründen ist Rechnung zu tragen (Art. 3 AsylG). 3.2.  Wer  um  Asyl  nachsucht,  muss  die  Flüchtlingseigenschaft  nachweisen  oder  zumindest  glaubhaft  machen.  Diese  ist  glaubhaft  gemacht,  wenn  die  Behörde  ihr  Vorhandensein  mit  überwiegender  Wahrscheinlichkeit  für  gegeben  hält.  Unglaubhaft  sind  insbesondere  Vorbringen, die in wesentlichen Punkten zu wenig begründet oder in sich  widersprüchlich sind, den Tatsachen nicht entsprechen oder massgeblich 

E­6753/2007 auf  gefälschte  oder  verfälschte  Beweismittel  abgestützt  werden  (Art. 7  AsylG). 4.  4.1. Die Vorinstanz begründete  ihren ablehnenden Asylentscheid damit,  dass es sich bei den Vorbringen des Beschwerdeführers hinsichtlich der  Ermordung seines Vaters vom (…) 2007 durch Mitglieder der Islamischen  Partei  und  der  daraus  abgeleiteten  Reflexverfolgung  des  Beschwerdeführers um ein Konstrukt handle. So sei er erst zwei oder drei  Tage, nachdem er bedroht worden sei, nach Kabul geflohen, wobei eine  Person  unter  den  geltend  gemachten  Umständen  erwartungsgemäss  bereits  kurz  nach  dem  Abzug  der  Verfolger  untergetaucht  wäre.  Ausserdem  sei  die  Schilderung  des  Beschwerdeführers  hinsichtlich  der  behaupteten  Begegnung  mit  den  zwei  Parteimitgliedern  auffällig  substanzlos  ausgefallen.  Er  reduziere  seine  Schilderung  auf  das  Anführen  von  "Allgemeinplätzen".  Es  mangle  ihr  an  Konkretisierung,  Differenziertheit  sowie  an  Realkennzeichen.  Weiter  habe  der  Beschwerdeführer  zuerst  angegeben,  sein  Vater  sei  am  (…)  2007  erschossen worden; anlässlich der Anhörung habe er plötzlich ausgesagt,  sein  Vater  sei  allenfalls  am  (…)  2007  getötet  worden.  Die  Verfolgungsvorbringen  des  Beschwerdeführers  hielten  somit  den  Anforderungen an die Glaubhaftigkeit gemäss Art. 7 AsylG nicht stand, so  dass ihre Asylrelevanz nicht geprüft werden müsse.  4.2.  In seiner Rechtsmitteleingabe wandte der Beschwerdeführer ein, er  sei  kurz  nachdem er  die Drohungen erhalten habe,  nach Kabul  gereist.  Die Organisation der Reise habe dann aber länger gedauert, weshalb er  sich  einige Zeit  in Kabul  versteckt  gehalten  habe. Man  könne  ihm aber  nicht vorwerfen,  längere Zeit zu Hause geblieben zu sein. Des Weiteren  habe  er  klar  und  deutlich  gesagt,  sein  Vater  sei  an  einem Montag  auf  offener Strasse erschossen worden. Er habe nach der Anhörung seinen  Onkel  kontaktiert,  welcher  ihm  bestätigt  habe,  dass  sein  Vater  am  Montag,  den  (…)  März  2007,  erschossen  worden  sei.  Da  die  Sicherheitslage  in  Afghanistan  so  prekär  sei,  scheine  die  Furcht  des  Beschwerdeführers  vor  ernsthaften  Nachteilen  und  willkürlichen  Handlungen der Islamischen Partei objektiv betrachtet sehr plausibel und  nachvollziehbar.  Aufgrund  der  starken  Position  der  Islamisten  im Osten  des Landes könne sehr wohl von einer mittelbaren staatlichen Verfolgung  gesprochen werden,  gegen welche  der Staat  nicht  fähig  und  bereit  sei,  den  Beschwerdeführer  genügend  zu  schützen.  Daher  seien  die 

E­6753/2007 geäusserten  Befürchtungen  des  Beschwerdeführers  als  objektiv  begründet  und  entsprechend  asylrelevant  zu  qualifizieren.  Dem  Beschwerdeführer sei gestützt auf Art. 3 AsylG Asyl zu gewähren.  4.3.  In  ihrer  Vernehmlassung  vom  23.  Oktober  2007  beantragte  die  Vorinstanz  die  Ablehnung  der  Beschwerde  und  verwies  vollumfänglich  auf  ihre  bisherigen  Standpunkte.  Ausserdem  nahm  sie  Stellung  zu  den  durch den Beschwerdeführer eingereichten Beweismitteln (Zeitungsartikel  aus  der  "Jawannan­e­Afghan"  und  Parteiausweis  des  Vaters  [beide  in  Kopie]). Diese seien nicht geeignet, die Korrektheit der Erwägungen des  BFM  in  seiner  Verfügung  vom  6.  September  2007  hinsichtlich  der  Unglaubhaftigkeit  der  vom  Beschwerdeführer  behaupteten  Reflexverfolgung fraglich erscheinen zu lassen.   4.4.  Mit  Beschwerdeergänzung  vom  22.  September  2008  reichte  der  Beschwerdeführer  das  Original  des  Parteiausweises  seines  Vaters,  die  Zeitung,  die  über  den  Vorfall  der  Tötung  des  Vaters  berichte,  sein  Schulzeugnis  des  10.,11.  und  12.  Schuljahres  im  Original  sowie  den  Briefumschlag, mit welchem er diese Beweismittel erhalten habe, zu den  Akten. Am 14. Oktober 2010 machte er in einer weiteren Beschwerdeergänzung  auf die Situation  seines  jüngeren Bruders, E._______, aufmerksam, auf  welchen ein ­ wenn auch erfolgloses ­ Attentat verübt worden und der aus  der Stadt  Jalalabad  geflohen  sei.  Seine Mutter  habe erfahren,  dass  ein  Haftbefehl  gegen  den  Bruder  vorliege,  welchen  er  als  Beweismittel  beibrachte. Weiter machte der Beschwerdeführer geltend, der Onkel, bei  welchem er vor seiner Ausreise in Kabul Zuflucht gefunden habe, sei auf  einem  Hochzeitsfest  durch  einen  gezielten  Schuss  verletzt  worden,  worauf  er  sich  in medizinische Behandlung  nach  Indien  begeben  habe.  Zudem  liess  der  Beschwerdeführer  den  schon  früher  in  Aussicht  gestellten  angeblichen Original­Zeitungsartikel  bezüglich  der  Ermordung  seines  Vaters  zu  den  Akten  reichen.  Ausserdem  machte  der  Beschwerdeführer  auf  eine  Mitteilung  der  Schweizerischen  Flüchtlingshilfe  (SFH)  vom  21.  September  2010  aufmerksam,  welche  über  die  schlechte  Sicherheitslage,  Gewalt,  Hunger  und  Korruption  in  Afghanistan berichte. Mit  Eingabe  vom  6.  Januar  2011  brachte  der  Beschwerdeführer  zur  Untermauerung  seiner  Schilderungen  drei  Fotografien  des  verletzten  Onkels, einen ärztlichen Bericht des Krankenhauses Apollo in New Delhi 

E­6753/2007 sowie die Kopie des Passes des Onkels bei. Mit  Beschwerdeergänzung  vom  2.  Mai  2011  bat  der  Beschwerdeführer  um ein  rasches Urteil  und  erklärte,  sein Bruder  sei  seit  dem Vorfall mit  seinem Onkel verschwunden und niemand wisse, ob er noch am Leben  sei.  4.5.  Mit  Zwischenverfügung  vom  24.  Juni  2011  machte  das  Bundesverwaltungsgericht  die  Vorinstanz  auf  das  Grundsatzurteil  vom  16.  Juni  2011  (E­7625/2008)  aufmerksam,  in  welchem  dieses  eine  aktualisierte  Lageanalyse  betreffend  die  Sicherheitslage  und  die  humanitäre Situation  in Afghanistan  vorgenommen  hat,  und  setzte  Frist  zur erneuten Vernehmlassung. 4.6.  In  der  Vernehmlassung  vom  11.  Juli  2011  hielt  die  Vorinstanz  an  ihren  bisherigen  Standpunkten  fest,  ohne  inhaltlich  auf  die  neue  Praxis  des  Bundesverwaltungsgerichts  gemäss  Grundsatzurteil  vom  16.  Juni  2011 einzugehen.  5.   5.1.  Glaubhaft  sind  die  Vorbringen  eines  Asylsuchenden  grundsätzlich  dann,  wenn  sie  genügend  substanziiert,  in  sich  schlüssig  und  plausibel  sind.  Sie  dürfen  sich  nicht  in  vagen  Schilderungen  erschöpfen,  in  wesentlichen Punkten nicht widersprüchlich  sein oder der  inneren Logik  entbehren und auch nicht den Tatsachen oder der allgemeinen Erfahrung  widersprechen.  Darüber  hinaus  muss  die  gesuchstellende  Person  persönlich glaubwürdig erscheinen, was insbesondere dann nicht der Fall  ist, wenn sie ihre Vorbringen auf gefälschte oder verfälschte Beweismittel  abstützt, aber auch dann, wenn sie wichtige Tatsachen unterdrückt oder  bewusst  falsch  darstellt,  im  Laufe  des  Verfahrens  Vorbringen  auswechselt,  steigert  oder  unbegründet  nachschiebt,  mangelndes  Interesse  am  Verfahren  zeigt  oder  die  nötige  Mitwirkung  verweigert.  Glaubhaftmachung bedeutet  ferner –  im Gegensatz zum strikten Beweis  – ein  reduziertes  Beweismass  und  lässt  durchaus  Raum  für  gewisse  Einwände  und  Zweifel  an  den  Vorbringen  des  Gesuchstellers.  Entscheidend ist, ob im Rahmen einer Gesamtwürdigung die Gründe, die  für  die  Richtigkeit  der  Sachverhaltsdarstellung  des  Asylsuchenden  sprechen,  überwiegen  oder  nicht.  Dabei  ist  auf  eine  objektivierte  Sichtweise abzustellen  (vgl. Art. 7 Abs. 2 und 3 AsylG; Entscheidungen 

E­6753/2007 und  Mitteilungen  der  Schweizerischen  Asylrekurskommission  [EMARK]  2005 Nr. 21 E. 6.1 S. 190 f.). 5.1.1.  5.1.2. Das Bundesverwaltungsgericht gelangt nach einlässlicher Prüfung  zur  Erkenntnis,  dass  die  in  der  angefochtenen  Verfügung  getroffene  Glaubhaftigkeitsprüfung  zu  stützen  ist.  Zur  Vermeidung  von  Wiederholungen  kann  auf  die  zutreffenden  Erwägungen  verwiesen  werden. Der Vorinstanz  ist  insbesondere  in  ihrer Feststellung zu  folgen,  wonach  die  Schilderung  des  Beschwerdeführers  hinsichtlich  der  behaupteten Begegnung mit den zwei Mitgliedern der Islamischen Partei,  welche  ihn  bedroht  hätten,  auffällig  substanzlos  sei.  Dem  ist  überdies  anzufügen, dass es den Schilderungen des Beschwerdeführers nicht nur  hinsichtlich  dieser  Begegnung  sondern  ganz  allgemein  an  Substanz,  Differenziertheit sowie an Realkennzeichen mangelt. So beantwortete der  Beschwerdeführer  beispielsweise  Fragen  zu  seinem  Alltag  lediglich  oberflächlich und kurz (vgl. vorinstanzliche Akten A10/20 S. 2). Auch auf  die  Aufforderung  hin,  detailliert  die  Vorfälle  zu  schildern,  welche  ihn  bewogen  hätten,  aus  der  Heimat  auszureisen,  antwortete  er  kurz  und  oberflächlich  (vgl.  A10/20  S.  9).  Den  Schilderungen  mangelt  es  ausserdem  teilweise  an  Logik;  so  zum  Beispiel  bei  der  Aussage,  sein  Vater sei auf einem Hügel namens F._______ begraben worden, weil alle  Märtyrer  dort  begraben würden.  Auf  die  Frage,  ob  sein  Vater  denn  ein  Märtyrer  gewesen  sei,  antwortete  der Beschwerdeführer,  "Vielleicht war  er einer. Er  ist  ja umgebracht worden" (vgl. A10/20 S. 10). An mehreren  Stellen  widersprach  sich  der  Beschwerdeführer  zudem;  so  sagte  er  während  der Anhörung  aus,  es  sei  in  den Medien  nicht  über  den Mord  seines Vaters berichtet worden, es werde grundsätzlich nur über Vorfälle  geschrieben, in welche hochrangige Beamte oder Minister involviert seien  (vgl.  A10/20  S.  11).  Im  Beschwerdeverfahren  reichte  er  dann  jedoch  einen  Zeitungsartikel  ein,  in  welchem  über  den  Tod  des  Vaters  sogar  unter  Nennung  des  Namens  berichtet  werde.  Weiter  führte  der  Beschwerdeführer  aus,  er  nenne  alle  Daten  nach  der  abendländischen  Zeitrechnung,  da  Afghanistan  seit  der  Ankunft  der  Amerikaner  die  europäische Zeitrechnung übernommen und er seit 2003 nur noch diese  benutzt habe (vgl. A10/20 S. 18). Als er  jedoch aufgefordert wurde, den  ungefähren Monat im Jahr 2005 zu nennen, als er erfahren habe, dass er  die Aufnahmeprüfungen an die Universität nicht bestanden habe, konnte  er  sich  nur  vage  und  lediglich  in  afghanischer  Zeitrechnung  erinnern.  Auch  die  Aussagen  bezüglich  der  Ermordung  seines  Vaters  fielen  zu 

E­6753/2007 oberflächlich  aus.  So mutet  die  Aussage,  er  wisse,  dass  sein  Vater  an  einem Montag ermordet worden sei, da der Montag im Islam ein heiliger  Tag  sei,  seltsam  an.  Abschliessend  ist  im  Rahmen  der  Glaubhaftigkeitsprüfung  zu  berücksichtigen,  dass  es  sich  beim  Beschwerdeführer gemäss Akten um einen für afghanische Verhältnisse  überdurchschnittlich  gebildeten,  jungen Mann  handelt,  der  12  Jahre  die  Schule besucht hat. Die  in  der  Beschwerdeschrift  angeführten  Entkräftungsversuche  und  Gegenargumente überzeugen nicht und bleiben erfolglos. Sie erschöpfen  sich weitgehend in blossen Bekräftigungen und Gegen­ beziehungsweise  Schutzbehauptungen  (Verweise  auf  die  allgemeine  Lage  in Afghanistan  und die Machtstellung der Taliban sowie auf die prekäre Sicherheitslage)  und  weisen  kaum  substantielle  Verwertbarkeit  auf.  Auch  die  vom  Beschwerdeführer  eingereichten  Beweismittel  vermögen  die  Glaubhaftigkeit  seiner  Vorbringen,  insbesondere  unter  Berücksichtigung  der zahlreichen Ungereimtheiten, nicht genügend zu stützen. So handelt  es  sich  dabei  weitgehend  um  Beweismittel,  denen  nur  ein  tiefer  Beweiswert  zukommt,  da  sie  sich  leicht  fälschen  lassen  (z.  B.  Zeitungsartikel,  Kopie  der  Tazkara,  Schulzeugnis,  Parteiausweis,  Haftbefehl  des  Bruders).  Auch  die  Arztberichte  und  Fotografien  des  Onkels  vermögen  bezüglich  der  Gefährdung  des  Beschwerdeführers  nichts  auszusagen.  Abschliessend  ist  zudem  festzuhalten,  dass  die  Identität des Beschwerdeführers nach wie vor nicht belegt ist.  5.2.  Zusammenfassend  ergibt  sich,  dass  der  Beschwerdeführer  keine  flüchtlingsrechtlich  beachtlichen  Benachteiligungen  oder  Befürchtungen  hat  glaubhaft  machen  können  und  somit  die  Voraussetzungen  für  die  Zuerkennung  der  Flüchtlingseigenschaft  nicht  erfüllt  sind.  Es  erübrigt  sich,  auf  die  weiteren  Ausführungen  in  der  Beschwerde  und  die  eingereichten Beweismittel im Einzelnen vertiefter einzugehen, zumal sie  nicht  zu  einem  anderen Entscheid  zu  führen  vermögen.  Die  Vorinstanz  hat daher das Asylgesuch zu Recht abgelehnt. 6.  6.1. Lehnt  das Bundesamt  das Asylgesuch  ab  oder  tritt  es  darauf  nicht  ein,  so  verfügt  es  in  der  Regel  die Wegweisung  aus  der  Schweiz  und  ordnet den Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit  der Familie (Art. 44 Abs. 1 AsylG).

E­6753/2007 6.2. Der Beschwerdeführer  verfügt weder  über  eine  ausländerrechtliche  Aufenthaltsbewilligung  noch  über  einen  Anspruch  auf  Erteilung  einer  solchen. Die Wegweisung wurde demnach zu Recht angeordnet (Art. 44  Abs. 1 AsylG; BVGE 2009/50 E.9). 7.  7.1.  Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder  nicht möglich, so regelt das Bundesamt das Anwesenheitsverhältnis nach  den  gesetzlichen  Bestimmungen  über  die  vorläufige  Aufnahme  von  Ausländern  (Art. 44  Abs. 2  AsylG;  Art. 83  Abs. 1  des  Bundesgesetzes  vom 16. Dezember 2005 über die Ausländerinnen und Ausländer  [AuG,  SR 142.20]). Bezüglich  der  Geltendmachung  von  Wegweisungshindernissen  gilt  gemäss  ständiger  Praxis  des  Bundesverwaltungsgerichts  und  seiner  Vorgängerorganisation  ARK  der  gleiche  Beweisstandard  wie  bei  der  Flüchtlingseigenschaft, das heisst, sie sind zu beweisen, wenn der strikte  Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft zu machen (vgl.  WALTER  STÖCKLI,  Asyl,  in:  Uebersax/Rudin/Hugi  Yar/Geiser  [Hrsg.],  Ausländerrecht, 2. Aufl., Basel 2009, Rz. 11.148). 7.2. Der Vollzug ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche Verpflichtungen  der  Schweiz  einer Weiterreise  der  Ausländerin  oder  des  Ausländers  in  den  Heimat­,  Herkunfts­  oder  einen  Drittstaat  entgegenstehen  (Art.  83  Abs. 3 AuG). 7.2.1. So darf keine Person in irgendeiner Form zur Ausreise in ein Land  gezwungen  werden,  in  dem  ihr  Leib,  ihr  Leben  oder  ihre  Freiheit  aus  einem  Grund  nach  Art. 3  Abs. 1  AsylG  gefährdet  ist  oder  in  dem  sie  Gefahr  läuft,  zur  Ausreise  in  ein  solches  Land  gezwungen  zu  werden  (Art. 5  Abs. 1  AsylG;  vgl.  ebenso  Art. 33  Abs. 1  des  Abkommens  vom  28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge [FK, SR 0.142.30]). Gemäss  Art. 25  Abs. 3  der  Bundesverfassung  der  Schweizerischen  Eidgenossenschaft  vom  18. April  1999  (BV,  SR 101),  Art. 3  des  Übereinkommens  vom  10. Dezember  1984  gegen  Folter  und  andere  grausame,  unmenschliche  oder  erniedrigende  Behandlung  oder  Strafe  (FoK,  SR 0.105)  und  der  Praxis  zu  Art. 3  der  Konvention  vom  4. November 1950 zum Schutz der Menschenrechte und Grundfreiheiten  (EMRK,  SR 0.101)  darf  niemand  der  Folter  oder  unmenschlicher  oder  erniedrigender Strafe oder Behandlung unterworfen werden.

E­6753/2007 7.2.2. Aus den Akten und den Ausführungen in der Beschwerde ergeben  sich  keine  Anhaltspunkte,  aufgrund  derer  allenfalls  zu  schliessen  wäre,  das  BFM  habe  den  Vollzug  der Wegweisung  in  Verletzung  der  landes­  und  völkerrechtlichen  Verpflichtungen  der  Schweiz  als  zulässig  bezeichnet.  7.2.3. Der Vollzug der Wegweisung erweist sich damit als zulässig. 7.3. Gemäss Art. 83 Abs. 4 AuG kann der Vollzug für Ausländerinnen und  Ausländer  unzumutbar  sein,  wenn  sie  im  Heimat­  oder  Herkunftsstaat  aufgrund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und  medizinischer  Notlage  konkret  gefährdet  sind.  Wird  eine  konkrete  Gefährdung  festgestellt,  ist  –  unter  Vorbehalt  von  Art. 83  Abs. 7  AuG –  die vorläufige Aufnahme zu gewähren. 7.3.1. Das Bundesverwaltungsgericht  hat  sich  in  seinem zur Publikation  vorgesehenen  Grundsatzurteil  E­7625/2008  vom  16.  Juni  2011  ausführlich mit der aktuellen Lage in Afghanistan auseinandergesetzt und  hält fest, dass die Geschehnisse bis heute dauernd im Fluss sind, und die  Lage  unbeständig  und  unberechenbar  ist.  Insgesamt  ergibt  sich  ein  düsteres Bild der aktuellen Sicherheitslage in Afghanistan, und zwar über  alle Regionen hinweg. Die Experten sind sich einig, dass  in Afghanistan  Krieg  herrscht.  Das Gericht  kommt  zum Schluss,  dass  in weiten  Teilen  von  Afghanistan  –  ausser  allenfalls  in  den  Grossstädten  –  eine  derart  schlechte  Sicherheitslage  herrscht  und  schwierige  humanitäre  Bedingungen bestehen, dass die Situation als existenzbedrohend im Sinn  von Art.  83 Abs.  4 AuG  zu  qualifizieren  ist  (vgl.  E­7625/2008 E.  9.9.1).  Demgegenüber  gehört  der  Bereich  der  Hauptstadt  Kabul  trotz  vereinzelter  spektakulärer  Anschläge  weiterhin  zu  den  relativ  stabilen  Landesteilen. Somit  ist  die Situation  in  der Hauptstadt  etwas  anders  zu  beurteilen. Dort hat sich die Sicherheitslage im Verlauf des vergangenen  Jahres  nicht  weiter  verschlechtert  und  die  humanitäre  Situation  ist  im  Vergleich  zu  den  übrigen  Gebieten  etwas  weniger  dramatisch.  Der  Vollzug der Wegweisung nach Kabul kann demnach unter Umständen als  zumutbar  qualifiziert  werden  (vgl.  E­7625/2008  E.  9.9.2).  Solche  Umstände  könnten  namentlich  dann  gegeben  sein,  wenn  es  sich  beim  Rückkehrer  um  einen  jungen,  gesunden  Mann  handle.  Angesichts  der  bisher  aufgezeigten  konstanten  Verschlechterung  der  Lage  über  die  vergangenen Jahre hinweg und der auch  in Kabul schwierigen Situation  verstehe es sich aber von selbst, dass die bereits in EMRAK 2003 Nr. 10  formulierten  strengen Bedingungen  in  jedem Einzelfall  sorgfältig  geprüft 

E­6753/2007 und erfüllt  sein müssten, um einen Wegweisungsvollzug nach Kabul als  zumutbar  zu  qualifizieren.  Unabdingbar  sei  in  erster  Linie  ein  soziales  Netz,  das  sich  im  Hinblick  auf  die  Aufnahme  und  Wiedereingliederung  des  Rückkehrers  als  tragfähig  erweise.  Ohne  Unterstützung  durch  Familie oder Bekannte würden die schwierigen Lebensverhältnisse auch  in  Kabul  unweigerlich  in  eine  existenzielle  beziehungsweise  lebensbedrohende  Situation  führen.  Für  einen  Rückkehrer  aus  Europa  bestehe aufgrund der Vermutung, dass er Devisen auf sich trage, gleich  nach seiner Ankunft in Kabul ein erhöhtes Risiko, entführt oder überfallen  zu  werden.  Verfüge  er  auf  der  anderen  Seite  über  keine  genügenden  finanziellen Mittel,  hätte  er  ohne  soziale  Vernetzung  kaum Aussicht  auf  eine zumutbare Unterkunft. Auch bei der Arbeitssuche sei die Einstellung,  selbst  von  unqualifizierten  Arbeitskräften,  regelmässig  von  persönlichen  Beziehungen  abhängig.  Eine  die  Gesundheit  nur  einigermassen  garantierende  Ernährung  wäre  ohne  die  Hilfe  von  nahestehenden  Personen  ebenfalls  kaum  möglich,  und  der  Zugang  zu  sauberem  Trinkwasser  schwierig; Unterstützungsmassnahmen der Regierung oder  internationaler Organisationen könnten  laut zuverlässigen Quellen daran  nichts  ändern.  Kämen  in  einer  solchen  Situation  noch  gesundheitliche  Umstellungsschwierigkeiten  hinzu,  geriete  auch  ein  junger  gesunder  Mann ohne soziale Vernetzung unweigerlich innert absehbarer Zeit in ein  existenzbedrohende Situation (vgl. a.a.O. E. 9.9.1 f.).  7.3.2. Der Beschwerdeführer macht geltend, er stamme aus C._______,  Provinz  Kunar,  habe  aber  seit  2002  zusammen  mit  seiner  Familie  in  D._______ gelebt. Gemäss der soeben dargelegten Rechtsprechung des  Bundesverwaltungsgerichts  ist  von  der  Unzumutbarkeit  des  Wegweisungsvollzugs dorthin auszugehen.  7.3.3.  Bei  dieser  Sachlage  stellt  sich  die  Frage,  ob  dem  Beschwerdeführer  allenfalls  eine  Aufenthaltsalternative  in  Kabul  zur  Verfügung  steht.  Die  Bejahung  einer  zumutbaren  innerstaatlichen  Aufenthaltsalternative  in  Kabul  setzt  insbesondere  die  dortige  Existenz  eines  tragfähigen  Beziehungsnetzes,  die  konkrete  Möglichkeit  der  Sicherung  des  Existenzminimums  sowie  eine  gesicherte  Wohnsituation  voraus (vgl. Ausführungen unter 7.3.1).  7.3.4. Beim Beschwerdeführer  handelt  es  sich  gemäss Akten  um einen  alleinstehenden,  jungen  und  gesunden  Mann,  der  über  eine,  für  afghanische  Verhältnisse,  überdurchschnittliche  Schulbildung  verfügt.  Gearbeitet  habe  er  nie,  da  er  zur Schule  gegangen  sei  und  noch  habe 

E­6753/2007 studieren wollen. Er gibt an, nie in Kabul Wohnsitz gehabt zu haben; vor  seiner  Ausreise  habe  er  sich  während  drei  bis  vier Monaten  bei  einem  Onkel in Kabul versteckt gehalten. Dessen Haus habe er während dieser  Zeit  kaum  verlassen.  Anlässlich  der  Befragung  zur  Person  gab  er  ausserdem  an,  noch  drei  weitere Onkel mütterlicherseits  zu  haben,  die  alle in Kabul lebten (vgl. A1 S. 4). Das Bundesverwaltungsgericht geht nicht davon aus, dass diese in Kabul  lebenden Verwandten ein genügend tragfähiges Beziehungsnetz in Kabul  darstellen.  Zwar  habe  der  Beschwerdeführer  vorübergehend  bei  einem  Onkel dort gelebt. Aus den Akten ergeben sich allerdings keine Angaben  über die finanzielle Situation dieses Onkels, welche es erlauben würden,  Mutmassungen  über  die  konkreten  Möglichkeiten  der  Sicherung  des  Existenzminimums  des  Beschwerdeführers  anzustellen.  Die  Tatsache,  dass  der  Beschwerdeführer  finanziell  nie  von  seinem Onkel  unterstützt  wurde  und  selbst  das Geld  für  die  Finanzierung  der Ausreise  nicht  von  diesem  bekommen  konnte,  sondern  einem  Bekannten  das  Land  seiner  Familie  als  Sicherheit  hinterlassen  musste,  um  das  Geld  geliehen  zu  bekommen,  weist  jedoch  darauf  hin,  dass  die  Sicherung  des  Existenzminimums  bei  einer  allfälligen  Wegweisung  nach  Kabul  nicht  gegeben  wäre.  Die mit  Eingaben  vom  14.  Oktober  2010  sowie  vom  6.  Januar 2011 geltend gemachte Verletzung und darauf folgende Ausreise  dieses Onkels  nach  Indien erscheint  zwar  nicht  als  sehr  glaubhaft, was  jedoch nichts an dieser Einschätzung zu ändern vermag. Aus den Akten  ergeben  sich  auch  sonst  keine  Hinweise  auf  ein  tragfähiges  Beziehungsnetz.  Die  Tatsache,  dass  der  Beschwerdeführer  vor  vier  Jahren angab, über weitere Verwandte in Kabul zu verfügen, genügt den  Kriterien  für  ein  solches  nicht.  Die  sehr  spärlichen  Ausführungen  des  BFM  im Rahmen  der Vernehmlassung  vom 11.  Juli  2011  vermögen  an  dieser  Auffassung  ebenfalls  nichts  zu  ändern.  Es  kann  demnach  auch  unter  Berücksichtigung  der  Ungereimtheiten  in  den  Akten  nicht  davon  ausgegangen  werden,  der  Beschwerdeführer  verfüge  über  ein  tragfähiges  Beziehungsnetz  in  Kabul,  weshalb  sich  ein  Vollzug  der  Wegweisung  des  Beschwerdeführers  dorthin  mithin  als  unzumutbar  erweist. 7.4.  Den  Akten  lassen  sich,  auch  unter  Berücksichtigung  der  (…)verfügung  (…)  vom  11.  August  2009,  keine  hinreichend  schwerwiegenden Umstände entnehmen, wonach der Beschwerdeführer  einen  der  Tatbestände  von  Art.  83  Abs.  7  AuG  (Ausschluss  von  der  vorläufigen  Aufnahme)  erfüllen  würde.  Nach  der  vorangehenden 

E­6753/2007 Erwägung erweist sich der Vollzug seiner Wegweisung aus der Schweiz  demzufolge  als  unzumutbar.  Die  Beschwerde  ist  diesbezüglich  gutzuheissen  und  das  BFM  anzuweisen,  den  Beschwerdeführer  in  der  Schweiz vorläufig aufzunehmen. 8.  Zusammenfassend  ist  die  Beschwerde  betreffend  Anerkennung  der  Flüchtlingseigenschaft,  Erteilung  von  Asyl  und  Aufhebung  der  Wegweisung  abzuweisen.  Hinsichtlich  der  Anordnung  des  Wegweisungsvollzugs ist sie gutzuheissen.  9.  Die Kosten des Beschwerdeverfahrens und die Parteientschädigung sind  grundsätzlich  nach  dem  Verhältnis  von  Obsiegen  und  Unterliegen  dem  Beschwerdeführer  aufzuerlegen beziehungsweise  zuzusprechen  (Art. 63  Abs. 1 und 64 Abs. 1VwVG). Der Beschwerdeführer  ist bezüglich seiner  Anträge  auf  Feststellung  der  Flüchtlingseigenschaft,  der Asylgewährung  und  der  Aufhebung  der  Wegweisung  unterlegen.  Bezüglich  der  Anordnung  des  Wegweisungsvollzugs  hat  er  obsiegt.  Praxisgemäss  bedeutet dies ein hälftiges Obsiegen. Nach dem Gesagten wären die Verfahrenskosten grundsätzlich zur Hälfte  dem  Beschwerdeführer  aufzuerlegen  (Art  63  Abs.  1  VwVG).  In  seiner  Zwischenverfügung  vom  18.  Oktober  2007  hat  das  Bundesverwaltungsgericht das Gesuch um unentgeltliche Rechtsführung  jedoch gutgeheissen, weshalb keine Verfahrenskosten zu erheben sind. Der  Beschwerdeführer  ist  im  Umfang  seines  Obsiegens  –  hier  also  praxisgemäss hälftig  ­  für die  ihm erwachsenen notwendigen Kosten zu  entschädigen (Art. 64 Abs. 1 VwVG, Art. 7 ff. VGKE). Er reichte mit seiner  Eingabe vom 14. Oktober 2010 eine Kostennote seiner Rechtsvertreterin  mit dem Gesamtrechnungsbetrag von Fr. 1130.­ ein, welche angemessen  erscheint.  Die  nach  diesem  Zeitpunkt  gemachten  Eingaben  erscheinen  nicht  als  notwendig  und  werden  entsprechend  nicht  entschädigt.  Die  durch  die  Vorinstanz  auszurichtende  Parteientschädigung  ist  auf  angemessene Fr. 565.­ (inkl. Auslagen und MwSt) festzusetzen. (Dispositiv nächste Seite)

E­6753/2007 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1.  Die  Beschwerde  wird  betreffend  Vollzug  der  Wegweisung  (Dispositivziffern 4 – 5 der angefochtenen Verfügung) gutgeheissen. Das  BFM wird angewiesen, den Beschwerdeführer vorläufig aufzunehmen. Im  Übrigen wird die Beschwerde abgewiesen. 2.  Es werden keine Verfahrenskosten erhoben. 3.  Die  Parteientschädigung  wird  auf  gesamthaft  Fr.  565.­  festgesetzt.  Das  BFM  wird  angewiesen,  diesen  Betrag  an  den  Beschwerdeführer  auszurichten. 4.  Dieses  Urteil  geht  an  den  Beschwerdeführer,  das  BFM  und  die  zuständige kantonale Behörde. Die vorsitzende Richterin: Die Gerichtsschreiberin: Regula Schenker Senn Aglaja Schinzel  Versand:

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