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Bundesverwaltungsgericht 21.12.2011 E-6288/2011

21. Dezember 2011·Deutsch·CH·CH_BVGE·PDF·1,725 Wörter·~9 min·5

Zusammenfassung

Flughafenverfahren (Asyl und Wegweisung) | Flughafenverfahren (Asyl und Wegweisung); Verfügung des BFM vom 11. November 2011

Volltext

Bundesve rwa l t ungsge r i ch t T r i buna l   adm in istratif   f édé ra l T r i buna l e   ammin istrati vo   f ede ra l e T r i buna l   adm in istrativ   f ede ra l Abteilung V E­6288/2011 Urteil   v om   2 1 .   D e z embe r   2011 Besetzung Einzelrichterin Muriel Beck Kadima, mit Zustimmung von Richterin Gabriela Freihofer; Gerichtsschreiberin Patricia Petermann Loewe. Parteien A._______, geboren am (…), Türkei,   vertreten durch lic. iur. Urs Ebnöther, Rechtsanwalt,  (…) 8021 Zürich, Beschwerdeführer,  gegen Bundesamt für Migration (BFM), Quellenweg 6, 3003 Bern,    Vorinstanz.  Gegenstand Asyl und Wegweisung (Flughafenverfahren); Verfügung des BFM vom 11. November 2011 / N (…).

E­6288/2011 Sachverhalt: A.  Der  kurdische  Beschwerdeführer  mit  letztem  Wohnsitz  in  B._______  verliess  eigenen Angaben  zufolge  die  Türkei  am  17. Oktober  2011,  um  über Dubai  nach Sao Paulo  zu  reisen. Von  dort  – wo  er  nicht  um Asyl  nachgesucht  habe  –  sei  er  weiter  nach  Zürich  geflogen,  wo  er  am  26. Oktober 2011 am Flughafen ein Asylgesuch einreichte. Gleichentags  verweigerte  das BFM vorläufig  die Einreise  in  die Schweiz  und  ordnete  an, dass ihm für die Dauer von maximal 60 Tagen der Transitbereich des  Flughafens Zürich als Aufenthaltsort zugewiesen werde. B.  Am  29. Oktober  2011  sowie  am  7. November  2011  wurde  der  Beschwerdeführer  zu  seinen  Vorbringen  durch  das  BFM  befragt  bzw.  angehört.  Dabei  führte  er  aus,  dass  sein  Vater  am  (…)  2004  von  Anhängern  der  TIKKO  (Türkiye  İşçi  Köylü  Kurtuluş  Ordusu,  Guerilla­ Gruppe  der  TKP/ML  [Türkiye  Komünist  Partisi/Marksist­Leninist])  erschossen  worden  sei.  Die  Behörden  hätten  sich  damals  nicht  um  diesen  Fall  gekümmert;  erst  am  nächsten  Morgen  sei  die  Polizei  am  Tatort  erschienen  und  habe  mit  ihren  Untersuchungen  begonnen.  Als  Täter hätten sie einen Mann namens C._______ in Betracht gezogen, der  später  ermordet  worden  sei.  Erst  sehr  viel  später  habe  der  Beschwerdeführer  mit  eigenen  Recherchen  begonnen,  indem  er  den  Bruder von C._______, ein Funktionär der TIKKO, ungefähr im Dezember  2010 besucht und befragt habe. Daraufhin habe er mehrmals telefonische  Drohungen und ca. drei bis vier schriftliche telefonische Kurzmitteilungen  (SMS)  erhalten,  er  solle  sich  nicht  nach  der  Ermordung  seines  Vaters  erkundigen.  Nachdem  er  sein  Dorf  verlassen  und  das  Haus  dort  leer  gestanden habe, sei dort ein Zettel deponiert worden, er solle nicht mehr  zurückkehren. Die Familie habe wegen des Todes des Vaters den Staat angeklagt, weil  dieser seine Bürger nicht schütze und sich nicht umgehend um den Fall  gekümmert  habe.  Die  Familienmitglieder  würden  vermuten,  dass  hinter  der Tötung des Vaters der Staat stehe, weil Ersterer kurdischer Herkunft  und Mitglied  der  damaligen  DEHAP  (Demokratik  Halk  Partisi)  gewesen  sei.  C._______  sei  nach  dieser  Meinung  nur  ein  Strohmann  gewesen,  weshalb er später habe sterben müssen. Darüber  hinaus  berichtete  der  Beschwerdeführer,  dass  sein  Bruder  am  (…) 2004 – 40 Tage nach dem Tod des Vaters – von mehreren Personen 

E­6288/2011 angehalten worden sei, die seine Silberkette verlangt hätten. Nach einer  Auseinandersetzung  sei  er mit Messerstichen  verletzt worden und nach  anderthalb  Monaten  den  Verletzungen  erlegen.  Einer  der  Täter  sei  verurteilt, der andere freigesprochen worden. Als  weiteren  Asylgrund  brachte  der  Beschwerdeführer  vor,  er  habe  ­  infolge seiner Recherchen – das Parteilokal der BDP (Barış ve Demokrasi  Partisi)  besucht  ohne  Mitglied  zu  sein.  Auch  deswegen  habe  er  Drohanrufe  erhalten.  Zudem  habe  er  keinen  Militärdienst  geleistet  und  müsse bei einer Rückkehr mit strafrechtlichen Massnahmen rechnen. Zur  Untermauerung  seiner  Vorbringen  reichte  der  Beschwerdeführer  Kopien  von  diversen  Gerichtsdokumenten  und  Pressemitteilungen  betreffend seinen Vater ein. C.  Mit  Verfügung  vom  11. November  2011  –  eröffnet  am  folgenden  Tag –  wurde das Asylgesuch vom Bundesamt abgelehnt. Gleichzeitig wurde der  Beschwerdeführer  aus  dem  Transitbereich  des  Flughafens  Zürich  weggewiesen;  am  Tag  nach  Eintritt  der  Rechtskraft  habe  er  diesen  zu  verlassen. Als  Begründung  führte  das  BFM  aus,  dass  die  Vorbringen  nicht  den  Anforderungen an die Glaubhaftigkeit nach Art. 7 des Asylgesetzes vom  26. Juni  1998  (AsylG,  SR  142.31)  standhalten  würden.  Die  Antworten  seien  stereotyp  und  realitätsfremd.  Ferner  habe  der  Beschwerdeführer  keine  Ahnung,  wer  ihn  überhaupt  bedrohen  würde.  Zusammengefasst  würden sich die Aussagen als ein unvollständiges und  fiktives Konstrukt  erweisen,  welches  äusserst  unglaubhaft  wirke.  Den  eingereichten  Unterlagen  käme  ferner  kein  Beweiswert  zu,  da  sie  sich  auf  den  Fall  seines Vaters beziehen würden. Ferner seien die Vorbringen, so das Bundesamt, nicht als asylrelevant im  Sinne  von Art. 3 AsylG  zu qualifizieren,  da der Beschwerdeführer  keine  exponierte  Stellung  für  die  BDP  inne  gehabt  habe  und  weil  mit  der  Aufbietung zum Militärdienst keine Verfolgung im Sinne des Asylgesetzes  vorliege. Ausserdem sei der Vollzug der Wegweisung technisch möglich, zumutbar  und zulässig.

E­6288/2011 D.  Am  16. November  2011  ging  bei  der  Flughafenpolizei  Zürich  ein  Schreiben in türkischer Sprache ein. Dabei handelte es sich gemäss dem  Übersetzungsdienst  des  Bundesverwaltungsgerichts  um  ein  Urteil  der  2. Kammer des Schwurgerichts B._______ vom (…) 2011. E.  Mit Eingabe vom 18. November 2011 reichte der Beschwerdeführer über  seinen  Rechtsvertreter  beim  Bundesverwaltungsgericht  Beschwerde  gegen  die  Verfügung  vom  11. November  2011  ein.  Dabei  wurde  in  materieller  Hinsicht  beantragt,  dass  diese  Verfügung  aufzuheben,  die  Flüchtlingseigenschaft des Beschwerdeführers festzustellen und ihm Asyl  zu  gewähren  sei.  Eventualiter  sei  die  Unzulässigkeit  oder  die  Unzumutbarkeit festzustellen und die vorläufige Aufnahme anzuordnen. In  formeller Hinsicht  sei die unentgeltliche Prozessführung zu bewilligen  und  auf  die  Erhebung  eines  Kostenvorschusses  zu  verzichten.  In  der  Person des Unterzeichnenden sei ein unentgeltlicher Rechtsbeistand zu  stellen. Ferner wurde das Bundesverwaltungsgericht darum ersucht, das  beigelegte Urteil amtlich übersetzen zu lassen. Als  Begründung  wurde  im  Wesentlichen  festgehalten,  dass  der  Beschwerdeführer  aufgrund  seiner  Recherchen  auf  neue  Erkenntnisse  gestossen  und  es  daher  durchaus  realistisch  sei,  dass  die  für  den  Tod  des  Vaters  des  Beschwerdeführers  Verantwortlichen  nun  befürchten  würden,  als  solche  enttarnt  zu werden. Da  es  sich  dabei  um Mitglieder  der  Behörden  handle,  sei  es  auch  nicht  verwunderlich,  dass  sie  die  Telefonnummern  des  Beschwerdeführers  ausfindig  gemacht  und  ihn  belästigt  hätten.  Daher  seien  seine  Aussagen  als  schlüssig  zu  qualifizieren.  Bezüglich  der  Gefährdung  aufgrund  seiner  Kontakte  zur  BDP  könne  ein  Urteil  nachgereicht  werden,  das  gegen  den  Beschwerdeführer  ergangen  sei  und  belegen  dürfte,  dass  er  verfolgt  werde. Dieses habe er erst von Familienangehörigen erhalten, als er sich  schon  in  der  Schweiz  aufgehalten  habe.  Ferner  sei,  da  ein  Onkel  des  Beschwerdeführers  sich  als  Flüchtling  in  England  aufhalte,  eine  Gefährdung aufgrund einer Reflexverfolgung nicht auszuschliessen. F.  Mit  Verfügung  vom  29.  November  2011  forderte  das  Bundesverwaltungsgericht den Beschwerdeführer auf, da sich das mit der  Beschwerdeschrift  eingereichte  Urteil  als  unvollständig  erwies,  die 

E­6288/2011 fehlenden  Seiten  oder  eine  Übersetzung  der  vorliegenden  Fragmente  einzureichen.  Die  Behandlung  des  Gesuchs  um  Gewährung  der  unentgeltlichen  Rechtspflege  wurde  auf  einen  späteren  Zeitpunkt  verschoben.  Auf  die  Erhebung  eines  Kostenvorschusses  wurde  gleichzeitig verzichtet. G.  Am  12. Dezember  2011  informierte  der  Rechtsvertreter  das  Bundesverwaltungsgericht, dass es sich bei dem erwähnten Urteil um ein  Missverständnis  handle.  Tatsächlich  sei  das  Urteil  nicht  von  Familienangehörigen zu Handen des Beschwerdeführers gefaxt worden;  es sei nicht klar, von wem dieses Faxschreiben stamme. Vermutlich seien  die  Dokumente  von  türkischen  Sicherheitsbehörden  ausgestellt  und  versandt worden,  um gegen  den Beschwerdeführer  vorzugehen. Dieser  bestreite daher die Authentizität der Dokumente und die darin erhobenen  Vorwürfe. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1.  1.1. Gemäss Art. 31 des Verwaltungsgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005  (VGG, SR 173.32) beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Beschwerden  gegen Verfügungen nach Art. 5 des Bundesgesetzes vom 20. Dezember  1968  über  das  Verwaltungsverfahren  (VwVG,  SR 172.021).  Das  BFM  gehört zu den Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz  des  Bundesverwaltungsgerichts.  Eine  das  Sachgebiet  betreffende  Ausnahme  im  Sinne  von  Art. 32  VGG  liegt  nicht  vor.  Das  Bundesverwaltungsgericht  ist  daher  zuständig  für  die  Beurteilung  der  vorliegenden  Beschwerde  und  entscheidet  auf  dem  Gebiet  des  Asyls  endgültig,  ausser  –  was  vorliegend  nicht  zutrifft  –  bei  Vorliegen  eines  Auslieferungsersuchens  des  Staates,  vor  welchem  die  beschwerdeführende Person Schutz sucht (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d  Ziff. 1  des  Bundesgerichtsgesetzes  vom  17. Juni  2005  [BGG,  SR 173.110]). 1.2. Das  Verfahren  richtet  sich  nach  dem  VwVG,  dem  VGG  und  dem  BGG, soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6  AsylG).

E­6288/2011 1.3.  Die  Beschwerde  ist  frist­  und  formgerecht  eingereicht.  Der  Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist  durch  die  angefochtene  Verfügung  besonders  berührt  und  hat  ein  schutzwürdiges  Interesse  an  deren  Aufhebung  beziehungsweise  Änderung.  Er  ist  daher  zur  Einreichung  der  Beschwerde  legitimiert  (Art. 105 und Art. 108 Abs. 2 AsylG, Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 VwVG).  Auf die Beschwerde ist einzutreten. 2.  Mit  Beschwerde  kann  die  Verletzung  von  Bundesrecht,  die  unrichtige  oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts und  die Unangemessenheit gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG). 3.  Über offensichtlich unbegründete Beschwerden wird in einzelrichterlicher  Zuständigkeit  mit  Zustimmung  eines  zweiten  Richters  beziehungsweise  einer  zweiten  Richterin  entschieden  (Art. 111  Bst. e  AsylG).  Wie  nachstehend  aufgezeigt,  handelt  es  sich  vorliegend  um  eine  solche,  weshalb  der  Beschwerdeentscheid  nur  summarisch  zu  begründen  ist  (Art. 111a Abs. 2 AsylG). Gestützt  auf  Art. 111a  Abs. 1  AsylG  wurde  vorliegend  auf  die  Durchführung eines Schriftenwechsels verzichtet. 4.  4.1.  Gemäss  Art. 2  Abs. 1  AsylG  gewährt  die  Schweiz  Flüchtlingen  grundsätzlich  Asyl.  Flüchtlinge  sind  Personen,  die  in  ihrem Heimatstaat  oder  im Land,  in dem sie zuletzt wohnten, wegen  ihrer Rasse, Religion,  Nationalität,  Zugehörigkeit  zu  einer  bestimmten  sozialen  Gruppe  oder  wegen ihrer politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt  sind  oder  begründete  Furcht  haben,  solchen  Nachteilen  ausgesetzt  zu  werden (Art. 3 Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich  die  Gefährdung  des  Leibes,  des  Lebens  oder  der  Freiheit  sowie  Massnahmen,  die  einen  unerträglichen  psychischen  Druck  bewirken  (Art. 3 AsylG). 4.2.  Wer  um  Asyl  nachsucht,  muss  die  Flüchtlingseigenschaft  nachweisen  oder  zumindest  glaubhaft  machen.  Diese  ist  glaubhaft  gemacht,  wenn  die  Behörde  ihr  Vorhandensein  mit  überwiegender  Wahrscheinlichkeit  für  gegeben  hält.  Unglaubhaft  sind  insbesondere  Vorbringen, die in wesentlichen Punkten zu wenig begründet oder in sich 

E­6288/2011 widersprüchlich sind, den Tatsachen nicht entsprechen oder massgeblich  auf  gefälschte  oder  verfälschte  Beweismittel  abgestützt  werden  (Art. 7  AsylG).

E­6288/2011 5.  5.1. Der Beschwerdeführer brachte vor, aufgrund der Recherchen, die er  zum Tode seines Vaters angestellt habe, bedroht zu werden. Dies auch,  weil  er  sich  in  BDP­Räumlichkeiten  aufgehalten  und  an  Newroz­ Feierlichkeiten teilgenommen habe. 5.2. Die Vorinstanz führte hingegen in ihrer Verfügung vom 11. November  2011 aus, dass die Vorbringen weder glaubhaft noch asylrelevant seien  (vgl. dazu Bst. C). 5.3.  Eine  asylsuchende  Person  erfüllt  die  Flüchtlingseigenschaft,  wenn  sie Nachteile von bestimmter Intensität erlitten hat, bzw. mit beachtlicher  Wahrscheinlichkeit  und  in  absehbarer  Zukunft  berechtigterweise  befürchten  muss,  welche  ihr  gezielt  und  aufgrund  bestimmter  Verfolgungsmotive  zugefügt  worden  sind,  bzw.  zugefügt  zu  werden  drohen,  ohne  adäquaten  Schutz  im  Heimatland  finden  zu  können  (vgl.  dazu WALTER KÄLIN, Grundriss des Asylverfahrens, Basel/Frankfurt a. M.  1990, S. 42 ff.). 5.3.1.  Der  Beschwerdeführer  gab  an,  er  sei  aufgrund  seiner  Nachforschungen zum Tod seines Vaters mehrmals  telefonisch sowie  in  Form  von  Kurzmitteilungen  (SMS)  bedroht  worden,  obwohl  er  die  Telefonnummern  gewechselt  habe.  Ferner  sei  ein  Zettel  nach  seinem  Auszug aus seinem Dorf in dem Haus angebracht worden, wo er gewohnt  habe,  der  Anordnungen  enthalten  habe,  dass  er  nie  mehr  dorthin  zurückzukehren  solle  (vgl.  Protokoll  zur  Befragung  vom  29. Oktober  2011,  S. 11,  sowie  zur  Anhörung  vom  7. November  2011,  S. 4 ff.).  Derartige  Verfolgungsmassnahmen  sind  eindeutig  als  nicht  genügend  intensiv  zu  qualifizieren,  um  als  asylrelevant  zu  gelten.  Hinzu  kommt,  dass  wohl  zunächst  eine  Anzeigeerhebung  in  der  Türkei  angebracht  gewesen wäre, bevor um Schutz im Ausland nachgesucht wird. Da die vorgeschriebene Intensität der Verfolgung vorliegend nicht bejaht  werden kann,  ist  im Folgenden auch nicht auf die mögliche Ursache der  Drohungen  –  die  Nachforschungen  und  Kontaktaufnahme  zur  BDP –  einzugehen. 5.3.2.  Das  am  16. November  2011  bei  der  Flughafenpolizei  Zürich  eingegangene Urteil der 2. Kammer des Schwurgerichts B._______ vom  (…) 2011, dessen Kopie vom Rechtsvertreter mit der Beschwerdeschrift  dem  Bundesverwaltungsgericht  eingereicht  und  später  als  nicht 

E­6288/2011 authentisch  eingestuft  wurde,  ist  unvollständig  und  wurde  nicht  im  Original zu den Akten gelegt. Es ist daher als untauglich zu qualifizieren  und  kann  keine  Gefährdung  des  Beschwerdeführers  belegen.  Selbst  wenn  die  dort  erhobenen  Vorwürfe  gegen  ihn  stimmen  würden  –  es  wurde soweit  feststellbar dargelegt, dass der Beschwerdeführer am (…)  2011  an  einer  Veranstaltung  der  BDP  teilgenommen  und  dabei  eine  verbotene  Fahne  geschwungen  habe –,  wäre  nach  diesem  Urteil  des  Schwurgerichts  B._______  zunächst  auf  dem  dafür  vorgesehenen  Rechtsweg  dagegen  zu  rekurrieren,  bevor  es  als  Indiz  einer möglichen  Verfolgung  im  Sinne  von  Art. 3  AsylG  dienen  könnte.  Indessen  ist  vielmehr  davon  auszugehen,  dass  in  der  Türkei  kein  Verfahren  gegen  den  Beschwerdeführer  hängig  ist,  da  er  dies  ansonsten  während  der  Befragung mit Sicherheit erwähnt hätte. Hinsichtlich  der  Vermutung  des  Rechtsvertreters,  das  Urteil  stelle  ein  Komplott  gegen  den  Beschwerdeführer  dar,  namentlich  dass  hinter  dessen  Versand  ein  türkischer  Sicherheitsdienst  stecken  müsse,  stellt  sich die Frage, woher dieser Sicherheitsdienst gewusst haben soll, dass  sich  der  Beschwerdeführer  derzeit  in  der  Transitzone  des  Flughafens  Zürich  aufhält.  Aus  diesem  Grund  erscheint  diese  Anschauung  nicht  nachvollziehbar.  5.4.  In  der  Beschwerdeschrift  wurde  ferner  ausgeführt,  dass  ein  Onkel  des Beschwerdeführers als Flüchtling in England lebe, weshalb auch eine  Gefährdung  seines  Lebens  aufgrund  einer  Reflexverfolgung  nicht  auszuschliessen sei. 5.4.1.  Unter  Reflexverfolgung  versteht  man  behördliche  Belästigungen  oder Behelligungen von Angehörigen aufgrund des Umstandes, dass die  Behörden  einer  gesuchten,  politisch  unbequemen  Person  nicht  habhaft  werden  oder  schlechthin  von  deren  politischer  Exponiertheit  auf  eine  solche  auch  bei  Angehörigen  schliessen.  Der  Zweck  einer  solchen  Reflexverfolgung  kann  insbesondere  darin  liegen,  Informationen  über  effektiv gesuchte Personen zu erlangen, beziehungsweise Geständnisse  von  Inhaftierten  zu  erzwingen.  (vgl.  MARIO  GATTIKER,  Das  Asyl­  und  Wegweisungsverfahren,  3. Aufl.,  Bern  1999,  S. 72 f.  und  77 f.;  WALTER  KÄLIN,  Grundriss  des  Asylverfahrens,  Basel/Frankfurt  a. M.  1990,  S. 137 f. und S. 144 ff.). 5.4.2. Aus  den  Aussagen  des  Beschwerdeführers  ergibt  sich,  dass  ein  Onkel väterlicherseits des Beschwerdeführers in England als anerkannter 

E­6288/2011 Flüchtling lebt (vgl. Protokoll zur Befragung vom 29. Oktober 2011, S. 8);  weitere  Aussagen  zu  diesem  Onkel  oder  gar  zu  einer  möglichen  Reflexverfolgung sind in den Protokollen nicht ersichtlich. Es erübrigt sich  daher,  sich  mit  den  vorgebrachten  Vermutungen  näher  auseinanderzusetzen. 5.5. Zusammenfassend kann festgestellt werden, dass die Asylvorbringen  nicht  im Sinne von Art. 3 AsylG  relevant sind. Ob die Schilderungen als  glaubhaft einzustufen sind, kann vorliegend offen gelassen werden. 6.   6.1. Lehnt  das Bundesamt  das Asylgesuch  ab  oder  tritt  es  darauf  nicht  ein,  so  verfügt  es  in  der  Regel  die Wegweisung  aus  der  Schweiz  und  ordnet den Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit  der Familie (Art. 44 Abs. 1 AsylG). 6.2. Der Beschwerdeführer  verfügt weder  über  eine  ausländerrechtliche  Aufenthaltsbewilligung  noch  über  einen  Anspruch  auf  Erteilung  einer  solchen. Die Wegweisung wurde demnach zu Recht angeordnet (Art. 44  Abs. 1  AsylG;  Entscheidungen  und  Mitteilungen  der  Schweizerischen  Asylrekurskommission [EMARK] 2001 Nr. 21). 7.  7.1.  Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder  nicht möglich, so regelt das Bundesamt das Anwesenheitsverhältnis nach  den  gesetzlichen  Bestimmungen  über  die  vorläufige  Aufnahme  von  Ausländern  (Art. 44  Abs. 2  AsylG;  Art. 83  Abs. 1  des  Bundesgesetzes  vom 16. Dezember 2005 über die Ausländerinnen und Ausländer  [AuG,  SR 142.20]). Bezüglich  der  Geltendmachung  von  Wegweisungshindernissen  gilt  gemäss  ständiger  Praxis  des  Bundesverwaltungsgerichts  und  seiner  Vorgängerorganisation  ARK  der  gleiche  Beweisstandard  wie  bei  der  Flüchtlingseigenschaft, das heisst, sie sind zu beweisen, wenn der strikte  Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft zu machen (vgl.  WALTER  STÖCKLI,  Asyl,  in:  Uebersax/Rudin/Hugi  Yar/Geiser  [Hrsg.],  Ausländerrecht, 2. Aufl., Basel 2009, Rz. 11.148). 7.2. Der Vollzug ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche Verpflichtungen  der  Schweiz  einer Weiterreise  der  Ausländerin  oder  des  Ausländers  in 

E­6288/2011 den  Heimat­,  Herkunfts­  oder  einen  Drittstaat  entgegenstehen  (Art. 83  Abs. 3 AuG). So  darf  keine  Person  in  irgendeiner  Form  zur  Ausreise  in  ein  Land  gezwungen  werden,  in  dem  ihr  Leib,  ihr  Leben  oder  ihre  Freiheit  aus  einem  Grund  nach  Art. 3  Abs. 1  AsylG  gefährdet  ist  oder  in  dem  sie  Gefahr  läuft,  zur  Ausreise  in  ein  solches  Land  gezwungen  zu  werden  (Art. 5  Abs. 1  AsylG;  vgl.  ebenso  Art. 33  Abs. 1  des  Abkommens  vom  28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge [FK, SR 0.142.30]). Gemäss  Art. 25  Abs. 3  der  Bundesverfassung  der  Schweizerischen  Eidgenossenschaft  vom  18. April  1999  (BV,  SR 101),  Art. 3  des  Übereinkommens  vom  10. Dezember  1984  gegen  Folter  und  andere  grausame,  unmenschliche  oder  erniedrigende  Behandlung  oder  Strafe  (FoK,  SR 0.105)  und  der  Praxis  zu  Art. 3  der  Konvention  vom  4. November 1950 zum Schutz der Menschenrechte und Grundfreiheiten  (EMRK,  SR 0.101)  darf  niemand  der  Folter  oder  unmenschlicher  oder  erniedrigender Strafe oder Behandlung unterworfen werden. 7.3.  Die  Vorinstanz  wies  in  ihrer  angefochtenen  Verfügung  zutreffend  darauf hin, dass das Prinzip des  flüchtlingsrechtlichen Non­Refoulement  nur Personen schützt, die die Flüchtlingseigenschaft erfüllen. Da es dem  Beschwerdeführer  nicht  gelungen  ist,  eine  asylrechtlich  erhebliche  Gefährdung nachzuweisen oder glaubhaft zu machen, kann der  in Art. 5  AsylG  verankerte  Grundsatz  der  Nichtrückschiebung  im  vorliegenden  Verfahren  keine  Anwendung  finden.  Eine  Rückkehr  des  Beschwerdeführers in die Türkei ist demnach unter dem Aspekt von Art. 5  AsylG rechtmässig. Sodann ergeben sich weder aus den Aussagen des Beschwerdeführers  noch  aus  den  Akten  Anhaltspunkte  dafür,  dass  er  für  den  Fall  einer  Ausschaffung in den Heimatstaat dort mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit  einer  nach  Art. 3  EMRK  oder  Art. 1  FoK  verbotenen  Strafe  oder  Behandlung  ausgesetzt  wäre.  Gemäss  Praxis  des  Europäischen  Gerichtshofes  für  Menschenrechte  (EGMR)  sowie  jener  des  UN­Anti­ Folterausschusses  müsste  der  Beschwerdeführer  eine  konkrete  Gefahr  ("real  risk")  nachweisen  oder  glaubhaft machen,  dass  ihm  im Fall  einer  Rückschiebung  Folter  oder  unmenschliche  Behandlung  drohen  würde  (vgl.  EGMR  [Grosse  Kammer],  Saadi  gegen  Italien,  Urteil  vom  28. Februar 2008, Beschwerde Nr. 37201/06, §§ 124 – 127, mit weiteren  Hinweisen).  Auch  die  allgemeine  Menschenrechtssituation  im 

E­6288/2011 Heimatstaat  lässt  den  Wegweisungsvollzug  zum  heutigen  Zeitpunkt  klarerweise nicht als unzulässig erscheinen. Nach dem Gesagten ist der  Vollzug  der  Wegweisung  sowohl  im  Sinne  der  asyl­  als  auch  der  völkerrechtlichen Bestimmungen zulässig. 7.4. Gemäss Art. 83 Abs. 4 AuG kann der Vollzug für Ausländerinnen und  Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat­ oder Herkunftsstaat auf  Grund  von  Situationen  wie  Krieg,  Bürgerkrieg,  allgemeiner  Gewalt  und  medizinischer  Notlage  konkret  gefährdet  sind.  Wird  eine  konkrete  Gefährdung  festgestellt,  ist  –  unter  Vorbehalt  von  Art. 83  Abs. 7  AuG –  die vorläufige Aufnahme zu gewähren. Dem  BFM  ist  in  seiner  Einschätzung  zuzustimmen,  dass  weder  die  herrschende politische Situation noch andere  individuelle Gründe gegen  die Zumutbarkeit  der Rückführung des Beschwerdeführers  in  die Türkei  sprechen, da er jung und gesund ist und über ein breites familiäres Netz  verfügt.  In  der Beschwerdeschrift wurde  dem nichts  entgegen gehalten.  Nach dem Gesagten erweist sich der Vollzug der Wegweisung auch als  zumutbar. 7.5.  Schliesslich  obliegt  es  dem  Beschwerdeführer,  sich  bei  der  zuständigen  Vertretung  des  Heimatstaates  die  für  eine  Rückkehr  notwendigen  Reisedokumente  zu  beschaffen  (vgl.  Art. 8  Abs. 4  AsylG  und  dazu  auch  BVGE 2008/34  E. 12),  weshalb  der  Vollzug  der  Wegweisung auch als möglich zu bezeichnen ist (Art. 83 Abs. 2 AuG). 7.6. Zusammenfassend  hat  die  Vorinstanz  den Wegweisungsvollzug  zu  Recht als zulässig, zumutbar und möglich erachtet. Nach dem Gesagten  fällt  eine  Anordnung  der  vorläufigen  Aufnahme  ausser  Betracht  (Art. 83  Abs. 1 – 4 AuG). 8.  Aus  diesen  Erwägungen  ergibt  sich,  dass  die  angefochtene  Verfügung  Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig und  vollständig  feststellt  und  angemessen  ist  (Art. 106  AsylG).  Die  Beschwerde ist nach dem Gesagten abzuweisen. 9.  9.1.  Bei  diesem  Ausgang  des  Verfahrens  sind  die  Kosten  dem  Beschwerdeführer  aufzuerlegen  (Art. 63  Abs. 1  VwVG)  und  auf  insgesamt  Fr. 600.­  festzusetzen  (Art. 1  –  3  des  Reglements  vom 

E­6288/2011 21. Februar  2008  über  die  Kosten  und  Entschädigungen  vor  dem  Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]). Gemäss  Art.  65  Abs.  1  VwVG  wird  eine  Partei,  die  nicht  über  die  erforderlichen  Mittel  verfügt,  auf  Antrag  hin  von  der  Bezahlung  der  Verfahrenskosten  befreit,  wenn  ihr  Begehren  im  Zeitpunkt  der  Gesuchseinreichung  nicht  aussichtslos  erscheint.  Da  die  Gewinnaussichten  im  vorliegenden  Fall  beträchtlich  geringer  waren  als  die  Verlustgefahren,  muss  die  Beschwerde  als  aussichtslos  bezeichnet  werden.  Das  Gesuch  um  unentgeltliche  Prozessführung  im  Sinne  von  Art. 65 Abs. 1 VwVG ist daher abzuweisen.  9.2. Das Gesuch um unentgeltliche Rechtsverbeiständung  im Sinne von  Art. 65  Abs. 2  VwVG  ist  mangels  Erfüllung  der  Voraussetzungen  von  Art. 65 Abs. 1 VwVG ebenfalls abzuweisen. (Dispositiv nächste Seite)

E­6288/2011 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1.  Die Beschwerde wird abgewiesen. 2.  Das Gesuch um Gewährung der  unentgeltlichen Rechtspflege  im Sinne  von Art. 65 Abs. 1 und 2 VwVG wird abgewiesen. 3.   Die  Verfahrenskosten  von  Fr. 600.­  werden  dem  Beschwerdeführer  auferlegt.  Dieser  Betrag  ist  innert  30  Tagen  ab  Versand  des  Urteils  zu  Gunsten der Gerichtskasse zu überweisen. 4.  Dieses  Urteil  geht  an  den  Beschwerdeführer,  das  BFM  und  die  zuständige kantonale Behörde. Die Einzelrichterin: Die Gerichtsschreiberin: Muriel Beck Kadima Patricia Petermann Loewe Versand:

E-6288/2011 — Bundesverwaltungsgericht 21.12.2011 E-6288/2011 — Swissrulings