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Bundesverwaltungsgericht 14.09.2011 E-4862/2011

14. September 2011·Deutsch·CH·CH_BVGE·PDF·842 Wörter·~4 min·2

Zusammenfassung

Vollzug der Wegweisung | Vollzug der Wegweisung; Verfügung des BFM vom 31. August 2011 (Nichteintreten auf Asylgesuch und Wegweisung)

Volltext

Bundesve rwa l t ungsge r i ch t T r i buna l   adm in istratif   f édé ra l T r i buna l e   ammin istrati vo   f ede ra l e T r i buna l   adm in istrativ   f ede ra l Abteilung V E­4862/2011 Urteil   v om   1 4 .   S ep t embe r   2011 Besetzung Einzelrichter Markus König,  mit Zustimmung von Richter Hans Schürch, Gerichtsschreiberin Eveline Chastonay. Parteien A._______, Tunesien,   vertreten durch lic. iur. Emil Nisple, Rechtsanwalt,  (…), Beschwerdeführer,  gegen Bundesamt für Migration (BFM), Quellenweg 6, 3003 Bern,    Vorinstanz.  Gegenstand Vollzug der Wegweisung;  Verfügung des BFM vom 31. August 2011 (Nichteintreten  auf Asylgesuch und Wegweisung) / N (…).

E­4862/2011 Das Bundesverwaltungsgericht stellt fest, dass der Beschwerdeführer 31. Mai 2011 in der Schweiz ein Asylgesuch  stellte, dass das BFM ihn am 9. Juni 2011 im Empfangs­ und Verfahrenszentrum  (EVZ) Chiasso  summarisch und am 31. August  2011  im EVZ Altstätten  (unter Mitwirkung einer rechtskundigen Vertrauensperson) ausführlich zu  seinen Asylgründen befragte, dass  der  Beschwerdeführer  zur  Begründung  seines  Asylgesuches  im  Wesentlichen geltend machte, er habe keine Probleme mit der Regierung  seines Heimatstaates oder mit Drittpersonen gehabt, er stamme aber aus  einer  armen  Familie,  der  Vater  habe  nur  zeitweise  Arbeit  gehabt,  in  Tunesien  gebe  es  keine  Chancen,  eine  geregelte  Arbeit  zu  finden  und  sich  eine  sichere  Zukunft  aufzubauen  und  er  wolle  unbedingt  eine  Arbeitsstelle finden um seine Familie unterstützen zu können, dass  die  Kantonspolizei  B._______  mit  –  offenbar  rechtskräftiger –  Verfügung  vom  13.  Juni  2011  die  polizeiliche  Wegweisung  aus  dem  Gebiet  der  Stadt  C._______  anordnete  (Begründung:  Diebestour  durch  den  Hauptbahnhof  C._______  mit  einem  Komplizen)  und  die  Jugendanwaltschaft  D.______  ihn  mit  Strafbefehl  vom  gleichen  Tag –  offenbar  ebenfalls  rechtskräftig  –  des  mehrfachen  Diebstahls  schuldig  sprach und mit einem Verweis bestrafte, dass  das  BFM  mit  Verfügung  vom  31.  August  2011  –  am  selben  Tag  mündlich  eröffnet  –  gestützt  auf  Art.  32  Abs.  1  des  Asylgesetzes  vom  26. Juni  1998  (AsylG,  SR  142.31)  auf  das Asylgesuch  nicht  eintrat,  die  Wegweisung aus der Schweiz sowie deren Vollzug verfügte, dass  das  BFM  zur  Begründung  im  Wesentlichen  ausführte,  der  Beschwerdeführer habe ausgesagt, er habe Tunesien ausschliesslich aus  wirtschaftlichen Gründen verlassen, und Nachteile, die auf wirtschaftliche  Lebensbedingungen zurückzuführen seien, würden keine asylbeachtliche  Verfolgung darstellen, weshalb auf das Asylgesuch nicht einzutreten sei, dass sich die Wegweisung als zulässig,  zumutbar und möglich erweise,  zumal in Tunesien gesamthaft betrachtet nicht von Bürgerkrieg oder einer  Situation allgemeiner Gewalt gesprochen werden könne, dass  im  Zusammenhang  mit  der  Frage  der  Zulässigkeit  des  Wegweisungsvollzugs  bezüglich  der  Minderjährigkeit  des 

E­4862/2011 Beschwerdeführers festzuhalten sei, dass der Beschwerdeführer gesund  sei,  er  über  einen  Grundschulabschluss  verfüge  und  als  angelernter  Friseur gearbeitet habe, dass  er  zudem  in  Tunesien  über  ein  breitgefächertes,  tragfähiges  familiäres Beziehungsnetz verfüge, dass  sich  damit  auch  vor  dem  Hintergrund  des  Übereinkommens  vom  20. November 1989 über die Rechte des Kindes (Kinderrechtskonvention,  KRK; SR 0.107) der Vollzug der Wegweisung als zulässig erweise,  dass  der  Beschwerdeführer  mit  Eingabe  vom  2.  September  2011  (Poststempel:  5.  September  2011)  beim  Bundesverwaltungsgericht  gegen  die  durch  das  BFM  verfügte  Wegweisung  respektive  deren  Vollzugs  Beschwerde  einreichen  und  in  prozessualer  Hinsicht  den  Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses beantragen liess, und das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung, dass  es  im  Asylbereich  –  vorbehältlich  des  Vorliegens  eines  Auslieferungsersuchens  des  Staates,  vor  welchem  die  beschwerdeführende Person Schutz sucht – endgültig über Beschwerden  gegen Verfügungen (Art. 5 des Bundesgesetzes vom 20. Dezember 1968  über  das  Verwaltungsverfahren  [VwVG,  SR  172.021])  des  BFM  entscheidet  (Art. 105  i.V.m. Art. 31­33 des Verwaltungsgerichtsgesetzes  vom  17. Juni  2005  [VGG,  SR  173.32];  Art.  83  Bst.  d  Ziff.  1  des  Bundesgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005 [BGG, SR 173.110]),  dass  sich  das  Verfahren  nach  dem  VwVG,  dem  VGG  und  dem  BGG  richtet, soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art.  6 AsylG), dass  der  Beschwerdeführer  durch  die  angefochtene  Verfügung  besonders berührt ist, ein schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung  respektive  Änderung  hat  und  daher  zur  Einreichung  der  Beschwerde  legitimiert ist (Art. 48 Abs. 1 VwVG), dass  somit  auf  die  frist­  und  formgerecht  eingereichte  Beschwerde  einzutreten ist (Art. 108 Abs. 2 AsylG und Art. 52 VwVG),

E­4862/2011 dass  die  vorinstanzliche  Verfügung  im  Asylpunkt  (Dispositivziffer  1:  Nichteintreten  auf  das  Asylgesuch)  mangels  Anfechtung mit  Ablauf  der  Beschwerdefrist in Rechtskraft erwachsen und darüber nicht zu befinden  ist, dass  über  offensichtlich  unbegründete  Beschwerden  im  einzelrichterlichen  Zuständigkeit  mit  Zustimmung  eine  zweiten  Richters  beziehungsweise einer zweiten Richterin entschieden wird (Art. 111 Bst.  e  AsylG)  und  es  sich  vorliegend,  wie  nachfolgend  aufgezeigt,  um  eine  solche  handelt,  weshalb  der  Beschwerdeentscheid  nur  summarisch  zu  begründen ist (Art. 111a Abs. 2 AsylG), dass  vorliegend  gestützt  auf  Art.  111a  Abs.  1  AsylG  auf  einen  Schriftenwechsel verzichtet wurde, dass  die  Ablehnung  eines  Asylgesuchs  oder  das Nichteintreten  auf  ein  Asylgesuch in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz zur Folge hat  (Art.  44  Abs.  1  AsylG),  vorliegend  der  Kanton  keine  Aufenthaltsbewilligung erteilt hat und zudem kein Anspruch auf Erteilung  einer  solchen  besteht  (vgl.  BVGE  2009/50  E.  9),  weshalb  die  verfügte  Wegweisung  im Einklang mit den gesetzlichen Bestimmungen steht und  demnach vom Bundesamt zu Recht angeordnet wurde, dass das Bundesamt das Anwesenheitsverhältnis nach den gesetzlichen  Bestimmungen  über  die  vorläufige  Aufnahme  von  Ausländern  regelt,  wenn  der  Vollzug  der Wegweisung  nicht  zulässig,  nicht  zumutbar  oder  nichts  möglich  ist  (Art.  44  Abs.  2  AsylG;  Art.  83  Abs.  1  des  Bundesgesetzes  vom 16. Dezember  2005  über  die Ausländerinnen  und  Ausländer [AuG, SR 142.20]), dass  bezüglich  der  Geltendmachung  von  Wegweisungshindernissen  gemäss  ständiger  Praxis  des  Bundesverwaltungsgerichts  der  gleiche  Beweisstandard  wie  bei  der  Flüchtlingseigenschaft  gilt,  das  heisst,  sie  sind  zu  beweisen, wenn  der  strikte  Beweis möglich  ist,  und  andernfalls  wenigstens  glaubhaft  zu  machen  (vgl.  WALTER  STÖCKLI,  Asyl,  in:  Uebersax/Rudin/Hugi  Yar/Geiser,  Ausländerrecht,  2.  Auflage,  Basel  2009, Rz. 11.148), dass  der  Vollzug  der  Wegweisung  nicht  zulässig  ist,  wenn  völkerrechtliche  Verpflichtungen  der  Schweiz  einer  Weiterreise  der  Ausländerin oder des Ausländers  in den Heimat­, Herkunfts­ oder einen  Drittstaat entgegenstehen(Art. 83 Abs. 3 AuG),

E­4862/2011 dass  keine  Person  in  irgendeine  Form  zur  Ausreise  in  ein  Land  gezwungen werden darf, in dem ihr Leib, ihr Leben oder ihre Freiheit aus  einem  Grund  nach  Art.  3  Abs.  1  AsylG  gefährdet  ist  oder  in  dem  sie  Gefahr läuft, zur Ausreise in ein solches Land gezwungen zu werden (Art.  5 Abs. 1 AsylG; vgl. ebenso Art. 33 Abs. 1 des Abkommens vom 28. Juli  1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge [FK, SR 0.142.30]), dass  der  Vollzug  der  Wegweisung  vorliegend  im  Rahmen  dieser  massgeblichen völker­ und landesrechtlichen Bestimmungen zulässig ist,  da  der  Beschwerdeführer  keine  asylrechtlichen,  sondern  nur  wirtschaftliche  Ausreisegründe  vorgebracht  hat,  weshalb  das  in  Art.  5  AsylG verankerte Prinzip des flüchtlingsrechtlichen Non­Refoulements im  vorliegenden Verfahren keine Anwendung findet und keine Anhaltspunkte  für  eine  menschenrechtswidrige  Behandlung  ersichtlich  sind,  die  im  Heimat­ oder Herkunftsstaat drohen, dass  den  Akten  vorliegend,  wie  sogleich  ausgeführt  wird,  auch  keine  Anhaltspunkte  für  eine  Verletzung  der  Kinderrechtskonvention  zu  entnehmen sind, dass sich der Vollzug für Ausländerinnen und Ausländer als unzumutbar  erweist,  wenn  sie  im  Heimat­  oder  Herkunftsstaat  aufgrund  von  Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und medizinischer  Notlage konkret gefährdet sind (Art. 83 Abs. 4 AuG), dass  der  Beschwerdeführer  in  diesem Zusammenhang  ausführen  lässt,  Tunesien sei auch nach dem Sturz der Regierung Ben Ali nicht zur Ruhe  gekommen,  militante  Islamisten  würden  das  Land  terrorisieren,  die  Übergangsregierung  ringe  mit  dem  Verlust  von  Macht  und  könne  namentlich  in  der  Hauptstadt  Tunis  keine  Sicherheit  für  die  Bürger  gewährleisten, Gewalt sei an der Tagesordnung und Tunesien von einem  funktionierenden Rechtsstaat weit entfernt, dass  weiter  ausgeführt  wird,  die  Familie  des  Beschwerdeführers  könne  ihm  keine  angemessene  Unterstützung  bieten,  auf  die  er  als  Minderjähriger  angewiesen  sei,  weshalb  eine  Rückführung  dem  Kindeswohl widerspreche, dass hinsichtlich der allgemeinen Situation in Tunesien mit der Vorinstanz  festzuhalten ist, dass sich der Staat nach dem Sturz der alten Regierung  Ben Ali  im Umbruch befindet, die Übergangsregierung mit Unterstützung 

E­4862/2011 der  internationalen  Gemeinschaft  an  der  neuen  Verfassung  und  am  Wiederaufbau der Rechtssicherheit arbeitet, dass  die  weiterhin  vorkommenden  Demonstrationen  und  Protestbewegungen  in  ihrer  Gesamtheit  nicht  den  Schluss  zulassen,  in  Tunesien herrsche eine Situation allgemeiner Gewalt, dass  hinsichtlich  des  Kindeswohls  festzuhalten  ist,  dass  das  Bundesverwaltungsgericht  die  von  der  vormals  zuständigen  Schweizerischen Asylrekurskommission (ARK) entwickelte und gefestigte  Praxis fortführt, dass  vor  diesem Hintergrund die Persönlichkeit  des Minderjährigen und  seine Lebensumstände zu prüfen sind (vgl. zum Ganzen Entscheidungen  und  Mitteilungen  der  ARK  [EMARK]  2006  Nr.  24  E.  6  mit  weiteren  Hinweisen), dass  in  diesem  Zusammenhang  vorweg  festzustellen  ist,  dass  der  Beschwerdeführer  (…)  2011  volljährig  wird,  mithin  vor  diesem  Hintergrund  von  einem  jungen,  gesunden  und  bald  für  sich  allein  verantwortlichen Mann auszugehen ist, dass  der  Beschwerdeführer  zwar  gemäss  seinen  Angaben  aus  einer  armen  Familie  stammt  und  seine  Eltern  ihm wenig  bis  keine  finanzielle  Unterstützung bieten können,  dass der Beschwerdeführer im Fall einer Rückkehr jedoch nicht allein auf  seine  Eltern  angewiesen  wäre,  sondern  mindestens  anfänglich  weitere  Familienangehörige  um  kurz­  und  mittelfristige  Hilfe  angehen  könnte,  zumal er verschiedene (…) erwähnt hat, die in E.______ leben würden, dass  daher  auch  vor  dem  Hintergrund  des  Kindeswohls  dem  Beschwerdeführer  zuzumuten  ist,  zu  seiner Familie  zurückkehren und –  als bald Volljähriger – (erneut) zu versuchen,  im angelernten Beruf Fuss  zu fassen, um sich eine eigene Existenz aufzubauen, dass der Vollzug der Wegweisung  insgesamt nach dem Gesagten auch  als zumutbar zu beurteilen ist, dass  der  Vollzug  der  Wegweisung  in  den  Heimatstaat  schliesslich  möglich ist, da keine Vollzugshindernisse bestehen (Art. 83 Abs. 2 AuG),  und  es  dem  Beschwerdeführer  obliegt,  bei  der  Beschaffung  gültiger  Reisepapiere mitzuwirken (Art. 8 Abs. 4 AsylG),

E­4862/2011 dass  nach  dem  Gesagten  der  vom  Bundesamt  verfügte  Vollzug  der  Wegweisung zu bestätigen ist, dass es dem Beschwerdeführer nicht gelungen ist darzutun, inwiefern die  angefochtene  Verfügung  Bundesrecht  verletze,  den  rechtserheblichen  Sachverhalt  unrichtig  oder  unvollständig  feststelle  oder  unangemessen  sei (Art. 106 AsylG), weshalb die Beschwerde abzuweisen ist, dass bei diesem Ausgang des Verfahrens die Kosten des von Fr. 600.–  dem Beschwerdeführer aufzuerlegen sind (Art. 1­3 des Reglements vom  21. Februar  2008  über  die  Kosten  und  Entschädigungen  vor  dem  Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2], dass  das  Gesuch  um  Befreiung  von  der  Vorschusspflicht  beim  vorliegenden Direktentscheid in der Sache gegenstandslos wird. (Dispositiv nächste Seite)

E­4862/2011 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1.  Die Beschwerde wird abgewiesen. 2.  Die  Verfahrenskosten  von  Fr.  600.–  werden  dem  Beschwerdeführer  auferlegt.  Dieser  Betrag  ist  innert  30  Tagen  ab  Versand  des  Urteils  zugunsten der Gerichtskasse zu überweisen. 3.  Dieses  Urteil  geht  an  den  Rechtsvertreter  des  Beschwerdeführers,  das  BFM und die kantonale Migrationsbehörde. Der Einzelrichter: Die Gerichtsschreiberin: Markus König Eveline Chastonay Versand:

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