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Bundesverwaltungsgericht 28.09.2011 E-4836/2007

28. September 2011·Deutsch·CH·CH_BVGE·PDF·2,300 Wörter·~12 min·1

Zusammenfassung

Wegweisung und Wegweisungsvollzug (Beschwerde gegen Wiedererwägungsentscheid) | Wegweisungsvollzug (Beschwerde gegen Wiedererwägungsentscheid); Verfügung des BFM vom 11. Juni 2007 /

Volltext

Bundesve rwa l t ungsge r i ch t T r i buna l   adm in istratif   f édé ra l T r i buna l e   ammin istrati vo   f ede ra l e T r i buna l   adm in istrativ   f ede ra l     Abteilung V E­4836/2007 Urteil   v om   2 8 .   S ep t embe r   2011 Besetzung Richterin Christa Luterbacher (Vorsitz), Richterin Muriel Beck  Kadima, Richter Maurice Brodard,    Gerichtsschreiber Tobias Meyer. Parteien A._______, geboren (…), Kroatien, ihr Sohn B._______,  geboren (…), und ihre Tochter C._______, geboren (…),  beide Staatsangehörigkeit offen, alle vertreten durch Sararard Arquint, Fürsprecher, Walche  Rechtsanwälte, Beschwerdeführende,  gegen Bundesamt für Migration (BFM), Quellenweg 6, 3003 Bern,    Vorinstanz.  Gegenstand Wegweisungsvollzug (Beschwerde gegen  Wiedererwägungsentscheid); Verfügung des BFM vom 11.  Juni 2007 / N (…).

E­4836/2007 Sachverhalt: A.  Bei  den  Beschwerdeführenden  handelt  es  sich  nach  eigenen  Angaben  um ethnische Serben aus Kroatien. Die Beschwerdeführerin gelangte am  6. November 2000 zusammen mit ihrem Ehemann D._______ und ihrem  gemeinsamen Sohn B._______  in die Schweiz, wo sie am gleichen Tag  ein Asylgesuch stellten. Zur Begründung ihres Asylgesuchs machten sie im Wesentlichen geltend,  der  Ehemann  sei  1991  von  einem  kroatischen  Gericht  wegen  Kriegsgenozid zu einer Freiheitsstrafe von zwölf Jahren verurteilt worden,  weshalb er seinen Wohnort  in der Krajina in Richtung Serbien verlassen  habe. Nach  der Heirat mit  der Beschwerdeführerin  seien  beide  1992  in  die  Krajina  zurückgekehrt.  Im  Herbst  1997  sei  die  Beschwerdeführerin  von  einem  Kroaten  geschlagen  worden  und  habe  als  Folge  davon  ihr  ungeborenes Kind verloren. Als die Kroaten das Gebiet zurückeroberten,  seien sie 1997 mit  ihrem Sohn nach E._______ (Serbien) geflüchtet, wo  sie  als  Flüchtlinge  unter  den  schlechten  Lebensbedingungen  gelitten  hätten.  Vor  den  Wahlen  2000  sei  der  Ehemann  von  Leuten  der  Sozialistischen Partei Serbiens (SPS) mit der Abschiebung nach Kroatien  bedroht worden, worauf die Familie Serbien verlassen habe. Das Bundesamt  für Flüchtlinge (BFF; heute BFM) wies die Asylgesuche  der  Beschwerdeführenden  und  des  Ehemannes  mit  Verfügung  vom  21. Januar 2002 ab, wies sie aus der Schweiz weg, setzte ihnen Frist bis  zum 22. März  2002,  um die Schweiz  zu  verlassen,  und  beauftrage  den  Kanton (…) mit dem Vollzug der Wegweisung. Das BFF bezeichnete ihre  Aussagen  teilweise  als  unglaubhaft  und  verneinte  die  Asylrelevanz  der  übrigen  Vorbringen.  Die  gegen  diese  Verfügung  erhobene  Beschwerde  wies  die  Asylrekurskommission  (ARK;  heute  Bundesverwaltungsgericht)  mit Urteil vom 22. Mai 2002 als offensichtlich unbegründet ab. B.  Mit Schreiben vom 29. Juli 2002 und vom 2. August 2002 lehnte das BFF  zwei  Gesuche  um  Verlängerung  der  Ausreisefrist  aus  medizinischen  Gründen ab. C.  Mit Eingabe  vom 5. November  2002  reichten  die Beschwerdeführenden  und der Ehemann bei der ARK ein Gesuch um Revision gegen das Urteil  vom  22. Mai  2002  ein,  auf  das  die  ARK  mangels  Leistung  des 

E­4836/2007 geforderten Kostenvorschusses mit Urteil  vom 10. Dezember 2002 nicht  eintrat. D.  Mit als  "Wiedererwägungsgesuch" betitelter Eingabe vom 12. April  2005   gelangten  die  Beschwerdeführenden  und  der  Ehemann  erneut  an  das  BFM.  Die  Beschwerdeführenden  und  der  Ehemann  machten  darin  geltend,  der Ehemann  sei  in  einem  rechtsstaatlichen Grundsätzen nicht  genügenden Verfahren in Kroatien verurteilt worden, weshalb ihm dort ein  menschenunwürdiger  Strafvollzug  drohe.  Zudem  machten  sie  gesundheitliche  Gründe  und  die  Zerstörung  ihres  Hauses  in  Kroatien  geltend.  Das  BFM  leitete  die  Eingabe  zuständigkeitshalber  an  die  ARK  weiter. Mit  Urteil  vom  9. Mai  2005  nahm  die  ARK  diese  Eingabe  teilweise  als  Revisionsgesuch entgegen, trat darauf jedoch nicht ein und überwies die  wiedererwägungsrelevanten  Teile  der  Eingabe  zuständigkeitshalber  an  das  BFM.  Mit  Verfügung  vom  20. Mai  2005  wies  das  BFM  das  Wiedererwägungsgesuch ab. E.  Am (…) wurde die Tochter der Beschwerdeführerin und ihres Ehemannes  geboren. F.  Zwischen  dem  7.  Juni  2006  und  dem  11. August  2006  ersuchten  die  Beschwerdeführenden  und  der  Ehemann  insgesamt  viermal  um  Aussetzung  des  Wegweisungsvollzugs,  dreimal  aufgrund  psychischer  Probleme des Ehemannes, einmal um die freiwillige Ausreise vorbereiten  zu können. Das BFM wies alle vier Gesuche ab. G.  Mit  Eingabe  vom  4. Dezember  2006  stellten  die  Beschwerdeführenden  und  der  Ehemann  erneut  ein  Gesuch  um  Wiedererwägung  und  beantragten  die  vorläufige  Aufnahme.  Zur  Begründung  brachten  sie  hauptsächlich  vor,  der  Ehemann  leide  unter  psychischen  Problemen.  Zusätzlich  führten  sie an,  der Sohn,  der  im Alter  von  (…)  Jahren  in  die  Schweiz gekommen sei und heute die (…) Klasse besuche, sei hier sehr  gut integriert. Mit  Verfügung  vom  21. Dezember  2006  wies  das  BFM  das  Wiedererwägungsgesuch  ab.  Auf  Beschwerde  hin  bestätigte  das 

E­4836/2007 Bundesverwaltungsgericht mit Urteil vom 22. Februar 2007 die Verfügung  des  BFM.  Das  Bundesverwaltungsgericht  gelangte  dabei  zum  Schluss,  zurzeit  liege kein gegenüber der Situation bei Eintritt der Rechtskraft der  ursprünglichen  Verfügung  (Januar  2002)  in  entscheidrelevanter  Art  und  Weise  veränderter  Sachverhalt  vor.  Insbesondere  die  Anmeldung  des  Sohnes  beim  Kinder­  und  Jugendpsychiatrischen  Dienst  zwecks  Untersuchung  lasse  den  Wegweisungsvollzug  nicht  als  undurchführbar  erscheinen. Mit Verfügung vom 19. April 2007 erklärte das Bundesgericht eine gegen  das  Urteil  des  Bundesverwaltungsgericht  eingereichte  Beschwerde  infolge Rückzugs für erledigt. H.  Am  26. April  2007  wurde  der  Ehemann  der  Beschwerdeführerin  (und  Vater  ihrer  gemeinsamen  Kinder)  im  Rahmen  eines  gestaffelten  Wegweisungsvollzugs nach Zagreb/Kroatien ausgeschafft. I.  I.a.  Mit  Schreiben  vom  28. April  2007  an  das  BFM  ersuchten  die  Beschwerdeführenden  erneut  um  Wiedererwägung  und  beantragten,  ihnen sei die vorläufige Aufnahme in der Schweiz zu gewähren. Zur  Begründung  brachten  sie  im  Wesentlichen  vor,  der  Wegweisungsvollzug  sei  aus  völkerrechtlichen  Gründen  nicht  zulässig.  Die  beiden  Kinder  hätten  keine  formelle  Staatsangehörigkeit.  Die  Anmeldung  ihrer  kroatischen  Staatsbürgerschaft  sei  wegen  der  nicht  existierenden  Staatsangehörigkeitsurkunde  nicht  möglich.  Die  Ausschaffung der Kinder nach Kroatien widerspräche deshalb Art. 3 der  Konvention  vom  4. November  1950  zum  Schutze  der  Menschenrechte  und Grundfreiheiten (EMRK, SR 0.101). Die beiden Kinder lebten zudem  bereits  seit  mehr  als  sechs  Jahren  in  der  Schweiz,  weshalb  der  Wegweisungsvollzug  dem  Kindeswohl  im  Sinne  von  Art. 3  des  Übereinkommens  vom 20. November  1989 über  die Rechte des Kindes  (SR  0.107)  widerspreche.  Der  Wegweisungsvollzug  widerspreche  auch  dem  Kindeswohl,  weil  der  Sohn  psychisch  krank  sei  und  es  ihm  in  Kroatien schlechter gehen würde. I.b.  Mit  Schreiben  vom  1. Mai  2007  informierte  das  BFM  die  Beschwerdeführenden, die Beschwerdeführerin oder ihr Ehemann müsse 

E­4836/2007 bei den zuständigen kroatischen Behörden persönlich die Eintragung des  Sohnes  ins  Staatsangehörigkeitsregister  Kroatiens   beantragen.  Diese  könne entweder bei der kroatischen Vertretung  in der Schweiz oder am  Wohnort des Ehemannes in Kroatien erfolgen. I.c.  Am  28.  Mai  2007  leistete  die  Beschwerdeführerin  den  vom  BFM  mit  Zwischenverfügung vom 11. Mai 2007 einverlangten Kostenvorschuss in  Höhe  von  Fr.  1'200.­.  Mit  Verfügung  vom  11. Juni  2007  (eröffnet  am  13. Juni 2007) wies das BFM das Wiedererwägungsgesuch ab, bestätigte  die  Verfügung  vom  21. Januar  2002  und  stellte  fest,  einer  allfälligen  Beschwerde  komme  keine  aufschiebende  Wirkung  zu.  Den  Beschwerdeführenden  wurde  eine  –  durch  den  geleisteten  Kostenvorschuss bereits gedeckte – Gebühr von Fr. 1'200.­ auferlegt. Zur  Begründung  führte  das  BFM  im  Wesentlichen  aus,  es  sei  anzunehmen,  die  Übersiedelung  der  gesamten  Familie  nach  Kroatien  werde sich positiv auf die Familiensituation auswirken, weshalb weder die  psychische Situation der Beschwerdeführerin noch ihres Sohnes Gründe  für eine Wiedererwägung darstellten. J.  Mit Eingabe  vom 16. Juli  2007  reichten  die Beschwerdeführenden  beim  Bundesverwaltungsgericht  Beschwerde  gegen  die  Verfügung  des  BFM  vom  11. Juni  2007  ein  und  beantragten,  die  Verfügung  des  BFM  sei  aufzuheben,  die  Beschwerdeführenden  seien  in  der  Schweiz  vorläufig  aufzunehmen  und  die  Staatenlosigkeit  der  beiden  Kinder  sei  anzuerkennen. In  prozessualer  Hinsicht  beantragten  sie  Aussetzung  des  Wegweisungsvollzugs  bis  zum  Abschluss  des  Verfahrens,  Gewährung  der  unentgeltlichen  Prozessführung  und  im  Falle  vollständigen  oder  teilweisen  Obsiegens  eine  angemessene  Parteientschädigung  zulasten  der Vorinstanz. Zur Begründung bringen die Beschwerdeführenden im Wesentlichen vor,  den Kindern sei eine Rückkehr nach Kroatien aufgrund der Art. 3 und 22  KRK  unzumutbar.  Zudem  hätten  die  beiden  Kinder  keine  Staatsangehörigkeit  und  es  habe  sich  herausgestellt,  dass  die  persönliche  Anwesenheit  beider  Elternteile  erforderlich  sei,  um  eine  Bestätigung  der  Staatsangehörigkeit  zu  beschaffen,  was  nicht  möglich 

E­4836/2007 sei, da der Ehemann und Vater  in Kroatien aus Angst vor Repressalien  untergetaucht  sei. Der  kroatische Staat  sei  zudem  immer noch bemüht,  die Serben aus seinem Staatsgebiet zu vertreiben, weshalb nicht sicher  sei, ob es den Eltern überhaupt gelingen würde, eine solche Bestätigung  zu  erhalten.  Deshalb  bestehe  die  konkrete  Gefahr,  dass  die  Beschwerdeführenden bei einer Rückkehr nach Kroatien umgehend nach  Serbien  deportiert  würden,  was  dem  Kerngehalt  von  Art. 3  EMRK  widerspräche.  Insbesondere  der  Sohn  würde  bei  einem  Wegweisungsvollzug  psychisch  heftig  reagieren  und  sich  selber  sowie  andere Personen an Leib und Leben gefährden. K.  Mit  Telefax  vom  17. Juli  2007  setze  die  zuständige  Instruktionsrichterin  des  Bundesverwaltungsgerichts  den  Vollzug  der  Wegweisung  vorläufig  aus. L.  Mit  Zwischenverfügung  vom  25. Juli  2007  setzte  die  zuständige  Instruktionsrichterin den Vollzug der Wegweisung bis zum Ausgang des  Verfahrens  aus,  hiess  das  Gesuch  um  Gewährung  der  unentgeltlichen  Prozessführung  gut  und  verzichtete  auf  die  Erhebung  eines  Kostenvorschusses.  Gleichzeitig  wurden  die  Beschwerdeführenden  aufgefordert, innert Frist einen Bericht des Lehrers des Sohnes und einen  aktuellen ärztlichen Bericht einzureichen M.  Am  28. August  2007  traf  beim  Bundesverwaltungsgericht  ein  Zwischenbericht  des  behandelnden  Arztes  der  Integrierten  Psychiatrie  (…) bezüglich der Beschwerdeführerin ein. N.  Am  29. August  2007  trafen  eine  Gesamtbeurteilung  des  Primarlehrers  und mehrere Zeugnisse des Sohnes beim Bundesverwaltungsgericht ein.  Auf  den  Inhalt  wird  soweit  entscheidrelevant  in  den  Erwägungen  eingegangen. O.  Mit  Eingabe  vom  28. August  2007  (beim  Bundesverwaltungsgericht  am  30. August  2007  per  Telefax  eingegangen)  reichten  die  Beschwerdeführenden  über  ihren  Rechtsvertreter  die  oben  unter  Prozessgeschichte Bst. M  und N  genannten Berichte  nochmals  ein  und 

E­4836/2007 stellte einen Bericht des Kinder­ und Jugendpsychiatrischen Dienstes (...)  bezüglich des Sohnes in Aussicht. P.  Mit  Zwischenverfügung  vom  4. September  2007  lud  das  Bundesverwaltungsgericht die Vorinstanz zur Vernehmlassung ein. Mit Vernehmlassung vom 10. September 2007 stellte die Vorinstanz fest,  die  Beschwerde  enthalte  keine  neuen  erheblichen  Tatsachen  oder  Beweismittel und beantragte Abweisung der Beschwerde. Mit  Zwischenverfügung  vom  13. September  2007  brachte  das  Bundesverwaltungsgericht  die  Vernehmlassung  der  Vorinstanz  den  Beschwerdeführenden zur Kenntnis. Q.  Am  18. September  2007  traf  beim  Bundesverwaltungsgericht  ein  Ärztlicher  Bericht  des  Kinder­  und  Jugendpsychiatrischen  Dienstes  des  Kantons  (...)  bezüglich  des  Sohnes  ein.  Auf  den  Inhalt  wird  soweit  entscheidrelevant in den Erwägungen eingegangen. R.  Mit  Zwischenverfügung  vom  7. März  2008  gewährte  das  Bundesverwaltungsgericht  dem  neuen  Rechtsvertreter  der  Beschwerdeführenden  Einsicht  in  die  Akten  der  Vorinstanz  gemäss  dessen Aktenverzeichnis und in sämtliche Akten der Beschwerdedossiers  der ARK sowie des Bundesverwaltungsgericht. S.  Mit  Eingabe  vom  29.  März  2011  fragte  der  Rechtsvertreter  der  Beschwerdeführenden  nach  dem  Verfahrensstand  und  reichte  mehrere  Beweismittel ein, die den Grad der Integration der Beschwerdeführenden  zeigten (Schreiben der Wohngemeinde, der Klassenlehrerin des Sohnes  und des lokalen Fussballklubs). Mit  Schreiben  vom  30. August  2011  gab  die  zuständige  Instruktionsrichtern bekannt, dass sie gedenke, das Verfahren in nächster  Zeit  abzuschliessen  und  forderte  den  Rechtsvertreter  auf,  bis  zum  2. September 2011 eine Kostennote einzureichen.

E­4836/2007 Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1.  1.1. Gemäss Art. 31 des Verwaltungsgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005  (VGG, SR 173.32) beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Beschwerden  gegen Verfügungen nach Art. 5 des Bundesgesetzes vom 20. Dezember  1968  über  das  Verwaltungsverfahren  (VwVG,  SR 172.021).  Das  BFM  gehört zu den Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz  des  Bundesverwaltungsgerichts.  Eine  das  Sachgebiet  betreffende  Ausnahme  im  Sinne  von  Art. 32  VGG  liegt  nicht  vor.  Das  Bundesverwaltungsgericht  ist  daher  zuständig  für  die  Beurteilung  der  vorliegenden  Beschwerde  und  entscheidet  auf  dem  Gebiet  des  Asyls  endgültig,  ausser  bei  Vorliegen  eines  Auslieferungsersuchens  des  Staates, vor dem die beschwerdeführende Person Schutz sucht (Art. 105  des  Asylgesetzes  vom  26. Juni  1998  [AsylG,  SR 142.31];  Art. 83  Bst. d  Ziff. 1  des  Bundesgerichtsgesetzes  vom  17. Juni  2005  [BGG,  SR 173.110]). 1.2. Das  Verfahren  richtet  sich  nach  dem  VwVG,  dem  VGG  und  dem  BGG, soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6  AsylG). 1.3.  Die  Beschwerde  ist  frist­  und  formgerecht  eingereicht.  Die  Beschwerdeführenden  haben  am  Verfahren  vor  der  Vorinstanz  teilgenommen, sind durch die angefochtene Verfügung besonders berührt  und  haben  ein  schutzwürdiges  Interesse  an  deren  Aufhebung  beziehungsweise  Änderung;  sie  sind  daher  zur  Einreichung  der  Beschwerde  legitimiert  (Art. 105  AsylG,  Art. 48  Abs. 1,  Art.  50  sowie  Art. 52 VwVG).  Auf die Beschwerde ist einzutreten. 2.  Mit  Beschwerde  kann  die  Verletzung  von  Bundesrecht,  die  unrichtige  oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts und  die Unangemessenheit gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG). 3.  Die  Wiedererwägung  im  Verwaltungsverfahren  ist  ein  gesetzlich  nicht  geregelter  Rechtsbehelf,  auf  dessen  Behandlung  durch  die  verfügende  Behörde  grundsätzlich  kein  Anspruch  besteht.  Gemäss  herrschender 

E­4836/2007 Lehre  und  ständiger Praxis  des Bundesgerichts wird  jedoch aus Art. 29  der  Bundesverfassung  der  Schweizerischen  Eidgenossenschaft  vom  18. April  1999  (BV,  SR  101)  unter  bestimmten  Voraussetzungen  ein  verfassungsmässiger Anspruch auf Wiedererwägung abgeleitet (vgl. BGE  127  I  133  E.  6  mit  weiteren  Hinweisen).  Danach  ist  auf  ein  Wiedererwägungsgesuch  einzutreten,  wenn  sich  der  rechtserhebliche  Sachverhalt  seit  dem  ursprünglichen  Entscheid,  beziehungsweise  seit  dem  Urteil  der  mit  Beschwerde  angerufenen  Rechtsmittelinstanz,  in  wesentlicher  Weise  verändert  hat  und  mithin  die  ursprüngliche  (fehlerfreie)  Verfügung  an  nachträglich  eingetretene Veränderungen  der  Sachlage anzupassen ist (qualifiziertes Wiedererwägungsgesuch).  Ein  solchermassen  qualifiziertes  Wiedererwägungsgesuch  ist  grundsätzlich  nach  den  Regeln  des  Revisionsverfahrens  zu  behandeln  (vgl.  Entscheidungen  und  Mitteilungen  der  Schweizerischen  Asylrekurskommission [EMARK] 2003 Nr. 17 E. 2a S. 103 f. mit weiteren  Hinweisen).  Eine  Wiedererwägung  fällt  dann  nicht  in  Betracht,  wenn  lediglich  eine  neue  Würdigung  der  beim  früheren  Entscheid  bereits  bekannten  Tatsachen  herbeigeführt  werden  soll  oder  Gründe  angeführt  werden,  die  bereits  in  einem  ordentlichen  Beschwerdeverfahren  gegen  die  frühere  Verfügung  hätten  geltend  gemacht  werden  können  (vgl.  EMARK 2003 Nr. 17 E. 2b, S. 104). 4.  4.1.  Die  Beschwerdeführenden  machen  im  vorliegenden  dritten  Wiedererwägungsgesuch geltend, ein Vollzug der Wegweisung verstosse  gegen das Kindeswohl nach Art. 3 und 10 KRK. Dies wird mit der langen  Anwesenheit und der guten  Integration der Kinder  in der Schweiz sowie  den  psychischen  Problemen  des  Sohnes  begründet.  Zudem  seien  die  Kinder  als Staatenlose  zu  betrachten, weshalb  eine Ausschaffung  nach  Kroatien Art. 3 EMRK widerspreche. 4.2. Im ersten, ordentlichen Asylverfahren (vgl. Prozessgeschichte Bst. A)  fand  im  Rahmen  der  Zumutbarkeitsprüfung  weder  eine  Auseinandersetzung mit der gesundheitlichen Situation des Sohnes noch  mit  den  Anforderungen  des  Kindeswohls  oder  der  angeblichen  Staatenlosigkeit des Sohnes statt. Im  ersten  Wiedererwägungsgesuch  vom  12. April  2005  (vgl.  Prozessgeschichte  Bst.  D)  machten  die  Beschwerdeführenden  lediglich 

E­4836/2007 gesundheitliche  Probleme  des  Ehemannes  für  die  Unzumutbarkeit  des  Wegweisungsvollzugs  geltend.  Wiederum  waren  weder  die  Gesundheit  des  Sohnes  noch  sein  Integrationsgrad  oder  seine  Staatenlosigkeit  Prozessgegenstand. Bei den  im Juni,  Juli und August 2006 eingereichten vier Gesuchen um  Aussetzung  des  Wegweisungsvollzugs  (vgl.  Prozessgeschichte  Bst.  F)  handelte  es  sich  nicht  um  Wiedererwägungsgesuche.  Diese  wurden  zudem  ebenfalls  lediglich  mit  gesundheitlichen  Problemen  des  Ehemannes begründet. Das  zweite  Wiedererwägungsgesuch  vom  4. Dezember  2006  (vgl.  Prozessgeschichte  Bst.  G)  begründeten  die  Beschwerdeführenden  ebenfalls  mit  der  psychischen  Gesundheit  des  Ehemannes.  Als  Nebenpunkt wurde  (teilweise  erst  auf  Beschwerdestufe)  auch  die  lange  Anwesenheit  des  Sohnes  in  der  Schweiz,  seine  gute  Integration  und  seine  Anmeldung  beim  Kinder­  und  Jugendpsychiatrischen  Dienst  vorgebracht.  Das  Bundesverwaltungsgericht  sah  darin  zum  damaligen  Zeitpunkt im Februar 2007 keinen gegenüber der Situation bei Eintritt der  Rechtskraft der ursprünglichen Verfügung entscheidrelevant veränderten  Sachverhalt. 4.3. Das  Bundesverwaltungsgericht  legt  seinem  Urteil  den  Sachverhalt  zugrunde, wie er zum Zeitpunkt des Urteils besteht. Unterdessen lebt der  Sohn  seit  elf  Jahren  in  der  Schweiz,  hat  die  ganze  obligatorische  Schulzeit  in  der Schweiz absolviert  und  steht  vor  der Suche nach einer  Lehrstelle.  Zudem  wurde  bei  ihm  im  September  2007  eine  leichte  depressive  Episode  diagnostiziert  und  er  ist  seither  in  jugendpsychiatrischer Behandlung.  Die  Beschwerdeführenden  machen  damit  im  vorliegenden  dritten  Wiedererwägungsgesuch  die  (neue)  Unzumutbarkeit  des  Vollzugs  der  Wegweisung  und  damit  eine  wesentliche  Veränderung  des  rechtserheblichen  Sachverhaltes  geltend.  Ihr  ursprüngliches  Asylverfahren  wurde  mit  Urteil  der  ARK  vom  22. Mai  2002  formell  abgeschlossen. Die Vorinstanz ging deshalb zu Recht vom Vorliegen von  qualifizierten Wiedererwägungsgründen aus und trat auf das Gesuch ein.  5.  Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder nicht  möglich, so regelt das Bundesamt das Anwesenheitsverhältnis nach den 

E­4836/2007 gesetzlichen  Bestimmungen  über  die  vorläufige  Aufnahme  von  Ausländern  (Art.  44  Abs.  2  AsylG;  Art.  83  Abs.  1  des  Bundesgesetzes  vom 16. Dezember  2005 über  die Ausländerinnen und Ausländer  [AuG,  SR 142.20]). 5.1. Der Vollzug ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche Verpflichtungen  der  Schweiz  einer Weiterreise  der  Ausländerin  oder  des  Ausländers  in  den Heimat­, Herkunfts­ oder in einen Drittstaat entgegenstehen. Er kann  für  Ausländerinnen  oder  Ausländer  unzumutbar  sein,  wenn  sie  in  Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und medizinischer  Notlage  im  Heimat­  oder  Herkunftsstaat  konkret  gefährdet  sind.  Schliesslich ist der Vollzug nicht möglich, wenn die Ausländerin oder der  Ausländer weder in den Herkunfts­ oder in den Heimatstaat noch in einen  Drittstaat ausreisen oder dorthin gebracht werden kann (Art. 83 Abs. 2 ­ 4  AuG). 5.2. Gemäss  Rechtsprechung  des  Bundesverwaltungsgerichts  sind  die  Bedingungen  für  einen  Aufschub  des  Wegweisungsvollzugs  (Unzulässigkeit,  Unzumutbarkeit,  Unmöglichkeit)  alternativer  Natur.  Sobald eine der Bedingungen erfüllt  ist,  ist der Vollzug der Wegweisung  als  undurchführbar  zu  betrachten  und  die  weitere  Anwesenheit  in  der  Schweiz  gemäss  den  Bestimmungen  über  die  vorläufige  Aufnahme  zu  regeln  (vgl.  BVGE  2009/51  E.  5.4,  mit  weiteren  Hinweisen).  Bei  der  Prüfung  der  drei  genannten  Kriterien  ist  auf  die  im  Entscheidzeitpunkt  bestehenden  Verhältnisse  abzustellen  (EMARK  1997  Nr.  27  E.  4  f.  S.  211). 6.  6.1.  Gemäss  Rechtsprechung  bezüglich  des  Vollzugshindernisses  der  Unzumutbarkeit  nach  Art.  83  Abs.  4  AuG  wird  der  Vollzug  der  Wegweisung  aus  humanitären  Gründen  –  nicht  in  Erfüllung  völkerrechtlicher  Pflichten  der  Schweiz  –  aufgeschoben,  wenn  die  betroffene Person bei einer Rückkehr in ihr Heimatland konkret gefährdet  wäre.  Eine  solche  Gefährdung  kann  angesichts  der  im  Heimatland  herrschenden  allgemeinen  politischen  Lage,  die  sich  durch  Krieg,  Bürgerkrieg oder durch eine Situation allgemeiner Gewalt  kennzeichnet,  oder  aufgrund  anderer  Gefahrenmomente,  wie  beispielsweise  einer  notwendigen, aber dort nicht durchführbaren medizinischen Behandlung,  angenommen werden. Wird  eine  konkrete Gefährdung  festgestellt,  ist – 

E­4836/2007 unter  Vorbehalt  von  Art.  83  Abs.  7  AuG  –  die  vorläufige  Aufnahme  zu  gewähren. 6.2. Die allgemeine Lage  in Kroatien – auch  in Bezug auf die serbische  Minderheit  –  ist  nicht  von  Krieg,  Bürgerkrieg  oder  einer  Situation  allgemeiner  Gewalt  geprägt,  so  dass  eine  Rückkehr  von  Personen  serbischer  Ethnie  nach  Kroatien  generell  zumutbar  erscheint  (vgl.  Entscheidungen  und  Mitteilungen  der  Schweizerischen  Asylrekurskommission  [EMARK]  2001  Nr.  10).  Zudem  hat  die  Schweiz  Kroatien  im  Januar  2007  als  verfolgungssicheren  Staat  (sog.  "Safe  Country" im Sinne von Art. 6 Abs. 2 Bst. a AsylG) bezeichnet. Auch wenn  Übergriffe von Privatpersonen auf Angehörige der ethnischen Serben und  teilweise  behördliche  Schikanen  sowie  Diskriminierungen  nicht  völlig  ausgeschlossen werden können, erreichen diese nicht ein Ausmass, das  den Wegweisungsvollzug grundsätzlich unzumutbar erscheinen liesse. 6.3. Die  Rückkehr  der  Beschwerdeführerenden  nach  Kroatien  ist  somit  grundsätzlich  als  zumutbar  zu  betrachten.  Zu  prüfen  bleibt,  ob  persönliche Gründe der Beschwerdeführenden den Wegweisungsvollzug  als nicht zumutbar erscheinen lassen. 7.  Sind  von  einem  Wegweisungsvollzug  Kinder  betroffen,  so  bildet  im  Rahmen der Zumutbarkeitsprüfung das Kindeswohl einen Gesichtspunkt  von  gewichtiger  Bedeutung.  Dies  ergibt  sich  vor  allem  aus  einer  völkerrechtskonformen Auslegung von Art. 83 Abs. 4 AuG im Lichte von  Art. 3 Abs. 1 KRK.  Unter dem Aspekt des Kindeswohls sind demnach in die Beurteilung der  Zumutbarkeit  sämtliche  Umstände  einzubeziehen  und  zu  würdigen,  die  im  Hinblick  auf  den  Vollzug  der  Wegweisung  eines  Kindes  wesentlich  erscheinen.  Namentlich  können  dabei  folgende  Kriterien  im  Rahmen  einer  Gesamtbeurteilung  von  Bedeutung  sein:  Alter  des  Kindes,  Reife,  Abhängigkeiten, Art (Nähe, Intensität, Tragfähigkeit) seiner Beziehungen,  Eigenschaften  seiner  Bezugspersonen  (insbesondere  Unterstützungsbereitschaft und ­fähigkeit), Stand und Prognose bezüglich  Entwicklung  bzw.  Ausbildung,  sowie  der  Grad  der  erfolgten  Integration  bei  einem  längeren  Aufenthalt  in  der  Schweiz.  Gerade  die  Dauer  des  Aufenthaltes  in der Schweiz ist  im Hinblick auf die Prüfung der Chancen  und  Hindernisse  einer  Reintegration  im  Heimatland  bei  einem  Kind  als  gewichtiger  Faktor  zu  werten.  Kinder  sollten  nicht  ohne  triftigen  Grund 

E­4836/2007 aus  einem  vertrauten  Umfeld  herausgerissen  werden.  Dabei  ist  aus  entwicklungspsychologischer Sicht nicht nur das unmittelbare persönliche  Umfeld  des  Kindes  (das  heisst  seine  Kernfamilie)  zu  berücksichtigen,  sondern auch seine weiteren sozialen Beziehungen. Die Verwurzelung in  der Schweiz kann eine reziproke Wirkung auf die Frage der Zumutbarkeit  des  Wegweisungsvollzugs  haben,  indem  eine  starke  Integration  in  der  Schweiz  eine  Entwurzelung  im  Heimatstaat  zur  Folge  haben  kann,  die  unter  Umständen  die  Rückkehr  in  den  Heimatstaat  unzumutbar  erscheinen  lässt  (vgl. BVGE 2009 Nr.  51 E.  5.6, BVGE 2009 Nr.  28 E.  9.3.2 S. 367 f., EMARK 2005 Nr. 6 E. 6 S. 55 ff.). 7.1.  Im  Zusammenhang  mit  der  persönlichen  Situation  der  Beschwerdeführenden  fällt  vor allem deren  lange Anwesenheitsdauer  in  der Schweiz ins Gewicht. Die Beschwerdeführenden halten sich seit ihrer  Einreise im November 2000 ununterbrochen in der Schweiz auf.  7.1.1.  Der  zum  Zeitpunkt  des  vorliegenden  Urteils  (…)  alte  und  damit  minderjährige Sohn  lebt  seit  seinem  (…) Lebensjahr  in der Schweiz. Er  hat  die  für  ein  Kind  äusserst  prägenden  Jugendjahre  in  der  Schweiz  verbracht und hier seine gesamte Schulzeit absolviert. Da er seit seinem  (…)  Lebensjahr  in  der  Schweiz  lebt,  wird  er  kaum  über  (soziale)  Beziehungen  zum  Heimatland  seiner  Mutter  verfügen  und  dessen  kulturelle Gepflogenheiten dürften ihm fremd sein. Nach Aussagen seiner  momentanen Klassenlehrerin  ([…] Sekundarschule; März 2011)  ist er  in  seiner  Klasse  gut  integriert  und  beliebt.  Besonders  hebt  sie  seine  sehr  guten  sozialen Qualitäten  hervor  und weist  darauf  hin,  dass  er  auch  in  seiner  Freizeit  an  seinen  schulischen  Defiziten  arbeite,  um  seine  Chancen  auf  eine  Lehrstelle  zu  verbessern.  Dass  er  sich  in  den  elf  Jahren  auch  ausserhalb  der  Schule  ein  starkes  soziales  Netz  in  der  Schweiz gebildet hat, belegt das Schreiben des lokalen Fussballklubs, in  dem er seit sieben Jahren aktiv ist. Auch darin wird sein Sozialvermögen  und  sein  positiver  Umgang  mit  seinen  Kameraden  hervorgehoben.  Die  Wohngemeinde geht in ihrem Schreiben vom 28. März 2011 sogar davon  aus, dass bei ihm die Voraussetzungen einer Einbürgerung erfüllt wären. 7.1.2. Diese Ausführungen zeigen die gute Integration des Sohnes in die  hiesige  Gesellschaft.  Insbesondere  der  Besuch  der  Schule  über  die  ganze  obligatorische  Schulzeit  hinweg,  die  natürliche  Interaktion  mit  Klassenkameradinnen und ­kameraden und das Erlernen der deutschen  Sprache  dürften  eine  weitreichende  Anpassung  an  die  schweizerische  Lebensweise bewirkt haben. Eine abrupte und künstliche Trennung vom 

E­4836/2007 gewohnten  Umfeld  würde  sich  deshalb  zwangsläufig  als  schwere  Hypothek  für  seine  individuelle  Entwicklung  auswirken.  Da  er  mit  der  kroatischen  Kultur  aufgrund  des  kindlichen  Alters  beim  Verlassen  des  Landes und seines langen Aufenthaltes in der Schweiz nicht vertraut  ist,  wäre seine Integration in Kroatien stark in Frage gestellt. 7.1.3. Zusätzlich zu berücksichtigen  ist seine angeschlagene psychische  Verfassung,  die  auf  die  seit  seinem  (…)  Lebensjahr  vermehrte  Konfrontation  mit  der  unsicheren  Lebenssituation  der  Familie  in  der  Schweiz  zurückzuführen  ist.  Gemäss  ärztlichem  Bericht  vom  4. September 2007 leidet er unter einer leichten depressiven Episode, die  sich  in  anhaltender  trauriger  Stimmung,  übermässigen  Sorgen,  ausgeprägten  Ängsten,  Ein­  und  Durchschlafschwierigkeiten,  innerer  Unruhe,  Nervosität,  Interessenverlust  und  Motivationslosigkeit  manifestiert.  Dies  verstärkt  die  Gefahr,  dass  eine  Ausschaffung  nach  Kroatien für den Sohn massive Schwierigkeiten mit sich bringen würde. 7.1.4. Bei dieser Sachlage besteht für ihn die erhebliche Gefahr, dass die  mit  einem Vollzug der Wegweisung  verbundene Entwurzelung aus dem  gewachsenen  sozialen  Umfeld  in  der  Schweiz  einerseits  und  die  sich  gleichzeitig  abzeichnende  Problematik  einer  Reintegration  in  die  ihm  weitgehend  fremde  respektive  fremdgewordene  Kultur  und  Umgebung  anderseits  zu  starken  Belastungen  in  seiner  jugendlichen  Entwicklung  führen  würden,  die  mit  dem  Schutzanliegen  des  Kindeswohls  nicht  vereinbar wären (vgl. BVGE 2009 Nr. 28 E. 9.3.4 S. 368 f., EMARK 2005  Nr. 6 E. 7.1 S. 58 f.). 7.2. Gemäss Art.  44 Abs.  1 AsylG  ist  beim Vollzug  einer  angeordneten  Wegweisung der "Grundsatz der Einheit der Familie" zu berücksichtigen.  In  personeller  Hinsicht  umfasst  der  Begriff  der  Familie  dabei  den  Ehepartner  und  die  minderjährigen  Kinder,  wobei  der  in  dauerhafter  eheähnlicher  Gemeinschaft  lebende  Partner  dem  Ehepartner  gleichzustellen ist (vgl. BVGE 2008 Nr. 47 E. 4.1.1. und EMARK 1993 Nr.  24).  Unter  dem  Begriff  der  "Einheit  der  Familie"  ist  zu  verstehen,  dass  Mitglieder  der  Kernfamilie  nicht  voneinander  getrennt  werden,  sondern  faktisch zusammen leben können, und dass der Familie nach Möglichkeit  ein  einheitlicher  Rechtsstatus  eingeräumt  wird.  Art.  44  Abs.  1  AsylG  kommt  in  diesem  Zusammenhang  eine  Tragweite  zu,  die  über  die  aus  Art. 8  EMRK  abgeleiteten  Rechtsansprüche  auf  Erteilung  einer  Aufenthaltsbewilligung  hinausgeht,  indem  die  vorläufige  Aufnahme  des  einen Familienmitglieds in der Regel auch zur vorläufigen Aufnahme der 

E­4836/2007 anderen Familienangehörigen führt (vgl. hierzu EMARK 1998 Nr. 31 E. 8  c ee S. 258 und EMARK 1995 Nr. 24 E. 9 S. 229, die sich hierfür freilich  noch auf Art. 17 Abs. 1 AsylG in der Fassung gemäss Ziff. I des BB vom  22.  Juni  1990  über  das  Asylverfahren  [AS  1990  938]  beziehen,  der  inhaltlich jedoch Art. 44 Abs. 1 AsylG entspricht). 7.3.  Die  Tochter  der  Beschwerdeführerin  wurde  (…)  geboren  und  hat  bisher ausschliesslich  in der Schweiz gelebt, kennt also das Heimatland  ihrer Eltern nicht. Obwohl sich das soziale Beziehungsfeld von Kindern in  diesem  Alter  vor  allem  auf  die  Kernfamilie  fokussiert,  ist  festzuhalten,  dass die Tochter gemäss Schreiben der Wohngemeinde  in der Schweiz  (…)  besucht,  Dialekt  spricht  und  auch  ausserfamiliär  gut  integriert  ist.  Auch  die  Beschwerdeführerin  selber  verfügt  gemäss  diesem  Schreiben  über gute Deutschkenntnisse, sie arbeitet stundenweise als Putzhilfe  für  die Wohngemeinde und wird ebenfalls als gut integriert bezeichnet. Im Rahmen einer Gesamtwürdigung der genannten Aspekte – die  lange  Anwesenheitsdauer  der  Familie  in  der  Schweiz,  das  Kindeswohl  der  beiden minderjährigen  Kinder,  der  hohe  Grad  der  Sozialisierung  in  der  Schweiz des Sohnes und die gute Integration der ganzen Familie in ihrer  Wohngemeinde  –  und  unter  Berücksichtigung  des  Grundsatzes  der  Einheit  der  Familie  gemäss  Art.  44  Abs.  1  AsylG  in  fine  gelangt  das  Bundesverwaltungsgericht  deshalb  zum  Schluss,  dass  der  Vollzug  der  Wegweisung für die minderjährigen Kinder und ihre Mutter zum heutigen  Zeitpunkt als nicht (mehr) zumutbar zu erachten ist.  7.4.    Aus  den  Akten  ergeben  sich  ferner  keine  Hinweise  auf  ein  strafrechtlich  relevantes  Verhalten  der  Beschwerdeführenden  im  Sinne  von  Art. 83  Abs. 7  AuG.  Die  Voraussetzungen  für  eine  vorläufige  Aufnahme  in  der  Schweiz  gemäss  Art.  83  Abs.  4  AuG  sind  damit  gegeben.  8.  Die Beschwerdeführenden beantragen zudem, es sei die Staatenlosigkeit  der  Beschwerdeführenden  –  gemeint  sind  wohl  die  beiden  Kinder  der  Beschwerdeführerin – festzustellen. Da sich der Vollzug der Wegweisung  bereits  als  unzumutbar  erwiesen  hat,  erübrigt  sich  die  Prüfung  der  Staatenlosigkeit  der  beiden  Kinder  im  Hinblick  auf  eine  allfällige  Unmöglichkeit des Wegweisungsvollzugs. Im Übrigen ist das BFM für die  Feststellung  der  Staatenlosigkeit  zuständig  und  die 

E­4836/2007 Beschwerdeführenden  werden  deshalb  diesbezüglich  an  das  BFM  verwiesen. 9.  9.1. Es  ist  damit  eine wiedererwägungsrechtlich  relevante  Veränderung  der Sachlage und die Unzumutbarkeit des Vollzugs der Wegweisung der  Beschwerdeführenden festzustellen. 9.2.  Die  Beschwerde  ist  deshalb  gutzuheissen.  Die  vorinstanzliche  Verfügung vom 11. Juni 2007 ist aufzuheben und das BFM anzuweisen,  im  Sinne  der  Erwägungen  seine  Verfügung  vom  21. Januar  2002  (Dispositiv­Ziff.  4  und  5,  soweit  die  Beschwerdeführenden  betreffend)  wiedererwägungsweise aufzuheben. Die Vorinstanz wird angewiesen, die  Beschwerdeführenden wegen Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs  in der Schweiz vorläufig aufzunehmen. Die mit der nunmehr aufzuhebenden Verfügung vom 11. Juni 2007 den  Beschwerdeführenden  auferlegte  (und  bereits  geleistete)  Gebühr  von  Fr. 1'200.­ ist den Beschwerdeführenden vom BFM zurückzuerstatten. 10.  Nachdem  die  rechtlich  vertretenen  Beschwerdeführenden  mit  ihrer  Beschwerde  durchgedrungen  sind,  ist  ihnen  für  die  ihnen  erwachsenen  notwendigen  und  verhältnismässig  hohen  Kosten  eine  Parteientschädigung  zuzusprechen  (Art.  64 Abs.  1 VwVG  i.V.m. Art.  37  VGG; Art. 7 ff. VGKE).  Trotz Aufforderung  reichte der Rechtsvertreter keine Kostennote zu den  Akten,  weshalb  das  Gericht  den  notwendigen  Vertretungsaufwand  aufgrund der Aktenlage  festsetzt  (Art.  14 Abs. 2 VGKE).  In Anwendung  der  genannten  Bestimmungen  und  unter  Berücksichtigung  der  massgeblichen  Bemessungsfaktoren  (vgl.  Art.  8  ff.  VGKE)  ist  die  vom  BFM  für den  im gesamten Beschwerdeverfahren  (sowohl beim  früheren  wie  beim  heutigen  Rechtsvertreter)  angefallenen  Aufwand  auszurichtende  Parteientschädigung  von  Amtes  wegen  auf  pauschal  Fr. 700.–  (ausgehend  von  einem  Ansatz  von  Fr.  200.–  pro  Stunde,  inklusive Auslagen und Mehrwertsteueranteil) festzusetzen.  (Dispositiv nächste Seite)

E­4836/2007 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1.  Die Beschwerde wird gutgeheissen. 2.  Die Verfügung vom 11. Juni 2007 wird aufgehoben.  3. Das BFM wird angewiesen, seine Verfügung vom 21. Januar 2002  (Dispositivziffern 4 und 5, soweit die Beschwerdeführenden betreffend)  wiedererwägungsweise aufzuheben und die Beschwerdeführenden  vorläufig aufzunehmen. 4.  Das BFM wird angewiesen, den Beschwerdeführenden die am 28. Mai  2007 geleistete Gebühr in Höhe von Fr. 1'200.­ zurückzuerstatten. 5.  Es werden keine Verfahrenskosten erhoben. 6.  Das BFM hat den Beschwerdeführenden eine Parteientschädigung in der  Höhe von Fr. 700.– (inkl. Auslagen und Mehrwertsteuer) zu entrichten. 7.  Dieses  Urteil  geht  an  die  Beschwerdeführenden,  das  BFM  und  die  zuständige kantonale Behörde. Die vorsitzende Richterin: Der Gerichtsschreiber: Christa Luterbacher Tobias Meyer Versand:

E-4836/2007 — Bundesverwaltungsgericht 28.09.2011 E-4836/2007 — Swissrulings