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Bundesverwaltungsgericht 12.12.2011 E-4441/2011

12. Dezember 2011·Deutsch·CH·CH_BVGE·PDF·1,271 Wörter·~6 min·1

Zusammenfassung

Nichteintreten auf Asylgesuch und Wegweisung (Dublin-Verfahren) | Nichteintreten auf Asylgesuch und Wegweisung nach Italien (Dublin-Verfahren); Verfügung des BFM vom 26. August 2011

Volltext

Bundesve rwa l t ungsge r i ch t T r i buna l   adm in istratif   f édé ra l T r i buna l e   ammin istrati vo   f ede ra l e T r i buna l   adm in istrativ   f ede ra l     Abteilung V E­4441/2011 Urteil   v om   1 2 .   D e z embe r   2011   Besetzung Richterinnen Muriel Beck Kadima, Nina Spälti Giannakitsas,  Emilia Antonioni;   Gerichtsschreiberin Stella Boleki. Parteien A._______, geboren am (…), Nigeria,   vertreten durch lic.iur. Kathrin Stutz, Zürcher Beratungsstelle  für Asylsuchende, (…) 8036 Zürich, Beschwerdeführer,  Gegen Bundesamt für Migration (BFM),  Quellenweg 6, 3003 Bern,    Vorinstanz.  Gegenstand Nichteintreten auf Asylgesuch und Wegweisung nach Italien  (Dublin­Verfahren); Verfügung des BFM vom 26. August 2011 / N (…).

E­4441/2011 Das Bundesverwaltungsgericht stellt fest,  dass  der  Beschwerdeführer  am  15. Juli  2011  im  Empfangs­  und  Verfahrenszentrum (EVZ) Chiasso um Asyl nachsuchte,  dass  einer  Mitteilung  der  EURODAC­Datenbank  vom  15.  Juli  2011  zufolge der Beschwerdeführer am 23. Januar 2008 in B._______/Italien in  der Eigenschaft als Asylsuchender  (Kategorie 1) daktyloskopisch erfasst  wurde, dass er im EVZ C._______ anlässlich der Befragung zur Person vom 28.  Juli 2011 zu den Umständen seiner Ausreise ausführte, er habe Nigeria  im Jahre 1995 verlassen und sei über den Niger nach Libyen gereist, wo  er  sich  bis  zum  12.  November  2007  und  danach  in  Italien  aufgehalten  habe,  dass er  in  Italien  im Jahre 2008 ein Asylgesuch gestellt,  aber nie einen  Entscheid erhalten habe,  dass die  italienischen Behörden  ihm  im Jahre 2008 einen  "permesso di  soggiorno" für dreissig Tage ausgestellt hätten, dass er nach dessen Ablauf mit Hilfe eines Anwaltes bei der "Questura"  von  D._______  in  Neapel  erfolglos  einen  Antrag  um  eine  weitere  Aufenthaltsbewilligung eingereicht habe,  dass er sich folglich die letzten drei Jahre ohne Aufenthaltsbewilligung in  Italien aufgehalten und nur mit Hilfe der dort lebenden Gemeinschaft der  Yoruba habe überleben können,  dass er sich im Jahre 2008 in einem Gesundheitszentrum für Flüchtlinge  medizinisch habe behandeln lassen können und es ihm heute gut gehe,  dass er anlässlich der gleichzeitigen Gewährung des rechtlichen Gehörs  zur  mutmasslichen  Zuständigkeit  Italiens  und  eines  allfälligen  Wegweisungsvollzugs  dorthin  angab,  er  wolle  nicht  zurück  nach  Italien  gehen, dort habe er keine Aufenthaltspapiere und keine Arbeit, dass das BFM Italien am 10. August 2011 gestützt auf Art. 16 Abs. 1 Bst.  c  der  Verordnung  (EG)  Nr.  343/2003  des Rates  vom  18. Februar  2003  zur  Festlegung  der  Kriterien  und  Verfahren  zur  Bestimmung  des  Mitgliedstaats,  der  für  die  Prüfung  eines  von  einem 

E­4441/2011 Drittstaatsangehörigen  in  einem  Mitgliedstaat  gestellten  Asylantrags  zuständig ist (Dublin­II­VO), um Wiederaufnahme des Beschwerdeführers  ersuchte, dass  die  italienischen  Behörden  dieses  Ersuchen  bis  zum  25.  August  2008 unbeantwortet liessen, dass  das  BFM mit  Verfügung  vom  26.  August  2011  –  eröffnet  am  29.  August  2011  –  in  Anwendung  von  Art. 34  Abs.  2  Bst.  d  AsylG  des  Asylgesetzes vom 26. Juni 1998 (AsylG, SR 142.31) auf das Asylgesuch  nicht  eintrat  und  die  Wegweisung  aus  der  Schweiz  sowie  den  Vollzug  nach Italien anordnete, dass  es  den  Beschwerdeführer  gleichzeitig  aufforderte,  die  Schweiz  spätestens  am Tag  nach Ablauf  der  Beschwerdefrist  zu  verlassen,  den  Kanton Zürich mit dem Vollzug der Wegweisungsverfügung beauftragte,  die Aushändigung der editionspflichtigen Akten gemäss Aktenverzeichnis  verfügte  und  festhielt,  eine  Beschwerde  gegen  diese  Verfügung  habe  keine aufschiebende Wirkung, dass  der  Beschwerdeführer  durch  seine  Rechtsvertretung  mit  Eingabe  vom  2.  September  2011  gegen  diesen  Entscheid  beim  Bundesverwaltungsgericht  Beschwerde  erhob  und  dabei  unter  anderem  beantragte,  die  vorinstanzliche  Verfügung  vom  26.  August  2011  sei  aufzuheben  und  das  BFM  sei  anzuweisen,  das  Recht  auf  einen  Selbsteintritt  auszuüben  und  sich  für  das  Asylverfahren  zuständig  zu  erklären,  dass  in  prozessrechtlicher  Hinsicht  beantragt  wurde,  es  sei  der  Beschwerde die aufschiebende Wirkung zu erteilen und die zuständigen  Vollzugsbehörden seien anzuweisen, von einer Überstellung nach Italien  abzusehen,  bis  das  Bundesverwaltungsgericht  über  die  vorliegende  Beschwerde entschieden haben werde,   dass  ferner  auf  die  Erhebung  eines  Verfahrenskostenvorschusses  zu  verzichten und ihm die unentgeltliche Prozessführung zu gewähren sei,  dass er zur Begründung unter anderem geltend machte, anfangs August  sei  er  beim  Treppensteigen  gestürzt  und  habe  als  Folge  davon  eine  Thrombose erlitten, weshalb er hospitalisiert worden sei,

E­4441/2011 dass er – ohne entsprechende Unterlagen einzureichen – gestützt auf die  Aussagen  der  ihn  behandelnden  Ärztin  zwingend  auf  regelmässige  Spritzen  und  die  Einnahme  von  Medikamenten  angewiesen  sei,  ansonsten ihm eine Lungenembolie drohe, dass das Bundesverwaltungsgericht mit Telefax vom 5. September 2011  die  vorsorgliche  Aussetzung  des  Vollzugs  der  Wegweisung  gemäss  Art. 56  des  Bundesgesetzes  vom  20. Dezember  1968  über  das  Verwaltungsverfahren (VwVG, SR 172.021) verfügte, dass  die  vorinstanzlichen  Akten  am  6.  September  2011  beim  Bundesverwaltungsgericht eintrafen (Art. 109 Abs. 2 AsylG), dass  die  zuständige  Instruktionsrichterin  mit  Verfügung  vom  12.  September  2011  das  Gesuch  um  Gewährung  der  aufschiebenden  Wirkung der Beschwerde gestützt auf Art. 107a AsylG guthiess und den  Beschwerdeführer  gleichzeitig aufforderte,  bis  zum 27. September 2011  einen aktuellen ärztlichen Bericht sowie eine Fürsorgebestätigung zu den  Akten zu reichen,  dass  die  Beurteilung  über  das  Gesuch  betreffend  die  Gewährung  der  unentgeltlichen  Rechtspflege  auf  einen  späteren  Zeitpunkt  verschoben  und  auf  die  Erhebung  eines  Verfahrenskostenvorschusses  verzichtet  wurde, dass  eine  an  das  BFM  adressierte  Zustimmungserklärung  des  italienischen  Innenministeriums  vom  21.  September  2011  dem  Bundesverwaltungsgericht zugestellt wurde,  dass  daraus  hervorgeht,  Italien  stimme  der  Wiederaufnahme  des  Beschwerdeführers  gestützt  auf  Art.  16  Abs.  1  Bst.  e  Dublin­II­VO  (abgelehnter Asylantrag) zu, dass  es  die  schweizerischen  Asylbehörden  gleichzeitig  bittet,  den  Beschwerdeführer anzuweisen, sich nach Ankunft in Catania (Sizilien) bei  der Grenzpolizei zu melden, dass  weiter  darum  gebeten  wird,  zehn  Tage  vor  der  Überstellung  mitzuteilen, ob beim Beschwerdeführer gesundheitliche oder psychische  Beschwerden  vorlägen,  bzw.  wenn  von  einer  Überstellung  nicht  abgesehen  werden  könne,  die  medizinisch  relevanten  Arztzeugnisse, 

E­4441/2011 insbesondere diejenigen, die Auskunft über dessen Reisefähigkeit (Flug)  geben, zuzustellen,  dass der Beschwerdeführer  innert Frist am 26. September 2011 sowohl  eine  Fürsorgebestätigung  als  auch  ärztliche  Unterlagen  (Schreiben  von  E._______ vom 23. September einschliesslich der Unterlagen betreffend  seine Hospitalisation  im Spital  F._______  vom 16. August  2011 bis  26.  August  2011  [Röntgenbefund  und  phlebologische  Untersuchung])  einreichte, dass  die  Vorinstanz  am  4.  November  2011  vom  Bundesverwaltungsgericht  zur  Vernehmlassung  eingeladen  wurde  und  sich  mit  Schreiben  vom  18.  November  2011  zur  Frage  der  gesundheitlichen  Situation  des  Beschwerdeführers  und  seiner  weiteren  Behandlung  ausführte,  Italien  halte  sich  an  die  völkerrechtlichen  Verpflichtungen  und  eine  angemessene  Versorgung  sei  durch  die  Einhaltung der Aufnahmerichtlinie (RI 2003/9/EG) sichergestellt,  dass  neben  staatlichen  Behörden  auch  private  Hilfsorganisationen  Dublin­Rückkehrenden Hilfe leisten würden; insbesondere auf verletzliche  Personen werde Rücksicht genommen,  dass weiter anzumerken sei, dass nach Art. 35 des "Decreto Legislativo  n.  286"  vom 25.  Juli  1998 mit  dem Titel  "Testo  unico  delle  disposizioni  concernenti la disciplina dell'immigrazione e norme sulla condizione dello  straniero"  auch  illegal  anwesenden  Personen  das  Recht  auf  die  erforderliche medizinische Grundversorgung zu gewährleisten sei,  dass  somit  einzig  die  Transportfähigkeit  für  die  Überstellung  des  Beschwerdeführers  ausschlaggebend  sei  und  gemäss  Aktenlage  (Austrittsbericht  des  Spitals  F._______  vom  5.  September  2011)  als  transportfähig  gelte,  weshalb  keine  Gründe  vorlägen,  von  einer  Überstellung nach Italien abzusehen,  dass  der Beschwerdeführer  durch  seinen Rechtsvertreter mit Schreiben  vom  7.  Dezember  2011  replizierte  und  ausführte,  gemäss  dem  Bericht  "Asylverfahren  und  Aufnahmebedingungen  in  Italien"  der  SFH  vom Mai  2011 würden grosse Defizite beim Zugang zu medizinischer Versorgung  bestehen, weshalb nicht von der Hand zu weisen sei, dass die erwähnte  Richtlinie nur ungenügend umgesetzt sei,

E­4441/2011 dass von einer Wegweisung nach Italien abzusehen sei, weil er aufgrund  seines  Alters  zur  Gruppe  der  verletzlichsten  Personen  gehöre  und  befürchte  als  in  Italien  illegal  Anwesender  medizinisch  unzureichend  versorgt zu werden,  und erwägt, dass das Bundesverwaltungsgericht auf dem Gebiet des Asyls endgültig  über  Beschwerden  gegen  Verfügungen  (Art. 5  VwVG)  des  BFM  entscheidet,  ausser  bei  Vorliegen  eines  Auslieferungsersuchens  des  Staates,  vor  welchem  die  beschwerdeführende  Person  Schutz  sucht  (Art. 105  AsylG  i. V. m.  Art. 31 – 33  des  Verwaltungsgerichtsgesetzes  vom  17. Juni  2005  [VGG,  SR 173.32];  Art. 83  Bst. d  Ziff. 1  des  Bundesgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005 [BGG, SR 173.110]), dass  der  Beschwerdeführer  am  Verfahren  vor  der  Vorinstanz  teilgenommen hat, durch die angefochtene Verfügung besonders berührt  ist,  ein  schutzwürdiges  Interesse  an deren Aufhebung beziehungsweise  Änderung  hat  und  daher  zur  Einreichung  der  Beschwerde  legitimiert  ist  (Art. 105 AsylG und Art. 48 Abs. 1 VwVG), dass  somit  auf  die  frist­  und  formgerecht  eingereichte  Beschwerde  einzutreten ist (Art. 108 Abs. 1 AsylG und Art. 52 VwVG), dass  mit  Beschwerde  die  Verletzung  von  Bundesrecht,  die  unrichtige  oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts und  die Unangemessenheit gerügt werden können (Art. 106 Abs. 1 AsylG), dass  bei  Beschwerden  gegen  Nichteintretensentscheide,  mit  denen  es  das  BFM  ablehnt,  das  Asylgesuch  auf  seine  Begründetheit  hin  zu  überprüfen  (Art. 32 – 35  AsylG),  die  Beurteilungskompetenz  der  Beschwerdeinstanz  grundsätzlich  auf  die  Frage  beschränkt  ist,  ob  die  Vorinstanz zu Recht auf das Asylgesuch nicht eingetreten ist, dass  sich  demnach  die  Beschwerdeinstanz  – sofern  sie  den  Nichteintretensentscheid  als  unrechtmässig  erachtet –  einer  selbstständigen materiellen Prüfung enthält, die angefochtene Verfügung  aufhebt  und  die  Sache  zu  neuer  Entscheidung  an  die  Vorinstanz  zurückweist (vgl. BVGE 2007/8 E. 2.1),

E­4441/2011 dass  die  Vorinstanz  die  Frage  der  Wegweisung  und  des  Vollzugs  materiell  prüft,  weshalb  dem  Bundesverwaltungsgericht  diesbezüglich  volle Kognition zukommt, dass  auf  Asylgesuche  in  der  Regel  nicht  eingetreten  wird,  wenn  Asylsuchende  in  einen  Drittstaat  ausreisen  können,  welcher  für  die  Durchführung  des  Asyl­  und  Wegweisungsverfahrens  staatsvertraglich  zuständig ist (Art. 34 Abs. 2 Bst. d AsylG),  dass  sich  aus  den  Akten  ergibt,  dass  der  Beschwerdeführer  als  Asylsuchender  in  Italien  im Januar  2008 daktyloskopisch erfasst wurde,  was er denn auch anlässlich der vorinstanzlichen Befragung 28. Juli 2011  bestätigte und weiter dazu ausführte,  sich dort  bis  zu seiner Einreise  in  die Schweiz illegal aufgehalten zu haben,  dass das BFM zu Recht feststellte, die italienischen Asylbehörden hätten  gemäss  Art. 20  Abs.  1  Bst.  c  Dublin­II­VO  einer  Rückübernahme  des  Beschwerdeführers  (stillschweigend)  zugestimmt, weshalb  Italien  für  die  Durchführung des Asylverfahrens des Beschwerdeführers zuständig sei,  dass  Italien  sich  inzwischen  explizit  gestützt  auf  Art.  16  Abs.  1  Bst.  e  Dublin­II­VO für zuständig erklärte, dass die geltend gemachten Einwände des Beschwerdeführers anlässlich  der  Gewährung  des  rechtlichen  Gehörs  nicht  die  Zuständigkeit  beschlagen,  und  die  Zuständigkeit  Italiens  auch  auf  Beschwerdeebene  nicht bestritten wird,  dass  infolgedessen  die  gesetzliche  Grundlage  für  einen  Nichteintretensentscheid nach Art. 34 Abs. 2 Bst. d AsylG grundsätzlich  erfüllt ist, dass  die  Ablehnung  eines  Asylgesuchs  oder  das Nichteintreten  auf  ein  Asylgesuch in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz zur Folge hat  (Art. 44 Abs. 1 AsylG),  dass  vorliegend  der  Kanton  keine  Aufenthaltsbewilligung  erteilt  hat  und  auch  kein  Anspruch  auf  Erteilung  einer  solchen  besteht  (vgl.  EMARK  2001 Nr. 21), dass  in  Verfahren  nach  Art.  34  Abs.  2  Bst.  d  AsylG  die  Frage  nach  Hindernissen  des  Wegweisungsvollzugs  regelmässig  bereits  http://links.weblaw.ch/EMARK-2001/21 http://links.weblaw.ch/EMARK-2001/21 http://links.weblaw.ch/EMARK-2001/21 http://links.weblaw.ch/EMARK-2001/21 http://links.weblaw.ch/EMARK-2001/21 http://links.weblaw.ch/EMARK-2001/21 http://links.weblaw.ch/EMARK-2001/21

E­4441/2011 Voraussetzung  (und  nicht  erst  Regelfolge)  des  Nichteintretensentscheides  ist (vgl. BVGE 2010/45 E. 10.2) und allfällige  völkerrechtliche  und  humanitäre  Vollzugshindernisse  im  Rahmen  der  eventuellen  Anwendung  der  sogenannten  Souveränitätsklausel  (Art.  3  Abs.  2  Dublin­II­VO  i.V.m.  Art.  29a  Abs.  3  AsylV  1)  zu  prüfen  sind,  weshalb kein Raum für Ersatzmassnahmen  im Sinne von Art. 44 Abs. 2  i.V.m.  Art.  83  Abs.  1­4  des  Bundesgesetzes  vom  16.  Dezember  2005  über die Ausländerinnen und Ausländer (AuG, SR 142.20) besteht, dass  auf  Beschwerdeebene  geltend  gemacht  wird,  die  Schweiz  sei  gehalten  aufgrund  humanitärer  Gründe  von  ihrem  Selbsteintrittsrecht  gemäss Art. 3 Abs. 2 Dublin­II­VO Gebrauch zu machen, dass  gemäss  bundesverwaltungsgerichtlicher  Rechtsprechung  Art.  3  Abs. 2  erster  Satz  Dublin­II­VO  (Souveränitätsklausel)  nicht  direkt  anwendbar  ist,  sich  allerdings  ein  Asylgesuchsteller  in  einem  Beschwerdeverfahren  auf  die  Verletzung  einer  direkt  anwendbaren  Bestimmung des internationalen öffentlichen Rechts oder einer Norm des  Landesrechts  –  insbesondere  Art.  29a  Abs.  3  AsylV  1  –,  welche  einer  Überstellung entgegenstehe, berufen kann (vgl. BVGE 2010/45 E. 5), dass  er  vorbringt,  die  Gesundheitsversorgung  in  Italien  sei  gemäss  diversen  Berichten  –  entgegen  der  Einschätzung  der  Vorinstanz –  keineswegs  gesichert,  weil  Asylsuchende  und  Flüchtlinge  zwar  ein  Anrecht auf medizinische Versorgung hätten, dieses Recht aber an eine  "Residenza"  geknüpft  sei  und  gemäss  eines  Berichts  der  Schweizerischen Flüchtlingshilfe vom Mai 2011 es für eine medizinische  Untersuchung in der Regel eine "Tessera Sanitaria" brauche, dass  diesem  Bericht  zufolge  Italien  den  Anforderungen  der  EU­ Mindestrichtlinien  in  Bezug  auf  die  Bedürfnisse  von  kranken  Personen  nicht nachkomme,  dass  mit  dieser  Rüge  eine  direkt  anwendbare  Bestimmung  des  öffentlichen  Rechts  angerufen  wird,  weshalb  Art.  3  Abs.  2  Dublin­II­VO  zur Anwendung kommen könnte,  dass  aus  der  auf  Art.  16  Abs.  1  Bst.  e  Dublin­II­VO  gestützten  Zustimmungserklärung  Italiens  hervorgeht,  dass  der  dort  gestellte  Asylantrag des Beschwerdeführers abgewiesen wurde,  http://links.weblaw.ch/BVGE-2010/45 http://links.weblaw.ch/BVGE-2010/45 http://links.weblaw.ch/BVGE-2010/45

E­4441/2011 dass dieser sich eigenen Angaben zufolge in Italien bis zur Einreise in die  Schweiz illegal aufgehalten habe,  dass er sich somit nicht  (mehr) auf die  "Richtlinie 2003/9 EG des Rates  vom  27.  Januar  2003  zur  Festlegung  der  Mindestnormen  für  die  Aufnahme von Asylbewerbern in den Mitgliedstaaten" berufen kann, weil  er  als  abgewiesener  Asylbewerber  kein  Recht  darauf  hat,  in  diesem  verbleiben zu dürfen (vgl. Art. 3 der Richtlinie 2003/9 EG […]), dass  es  sich  infolgedessen  erübrigt  zu  den  geltend  gemachten  Einwänden  der  mangelnden  Gesundheitsversorgung  für  Asylsuchende  und Flüchtlinge Ausführungen zu machen,   dass der Beschwerdeführer als "illegal aufhältiger Drittstaatsangehöriger"  gelten dürfte  und  Italien  ihm deshalb bis  zu  seiner Rückweisung  in den  Heimatstaat  gestützt  auf  Art.  14  bzw.  allenfalls  Art.  16  Abs.  3  der  "Richtlinie  2008/115/EG  des  Europäischen  Parlaments  und  des  Rates  vom 16. Dezember 2008 über gemeinsame Normen und Verfahren in den  Mitgliedstaaten zur Rückführung illegal aufhältiger Drittstaatsangehöriger"  eine  gesundheitliche  Notfallversorgung  und  unbedingt  erforderliche  Behandlung von Krankheiten zu gewährleisten hat,  dass  davon  auszugehen  ist,  Italien  halte  sich  an  diese  Bestimmungen,  bzw. keine gegenteiligen Anhaltspunkte vorliegen, dass  hinsichtlich  der  geltend  gemachten  gesundheitlichen  Problemen,  wonach  der  65­jährige  Beschwerdeführer  infolge  eines  im  August  2011  ereigneten  Sturzes  auf  der  Treppe  eine  Thrombose  erlitten  habe,  weswegen  er  habe  hospitalisiert  und  medikamentös  behandelt  werden  müssen, und eine Weiterbehandlung zwingend notwendig sei, ansonsten  die Gefahr einer Lungenembolie bestehe, das Folgende festzustellen ist,  dass die Beschwerden mittels nachgereichter Arztberichte belegt werden  konnten,  und  bei  ihm  eine  4­Etagen  Beinvenenthrombose  links  mit  Ausdehnung  in  die  Vena  iliaca  communis  diagnostiziert  wurde,  welche  anfänglich mit niedermolekularen Heparinen behandelt und überlappend  dazu eine Therapie  für vorerst sechs Monate mit Marcoumar empfohlen  wurde,  dass  aktuell  durch  den  Hausarzt  durchzuführende  regelmässige  INR­  (International  Normalized  Ratio)  und  Blutdruckkontrollen  sowie  Oberschenkel­Kompressionsverbände links indiziert sind, 

E­4441/2011 dass daraus hervorgeht, dass sich diese gesundheitlichen Beschwerden  mit einer einfachen Therapie (Blutverdünnungs­Medikamente) behandeln  lassen  und  infolgedessen  weder  aus  völkerrechtlichen  (Art.  3  der  Konvention  vom  4. November  1950  zum  Schutze  der  Menschenrechte  und Grundfreiheiten  [EMRK, SR 0.101]) noch aus humanitären Gründen  (Art. 29a AsylV 1) ein Selbsteintritt (Art. 3 Abs. 2 Dublin­II­VO) angezeigt  ist,  dass  das  BFM  demnach  zu  Recht  auf  das  Asylgesuch  des  Beschwerdeführers  nicht  eingetreten  ist  und  die  Überstellung  (Wegweisung) nach Italien sowie deren Vollzug angeordnet hat, dass  die  Vorinstanz  hinsichtlich  des  Vollzugs  anzuweisen  ist,  die  medizinische Versorgung sicherzustellen und die  italienischen Behörden  darüber zu informieren, dass  es  dem  Beschwerdeführer  folglich  nicht  gelungen  ist  darzutun,  inwiefern  die  angefochtene  Verfügung  Bundesrecht  verletzt,  den  rechtserheblichen Sachverhalt unrichtig oder unvollständig  feststellt oder  unangemessen ist (Art. 106 AsylG), weshalb die Beschwerde abzuweisen  ist, dass  das  Gesuch  um  Gewährung  der  unentgeltlichen  Prozessführung  angesichts der Aussichtslosigkeit der Rechtsbegehren abzuweisen ist,  dass  bei  diesem  Ausgang  des  Verfahrens  die  Kosten  von  Fr.  600.­  (Art. 1 ­ 3  des  Reglements  vom  21. Februar  2008  über  die  Kosten  und  Entschädigungen  vor  dem  Bundesverwaltungsgericht  [VGKE,  SR 173.320.2]) dem Beschwerdeführer aufzuerlegen sind (Art. 63 Abs. 1  VwVG).  (Dispositiv nächste Seite)

E­4441/2011 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1.  Die Beschwerde wird abgewiesen. 2.  Das Gesuch um unentgeltliche Rechtspflege wird abgewiesen. 3.   Die  Verfahrenskosten  von  Fr. 600.­  werden  dem  Beschwerdeführer  auferlegt.  Dieser  Betrag  ist  innert  30  Tagen  ab  Versand  des  Urteils  zu  Gunsten der Gerichtskasse zu überweisen. 4.  Dieses  Urteil  geht  an  den  Beschwerdeführer,  das  BFM  und  die  zuständige kantonale Behörde. Die vorsitzende Richterin: Die Gerichtsschreiberin: Muriel Beck Kadima Stella Boleki Versand:

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