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Bundesverwaltungsgericht 08.12.2011 E-4339/2009

8. Dezember 2011·Deutsch·CH·CH_BVGE·PDF·1,840 Wörter·~9 min·1

Zusammenfassung

Asyl und Wegweisung | Asyl und Wegweisung; Verfügung des BFM vom 12. Juni 2009 /

Volltext

Bundesve rwa l t ungsge r i ch t T r i buna l   adm in istratif   f édé ra l T r i buna l e   ammin istrati vo   f ede ra l e T r i buna l   adm in istrativ   f ede ra l     Abteilung V E­4339/2009 Urteil   v om   8 .   D e z embe r   2011 Besetzung Richter Bruno Huber (Vorsitz), Richterin Jenny de Coulon Scuntaro, Richterin Regula Schenker Senn,    Gerichtsschreiberin Laura Wayllany. Parteien A._______, geboren (…), Gambia,  (…),   Beschwerdeführer,  gegen Bundesamt für Migration (BFM),  Quellenweg 6, 3003 Bern,    Vorinstanz.  Gegenstand Asyl und Wegweisung;  Verfügung des BFM vom 12. Juni 2009 / N (…).

E­4339/2009 Sachverhalt: A.  A.a  Der  Beschwerdeführer,  ein  gambischer  Staatsangehöriger  mit  letztem  Wohnsitz  in  B._______  (Stadt  C._______,  Grossraum  D._______),  verliess  seinen  Heimatstaat  eigenen  Angaben  zufolge  am  6. Dezember 2008 Richtung Senegal und gelangte via Griechenland und  Italien  am  (…)  mit  dem  Zug  in  die  Schweiz,  wo  er  gleichentags  beim  E._______ um Asyl nachsuchte. A.b  Am  13.  März  2009  befragte  das  BFM  den  Beschwerdeführer  im  F._______  summarisch  zum  Reiseweg  und  zu  den  Gründen  für  das  Verlassen des Heimatstaates. A.c  Mit  Schreiben  vom  8.  Mai  2009  teilte  die  dem  Beschwerdeführer  beigeordnete Vertrauensperson der zuständigen Fachstelle des Kantons  G._______  dem  Bundesamt  mit,  sie  habe  dessen  Einladung  zur  Anhörung  vom  14.  Mai  2009  erhalten,  könne  jedoch  aufgrund  einer  terminlichen  Überschneidung  daran  nicht  teilnehmen.  Der  Beschwerdeführer  sei  damit  einverstanden,  allein  nach  Bern  zu  reisen  und sich ohne Vertrauensperson anhören zu lassen. Dem  Schreiben  wurde  eine  diesbezügliche  Verzichtserklärung  des  Beschwerdeführers vom 8. Mai 2009 beigelegt. A.d Am 14. Mai 2009 wurde der Beschwerdeführer (in Anwesenheit einer  Hilfswerkvertretung)  vom  BFM  einlässlich  zu  seinen  Asylgründen  angehört. A.e Zur Begründung seines Asylgesuches machte der Beschwerdeführer  geltend,  er  habe  während  (…)  Jahren  als  (…)  gearbeitet.  Zu  seinen  Aufgaben habe unter anderem (…) nach Arbeitsende gehört. Am Abend  des  (…)  habe  er  beim Verlassen  der  (…) mit  dem Auto  des Chefs  ein  Kleinkind überfahren. Er habe den Jungen, welcher sich hinter dem Auto  befunden  habe,  nicht  gesehen,  und  dieser  sei  noch  auf  der Unfallstelle  und  in  Anwesenheit  der  Mutter  verstorben.  Aufgrund  seiner  Minderjährigkeit habe er keinen Fahrausweis besessen, weshalb er aus  Angst  vor  Problemen  mit  der  Polizei  den  Unfallort  fluchtartig  verlassen  habe.  Er  sei  direkt  zu  seinem Chef  gegangen,  welcher  ihm  nahegelegt  habe, B._______ zu verlassen. Daraufhin sei er zu dessen Freund nach  D._______ gereist, und als auch dieser ihm zur Flucht geraten habe, sei 

E­4339/2009 er am  folgenden Tag ausgereist. Wäre er dort geblieben oder zu seiner  (…) nach H._______ gegangen, hätten ihn die Familienangehörigen des  verstorbenen  Jungen  sicher  gefunden und umgebracht.  Zudem hätte  er  Probleme  mit  der  Polizei  bekommen,  weil  er  das  Auto  ohne  entsprechende Bewilligung gefahren habe und  sich auch  keinen Anwalt  hätte  leisten können. Aus diesem Grunde könne er unmöglich  in seinen  Heimatstaat  zurückzukehren.  Er  habe  Gambia  einzig  aufgrund  des  erwähnten  Ereignisses  verlassen,  weder  er  noch  seine  Familie  hätten  zuvor  jemals Probleme mit  den Behörden  gehabt,  und  das  Leben wäre  für ihn dort viel einfacher. Der Beschwerdeführer gab weder Identitätspapiere noch andere Beweis­ mittel zu den Akten.  B.  Mit Verfügung  vom 12.  Juni  2009  –  eröffnet  am 15.  Juni  2009  –  stellte  das  BFM  fest,  die  Vorbringen  des  Beschwerdeführers  genügten  den  Anforderungen  an  die  Flüchtlingseigenschaft  nicht,  lehnte  das  Asylgesuch ab,  verfügte die Wegweisung aus der Schweiz und ordnete  den Vollzug an. C.  Mit  Rechtsmitteleingabe  vom  6.  Juli  2009  (vorgedruckte  Formularbeschwerde mit handschriftlichen Ergänzungen) beantragte der  Beschwerdeführer  in  materieller  Hinsicht  die  Aufhebung  der  vorinstanzlichen  Verfügung  und  unter  Zuerkennung  der  Flüchtlingseigenschaft  die  Gewährung  von  Asyl,  eventualiter  die  Feststellung  der Unzulässigkeit,  Unzumutbarkeit  und Unmöglichkeit  des  Wegweisungsvollzuges und die Anordnung der vorläufigen Aufnahme. In  prozessualer  Hinsicht  beantragte  er  den  Verzicht  auf  die  Erhebung  eines  Kostenvorschusses  und  die  Gewährung  der  unentgeltlichen  Prozessführung samt anwaltlicher Verbeiständung. Eventualiter ersuchte  er  um Wiederherstellung  der  aufschiebenden Wirkung  der Beschwerde,  um  vorsorgliche  Anweisung  an  die  zuständige  Behörde,  die  Kontaktaufnahme mit Behörden des Heimat­ oder Herkunftsstaates sowie  jegliche  Datenweitergabe  an  dieselben  zu  unterlassen  und  bei  bereits  erfolgter  Datenweitergabe  darüber  in  einer  separaten  Verfügung  zu  informieren.

E­4339/2009 D.  Mit  Zwischenverfügung  vom  22.  Juli  2009  stellte  der  Instruktionsrichter  fest,  der  Beschwerdeführer  dürfe  den  Ausgang  des  Verfahrens  in  der  Schweiz  abwarten.  Da  das  BFM  der  Beschwerde  die  aufschiebende  Wirkung  nicht  entzogen  habe,  sei  auf  den  diesbezüglichen  Eventualantrag  nicht  einzutreten.  Des  weiteren  verschob  er  den  Entscheid  über  die  Gesuche  um  Gewährung  der  unentgeltlichen  Rechtspflege  und  um  Verzicht  auf  die  Erhebung  eines  Kostenvorschusses  auf  einen  späteren  Zeitpunkt  und  wies  den  Beschwerdeführer an, eine Fürsorgebestätigung nachzureichen. E.  Am  23.  Juli  2009  wurde  von  der  Einwohnergemeinde  I._______  eine  Bestätigung  der  Fürsorgeabhängigkeit  des  Beschwerdeführers  eingereicht. F.  Mit Verfügung vom 13. August 2009 verzichtete der Instruktionsrichter auf  die  Erhebung  eines  Kostenvorschusses,  verschob  den  Entscheid  über  das Gesuch  um Gewährung  der  unentgeltlichen Rechtspflege  im Sinne  von  Art.  65  Abs.  1  des  Bundesgesetzes  vom  20. Dezember  1968  über  das  Verwaltungsverfahren  (VwVG,  SR  172.021)  auf  einen  späteren  Zeitpunkt und wies das Gesuch um unentgeltliche Rechtsverbeiständung  im Sinne von Art. 65 Abs. 2 VwVG ab. G.  In  ihrer  Vernehmlassung  vom  10.  November  2011,  welche  dem  Beschwerdeführer  vom  Gericht  am  22.  November  2011  zur  Kenntnis  gebracht  wurde,   verwies  die  Vorinstanz  auf  die  Erwägungen  in  der  angefochtenen  Verfügung,  hielt  an  diesen  vollumfänglich  fest  und  beantragte die Abweisung der Beschwerde. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1.  1.1. Gemäss Art. 31 des Verwaltungsgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005  (VGG, SR 173.32) beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Beschwerden  gegen  Verfügungen  nach  Art. 5  VwVG.  Das  BFM  gehört  zu  den  Behörden  nach  Art. 33  VGG  und  ist  daher  eine  Vorinstanz  des 

E­4339/2009 Bundesverwaltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme  im Sinne von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht  ist daher zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und  entscheidet  auf  dem  Gebiet  des  Asyls  endgültig,  ausser  bei  Vorliegen  eines  Auslieferungsersuchens  des  Staates,  vor  welchem  die  beschwerdeführende  Person  Schutz  sucht  (Art. 105  des  Asylgesetzes  vom  26. Juni  1998  [AsylG,  SR  142.31],  Art. 83  Bst. d  Ziff. 1  des  Bundesgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005 [BGG, SR 173.110]). 1.2. Das  Verfahren  richtet  sich  nach  dem  VwVG,  dem  VGG  und  dem  BGG, soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6  AsylG). 1.3.  Die  Beschwerde  ist  frist­  und  formgerecht  eingereicht.  Der  Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist  durch  die  angefochtene  Verfügung  besonders  berührt  und  hat  ein  schutzwürdiges  Interesse  an  deren  Aufhebung  beziehungsweise  Änderung;  er  ist  daher  zur  Einreichung  der  Beschwerde  legitimiert  (Art. 105 und Art. 108 Abs. 2 AsylG, Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 VwVG).  Auf die Beschwerde ist einzutreten. 2.  Mit  Beschwerde  kann  die  Verletzung  von  Bundesrecht,  die  unrichtige  oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts und  die Unangemessenheit gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG). 3.  3.1.  Gemäss  Art. 2  Abs. 1  AsylG  gewährt  die  Schweiz  Flüchtlingen  grundsätzlich  Asyl.  Flüchtlinge  sind  Personen,  die  in  ihrem Heimatstaat  oder  im Land,  in dem sie zuletzt wohnten, wegen  ihrer Rasse, Religion,  Nationalität,  Zugehörigkeit  zu  einer  bestimmten  sozialen  Gruppe  oder  wegen ihrer politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt  sind  oder  begründete  Furcht  haben,  solchen  Nachteilen  ausgesetzt  zu  werden. Als  ernsthafte Nachteile  gelten  namentlich  die Gefährdung  des  Leibes,  des  Lebens  oder  der  Freiheit  sowie  Massnahmen,  die  einen  unerträglichen  psychischen  Druck  bewirken.  Den  frauenspezifischen  Fluchtgründen ist Rechnung zu tragen (Art. 3 AsylG). 3.2.  Wer  um  Asyl  nachsucht,  muss  die  Flüchtlingseigenschaft  nachweisen  oder  zumindest  glaubhaft  machen.  Diese  ist  glaubhaft  gemacht,  wenn  die  Behörde  ihr  Vorhandensein  mit  überwiegender 

E­4339/2009 Wahrscheinlichkeit  für  gegeben  hält.  Unglaubhaft  sind  insbesondere  Vorbringen, die in wesentlichen Punkten zu wenig begründet oder in sich  widersprüchlich sind, den Tatsachen nicht entsprechen oder massgeblich  auf  gefälschte  oder  verfälschte  Beweismittel  abgestützt  werden  (Art. 7  AsylG). 4.  4.1.  Zur  Begründung  des  angefochtenen  Entscheides  führte  die  Vorinstanz  aus,  die  Asylgewährung  setze  voraus,  dass  der  Beschwerdeführer Verfolgungsmassnahmen aus einem der in Art. 3 Abs.  1  AsylG  genannten  Gründe  ausgesetzt  sei  oder  solche  zu  befürchten  habe. Der Beschwerdeführer mache geltend, er befürchte, einerseits von  der  Familie  des  verstorbenen  Kindes  und  anderseits  von  den  heimatlichen  Behörden  zur  Rechenschaft  gezogen  zu  werden.  Eine  allfällige Verfolgung durch die Angehörigen des verstorbenen Kindes oder  durch die Polizei, würde nicht aus einem in Art. 3 AsylG genannten Motiv  erfolgen. Zudem könne der Beschwerdeführer einer Bedrohung durch die  Angehörigen  des  verstorbenen  Jungen  entgehen,  indem  er  die  staatlichen Behörden um Schutz ersuche. Des weiteren sei ein allfälliges  polizeiliches  Vorgehen  gegen  den  Beschwerdeführer  aufgrund  der  Tötung eines Kleinkindes als  rechtsstaatlich  legitim  zu bewerten,  sei  es  doch  Aufgabe  der  polizeilichen  Behörden,  ein  Tötungsdelikt  zu  untersuchen  und  den  Verantwortlichen  zur  Rechenschaft  zu  ziehen.  Aufgrund  der  offensichtlich  fehlenden  Asylrelevanz  könne  darauf  verzichtet  werden,  auf  eventuelle  Unglaubhaftigkeitselemente  in  den  Vorbringen  des  Beschwerdeführers  einzugehen.  Demzufolge  erfülle  der  Beschwerdeführer  die  Flüchtlingseigenschaft  nicht,  so  dass  das  Asylgesuch abzulehnen sei. Da der Beschwerdeführer die Flüchtlingseigenschaft  nicht erfülle,  könne  auch der Grundsatz der Nichtrückschiebung gemäss Art. 5 Abs. 1 AsylG  nicht  angewendet  werden.  Ferner  würden  sich  aus  den  Akten  keine  Anhaltspunkte  dafür  ergeben,  dass  ihm  im Falle  einer Rückkehr  in  den  Heimatstaat  mit  beachtlicher  Wahrscheinlichkeit  eine  durch  Art.  3  der  Konvention  zum Schutze  der Menschenrechte  und Grundfreiheiten  vom         4. November 1950 (EMRK, SR 0.101) verbotene Strafe oder Behandlung  drohen  würde.  Der  Vollzug  der  Wegweisung  erweise  sich  auch  hinsichtlich  des  Übereinkommens  vom  20.  November  1989  über  die  Rechte des Kindes (KRK, SR 0.107) als zulässig.

E­4339/2009 Weder die im Heimatstaat des Beschwerdeführers herrschende politische  Situation  noch  andere  Gründe  sprächen  gegen  die  Zumutbarkeit  der  Rückführung  nach  Gambia.  Der  Beschwerdeführer  sei  zwar  noch  minderjährig, mit seinen (…) Jahren jedoch in einem Alter, in dem er nicht  mehr der ständigen Unterstützung durch Erwachsene bedürfe. Zudem sei  er  gesund,  verfüge  in  seinem  Heimatstaat  über  ein  intaktes  Beziehungsnetz und habe die Möglichkeit, zu seinem (…), wo er vor der  Ausreise  gelebt  habe  und  wo  auch  sein  (…)  wohne,  zurückzukehren.  Somit  sei  der  Vollzug  der Wegweisung  zumutbar  und  ausserdem  auch  technisch möglich sowie praktisch durchführbar. 4.2. Der Beschwerdeführer stellte sich in seiner Beschwerdeeingabe vom  6. Juli 2009 demgegenüber auf den Standpunkt, mit der Feststellung, die  heimatstaatlichen  Behörden  würden  aufgrund  seiner  Beteiligung  am  Unfall zu Recht nach ihm suchen, übersehe die Vorinstanz den Umstand,  dass  er  minderjährig  sei  und  mit  einer  langjährigen  Haftstrafe  unter  schlechten Bedingungen  rechnen müsse.  Zudem  sei  das BFM auf  sein  Vorbringen,  er  befürchte,  von  der  Familie  des  verstorbenen  Kindes  umgebracht  zu  werden,  in  keiner Weise  eingegangen.  Selbstjustiz  und  die Rache durch Familienmitglieder sei aber in Gambia häufig und üblich.  Ferner  besitze  er  keinen  Führerschein,  und  die  Familie  würde  die  Tatsache,  dass es ein Unfall  gewesen sei,  niemals akzeptieren und  ihn  wie  einen  gemeinen  Mörder  verfolgen.  Nicht  selten  werde  nach  einem  Unfall ein Beteiligter  von einem Familienmitglied hingerichtet. Da er das  Auto  an  der  Unfallstelle  stehengelassen  habe,  hätten  die  Angehörigen  des getöteten Jungen zuerst (…) und dann ihn ausfindig machen können.  Abzuwarten,  ob  ihn  die  Familie  auch  tatsächlich  umbringen wolle, wäre  zu  gefährlich  gewesen.  Er  habe  keine  andere  Wahl  gehabt,  als  sofort  nach D._______ zu flüchten. Bezüglich  der  Undurchführbarkeit  des  Vollzuges  der  Wegweisung  sei  darauf  hinzuweisen, dass  seine Familie  sehr arm sei. Seine Mutter  (…)  und  ihr Verdienst reiche nicht aus, um die Familie zu ernähren. Er habe  auch  nie  zur  Schule  gehen  können,  und  bei  einer  allfälligen  Rückkehr  werde er wieder Hunger  leiden müssen. Er sei  (…) Jahre alt und könne  noch nicht für sich sorgen. 5. 

E­4339/2009 5.1. Ebenso wie die Vorinstanz geht auch das Bundesverwaltungsgericht  davon aus, dass der Beschwerdeführer zum heutigen Zeitpunkt in seinem  Heimatland nicht in asylrelevanter Weise gefährdet ist. 5.2. Die Flüchtlingseigenschaft setzt voraus, dass der geltend gemachten  Verfolgung ein  flüchtlingsrechtlich  relevantes Motiv gemäss Art. 3 Abs. 1  AsylG  (Rasse, Religion, Nationalität,  Zugehörigkeit  zu  einer  bestimmten  sozialen Gruppe, politische Anschauungen) zugrunde  liegt. Dabei gilt es  zu beachten, dass eine Verfolgung  im Sinne des Asylgesetzes und des  Abkommens  vom  28. Juli  1951  über  die  Rechtsstellung  der  Flüchtlinge  (FK,  SR 0.142.30)  immer  wegen  des  Seins  (d. h.  des  Anders­Seins),  nicht  wegen  des  Tuns  erfolgt.  Flüchtlingsrechtlich  relevant  wird  eine  Verfolgung  dann,  wenn  sie  wegen  eines  in  der  Person  liegenden  Merkmals, das untrennbar mit ihr oder ihrer Persönlichkeit verbunden ist,  erfolgt,  mithin  in  diskriminierender  Weise  an  ein  persönliches  Merkmal  anknüpft. Der Verfolger kann zwar vordergründig auf die Handlungsweise  einer  Person  abzielen  (z. B.  Teilnahme  an  einer  Demonstration  oder  Besuch  eines  Gottesdienstes),  der  Eingriff  wird  aber  nur  dann  für  die  Flüchtlingseigenschaft  bedeutsam,  wenn  er  die  hinter  der  betreffenden  Handlung steckende Gesinnung oder Eigenart der Person treffen will (vgl.  Entscheidungen  und  Mitteilungen  der  [vormaligen]  Schweizerischen  Asylrekurskommission [EMARK] 2006 Nr. 32). 5.3.  Der  Beschwerdeführer  brachte  zur  Begründung  seines  Gesuches  einzig  vor,  er  habe  seinen Heimatstaat  verlassen, weil  er mit  dem Auto  seines Chefs ein Kind überfahren habe, welches noch auf der Unfallstelle  verstorben  sei.  Nun  fürchte  er,  einerseits  aus  Rache  von  den  Familienangehörigen  des  Getöteten  umgebracht  zu  werden,  und  anderseits – da er keinen Führerschein besessen habe – vor Problemen  mit der Polizei. Ausdrücklich gab er anlässlich der Anhörung an, er habe  in  Gambia  nie  Probleme  mit  den  Behörden  gehabt  (Akten  BFM  Anhörungsprotokoll A13/14 F105). 5.4.  Vorliegend  macht  der  Beschwerdeführer  nicht  geltend,  er  würde  aufgrund  der  Zugehörigkeit  zu  einer  zur  Verfolgung  ausgesonderten  bestimmten  Gruppe  –  also wegen  seines  "Anders­Seins"  –  in  seinem  Heimatstaat  verfolgt  werden.  Er  gibt  viel  mehr  an,  dass  die  Familienangehörigen  des  verstorbenen  Kindes  ihn  aufgrund  einer  konkreten,  ihm  zur  Last  gelegten  Tat  (Tötung)  behelligen  und  Rache  üben  könnten.  Es  wäre  daher  in  einem  solchen  Verhalten  der  Familie  kein  diskriminierendes,  an  ein  in  der  Person  des  Beschwerdeführers 

E­4339/2009 liegendes  Merkmal  anknüpfendes  Element  ersichtlich,  weshalb  es  vorliegend an einem Verfolgungsmotiv gemäss Art. 3 AsylG fehlt. Zudem  hätte  der  Beschwerdeführer  –  wie  die  Vorinstanz  zu  Recht  feststellte –  hinsichtlich allfälliger Racheakte der Familie bei den staatlichen Behörden  um Schutz nachsuchen können, was er aber unterliess. Des weiteren ist  festzustellen,  dass  auch  die  allfälligen  Probleme  mit  der  Polizei  keine  flüchtlingsrechtliche  Relevanz  entfalten,  da  die  Verfolgung  gemeinrechtlicher  Delikte  ein  legitimes  Interesse  des  Staates  und  die  Aufklärung  von Verbrechen und die  gerechte Bestrafung  der Täter  eine  Pflicht der Strafverfolgungsbehörden und der Gerichte darstellt. Zur Vermeidung von Wiederholungen kann ohne weitere Erwägungen auf  die  zutreffenden  Ausführungen  in  der  angefochtenen  Verfügung  verwiesen werden. 5.5.  Der  Vollständigkeit  halber  ist  darauf  hinzuweisen,  dass  der  Beschwerdeführer trotz wiederholter Aufforderung keine Identitätspapiere  und keinerlei Beweismittel zu den Akten reichte und es offensichtlich bis  heute  unterlassen  hat,  sich  um  solche  zu  bemühen,  obwohl  er  im  Rahmen  der  Anhörung  angegeben  hat,  er  würde  mit  Hilfe  seines  (…)  seine  Geburtsurkunde  beschaffen,  welche  er  beim  (…)  in  Gambia  zurückgelassen  habe  (A 13/14  S.  3  f.)  Diesbezüglich muss  er  sich  den  Vorwurf gefallen lassen, die Mitwirkungspflicht (Art. 8 AsylG) zu verletzen. 5.6.  Das  Bundesverwaltungsgericht  kommt  unter  Berücksichtigung  der  Akten und Vorbringen zum Schluss, dass das BFM das Asylgesuch des  Beschwerdeführers  zu  Recht  und  mit  zutreffender  Begründung  abgewiesen hat. 6.  6.1. Lehnt  das Bundesamt  das Asylgesuch  ab  oder  tritt  es  darauf  nicht  ein,  so  verfügt  es  in  der  Regel  die Wegweisung  aus  der  Schweiz  und  ordnet den Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit  der Familie (Art. 44 Abs. 1 AsylG). 6.2. Der Beschwerdeführer  verfügt weder  über  eine  ausländerrechtliche  Aufenthaltsbewilligung  noch  über  einen  Anspruch  auf  Erteilung  einer  solchen. Die Wegweisung wurde demnach zu Recht angeordnet (Art. 44  Abs. 1 AsylG; vgl. BVGE 2009/50 E. 9 S. 733). 7. 

E­4339/2009 7.1.  Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder  nicht möglich, so regelt das Bundesamt das Anwesenheitsverhältnis nach  den  gesetzlichen  Bestimmungen  über  die  vorläufige  Aufnahme  von  Ausländern  (Art.  44  Abs.  2  AsylG;  Art.  83  Abs.  1  des  Bundesgesetzes  vom 16. Dezember 2005 über die Ausländerinnen und Ausländer  [AuG,  SR 142.20]). 7.2.  Vorweg  ist  festzustellen,  dass  der  Beschwerdeführer  mittlerweile  volljährig ist. Bei dieser Sachlage können eine Prüfung der Vereinbarkeit  des  Vollzuges  der  Wegweisung  mit  den  Bestimmungen  der  KRK  und  Ausführungen  zu  den  diesbezüglichen  Erwägungen  der  Vorinstanz  ausbleiben. 7.3. Der Vollzug der Wegweisung ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche  Verpflichtungen der Schweiz einer Weiterreise der Ausländerin oder des  Ausländers  in  den  Heimat­,  Herkunfts­  oder  einen  Drittstaat  entgegenstehen (Art. 83 Abs. 3 AuG). So  darf  keine  Person  in  irgendeiner  Form  zur  Ausreise  in  ein  Land  gezwungen  werden,  in  dem  ihr  Leib,  ihr  Leben  oder  ihre  Freiheit  aus  einem  Grund  nach  Art. 3  Abs. 1  AsylG  gefährdet  ist  oder  in  dem  sie  Gefahr  läuft,  zur  Ausreise  in  ein  solches  Land  gezwungen  zu  werden  (Art. 5 Abs. 1 AsylG; vgl. ebenso Art. 33 Abs. 1 FK. Gemäss  Art.  25  Abs.  3  der  Bundesverfassung  der  Schweizerischen  Eidgenossenschaft  vom  18. April  1999  (BV,  SR  101),  Art.  3  des  Übereinkommens  vom  10. Dezember  1984  gegen  Folter  und  andere  grausame,  unmenschliche  oder  erniedrigende  Behandlung  oder  Strafe  (FoK, SR 0.105) und der Praxis zu Art. 3 EMRK darf niemand der Folter  oder  unmenschlicher  oder  erniedrigender  Strafe  oder  Behandlung  unterworfen werden. Die  Vorinstanz  wies  in  der  angefochtenen  Verfügung  zutreffend  darauf  hin,  dass  der  Grundsatz  der  Nichtrückschiebung  nur  Personen  schützt,  welche die Flüchtlingseigenschaft erfüllen. Da es dem Beschwerdeführer  nicht  gelungen  ist,  eine  asylrechtlich  erhebliche  Gefährdung  nach­ zuweisen oder glaubhaft zu machen, kann das in Art. 5 AsylG verankerte  Prinzip  des  flüchtlingsrechtlichen  Non­Refoulement  im  vorliegenden  Verfahren  keine  Anwendung  finden.  Eine  Rückkehr  des  Beschwerdeführers  nach  Gambia  ist  demnach  unter  diesem  Aspekt  rechtmässig.

E­4339/2009 Sodann ergeben sich weder aus den Aussagen des Beschwerdeführers  noch  aus  den  Akten  Anhaltspunkte  dafür,  dass  er  für  den  Fall  einer  Ausschaffung nach Gambia dort mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit einer  nach Art.  3 EMRK oder Art.  1 FoK  verbotenen Strafe  oder Behandlung  ausgesetzt  wäre.  Gemäss  Praxis  des  Europäischen  Gerichtshofs  für  Menschenrechte  (EGMR)  sowie  jener  des  UN­Anti­Folterausschusses  müsste  der  Beschwerdeführer  eine  konkrete  Gefahr  ("real  risk")  nachweisen  oder  glaubhaft  machen,  dass  ihm  im  Fall  einer  Rückschiebung  Folter  oder  unmenschliche  Behandlung  drohen  würde  (vgl.  EGMR,  [Grosse  Kammer],  Saadi  gegen  Italien,  Urteil  vom  28.  Februar  2008,  Beschwerde  Nr.  37201/06,  §§ 124­127,  mit  weiteren  Hinweisen).  Auch  die  allgemeine  Menschenrechtssituation  in  Gambia  lässt  den  Wegweisungsvollzug  zum  heutigen  Zeitpunkt  vorliegend  nicht  als  unzulässig  erscheinen.  Nach  dem  Gesagten  ist  der  Vollzug  der  Wegweisung  mithin  sowohl  im  Sinne  der  asyl­  als  auch  der  völkerrechtlichen Bestimmungen zulässig. 7.4. Gemäss Art. 83 Abs. 4 AuG kann der Vollzug für Ausländerinnen und  Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat­ oder Herkunftsstaat auf  Grund  von  Situationen  wie  Krieg,  Bürgerkrieg,  allgemeiner  Gewalt  und  medizinischer  Notlage  konkret  gefährdet  sind.  Wird  eine  konkrete  Gefährdung  festgestellt,  ist  –  unter Vorbehalt  von Art.  83 Abs.  7 AuG –  die vorläufige Aufnahme zu gewähren (vgl. Botschaft zum Bundesgesetz  über  die  Ausländerinnen  und  Ausländer  vom  8.  März  2002.  BBl  2002  3818). Angesichts der heutigen Lage  in Gambia kann nicht  von einer Situation  allgemeiner  Gewalt  oder  von  kriegerischen  oder  bürgerkriegsähnlichen  Verhältnissen gesprochen werden, welche für den Beschwerdeführer bei  einer Rückkehr eine konkrete Gefährdung darstellen würde. Es sind auch  keine  persönlichen  Gründe  ersichtlich,  die  gegen  die  Rückkehr  des  alleinstehenden,  inzwischen  volljährigen  und  gemäss  Aktenlage  gesunden Beschwerdeführers sprechen würden. Dieser verfügt  in seiner  Heimat  über  ein  familiäres  Beziehungsnetz  und  kann  zu  (…),  bei  welchem er vor der Ausreise gelebt hat, zurückkehren. Bezüglich des auf  Beschwerdeebene  gemachten  Vorbringen,  seine  Mutter  sei  arm  und  deren Verdienst reiche nicht aus, um den Lebensunterhalt der Familie zu  finanzieren,  weshalb  er  bei  einer  Rückkehr  Hunger  leiden  müsse,  ist  festzuhalten,  dass  wirtschaftliche  Schwierigkeiten,  von  welchen  die  vor 

E­4339/2009 Ort  ansässige  Bevölkerung  generell  betroffen  ist,  für  sich  allein  keine  konkrete Gefährdung zu begründen vermögen (vgl. EMARK 2003 Nr. 24  E.  5e  S.  159).  Nach  dem  Gesagten  erweist  sich  der  Vollzug  der  Wegweisung als zumutbar. 7.5. Schliesslich obliegt  es dem Beschwerdeführer,  sich nötigenfalls  bei  der zuständigen Vertretung des Heimatstaates die für eine Rückkehr not­ wendigen Reisedokumente zu beschaffen (Art. 8 Abs. 4 AsylG), weshalb  der Vollzug der Wegweisung auch als möglich zu bezeichnen ist (Art. 83  Abs. 2 AuG). 8.  Insgesamt  ist der durch die Vorinstanz verfügte Wegweisungsvollzug zu  bestätigen.  Die  Vorinstanz  hat  diesen  zu  Recht  als  zulässig,  zumutbar  und  möglich  erachtet.  Nach  dem  Gesagten  fällt  eine  Anordnung  der  vorläufigen Aufnahme ausser Betracht (Art. 83 Abs. 1­4 AuG). 9.  Aus  diesen  Erwägungen  ergibt  sich,  dass  die  angefochtene  Verfügung  Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig und  vollständig feststellt und angemessen ist (Art. 106 AsylG). Die Beschwer­ de ist demnach abzuweisen. 10.  Was  den  noch  nicht  behandelten  Antrag  des  Beschwerdeführers  auf  vorsorgliche  Anweisung  an  die  zuständige  Behörde,  die  Kontaktaufnahme mit  den Behörden des Heimat­  oder Herkunftsstaates  sowie  jegliche  Datenweitergabe  an  dieselben  zu  unterlassen  und  bei  bereits  erfolgter Datenweitergabe  darüber  in  einer  separaten Verfügung  zu  informieren,  anbelangt,  so  wird  dieser  mit  vorliegendem  Entscheid  hinfällig. Im Übrigen finden sich in den Akten bis zum heutigen Zeitpunkt  keine Hinweise, welche auf eine allfällige Bekanntgabe der in Art. 97 Abs.  3  Bstn.  a­c  AsylG  erwähnten  Personendaten  gegenüber  der  ausländischen Behörden hindeuten würden. 11.  Entsprechend  dem  Ausgang  des  Verfahrens  wären  die  Kosten  dem  Beschwerdeführer  aufzuerlegen  (Art. 63  Abs. 1  VwVG). Gemäss Art. 65  Abs. 1  VwVG  befreit  die  Beschwerdeinstanz  nach  Einreichung  der  Beschwerde  eine Partei,  die  nicht  über  die  erforderlichen Mittel  verfügt,  auf Antrag von der Bezahlung der Verfahrenskosten, sofern ihr Begehren 

E­4339/2009 nicht  aussichtslos  erscheint.  Dem  im  Zeitpunkt  des  Antrages  um  Gewährung  der  unentgeltlichen  Rechtspflege  minderjährigen  Beschwerdeführer  kann  nicht  vorgehalten  werden,  seiner  Beschwerde  habe  es  in  diesem Zeitpunkt mit  Blick  auf  die Erfolgsaussichten  an  der  nötigen Ernsthaftigkeit gefehlt (vgl. BGE 125 II 265 E. 4b S. 275). Zudem  ist  aufgrund  der  Akten  nach  wie  vor  von  der  Bedürftigkeit  des  Beschwerdeführers  auszugehen,  womit  beide  kumulativ  erforderlichen  Voraussetzungen von Art. 65 Abs. 1 VwVG erfüllt  sind. Das Gesuch um  Gewährung  der  unentgeltlichen  Rechtspflege  ist  deshalb  gutzuheissen  und  der Beschwerdeführer  von  der Bezahlung  der Verfahrenskosten  zu  befreien. (Dispositiv nächste Seite)

E­4339/2009 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1.  Die Beschwerde wird abgewiesen. 2.  Der  Antrag  auf  Gewährung  der  unentgeltlichen  Rechtspflege  wird  gutgeheissen.  Der  Beschwerdeführer  wird  von  der  Bezahlung  der  Verfahrenskosten befreit. 3.  Dieses Urteil geht an den Beschwerdeführer, das BFM und J._______. Der vorsitzende Richter: Die Gerichtsschreiberin: Bruno Huber Laura Wayllany Versand:

E-4339/2009 — Bundesverwaltungsgericht 08.12.2011 E-4339/2009 — Swissrulings