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Bundesverwaltungsgericht 12.10.2011 E-4053/2011

12. Oktober 2011·Deutsch·CH·CH_BVGE·PDF·2,668 Wörter·~13 min·1

Zusammenfassung

Nichteintreten auf Asylgesuch (Safe Country) und Wegweisung | Nichteintreten auf Asylgesuch und Wegweisung; Verfügung des BFM vom 6. Juli 2011

Volltext

Bundesve rwa l t ungsge r i ch t T r i buna l   adm in istratif   f édé ra l T r i buna l e   ammin istrati vo   f ede ra l e T r i buna l   adm in istrativ   f ede ra l     Abteilung V E­4053/2011 Urteil   v om   1 2 .   O k t ob e r   2011 Besetzung Richterin Christa Luterbacher (Vorsitz), Richter Kurt Gysi, Richter Walter Stöckli,    Gerichtsschreiberin Sarah Diack. Parteien A._______, geboren am […], und  [ihr Kind] B. _______, geboren am […], Eritrea,   beide vertreten durch lic. iur. Alexandra von Weber, (…),  Beschwerdeführende,  gegen Bundesamt für Migration (BFM), Quellenweg 6, 3003 Bern,    Vorinstanz.  Gegenstand Nichteintreten auf Asylgesuch und Wegweisung;  Verfügung des BFM vom 6. Juli 2011 / N (…).

E­4053/2011 Sachverhalt: A.  Die  Beschwerdeführerin  –  (…)  –  verliess  ihren  Angaben  zufolge  am  [Datum]  ihren Heimatstaat  Eritrea,  von wo  aus  sie  via  [Drittstaaten]  am  [Datum]  nach  [Dublinstaat]  gereist  sei.  Am  [Datum]  gelangte  sie  von  [Dublinstaat] aus  in die Schweiz, wo sie gleichentags  im Empfangs­ und  Verfahrenszentrum (EVZ) (…) um Asyl nachsuchte. B.  Gestützt auf die Aussagen der Beschwerdeführerin verglich das BFM am  [Datum] ihre Fingerabdrücke mit denjenigen der Eurodac­Datenbank und  stellte dabei eine Ersterfassung der Beschwerdeführerin  in  [Ortschaft]  in  ([Dublinstaat]) am [Datum] und eine Asylgesuchseinreichung in [Ortschaft  im  Dublinstaat]  am  [Datum]  fest.  Am  [Datum]  wurde  die  Beschwerdeführerin  im  EVZ  summarisch  zu  ihren  Asylgründen  befragt  und es wurde  ihr betreffend den Eurodac­Treffer und  ihr Erstasylgesuch  das  rechtliche  Gehör  gewährt.  Dabei  brachte  sie  im Wesentlichen  vor,  dass  (…).  Sie  sei  in  der  Folge  auch  terrorisiert  worden,  weshalb  sie  Eritrea verlassen habe. (…). C.  Mit Verfügung  vom  [Datum] wurde die Beschwerdeführerin  dem Kanton  (…) zugewiesen.  D.  Am [Datum] gebar die Beschwerdeführerin [ihr Kind] in der Schweiz.  E.  Mit Verfügung vom [Datum] trat das BFM in Anwendung von Art. 34 Abs.  2 Bst. d des Asylgesetzes vom 26. Juni 1998 (AsylG, SR 142.31) auf das  Asylgesuch  der  Beschwerdeführerin  nicht  ein  und  verfügte  eine  Wegweisung und deren Vollzug nach [Dublinstaat]. F.  Am  [Datum]  reichte  die  Beschwerdeführerin  gegen  diesen  Entscheid  beim Bundesverwaltungsgericht Beschwerde ein (…). G.  Mit Schreiben vom [Datum] informierten die [Behörden des Dublinstaates]  das Bundesamt darüber, dass die Beschwerdeführerin in [Dublinstaat] als  Flüchtling anerkannt sei.

E­4053/2011 H.  Am  [Datum] wurde  von Prof.  C._______, Chefarzt,  und Dr. D._______,  Oberarzt  in  der  Klinik  für  Infektiologie  und  Spitalhygiene,  [Spital  in  E._______],  der  vom  Bundesamt  in  Auftrag  gegebene  ärztliche  Bericht  eingereicht.  Dieser  attestierte,  dass  die  Beschwerdeführerin  HIV­positiv  sei  und  einer  voraussichtlich  lebenslangen  Medikamentierung  bedürfe.  Zudem habe sie eine mittelschwere, depressive Episode durchlaufen, die  ebenfalls  mit  einer  Medikamentierung  einhergegangen  sei.  (…),  habe  letztere  jedoch  am  [Datum]  gestoppt  werden  können.  Im  Rahmen  der  antiretroviralen  Therapie  sei  ein  Kontollintervall  von  drei  Monaten  erforderlich. I.  (…). J.  [Das Bundesverwaltungsgericht hiess die gegen den Entscheid des BFM  (siehe Bst. E) erhobene Beschwerde (siehe Bst. F) gut und wies den Fall  zur  Neubeurteilung  an  das  BFM  zurück.  Zur  Begründung  wurde  ausgeführt,  da  die  Beschwerdeführerin  im  betreffenden  Dublinstaat  als  Flüchtling anerkannt sei, hätte das BFM somit Art. 34 Abs. 2 Bst. a und  gegebenenfalls Art. 34 Abs. 3 AsylG prüfen müssen.] K.  Am  [Datum]  wurde  die  Beschwerdeführerin  durch  das  BFM  eingehend  angehört. Sie brachte dabei im Wesentlichen vor, dass (…). Deshalb sei  sie über [Drittstaaten] nach [Dublinstaat] geflüchtet, wo sie als Flüchtling  anerkannt  worden  sei.  Dort  habe  sie  wie  eine  Gefangene  in  einem  Flüchtlingslager  gelebt,  sei  zwar  mit  Nahrung  versorgt  worden,  habe  jedoch  das  Gebäude  nicht  verlassen  dürfen.  Sie  sei  dort  auch  gesundheitlich  untersucht,  aber  nicht  über  ihre  Aidskrankheit  informiert  worden. Es würden dort  keine Gesetze und  keine Gesundheitsvorsorge  existieren, weshalb  sie  bei  einer Rückkehr  um  ihr  Leben und dasjenige  [ihres Kindes] fürchte. Im  Anhörungsprotokoll  vermerkte  die  Hilfswerksvertreterin,  dass  die  Beschwerdeführerin und ihr Kind HIV­positiv und daher auf regelmässige  ärztliche Kontrollen und Medikamente angewiesen seien.

E­4053/2011 Die Rechtsvertretung wurde vom BFM zudem nach der Anhörung darauf  hingewiesen,  einen  aktuellen  ärztlichen  Bericht  betreffend  die  Beschwerdeführerin und ihr Kind vorzulegen (vgl. A91/1). L.  Am  [Datum]  reichte  die  Beschwerdeführerin  –  handelnd  durch  ihre  Rechtsvertreterin  –  einen  aktuellen  Arztbericht  von  Prof.  C._______,  Chefarzt,  und  Dr.  D._______,  Oberarzt,  Klinik  für  Infektiologie  und  Spitalhygiene,  [Spital  in  E._______  ],  und  ein  von  Prof.  Dr.  F._______,  leitender Arzt am [Kinderspital in E._______ ], unterzeichnetes Schreiben  an  das  BFM  zu  den  Akten.  Die  Ärzte  verwiesen  darin  auf  ihren  vorgängigen Bericht vom [Datum] (siehe Bst. H) und attestierten zudem,  dass auch [das Kind] der Beschwerdeführerin HIV­positiv sei und derzeit  unter  einer  antiretroviralen  Therapie  stehe.  Der  Therapieverlauf  der  Beschwerdeführerin  wurde  dahingehend  beurteilt,  dass  sie  die  Medikamente  gewissenhaft  einnehme  und  die  Therapie  von  ihr  gut  toleriert  werde.  Die  antiretrovirale  Therapie  sei  nach  dem  [Datum]  umgestellt  und  die  Viruslast  seither  vollständig  supprimiert  worden.  Die  Verbesserung  der  psychosozialen  Situation  (…)  [Bleiberecht  für  die  Beschwerdeführerin und  ihr Kind  in der Schweiz] habe sich sehr positiv  auf  den  psychischen  Zustand  der  Patientin  ausgewirkt.  Die  antidepressive Therapie habe daher gestoppt werden können. M.  Am [Datum] gelangten die [Behörden des Dublinstaates] an das BFM und  ersuchten  um  einlässliche  Informationen  über  den  Gesundheitszustand  der  Beschwerdeführerin  und  ihres  Kindes,  um  die  erforderlichen  Massnahmen  für deren Zukunft  in  [Dublinstaat] zu  treffen. Es wurde um  Angaben  gebeten,  welche  therapeutischen  Massnahmen  notwendig  seien, und festgehalten, dass sich dazu das Vorlegen eines detaillierteren  Arztberichtes,  übersetzt  in  die  [Sprache  des  Dublinstaates],  und  eines  Geburtsscheines des Kindes (…) aufdränge. N.  Dem  BFM  wurde  ein  weiterer  Bericht  vom  behandelnden  Arzt  Prof.  F._______,  [Kinderspital  in  E._______  ],  vom  [Datum]  eingereicht  (vgl.  A111/4). O.  Mit  Datum  vom  [Datum]  reichte  Prof.  F._______,  [Kinderspital  in  E._______  ], den vom BFM  in Auftrag gegebenen Arztbericht ein. Darin 

E­4053/2011 wurde  das  Vorliegen  der  HIV­Infektion  bei  der  Beschwerdeführerin  und  [ihrem Kind] attestiert. Die antiretrovirale Therapie sei bisher zuverlässig  verabreicht  worden,  es  benötige  dazu  allerdings  die  Unterstützung  des  Sozialdienstes.  Die  Verabreichung  der  antiretroviralen  Medikamente  für  [das  Kind]  stelle  eine  grosse  Herausforderung  dar  und  die  Medikation  müsse  zudem  in  Form  von  individuell  hergestellten,  exakt  dosierten  Kapseln  und  käuflichen  Suspensionen  erfolgen.  Die  HIV­Infektion  führe  ohne adäquate Behandlung unweigerlich zum Tod, meist noch während  des  Kindesalters,  wobei  auch  bereits  eine  suboptimale  Betreuung  und  Behandlung  [des Kindes]  nachhaltige negative Folgen  für  seine Zukunft  hätte.  Der  Arzt  bestätigte  weiter,  dass  in  [Dublinstaat]  zahlreiche  erfahrene Spezialisten vorhanden seien. Es müsse  jedoch sichergestellt  sein,  dass  einer  dieser  Spezialisten  örtlich  verfügbar  sei  und  es müsse  die  Übernahme  der  hohen  Kosten  für  die  Therapie  und  Betreuung  der  Beschwerdeführenden garantiert werden.  P.  Mit  Verfügung  vom  6. Juli  2011  –  eröffnet  am  11. Juli  2011  –  trat  das  BFM in Anwendung von Art. 34 Abs. 2 Bst. a AsylG auf das Asylgesuch  nicht ein und ordnete die Wegweisung der Beschwerdeführerin und [ihres  Kindes] aus der Schweiz sowie den Vollzug nach [Dublinstaat] an. Q.  (…).  R.  Am  18. Juli  2011  erhob  die  Beschwerdeführerin  –  handelnd  durch  ihre  Rechtsvertreterin  –  gegen  den  sie  betreffenden  Entscheid  beim  Bundesverwaltungsgericht  Beschwerde  und  beantragte,  die  Verfügung  des  BFM  sei  –  soweit  den  Vollzug  der  Wegweisung  betreffend –  aufzuheben,  es  sei  die  Unzumutbarkeit  des  Wegweisungsvollzugs  festzustellen und das BFM sei anzuweisen, die Beschwerdeführerin und  ihr  Kind  vorläufig  aufzunehmen,  eventualiter  sei  die  angefochtene  Verfügung aufzuheben und das BFM anzuweisen,  die Zumutbarkeit  der  Wegweisung neu zu prüfen. In  prozessualer  Hinsicht  ersuchte  sie  um  die  Gewährung  der  unentgeltlichen  Rechtspflege  im  Sinne  von  Art.  65  Abs.  1  des  Bundesgesetzes  vom  20. Dezember  1968  über  das  Verwaltungsverfahren  (VwVG,  SR  172.021)  sowie  um  Verzicht  auf  Erhebung eines Kostenvorschusses.

E­4053/2011 Ihrer  Beschwerdeschrift  legte  sie  (…),  ein  Schreiben  von  Dr.  med.  G._______,  Assistenzärztin  der  (…)  Psychiatrischen  Klinik  E._______,  (…)  vom  [Datum]  –  welches  bestätigt,  dass  die  Beschwerdeführerin  wegen  einer  ausgeprägten  depressiven  Symptomatik  mit  Suizidalität  in  der  Kriseninterventionsstation  hospitalisiert  sei  –  und  ein  an  die  Rechtsvertreterin  der  Beschwerdeführerin  gerichtetes,  englischsprachiges  Schreiben  von  Prof.  F._______,  [Kinderspital  in  E._______  ],  vom  [Datum],  bei.  Letzteres  beschreibt  die  vorerst  angewendete  antiretrovirale  Therapie  [des  Kindes]  der  Beschwerdeführerin, [das] diese bisher gut toleriert habe. Seit [Datum] sei  die  Viruslast  vollständig  supprimiert  worden.  Der  Zustand  seines  Immunsystems  zeige  sich  anlässlich  der  Therapie  hervorragend  und  er  nehme  an  Gewicht  und  Grösse  in  normaler  Weise  zu.  Die  Medikamentierung sei jedoch mit erheblichen Schwierigkeiten verbunden,  da  die  Medikamente,  die  ursprünglich  nur  für  Erwachsene  hergestellt  werden,  speziell  in  Auftrag  gegeben  werden  müssten.  Bei  jeder  Konsultation  müsse  die  Dosierung  an  [die]  Grösse  und  [das]  Gewicht  angepasst  werden.  Die  Verabreichung  müsse  in  strikten  Intervallen  geschehen,  ansonsten  sich  das  Virus  schnell  vermehren  und  so  eine  Medikamentresistenz  entwickeln  könne.  Um  diese  strikte  Einhaltung  zu  gewährleisten,  sei  eine  psychologische  Unterstützung  der  Mutter  notwendig.  Da  es  dem  Kind  nicht  möglich  sei,  seine  Beschwerden  mitzuteilen,  sei  seine  Therapie  von  einem Spezialisten  zu  überwachen,  der  sich  mitunter  nur  in  einer  Spezialklinik,  wie  dem  (…)  Kinderspital,  finden  lasse.  Es  seien  bei  einer  Wegweisung  nach  [Dublinstaat]  diese  Punkte unbedingt sicherzustellen, da auch beachtet werden müsse, dass  der  psychologische  Zustand  der  Mutter  zu  einer  Nichteinhaltung  der  strikten  Medikamenteneinnahme  und  ­einflössung  ihres  Kindes  führen  könne. S.  Am 21. Juli  2011 bestätigte das Bundesverwaltungsgericht den Eingang  der Beschwerde und trat mit Verfügung vom 25. Juli 2011 auf diese ein.  Die  zuständige  Instruktionsrichterin  verschob  den  Entscheid  über  das  Gesuch  um  unentgeltliche  Rechtspflege  im  Sinne  von  Art.  65  Abs.  1  VwVG  auf  einen  späteren  Zeitpunkt  und  verzichtete  auf  die  Erhebung  eines Kostenvorschusses. Gleichzeitig  ersuchte  sie  die Vorinstanz,  sich  namentlich  zur  Frage  der  Gewährung  des  nahtlosen  Überganges  der  unbedingt erforderlichen medizinischen HIV­Behandlung [des Kindes] der  Beschwerdeführerin nach einem Wegweisungsvollzug nach [Dublinstaat]  zu äussern.

E­4053/2011 T.  Mit Vernehmlassung vom 26. Juli 2011 hielt die Vorinstanz vollumfänglich  an den Erwägungen  ihrer Verfügung  fest und beantragte die Abweisung  der  Beschwerde.  In  einer  beigelegten  Aktennotiz  brachte  sie  zum  Ausdruck,  sie  habe  bereits  im  Kopienverteiler  der  Verfügung  erwähnt,  dass zum Zeitpunkt der Organisation der Rückführung nach [Dublinstaat]  die  nötigen  Schritte  eingeleitet  werden  müssten,  um  einen  nahtlosen  Übergang der medizinischen Behandlung  zu ermöglichen.  Zudem seien  die  kantonalen  Behörden  explizit  darauf  hingewiesen  worden,  mit  dem  zuständigen  Sachbearbeiter  des  BFM  –  betreffend  ärztliche  Zeugnisse  und deren Übersetzung und betreffend den Umstand, dass die [Behörden  des  Dublinstaates]  aktuelle  ärztliche  Zeugnisse  verlangen  würden –  Kontakt  aufzunehmen. Die bis anhin eingereichten ärztlichen Zeugnisse  seien  nicht  übersetzt  worden,  da  diese  zum  Zeitpunkt  des  Vollzugs  aufgrund  der  Möglichkeit,  Beschwerde  einzureichen,  nicht  mehr  aktuell  sein würden. U.  Am 27. Juli 2011 reichte die Beschwerdeführerin eine Unterstützungsbe­ stätigung  vom  [Datum]  und  ein  Schreiben  von  Dr.  med.  H._______,  Oberärztin,  [Psychiatrische  Klinik  in  E._______  ],  vom  [Datum]  zu  den  Akten.  Darin  wurde  bestätigt,  dass  die  Beschwerdeführerin  angesichts  der Schwere der Symptomatik einer Krisenintervention bedürfe und dazu  zu einer intensiven integriert­psychiatrischen Behandlung der Depression  in die Psychiatrische Klinik (…) verlegt werde. V.  Am 19. August 2011 reichte die Beschwerdeführerin  ihre Replik ein. Sie  legte  ihrer  Eingabe  einen  von  Prof.  F._______,  [Kinderspital  in  E._______ ]  am  [Datum]  verfassten  dreiseitigen  Brief  an  die  beiden  Bundesrätinnen Frau Sommaruga und Frau Calmy­Rey bei, mit  dem er  die  Bundesrätinnen  darum  ersuchte,  sich  aufgrund  der  vorliegend  besonders  schwergewichtigen  Umstände,  im  Rahmen  der  humanitären  Tradition  der  Schweiz,  für  einen  Verbleib  der  Beschwerdeführerin  und  ihres  Kindes  in  der  Schweiz  einzusetzen,  um  ihnen  weiterhin  eine  optimale  Betreuung  und  Behandlung  zu  gewährleisten  und  um  die  Zukunft des Kleinkindes zu sichern. W.  Mit  Eingabe  vom  [Datum]  liess  die  Beschwerdeführerin  dem  Bundesverwaltungsgericht  einen  Austrittsbericht  der  [Psychiatrischen 

E­4053/2011 Klinik in E._______ ] vom [Datum] zukommen. Der Bericht diagnostizierte  neben  der  HIV­Infektion  eine  rezidivierende  depressive  Störung  bei  gegenwärtig  mittelgradiger  Episode,  den  Verdacht  auf  eine  posttraumatische  Belastungsstörung  und  eine  postpartale  Depression.  Die  Zuweisung  der  Beschwerdeführerin  sei  durch  die  Medizinische  [Klinik]  im  Rahmen  eines  "Round  Table"  mit  Dr.  D._______,  Internist  Infektiologie, Prof. F._______, und Herrn I._______, Sozialdienst erfolgt.  Aufgrund der Suizidalität sei Frau Dr. J._______ von der psychiatrischen  [Klinik]  konsiliarpsychiatrisch  hinzugezogen  worden.  Die  Beschwerdeführerin  habe  angegeben,  seit  Erhalt  des  negativen  Asylentscheides  sehr  verzweifelt  zu  sein,  namentlich  keine  Hoffnung  mehr zu haben und  in  ihrem Dasein keinen Sinn mehr zu erblicken. Sie  habe seither immer wieder erwogen, sich das Leben zu nehmen, dies aus  der  Überlegung  heraus,  dass  sie  mit  ihrem  Tode  das  Aufenthaltsrecht  [ihres  Kindes]  in  der  Schweiz  sichern  könne.  Im  Rahmen  der  psychopathologischen  Analyse  beim  Eintritt  seien  sehr  langsames  Denken,  Gedankenkreisen,  im  Affekt  unter  anderem  nicht  auslenkbare  Schuld­  und  Insuffizienzgefühle,  Schlafstörungen  und  Gewichtsverlust  unklaren  Ausmasses  festgestellt  worden.  Nach  Verlegung  von  der  Kriseninterventionsstation  des  [Spitals  in  E._______]  in  die  allgemeinpsychiatrische Abteilung sei aufgrund der Schlafstörungen und  Suizidgedanken  –  unter  Aufrechterhaltung  der  HIV­Therapie  –  eine  entsprechende  Medikamentierung  durchgeführt  worden.  Wegen  des  Interaktionspotientials  beider  Therapien  sei  auf  eine  Dosissteigerung  verzichtet worden. Der Fokus der psychotherapeutischen Gespräche sei  in  der  aktuell  schwierigen  Situation  des  Aufenthaltsstatus  der  Beschwerdeführerin  und  [ihres Kindes]  gelegen. Es  sei  daher mehrfach  Kontakt  mit  dem  BFM  aufgenommen  worden.  Nach  mehreren  erfolgreichen  Belastungsproben  könne  die  Beschwerdeführerin  nach  beiderseitigem  Einvernehmen  wieder  in  die  vorbestehenden  Wohnverhältnisse entlassen werden, wobei die ambulante Behandlung in  der  psychiatrischen  [Klinik]  fortgesetzt  werde.  Bei  Entlassung  sei  keine  akute Suizidalität  oder Fremdgefährdung mehr gegeben, es werde aber  weiterhin  dringend  empfohlen,  das  etablierte  Helfersystem  aufrecht  zu  erhalten.  Ansonsten  bestehe  die  Gefahr  einer  akuten  Verschlechterung  des Gesundheitszustandes der Beschwerdeführerin bis hin zu suizidalen  Krisen. X.  Auf den Inhalt der vorinstanzlichen Verfügung, der Beschwerdeschrift und 

E­4053/2011 des  weiteren  Schriftenwechsels  wird  –  soweit  urteilsrelevant  –  in  den  nachstehenden Erwägungen eingegangen. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1.  1.1. Gemäss Art. 31 des Verwaltungsgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005  (VGG, SR 173.32) beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Beschwerden  gegen  Verfügungen  nach  Art.  5  VwVG.  Das  BFM  gehört  zu  den  Behörden  nach  Art.  33  VGG  und  ist  daher  eine  Vorinstanz  des  Bundesverwaltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme  im Sinne von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht  ist daher zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und  entscheidet  auf  dem  Gebiet  des  Asyls  endgültig,  ausser  bei  Vorliegen  eines  Auslieferungsersuchens  des  Staates,  vor  welchem  die  beschwerdeführende Person Schutz sucht (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d  Ziff.  1  des  Bundesgerichtsgesetzes  vom  17.  Juni  2005  [BGG,  SR  173.110]). 1.2.   Das  Verfahren  richtet  sich  nach  dem  VwVG,  dem  VGG  und  dem  BGG, soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6  AsylG). 1.3. Die Beschwerde ist frist­ und formgerecht eingereicht (Art. 108 Abs. 2  AsylG,  Art.  105  AsylG  i.V.m.  Art.  37  VGG  und  Art.  52  VwVG).  Die  Beschwerdeführenden sind durch die angefochtene Verfügung besonders  berührt  und  haben  ein  schutzwürdiges  Interesse  an  deren  Aufhebung  beziehungsweise  Änderung,  weshalb  sie  zur  Einreichung  der  Beschwerde  legitimiert sind (Art. 105 AsylG  i.V.m. Art. 37 VGG und Art.  48 Abs. 1 VwVG). Auf die Beschwerde ist einzutreten. 2.  Mit  Beschwerde  kann  die  Verletzung  von  Bundesrecht,  die  unrichtige  oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts und  die Unangemessenheit gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG).

E­4053/2011 3.  Bei  Beschwerden  gegen  Nichteintretensentscheide,  mit  denen  es  das  BFM ablehnt, das Asylgesuch auf seine Begründetheit hin zu überprüfen  (Art. 32  ­  35  AsylG),  ist  die  Beurteilungskompetenz  der  Beschwerdeinstanz  grundsätzlich  auf  die  Frage  beschränkt,  ob  die  Vorinstanz  zu  Recht  auf  das  Asylgesuch  nicht  eingetreten  ist  (vgl.  Entscheidungen  und  Mitteilungen  der  Schweizerischen  Asylrekurskommission  [EMARK]  2004  Nr. 34  E. 2.1  S. 240  f.)  Die  Beschwerdeinstanz enthält  sich einer  selbständigen materiellen Prüfung  und  weist  die  Sache  –  sofern  sie  den  Nichteintretensentscheid  als  unrechtmässig  erachtet  –  zu  neuer  Entscheidung  an  die  Vorinstanz  zurück.  Bezüglich  der  Frage  der  Wegweisung  und  des  Wegweisungsvollzugs  hat  das  Bundesverwaltungsgericht  uneingeschränkte Kognition. 4.  4.1. Die Beschwerdeführerin  rügt  in  ihrer Beschwerdeschrift  in  formeller  Hinsicht,  dadurch,  dass  es  das  BFM  in  seiner  Verfügung  unterlassen  habe,  das Kindeswohl  –  namentlich  den  direkt  anwendbaren Art.  3  des  Übereinkommens  vom 20. November  1989 über  die Rechte des Kindes  (KRK,  SR  0.107)  –  zu  prüfen,  habe  es  seine  Untersuchungs­  und  Begründungspflicht  verletzt.  Weiter  moniert  sie,  die  Schlussbemerkung  der Vorinstanz im angefochtenen Entscheid, wonach die Vollzugsbehörde  vor der Rückschaffung aktuelle ärztliche Zeugnisse einzuholen und diese  auf  [Sprache  des  Dublinstaates]  zu  übersetzen  habe,  ändere  an  der  Tatsache,  dass  sie  ihre  Untersuchungs­  und  Begründungspflichten  verletzt habe, nichts. Im Gegenteil: Sie verletze damit den Grundsatz des  rechtlichen  Gehörs,  indem  sie  der  Beschwerdeführerin  das  Recht  auf  eine Stellungnahme zu allfälligen Abklärungsergebnissen entziehe. 4.2. Verfahrensrechtliche  Rügen  sind  vorab  zu  prüfen,  da  sie  allenfalls  geeignet  wären,  eine  Kassation  der  vorinstanzlichen  Verfügung  zu  bewirken. 4.3.  4.3.1.  Hinsichtlich  der  Behauptung,  es  liege  eine  Verletzung  der  Untersuchungs­  und  Begründungspflicht  durch  die  Vorinstanz  vor,  da  diese es unterlassen habe,  den Wegweisungsvollzug nach  [Dublinstaat]  http://links.weblaw.ch/EMARK-2004/34 http://links.weblaw.ch/EMARK-2004/34 http://links.weblaw.ch/EMARK-2004/34 http://links.weblaw.ch/EMARK-2004/34 http://links.weblaw.ch/EMARK-2004/34

E­4053/2011 unter  dem  Aspekt  des  Kindeswohls  nach  Art.  3  KRK  zu  prüfen,  ist  Folgendes festzuhalten:  Die  Behörde  ist  aufgrund  der  geltenden  Untersuchungsmaxime  verpflichtet, von Amtes wegen für die richtige und vollständige Abklärung  des  rechtserheblichen  Sachverhaltes  zu  sorgen  (Art.  12  VwVG).  Es  obliegt ihr im Rahmen des rechtlichen Gehörs (Art. 29 Abs. 2 BV, Art. 29  VwVG,  Art. 32 Abs. 1 VwVG), die Vorbringen eines Gesuchstellers entgegen zu  nehmen,  diese  auch  wirklich  zu  hören,  sorgfältig  zu  prüfen  und  in  der  Entscheidfindung  zu  berücksichtigen  (BVGE  2008/47  mit  weiteren  Hinweisen). Die Begründung soll es der betroffenen Person ermöglichen,  den Entscheid gegebenenfalls sachgerecht anzufechten, was nur möglich  ist,  wenn  sich  sowohl  diese  als  auch  die  Rechtsmittelinstanz  über  die  Tragweite des Entscheides ein Bild machen können (vgl. BGE 129 I 232  E.  3.2;  EMARK  2006  Nr.  24  E.  5.1.  S.  256).  Die  verfügende  Behörde  muss sich indes nicht explizit mit jedem Vorbringen und jeder rechtlichen  Rüge  auseinandersetzen;  vielmehr  darf  sie  sich  auf  die  wesentlichen  Gesichtspunkte beschränken (BGE 126 I 97 E. 2b).  Die  Vorinstanz  hat  in  der  angefochtenen  Verfügung  die  wesentlichen  Punkte beachtet und begründet. Vorliegend interessiert insbesondere, ob  der  Beschwerdeführerin  und  [ihrem  Kind],  (…)  in  [Dublinstaat]  eine  adäquate  medizinische  Behandlung  zur  Verfügung  steht.  Mit  genau  dieser  Frage  hat  sich  das  BFM  auseinander  gesetzt.  Es  erachtete  den  Wegweisungsvollzug  als  zumutbar,  da  in  [Dublinstaat]  die medizinische  Betreuung  (sinngemäss auch  für HIV­infizierte Kinder) gewährleistet sei.  Zwar  hat  das  BFM  den  entsprechenden  Art.  3  der  KRK  nicht  explizit  aufgeführt,  dennoch  hat  es  aber  –  wie  soeben  dargelegt  –  die  erforderlichen  Kindeswohlüberlegungen  in  seinen  Entscheid  einfliessen  lassen.  Daher  erweist  sich  das  Argument  der  verletzten  Begründungspflicht als nicht zutreffend.  4.3.2. Auch die Rüge, aus dem Grundsatz des rechtlichen Gehörs ergebe  sich  das  Recht,  betreffend  die  [die  Sprache  des  Dublinstaates]  übersetzten Arztberichte Stellung zu nehmen, ist nicht stichhaltig. Bei den  Anweisungen im Verteiler der vorinstanzlichen Verfügung handelt es sich  um Vollzugsmodalitäten  des Wegweisungsverfahrens,  welche  erst  nach  dem rechtskräftig abgeschlossenen Asylverfahren zum Tragen kommen,  namentlich  dann,  wenn  der  Wegweisungsvollzug  rechtskräftig  als  zumutbar  beurteilt  wurde.  Auch  bei  der  Aushändigung  der  übersetzten 

E­4053/2011 Arztzeugnisse  handelt  es  sich  lediglich  um  eine  Modalität  des  Vollzugsverfahren und somit bleibt kein Raum mehr für Verfahrensrechte  der betroffenen Person und für eine Pflicht der Behörde zur vorgängigen  Anhörung  (vgl.  Art.  30  VwVG).  Dementsprechend  kann  die  Rüge  der  Verletzung des rechtlichen Gehörs hier nicht greifen. 4.4. Nach dem Gesagten besteht keine Veranlassung, die Verfügung des  BFM  vom  aus  formellen  Gründen  aufzuheben,  weshalb  die  diesbezüglichen Anträge abzuweisen sind.  5.  Aus  den  Akten  geht  hervor,  dass  die  Beschwerdeführerin  zuvor  in  [Dublinstaat] als anerkannter Flüchtling lebte. Das Bundesamt ist daher in  Anwendung  von  Art.  34  Abs.  2  Bst.  a  AsylG  auf  ihr  Asylgesuch  nicht  eingetreten.  Das  vorinstanzliche  Nichteintreten  auf  das  Asylgesuch  der  Beschwerdeführerin bleibt  von  ihr auf Beschwerdeebene unangefochten  und ist somit in Rechtskraft erwachsen. Die  Ausführungen  in  der  Replikschrift  (S. 4),  es  sei  vorliegend  ein  Selbsteintritt gestützt auf die einschlägigen Bestimmungen der Dublin­II­ Verordnung durchzuführen, verkennen, dass es sich vorliegend nicht um  ein Dublin­Verfahren, sondern um einen – unangefochten gebliebenen –  Nichteintretensentscheid  des  BFM  gestützt  auf  Art.  34  Abs.  2  Bst.  a  AsylG handelt.    6.  6.1. Lehnt  das Bundesamt  das Asylgesuch  ab  oder  tritt  es  darauf  nicht  ein,  so  verfügt  es  in  der  Regel  die Wegweisung  aus  der  Schweiz  und  ordnet den Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit  der Familie. 6.2.    Die  Beschwerdeführenden  verfügen  weder  über  eine  ausländerrechtliche Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf  Erteilung  einer  solchen.  Die  Wegweisung  wurde  demnach  zu  Recht  angeordnet (Art. 44 Abs. 1 AsylG; vgl. EMARK 2001 Nr. 21). 7.  7.1. 

E­4053/2011 7.1.1. Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder  nicht möglich, so regelt das Bundesamt das Anwesenheitsverhältnis nach  den  gesetzlichen  Bestimmungen  über  die  vorläufige  Aufnahme  von  Ausländern  (Art. 44  Abs. 2  AsylG;  Art. 83  Abs. 1  des  Bundesgesetzes  vom 16. Dezember  2005 über  die Ausländerinnen und Ausländer  [AuG,  SR 142.20]). 7.1.2. Die erwähnten drei Bedingungen für einen Verzicht auf den Vollzug  der  Wegweisung  (Unzulässigkeit,  Unzumutbarkeit  und  Unmöglichkeit)  sind  alternativer Natur:  Sobald  eine  von  ihnen  erfüllt  ist,  ist  der Vollzug  der  Wegweisung  als  undurchführbar  zu  betrachten  und  die  weitere  Anwesenheit  in  der  Schweiz  gemäss  den  Bestimmungen  über  die  vorläufige Aufnahme zu regeln (vgl. BVGE 2009/51 E. 5.4). 7.1.3. Bezüglich der Geltendmachung von Wegweisungshindernissen gilt  gemäss  ständiger  Praxis  des  Bundesverwaltungsgerichts  und  seiner  Vorgängerorganisation  ARK  der  gleiche  Beweisstandard  wie  bei  der  Flüchtlingseigenschaft, das heisst, sie sind zu beweisen, wenn der strikte  Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft zu machen (vgl.  WALTER  STÖCKLI,  Asyl,  in:  Uebersax/Rudin/Hugi  Yar/Geiser,  Ausländerrecht, 2. Aufl., Basel 2009, Rz. 11.148). 7.2.  7.2.1.  Vorliegend  konzentriert  sich  die  Prüfung  auf  die  Frage  der  Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs. Gemäss Art. 83 Abs. 4 AuG ist  der  Vollzug  der Wegweisung  insbesondere  dann  nicht  zumutbar,  wenn  die beschwerdeführende Person bei einer Rückkehr in ihren Heimatstaat  einer  konkreten  Gefährdung  ausgesetzt  wäre.  Diese  Bestimmung  wird  vor  allem  bei  Gewaltflüchtlingen  angewendet,  das  heisst  bei  Ausländerinnen  und  Ausländern,  die  mangels  persönlicher  Verfolgung  weder  die  Voraussetzungen  der  Flüchtlingseigenschaft  noch  jene  des  völkerrechtlichen  Non­Refoulement­Prinzips  erfüllen,  jedoch  wegen  der  Folgen  von  Krieg,  Bürgerkrieg  oder  einer  Situation  allgemeiner  Gewalt  nicht  in  ihren Heimatstaat  zurückkehren  können.  Im Weiteren  findet  sie  Anwendung  auf  andere  Personen,  die  nach  ihrer  Rückkehr  ebenfalls  einer konkreten Gefahr ausgesetzt wären, weil sie die absolut notwendige  medizinische  Versorgung  nicht  erhalten  könnten  oder  ­  aus  objektiver  Sicht  ­  wegen  der  vorherrschenden  Verhältnisse  mit  grosser  Wahrscheinlichkeit unwiederbringlich  in völlige Armut gestossen würden,  dem  Hunger  und  somit  einer  ernsthaften  Verschlechterung  ihres 

E­4053/2011 Gesundheitszustands,  der  Invalidität  oder  sogar  dem  Tod  ausgeliefert  wären  (vgl.  BVGE  2009/28  E.  9.3.1,  BVGE  2009/51  E.  5.5  und  BVGE  2009/52 E. 10.1). Bei der Prüfung der Voraussetzungen von Art. 83 Abs.  4  AuG  sind  im  Einzelfall  humanitäre  Überlegungen  gegen  andere  öffentliche  Interessen  abzuwägen,  die  allenfalls  für  den  Wegweisungsvollzug  sprechen  würden,  was  den  Asylbehörden  einen  Ermessensspielraum  lässt.  Entsprechend  bilden  etwa  gesundheitliche  Probleme,  welche  für  sich  allein  betrachtet  den  Wegweisungsvollzug  nicht bereits als unzumutbar erscheinen lassen, ein Beurteilungselement,  welches in die vorzunehmende Interessenabwägung einbezogen werden  muss  und  zusammen  mit  weiteren  humanitären  Aspekten  zur  Feststellung der Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzuges führen kann  (vgl. BVGE 2008/34 E. 11.1, BVGE 2007/10 E.5.1 und EMARK 2005 Nr.  24 E. 10.1). 7.2.2.  Durch  die  Vorinstanz  wurde  ausschliesslich  ein  Vollzug  der  Wegweisung  nach  [Dublinstaat]  angeordnet,  womit  vom  Gericht  nur  dieser  geprüft  wird,  nicht  jedoch  ein  solcher  in  das  Heimatland  der  Beschwerdeführerin  und    [ihres  Kindes].  Diesbezüglich  ist  vorweg  festzustellen, dass die in [Dublinstaat] herrschende allgemeine Lage nicht  gegen die Zumutbarkeit eines Wegweisungsvollzugs spricht.  7.2.3. Die Beschwerdeführerin moniert auf Rechtsmittelebene, das BFM  habe  die  erforderlichen  Abklärungen,  im  Wesentlichen  betreffend  die  Garantie  der  lebenslang  notwendigen  Therapie,  des  beizuziehenden  Fachpersonals und des Zugangs zu einer adäquaten Spezialklinik, nicht  vorgenommen.  (…)  führte  sie  aus,  dass  für  Flüchtlinge  nur  wenige  Unterkunftsmöglichkeiten  zur  Verfügung  stünden,  da  angenommen  werde,  diese  könnten  sich  aufgrund  ihrer  Aufenthaltsbewilligung  selbst  versorgen. Trotz dem Aufenthaltsrecht, das Flüchtlingen zukomme, gelte  in  [Dublinstaat]  jeweils  nur  in  der  Gemeinde  des  Erstasylgesuches  das  Recht zur Wohnsitznahme. Flüchtlinge würden zwar Unterstützung durch  Hilfsorganisationen  erhalten,  diese  sei  aber  über  Freiwilligenarbeit  konzipiert  und  daher  nicht  gesichert.  Die  Gesundheitsvorsorge,  die  ausschliesslich mit  der  Krankenversicherungskarte  (…)   zugänglich  sei,  werde nur bei vorhandenem Wohnsitz ausgehändigt. Da sie in [Ortschaft]  ein Asylgesuch eingereicht  habe,  besitze  sie  grundsätzlich  lediglich das  Recht, dort Wohnsitz zu nehmen. In der Region (…) existiere jedoch kein  [Kinderspital],  welches  für  die  benötigte  Behandlung  erforderlich  sei.  In  der  Annahme,  sie  käme  dennoch  in  einem  staatlichen  Unterkunftszentrum  in  der  Nähe  einer  [Kinderklinik]  unter,  stelle  dies  http://links.weblaw.ch/BVGE-2009/51 http://links.weblaw.ch/BVGE-2009/51 http://links.weblaw.ch/BVGE-2009/51 http://links.weblaw.ch/BVGE-2009/52 http://links.weblaw.ch/BVGE-2009/52 http://links.weblaw.ch/BVGE-2009/52

E­4053/2011 jedoch  eine  unsichere Situation  dar,  da  nicht  klar  sei,  was  nach Ablauf  der  [Anzahl]  Monate,  die  der  regulären  Zeitdauer  des  möglichen  Aufenthaltes  in  einer  solchen Unterkunft  entspreche,  geschehen werde.  Eine solche Situation würde – aufgrund der fehlenden geregelten Struktur  – schwerwiegende gesundheitliche Folgen für sie und ihr Kind nach sich  ziehen.  Das  Kleinkind  sei  auf  eine  komplexe  HIV­Behandlung  angewiesen,  die  ausschliesslich  durch  einen  Spezialisten  gewährleistet  werden  könne.  Für  eine  adäquate  Behandlung  müsse  auch  die  Wohnsituation  und  die  psychosoziale,  langfristige  Unterstützung  im  Vorfeld  abgeklärt  und  garantiert  werden.  Es  sei  aber  vorliegend  nicht  bestätigt,  dass  die  Beschwerdeführerin  einen  sofortigen  Zugang  zur  notwendigen Gesundheitsversorgung  in  [Dublinstaat]  erhalte,  zumal  der  Zugang  zur  Notaufnahme  nicht  ausreiche.  Sie  verfüge  in  [Dublinstaat]  über  keinerlei  soziales  Netz.  Ein  weiteres  Problem  stelle  die  fehlende  beziehungsweise  mangelnde  Betreuung  für  psychisch  erkrankte  und  traumatisierte Personen dar. (…). Eine Rückkehr der Beschwerdeführerin  und  [ihres Kindes]  nach  [Dublinstaat]  sei  deshalb  aus  gesundheitlichen,  humanitären und ethischen Gründen unzumutbar. 7.2.4.  Zunächst  ist  anzumerken,  dass  betreffend  [Dublinstaat]  vom  Bestehen  adäquater  medizinischer  Behandlungsangebote  ausgegangen  werden kann. Auch im ärztlichen Attest von Prof. F._______, [Kinderspital  in  E._______  ]  vom  [Datum]  wird  ausdrücklich  festgehalten,  dass  in  [Dublinstaat]  adäquate  Therapiemöglichkeiten  für  HIV­kranke  Erwachsene und Kinder existieren. (…).  Der wesentliche Punkt  des  vorliegenden Falles  liegt  jedoch  nicht  in  der  Existenz einer adäquaten Therapiemöglichkeit in [Dublinstaat], sondern in  der Garantie des nahtlosen Übergangs der Therapie einerseits und deren  nachhaltigen Durchführbarkeit andererseits. Diesbezüglich sind zunächst  die wesentlichen Faktoren, namentlich diejenigen Bedingungen, die eine  adäquate  Therapierung  von  Mutter  und  Kind  zum  jetzigen  Zeitpunkt  sicherstellen,  einer  näheren  Betrachtung  zu  unterziehen.  Die  Beschwerdeführerin  und  ihr  Kind  werden  notwendigerweise  von  zahlreichen Spezialisten behandelt und betreut. Zahlreiche Zeugnisse der  verschiedenen  Fachärzte  attestieren  die  ausserordentliche  Komplexität  der Therapien und die damit zusammenhängende unbedingt erforderliche  Präzision  deren  Durchführung.  Neben  der  konstant  anzupassenden  individuellen  Herstellung  der  Medikamentendosis  für  [das  Kind]  der  Beschwerdeführerin ist die akkurate Einhaltung der Verabreichungszeiten  der  Medikamente  durch  die  Beschwerdeführerin  von  elementarster 

E­4053/2011 Bedeutung,  da  die  kleinste  zeitliche  Abweichung  lebensbedrohliche  Folgen für das Kind hat. Die erforderliche Zuverlässigkeit von Seiten der  Beschwerdeführerin  ist  indessen  nur  dann  garantiert,  wenn  diese  psychisch dazu in der Lage ist.  Aus  dem  jüngsten  Austrittsbericht  der  [Psychiatrischen  Klinik  in  E._______  ]  vom  [Datum]  (vgl.  oben  Bst.  W)  wird  indessen  die  ausserordentliche  psychische  Fragilität  der  Beschwerdeführerin  ersichtlich.  Demzufolge  konnte  die  akute  Suizidgefahr  zwar  aufgrund  einer  Krisenintervention,  anschliessender  psychiatrischer  Behandlung  und Medikation eingedämmt werden. Dank des etablierten Systems von  Spezialisten  und  sozialem  Personal  konnte  auch  die  Aufrechterhaltung  der strengen Therapieregeln für [ihr Kind] während den suizidalen Krisen  der  Beschwerdeführerin  sichergestellt  werden.  Der  Bericht  hebt  dabei  jedoch  hervor,  dass  sich  die  Suizidalität  nach  Erhalt  der  negativen  Verfügung  des  BFM  angesichts  der  drohenden  Rückkehr  nach  [Dublinstaat] entwickelte, zumal die Beschwerdeführerin davon überzeugt  sei,  durch  ihren Tod das Aufenthaltsrecht  [ihres Kindes]  in  der Schweiz  sichern zu können. In diesem Zusammenhang ist auch anzumerken, dass  die  Beschwerdeführerin  bereits  zu  Beginn  des  Asylverfahrens  ihre  immense Angst äusserte, nach [Dublinstaat] zurückzukehren, da sie dort  um ihr Leben fürchte (vgl. oben Bst. K). Der Arztbericht führt weiter aus,  die  Beschwerdeführerin  könne  nun  aufgrund  des  infolge  Medikamentierung  und  Krisenintervention  eingetretenen  stabilisierten  Zustandes  schliesslich  wieder  in  ihre  angestammte  Wohnsituation  entlassen werden;  dies  jedoch  nur mit  der  Auflage,  dass  das  bisherige  Helfersystems,  namentlich  die  medizinische  und  soziale  Betreuung  aufrechterhalten  werde,  da  andernfalls  die  Gefahr  einer  akuten  Verschlechterung des psychischen Zustands bis hin zu suizidalen Krisen  bestehe.  Angesichts  der  skizzierten Umstände  kann  bei  einer Wegweisung  nach  [Dublinstaat] zum jetzigen Zeitpunkt nicht von einer Aufrechterhaltung des  aktuellen,  stabilisierten  psychischen  Zustandes  der  Beschwerdeführerin  ausgegangen  werden.  Damit  kann  auch  die  nahtlose  Aufrechterhaltung  der  lebensnotwendigen  und  höchst  komplexen  Therapie  für Mutter  und  Kind  nicht  garantiert  werden.  Schliesslich  lässt  sich  auch  eine  Suizidgefahr  nicht  hinlänglich  ausschliessen.  Aufgrund  der  Gesamtheit  der Umstände – namentlich angesichts der einzigartigen Komplexität der  nötigen  Therapien,  der  ausgeprägten  Fragilität  eines  HIV­infizierten  [Kindes],  der  drohenden  Suizidalität  der  Beschwerdeführerin  und  nicht 

E­4053/2011 zuletzt  aufgrund  der  damit  zusammenhängenden  Unwahrscheinlichkeit,  dass  alle  Massnahmen,  die  für  den  lebensnotwendigen  nahtlosen  Übergang  und  die  nachhaltige  Durchführung  der  Therapien  zwingend  notwendig sind, sichergestellt werden können – kommt das Gericht zum  Schluss,  dass  vorliegend  der  Beschwerdeführerin  und  [ihrem  Kind]  ein  Wegweisungsvollzug nach [Dublinstaat] nicht zugemutet werden kann. 7.3. Nach dem Gesagten erweist  sich der Vollzug der Wegweisung der  beiden  nach  [Dublinstaat]  als  unzumutbar  im  Sinne  von  Art.  83  Abs.  4  AuG. Aus den Akten gehen keine Hinweise auf Tatbestände hervor, die  zu  einem Ausschluss  der  vorläufigen Aufnahme gemäss Art.  83 Abs.  7  AuG führen könnten. 7.4.  Aufgrund  der  alternativen  Natur  der  drei  Bedingungen  für  einen  Verzicht  auf  den Vollzug  der Wegweisung  (vgl.  E.  7.1.2)  erübrigen  sich  weitere  Ausführungen  bezüglich  Zulässigkeit,  Möglichkeit  und  die  betreffenden Rügen der Beschwerdeführerin. Auf die Ausführungen in der  Replikschrift (S. 3 f.), die sich auf die Rechtsprechung des Europäischen  Gerichtshofes  für  Menschenrechte  (EGMR)  im  Kontext  mit  dem  Refoulement­Verbot von Art. 3 EMRK bei gravierenden gesundheitlichen  Problemen beziehen, ist daher an dieser Stelle nicht einzugehen.  8.  Die Voraussetzungen  für die Gewährung der vorläufigen Aufnahme sind  somit  erfüllt.  Die  Beschwerde  ist  demnach  gutzuheissen  und  die  Vorinstanz  ist  anzuweisen,  die  Beschwerdeführerin  und  [ihr  Kind]  vorläufig aufzunehmen. Sie wird  zudem eingeladen  zu  prüfen,  ob  der Beschwerdeführerin  nicht  nach Massgabe von Art. 50 AsylG Zweitasyl gewährt (und das Kind nach  Art. 51 Abs. 2 AsylG darin eingeschlossen) werden soll, zumal diese die  Flüchtlingseigenschaft  gemäss  Anerkennung  durch  [Dublinstaat]  erfüllt,  der  Aufenthalt  in  der  Schweiz  ein  dauernder  sein  wird  und  es  für  die  Erteilung des Zweitasyls (im Unterschied zur normalen Asylerteilung; vgl.  Art. 2 Abs. 1 AsylG) keines expliziten Gesuches bedarf. 9.  Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind der Beschwerdeführerin keine  Verfahrenskosten aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 und 2 VwVG).  10.  Die  Beschwerdeführerin  hat  vollumfänglich  obsiegt.  Es  ist  ihr  in 

E­4053/2011 Anwendung von Art. 64 Abs. 1 VwVG eine Parteientschädigung für die ihr  erwachsenen notwendigen Vertretungskosten zuzusprechen.  Die  Rechtsvertreterin  der  Beschwerdeführerin  reichte  am  19. August  2011  ihre  Kostennote  ein,  gemäss  welcher  sie  einen  Aufwand  von  insgesamt   20.75  Stunden  geltend  machte.  Der  in  Rechnung  gestellte  Aufwand  scheint  aufgrund  ähnlich  komplexer  und  aufwändiger  Fälle  als  nicht vollumfänglich angemessen. Namentlich ist nicht ersichtlich, auf was  sich  die  drei  Stunden  "Diverse  Gespräche  mit  Sachbearbeiterin"  beziehen,  und  zudem  fehlen  bei  den  aufgeführten  Telefongesprächen  von einer Stunde chronologische und  inhaltliche Angaben. Daher  ist der  dargelegte Aufwand um vier Stunden auf 16.75 Stunden zu kürzen, womit  der  Beschwerdeführerin  unter   Berücksichtigung  der  Bemessungsgrundsätze  nach Art. 7ff.  des Reglements  vom  21. Februar  2008  über  die  Kosten  und  Entschädigungen  vor  dem  Bundesverwaltungsgericht  (VGKE,  SR  173.320.2)  und  eines  Stundenansatzes von Fr. 150.­­ eine Parteientschädigung von Fr. 2'513.­­   (ohne Mehrwertsteuer) zuzusprechen ist.  Das  Bundesamt  ist  somit  anzuweisen,  der  Beschwerdeführerin  für  das  Beschwerdeverfahren  eine  Parteientschädigung  von  Fr.  2'513.­­  auszurichten. (Dispositiv nächste Seite)

E­4053/2011 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1.  Die Beschwerde wird gutgeheissen. 2.  Die  Dispositivziffern  3  und  4  der  angefochtenen  Verfügung  vom  6.  Juli  2011  werden  aufgehoben  und  das  BFM  wird  angewiesen,  die  Beschwerdeführerin und [ihr Kind] vorläufig aufzunehmen.  3.  Es werden keine Verfahrenskosten auferlegt. 4.  Das  BFM  hat  der  Beschwerdeführerin  für  das  Verfahren  vor  der  Beschwerdeinstanz eine Parteientschädigung in der Höhe von Fr. 2'513.­­  (ohne Mehrwertsteuer) zu entrichten. 5.  Dieses  Urteil  geht  an  die  Beschwerdeführerin,  das  BFM  und  die  zuständige kantonale Behörde. Die vorsitzende Richterin: Die Gerichtsschreiberin: Christa Luterbacher Sarah Diack

E­4053/2011 Zustellung erfolgt an: – (…)