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Bundesverwaltungsgericht 09.09.2011 E-404/2008

9. September 2011·Deutsch·CH·CH_BVGE·PDF·2,769 Wörter·~14 min·1

Zusammenfassung

Aufhebung vorläufige Aufnahme (Asyl) | Aufhebung der vorläufigen Aufnahme; Verfügung des BFM vom 20.Dezember 2007

Volltext

Bundesve rwa l t ungsge r i ch t T r i buna l   adm in istratif   f édé ra l T r i buna l e   ammin istrati vo   f ede ra l e T r i buna l   adm in istrativ   f ede ra l Abteilung V E­404/2008 Urteil   v om   9 .   S ep t embe r   2011 Besetzung Richter Bruno Huber (Vorsitz), Richterin Christa Luterbacher, Richter Jean­Pierre Monnet, Gerichtsschreiberin Carmen Wittwer. Parteien A._______, geboren (…), Sri Lanka, (…), Beschwerdeführer,  gegen Bundesamt für Migration (BFM), Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz Gegenstand Aufhebung der vorläufigen Aufnahme; Verfügung des BFM vom 20. Dezember 2007 / N (…).

E­404/2008 Sachverhalt: A.  Der aus B._______  (Provinz C._______)  stammende Beschwerdeführer  tamilischer Ethnie verliess seinen Heimatstaat eigenen Angaben zufolge  am (…) und gelangte am (…) in die Schweiz, wo er gleichentags um Asyl  nachsuchte. B.  Mit  Strafurteil  vom  (…)  wurde  der  Beschwerdeführer  wegen  Führens  eines  Personenwagens  in  angetrunkenem  Zustand  und  Führens  eines  Motorfahrzeuges trotz Entzug des Lernfahrausweises, begangen am (…),  bei einer Probezeit von 2 Jahren zu 25 Tagen Gefängnis bedingt und zu  einer Busse von Fr. 700.– verurteilt. C.  Mit  Verfügung  vom  3. März  1997  stellte  das  Bundesamt  für  Flüchtlinge  (BFF,  heute:  BFM)  fest,  sowohl  der  Beschwerdeführer  als  auch  seine  Ehefrau D._______, welche bereits früher in die Schweiz gelangt war und  am (…) ein Asylgesuch gestellt hatte, erfüllten die Flüchtlingseigenschaft  nicht,  lehnte  ihre Asylgesuche ab und verfügte die Wegweisung aus der  Schweiz. Der Vollzug  der Wegweisung  nach Sri  Lanka wurde  indessen  zu Gunsten  einer  vorläufigen Aufnahme aufgeschoben, weil  ein  solcher  im gegenwärtigen Zeitpunkt nicht möglich sei. Diese Verfügung erwuchs  unangefochten in Rechtskraft. D.  Am  (…)  erhielt  die  Ehefrau  des  Beschwerdeführers  vom  Kanton  E._______  eine  Aufenthaltsbewilligung  (Ausweis  B)  erteilt,  wodurch  die  zuvor angeordnete vorläufige Aufnahme erlosch. E.  Am  (…)  verurteilte  das  Kreisgericht  F._______  den  Beschwerdeführer  gestützt  auf  den Schuldspruch  vom  (…) wegen  versuchter  vorsätzlicher  Tötung  zu  36  Monaten  Freiheitsstrafe  (abzüglich  1  Tag  Polizeihaft),  wovon 12 Monate unbedingt und, bei einer Probezeit von drei Jahren, 24  Monate  bedingt  zu  vollziehen  seien.  Zusätzlich  wurde  eine  ambulante  suchttherapeutische  Behandlung  (…)  während  und  nach  dem  Strafvollzug angeordnet.

E­404/2008 Die  gegen  dieses  Urteil  eingereichte  Appellation  wurde  vom  Beschwerdeführer  am  (…)  zurückgezogen,  womit  das  erstinstanzliche  Urteil in Rechtskraft erwuchs.  F.  Mit  Schreiben  vom  22. Februar  2007  teilte  das  BFM  dem  Beschwerdeführer  mit,  dass  es  im  Rahmen  der  regelmässigen  Überprüfung  der  vorläufigen  Aufnahme  zum  Schluss  gelangt  sei,  ein  Vollzug der Wegweisung sei für ihn im heutigen Zeitpunkt nicht zumutbar,  weshalb er weiterhin vorläufig aufgenommen bleibe. G.  Mit  Schreiben  vom  14. November  2007  teilte  das  Bundesamt  dem  Beschwerdeführer mit,  es  erwäge  aufgrund  des  deliktischen  Verhaltens  die  verfügte  vorläufige  Aufnahme  aufzuheben  und  den  Vollzug  der  Wegweisung anzuordnen. Im  Rahmen  des  gestützt  auf  diesen  Sachverhalt  gewährten  rechtlichen  Gehörs  führte  der  Rechtsvertreter  des  Beschwerdeführers  in  seiner  Eingabe  vom  29. November  2007  aus,  es  sei  nicht  ersichtlich,  wie  das  Bundesamt  trotz der  langjährigen deliktfreien Zeit zum Schluss gelange,  dass  sein Mandant  nicht willens  und  in  der  Lage  sei,  sich  in  die  in  der  Schweiz  geltende  Rechtsordnung  einzufügen.  Bis  zum  Urteil  vom  (…)  respektive  (…)  sei  im  Strafregister  kein  Eintrag  zu  finden.  Auch  das  Gericht  gehe  in  seinem  Urteil  davon  aus,  dass  dem  Beschwerdeführer  aus  strafrechtlicher  Sicht  eine  positive  Prognose  auszustellen  sei,  weshalb es zwei Drittel der Strafe nur bedingt ausgesprochen habe. Der  Beschwerdeführer  sei  seit  (…)  in  der  Schweiz  und  habe  seit  (…)  in  verschiedenen  Firmen  als  (…)  gearbeitet. Während  der  Arbeitslosigkeit  habe  er  an  Beschäftigungsprogrammen  teilgenommen  und  in  seiner  Freizeit pflege er den Kontakt zu den Mitgliedern der Kirchgemeinde, wo  er  auch  beim  (…)  helfe.  Er  gebe  sich  somit  grosse  Mühe,  eine  Arbeitsstelle  zu  finden  oder  sich  zumindest  im  Rahmen  seiner  Möglichkeiten, die aufgrund der F­Bewilligung eher eng seien, nützlich zu  machen und an die  schweizerischen Verhältnisse anzupassen. Von der  Aufhebung der vorläufigen Aufnahme sei damit abzusehen. H.  Mit  Verfügung  vom  20. Dezember  2007  –  der  Zeitpunkt  der  Eröffnung  ergibt  sich aus den Akten nicht  – hob das BFM die mit Verfügung  vom  3. März  1997  angeordnete  vorläufige  Aufnahme  auf  und  forderte  den 

E­404/2008 Beschwerdeführer auf, die Schweiz unverzüglich zu verlassen, nachdem  er  der  Justiz  Genüge  getan  habe.  Mit  dem  Vollzug  der  Wegweisung  wurde  der  Kanton  E._______  beauftragt  und  gleichzeitig  wurde  einer  allfälligen  Beschwerde  gegen  diese  Verfügung  die  aufschiebende  Wirkung entzogen. Auf  die entsprechende Begründung wird,  soweit  entscheidwesentlich,  in  den nachfolgenden Erwägungen eingegangen. I.  Gegen  diese  Verfügung  erhob  der  Beschwerdeführer  durch  seinen  Rechtsvertreter  mit  Eingabe  vom  21. Januar  2008  Beschwerde  beim  Bundesverwaltungsgericht.  Er  beantragte  in materieller  Hinsicht  –  unter  Kosten­  und  Entschädigungsfolge  –  die  Aufhebung  der  angefochtenen  Verfügung;  in  prozessualer  Hinsicht  beantragte  er  die  Erteilung  der  aufschiebenden  Wirkung  der  Beschwerde,  die  Gewährung  der  unentgeltlichen Rechtspflege und die Beiordnung seines Rechtsvertreters  als amtlicher Anwalt. In  der  Beilage  fanden  sich  vom  Eidgenössischen  Departement  für  auswärtige  Angelegenheiten  (EDA)  für  Sri  Lanka  herausgegebene  Reisehinweise (Internetausdruck vom 21. Januar 2008), ein NZZ Online­ Bericht  vom  15. September  2007  über  einen  Bus,  welcher  auf  der  nördlichen  Halbinsel  Jaffna  auf  eine  Bombe  gefahren  war,  eine  Reisewarnung  für Sri Lanka von Dr. Oskar Flück  (Internetausdruck vom  21. Januar  2008)  und  eine  Fürsorgebestätigung  des  G._______  vom  21. Januar 2008. Auf  die  Begründung  der  Beschwerde  wird  in  den  nachfolgenden  Erwägungen eingegangen. J.  Mit  Telefax  vom  22. Januar  2008  setzte  der  Instruktionsrichter  des  Bundesverwaltungsgerichts  den  Vollzug  der  Wegweisung  bis  zum  Entscheid  über  das  Gesuch  um  Wiederherstellung  der  vom  BFM  entzogenen aufschiebenden Wirkung der Beschwerde vorsorglich aus. K.  Mit Zwischenverfügung vom 6. Februar 2008 hiess der Instruktionsrichter  das  Gesuch  um  Wiederherstellung  der  aufschiebenden  Wirkung  der  Beschwerde  gut  und  teilte  dem  Beschwerdeführer  mit,  er  könne  den  Ausgang  des  Verfahrens  in  der  Schweiz  abwarten.  Gleichzeitig  wurde 

E­404/2008 das Gesuch  um Gewährung  der  unentgeltlichen Rechtspflege  im Sinne  von  Art. 65  Abs. 1  des  Bundesgesetzes  vom  20. Dezember  1968  über  das  Verwaltungsverfahren  (VwVG,  SR  172.021)  gutgeheissen,  auf  die  Erhebung  eines  Kostenvorschusses  verzichtet  und  das  Gesuch  um  Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege im Sinne von Art. 65 Abs. 2  VwVG abgewiesen. L.  In  seiner  Vernehmlassung  vom  6. März  2008  hielt  das  BFM  an  seinen  Erwägungen  in  der  angefochtenen  Verfügung  fest  und  beantragte  die  Abweisung  der  Beschwerde.  Im  Rahmen  der  Replik  vom  4. April  2007  (recte:  2008)  reichte  der  Beschwerdeführer  eine  weitere  Reisewarnung  für  Sri  Lanka  von  Dr. Oskar  Flück  vom  14. März  2008  in  Form  eines  Internetausdruckes ein. Auf  die  entsprechenden  Begründungen  wird  in  den  nachfolgenden  Erwägungen eingegangen. M.  Mit  Urteil  des  Gerichtspräsidenten  (…)  des  Gerichtskreises  F._______  vom  (…),  welches  am  (…)  in  Rechtskraft  erwuchs,  wurde  die  Ehe  des  Beschwerdeführers mit Frau D._______ geschieden. N.  Mit Schreiben  vom 7. August  2009  reichte  (…) des Kantons E._______  dem BFM eine gegen den Beschwerdeführer erhobene Anzeige vom (…)  (Tätlichkeiten, einfache Körperverletzung und unanständiges Benehmen)  samt den entsprechenden Befragungsprotokollen zu den Akten. O.  Mit  Verfügung  vom  7. Juni  2011  forderte  der  Instruktionsrichter  den  Beschwerdeführer  auf,  bis  zum  1. Juli  2011  einen  schriftlichen  Bericht  (inklusive  Strafregisterauszug  und  allfälliger  weiterer  Beweismittel)  über  seine  strafrechtliche  Situation  einzureichen  und  dabei  seine  aktuelle  finanzielle, berufliche, soziale und gesundheitliche Lage darzulegen. Diese dem Beschwerdeführer angesetzte Frist verstrich unbenutzt.  P.  Am 11. August 2011  liess  (…) des Kantons E._______ dem Gericht auf  dessen  Anfrage  seine  Akten  (inklusive  eines  aktuellen  Strafregisterauszuges) zur Einsicht zukommen. Diesen kann entnommen 

E­404/2008 werden,  dass  sich  der  Beschwerdeführer  vom  (…)  bis  zum  (…)  im  Strafvollzug  befand  und  die mit  Urteil  vom  (…)  angeordnete  ambulante  suchttherapeutische Massnahme am (…) durch die Abteilung Straf­ und  Massnahmenvollzug E._______ aufgehoben wurde. Q.  Mit  Schreiben  vom  23. August  2011  teilte  der  Rechtsvertreter  des  Beschwerdeführers dem Gericht mit, dass er diesen ab sofort nicht mehr  vertrete und ihm dessen Adresse nicht bekannt sei.  Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1.  1.1.  Gemäss  Art. 31  des  Verwaltungsgerichtsgesetzes  vom  17. Ju­ ni 2005  (VGG,  SR 173.32)  beurteilt  das  Bundesverwaltungsgericht  Be­ schwerden  gegen Verfügungen  nach Art. 5  VwVG. Das  BFM  gehört  zu  den  Behörden  nach  Art. 33  VGG  und  ist  daher  eine  Vorinstanz  des  Bundesverwaltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme  im Sinne von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht  ist daher zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und  entscheidet  im  Bereich  des  Ausländerrechts  betreffend  vorläufige  Aufnahme  endgültig  (Art. 83  Bst. c  Ziff. 3  des  Bundesgerichtsgesetzes  vom 17. Juni 2005 [BGG, SR 173.110]). 1.2.  Der  Beschwerdeführer  ist  durch  die  angefochtene  Verfügung  besonders berührt, hat ein schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung  beziehungsweise  Änderung  und  ist  daher  zur  Einreichung  der  Beschwerde  legitimiert  (Art. 112  Abs. 1  des  Bundesgesetzes  vom  16. Dezember  2005  über  die  Ausländerinnen  und  Ausländer  [AuG,  SR 142.20]  i.V.m.  Art. 48  Abs. 1  VwVG).  Auf  die  im  Übrigen  frist­  und  formgerecht  eingereichte  Beschwerde  ist  einzutreten  (Art. 112  Abs. 1  AuG i.V.m. Art. 50 und Art. 52 VwVG). 1.3. Mit Beschwerde kann die Verletzung von Bundesrecht, die unrichtige  oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts und  die Unangemessenheit gerügt werden (Art. 112 Abs. 1 AuG i.V.m. Art. 49  VwVG).

E­404/2008 2.  Anfechtungsobjekt  des  vorliegenden  Beschwerdeverfahrens  bildet  die  Verfügung  des  Bundesamtes  vom  20. Dezember  2007  (Aufhebung  der  am 3. März 1997 angeordneten vorläufigen Aufnahme). 3.  3.1. Die Vorinstanz führte zur Begründung der Aufhebung der vorläufigen  Aufnahme  an,  dass  gemäss  Art. 14b  Abs. 2  des  Bundesgesetzes  vom  26. März 1931 über Aufenthalt und Niederlassung der Ausländer (ANAG,  BS 1 121) die vorläufige Aufnahme aufzuheben sei, wenn der Vollzug der  Wegweisung  zulässig  und  es  der  ausländischen  Person  möglich  und  zumutbar  sei,  sich  rechtmässig  in  einen  Drittstaat  oder  in  ihren  Heimatstaat  oder  in  das  Land  zu  begeben,  in  dem  sie  zuletzt  gewohnt  habe. Nicht zumutbar könne der Vollzug der Wegweisung  insbesondere  sein,  wenn  er  für  den  Ausländer  eine  konkrete  Gefährdung  darstelle  (Art. 14a  Abs. 4  ANAG).  Gemäss  Art. 14a  Abs. 6  ANAG  finde  Abs. 4  dieses  Artikels  keine  Anwendung,  wenn  der  weg­  oder  ausgewiesene  Ausländer  die  öffentliche  Sicherheit  und  Ordnung  verletzt  oder  in  schwerwiegender Weise  gefährdet  habe.  Der  Beschwerdeführer  sei mit  Urteil  des  Kreisgerichts  F._______  vom  (…)  /  (…)  rechtskräftig  wegen  versuchter vorsätzlicher Tötung zu einer Freiheitsstrafe von 36 Monaten  verurteilt worden, wobei gleichzeitig eine ambulante suchttherapeutische  Behandlung während und nach dem Strafvollzug angeordnet worden sei.  Damit  würden  sichere  Hinweise  auf  ein  Verhalten  des  Ausländers  vorliegen,  welches  geeignet  erscheine,  die  öffentliche  Ordnung  und  Sicherheit  in  ernst  zu  nehmender Weise  zu gefährden. Die Anwendung  von  Art. 14a  Abs. 6  ANAG  setze  eine  Abwägung  zwischen  den  Interessen  des Ausländers  auf  Verbleib  in  der  Schweiz  und  denjenigen  der Schweiz am Vollzug der Wegweisung voraus und schränke dabei die  Interessen des Staates auf  den Schutz  vor Gefährdung der öffentlichen  Sicherheit  und  Ordnung  oder  deren  schwerwiegende  Verletzung  ein.  Ausgangspunkt  für  die  Interessenabwägung  sei  das  Verschulden  des  Ausländers,  welches  vorab  im  vom  Strafrichter  verhängten  Strafmass  seinen  Ausdruck  finde.  Dabei  seien  umso  strengere  Anforderungen  an  die  Schwere  des  strafrechtlichen  Verschuldens  zu  stellen,  je  länger  ein  Ausländer  in  der  Schweiz  gelebt  habe.  Daneben  habe  auch  die  Beurteilung der Rückfallgefahr bei der Interessenabwägung ein gewisses  Gewicht, ohne dass ihr allerdings die gleiche Bedeutung wie im Strafrecht  zukomme.  So  müsse  im  Zusammenhang  mit  Gewaltdelikten  selbst  ein  Restrisiko nicht hingenommen werden.

E­404/2008 3.2.  Im  vorliegenden  Fall  sei  der  Beschwerdeführer  wegen  eines  schweren Gewaltdelikts  verurteilt worden. Das Gericht habe  festgestellt,  dass  der  Beschwerdeführer  beim  unkontrollierten Angriff  auf  sein Opfer  mit  einem  (…)  dessen  Tod  in  Kauf  genommen  und  damit  eventualvorsätzlich gehandelt habe. Zwar habe das Gericht aufgrund des  eingeholten  Gutachtens  in  Bezug  auf  die  Rückfallgefahr  eine  eher  positive  Prognose  gestellt,  doch  sei  zu  befürchten,  dass  der  Beschwerdeführer dann, wenn er unter (…)einfluss stehe und etwas nicht  nach  seinen  Vorstellungen  verlaufe,  wieder  zu  Gewaltdelikten  neigen  könnte. Da hierbei die Verletzung zentraler Rechtsgüter (Leib und Leben)  drohe, sei das Risiko eines Rückfalls umso weniger hinzunehmen. 3.3. Angesichts der Schwere des Verschuldens erscheine die Aufhebung  der vorläufigen Aufnahme – auch wenn der Beschwerdeführer bereits seit  (…)  in  der  Schweiz  lebe  –  als  verhältnismässig,  es  sei  denn,  bei  den  persönlichen  und  familiären  Verhältnissen  des  Ausländers  lägen  besondere  Umstände  vor.  Solche  seien  jedoch  nicht  erkennbar.  Der  Beschwerdeführer gehe keiner geregelten Arbeit nach und bewege sich  auch  nicht  in  einem  stabilen  Umfeld.  Zudem  habe  er  Schulden  von  mehreren Tausend Franken und er habe bis Ende (…) mit knapp Fr. 35  000.– unterstützt werden müssen. Dem Beschwerdeführer sei Sri Lanka  nicht  unbekannt.  Er  sei  dort  geboren  und  habe  in  Sri  Lanka  die  persönlichkeitsbildenden  Jahre  verbracht.  (…)  Jahre  habe  er  die  Grundschule besucht, anschliessend sei er  in der (…) tätig gewesen. Er  sei sowohl mit der Sprache als auch mit den kulturellen Gepflogenheiten  seines  Heimatlandes  vertraut.  Es  sei  davon  auszugehen,  dass  ihm  Sri  Lanka nicht  völlig  fremd geworden sei,  zumal er weiterhin  telefonischen  Kontakt  zu  seinen  dort  lebenden Verwandten  pflege.  In  Anbetracht  des  schweren Verstosses gegen das Strafgesetzbuch und seiner an den Tag  gelegten  fehlenden  Einsicht  und  Reue,  könne  trotz  der  langen  Anwesenheit nicht von einer fortgeschrittenen Integration  in der Schweiz  gesprochen werden. 3.4.  Auch  wenn  davon  auszugehen  sei,  dass  die  wirtschaftliche  und  soziale  Integration  des  Beschwerdeführers  mit  einigen  Schwierigkeiten  verbunden sein könne, befinde er sich im Vergleich mit Rückkehrern nicht  in  einer  besonderen  Lage.  Das  öffentliche  Interesse  der  Schweiz  am  Vollzug  der  Wegweisung  überwiege  somit  das  private  Interesse  des  Beschwerdeführers,  sich  auf  die  Rückführungsschranken  von  Art. 14  a  Abs. 4 ANAG zu berufen.

E­404/2008 3.5. Da rechtskräftig  festgestellt worden sei, dass der Beschwerdeführer  die  Flüchtlingseigenschaft  nicht  erfülle  und  sein  Asylgesuch  infolgedessen  abgelehnt  worden  sei,  verletze  ein  Wegweisungsvollzug  das in Art. 5 des Asylgesetzes vom 26. Juni 1998 (AsylG, SR 142.31) und  Art. 33  des  Abkommens  vom  28. Juli  1951  über  die  Rechtsstellung  der  Flüchtlinge  (FK,  SR 0.142.30)  verankerte  Refoulement­Verbot  nicht.  Weiter würden einem Wegweisungsvollzug auch keine völkerrechtlichen  Verpflichtungen  der  Schweiz  (insbesondere  Art. 3  der  Konvention  vom  4. November  1950  zum  Schutze  der  Menschenrechte  und  Grundfreiheiten [EMRK, SR 0.101] und Art. 3 des Übereinkommens vom  10. Dezember 1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche  oder  erniedrigende  Behandlung  oder  Strafe  [FoK,  SR 0.105])  entgegenstehen,  zumal  keine  Verfolgung  des  Beschwerdeführers  glaubhaft  gemacht  worden  sei  und  sich  aus  der  Aktenlage  keine  Anhaltspunkte ergäben, welche auf eine entsprechende konkrete Gefahr  hindeuten würden. Da die Ehefrau des Beschwerdeführers  lediglich eine  Aufenthaltsbewilligung  besitze  und  die  Ehe  zudem  nicht  mehr  gelebt  werde,  könne  der  Beschwerdeführer  auch  aus  Art. 8  EMRK  keine  Ansprüche ableiten. 3.6. Der  Beschwerdeführer  könne  auch  aus  dem  Bundesratsbeschluss  vom 1. März 2000 über die Humanitäre Aktion 2000 (HUMAK) nichts zu  seinen Gunsten ableiten, da gemäss Rechtsprechung eine Person ohne  weiteres  aus  dem  Anwendungsbereich  der  HUMAK  falle,  wenn  die  Bestimmung von Art. 14a Abs. 6 ANAG auf sie anwendbar sei. 3.7.  Schliesslich  obliege  es  dem  Beschwerdeführer,  sich  die  für  die  Rückkehr  notwendigen Reisedokumente bei  der  zuständigen Vertretung  des Heimatlandes zu beschaffen, weshalb der Wegweisungsvollzug auch  möglich sei. 3.8. Damit  sei  der Vollzug der Wegweisung heute als  zulässig, möglich  und  verhältnismässig  zu  erachten,  so  dass  die  vorläufige  Aufnahme  gestützt  auf  Art. 14b  Abs. 2  ANAG  i.V.m.  Art. 14a  Abs. 6  ANAG  aufzuheben sei. 4.  4.1.  In der Beschwerde hält der Rechtsvertreter des Beschwerdeführers  der  Argumentation  des  BFM  entgegen,  der  Verurteilung  seines  Mandanten  wegen  vorsätzlicher  versuchter  Tötung  könne  nicht  das 

E­404/2008 Gewicht beigemessen werden, wie es das Bundesamt  tue. So  falle auf,  dass  das  angewandte  Strafmass  von  drei  Jahren  Freiheitsstrafe  verglichen mit  anderen  Fällen  von  versuchter  vorsätzlicher  Tötung  sehr  tief  angesetzt  worden  sei.  Das  urteilende  Gericht  habe  mit  der  Freiheitsstrafe  von nur drei  Jahren und einem unbedingten Teil  von nur  einem  Jahr  folglich  zum  Ausdruck  gebracht,  dass  das  Verschulden  in  diesem Fall nicht so hoch gewesen sei wie in vergleichbaren Fällen. Was  die  Feststellung  der  Vorinstanz  betreffe,  dem  Beschwerdeführer  sei  es  nicht  gelungen,  die  hier  allgemein  geltenden  Regeln  der  Konfliktbewältigung  zu  akzeptieren,  so  sei  diese  Aussage  schwer  nachvollziehbar.  Schliesslich  halte  sich  der  Beschwerdeführer  nun  seit  bald  (…)  Jahren  in  der  Schweiz  auf  und  sei  in  dieser  Zeit,  abgesehen  vom besagten Vorfall, noch nie und auch seither nicht strafrechtlich oder  sonstwie  gewalttätig  aufgefallen.  Eine  Rückfallgefahr  oder  Konfliktunfähigkeit  könne  dem  Beschwerdeführer  deshalb  aufgrund  der  Akten  nicht  vorgeworfen  werden.  Vielmehr  sei  von  einem  langjährigen  Wohlverhalten  auszugehen,  das  gegen  die  Aufhebung  der  vorläufigen  Aufnahme spreche. 4.2.  Zur  momentanen  Entwicklung  in  Sri  Lanka  gelte  es  festzuhalten,  dass wieder Kämpfe ausgebrochen seien und die Lage alles andere als  stabil sei. Auch die Schweiz warne vor Reisen insbesondere in nördliche  Gebiete und benenne unter anderem die Halbinsel Jaffna als Sperrgebiet.  Weiter gehe das EDA auch davon aus, dass Gewalttaten mit politischem  und  ethnischem  Hintergrund  jederzeit  vorkommen  könnten.  Der  Beschwerdeführer, ein Tamile, stamme aus C._______, weshalb es nicht  zumutbar  sei,  ihn  nach Sri  Lanka  zurückzuschicken,  in welchem  er  gar  nicht  in  sein  Heimatgebiet  einreisen  könne  und  in  welchem  ihm  als  Angehöriger  einer  Minderheit  im  Moment  Gefahr  an  Leib  und  Leben  drohe. 4.3.  Zusammenfassend  könne  festgehalten  werden,  dass  der  vom  Beschwerdeführer  begangenen  Tat  nicht  ein  derart  schweres  Verschulden zugesprochen werden könne, wie es die Vorinstanz mache,  und dass ebenso wenig davon auszugehen sei, er würde die öffentliche  Ordnung  und  Sicherheit  in  der  Schweiz  inskünftig  gefährden.  Aufgrund  des  Wiederausbruches  des  Bürgerkrieges  in  Sri  Lanka  sei  eine  Rückschaffung  in  dessen  Heimat  nicht  möglich,  weshalb  die  vorinstanzliche  Aufhebung  der  vorläufigen  Aufnahme  aufzuheben  sei.  Dies rechtfertige sich umso mehr, als der Beschwerdeführer seit bald (…) 

E­404/2008 Jahren  in  der  Schweiz  lebe  und  sich  jeweils  im  Rahmen  seiner  Möglichkeiten nach Kräften um Arbeit bemüht habe. 5.  In  seiner Vernehmlassung vom 6. März 2008  führt  das Bundesamt aus,  dass immer noch die Bestimmungen des ANAG anwendbar seien, da das  Verfahren im vorliegenden Fall im Jahre 2007 angehoben worden sei. Das Kreisgericht  F._______  habe  in  seinem Urteil  festgestellt,  dass  die  geschützten  Rechtsgüter  Leib  und  Leben  durch  den  Angriff  des  Beschwerdeführers  arg  verletzt  worden  seien.  Es  habe  die  Tat  als  erheblich  bezeichnet,  zumal  der  Beschwerdeführer  eventualvorsätzlich  gehandelt  habe.  Beim  unkontrollierten  Angriff  auf  das  Opfer  habe  er  dessen Tod in Kauf genommen, auch wenn er ihn nicht direkt angestrebt  habe.  Nach  Auffassung  des  Bundesamtes  müsse  die  Tat  unter  diesen  Umständen  als  Verletzung  der  öffentlichen  Ordnung  im  Sinne  von  Art. 14a  Abs. 6  ANAG  gelten,  weshalb  die  Zumutbarkeit  des  Wegweisungsvollzuges nicht zu prüfen und damit auf die Vorbringen des  Beschwerdeführers  in  Bezug  auf  die  allgemeine  Sicherheitslage  in  Sri  Lanka nicht einzugehen sei. Was die Rückfallgefahr betreffe, so komme  dieser  gemäss Praxis  des Bundesgerichtes  nicht  vorrangige Bedeutung  zu  und  es  müsse  im  Zusammenhang  mit  Gewaltdelikten  selbst  ein  Restrisiko  nicht  hingenommen  werden.  Im  vorliegenden  Fall  bestehe  nicht  nur  ein  geringes  theoretisches  Restrisiko  einer  erneuten  Straftat.  Einerseits habe der Beschwerdeführer nach langem klaglosem Aufenthalt  erst vor kurzem ein schwerwiegendes Delikt begangen und anderseits sei  die resozialisierende Wirkung der Haftstrafe nicht eingetreten, da er diese  bisher  nicht  angetreten  habe.  Das  offenbar  korrekte  Verhalten  des  Beschwerdeführers  seit  der  kantonalen  Urteilsfällung  sei  zwar  gutzuheissen. Würde aber massgeblich  auf  die  seit  der Tat  verflossene  Zeit  abgestellt,  erschiene  die  Aufrechterhaltung  der  Anwesenheitsberechtigung  umso  wahrscheinlicher,  je  länger  die  ausgesprochene Strafe ausgefallen sei, was nicht Sinn und Zweck einer  Ausweisung entspreche. Der  Beschwerdeführer  habe  sich  nicht  in  die  schweizerischen  Verhältnisse  integrieren können und  in einem erheblichen Masse gegen  die öffentliche Ordnung  im Sinne von Art. 14a Abs. 6 ANAG verstossen,  weshalb  er  die  bei  einer  Rückkehr  allenfalls  auftretenden  sozialen  und  beruflichen  Reintegrationsschwierigkeiten  zu  tragen  habe.  Die  angeordnete  ambulante  suchttherapeutische  Behandlung  und  die  damit 

E­404/2008 verbundene Vermittlung von Fähigkeiten und Kenntnissen – welche zwar  primär  auf  eine  Berufstätigkeit  in  der  Schweiz  ausgerichtet  seien –  würden  dem  Beschwerdeführer  auch  bei  der  Wiedereingliederung  ins  Erwerbsleben  im  Heimatland  von  Nutzen  sein.  Damit  seien  keine  ausserordentlichen Gründe ersichtlich, welche den Wegweisungsvollzug  als unzulässig respektive unverhältnismässig erscheinen liessen. 6.  Mit Replik vom 4. April 2007 bestritt der Beschwerdeführer die anlässlich  der Vernehmlassung gemachten Ausführungen der Vorinstanz und wies  darauf  hin,  dass  sich  die  Lage  in  Sri  Lanka  bis  heute  nicht  verbessert,  sondern im Gegenteil gar verschlechtert habe. 7.  7.1. Die  Voraussetzungen  für  die  Aufhebung  der  vorläufigen  Aufnahme  werden seit dem 1. Januar 2008 in Art. 84 Abs. 2 AuG umschrieben. Vor  dem  1. Januar  2008  wurde  die  Aufhebung  der  vorläufigen  Aufnahme  durch Art. 14b Abs. 2 ANAG geregelt, welches Gesetz zeitgleich mit dem  Inkrafttreten des AuG aufgehoben wurde (vgl. Art. 125 AuG  i.V.m. Ziff. 1  Anhang  zum  AuG).  Gestützt  auf  Art. 126a  Abs. 4  AuG  (Übergangsbestimmung  zur  Änderung  vom  16. Dezember  2005  des  AsylG), welcher als  spezielle Regel der allgemeinen Regel  von Art. 126  Abs. 1  AuG  vorgeht  (vgl. dazu BVGE  2008/1),  kommt  vorliegend  neues  Recht und somit das AuG zur Anwendung.  7.2. Das BFM hebt die vorläufige Aufnahme auf und ordnet den Vollzug  der Weg­  oder  Ausweisung  an,  wenn  die  Voraussetzungen  nicht  mehr  gegeben  sind  (Art. 84  Abs. 2  AuG).  Die  Voraussetzungen  für  die  vorläufige  Aufnahme  sind  nicht  mehr  gegeben,  wenn  der  Vollzug  der  rechtskräftig  angeordneten  Wegweisung  zulässig  (Art. 83  Abs. 3  AuG)  und  es  der  ausländischen  Person  möglich  (Art. 83  Abs. 2  AuG)  und  zumutbar  (Art. 83  Abs. 4  AuG)  ist,  sich  rechtmässig  in  ihren  Heimat­,  Herkunftsstaat oder in einen Drittstaat zu begeben. Auf Antrag der kantonalen Behörden, von fedpol (Bundesamt für Polizei)  oder  des  NDB  (Nachrichtendienst  des  Bundes)  kann  das  BFM  die  vorläufige  Aufnahme  wegen  Unzumutbarkeit  oder  Unmöglichkeit  des  Vollzuges  aufheben  und  den  Vollzug  der Wegweisung  anordnen,  wenn  Gründe nach Art. 83 Abs. 7 AuG gegeben sind (Art. 84 Abs. 3 AuG). 

E­404/2008 7.3. Gründe nach Art. 83 Abs. 7 AuG sind unter anderem, wenn die weg­  oder ausgewiesene Person zu einer  längerfristigen Freiheitsstrafe  im In­  oder  Ausland  verurteilt  wurde  oder  wenn  gegen  sie  eine  strafrechtliche  Massnahme  im  Sinne  von  Art.  64  oder  61  des  Schweizerischen  Strafgesetzbuchs vom 21. Dezember 1937 (StGB, SR 311.0) angeordnet  wurde  (Bst. a),  sie  erheblich  oder  wiederholt  gegen  die  öffentliche  Sicherheit und Ordnung  in der Schweiz oder  im Ausland verstossen hat  oder  diese gefährdet  oder  die  innere  oder  äussere Sicherheit  gefährdet  (Bst. b). Diese  beiden Bestimmungen  stimmen  inhaltlich mit  Art. 62 Bst. b  und  c  AuG  überein,  welche  die  allgemeinen  Voraussetzungen  des  Widerrufs  von  Bewilligungen  oder  anderen  Verfügungen  nach  diesem  Gesetz  regeln. 7.4.  Dem  aktuellen  Strafregisterauszug  vom  11. August  2011  ist  als  einziger  Eintrag  das  Urteil  des  Kreisgerichts  F._______  vom  (…)  zu  entnehmen,  mit  welchem  der  Beschwerdeführer  wegen  versuchter  vorsätzlicher  Tötung  zu  drei  Jahren  Freiheitsstrafe,  davon  zwei  Jahre  bedingt vollziehbar, verurteilt wurde. 7.5. Das  Bundesgericht  hat  in  seiner  neueren  Praxis  (BGE  135  II  377)  den  Begriff  der  "längerfristigen  Freiheitsstrafe"  im  Sinne  von  Art. 62  Bst. b AuG  (welcher  –  wie  bereits  erwähnt  –  von  der  Formulierung  her  Art. 83  Abs. 7  Bst. a  AuG  entspricht)  dahingehend  konkretisiert,  dass  darunter  eine  Freiheitsstrafe  von mehr  als  einem  Jahr  zu  verstehen  ist  (a.a.O.  S.  379  f.,  mit  Hinweisen  auf  die  Literatur).  Nach  dieser  Praxis,  welche  das  Bundesverwaltungsgericht  auch  im  Bereich  seiner  endgültigen Entscheidkompetenz als massgeblich betrachtet, ist  im Falle  des  Beschwerdeführers  das  Kriterium  der  Verurteilung  zu  einer  längerfristigen Freiheitsstrafe somit erfüllt. Dies würde  im Übrigen selbst  dann  gelten, wenn  die Grenze,  oberhalb  derer  von  einer  längerfristigen  Freiheitsstrafe  zu  sprechen  ist,  im  Sinne  der  teilweise  etwas  relativierenden  Literatur  tendenziell  höher  anzusetzen  sein  sollte  (MARC  SPESCHA/  HANSPETER  THÜR/  ANDREAS  ZÜND  /PETER  BOLZLI,  Migrationsrecht,  2.  Aufl.,  Zürich  2009,  N.  6  zu  Art.  62,  S.148:  "deutlich  über einem Jahr"; vgl. auch SILVIA HUNZIKER  in: Martina Caroni/ Thomas  Gächter/  Daniela  Thurnherr,  Handkommentar  zum  Bundesgesetz  über  die Ausländerinnen und Ausländer, Art.  62 N. 24 ff.),  überschreitet  doch  die  Verurteilung  des  Beschwerdeführers  zu  einer  Freiheitsstrafe  von  36 Monaten diese Grenze deutlich.

E­404/2008 Weil  damit  bereits  der  Aufhebungsgrund  von  Art. 83  Abs. 7  Bst. a  AuG  greift, kann an dieser Stelle darauf verzichtet werden, noch näher auf die  Voraussetzungen des Aufhebungsgrundes von Art. 83 Abs. 7 Bst. b AuG  einzugehen, dessen Formulierung sich an diejenige des früheren Art. 14a  Abs. 6 ANAG anlehnt und auf welchen sich das BFM in seiner Verfügung  vom 20. Dezember 2007 stützte. 7.6.  Zu  prüfen  bleibt,  ob  die  Aufhebung  der  vorläufigen  Aufnahme  mit  dem Verhältnismässigkeitsprinzip  im Einklang steht. Dieses Prinzip  (das  einen  allgemeinen  Grundsatz  staatlichen  Handelns  bildet,  vgl.  Art. 5  Abs. 2  der  Bundesverfassung  der  Schweizerischen  Eidgenossenschaft  vom  18. April  1999  [BV,  SR 101])  wird  für  den  vorliegend  relevanten  Rechtsbereich  durch  Art. 96  Abs. 1  AuG  spezifisch  festgeschrieben,  wonach  die  zuständigen  Behörden  bei  der  Ermessensausübung  die  öffentlichen Interessen und die persönlichen Verhältnisse sowie den Grad  der  Integration  der  Ausländerinnen  und  Ausländer  zu  berücksichtigen  haben. 7.7.  In  diesem  Sinne  sind  bereits  die  früheren  Bestimmungen  Art. 10  Bst. a  und  Art. 14a  Abs. 6  ANAG,  welche  durch  die  vorstehend  in  Erwägung 7.3.  genannten  neuen  Bestimmungen  des  AuG  abgelöst  wurden, durch die massgebliche Rechtsprechung ausgelegt worden. So  hat die Praxis der Schweizerischen Asylrekurskommission (ARK) und des  Bundesverwaltungsgerichts  bei  der  Anwendung  von  Art. 14a  Abs. 6  ANAG  eine  Abwägung  zwischen  den  Interessen  des  Ausländers  auf  Verbleib  in  der  Schweiz  und  denjenigen  der  Schweiz  an  seiner  Wegweisung  vorausgesetzt  und  dabei  die  Interessen  des  Staates  am  Schutz  vor  Gefährdung  der  öffentlichen  Sicherheit  und  Ordnung  oder  deren schwerwiegender Verletzung eingeschränkt. Die Ausschlussklausel  von Art. 14a Abs. 6 ANAG sei mit Zurückhaltung und insbesondere unter  Beachtung des Verhältnismässigkeitsprinzips anzuwenden (vgl. im Sinne  von  Beispielen  BVGE  2007/32  E. 3.2  S. 386,  Entscheidungen  und  Mitteilungen  der Schweizerischen Asylrekurskommission  [EMARK]  2006  Nr. 30  E. 6  S. 325  ff.  und  EMARK  2006  Nr. 23  E. 8.3  S. 347  ff.).  Auch  nach  der  Rechtsprechung  des  Bundesgerichts  zu  Art. 62  f.  AuG  –  in  Fortführung  der  Praxis  zur  Ausweisung  nach  dem  vormaligen  Art. 10  Bst. b  ANAG  –  wird  für  die  Anwendung  dieser  Bestimmung  eine  Interessenabwägung  und  damit  eine  Verhältnismässigkeitsprüfung  vorausgesetzt. Dabei sind namentlich die Schwere des Verschuldens, der  Grad  der  Integration  beziehungsweise  die  Dauer  der  bisherigen  Anwesenheit  in  der  Schweiz  sowie  die  dem  Betroffenen  und  seiner 

E­404/2008 Familie drohenden Nachteile zu berücksichtigen (BGE 135 II 377 E. 4.3).  Daraus  ergibt  sich,  dass  bei  der  Beurteilung  der  Verhältnismässigkeit  nicht von einer schematischen Betrachtungsweise auszugehen, sondern  auf die gesamten Umstände des Einzelfalles abzustellen ist.  8.  8.1.  Die  in  der  Beschwerde  vertretene  Auffassung,  der  Verurteilung  wegen  versuchter  vorsätzlicher  Tötung  könne  nicht  das  Gewicht  beigemessen werden, wie es die Vorinstanz  tue, wird vom Gericht nicht  geteilt.  Auch  wenn  eine  Verurteilung  zu  drei  Jahren  Freiheitsstrafe  bei  einem  unbedingten  Vollzug  von  einem  Jahr  im  Vergleich  zu  anderen  Fällen  in  diesem  Deliktsbereich  eher  tief  erscheinen  mag,  ändert  dies  nichts  an  der  Tatsache,  dass  der  Beschwerdeführer mit  seiner  Tat  das  höchste  Rechtsgut,  nämlich  Leib  und  Leben,  in  gravierender  Weise  verletzt  hat.  So  zeigt  denn  auch  der  abstrakte  Strafrahmen  bei  einer  vorsätzlichen  Tötung,  welcher  Freiheitsstrafe  nicht  unter  fünf  Jahren  beträgt,  deutlich  auf,  dass  das  Verschulden  bei  diesem  Delikt  grundsätzlich  als  schwer  einzustufen  ist.  Strafmildernd  und  damit  zu  Gunsten  des  Beschwerdeführers  würdigte  das  Strafgericht  im  vorliegenden  Fall  aber  den  Umstand,  dass  der  Erfolg  nicht  eingetreten  und es damit  beim Versuch geblieben war,  und weiter  die Feststellung,  dass  der  Beschwerdeführer  bei  der  Tatbegehung  aufgrund  seiner  (…)  gemäss  eingeholtem  psychiatrischem  Gutachten  vermindert  zurechnungsfähig  gewesen  sei.  Insgesamt,  das  heisst  unter  Berücksichtigung  aller  Tat­  und  Täterkomponenten,  wurde  das  Verschulden  des  Beschwerdeführers  vom  Strafgericht  jedoch  als  erheblich eingestuft.  8.2.  Aufgrund  des  Zusammenhanges  zwischen  der  Straftat  und  der  Intoxikation mit (…) erachtete das Gericht eine ambulante Suchttherapie  im Sinne  einer  (…)behandlung während  und  nach  dem Strafvollzug  als  angebracht  und  sinnvoll.  Allerdings  wurde  diese  infolge  Therapieunwilligkeit  des  Beschwerdeführers  am  (…)  von  der  Abteilung  Straf­  und  Massnahmenvollzug  E._______  aufgehoben.  Bei  dieser  Ausgangslage  und  der  vom  Beschwerdeführer  anlässlich  des  Strafverfahrens an den Tag gelegten fehlenden Einsicht und Reue, kann  auch  ein  Rückfall  –  insbesondere  wenn  (…)  im  Spiel  ist  –  selbst  für  vergleichbar  schwere  Deliktstatbestände  nicht  ausgeschlossen  werden,  wobei  anzumerken  bleibt,  dass  bei  der  Prüfung  der  Aufhebung  einer  vorläufigen  Aufnahme  selbst  einer  günstigen  Prognose  und  einem 

E­404/2008 Wohlverhalten  nach  der  Tat  keine  vorrangige  Bedeutung  zukommt  (vgl. BVGE 2007/32 E. 3.7.3 S. 391). 8.3.  Nach  dem  Gesagten  besteht  somit  ein  erhebliches  öffentliches  Interesse am Vollzug der Wegweisung des Beschwerdeführers. 9.  Diesem  gilt  es  nun  das  private  Interesse  des  Beschwerdeführers  an  einem weiteren Verbleib in der Schweiz gegenüber zu stellen. 9.1.  Im  vorliegenden  Fall  fällt  zunächst  ins  Gewicht,  dass  sich  der  Beschwerdeführer  seit  nunmehr  (…)  Jahren  in  der  Schweiz  aufhält.  Obwohl  dies  zweifellos  eine  lange  Aufenthaltsdauer  darstellt,  muss  jedoch  festgestellt werden, dass beim Beschwerdeführer nicht von einer  fortgeschrittenen  Integration  gesprochen  werden  kann.  So  konnte  er  in  wirtschaftlicher Hinsicht nie richtig Fuss fassen, wies bereits im Jahre (…)  Schulden  in  der  Höhe  von  rund  Fr. (…)  aus  (Schuldner­ Verlustscheinsübersicht vom […]) und geht auch gemäss Datenbank des  "Zentralen Migrationsinformationssystems" des BFM (ZEMIS) seit (…) bis  heute – mit Ausnahme eines Monates  im Jahre (…) – keiner geregelten  Arbeit nach. Weiter ist dem Strafurteil vom (…) zu entnehmen, dass sich  der  Beschwerdeführer  nicht  in  einem  stabilen  sozialen  Umfeld  bewege  und ausser  in kirchlichen Kreisen keine Bezugspersonen in der Schweiz  habe. Darüber,  wie  sich  der  Beschwerdeführer  in  der  Zwischenzeit  entwickelt  hat  und  wie  seine  jetzige  persönliche  Situation  aussieht,  können  an  dieser Stelle keine Angaben gemacht werden, da er der Aufforderung des  Instruktionsrichters,  bis  zum  1. Juli  2011  einen  entsprechenden  Bericht  einzureichen, nicht nachkam. 9.2.  Schliesslich  sind  die  persönlichen  Nachteile,  die  der  Beschwerdeführer  als  Folge  der  Wegweisung  nach  Sri  Lanka  zu  gewärtigen hat, nicht als derart schwerwiegend zu bezeichnen, dass sie  gemessen  am  öffentlichen  Interesse  am  Vollzug  der  Wegweisung  als  übermässig erscheinen würden. Wie vom Bundesamt mit Verfügung vom  3. März  1997  rechtskräftig  festgestellt,  erfüllt  der  Beschwerdeführer  die  Flüchtlingseigenschaft  nicht,  weshalb  ihm  bei  einer  Rückkehr  keine  Verfolgung  droht. Weiter  ergeben  sich  aus  den Akten  des  vorliegenden  Aufhebungsverfahrens  auch  keine  Anhaltspunkte  dafür,  dass  der  Beschwerdeführer  bei  einem  Wegweisungsvollzug  in  sein  Heimatland 

E­404/2008 einer  nach  Art. 3  EMRK  oder  Art. 3  FoK  verbotenen  Strafe  oder  Behandlung  ausgesetzt  sein  könnte,  weshalb  ein  Wegweisungsvollzug  auch unter diesem Aspekt zulässig ist respektive bleibt. Zur Vermeidung  von  Wiederholungen  kann  diesbezüglich  auf  die  zutreffenden  Erwägungen in der angefochtenen Verfügung verwiesen werden. 9.3. Nachdem  die  Ehe  des  Beschwerdeführers  mit  D._______  am  (…)  geschieden  wurde,  führt  ein  Wegweisungsvollzug  auch  zu  keiner  Trennung  von  nächsten  Familienangehörigen  in  der  Schweiz.  Da  der  Beschwerdeführer seine Kindheit und auch die prägenden Jugendjahre in  seiner  Heimat  verbracht  hat  und  –  wie  oben  ausgeführt  –  keine  nennenswerte  Verwurzelung  mit  der  Schweiz  stattfand,  sind  die  ihm  durch  einen  Wegweisungsvollzug  drohenden  persönlichen  Nachteile  insgesamt jedenfalls nicht als gravierend einzustufen.  10.  10.1. In Würdigung der unter den Erwägungen 8 und 9 genannten, für die  vorzunehmende  Interessenabwägung  relevanten  Aspekte  gelangt  das  Gericht  zum  Schluss,  dass  das  öffentliche  Interesse  am  Vollzug  der  Wegweisung  im  vorliegenden  Fall  das  private  Interesse  des  Beschwerdeführers an einem weiteren Verbleib in der Schweiz überwiegt  und die Aufhebung der wegen Unmöglichkeit  respektive Unzumutbarkeit  verfügten  vorläufigen  Aufnahme  aufgrund  des  begangenen  schweren  Delikts des Beschwerdeführers verhältnismässig ist. 10.2.  Was  die  in  der  Beschwerde  und  der  Replik  gemachten  Ausführungen zur allgemeinen Lage  in Sri Lanka betrifft,  so beschlagen  diese  praxisgemäss  die  Frage  der  Zumutbarkeit  des  Wegweisungsvollzuges,  was  aber  aufgrund  der  in  casu  greifenden  Ausnahmeklausel  von  Art. 83  Abs. 7  AuG  nicht  Prüfungsgegenstand  bildet. 11.  Aus den obigen Erwägungen ergibt  sich,  dass die  durch die Vorinstanz  angeordnete Aufhebung der vorläufigen Aufnahme zu bestätigen ist. Die  angefochtene  Verfügung  verletzt  somit  Bundesrecht  nicht,  stellt  den  rechtserheblichen  Sachverhalt  richtig  und  vollständig  fest  und  ist  angemessen. Die Beschwerde ist nach dem Gesagten abzuweisen. 12.  Bei  diesem  Ausgang  des  Verfahrens  wären  die  Kosten  in  Höhe  von 

E­404/2008 Fr. 600.–  dem  Beschwerdeführer  aufzuerlegen  (Art. 63  Abs. 1  und  5  VwVG).  Da  das  Gesuch  des  Beschwerdeführers  um  Gewährung  der  unentgeltlichen  Rechtspflege  mit  Zwischenverfügung  vom  6. Februar  2008  gutgeheissen  wurde,  sind  ihm  jedoch  keine  Verfahrenskosten  aufzuerlegen. (Dispositiv nächste Seite)

E­404/2008 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1.  Die Beschwerde wird abgewiesen. 2.  Es werden keine Verfahrenskosten auferlegt. 3.  Dieses  Urteil  geht  an  den  Beschwerdeführer,  das  BFM  und  (…)  des  Kantons E._______. Der vorsitzende Richter: Die Gerichtsschreiberin: Bruno Huber Carmen Wittwer Versand:

E-404/2008 — Bundesverwaltungsgericht 09.09.2011 E-404/2008 — Swissrulings