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Bundesverwaltungsgericht 30.11.2011 E-315/2007

30. November 2011·Deutsch·CH·CH_BVGE·PDF·5,732 Wörter·~29 min·2

Zusammenfassung

Asyl und Wegweisung | Asyl und Wegweisung; Verfügung des BFM vom 13. Dezember 2006

Volltext

Urteil   v om   3 0 .   No v embe r   2011 Besetzung Richterin Christa Luterbacher (Vorsitz), Richterin Nina Spälti Giannakitsas, Richter Stöckli,  Gerichtsschreiberin Gabriela Oeler. Parteien A._______, geboren am (…), dessen Kinder  B._______, geboren am (…), mit (…) C._______, geboren am (…), D._______, geboren am (…), E._______, geboren am (…), F._______, geboren am (…), G._______, geboren am (…), H._______, geboren am (…), alle Türkei,  vertreten durch Antigone Schobinger, Rechtsanwältin, (…),  Beschwerdeführende,  gegen Bundesamt für Migration (BFM), Quellenweg 6, 3003 Bern,    Vorinstanz.  Gegenstand Asyl und Wegweisung; Verfügung des BFM vom 13.  Dezember 2006 / N (…). Bundesve rwa l t ungsge r i ch t T r i buna l   adm in istratif   f édé ra l T r i buna l e   ammin istrati vo   f ede ra l e T r i buna l   adm in istrativ   f ede ra l     Abteilung V E­315/2007

E­315/2007 Sachverhalt: A.  Der Beschwerdeführer, ein Kurde aus I._______ mit letztem langjährigem  Wohnsitz  in  Istanbul,  verliess  sein  Heimatland  zusammen  mit  seinen  sechs Kindern am 6. November 2006 und reiste am 10. November 2006  in die Schweiz ein, wo die Familie noch gleichentags  im Empfangs­ und  Verfahrenszentrum (EVZ) Basel um Asyl nachsuchte. Am 14. November  2006 wurden der Beschwerdeführer und die zwei ältesten Kinder dort zur  Ausreise  befragt.  Der  Beschwerdeführer  gab  dabei  zu  Protokoll,  sein  Bruder J._______ sei im Jahre 2001 nach neun Jahren Haft wegen PKK­ Zugehörigkeit  aus  dem Gefängnis  entlassen worden.  Sein  Bruder  habe  nach der Entlassung in den Folgemonaten teilweise bei ihm gewohnt und  die  Adresse  des  Beschwerdeführers  als  Wohnsitz  angegeben.  Dem  Bruder sei eine Frist gesetzt worden, sich für den Militärdienst zu melden.  Nach  zwei Monaten  sei  er  untergetaucht. Nach  dem Weggang  habe  er  von  seinem Bruder  nie mehr  etwas  gehört.  Seinetwegen  sei  er  danach  seit  2001  immer  wieder  von  den  Behörden  belästigt  worden.  Die  Behörden  seien  in  Abständen  von  15  bis  30  Tagen  beziehungsweise  mindestens  zehnmal  gekommen  und  hätten  nach  dem  Verbleib  des  Bruders  gefragt,  so  letztmals  am  21.  Oktober  2006.  Sie  hätten  ihm  gedroht,  dass  er  die  Konsequenzen  zu  spüren  bekomme  beziehungsweise,  dass  er  umgebracht werde, wenn  er  J._______  nicht  finde.  Er  habe  jedoch  nicht  gewusst,  wo  sich  sein  Bruder  aufhalte.  Die  Behörden  hätten  ihm  vorgehalten,  dass  er  seinem  Bruder  zur  Flucht  verholfen hätte. Zweimal sei er während je einer Stunde auf dem Posten  nach  dem  Bruder  befragt  worden.  Er  habe  sich  zu  Hause  nicht  mehr  sicher  gefühlt  und  sei  deswegen  oft  nicht mehr  nach Hause  gegangen.  Nachdem seine Ehefrau im (…) verstorben sei, habe er beschlossen, ins  Ausland zu gehen. Er habe befürchtet, dass  ihm etwas angetan werden  könnte  und  die  Kinder  dann  ganz  alleine  wären.  Die  Kinder  hätten  übrigens  keine  Probleme  gehabt.  Nach  eigener  politische  Aktivität  gefragt,  gab  der  Beschwerdeführer  an,  er  sei  Mitglied  der  Halkin  Demokrati Partisi (HADEP; Partei der Demokratie des Volkes) gewesen.  Deswegen  habe  er  jedoch  keine  Probleme  gehabt.  Zum  Beweis  der  HADEP­Zugehörigkeit  reichte  der  Beschwerdeführer  einen  Mitgliederausweis zu den Akten. Die Tochter B._______ gab zu Protokoll, sie habe die Schule nach dem  ersten  Schuljahr  im  Jahre  (…)  wieder  verlassen.  Die  Mitschüler  hätten  sich  über  ihre  kurdische  Herkunft  und  über  ihren  Vater  lustig  gemacht. 

E­315/2007 Zudem  sei  sie  von  Polizisten  vor  dem  Schulhaus  nach  ihrem  Vater  gefragt  worden.  Sie  hätten  wissen  wollen,  warum  dieser  nicht  nach  Hause komme und wo er sich aufhalte. Auf Vorhalt,  dass die Probleme  des  Vaters  laut  dessen  Angaben  erst  im  Jahre  2001  begonnen  hätten,  führte B._______ an, sie sei damals wegen des Onkels befragt worden.  Nach  den  Ausreisegründen  gefragt,  gab  sie  an,  sie  sei  wegen  ihres  Vaters  ausgereist.  Dieser  sei  von  den  Behörden  gesucht  worden.  Manchmal  seien  sie  gar  nachts  nach  Hause  gekommen.  Sie  vermöge  sich, obwohl sie damals erst [im Kindesalter] gewesen sei, noch an einen  solchen nächtlichen Besuch am 11. Dezember 1992 erinnern. Damals sei  um  2  Uhr  nachts  eine  Razzia  durchgeführt  worden.  Ihr  Vater  sei  mitgenommen  und  die  Mutter  dermassen  geohrfeigt  worden,  dass  sie  innere Blutungen erlitten habe. Vom Vater hätten sie damals während 15  Tagen  nichts  mehr  gehört.  Nach  den  Problemen  wegen  des  Onkels  gefragt,  gab  B._______  an,  ihr  Onkel  habe  sich  gerade  der  Partei  anschliessen  wollen,  als  man  ihn  verhaftet  habe.  Er  sei  dann  während  neun Monaten inhaftiert worden. Wann dies gewesen sei, wisse sie nicht  mehr,  auch  nicht  ungefähr.  In  letzter  Zeit  habe  der  Vater  Probleme  gehabt,  weil  der  Onkel  die  Adresse  der  Beschwerdeführenden  als  Wohnsitzadresse  angegeben  habe.  Den  Onkel  habe  sie  übrigens  kurz  vor der Ausreise letztmals gesehen. Die Tochter D._______ gab anlässlich der Befragung  im EVZ Basel an,  sie habe selbst keine Probleme gehabt, sondern sei wegen ihres Vaters  in die Schweiz gekommen. Sie habe in Istanbul während vier Jahren bis  ins Alter  von  12  oder  13  Jahren  die Schule  besucht,  dann  habe  sie  zu  Hause zu den Geschwistern geschaut. Nach den Problemen des Vaters  gefragt,  gab  D._______  an,  dieser  habe  wegen  seines  Bruders  Schwierigkeiten gehabt. Der Bruder habe nämlich ihre Adresse als seinen  Wohnsitz  angegeben. Dann  sei  er  verschwunden. Die Behörden  hätten  deswegen  den  Vater  unter  Druck  gesetzt  und  aufgefordert,  den  Bruder  ausfindig zu machen.  Im Jahre 1992 sei er einmal  für 15 Tage verhaftet  worden.  Damals  sei  auch  der  Onkel  verhaftet  worden.  Vor  zirka  zwei  Jahren sei der Onkel aus der Haft entlassen worden. Damals habe sie ihn  letztmals  gesehen. Der  letzte  Besuch  der  Behörden  zu Hause  habe  im  letzten Monat stattgefunden.  B.  Am 28. November 2006 wurde der Beschwerdeführer nach Art. 29 Abs. 4  AsylG vom BFM einlässlich zu seinen Ausreisegründen angehört. Dabei  gab  er  im  Wesentlichen  Folgendes  zu  Protokoll:  Er  sei  wegen  seines 

E­315/2007 Bruders J._______ fast täglich unter Druck gesetzt worden. Dieser sei im  Jahre 1994 verhaftet  und  im Jahr 2003 wieder entlassen worden. Nach  der  Entlassung  habe  er  den  Bruder  J._______  nur  gerade  zweimal  gesehen,  als  dieser  für  eine  Stunde  beziehungsweise  eine  Nacht  zu  ihnen  nach Hause  gekommen  sei. Nach  2005  habe  er  J._______  nicht  mehr  gesehen.  Seit  eineinhalb  bis  zwei  Jahren  sei  er  jeweils  von  den  Behörden  in  Abständen  von  zwei  bis  vier  Wochen  nach  J._______  gefragt worden. Er habe diesen jeweils gesagt, dass er nichts wisse und  vom Bruder keine Nachrichten hätte. Ob jemand von der Familie von ihm  gehört habe, wisse er nicht, er habe nie nachgefragt. Die Polizei habe ihn  jeweils mit auf den Posten genommen,  in den  letzten Jahren  insgesamt  zehnmal. Das letzte Mal sei ihm gar mit dem Tod gedroht worden, sollte  er seinen Bruder nicht ausliefern. Er sei jeweils nur alle 10 bis 20 Tage –  meistens  nachts  um  ein  oder  zwei  Uhr  –  nach  Hause  zurückgekehrt,  ansonsten habe er  bei Freunden und Schwestern gelebt. Des Weiteren  führte  der   Beschwerdeführer  aus,  er  sei  im Jahre 1994  zusammen mit  J._______  festgenommen  und  während  sechs  Tagen  "mit  verschlossenen  Augen"  festgehalten  worden.  Seither  sei  er  wegen  J._______  bedrängt  worden.  Seine  Ehefrau  betreffend  gab  der  Beschwerdeführer  zu Protokoll,  diese  sei  im  Jahr  2004  anlässlich  einer  Newroz­Feier  mit  einem  Stock  auf  den  Kopf  geschlagen  worden.  Sie  habe sich danach nie mehr richtig erholt. Die Ärzte hätten gesagt, durch  den Schlag  seien Blutbahnen  im Gehirn  zerstört  worden. Daran  sei  sie  schliesslich auch gestorben. Der  Beschwerdeführer  reichte  zur  Untermauerung  seiner  Vorbringen  nachfolgende  Unterlagen  ein:  einen  Einstellungsbeschluss  aus  dem  Jahre  1994,  ein  polizeiliches  Einvernahmeprotokoll  vom  25.  Dezember  1994,  ein  Festnahme­Protokoll  vom  23.  Dezember  1994  den  Bruder  J._______ betreffend, ein Hausdurchsuchungs­ und Festnahmeprotokoll  vom  24.  Dezember  1994,  ein  unvollständiges  Urteil  des  3.  Devlet  Güvenlik  Mahkemesi  (DGM)  Istanbul  aus  dem  Jahre  1997  den  Bruder  J._______ betreffend, sowie ein Schreiben von Rechtsanwalt K._______  vom 22. November 2011, das – den Beschwerdeführer betreffend – auf  die Ereignisse von 1994 Bezug nimmt. Am 5. Dezember 2006 wurde die Tochter B._______ vom BFM zu ihren  Ausreisegründen angehört. Dabei gab sie zu Protokoll,  ihr Vater sei seit  der Verhaftung des Onkels nur noch ab und zu beziehungsweise alle 1­3  Wochen nach Hause gekommen. Wenn er  nach Hause gekommen sei,  sei er jeweils gleich mitgenommen worden. Manchmal sei er für 15 Tage 

E­315/2007 festgehalten  worden.  Ihr  Haus  sei  beschattet  worden,  die  Behörden  hätten  sehr  genau  gewusst,  wer  ein­  und  ausgehe.  Nach  dem  Grund  gefragt, weshalb die Familie vor diesem Hintergrund nicht bereits vorher  ausgereist sei, gab B._______ an, die Mutter sei wegen einer bei einem  Newroz­Fest  erlittenen  Verletzung  fast  ein  Jahr  im  Bett  gelegen.  Ausserdem  hätten  sie  finanzielle  Schwierigkeiten  gehabt,  da  ihr  Vater  keine Arbeit gefunden habe. Weiter bestätigte B._______  ihre  frühere Aussage, dass sie  ihren Onkel  J._______ zwei bis drei Tage vor der Ausreise gesehen habe. Weder ihr  Vater  noch  die  Schwester  D._______  seien  damals  aber  anwesend  gewesen.  J._______  sei  übrigens  immer  dann  gekommen,  wenn  der  Vater nicht zu Hause gewesen sei. Einmal sei J._______ nach dem Tod  der  Mutter  gekommen,  um  sein  Beileid  auszudrücken.  Kurz  vor  der  Abreise  sei  er,  wie  erwähnt,  nochmals  gekommen,  um  sich  zu  verabschieden.  Die  Polizei  sei  letztmals  drei  oder  vier  Tage  nach  dem  Tod der Mutter gekommen und habe nach dem Vater gefragt.  Ihr Vater  habe an der Begräbnisfeier der Mutter nicht teilgenommen. Sie sei nach  dem  Tod  der  Mutter  auf  sich  selbst  gestellt  gewesen,  zumal  der  Vater  nicht  nach Hause  gekommen  sei.  Sie  habe  auf  einmal  zu  fünf  Kindern  schauen  müssen.  Dem  kleinsten  Geschwister  hätten  sie  den  Tod  der  Mutter erst 40 Tage später bekannt gegeben. Sie habe sich entsprechend  psychisch schlecht gefühlt und es gehe ihr immer noch nicht gut. Um sich  zu  ernähren,  hätten  sie  Schulden  gemacht.  Der  Vater  habe  ihnen  gelegentlich  Geld  gebracht,  wenn  er  nach  Hause  gekommen  sei.  B._______  verneinte  schliesslich,  Vorsichtsmassnahmen  getroffen  zu  haben,  wenn  der  Vater  nach  Hause  gekommen  sei.  Auf  Vorhalt  der  Aussage des Vaters hin gab sie an, sie sei jeweils schnell zum nächsten  Laden gegangen, um zu schauen, ob jemand dort sei. Auch hätten sie die  Nachbarn gebeten, die Augen offen zu halten. Die  Tochter  D._______  führte  anlässlich  der  direkten  Bundesanhörung  am 5. Dezember 2006 im Wesentlichen Folgendes aus: Sie habe jeweils  grosse  Angst  vor  der  Polizei  gehabt,  da  diese  sie  bei  den  Besuchen  eingeschüchtert  und  ihnen  gesagt  habe,  entweder  der  Vater  oder  der  Onkel müsse sich stellen. Die Behörden seien etwa zwei Monate vor der  Ausreise ein letztes Mal gekommen. C.  Mit Verfügung vom 13. Dezember 2006, eröffnet gleichentags, lehnte das  BFM  das  Asylgesuch  der  Beschwerdeführenden  ab  und  ordnete  deren 

E­315/2007 Wegweisung aus der Schweiz samt Vollzug an. Zur Begründung führte es  an, die Vorbringen vermöchten den Anforderungen an die Glaubhaftigkeit  gemäss Art. 7 des Asylgesetzes vom 26. Juni 1998  (AsylG, SR 142.31)  nicht  standzuhalten.  Den  Wegweisungsvollzug  erachtete  das  BFM  als  zumutbar, zulässig und möglich.  D.  Mit Eingabe vom 12.  Januar 2007 ans Bundesverwaltungsgericht  erhob  die Rechtsvertreterin Beschwerde gegen die Verfügung des BFM vom 13.  Dezember  2006  und  beantragte  die  Aufhebung  der  Verfügung  und  die  Feststellung  der  Flüchtlingseigenschaft  des  Vaters  sowie  den  Einbezug  der Kinder  in dessen Flüchtlingseigenschaft. Den Beschwerdeführenden  sei in der Schweiz Asyl zu gewähren. Eventualiter sei das Verfahren zur  ergänzenden  Sachverhaltsabklärung  und  Neubeurteilung  an  die  Vorinstanz  zurückzuweisen.  Subeventualiter  seien  die  Unzumutbarkeit,  die  Unzulässigkeit  und  die  Unmöglichkeit  des  Wegweisungsvollzugs  festzustellen  und  die  Beschwerdeführenden  seien  in  der  Schweiz  vorläufig  aufzunehmen.  Den  Beschwerdeführenden  sei  vollständige  Akteneinsicht  zu  gewähren  und  es  sei  ihnen  eine  angemessene  Frist  einzuräumen, um zu den bisher nicht edierten Akten Stellung nehmen zu  können.  Den  Beschwerdeführenden  sei  die  unentgeltliche  Rechtspflege  zu  gewähren  und  es  sei  ihnen  in  der  Person  der  unterzeichneten  Rechtsanwältin ein unentgeltlicher Rechtsbeistand zu bestellen. Auf den  Inhalt  der  Eingabe  samt  Beweismittel  wird  in  den  nachstehenden  Erwägungen eingegangen. E.  Mit  Zwischenverfügung  der  zuständigen  Instruktionsrichterin  des  Bundesverwaltungsgerichts  vom  6.  Februar  2007  teilte  diese  den  Beschwerdeführenden  mit,  dass  auf  die  Erhebung  eines  Kostenvorschusses  verzichtet  und  ihnen  in  der  Person  der  im  Rubrum  erwähnten  Rechtsanwältin  ein  amtlicher  Rechtsbeistand  beigeordnet  werde.  Weiter  entsprach  die  Instruktionsrichterin  dem  Gesuch  um  ergänzende  Akteneinsicht  in  bisher  nicht  edierte  Akten.  Sodann  wurde  den  Beschwerdeführenden  Frist  eingeräumt,  um  zu  den  nachträglich  edierten Akten Stellung nehmen zu können.  F.  Mit  Eingabe  vom  7.  März  2007  nahm  die  Rechtsvertreterin  zu  den  nachträglich edierten Akten Stellung. Zur  vom BFM  in seiner Verfügung  monierten  Unvollständigkeit  zweier  gerichtlicher  Beweismittel  führte  sie 

E­315/2007 aus,  dem  Beschwerdeführer  sei  dieser  Umstand  aufgrund  seines  Analphabetismus nicht bewusst gewesen. Aufgrund der bisherigen Akten  sei jedoch nicht daran zu zweifeln, dass ein Verfahren gegen den Bruder  geführt  worden  und  dieser  während  Jahren  in  Untersuchungshaft  gewesen  sei.  Die  Rechtsvertreterin  stellte  in  Aussicht,  dass  sie  den  fehlenden  Teil  der  Beweismittel  noch  nachreichen  werde.  Die  Rechtsvertreterin wies sodann darauf hin, dass die Nachfolgeparteien der  HADEP heute ebenfalls mit Repressionen konfrontiert sei.  G.  Am  (…)  gebar  die  Tochter  B._______  in  der  Schweiz  den  Sohn  C._______. H.  Mit  Urteil  des  Berzirksgerichts  (...)  vom  7.  Februar  2011  wurde  festgestellt, dass L._______, geboren (…),  irakischer Staatsangehöriger,  der Vater von C._______ ist. I.  In seiner Vernehmlassung vom 28. Februar 2011 beantragte das BFM die  Abweisung der Beschwerde. Auf den  Inhalt der Vernehmlassung wird  in  den nachfolgenden Erwägungen eingegangen.  J.  Mit  Eingabe  vom  2.  August  2011  nahm  die  Rechtsvertreterin  innert  mehrmals erstreckter Frist  fristgerecht Stellung zur Vernehmlassung der  Vorinstanz.  Sie  machte  dabei  insbesondere  ein  exilpolitisches  Engagement  diverser  Familienangehöriger  in  der  Schweiz  sowie  eine  fortgeschrittene  Integration  der  Familie  geltend.  Auf  den  Inhalt  der  Eingabe  wird  in  den  Erwägungen  eingegangen.  Der  Eingabe  lag  eine  detaillierte Kostennote bei. K.  Die  Rechtsvertreterin  informierte  das  Bundesverwaltungsgericht  am  8.  September  2011  telefonisch,  dass B._______  in Kürze  ihr  zweites Kind  gebären  werde,  und  sich  D._______  und  F._______  gegenwärtig  auf  Lehrstellensuche  befinden  würden.  Sie  stellte  das  Einreichen  eines  ärztlichen  Zeugnisses  die  anstehende Geburt  betreffend  sowie  diverser  Unterlagen zur Integration in Aussicht. L.  Mit Eingabe vom 4. November 2011  reichte die Rechtsvertreterin  die  in 

E­315/2007 Aussicht  gestellten  Unterlagen  zu  den  Akten.  Auf  deren  Inhalt  wird  ­  soweit für den Entscheid wesentlich ­ in den nachstehenden Erwägungen  zum Vollzugspunkt eingegangen. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1.  1.1. Gemäss Art. 31 des Verwaltungsgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005  (VGG, SR 173.32) beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Beschwerden  gegen Verfügungen nach Art. 5 des Bundesgesetzes vom 20. Dezember  1968  über  das  Verwaltungsverfahren  (VwVG,  SR 172.021).  Das  BFM  gehört zu den Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz  des  Bundesverwaltungsgerichts.  Eine  das  Sachgebiet  betreffende  Ausnahme  im  Sinne  von  Art. 32  VGG  liegt  nicht  vor.  Das  Bundesverwaltungsgericht  ist  daher  zuständig  für  die  Beurteilung  der  vorliegenden  Beschwerde  und  entscheidet  auf  dem  Gebiet  des  Asyls  endgültig,  ausser  bei  Vorliegen  eines  Auslieferungsersuchens  des  Staates,  vor  welchem  die  beschwerdeführende  Person  Schutz  sucht  (Art. 105  AsylG;  Art. 83  Bst. d  Ziff. 1  des  Bundesgerichtsgesetzes  vom  17. Juni 2005 [BGG, SR 173.110]). Ein Auslieferungsersuchen betreffend  die Beschwerdeführenden liegt nicht vor. 1.2. Das Verfahren  richtet  sich  nach  dem VwVG,  soweit  das  VGG  und  das AsylG nichts anderes bestimmen (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG). 1.3.  Die  Beschwerde  ist  frist­  und  formgerecht  eingereicht.  Die  Beschwerdeführenden  haben  am  Verfahren  vor  der  Vorinstanz  teilgenommen, sind durch die angefochtene Verfügung besonders berührt  und  haben  ein  schutzwürdiges  Interesse  an  deren  Aufhebung  beziehungsweise  Änderung;  sie  sind  daher  zur  Einreichung  der  Beschwerde legitimiert (Art. 105 AsylG, Art. 48 Abs. 1, Art. 50 und Art. 52  VwVG). Auf die Beschwerde ist einzutreten. 2.  Mit  Beschwerde  kann  die  Verletzung  von  Bundesrecht,  die  unrichtige  oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts und  die Unangemessenheit gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG). 3.  3.1.  Gemäss  Art. 2  Abs. 1  AsylG  gewährt  die  Schweiz  Flüchtlingen  grundsätzlich  Asyl.  Flüchtlinge  sind  Personen,  die  in  ihrem Heimatstaat 

E­315/2007 oder  im Land,  in dem sie zuletzt wohnten, wegen  ihrer Rasse, Religion,  Nationalität,  Zugehörigkeit  zu  einer  bestimmten  sozialen  Gruppe  oder  wegen ihrer politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt  sind  oder  begründete  Furcht  haben,  solchen  Nachteilen  ausgesetzt  zu  werden. Als  ernsthafte Nachteile  gelten  namentlich  die Gefährdung  des  Leibes,  des  Lebens  oder  der  Freiheit  sowie  Massnahmen,  die  einen  unerträglichen  psychischen  Druck  bewirken.  Den  frauenspezifischen  Fluchtgründen ist Rechnung zu tragen (Art. 3 AsylG). 3.2.  Wer  um  Asyl  nachsucht,  muss  die  Flüchtlingseigenschaft  nachweisen  oder  zumindest  glaubhaft  machen.  Diese  ist  glaubhaft  gemacht,  wenn  die  Behörde  ihr  Vorhandensein  mit  überwiegender  Wahrscheinlichkeit  für  gegeben  hält.  Unglaubhaft  sind  insbesondere  Vorbringen, die in wesentlichen Punkten zu wenig begründet oder in sich  widersprüchlich sind, den Tatsachen nicht entsprechen oder massgeblich  auf  gefälschte  oder  verfälschte  Beweismittel  abgestützt  werden  (Art. 7  AsylG). 4.  4.1. Die Vorinstanz lehnte das Asylgesuch der Beschwerdeführenden mit  der  Begründung  ab,  dass  die  geltend  gemachten  Asylgründe  nicht  glaubhaft im Sinne von Art. 7 AsylG gemacht worden seien. So führte das  BFM  an,  die  Aussage  des  Beschwerdeführers,  er  sei  seines  Bruders  J._______ wegen behelligt worden, weil dieser nach der Entlassung aus  der  Haft  die  Adresse  der  Beschwerdeführenden  angegeben  habe,  erscheine  konstruiert.  Es  sei  nicht  nachvollziehbar,  dass  dieser  seine  eigene  frühere  Adresse  bei  der  Mutter  und  den  anderen  Brüdern  nach  (…)  Jahren  Aufenthalt  in  Istanbul  nicht  gekannt  beziehungsweise  vergessen,  die  des  Beschwerdeführers  aber  gewusst  habe.  Zudem  hätten  die  Behörden  herausfinden  können,  an  welcher  Adresse  J._______  gemeldet  sei.  Auch  hätte  der  Beschwerdeführer  dies  gegenüber  den  Behörden  berichtigen  können.  Weiter  sei  auch  nicht  nachvollziehbar, dass die Polizei am Wohnort der Mutter und Brüder nie  nach  J._______  gefragt  habe.  Den  Erklärungsversuch  des  Beschwerdeführers, die Polizei habe die betagte Mutter nicht belästigen  wollen,  und  er  sei  zudem der  älteste  in  Istanbul  lebende Sohn, wertete  das  BFM  als  realitäts­  und  aktenwidrig,  da  die  angebliche  Rücksichtnahme nicht dem Vorgehen der Polizei bei der Fahndung nach  gesuchten Personen entspreche, und da die Aussage, er sei der älteste  in Istanbul wohnhafte Sohn, gemäss Akten ebenfalls nicht zutreffend sei. 

E­315/2007 Die  ständige Suche  nach  dem Bruder  des Beschwerdeführers  sei  auch  vor  der  Aussage  nicht  verständlich,  dass  dieser  allein  wegen  des  ausstehenden Militärdienstes gesucht worden sei. Weiter führte das BFM  als gegen die Glaubhaftigkeit sprechend an, der Beschwerdeführer habe  sich  auch  hinsichtlich  der  Anzahl  Mitnahmen  auf  den  Posten  widersprochen,  indem  er  bei  der  ersten  Anhörung  von  zwei  Postenaufenthalten,  bei  der  Zweitanhörung  jedoch  von  deren  zehn  gesprochen habe. Auch diesen Widerspruch habe er auf Vorhalt hin nicht  zu  erklären  vermocht.  Widersprochen  habe  sich  der  Beschwerdeführer  auch hinsichtlich des Abbruchs des Kontakts mit J._______. So habe er  in der Erstanhörung angegeben, J._______ sei nach der Haftentlassung  im  Jahre  2003  innert  der  zweimonatigen Meldefrist  für  den Militärdienst  untergetaucht;  danach habe er nie mehr etwas von  ihm gehört. Bei  der  Zweitanhörung  habe  er  demgegenüber  erklärt,  er  habe  J._______  seit  2005 nicht mehr gesehen. Das BFM führte ob dieser Widersprüche aus,  es  entstehe  der  Eindruck,  als  erfinde  der  Beschwerdeführer  bei  jeder  Aussage  den  Sachverhalt  neu.  Sodann  erwähnte  das  BFM  beispielhaft  einige  Widersprüche,  die  sich  beim  Vergleich  der  Aussagen  des  Beschwerdeführers mit denjenigen der beiden befragten Töchter ergeben  hätten.  Schliesslich  wies  das  BFM  auf  das  Vorhandensein  weiterer  Widersprüche innerhalb der Aussagen des Beschwerdeführers selbst hin,  auf  deren  Anführen  jedoch  verzichtet  werden  könne,  da  die  bisherige  Aufzählung  die  Unglaubhaftigkeit  bereits  genügend  belege.  Die  eingereichten  Beweismittel  wertete  das  BFM  als  nicht  ausreichend,  um  den  geltend  gemachten  Sachverhalt  als  überzeugend  erscheinen  zu  lassen. So gehe aus diesen zwar hervor, dass der Beschwerdeführer  im  Jahre  1994  im  Zusammenhang  mit  der  Verhaftung  von  J._______  ebenfalls  kontrolliert  worden  sei.  Gleichzeitig  sei  diesen  aber  auch  zu  entnehmen,  dass  die  Sache  in  seinem  Fall  nicht  weiter  verfolgt  beziehungsweise  eingestellt  worden  sei.  Die  eingereichten  Protokolle  bezögen  sich  ebenfalls  auf  diese  Begebenheit  im  Jahre  1994.  Der  Beschwerdeführer  könne  aber  aus  den  damaligen  Ereignissen  heute  nichts  mehr  zu  seinen  Gunsten  ableiten,  dies  insbesondere  vor  dem  Hintergrund,  dass  die  Vorbringen  für  die  Jahre  nach  2003  unglaubhaft  seien.  Hinsichtlich  die  den  Bruder  betreffenden  Beweismittel  führte  das  BFM  aus,  das  diesen  betreffende  Urteil  sei  unvollständig  eingereicht  worden. Es  fehle  insbesondere das Strafmass. Es stelle sich die Frage,  ob mit  dem  Einreichen  eines  unvollständigen  Urteils  den  Asylbehörden  Informationen  vorenthalten  werden  sollten,  weil  sie  dem  behaupteten  Sachvortrag  entgegenstünden.  Infolge  Unglaubhaftigkeit  der  Vorbringen  habe  sich  das  BFM  nicht  veranlasst  gesehen,  das  vollständige  Urteil 

E­315/2007 einzufordern.  Schliesslich  führte  das  BFM  zum  eingereichten  Anwaltsschreiben  aus  der  Türkei  sinngemäss  aus,  dieses  sei  ein  Gefälligkeitsdokument  und  vermöge  keinen  Beweiswert  zu  entfalten.  Insgesamt  ergebe  sich  somit,  dass  den  Beschwerdeführenden  nicht  geglaubt werden könne, dass sie wegen J._______ im Heimatland einer  Reflexverfolgung ausgesetzt gewesen seien. 4.2.  In der Beschwerde rügte die Rechtsvertreterin vorab die Verletzung  des Anspruchs auf  rechtliches Gehör. Dieses  sei  in  zweifacher Hinsicht  verletzt worden, indem nicht in sämtliche Akten Einsicht gewährt worden  sei,  und  indem  dem  Beschwerdeführer  keine  Gelegenheit  gegeben  worden  sei,  sich  zu  den  seinen Aussagen widersprechenden Aussagen  seiner Töchter zu äussern. Es genüge nicht, dass nur die Töchter mit den  Aussagen  des  Vaters  konfrontiert  worden  seien.  Die  Rechtsvertreterin  verwies auf die in Entscheidungen und Mitteilungen der Schweizerischen  Asylrekurskommission  [EMARK]  1994  Nr.  14  festgehaltene  Pflicht  zur  vorgängigen  Anhörung  in  Bezug  auf  Aussagen  von  Drittpersonen.  Aufgrund des formellen Charakters des Anspruchs auf rechtliches Gehör   und des Umstandes, dass dieser wiederholt verletzt worden sei, sei eine  Heilung auszuschliessen und die Verfügung aufzuheben. Weiter brachte  die Rechtsvertreterin vor, die Vorinstanz habe den Glaubhaftigkeitsbegriff  falsch angewandt. Glaubhaft sei nicht, was zu keinen Einwänden Anlass  gebe.  Glaubhaftmachung  lasse  Einwände  und  Zweifel  durchaus  zu.  Gemäss  Rechtsprechung  genüge  bereits  ein  erheblicher  Grad  von  Wahrscheinlichkeit  für  die  Annahme  eines   rechtswesentlichen  Sachumstandes. So sei ausreichend, dass die Entscheidbehörde von der  Wahrheit  nicht  völlig  überzeugt  sei,  die  behaupteten  Tatsachen  aber  überwiegend für wahr halte, obwohl nicht alle Zweifel beseitigt seien. Die  Rechtsvertreterin  rügt  weiter,  dass  die  Vorinstanz  den  Sachverhalt  nur  unvollständig und ungenau dargestellt habe. So habe sie dem Umstand,  dass der Beschwerdeführer Mitglied der HADEP sei, keinerlei Beachtung  geschenkt  und  ihm  hierzu  auch  keine  Fragen  gestellt.  Der  Beschwerdeführer  selbst  sei  seiner  Mitwirkungspflicht  insofern  nachgekommen,  als  dass  er  bei  der  Anhörung  den  Parteiausweis  abgegeben  habe.  Zwar  habe  er  bei  der  Anhörung  angegeben,  sich  politisch  nicht  engagiert  zu  haben,  sondern  einfach  nur  Mitglied  der  HADEP gewesen  zu  sein, weswegen  er  jedoch  keine Probleme gehabt  habe.  Zu  Unrecht  habe  die  Vorinstanz  ob  dieser  erstaunlichen  Antwort  zur  HADEP  nicht  genauer  nachgefragt.  Ein  Nachfragen  durch  die  Rechtsvertreterin habe nun nämlich ergeben, dass der Beschwerdeführer  sich durchaus politisch engagiert habe, dass er diese Frage jedoch falsch 

E­315/2007 verstanden  habe,  indem  er  sie  nur  auf  PKK  bzw.  Guerilla­Aktivitäten  bezogen  habe.  Gegenüber  der  Rechtsvertreterin  habe  der  Beschwerdeführer  erwähnt,  dass  er  sich  an  Hungerstreiks,  Flugblattaktionen,  Wahlinformationen  etc.  beteiligt  habe  und  deswegen  von  den  Behörden  schikaniert  worden  sei.  Aus  seiner  Sicht  und  im  Vergleich der Probleme (wegen) des Bruders seien diese Schikanen aber  sekundär  gewesen.  Die  Vorinstanz  habe  die  Untersuchungspflicht  hier  insoweit verletzt, als dass sie angesichts der notorischen Gefährdung von  HADEP­Mitgliedern  und  Sympathisanten  nicht  nach  der  genauen  Aufgabe des Beschwerdeführers im Rahmen seiner Mitgliedschaft bei der  HADEP gefragt habe. Diese Verletzung der Untersuchungspflicht müsse  ebenfalls  die  Rückweisung  der  Sache  zwecks  erneuter  Befragung  des  Beschwerdeführers  zur  Folge  haben.  Weiter  habe  die  Vorinstanz  auch  den  intellektuellen  Fähigkeiten  des  Beschwerdeführers  in  keiner  Weise  Rechnung  getragen.  Dieser  habe  nie  eine  Schule  besucht  und  sei  Analphabet.  Offensichtlich  könne  er  sich  nicht  genau  an  Daten  und  Ereignisse erinnern und bringe vieles durcheinander. Zudem habe er bei  seiner  Einreise  immer  noch  unter  dem  Schock  des  Todes  seiner  Frau  gestanden. Auch die Hilfswerksvertreterin habe darauf hingewiesen, dass  der  Beschwerdeführer  seit  dem  kürzlichen  Tod  seiner  Frau  noch  sehr  durcheinander  sei  und  teilweise  Schwierigkeiten  mit  den  Auskünften  habe.  Die  Rechtsvertreterin  macht  weiter  geltend,  das  BFM  habe  die  Anhörung  zu  Unrecht  gestützt  auf  Art.  29  Abs.  4  AsylG,  welche  Bestimmung  des  alten  Rechts  die  direkte  Anhörung  durch  das  Bundesamt  nur  bei  erheblichem  Beschleunigungspotenzial  vorsehe,  durchgeführt.  Bereits  nach  der  ersten  Anhörung  habe  nämlich  auf  der  Hand  gelegen,  dass  im  vorliegenden  Fall  weitergehende  Abklärungen  notwendig  gewesen  wären,  zumal  der  Beschwerdeführer  einige  Dokumente  abgegeben  habe. Weiter  bemängelte  die  Rechtsvertreterin,  dass  keine  Übersetzungen  der  eingereichten  Beweismittel  gemacht  worden seien, was nicht von einer eingehenden Auseinandersetzung mit  den  Vorbringen  zeuge.  Dies  gehe  auch  daraus  hervor,  dass  der  Entscheid  bereits  zwei Wochen  nach  der  Befragung  gefällt  worden  sei.  Schliesslich sei auch zu berücksichtigen, dass die Befragungen allesamt  auf Türkisch statt  in der kurdischen Muttersprache erfolgt seien, was zu  erheblichen Schwierigkeiten  bei  der Sachverhaltsermittlung  habe  führen  müssen. Fragwürdig sei auch die Vorgehensweise bei der Befragung der  beiden Töchter.  Ihrer speziellen Situation sei  in keiner Weise Rechnung  getragen  worden.  Auch  habe  ein  Einverständnis  des  Vaters  zur  Befragung der damals minderjährigen Kinder nicht vorgelegen. 

E­315/2007 In  materieller  Hinsicht  nahm  die  Rechtsvertreterin  zu  den  vom  BFM  erwähnten  Unglaubhaftigkeiten  und  Widersprüchen  wie  folgt  Stellung:  Dem Beschwerdeführer sei zu Unrecht vorgehalten worden, dass für die  Suche  wegen  Militärdienstverweigerung  kaum  der  geltend  gemachte  Aufwand betrieben worden wäre. Auch der Vorhalt der unterschiedlichen  Angabe  der  Postenaufenthalte  (zwei  beziehungsweise  zehn)  sei  zu  Unrecht  erfolgt.  Gegenüber  der  Rechtsvertreterin  habe  der  Beschwerdeführer  nämlich  ergänzend  erwähnt,  er  sei  daneben  noch  achtmal  auf  einen  weiteren  Posten  mitgenommen  worden.  Diese  Ungenauigkeit sei vernachlässigbar vor dem Hintergrund der Verwirrung  des Beschwerdeführers und der Tatsache, dass er Analphabet sei, zumal  sie  bei  Nachfrage  der  Vorinstanz  ohne  Weiteres  hätte  geklärt  werden  können.  Gleich  verhalte  es  sich  mit  der  Frage,  wann  der  Beschwerdeführer  den Bruder  letztmals  gesehen  habe. Das  Jahr  2005,  welches der Beschwerdeführer bei der Zweitbefragung erstmals erwähnt  habe,  stehe  völlig  isoliert  im  Raum.  Auch  hier  habe  das  BFM  nicht  nachgefragt.  Es  sei  vielmehr  davon  auszugehen,  dass  der  Bruder  J._______ nach  1­2 Monaten  die Flucht  ergriffen  habe. Das BFM habe  dem  Beschwerdeführer  sodann  zu  Unrecht  vorgehalten,  er  erfinde  den  Sachverhalt von Befragung zu Befragung neu. Vielmehr habe es nur zwei  Befragungen gegeben und der Beschwerdeführer habe die Asylgründe im  Kerngehalt  jeweils  genau  gleich  und  übereinstimmend  geschildert.  Die  angeführten Widersprüche beträfen nur die Jahreszahl beziehungsweise  die Häufigkeit  der Mitnahmen. Weiter  bezeichnete  die Rechtsvertreterin  die Befragung der minderjährigen Töchter, welche mit dem Zweck erfolgt  sei, Widersprüche  zu  den  Aussagen  des  Vaters  zu  erhalten  und  damit  das  Asylgesuch  abzuweisen,  als  unzulässig,  zumal  davon  auszugehen  sei, dass sich die Töchter aufgrund des kürzlichen Todes der Mutter nicht  an alles genau erinnern konnten. Ob die Kinder nun tatsächlich vor dem  Fenster Wache gestanden hätten,  spiele nur eine untergeordnete Rolle.  Angesichts der Klärung der bisher erwähnten Unglaubhaftigkeitselemente  genüge es nicht, pauschal auf weitere Unstimmigkeiten zu verweisen, wie  dies in der angefochtenen Verfügung getan worden sei. Soweit das BFM  ausgeführt  habe,  die  eingereichten  Unterlagen  seien  als  Beweismittel  untauglich,  könne  sich  die  Rechtsvertreterin  nicht  äussern,  da  ihr  die  Dokumente nicht vorlägen. Entsprechend habe sie um Akteneinsicht und  Fristgewährung zur Stellungnahme ersucht. Auch der Umstand, dass die  vom  Beschwerdeführer  erlittenen  Nachteile  zwölf  Jahre  zurücklägen,  setze  nur  ihre  Bedeutung  im  Hinblick  auf  die  Asylrelvanz  herab.  Nichtsdestotrotz  seien  diese  Vorkommnisse  als  grundsätzlich  relevante  Verfolgungshandlung  des  türkischen  Staates  zu  betrachten.  Der 

E­315/2007 Beschwerdeführer ­ als bekanntes Mitglied der HADEP und Bruder eines  PKK­Verurteilten  ­  müsse  sehr  wohl  befürchten,  Ziel  zukünftiger  asylrelevanter  Behelligungen  zu  werden.  Zusammenfassend  sei  somit  von  der  Glaubwürdigkeit  der  Vorbringen  und  der  Erfüllung  der  Flüchtlingseigenschaft  auszugehen,  zumal  schon  allein  die  Verhältnisse  im  Heimatland  und  die  ethnische  Zugehörigkeit  die  Familie  bedroht  erscheinen  lasse.  Zur  Untermauerung  der  Vorbringen  verwies  die  Rechtsvertreterin  auf  die  mit  der  Beschwerde  eingereichte  Mitgliedschaftsbestätigung  der  (…)  .  In  der  Eingabe  vom  7. März  2007  machte  die  Rechtsvertreterin  ergänzend  geltend,  auch  Angehörige  der  Nachfolgeparteien  der  HADEP  seien  Repressionen  des  türkischen  Staates  ausgesetzt.  Zwei  führende  kurdische  Politiker  der  Nachfolgepartei  seien  kürzlich  wegen  Verherrlichung  Öcalans  und  Vertreiben  eines  politischen  Flugblatts  in  kurdischer  Sprache  zu  18  Monaten Gefängnis verurteilt worden. Sodann nahm sie zur nachträglich  edierten Aktennotiz, welche die Betreuung der jüngeren Kinder durch die  älteren zum  Inhalt  hatte, Stellung, und bezeichnete die darin erwähnten  Beobachtungen im Hinblick auf eine Rückkehr in die Türkei als irrelevant.  Schliesslich  stellte  sie  das  Nachreichen  der  fehlenden  Seiten  der  eingereichten Beweisdokumente in Aussicht, hielt aber gleichzeitig daran  fest,  dass   bereits  aus  den  unvollständigen  Dokumenten  auf  eine  Verfolgung geschlossen werden könne. 4.3.  In der Vernehmlassung vom 28. Februar 2011 nahm die Vorinstanz  wie  folgt  zur  Beschwerde  Stellung:  Diese  enthalte  keine  neuen  erheblichen  Tatsachen  oder  Beweismittel,  welche  eine  Änderung  des  Standpunktes  rechtfertigen  würden.  Die  Praxis  der  Asylbehörden  verlange  nicht,  dass  dem  Beschwerdeführer  zu  jedem  einzelnen  Widerspruch  das  rechtliche  Gehör  gewährt  werde.  Im  Übrigen  sei  eine  der Töchter des Beschwerdeführers sehr wohl mit den widersprüchlichen  Aussagen des Vaters konfrontiert worden und bildeten die Widersprüche  untereinander  nur  eines  von  vielen Argumenten  in  der Begründung des  Entscheides.  Zu  den  Anforderungen  an  die  Glaubhaftigkeit  führte  das  BFM aus, diese seien  in Art. 7 AsylG klar umschrieben. Die Vorbringen  des  Beschwerdeführers  vermöchten  diesen  Anforderungen  gesamthaft  nicht  zu genügen. Davon, dass vom Beschwerdeführer  verlangt worden  sei,  mit  Hilfe  von  objektiven  Beweismitteln  geradezu  einen  Beweis  für  seine  Vorbringen  anzutreten,  könne  nicht  die  Rede  sein.  Weiter  führte  das BFM aus, der Beschwerdeführer habe in der Anhörung dargelegt, nur  Mitglied  der  HADEP  gewesen  zu  sein  und  deswegen  keine  Probleme  gehabt  zu  haben.  Es  habe  daher  kein  Anlass  bestanden,  weiter 

E­315/2007 nachzufragen. Dass der Beschwerdeführer bei der Verneinung politischer  Aktivitäten  nur  solche  für  die  PKK  gemeint  habe,  erscheine  konstruiert.  Das  erstmalige  Geltendmachen  von  Schikanen  wegen  der  HADEP­ Zugehörigkeit  im  Rechtsmittelverfahren  sei  sodann  als  nachgeschoben  zu  bezeichnen.  Einfache  Mitglieder  der  HADEP  hätten  keine  asylrelevanten Nachteile zu befürchten. Verfolgungsmassnahmen setzten  nur bei Straffälligkeit ein, wobei dann zu prüfen sei, ob es sich um eine  rechtsstaatlich  legitime  Massnahme  handle,  beispielsweise,  weil  eine  Person  eine  terroristische  Organisation  qualifiziert  unterstütze.  Weiter  hielt  das  BFM  fest,  die  verfahrensrechtlichen  Rügen  erwiesen  sich  insgesamt  nicht  als  stichhaltig.  So  sei  der  persönlichen  Situation  des  Beschwerdeführers  in der Anhörung Rechnung getragen worden,  indem  die  Fragen  behutsam  vorgetragen  worden  seien  und  dem  Beschwerdeführer mit dem gebotenen Respekt begegnet worden sei. Die  Bemerkung  des  Hilfswerksvertreters,  dass  der  Beschwerdeführer  seit  dem Tod der Ehefrau  durcheinander  sei,  beziehe  sich  im Übrigen  nicht  auf  eine  eigene  Beobachtung,  sondern  gebe  eine  Aussage  des  Beschwerdeführers  wieder.  Weiter  wies  das  BFM  darauf  hin,  die  Anhörungen seien gestützt auf Art. 29 Abs. 1 Bst. a  (des neuen) AsylG  erfolgt.  Das  Anhören  auf  Türkisch  sei  zudem  ­  angesichts  des  (…)  Aufenthaltes  in  Istanbul und des Umstandes, dass die Töchter Türkisch  als  ihre  Muttersprache  bezeichnet  hätten  ­  nicht  von  Nachteil  für  die  Beschwerdeführenden  gewesen.  Das  BFM  verwies  sodann  auf  die  relative  Höchstpersönlichkeit  des  Rechts  auf  Asylgesuchstellung  und  machte  geltend,  jede  Person,  die  urteilsfähig  sei,  werde  befragt.  Hinsichtlich der Suche nach dem Bruder des Beschwerdeführers hielt das  BFM  erneut  fest,  der  geltend  gemachte  Aufwand  der  Polizei,  um  nach  dem Bruder zu fragen, sei übertrieben dargestellt worden. Desertion und  Refraktion seien in der Türkei Massendelikte, die von den Behörden nicht  konsequent  geahndet  würden.  Das  Vorbringen  auf  Beschwerdeebene,  der Beschwerdeführer sei auch wegen eigener Tätigkeiten für die HADEP  belästigt  worden,  sei  nachgeschoben  und  erhärte  die  Unglaubhaftigkeit  der  Vorbringen.  Des  Weiteren  bezeichnete  das  BFM  die  Erklärungsversuche  des  Beschwerdeführers,  weshalb  der  Bruder  nicht  auch  bei  der  Mutter  gesucht  worden  sei,  als  widersprüchlich,  und  diejenige  zur  unterschiedlich  angegebenen  Anzahl Mitnahmen  als  nicht  überzeugend,  da  weder  die  angebliche  Verwirrung  noch  der  Analphabetismus die Differenz zu erklären vermöchten. Auch die übrigen  Einwände  seien  nicht  geeignet,   die  festgestellte  Unglaubhaftigkeit  der  Vorbringen  in  einem  anderen  Licht  erscheinen  zu  lassen.  Schliesslich  verneinte  die  Vorinstanz  vorliegend  die  Gefahr  einer  Reflexverfolgung 

E­315/2007 des  Bruders  wegen:  Einerseits  seien  die  Vorbringen  nicht  glaubhaft,  andererseits würde für Angehörige von ehemals Verfolgten in aller Regel  ohnehin keine Gefahr der Reflexverfolgung (mehr) bestehen. Im Übrigen  bezeichnete  das  BFM  die  eingereichte  (…)­Bestätigung  aufgrund  angeblicher Pauschalisierungen als Gefälligkeitsschreiben.  4.4.  In  der Replik  der Rechtsvertreterin  vom 2. August  2011  hielt  diese  vollumfänglich an den bisherigen Vorbringen und Rügen fest. Sie machte  weiterhin  eine  Gehörsverletzung  wegen  ausgebliebener  Konfrontation  des  Beschwerdeführers  mit  den  Aussagen  der  Töchter  geltend.  Weiter  bestritt  sie  den  Vorhalt  des  BFM,  dass  die  Schikanen  des  Beschwerdeführers  wegen  der  HADEP­Zugehörigkeit  nachgeschoben  seien.  Sie  seien  bloss  unerwähnt  geblieben, weil  sie  aus  der Sicht  des  Beschwerdeführers  bei  der  Ausreise  nicht  derart  gravierend  gewesen  seien  wie  die  anderen  Probleme.  Die  Vorinstanz  habe  völlig  unberücksichtigt  gelassen,  dass  über  tausend  Mitglieder  der  HADEP  verhaftet worden seien und die Partei verboten worden sei. Mitglieder der  HADEP bzw. der Nachfolgeparteien liefen sehr wohl Gefahr, verhaftet zu  werden.  Die  Rechtsvertreterin  führte  weiter  aus,  es  sei  davon  auszugehen,  dass  die  Hilfswerksvertretung  die  Verwirrtheit  des  Beschwerdeführers wohl nicht zu Protokoll gebracht hätte, wenn sie nicht  auch  der  eigenen  Beobachtung  entsprochen  hätte.  Weiter  machte  sie  geltend, es habe kein Grund bestanden, das Verfahren nach Art. 29 Abs.  4 aAsylG durchzuführen und mit den Beschwerdeführenden eine direkte  Anhörung durch das BFM durchzuführen. Das BFM habe  im Übrigen zu  Unrecht erwähnt, die Anhörung sei gestützt auf Art. 29 Abs.1 Bst. a AsylG  erfolgt;  dieser  Artikel  sei  im  Zeitpunkt  der  Anhörung  nämlich  noch  gar  nicht in Kraft gewesen. Weiter hielt die Rechtsvertreterin daran fest, dass  die  Anhörungen  auf  Türkisch  zum  Nachteil  der  Beschwerdeführenden  gewesen  seien,  zumal  diese  allesamt  Kurdisch  als  Muttersprache  angegeben  hätten.  Der  Beizug  eines  Türkischdolmetschers  habe  somit  die  Erstellung  des  Sachverhalts  unnötig  erschwert  wenn  nicht  sogar  verunmöglicht. Die Rechtsvertreterin hielt auch an  ihrer Auffassung  fest,  dass  der  Beschwerdeführer  sein  Einverständnis  für  die  Befragung  der  minderjährigen  Töchter  ­  damals  (…)  und  (…)  Jahre  alt  ­  hätte  geben  müssen. Die Rechtsvertreterin widersprach sodann der Einschätzung des  BFM, dass im Zeitpunkt der Ausreise keine Gefahr von  Reflexverfolgung  bestanden hätte. Da angenommen werden müsse, dass sich der Bruder  der  PKK  angeschlossen  habe,  sei  davon  auszugehen,  dass  sich  die  türkischen  Behörden  nach  wie  vor  für  den  Beschwerdeführer  interessierten.  Als  neuer  Sachverhalt  wurde  im  Rahmen  der  Replik   

E­315/2007 geltend gemacht, die Beschwerdeführenden hätten sich seit der Einreise  in unterschiedlichem Masse politisch aktiv betätigt. Unter anderem hätten  sie  an  einigen  prokurdischen  Demonstrationen  teilgenommen,  so  dass  sie  auch  aus  diesen  Gründen  eine  Verfolgung  befürchten  müssten.  Zudem  sei  der  Beschwerdeführer  seit  drei  Jahren  aktives  Mitglied  des  (…). Die Kinder E._______ und G._______ hätten sodann von Mai 2009  bis  März  2010  an  einem  kurdischen  Sprachkurs  teilgenommen,  da  sie  sich  je  länger  je  mehr  mit  der  kurdischen  Sache  identifizierten.  Ganz  besonders  hervorzuheben  sei  sodann  das  politische  Engagement  von  D._______.  Diese  sei  nach  Einreise  in  die  Schweiz  im  (…)  aktiv  gewesen.  Danach  habe  sie  begonnen,  sich  für  die  (...)  zu  engagieren.  Seit  2008 sei  sie dort  aktiv.  In diesem Zusammenhang sei  sie auch  ins  Visier der Bundesanwaltschaft  geraten, nachdem diese herausgefunden  habe, dass sie an einem Ausbildungscamp in der Schweiz teilgenommen  habe.  Es  sei  ihr  vorgeworfen  worden,  eine  der  Organisatorinnen  unterstützt  zu  haben.  Es  sei  davon  auszugehen,  dass  dies  auch  den  türkischen  Behörden  bekannt  geworden  sei  und  dass  sie  sowie  die  Restfamilie  bei  einer  Rückkehr  ins  Visier  der  Behörden  geraten  würde.  Somit  hätten  sämtliche  Familienmitglieder  begründete  Furcht  vor  künftiger  Verfolgung.  Zur  Untermauerung  des  exilpolitischen  Engagements  reichten  die  Beschwerdeführenden  entsprechende  Bestätigungen, Fotos und Dokumente der FEDPOL ein. 4.5.  Das  Bundesverwaltungsgericht  stellt  vorab  fest,  dass  die  verfahrensrechtlichen  Rügen  weitgehend  zu  Unrecht  erhoben  worden  sind. Wo nachfolgend Verfahrensverletzungen  festgestellt  werden,  kann  vorweggenommen  werden,  dass  diese  infolge  Heilung  oder  mangels  Erheblichkeit  nicht  zur  begehrten  Aufhebung  des  angefochtenen  Entscheides zu führen vermögen: Was  die  Gehörsverletzung  wegen  nicht  edierter  Akten  anbelangt,  ist  festzuhalten, dass das Bundesverwaltungsgericht eine solche bejaht und  die fraglichen Akten, soweit bestimmbar, nachträglich offengelegt hat. Der  Rechtsvertreterin wurde  in  der  Folge  die Möglichkeit  zur  nachträglichen  Stellungnahme  eingeräumt  (vgl.  Zwischenverfügung  vom  6.  Februar  2007).  Sie  hat  von  diesem  Recht  mit  Eingabe  vom  7.  März  2007  Gebrauch  gemacht. Das Bundesverwaltungsgericht  stellt  fest,  dass  den  Beschwerdeführenden  mit  der  nachträgliche  Edition  und  Replikmöglichkeit keine Nachteile entstanden sind. Die Gehörsverletzung  ist demnach als geheilt zu betrachten. 

E­315/2007 Insoweit  die  Rechtsvertreterin  eine  weitere  Gehörsverletzung  wegen  ausgebliebener  Möglichkeit  zur  Stellungnahme  des  Vaters  zu  den  Aussagen  der  Töchter  geltend  macht,  ist  festzuhalten,  dass  die  im  Entscheid angeführten Widersprüche zwischen den Familienangehörigen  in  der  Tat  einer  vorgängigen  Konfrontation  bedurft  hätten  (vgl.  EMARK  1994 Nr. 14). Die alleinige Konfrontation der Töchter mit den Aussagen  des  Vaters  muss  als  unzureichend  bezeichnet  werden.  Trotz  Gehörsverletzung  drängt  sich  vorliegend  eine  Rückweisung  der  Sache  zur  Neubeurteilung  beziehungsweise  nachträglichen  Konfrontation  mit  den  Widersprüchen  nicht  auf,  da  auch  diesbezüglich  eine  Heilung  auf  Beschwerdeebene  stattgefunden  hat  und  im  Übrigen  die  protokollierten  Aussagen  des  Beschwerdeführers  auch  bei  Ausblenden  der  Aussagen  der  Töchter  ein  Mass  von  Widersprüchen  und  Unsubstanziiertheiten  aufweisen,  das  für  sich  alleine  gesehen  die  Unglaubhaftigkeit  der  Vorbringen zu begründen vermag (siehe dazu nachstehend unter E. 4.6).  Das  Gericht  stellte  weiter  fest,  dass  die  Rüge  der  unzureichenden  Feststellung  des  rechtserheblichen  Sachverhalts  zu  Unrecht  erhoben  wurde.  Der  Betrachtungsweise  der  Rechtsvertreterin,  dass  das  BFM  gehalten  gewesen  wäre,  zur  HADEP­Zugehörigkeit  beziehungsweise  dem diesbezüglichen Engagement weitere Erhebungen anzustellen, kann  nicht  gefolgt  werden.  Die  Aussagen  des  Beschwerdeführers  zur  Ausreiserelevanz  seiner  HADEP­Zugehörigkeit  waren  eindeutig.  Der  Beschwerdeführer  hat  weder  anlässlich  der  summarischen  Befragung  noch  anlässlich  der  späteren  Anhörung  Schwierigkeiten  wegen  dieser  Parteizugehörigkeit geltend gemacht. Im Gegenteil: Er hat solche explizit  verneint.  Entgegen  der  Auffassung  der  Rechtsvertreterin  hat  die  Vorinstanz die Untersuchungspflicht nicht dadurch verletzt, dass sie nach  einer  derart  klaren  Verneinung  von  Problemen  wegen  HADEP­ Zugehörigkeit  keine weiteren Fragen  gestellt  hat,  zumal  keine Hinweise  auf  ein  Missverständnis  (im  nun  auf  Beschwerdeebene  geltend  gemachten  Sinn)  vorlagen.  Das  erstmalige  Geltendmachen  eines  politischen  Engagements  in  Form  von  Hungerstreiks,  Flugblattaktionen,  Wahlinformationen  etc.  einerseits,  und  das  Erleiden  von  Schikanen  andererseits,  muss  vor  dem  Hintergrund  der  klaren  Verneinung  eines  politischen  Engagements  und  der  Negierung  von  Problemen  anlässlich  der  Anhörungen  als  nachgeschoben  bezeichnet  werden.  Mit  der  Vorinstanz  ist  in  diesem  Zusammenhang  festzustellen,  dass  die  Erklärung, wonach der Beschwerdeführer ein politisches Engagement für  die  (...)  gemeint  habe  und  nur  ein  solches  habe  verneinen  wollen,  konstruiert  erscheint.  Gleichzeitig  kann  aber  auch  festgestellt  werden,  dass  die  vom  Beschwerdeführer  nachträglich  geltend  gemachten  Schikanen die Anforderungen an Verfolgungsmassnahmen im Sinne von  Art.  3 AsylG wohl  ohnehin  nicht  erfüllten  dürften.  Zusammenfassend  ist 

E­315/2007 somit eine Verletzung des Untersuchungsgrundsatzes  in Anbetracht der  Deutlichkeit  der  Protokolle  selbst  vor  dem  Hintergrund  der  bekannten  Repression  zahlreicher  HADEP­Mitglieder  und  ­Sympathisanten  klarerweise zu verneinen.  Eine  Verfahrensverletzung  kann  schliesslich  auch  nicht  darin  erblickt  werden, dass das Bundesamt eine damals noch die Ausnahme bildende  Direktanhörung  mit  den  Beschwerdeführenden  durchgeführt  hat.  Eine  solche war früher für Fälle vorgesehen, in welchen mit einer erheblichen  Beschleunigung  der  Verfahrensdauer  gerechnet  werden  konnte.  Dass  das  BFM  im  Hinblick  auf  eine  angestrebte  Beschleunigung  des  Verfahrens den Weg der direkten Befragung gemäss dem damaligen Art.  29 Abs. 4 AsylG gewählt hat, ist nicht zu beanstanden, hat es doch in der  Folge  tatsächlich  innert  kurzer  Frist  einen  Entscheid  gefällt.  Dass  im  damaligen  Zeitpunkt  weitergehende  Abklärungen  von  Nöten  gewesen  wären, kann den Akten nicht entnommen werden. Insbesondere kann ein  Abklärungsbedarf auch nicht aus dem Umstand abgeleitet werden, dass  der Beschwerdeführer bei der Anhörung diverse Unterlagen zu den Akten  gereicht  hat.  Aus  dem entsprechenden Anhörungsprotokoll  geht  hervor,  dass  ad  hoc  eine  Übersetzung  des  wesentlichen  Teils  der  Dokumente  durch  den  Dolmetscher  vorgenommen  worden  sein  muss.  Der  Beschwerdeführer  wurde  nämlich  mit  dem  wesentlichen  Inhalt  beziehungsweise  dem  Umstand  der  Unvollständigkeit  konfrontiert.  Es  wurde  ihm  zur  Kenntnis  gebracht,  dass  er  einen  ihn  betreffenden  Einstellungsbeschluss  und  andererseits  ein  den  Bruder  betreffendes,  unvollständiges Urteil (ohne Strafmass) eingereicht habe. Angesichts der  (nachfolgend  aufzugreifenden)  Unglaubhaftigkeit  der  dargestellten  Verfolgung erschienen diese Dokumente dem BFM nicht  geeignet,  eine  Änderung  des  Standpunktes  herbeizuführen,  weshalb  es  offenbar  auf  eine Niederschrift des konkreten Inhalts in einer Amtssprache verzichtete.  In  antizipierter  Beweiswürdigung  durfte  das  BFM  insbesondere  auch  darauf  verzichten,  das  vollständige  Urteil  des  Bruders  einzufordern.  In  diesem  Zusammenhang  ist  sodann  darauf  hinzuweisen,  dass  die  Rechtsvertreterin  die  im  Jahre  2007  angekündigte  Komplettierung  der  Dokumente nie vorgenommen hat, was die Annahme des BFM, das den  Bruder  betreffende  Urteil  sei  mit  Absicht  unvollständig  eingereicht  worden, erhärtet. Letztlich  vermag  die  Rechtsvertreterin  auch  mit  der  Rüge  der  unzureichenden  Sachverhaltsermittlung  als  Folge  der  Anhörung  in  türkischer  statt  in  kurdischer  Sprache,  der  wenig  konkreten  Rüge  der  unzureichenden  Berücksichtigung  der  speziellen  Situation  der  Töchter  und  der  Rüge  des  Fehlens  des  Einverständnisses  des  Vaters  zur  Befragung der Töchter keine Verfahrensfehler aufzuzeigen. Entgegen der 

E­315/2007 Behauptung der Rechtsvertreterin haben die befragten Töchter – wohl als  Folge  ihres  langen  Aufenthaltes  in  Istanbul  ­  als  Muttersprache  das  Türkische  angegeben  (A2/9,  S.  3;  A3/8,  S.  2).  Der  Beschwerdeführer  selbst  bezeichnete  seine  Türkischkenntnisse  zudem als  gut. Den Akten  sind  keine  Hinweise  darauf  zu  entnehmen,  dass  sich  die  Befragung/Anhörung auf Türkisch nachteilig auf die Aussagequalität oder  die Verständigung  ausgewirkt  hätte. Weiter  ist  nicht  dargetan,  inwiefern  der  speziellen  Situation  der  Töchter,  gemeint  sein  dürfte  die  Rücksichtnahme auf den wenige Monate vor der Befragung erfolgten Tod  der  Mutter,  nicht  Rechnung  getragen  worden  wäre  beziehungsweise  in  welcher  Form  dieser  gemäss  Auffassung  der  Rechtsvertreterin  hätte  Rechnung  getragen werden müssen. Dass  sodann die Einwilligung  des  Vaters für die Befragung der damals (…)­ und (…)­jährigen Töchter hätte  vorliegen müssen,  ist unzutreffend. Gemäss Art. 5 der Asylverordnung 1  vom 11. August  1999  über Verfahrensfragen  (AsylV 1, SR 142.311)  hat  nämlich  jede  urteilsfähige  Person  Anspruch  auf  Prüfung  ihrer  eigenen  Asylvorbringen.  Das  BFM  vermutet  die  entsprechende  Urteilsfähigkeit  jeweils  ab  einem  Alter  von  14  Jahren.  Eine  Einholung  des  Einverständnisses  des  gesetzlichen  Vertreters  für  die  Befragung  der  urteilsfähigen Kinder ist nicht vorgesehen und auch nicht erforderlich.  Zusammenfassend  ist  somit  nochmals  festzuhalten,  dass  die  Rechtsvertreterin  mit  den  verfahrensrechtlichen  Rügen  nur  insoweit  durchzudringen vermag, als dass zur Beurteilung der Glaubhaftigkeit der  Aussagen  nicht  auf  Widersprüche  der  Töchter  zu  den  Aussagen  des  Vaters hätte abgestellt werden dürfen. Soweit sich die Töchter  jedoch  in  ihren  Aussagen  selbst  widersprachen  oder  nur  zu  unsubstanziierter  Darstellung  eigens  erlebter  Sachverhalte  in  der  Lage  waren,  stand  beziehungsweise steht der Verwendung dieser Protokollstellen nichts  im  Wege.  Bei  der  nachstehenden  materiellen  Überprüfung  der  angefochtenen  Verfügung  wird  dieser  Erkenntnis  Rechnung  zu  tragen  sein. Sämtliche übrigen geltend gemachten verfahrensrechtlichen Rügen  sind  nach  dem  Gesagten  als  geheilt  beziehungsweise  von  Anfang  an  unberechtigt zu bezeichnen und daher abzuweisen.  4.6.  Hinsichtlich  der  geltend  gemachten  Ausreisegründe  kommt  das  Bundesverwaltungsgericht  nach  Prüfung  der  Akten  in  Übereinstimmung  mit der Vorinstanz zum Schluss, dass es den Beschwerdeführenden nicht  gelungen  ist,  eine  im  Zeitpunkt  der  Ausreise  mit  überwiegender  Wahrscheinlichkeit anstehende Verfolgungssituation  im Sinne von Art. 3  AsylG glaubhaft zu machen. 

E­315/2007 Vorab  ist  der  Argumentation  der  Vorinstanz  zuzustimmen,  dass  die  Aussagen  des  Beschwerdeführers  in  wesentlichen  Bereichen  unterschiedlich ausgefallen seien. Vom BFM zu Recht angeführt wurden  die  Differenzen  zur  Anzahl  Mitnahmen  (zwei  beziehungsweise  zehn)  sowie  zum  Zeitpunkt  des  letzten  Lebenszeichens  seines  für  die  Verfolgung  angeblich  ursächlichen  Bruders  J._______  (2003/2004  beziehungsweise 2005).  Weiter  anzuführen  ist  die  Unstimmigkeit,  wonach  J._______  nach  der  Entlassung  aus  dem  Gefängnis  zweitweise  beim  Beschwerdeführer  gewohnt  habe  (A1/10,  S.  6)  beziehungsweise,  wonach  er  bloss  einmal  bei  ihm  übernachtet  und  einmal  einen  kurzen  Besuch  von  höchstens  einer Stunde abgestattet habe (A7/18,S.6).  Zweifel wirft auch die Divergenz auf, wonach der Beschwerdeführer nach  dem  Verschwinden  seines  Bruders  im  Jahre  2003  nie mehr  etwas  von  diesem gehört haben will, dies im Gegensatz zu den befragten Töchtern.  Auch  wenn  der  Beschwerdeführer  laut  Aussagen  von  B._______  nie  zugegen gewesen sei, wenn J._______ gekommen sei  (A8/10, S.6),  ist  dennoch nicht nachvollziehbar, dass er angibt, er wisse seit Jahren  rein  gar nichts von seinem Bruder.  Äusserst  unterschiedlich  präsentieren  sich  sodann  die  vom  Beschwerdeführer  genannten  Angaben  zur  Behelligung  durch  die  Behörden.  Einerseits  gab  er  an,  die  Behörden  seien  seit  dem  Untertauchen  sehr  oft,  nämlich  alle  15  bis  30  Tage  gekommen,  anderseits erwähnte er – nach einer Gesamtzahl  gefragt – die Zahl 10,  wobei  die  Behörden  letztmals  am  21.  Oktober  2006  gekommen  seien  (A1/10, S. 6). Anlässlich der einlässlichen Anhörung gab er zuerst an, er  sei  fast  täglich unter Druck gesetzt worden (A7/18, S. 5), dann führte er  wiederum  an,  er  sei  alle  zwei  bis  vier  Wochen  (A7/18,  S.  9)  beziehungsweise alle zehn Tage (A7/18, S. 11) von den Behörden unter  Druck gesetzt worden.  Gegen  die  Glaubhaftigkeit  der  Vorbringen  sprechen  weiter  folgende  Aussagen: So gab der Beschwerdeführer anfänglich an, er vermöge sich  nicht  zu  erinnern,  wann  die  Polizei  erstmals  nach  dem  Bruder  gefragt  habe  (A7/8,  S.  8).  Im  Verlaufe  des  Gesprächs  führte  er  dann  aus,  anlässlich  des  Newrozfestes   2004  sei  er  bereits  nach  dem  Bruder  gefragt  worden.  Und  später  gab  er  zu  Protokoll,  das  behördliche  Nachfragen nach dem Aufenthalt J._______ habe vor eineinhalb bis zwei  Jahren  (das  wäre  zwischen  November  2004  und  Mai  2005  gewesen)  begonnen (A7/18, S. 9). 

E­315/2007 Angesichts des Druckes, der auf den Beschwerdeführer ausgeübt worden  sei, ist sodann nur schwer verständlich, dass dieser nicht wissen will, ob  andere  Familienangehörige  vom  Aufenthalt  J._______  gewusst  hätten,  und dass er nie gefragt habe, ob diese etwas wüssten.  Weiter  ist  zu  bemerken,  dass  die  Aussagen  der  Töchter  (für  sich  gesehen) nicht geeignet sind, die entstandenen Zweifel an der Verfolgung  des Vaters auszuräumen. So war die Tochter B._______ beispielsweise  nicht einmal ungefähr in der Lage, die Haft des Onkels J._______ zeitlich  einzuordnen  (A2/9,  S.  5).  Demgegenüber  will  sie  sich  jedoch  höchst  genau  an  einen  Vorfall  am  11.  Dezember  1992  erinnern  (die  Beschwerdeführerin  war  damals  (im  Kindesalter),  als  der  Vater  in  der  Nacht mitgenommen worden  sei  (A2/9,  S.  5).  Kaum nachvollziehbar  ist  weiter, dass B._______ nicht wissen wollte, wo sich der Vater die letzten  zwölf Jahre, in denen er überwiegend nicht zu Hause gewesen sei (er sei  nur  noch  ab  und  zu  für  ein  bis  zwei  Tage  zurückgekehrt),  aufgehalten  habe,  und  dass  sie  ihren  Vater  auch  nie  nach  dessen  Aufenthaltsort  gefragt  habe  (A8/10,  S.  4).  Kaum miteinander  vereinbar  sind  auch  die  Darstellungen B._______, wonach das Haus beschattet worden sei und  die Behörden genau gewusst hätten, wer ein und ausgehe, mit der Folge,  dass der Vater deshalb bei seinen Besuchen jeweils verhaftet worden sei,  und  diejenige,  wonach  demgegenüber  dem  gesuchten  Onkel  die  Besuche  bei  ihnen  zuhause gelungen  seien  (A8/10, S.  7).   Schliesslich  trägt auch nicht zur Glaubhaftigkeit bei, dass D._______ nicht in der Lage  war,  übereinstimmend  anzugeben,  wann  denn  die  Behörden  letztmals  nach Hause gekommen seien (A3/8, S. 5; A9/6, S. 4). Vor  diesem  Hintergrund  hat  das  BFM  zu  Recht  erwogen,  dass  die  Aussagen des Beschwerdeführers und seiner Töchter die Anforderungen  an die Glaubhaftigkeit  gemäss Art.  7 AsylG nicht  zu erfüllen  vermögen.  Die  Rüge,  das  BFM  habe  den  Glaubhaftigkeitsbegriff  unrichtig  angewandt,  erweist  sich  als  unrichtig.  Auch  die  Auffassung  der  Rechtsvertreterin,  die  Unzulänglichkeiten  seien mit  dem Schockzustand  der Familie nach dem Tod der Ehefrau/Mutter und dem Analphabetismus  zu  erklären,  kann  vom  Gericht  angesichts  des  Zeitablaufs,  des  Aussageverhaltens  und  der  weitgehenden  Kohärenz  der  jeweiligen  Aussagen nicht geteilt werden.  Ergänzend zu den Erwägungen der Vorinstanz kann angemerkt werden,  dass  die  behördlich  dokumentierte  Inhaftierung  des  Beschwerdeführers  im Jahre 1994 später, so auch nach der Entlassung des Bruders aus dem  Gefängnis,  zu  keinen  weiteren  Verfolgungsmassnahmen  (aus  eigenen  Gründen)  mehr  geführt  hat.  Der  Beschwerdeführer  hat  nämlich  explizit  verneint, dass ihm anlässlich der Behördenbesuche nebst der Frage nach 

E­315/2007 dem  Bruder  noch  konkret  etwas  anderes  vorgeworfen  worden  wäre.  (A1/10,  S.  6).  Dass  sich  J._______,  wie  in  der  Beschwerde  behauptet,  heute  der  (...)  angeschlossen  habe,  stellt  sodann  eine  unbewiesene  Behauptung dar, welcher nicht näher nachzugehen ist. Angesichts  der  Fülle  der  unzureichenden  Angaben  kann  letztlich  offenbleiben,  ob  das BFM – wie  von  der Rechtsvertreterin  gerügt  –  die  behördlichen Suchmethoden (Beschränkung der Suche auf den Wohnort  des  Beschwerdeführers,  Häufigkeit  der  Besuche)  zu  Unrecht  als  realitätswidrig und damit der Glaubhaftigkeit des Sachvortrages abträglich  gewertet hat.  Abschliessend  sei  auf  die  eine  Verfolgung  ebenfalls  in  Frage  stellende  Aussage  des  Beschwerdeführers  verwiesen,  dass  er  sich  und  seine  Kinder "nie und nimmer" in die Schweiz gebracht hätte, wenn die Ehefrau  nicht verstorben wäre (A7/8, S. 8 und 10). Zusammenfassend  ist  nach  dem  Gesagten  festzuhalten,  dass  die  Schilderungen  der  Beschwerdeführenden  die  Anforderungen  an  die  Glaubhaftigkeit gemäss Art. 7 AsylG nicht zu erfüllten vermögen und es  ihnen daher nicht gelungen ist, das Vorliegen einer Reflexverfolgung des  Bruders/Onkels  J._______  wegen  als  überwiegend  wahrscheinlich  darzustellen.  Ebensowenig  vermochte  der  Beschwerdeführer  eine  erlittene  oder  anstehende  Verfolgung  wegen  HADEP­Zugehörigkeit  glaubhaft  zu  machen.  Die  auf  Beschwerdeebene  eingereichte  Einschätzung der Lage des Beschwerdeführers durch die (...) vermag zu  keiner  anderen  Betrachtungsweise  zu  führen.  Die  Abweisung  des  Asylgesuches  der  Beschwerdeführenden  ist  demnach  zu  Recht  erfolgt.  Die Beschwerde ist folglich im Asylpunkt abzuweisen.  4.7. Es bleibt zu prüfen, ob die Beschwerdeführenden durch ihr Verhalten  nach  der  Ausreise  aus  dem  Heimatland,  namentlich  den  geltend  gemachten  Veranstaltungsteilnahmen  und  Mitgliedschaften  befürchten  müssen,  einer  künftigen  Verfolgung  seitens  der  türkischen  Behörden  ausgesetzt zu sein, und sie aus diesem Grunde die Voraussetzungen für  die Zuerkennung der Flüchtlingseigenschaft erfüllen. Wer sich darauf beruft, dass durch sein Verhalten nach der Ausreise aus  dem  Heimat­  oder  Herkunftsstaat  eine  Gefährdungssituation  erst  geschaffen  worden  ist, macht  subjektive  Nachfluchtgründe  geltend  (vgl.  Art.  54  AsylG).  Subjektive  Nachfluchtgründe  begründen  zwar  die  Flüchtlingseigenschaft  im Sinne von Art. 3 AsylG, führen jedoch gemäss  Art.  54  AsylG  zum  Ausschluss  des  Asyls,  unabhängig  davon,  ob  sie  missbräuchlich  oder  nicht  missbräuchlich  gesetzt  wurden.  Das  vom 

E­315/2007 Gesetzgeber  vorgesehene  Konzept,  wonach  das  Vorliegen  von  subjektiven  Nachfluchtgründen  die  Gewährung  von  Asyl  ausschliesst,  verbietet  auch  ein  Addieren  solcher  Gründe  mit  Fluchtgründen,  welche  vor  der Ausreise aus dem Heimat­  oder Herkunftsstaat  entstanden  sind  und die für sich allein nicht zur Bejahung der Flüchtlingseigenschaft und  zur Asylgewährung ausreichen (vgl. BVGE 2009/28 E. 7.1.). Laut  Eingabe  vom  2.  August  2011  haben  die  Beschwerdeführenden  in  den  Jahren 2010 und 2011  in  den Städten M._______, N._______ und  O._______  jeweils an ein bis zwei Demonstrationen  im Zusammenhang  mit  der  Repression  türkischer  Behörden  gegen  Mitglieder  der  (...)  teilgenommen. Der Beschwerdeführer ist sodann seit drei Jahren Mitglied  des  (...).  Die  Tochter  D._______  hat  im  Jahr  2008  in  der  Schweiz  an  einem Jugendcamp der (...) teilgenommen und ist danach vorübergehend  ins  Visier  der  Bundesanwaltschaft  geraten.  E._______  und  G._______  haben  2009/2010  sodann  einen  kurdischen  Sprachkurs  absolviert.  Angesichts  der  eingereichten  Beweismittel  bestehen  an  diesen  Vorbringen keine Zweifel.  Allerdings  ist  den  Vorbringen  die  flüchtlingsrechtliche  Relevanz  abzusprechen. Aufgrund der grossen Anzahl  regimekritischer Aktivitäten  von  türkischen  Staatsangehörigen  in  ganz  Westeuropa  erscheint  es  vorab  unwahrscheinlich,  dass  die  heimatlichen  Behörden  von  den  Demonstrationsteilnahmen  der  Familienmitglieder,  hinsichtlich  welcher  nur private Fotos eingereicht wurden, oder der ehrenamtlichen Tätigkeit  des Beschwerdeführers im Rahmen des in der Türkei verbotenen Vereins  (…) Kenntnis genommen haben. Gleich dürfte es sich mit der einmaligen  Teilnahme von D._______ an einem (...)­Jugendcamp im Jahre 2008 im  (...)  verhalten.  Aufgrund  der  über  drei  Jahre  zurückliegenden Datierung  dieser Teilnahme,  dem Ausbleiben  jeglicher Beweismittel  zum Fortgang  des Verfahrens, und nicht zuletzt aufgrund der telefonischen Aussage der  Rechtsvertreterin,  die  Sache  sei  nach  der  Hausdurchsuchung  bei  den  Beschwerdeführenden  nicht  weiter  verfolgt  worden  und  das  diesbezügliche Engagement  von D._______  sei  seither  rückläufig,  kann  ausgeschlossen  werden,  dass  die  Lagerteilnahme  D._______,  die  ohnehin  nicht  als  Angeklagte  auf  den  FEDPOL­Unterlagen  figurierte,  heute  noch  Gegenstand  schweizerischer  Ermittlungen  darstellt.  Für  die  Behauptung  der  Rechtsvertreterin,  dass  die  einmalige  Lagerteilnahme  oder die anschliessenden Ermittlungen den türkischen Behörden bekannt  geworden wären,  liegen  keinerlei Hinweise  (bspw.  auf  Infiltration  dieses  Anlasses  durch  türkische  Spitzel,  Kontaktaufnahme  der  Schweizer  Behörden mit  dem Heimatland)  vor. Somit  vermag D._______ aus dem  Umstand,  dass  sie  vor  drei  Jahren  vorübergehend  von  der  FEDPOL 

E­315/2007 überprüft worden ist, keine Verfolgung für sich und die Familienmitglieder  abzuleiten. Nachdem  keines  der Beschwerde  führenden Familienmitglieder  in  einer  hohen und  in der Öffentlichkeit exponierten politischen Kaderstelle einer  linksextremen  türkischen  Organisation  oder  kurdischen  Separatistenorganisation  tätig  ist  und  sich  auch  nicht  namentlich  identifizierbar für die Ziele solcher Organisationen medienmässig politisch  aktiv betätigt hat,  ist zusammenfassend als unwahrscheinlich zu werten,  dass die  türkischen Behörden  von den bescheidenen Exilaktivitäten der  Familie – hinsichtlich der Aktivitäten des Beschwerdeführers  im Rahmen  des  erwähnten  Vereins  fehlt  sodann  jegliche  Konkretisierung  seines  angeblichen aktiven Engagements – überhaupt Notiz genommen haben.  Unter  diesen  Umständen  ist  nicht  nachvollziehbar,  inwiefern  die  türkischen  Behörden  die  Beschwerdeführenden  bei  einer  Rückkehr  als  Oppositionelle erkennen könnten. Somit ist das Vorliegen von subjektiven  Nachfluchtgründen im Sinne von Art. 54 AsylG für die gesamte Familie zu  verneinen.  5.  5.1. Lehnt  das Bundesamt  das Asylgesuch  ab  oder  tritt  es  darauf  nicht  ein,  so  verfügt  es  in  der  Regel  die Wegweisung  aus  der  Schweiz  und  ordnet den Vollzug an; dabei ist der Grundsatz der Einheit der Familie zu  berücksichtigen  (Art.  44  Abs.  1  AsylG).  Nachdem  die  Ablehnung  des  Asylgesuches  zu  bestätigen  ist  und  die  Beschwerdeführenden –  abgesehen  vom  bisherigen  Asylbewerberstatus  –  keinen  ausländerrechtlichen Aufenthaltstitel besitzen oder beanspruchen können  ist auch die Anordnung der Wegweisung rechtmässig erfolgt (vgl. EMARK  2001 Nr. 21). 5.2.    Ist  der Vollzug der Wegweisung nicht möglich,  nicht  zulässig oder  nicht  zumutbar,  so  regelt  das  Bundesamt  das  Anwesenheitsverhältnis  nach den gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme von  Ausländern  (Art.  44  Abs.  2  AsylG,  Art.  83  Abs.  1  des  Bundesgesetzes  vom 16. Dezember 2006 über die Ausländerinnen und Ausländer  [AuG,  SR 142.20]). Der Vollzug ist nicht möglich, wenn die Ausländerin oder der  Ausländer weder in den Herkunfts­ oder in den Heimatstaat noch in einen  Drittstaat  ausreisen  oder  dorthin  gebracht  werden  kann.  Er  ist  nicht  zulässig,  wenn  völkerrechtliche  Verpflichtungen  der  Schweiz  einer  Weiterreise  der  Ausländerin  oder  des  Ausländers  in  den  Heimat­,  Herkunfts­ oder in einen Drittstaat entgegenstehen. Der Vollzug kann für  Ausländerinnen oder Ausländer unzumutbar sein, wenn sie in Situationen 

E­315/2007 wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und medizinischer Notlage im  Heimat­  oder  Herkunftsstaat  konkret  gefährdet  sind  (Art.  83  Abs.  2  ­  4  AuG). 5.3. Die erwähnten drei Bedingungen für einen Verzicht auf den Vollzug  der  Wiedererwägung  (Unzulässigkeit,  Unzumutbarkeit,  Unmöglichkeit)  sind  alternativer Natur:  Sobald  eine  von  ihnen  erfüllt  ist,  ist  der Vollzug  der  Wegweisung  als  undurchführbar  zu  betrachten  und  die  weitere  Anwesenheit  in  der  Schweiz  gemäss  den  Bestimmungen  über  die  vorläufige  Aufnahme  zu  regeln  (vgl.  BVGE  2009  Nr.  51  E.  5.4.  mit  weiteren Hinweisen). Bei der Prüfung der drei genannten Kriterien ist auf  die im Entscheidzeitpunkt bestehenden Verhältnisse abzustellen (EMARK  1997 Nr. 27 E. 4 f. S. 211). 5.4. Gemäss Art. 83 Abs. 4 AuG kann der Vollzug für Ausländerinnen und  Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat­ oder Herkunftsstaat auf  Grund  von  Situationen  wie  Krieg,  Bürgerkrieg,  allgemeiner  Gewalt  und  medizinischer  Notlage  konkret  gefährdet  sind.  Wird  eine  konkrete  Gefährdung  festgestellt,  ist  –  unter Vorbehalt  von Art.  83 Abs.  7 AuG –  die vorläufige Aufnahme zu gewähren (vgl. Botschaft zum Bundesgesetz  über  die  Ausländerinnen  und  Ausländer  vom  8.  März  2002,  BBl  2002  3818). Art. 83 Abs. 4 AuG stellt eine Kodifizierung der bisherigen Praxis  zur konkreten Gefährdung nach Art. 14a Abs. 4 des Bundesgesetzes vom  26. März 1931 über Aufenthalt und Niederlassung der Ausländer (ANAG,  BS  1  121)  dar  (vgl.  PETER  BOLZLI,  in:  Spescha/Thür/Zünd/Bolzli,  Kommentar  Migrationsrecht,  Zürich  2008,  Nr.  15  zu  Art.  83  AuG,  mit  Hinweisen). Dieser Praxis zufolge wird aus humanitären Gründen, nicht in  Erfüllung  völkerrechtlicher  Pflichten  der  Schweiz,  auf  den  Vollzug  der  Wegweisung  verzichtet,  wenn  die  Rückkehr  in  den  Heimatstaat  für  die  betroffene  Person  eine  konkrete  Gefährdung  darstellt.  Eine  solche  Gefährdung  kann  angesichts  der  im  Heimatland  herrschenden  allgemeinen  politischen  Lage,  die  sich  durch  Krieg,  Bürgerkrieg  oder  durch  eine  Situation  allgemeiner  Gewalt  kennzeichnet,  oder  aufgrund  anderer  Gefahrenmomente,  wie  beispielsweise  des  Fehlens  einer  notwendigen, aber dort nicht durchführbaren medizinischen Behandlung,  angenommen  werden.  Auch  eine  massive  Gefährdung  des  Kindswohls  kann, wie nachfolgend näher aufzuzeigen sein wird, gemäss Praxis des  Bundesverwaltungsgerichts  dazu  führen,  dass  auf  Unzumutbarkeit  des  Wegeweisungsvollzugs geschlossen werden muss. Die Bestimmung von  Art.  83  Abs.  4  AuG  findet  nämlich  mittels  einer  völkerrechtskonformen  Auslegung im Lichte von Art. 3 Abs.1 der Konvention vom 20. November  1989  über  die  Rechte  des  Kindes  (KRK,  SR  0.107)  Anwendung  auf  Kinder, bei denen ein Wegweisungsvollzug geradezu einer Entwurzelung 

E­315/2007 gleichkäme und damit dem Wohl des Kindes zuwiderlaufen würde. Somit  bildet  im Rahmen der Zumutbarkeitsprüfung das Wohl des Kindes einen  Gesichtspunkt  von  gewichtiger  Bedeutung.  Unter  diesem  Aspekt  sind  praxisgemäss  sämtliche Umstände einzubeziehen und  zu würdigen,  die  im  Hinblick  auf  eine  Wegweisung  wesentlich  erscheinen.  Namentlich  können folgende Kriterien im Rahmen einer gesamtheitlichen Beurteilung  von Bedeutung sein: Alter des Kindes, Reife, Abhängigkeiten, Art (Nähe,  Intensität,  Tragfähigkeit)  der  Beziehungen,  Eigenschaften  seiner  Bezugspersonen  (insbesondere  Unterstützungsbereitschaft  und  ­ fähigkeit),  Stand  und Prognose  bezüglich Entwicklung/Ausbildung, Grad  der  erfolgten  Integration  bei  einem  längeren  Aufenthalt  in  der  Schweiz.  Gerade  letzterer Aspekt, die Dauer des Aufenthaltes  in der Schweiz,  ist  im  Hinblick  auf  die  Prüfung  der  Chancen  und  Hindernisse  einer  Reintegration  im  Heimatland  als  gewichtiger  Faktor  zu  werten,  da  insbesondere  adoleszente  Kinder  nicht  ohne  guten  Grund  aus  einem  einmal  vertrauten  Umfeld  herausgerissen  werden  sollten.  Dabei  ist  aus  entwicklungspsychologischer Sicht nicht nur das unmittelbare persönliche  Umfeld des Kindes (d.h. dessen Kernfamilie) zu berücksichtigen, sondern  auch dessen übrige soziale Einbettung. Die  Verwurzelung in der Schweiz  kann  eine  reziproke  Wirkung  auf  die  Frage  der  Zumutbarkeit  des  Wegweisungsvollzugs  haben,  indem  eine  starke  Assimilierung  in  der  Schweiz  eine  Entwurzelung  im  Heimatstaat  zur  Folge  haben  kann,  welche  unter  Umständen  die  Rückkehr  dorthin  als  unzumutbar  erscheinen  lässt  (vgl.  BVGE  2009/28  E.  9.3.2  S.  367  f.  und  BVGE  2009/51 E. 5.6, je mit weiteren Hinweisen.). 5.5. Im Lichte dieser allgemeinen Ausführungen ist die Situation der vom  Wegweisungsvollzug  betroffenen  Familie  näher  zu  betrachten.  Der  Beschwerdeführer reiste nach dem Tod seiner Ehefrau beziehungsweise  Mutter der Kinder im Jahre 2006 zusammen mit seinen sechs Kindern in  die  Schweiz  ein.  Die  Kinder  waren  im  Zeitpunkt  der  Einreise  (…),  (…),  (…),  (…),  (…)  und  (…)  Jahre  alt.  Die  Kinder  wurden  in  P._______  eingeschult,  zwei  davon  besuchen  noch  heute  in  anderen  Dörfern  die  Schule. Den Akten ist zu entnehmen, dass sich nach dem Tod der Mutter  und auch nach der Einreise in die Schweiz vorwiegend die beiden älteren  Töchter  B._______  und  D._______  um  die  jüngeren  Geschwister  gekümmert  haben.  Zur  heutigen  Situation  der  drei  inzwischen  volljährig  gewordenen  Töchter  ist  Folgendes  aktenkundig:  B._______  scheint  die  Rolle der Mutter ihrer kleineren Geschwister übernommen zu haben und  betreut gleichzeitig ihren eigenen (…)­jährigen Sohn aus einer Beziehung  mit  einem  in  der  Schweiz  vorläufigen  aufgenommen  irakischen Kurden.  Laut Mitteilung der Rechtsvertreterin ist sie von diesem erneut schwanger  beziehungsweise  dürfte  das Kind mittlerweile  geboren  sein  (errechneter  Geburtstermin laut Arztzeugnis ist der (…)). D._______, welche im Jahre 

E­315/2007 2008 ein Zertifikat der "(…)" erworben hat, wird  im Dezember 2011 eine  Arbeitsstelle  antreten  (siehe  Schreiben  der  Arbeitgeberin).  Hinsichtlich  der  Tochter  E._______  liegen  dem  Gericht  ein  diesjähriges  Arbeitszeugnis betreffend  ihre Arbeit  in einem Alters­ und Pflegeheim  in  P._______  vor,  welches  sie  als  engagierte,  weiterzuempfehlende  Mitarbeiterin,  die  die  Arbeiten  zur  vollen  Zufriedenheit  erledigt  habe,  beschreibt.  Auch  der  Bericht  der  (…),  vom  18.  April  2011,  welche  E._______ in im erwähnten Pflegepraktikum begleitet haben, bezeichnet  diese als  engagiert,  interessiert  und aufmerksam. Sie  habe deshalb  die  Option, das Praktikum zu verlängern.  Sämtliche  sechs Kinder  halten  sich  seit  fünf  Jahren  in  der Schweiz  auf  und haben hier prägende Jahre ihrer Jugend und des Erwachsenwerdens  verbracht.  Während  Kindern  in  einem  anpassungsfähigen  Alter  die  Rückkehr in ihr Heimatland selbst nach einem mehrjährigen Aufenthalt im  Gastland  gemeinhin  zugemutet  wird,  verlangt  ein  Wegweisungsvollzug  eines  langjährig  anwesenden  Adoleszenten  eine  differenzierte  Betrachtung.  Abzuwägen  sind  dabei  insbesondere  die  besonderen  Bindungen,  welche  die  betreffende  Personen  im  Aufenthaltsstaat  eingegangen sind,  in dem sie massgeblich  ihre Erziehung erhalten, den  Grossteil  der  sozialen  Kontakte  geknüpft  und  ihre  eigene  Identität  entwickelt  haben. Die Gewichtung  der Aufenthaltsdauer  hat  sodann der  Intensität und Prägung des Aufenthalts Rechnung zu tragen. Die vorliegend vom Wegweisungsvollzug betroffenen (Kinder) haben als  Familienverband mit ihrem alleinerziehenden Vater unmittelbar nach dem  Tod der Mutter einen Lebensabschnitt in der Schweiz verbracht, der ihre  Persönlichkeit nachhaltig geprägt haben dürfte. Trotz  teilweise  ungenügender  schulischer  Leistungen  kann  den  eingereichten  Unterlagen  hinsichtlich  der  jüngeren  Kinder  entnommen  werden,  dass  deren  Integration  seit  2006  stetig  fortgeschritten  ist.  Hinsichtlich der heute (..)­jährigen Tochter G._______ geht aus den drei  Berichten  der Heilpädagogischen Schule  in Q._______  aus  den  Jahren  2010 und 2011 hervor, dass sie ein fröhliches, aufgestelltes Mädchen mit  einer guten Lernbereitschaft sei. Sie vermöge sich auf Deutsch recht gut  auszudrücken  und  pflege  eine  gute  Aussprache.  Sie  habe  eine  offene  und freundliche Art und einen guten Umgang. Sie akzeptiere die Regeln  des schulischen Zusammenlebens und begegne den Lehrpersonen und  Schülern  respektvoll.  G._______  habe  sich  gut  in  die  Klasse  integriert  und  sei  gut  sozialisiert.  Im  Umgang  mit  anderen  Menschen  habe  sie  keine Probleme. Sie sei sehr selbständig, was sicher auch mit ihrer nicht  sehr  einfachen  familiären  Situation  zusammenhänge,  und  sei  in  dieser  Hinsicht  ihrer Klassenkameradinnen einen grossen Schritt  voraus. Auch  die  heute  (…)­jährige,  zwischenzeitlich  aus  der  Schule  entlassene 

E­315/2007 F._______  hat  hinsichtlich  ihres  Sozialverhaltens  überdurchschnittliche  Bewertungen/Referenzen,  wie  den  eingereichten  Zeugnissen  der  Sekundarschule  (...)  sowie  den  zahlreichen  Schreiben  ihrer  früheren  Klassenkameraden  und  ­kameradinnen  entnommen  werden  kann.  Aus  den Unterlagen  geht  sodann  hervor,  dass  F._______  gegenwärtig  aktiv  auf  einer  Lehrstellensuche  als  (...)  ist.  Hinsichtlich  des  (…)­jährigen  H._______  liegen  dem  Gericht  Zeugnisse  der  Primarschule  (...)  der  letzten  vier  Jahre  vor.  Während  darin  die  schulischen  Leistungen,  abgesehen von den handwerklichen, musischen und sportlichen Fächern,  weitgehend  als  ungenügend  bezeichnet  werden,  ist  demgegenüber  die  Benotung  des  Arbeits­,  Lern­  und  Sozialverhaltens  überwiegend  positiv  ausgefallen.  Hinsichtlich  der  übrigen  drei  inzwischen  erwachsen  gewordenen Kinder liegen dem Gericht keine Referenzschreiben, jedoch  auch keinerlei Beanstandungen oder Strafbescheide vor. Aus diesen Erwägungen geht hervor, dass die Kinder unterdessen eine  weitgehende Adaptation an  tragende Vorstellungen der schweizerischen  Kultur und Lebensweise vollzogen haben. Gerade der Besuch der Schule  über  einen  Zeitraum  von  mehreren  Jahren  hinweg,  die  natürliche  Interaktion  mit  Klassenkameradinnen  und  ­kameraden  sowie  das  sukzessive Erlernen der deutschen Sprache dürfte insbesondere bei den  jüngeren  Kindern  eine weitreichende  Anpassung  an  die  schweizerische  Lebensweise  bewirkt  haben,  so  dass  die  abrupte  und  künstliche  Trennung  vom  gewohnten  Umfeld  sich  zwangsläufig  als  schwere  Hypothek  für  ihre  individuelle  Entwicklung  auswirken  würde.  Auch  angesichts  der  kulturellen  Differenzen  zwischen  der  Schweiz  und  der  Türkei  ist  die  Reintegration  mit  zunehmender  Dauer  der  Landesabwesenheit in Frage gestellt. Für die noch minderjährigen Kinder  F._______, G._______ und H._______ besteht bei dieser Sachlage eine  erhebliche  Gefahr,  dass  die  mit  einem  Vollzug  der  Wegweisung  verbundene Entwurzelung aus dem gewachsenen sozialen Umfeld in der  Schweiz  einerseits  und  die  sich  gleichzeitig  abzeichnende  Problematik  einer Reintegration in die ihnen vermutlich weitgehend fremd gewordene  Umgebung  anderseits  nach  dem  frühen  Verlust  der  Mutter  erneut  zu  starken Belastungen in ihrer jugendlichen Entwicklung führen würden, die  mit  dem  Schutzanliegen  des  Kindeswohls  nicht  vereinbar  wären  (vgl.  BVGE 2009 Nr. 28 E. 9.3.4 S. 368 f., BVGE 2009 Nr. 51 E. 5.6 und 5.8.2,  EMARK 2005 Nr. 6 E. 7.1 S. 58 f.). Auch  wenn  die  KRK  auf  im  Verlaufe  des  Asylverfahrens  volljährig  gewordene  Kinder  nicht  anwendbar  ist,  ist  dennoch  festzustellen,  dass  sich  in  solchen Fällen  die Frage  der Entwurzelung  ebenso  stellen  kann  (vgl.  Urteil  des  Bundesverwaltungsgerichts  E­4409/2007  und  E­ 4410/2007 vom 1. September 2011, mit weiteren Hinweisen auf Urteile, in 

E­315/2007 welchen  die  Entwurzelungsgefahr  von  volljährig  gewordenen  jungen  Erwachsenen bejaht wurde). Die  gegenwärtige  Situation  der  volljährig  gewordenen  Töchter  B._______, D._______ und E._______ wurde einleitend bereits skizziert.  Von  besonderem  Gewicht  erscheint  hier  nicht  nur  der  Umstand,  dass  diese im Zeitpunkt ihrer Einreise im prägenden Adoleszenzalter steckten,  sondern  insbesondere,  dass  diese  durch  die  weitgehende  Übernahme  der  Mutterrolle  Bindungen  von  nicht  zu  unterschätzender  Intensität  zu  den jüngeren Geschwistern eingegangen sind, deren (erneute) Auflösung  durch einen Wegweisungsvollzug weder  ihnen noch den minderjährigen  Kindern  zugemutet werden  sollte. Diesen Umstand gilt  es  vor  allem bei  der  Tochter  B._______  zu  berücksichtigen, welche  aufgrund  ihrer Rolle  innerhalb der Familie einen im Vergleich zu ihren Schwestern geringeren  Integrationsnachweis  beizubringen  vermochte. Auch  der Umstand,  dass  die  gesamte  Familie  gemeinsam  unter  einem  Dach  lebt,  zeugt  schliesslich davon,  dass die  jungen Erwachsenen eine enge Beziehung  zu  ihrem Vater und den minderjährigen Geschwistern pflegen. Dass die  Beschwerdeführenden  in  den  fünf  Jahren  ihres  Aufenthaltes  in  der  Schweiz  mit  den  hiesigen  Bindungen  vergleichbare  Beziehungen  mit  Bezugspersonen  ihres  Heimatlandes  unterhalten  hätten,  ist  nicht  aktenkundig.  Nach  dem  Gesagten  ist  zu  schliessen,  dass  auch  die  volljährig  gewordenen Kinder – wenn auch in unterschiedlichem Mass – durch das  hiesige  kulturelle  und  soziale  Umfeld  geprägt  worden  sind,  und  gleichermassen  wie  ihre  jüngeren  Geschwister  die  schweizerische  Lebensweise  weitgehend  adaptiert  haben.  Sie  würden  heute  im  Falle  einer  Rückkehr  somit  aus  einer  Lebensstruktur  herausgerissen,  welche  sich  in  bedeutender Weise  von  derjenigen  in  der  Türkei  unterscheiden  dürfte,  und  welche  während  der  letzten  Jahre  ihre  Persönlichkeitsentwicklung  und  ihren  Alltag  geprägt  hat.  Die  Verwurzelung in der Schweiz hat vorliegend auch auf die im Verlaufe des  Beschwerdeverfahrens volljährig gewordenen Beschwerdeführenden eine  reziproke Wirkung  auf  die  Zumutbarkeit  des Wegweisungsvollzuges,  ist  doch  ­  nebst  dem  Bruch  der  Bindungen  zu  den  minderjährigen  Geschwistern  und  der  damit  verbundenen  psychischen  Belastung  einer  Trennung  ­  davon  auszugehen,  dass  sie  im  Falle  einer  erzwungenen  Rückkehr  in  die  Türkei  mit  beträchtlichen  Reintegrationsschwierigkeiten  rechnen müssten.  6.  Im Rahmen einer Gesamtwürdigung der genannten Aspekte – die relativ  lange Anwesenheitsdauer der Familie, das Kindeswohl  in Bezug auf die  minderjährigen  Kinder;  das  Verbringen  des  Grossteils  der  Adoleszenz 

E­315/2007 bzw. jungen Erwachsenenlebens in der Schweiz in Bezug auf die älteren  Kinder,  die  Adaption  an  die  hiesigen  Verhältnisse  und  die  durch  den  frühen  Tod  der Mutter  entstandenen Bindungen  innerhalb  der  Familie –  gelangt  das  Bundesverwaltungsgericht  zum  Schluss,  dass  der  Vollzug  der  Wegweisung  der  minder­  und  volljährigen  Kinder  zum  heutigen  Zeitpunkt als nicht (mehr) zumutbar zu erachten ist.  7.  Gemäss  Art.  44  Abs.  1  AsylG  ist  beim  Vollzug  einer  angeordneten  Wegweisung der "Grundsatz der Einheit der Familie" zu berücksichtigen.  In personeller Hinsicht umfasst der Begriff der Familie  insbesondere die  Eltern und die minderjährigen Kinder.  Unter  dem  Begriff  der  "Einheit  der  Familie"  ist  zu  verstehen,  dass  Mitglieder  der  Kernfamilie  nicht  voneinander  getrennt  werden,  sondern  faktisch zusammen leben können, und dass der Familie nach Möglichkeit  ein einheitlicher Rechtsstatus eingeräumt wird (vgl. EMARK 1995 Nr. 24).  Art.  44 Abs.  1  AsylG  kommt  in  diesem Zusammenhang  eine  Tragweite  zu,  die  über  die  aus  Art.  8  EMRK  abgeleiteten  Rechtsansprüche  auf  Erteilung  einer  Aufenthaltsbewilligung  hinausgeht,  indem  die  vorläufige  Aufnahme des einen Familienmitglieds in der Regel auch zur vorläufigen  Aufnahme der anderen Familienangehörigen führt. Dem  erwähnten  Grundsatz  Rechnung  tragend,  ist  angesichts  der  vorläufigen Aufnahme der minderjährigen Kinder auch der Vater vorläufig  aufzunehmen.  Ebenfalls  gestützt  auf  Art.  44  Abs.  1  AsylG  ist  der  (…)jährige  Sohn  von  B._______,  C._______,  sowie  ein  allfällig  bereits  geborenes  zweites  Kind  von  B._______  in  die  vorläufige  Aufnahme  seiner Mutter  miteinzubeziehen. 8.  Aus den Akten ergeben sich ferner keine Hinweise auf ein unbotmässiges  Verhalten der Beschwerdeführenden, welches eine nähere Prüfung unter  dem  Gesichtspunkt  von  Art.  83  Abs.  7  AuG  bedingen  würde.  Die  Voraussetzungen  für  eine  vorläufige  Aufnahme  in  der  Schweiz  gemäss  Art. 83 Abs. 4 AuG sind damit gegeben.  9.  Zusammenfassend  ergibt  sich,  dass  die  Beschwerde  gutzuheissen  ist,  soweit  sie  die  Frage  des  Wegweisungsvollzuges  betrifft.  Die  vorinstanzliche  Verfügung  vom  13.  Dezember  2006  ist  demnach  in  diesem  Punkt  aufzuheben  und  die  Vorinstanz  ist  anzuweisen,  die  Beschwerdeführenden wegen Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs 

E­315/2007 in der Schweiz vorläufig aufzunehmen. Für den Rest ist die Beschwerde  abzuweisen. 10.  Den  Beschwerdeführenden  wurde  mit  Instruktionsverfügung  vom  6.  Februar 2007 die unentgeltliche Rechtspflege  im Sinne von Art. 65 Abs. 1  und  2  VwVG  gewährt.  Die  im  Rubrum  erwähnte  Rechtsanwältin  wurde  den Beschwerdeführenden als amtlicher Rechtsbeistand beigeordnet.  Bei dieser Sachlage werden keine Verfahrenskosten erhoben. Die für die  Beschwerdeerhebung  entstandenen  Kosten  sind  den  Beschwerdeführenden sodann zu vergüten. Die  Rechtsvertreterin  hat  in  ihrer  Eingabe  vom  2.  August  2011  einen  Aufwand für das Beschwerdeverfahren von 31 Stunden und 45 Minuten,  einen Stundenansatz von Fr. 250.­ sowie Spesen von Fr. 180.30 geltend  gemacht.  Für  die  in  der Kostennote  nicht mehr  berücksichtigte Eingabe  vom  4.  November  2011  veranschlagt  das  Gericht  einen  Aufwand  von  einer  weiteren  Stunde.  Indessen  kann  der  in  der  Kostennote  ausgewiesene  zeitliche  Aufwand  nicht  als  vollumfänglich  angemessen  erachtet  werden;  namentlich  erachtet  das  Gericht  den  wiederholt  ausserhalb  der  Einreichung  konkreter  Rechtsschriften  für  Aktenstudium  aufgeführten  Aufwand  (so  die  Einträge  in  der  Kostennote  vom  9.  Dezember 2009, 25. Mai 2011 oder 21. Juli 2011) als nicht vollumfänglich  notwendig. Gestützt auf die massgeblichen Bestimmungen (vgl. Art. 7 ff.  des  Reglements  vom  21.  Februar  2008  über  die  Kosten  und  Entschädigungen  vor  dem  Bundesverwaltungsgericht  [VGKE,  SR  173.320.2])  veranschlagt  das  Gericht  den  Gesamtaufwand  der  Rechtsvertreterin  auf  Fr.  8'000.­  (inklusive  Auslagen  und  Mehrwertsteuer). Angesichts  des  teilweisen  Obsiegens  wird  das  BFM  angewiesen,  den  Beschwerdeführenden  für  die  Hälfte  des  geltend  gemachten  Betrages  eine  Parteientschädigung,  ausmachend  Fr.  4'000.­  (inklusive  Auslagen  und Mehrwertsteuer), zu entrichten. Die andere Hälfte in der Höhe von Fr.  4'000.­  (ebenfalls  inklusive  Auslagen  und  Mehrwertsteuer)  wird  den  Beschwerdeführenden  im  Rahmen  der  Gewährung  der  unentgeltlichen  Verbeiständung  gemäss  Art.  65  Abs.  2  VwVG  durch  das  Bundesverwaltungsgericht entrichtet. 

E­315/2007 (Dispositiv nächste Seite)

E­315/2007 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1.  Die Beschwerde wird insoweit gutgeheissen, als die Anordnung einer  vorläufigen Aufnahme beantragt wird. Im Übrigen wird sie abgewiesen. 2.  Die  Verfügung  vom  13.  Dezember  2006  wird  betreffend  der  Dispositivziffern 4 und 5 aufgehoben und das BFM wird angewiesen, die  Beschwerdeführenden in der Schweiz vorläufig aufzunehmen. 3.  Es werden keine Verfahrenskosten auferlegt.  4.  Das  BFM  wird  angewiesen,  den  Beschwerdeführenden  eine  Parteientschädigung  in  der  Höhe  von  Fr.  4'000.­  zu  entrichten.  Der  restliche  Aufwand  in  der  Höhe  von  Fr.  4'000.­  wird  den  Beschwerdeführenden  im  Rahmen  der  Gewährung  der  amtlichen  Verbeiständung gemäss Art. 65 Abs. 2 VwVG entschädigt.  5.  Dieses  Urteil  geht  an  die  Beschwerdeführenden,  das  BFM  und  die  zuständige kantonale Behörde. Die vorsitzende Richterin: Die Gerichtsschreiberin: Christa Luterbacher Gabriela Oeler Versand:

E-315/2007 — Bundesverwaltungsgericht 30.11.2011 E-315/2007 — Swissrulings