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Bundesverwaltungsgericht 08.08.2011 E-3075/2008

8. August 2011·Deutsch·CH·CH_BVGE·PDF·1,830 Wörter·~9 min·3

Zusammenfassung

Wegweisung und Wegweisungsvollzug (Beschwerde gegen Wiedererwägungsentscheid) | Nichteintreten auf Wiedererwägungsgesuch; Verfügung des BFM vom 9. April 2008

Volltext

Bundesve rwa l t ungsge r i ch t T r i buna l   adm in istratif   f édé ra l T r i buna l e   ammin istrati vo   f ede ra l e T r i buna l   adm in istrativ   f ede ra l Abteilung V E­3075/2008 Urteil   v om   8 .   Augus t   2011   Besetzung Richter Walter Stöckli (Vorsitz), Richter Bruno Huber, Richterin Gabriela Freihofer,  Gerichtsschreiberin Esther Karpathakis. Parteien A._______ und ihre Tochter B._______, Moldova, vertreten durch Suzanne Stotz, Zürcher Beratungsstelle für  Asylsuchende, Bertastrasse 8, Postfach 8036, 8036 Zürich, gegen Bundesamt für Migration (BFM), Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz.  Gegenstand Nichteintreten auf Wiedererwägungsgesuch; Verfügungen  des BFM vom 14. März 2008 und 9. April 2008 / N_______.

E­3075/2008 Sachverhalt: A.  A.a. Die Beschwerdeführerin verliess Moldova  laut eigenen Angaben  im  Dezember  2003  und  gelangte  nach  C._______.  Nach  einem  viermonatigen  Aufenthalt  hat  sie  zusammen  mit  ihrem  Ehemann  C._______ verlassen und ist am 14. Mai 2004 in die Schweiz gelangt. Am  selben  Tag  reichten  die  Eheleute  im  Empfangszentrum  Chiasso  Asylgesuche ein.  A.b. Am 19. Mai 2004  fand  in Chiasso die summarische Befragung der  Beschwerdeführerin  zum  Reiseweg  und  zu  den  Ausreisegründen  statt,  und  am  26.  Mai  2004  wurde  sie  am  selben  Ort  zu  ihren  Asylgründen  angehört.  Sie  machte  geltend,  sie  stamme  aus  der  in  Transnistrien  gelegenen  Stadt  D._______.  Ihr  Heimatland  habe  sie  verlassen,  um  in  C._______  zu  heiraten.  Da  ihr  Ehemann  von  einflussreichen  Privatpersonen  bedroht  worden  sei,  die  von  ihm  Geld  verlangt  hätten,  seien sie ausgereist.  A.c. Das Asylgesuch des Ehemannes der Beschwerdeführerin wurde mit  Verfügung  des  damals  zuständigen  Bundesamtes  für  Flüchtlinge  (BFF)  vom 2.  Juni  2004  abgewiesen.  Auf  die  dagegen  erhobene Beschwerde  trat  die  damals  zuständige  Beschwerdeinstanz,  die  Schweizerische  Asylrekurskommission  (ARK),  mangels  Nachreichung  einer  Beschwerdeverbesserung  und  Leistung  eines  Kostenvorschusses  mit  Urteil vom 27. Juli 2004 nicht ein, womit die BFF­Verfügung rechtskräftig  wurde. Der Beschwerdeführer verliess die Schweiz kontrolliert am 17. Mai  2005 nach C._______. A.d.  Mit  Verfügung  vom  3.  Juni  2004  verneinte  das  BFF  die  Flüchtlingseigenschaft der Beschwerdeführerin, lehnte ihr Asylgesuch ab,  wies sie aus der Schweiz weg und ordnete den Wegweisungsvollzug an.  Zur  Begründung  hielt  es  im Wesentlichen  fest,  die  Beschwerdeführerin  mache  keine  persönlichen Asylmotive  geltend. Die  von  ihrem Ehemann  geltend  gemachte  Verfolgung  habe  sich  als  unglaubhaft  erwiesen,  weshalb  sie  ihrem Heimatstaat  nichts  zu befürchten habe. Sie  sei  jung,  gesund  und  verfüge  in  C._______  und  in  Moldova  über  ein  Beziehungsnetz,  weshalb  der  Wegweisungsvollzug  zulässig,  zumutbar  und möglich sei. Mit Urteil vom 27. Juli 2004 trat die ARK auf die gegen  die  BFF­Verfügung  erhobene  Beschwerde  wegen  Nichtbezahlung  des  Kostenvorschuss nicht ein.

E­3075/2008 B.  B.a. Mit einem Wiedererwägungsgesuch vom 27. Februar 2008 liess die  Beschwerdeführerin beim BFM die Aufhebung der Verfügung vom 3. Juni  2004  im Wegweisungsvollzugspunkt  und die Anordnung der  vorläufigen  Aufnahme  der  Beschwerdeführenden  aufgrund  des  angeblich  unzumutbaren Wegweisungsvollzugs beantragen.  Zur  Begründung  machte  die  Beschwerdeführerin  im  Wesentlichen  geltend,  sie  sei  gesundheitlich  schwer  angeschlagen,  weshalb  im  Vergleich  zum  Zeitpunkt  der  BFF­Verfügung  eine  erheblich  veränderte  Sachlage  vorliege.  Die  behandelnden  Ärzte  hätten  eine  HIV­  und  eine  Hepatitis  C­Infektion  diagnostiziert.  Sie  benötige  deshalb  regelmässige  ärztliche Kontrollen; ausserdem nehme sie aufgrund ihrer Heroinsucht an  einem  Methadon­Programm  teil.  Die  von  ihr  benötigte  medizinische  Betreuung  sei  in  Moldova  nicht  gewährleistet,  weshalb  sich  bei  einem  Vollzug  der  Wegweisung  ihr  Gesundheitszustand  lebensbedrohlich  verschlechtern  würde.  Zusammen  mit  dem  Gesuch  liess  die  Beschwerdeführerin  einen  ärztlichen  Bericht  vom  4.  Januar  2008  einreichen.  B.b. Mit Zwischenverfügung vom 14. März 2008 erhob das BFM von der  Beschwerdeführerin einen Gebührenvorschuss im Betrag von Fr. 1200.−,  unter  der  Androhung,  bei  nicht  fristgerechter  Leistung  des Vorschusses  auf  das  Wiedererwägungsgesuch  nicht  einzutreten.  Zur  Begründung  führte  es  aus,  die  Beschwerdeführerin  könne  im  Falle  einer  Rückkehr  nach Moldawien mit adäquater medizinischer Hilfe sowie breitgefächerter  sozialer  Unterstützung  rechnen,  weshalb  sich  das  Wiedererwägungsgesuch als aussichtslos erweise. B.c.  Mit  Verfügung  vom  9.  April  2008  trat  das  BFM  auf  das  Wiedererwägungsgesuch  der  Beschwerdeführerin  nicht  ein.  Zur  Begründung  stellte  es  fest,  der  eingeforderte  Gebührenvorschuss  sei  innert der angesetzten Frist nicht bezahlt worden.  C.  Mit  Rechtsmitteleingabe  vom  9. Mai  2008  liess  die  Beschwerdeführerin  die  BFM­Verfügung  vom  9.  April  2008  beim  Bundesverwaltungsgericht  anfechten.  Sie  machte  geltend,  ein  bei  der  Schweizerischen  Flüchtlingshilfe  (SFH)  in  Auftrag  gegebenes  Gutachten  komme  zum  Schluss,  dass  in  Moldova  zwar  grundsätzlich  kostenlose  Behandlungsmöglichkeiten  für  an  der  HIV­Infektion  erkrankte  Patienten 

E­3075/2008 zur  Verfügung  stünden.  Die  Situation  der  betroffenen  Personen  in  Transnistrien,  dem  Herkunftsort  der  Beschwerdeführerin,  sei  jedoch  prekärer als in den anderen Teilen der Republik Moldova. Zudem gebe es  dort  weder  Therapien  für  an  Hepatitis­C  erkrankte  Personen  noch  existierten  Methadon­Programme.  Ausserdem  seien  die  mit  HIV  und  Hepatitis C  infizierten Personen  in Transnistrien mit Stigmatisierung und  Diskriminierung  konfrontiert.  Das  vom  BFM  erwähnte  soziale  Netz  in  ihrem  Heimatstaat  sei  nicht  tragfähig.  Insgesamt  habe  das  BFM  den  Vollzug der Wegweisung zu Unrecht als zumutbar qualifiziert. In formeller  Hinsicht  beantragte  die  Beschwerdeführerin  die  Gewährung  der  unentgeltlichen Prozessführung.  Mit  der Beschwerde wurden Fotokopien  des  erwähnten SFH­Gutachten  sowie der beiden angefochtenen Verfügungen des BFM eingereicht. D.  D.a.  Mit  Zwischenverfügung  vom  14.  Mai  2008  setzte  der  Instruktionsrichter  des  Bundesverwaltungsgerichts  den  Vollzug  der  Wegweisung vorsorglich aus. Mit Zwischenverfügung vom 16. Mai 2008  setzte  er  den  Vollzug  der  Wegweisung  für  die  Dauer  des  Verfahrens  definitiv  aus,  hiess  das  Gesuch  um  Gewährung  der  unentgeltlichen  Prozessführung  gut  und  forderte  die  Beschwerdeführerin  auf,  an  der  Erstellung des Sachverhaltes mitzuwirken. D.b.  Am  26.  Mai  2008  liess  die  Beschwerdeführerin  eine  Fürsorgebestätigung  einreichen.  In  ihrer  Eingabe  vom  2.  Juni  2008  machte  sie  ergänzende  Angaben  zum  Sachverhalt  und  legte  dem  Schreiben einen ärztlichen Bericht des Universitätsspitals Zürich vom 14.  Januar  2008  bei.  Innert  erstreckter  Frist  reichte  sie  ferner  den  Bericht  einer die Beschwerdeführerin behandelnden Psychotherapeutin vom 12.  Juni 2008 ein. E.  E.a. Am 20. Juni 2008  lud das Bundesverwaltungsgericht das BFM zum  Schriftenwechsel  ein.  Die  Vorinstanz  hielt  in  ihrer  vom  8.  Juli  2008  datierenden  Vernehmlassung  ergänzend  fest,  dass  die  kostenlose  Behandlung  von  HIV­infizierten  Personen  auch  in  Transnistrien  gewährleistet sei. Zudem sei ein moldawischer Reisepass  für Bewohner  Transnistriens  problemlos  erhältlich,  und mit  einem  solchen  könne  sich  die  Beschwerdeführerin  auch  ausserhalb  Transnistriens  in  Moldova  behandeln lassen. 

E­3075/2008 E.b. Innert erstreckter Frist machte die Beschwerdeführerin am 5. August  2008  von dem  ihr mit  Zwischenverfügung  vom 25.  Juli  2008 gewährten  Recht auf Replik Gebrauch und monierte, das BFM trage der speziellen  gesundheitlichen,  finanziellen  und  sozialen  Situation  der  Beschwerdeführerin nicht genügend Rechnung. F.  Mit Eingabe vom 4. August 2009 machte die Beschwerdeführerin geltend,  ihr  Gesundheitszustand  sei  instabil,  neue  Erkrankungen  seien  hinzugekommen.  Gleichzeitig  reichte  sie  ein  ärztliches  Zeugnis  des  Universitätsspitals Zürich vom 17. Juni 2009 zu den Akten. G.  Am  9.  Juni  2010  liess  die  Beschwerdeführerin  mitteilen,  sie  sei  schwanger, und der Geburtstermin falle auf Anfang September 2010. H.  Die Tochter B._______ wurde am 16. August 2010 geboren. I.  Mit  Zwischenverfügung  vom  16.  März  2011  forderte  das  Bundesverwaltungsgericht  die  Beschwerdeführerin  auf,  den Sachverhalt  zu  aktualisieren.  Diese  reichte  mit  Eingabe  vom  4.  April  2011  zwei  Arztberichte  ein,  welche  sich  zu  ihrer  gesundheitlichen  Situation  und  medizinischen Behandlung und derjenigen ihrer Tochter äusserten.  Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1.  1.1. Gemäss Art. 31 des Verwaltungsgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005  (VGG, SR 173.32) beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Beschwerden  gegen Verfügungen nach Art. 5 des Bundesgesetzes vom 20. Dezember  1968  über  das  Verwaltungsverfahren  (VwVG,  SR 172.021).  Das  BFM  gehört zu den Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz  des  Bundesverwaltungsgerichts.  Eine  das  Sachgebiet  betreffende  Ausnahme  im  Sinne  von  Art. 32  VGG  liegt  nicht  vor.  Das  Bundesverwaltungsgericht  ist  daher  zuständig  für  die  Beurteilung  der  vorliegenden  Beschwerde  und  entscheidet  auf  dem  Gebiet  des  Asyls  endgültig,  ausser  bei  Vorliegen  eines  Auslieferungsersuchens  des  Staates,  vor  welchem  die  beschwerdeführende  Person  Schutz  sucht 

E­3075/2008 (Art. 105 des Asylgesetzes vom 26. Juni 1998 [AsylG, SR 142.31]; Art. 83  Bst. d  Ziff. 1  des  Bundesgerichtsgesetzes  vom  17. Juni  2005  [BGG,  SR 173.110]). 1.2. Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, soweit das VGG nichts  anderes bestimmt (Art. 37 VGG). 1.3. Anfechtungsgegenstand ist nicht nur die Verfügung des BFM vom  9.  April  2008,  mit  welcher  auf  das  Wiedererwägungsgesuch  mangels  Bezahlung  des  Gebührenvorschusses  nicht  eingetreten  worden  ist,  sondern  auch  die  erst  mit  dem  Endentscheid  anfechtbare  Zwischenverfügung des BFM vom 14. März 2008, mit welcher dieses den  Gebührenvorschuss  mit  der  Begründung,  das Wiedererwägungsgesuch  sei aussichtslos, eingefordert hat. 1.4.  Die  Beschwerde  ist  frist­  und  formgerecht  eingereicht.  Die  Beschwerdeführerin ist durch die angefochtenen Verfügungen besonders  berührt  und  hat  ein  schutzwürdiges  Interesse  an  deren  Aufhebung  beziehungsweise  Änderung;  sie  ist  daher  zur  Einreichung  der  Beschwerde legitimiert (Art. 105 und Art. 108 Abs. 1 AsylG, Art. 48 Abs. 1  sowie Art. 52 VwVG). Auf die Beschwerde ist einzutreten. 1.5.  Die  während  des  Beschwerdeverfahrens  geborene  Tochter  B._______ wird  in  das  Verfahren  ihrer Mutter,  der  Beschwerdeführerin,  eingeschlossen. 2.  Mit  Beschwerde  kann  die  Verletzung  von  Bundesrecht,  die  unrichtige  oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts und  die Unangemessenheit gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG). 3.  3.1. Die Wiedererwägung im Verwaltungsverfahren ist ein gesetzlich nicht  geregelter  Rechtsbehelf,  auf  dessen  Behandlung  durch  die  verfügende  Behörde  grundsätzlich  kein  Anspruch  besteht.  Gemäss  herrschender  Lehre  und  ständiger Praxis  des Bundesgerichts wird  jedoch aus Art. 29  der  Bundesverfassung  der  Schweizerischen  Eidgenossenschaft  vom  18. April  1999  (BV,  SR 101)  unter  bestimmten  Voraussetzungen  ein  verfassungsmässiger  Anspruch  auf  Wiedererwägung  abgeleitet  (vgl.  BGE 127 I 133 E. 6, mit weiteren Hinweisen). Danach  ist unter anderem  dann  auf  ein  Wiedererwägungsgesuch  einzutreten,  wenn  sich  der  rechtserhebliche  Sachverhalt  seit  dem  ursprünglichen  Entscheid 

E­3075/2008 beziehungsweise  seit  dem  Urteil  der  mit  Beschwerde  angerufenen  Rechtsmittelinstanz  in  wesentlicher Weise  verändert  hat  und mithin  die  ursprüngliche  (fehlerfreie)  Verfügung  an  nachträglich  eingetretene  Veränderungen  der  Sachlage  anzupassen  ist  (vgl.  Entscheidungen  und  Mitteilungen  der Schweizerischen Asylrekurskommission  [EMARK]  2003  Nr. 7  E. 1).  Wiedererwägungsentscheide  können,  wie  die  ursprüngliche  Verfügung,  auf  dem  ordentlichen  Rechtmittelweg  an  das  Bundesverwaltungsgericht weitergezogen werden. 3.2.  Gemäss  Art.  17b  AsylG  erhebt  das  BFM  eine  Verfahrensgebühr,  wenn  eine  Person  nach  rechtskräftigem  Abschluss  ihres  Asyl­  und  Wegweisungsverfahrens  ein  Wiedererwägungsgesuch  einreicht,  sofern  es das Gesuch ablehnt oder darauf nicht eintritt. Das BFM kann von der  gesuchstellenden  Person  einen  Gebührenvorschuss  in  der  Höhe  der  mutmasslichen Verfahrenskosten verlangen. Es setzt zu dessen Leistung  unter Androhung, dass  im Säumnisfall auf das Gesuch nicht eingetreten  werde,  eine  angemessene  Frist  an.  Auf  die  Erhebung  eines  Gebührenvorschusses  wird  unter  anderem  von  Amtes  wegen  oder  auf  Gesuch hin verzichtet, wenn die gesuchstellende Person bedürftig ist und  ihre Begehren nicht von vornherein aussichtslos erscheinen. 3.3.  Gemäss  Art.  29  Abs.  3  BV  hat  jede  Person,  die  nicht  über  die  erforderlichen Mittel verfügt, auf Gesuch hin Anspruch auf die Gewährung  der  unentgeltlichen  Rechtspflege,  wenn  ihr  Rechtsbegehren  nicht  aussichtslos  erscheint.  Soweit  es  zur Wahrung  ihrer  Rechte  notwendig  ist, hat sie unter den gleichen Voraussetzungen ausserdem Anspruch auf  die Beigabe eines unentgeltlichen Rechtsbeistandes. Dieser Anspruch gilt  als  verfassungsmässige  Minimalgarantie  auch  in  Verwaltungsverfahren.  Für  das  hier  interessierende  Verfahren  vor  dem  BFM  wird  der  verfassungsrechtliche  Anspruch  auf  unentgeltliche  Rechtspflege  durch  Art. 17b Abs. 2 AsylG konkretisiert. Aussichtslos  sind  nach  der  bundesgerichtlichen  Rechtsprechung  Prozessbegehren, bei denen die Gewinnaussichten beträchtlich geringer  sind  als  die  Verlustgefahren  und  die  deshalb  kaum  als  ernsthaft  bezeichnet  werden  können.  Dagegen  gilt  ein  Begehren  nicht  als  aussichtslos, wenn sich Gewinnaussichten und Verlustgefahren ungefähr  die  Waage  halten  oder  jene  nur  wenig  geringer  sind  als  diese.  Massgebend  ist,  ob  eine  Partei,  die  über  die  nötigen  finanziellen Mittel  verfügt, sich bei vernünftiger Überlegung zu einen Prozess entschliessen  würde. Ob im Einzelfall genügende Erfolgsaussichten bestehen, beurteilt 

E­3075/2008 sich nach den Verhältnissen zur Zeit,  in der das Gesuch um Gewährung  der  unentgeltlichen  Rechtspflege  gestellt  wird,  und  gestützt  auf  eine  summarische  Betrachtungsweise  (vgl.  BGE  133  III  614  E.  5;  Urteil  des  Bundesverwaltungsgericht  A­1411/2007  vom  18.  Juni  2007  E.  2,  mit  Hinweisen auf die einschlägige bundesgerichtliche Rechtsprechung). 4.  4.1. Die  Beschwerdeführerin  hat  ihr  Wiedererwägungsgesuch  mit  ihren  nach  rechtskräftigem  Abschluss  des  Asylverfahrens  ausgebrochenen  Krankheiten begründet. Ein Vollzug der Wegweisung sei deswegen nicht  mehr  zulässig,  zumindest  nicht  mehr  zumutbar.  Damit  hat  sie  eine  Änderung des rechtserheblichen Sachverhalts geltend gemacht, wodurch  sie  Anspruch  auf Wiedererwägung  hatte.  Das  BFM  ist  denn  auch  nicht  mangels Anspruchs, sondern aus  formellen Gründen –  infolge des nicht  geleisteten Gebührenvorschusses – auf das Gesuch nicht eingetreten. 4.2. Gegenstand des vorliegenden Verfahrens ist nach dem Gesagten die  Frage,  ob  das  BFM  zu  Recht  von  der  Beschwerdeführerin  einen  Gebührenvorschuss  erhoben  hat  beziehungsweise  ob  seine  Einschätzung,  dem  Wiedererwägungsgesuch  fehle  es  an  Erfolgsaussichten,  zutreffend war,  und  ob  die  nach Nichtbezahlung  des  Gebührenvorschusses  erlassene  Nichteintretensverfügung  zu  Recht  erfolgt  ist. Die Beschwerdeführerin  rügt  in der Beschwerde sinngemäss,  das BFM sei  in seiner Zwischenverfügung vom 14. März 2008 – welche  erst  zusammen  mit  der  Endverfügung  angefochten  werden  kann  (vgl.  BVGE  2007/18  E.  4)  –  zu  Unrecht  von  der  Aussichtslosigkeit  ihres  Wiedererwägungsgesuches  ausgegangen.  Angesichts  ihrer  Infizierung  mit dem HI­ und dem Hepatitis C­Virus sowie ihrer Heroinsucht sei sie auf  regelmässige  ärztliche  Kontrollen  angewiesen.  Diese  seien  an  ihrem  Herkunftsort  nicht  gewährleistet.  Insgesamt  sei  der  Vollzug  der  Wegweisung unzulässig beziehungsweise unzumutbar. 5.  5.1.  Ist  der  Vollzug  der  Weg­  oder  Ausweisung  nicht  möglich,  nicht  zulässig  oder  nicht  zumutbar,  so  verfügt  das  BFM  die  vorläufige  Aufnahme (Art. 83 Abs. 1 des Bundesgesetzes vom 16. Dezember 2005  über die Ausländerinnen und Ausländer  [AuG, SR 142.20]). Der Vollzug  ist nicht möglich, wenn die Ausländerin oder der Ausländer weder in den  Heimat­  oder  in  den  Herkunftsstaat  noch  in  einen  Drittstaat  ausreisen  oder dorthin gebracht werden kann. Der Vollzug  ist nicht zulässig, wenn  völkerrechtliche  Verpflichtungen  der  Schweiz  einer  Weiterreise  der 

E­3075/2008 Ausländerin  oder  des  Ausländers  in  den  Heimat­,  Herkunfts­  oder  in  einen  Drittstaat  entgegenstehen.  Der  Vollzug  kann  für  Ausländerinnen  oder  Ausländer  unzumutbar  sein,  wenn  sie  in  Situationen  wie  Krieg,  Bürgerkrieg,  allgemeiner  Gewalt  und medizinischer  Notlage  im  Heimat­  oder Herkunftsstaat konkret gefährdet sind (Art. 83 Abs. 2 ­ 4 AuG). 5.2.  Im  für  die  Beurteilung  der  Erfolgschancen  des  Wiedererwägungsgesuches  massgeblichen  Zeitpunkt  lag  dem  BFM  der  ärztliche  Bericht  vom  4.  Januar  2008  vor.  Der  damals  schon  seit  über  zwei Jahren behandelnde Arzt diagnostizierte für die Beschwerdeführerin  einerseits  einen  Status  nach  Heroinsucht  mit  erfolgreicher  Methadon­ Therapie und anderseits die Infektion mit dem "Human Immunodeficiency  Virus"  (HIV)  und  dem  Hepatitis  C­Virus  (HCV).  Die  Infektionsleiden  bedürften  aktuell,  abgesehen  von  regelmässigen  vierteljährlichen  Kontrollen,  keiner Behandlung.  In  durchschnittlich monatlichem Abstand  seien  Urinproben  zu  nehmen  und  bis  auf  weiteres  sei  Methadon  abzugeben. Hinsichtlich einer Prognose hielt der Arzt fest, in der Schweiz  seien  beim  Auftreten  der  entsprechenden  Viren  im  Blut  die  Behandlungsmöglichkeiten gegeben, um einen Ausbruch der Krankheiten  zu  verhindern,  im  Heimatland  nicht.  Ohne  Behandlung  sei  von  einem  wahrscheinlichen  Krankheitsausbruch  hinsichtlich  der  beiden  Virusinfektionen  im Laufe  der  kommenden  zehn  Jahre  auszugehen, mit  Behandlung sei die Prognose gut, bei normaler Lebenserwartung. 5.3.  In  seiner  Zwischenverfügung  vom  14.  März  2008  legte  das  BFM  ausführlich  dar,  dass  regelmässige  Kontrollen  und wirksame HIV/AIDS­ Therapien  in  Moldova  zur  Verfügung  stünden.  Das  breit  abgestützte  Programm  werde  im  ganzen  Land,  einschliesslich  Transnistrien,  durchgeführt  und  sei  kostenlos.  Zudem  beinhalte  das  Programm  auch  durch  verschiedene  nichtstaatliche  Organisationen  auf  der  Gemeindeebene  sichergestellte  finanzielle,  soziale  und  psychologische  Unterstützung.  Seit  November  2004  existiere  in  Moldova  zudem  eine  Methadon­Ersatztherapie.  Es  besteht  für  das  Gericht  kein  Anlass,  daran  zu  zweifeln,  dass  diese  Feststellungen  des  BFM  im  massgeblichen  Zeitpunkt  zutrafen  und  die  von der Beschwerdeführerin im Hinblick auf ihre HIV­Infektion benötigten  ärztlichen  Leistungen  also  grundsätzlich  in  Moldova  (auch  an  ihrem  Herkunftsort  Transnistrien)  kostenlos  zur  Verfügung  standen,  zumal  sie  durch  das  auf  Beschwerdestufe  eingereichte  SFH­Gutachten  gestützt  werden. 

E­3075/2008 5.4. Demgegenüber blieben  im massgeblichen Zeitpunkt  offene Fragen.  Zum  einen  äussert  sich  das  BFM  in  seiner  Einschätzung  der  Erfolgschancen  zur  Behandelbarkeit  der  HCV­Infektion  der  Beschwerdeführerin  überhaupt  nicht.  Dem  erwähnten  SFH­Gutachten,  das  sich  in  diesem  Punkt  auf  Angaben  der  WHO  stützte,  ist  zu  entnehmen,  dass  es  zur  Behandlung  von  HCV­Infektionen  in  Moldova  kein  regierungsfinanziertes  Programm  gebe,  wenn  es  auch  einmal  ein  Pilotprojekt  für  100  Patienten  gegeben  habe.  In  Transnistrien  bestehe  weder  die  Behandlungsmöglichkeit  für  HCV,  noch  gebe  es  Methadon­ Therapien. Auf Vernehmlassungsstufe räumt auch das BFM ein, dass es  zur  Behandlung  von  HCV­Infizierten  in  Moldova  keine  regierungsfinanzierten Programme gebe,  immerhin sei die Infektion aber  behandelbar. Zur Behandelbarkeit  in Transnistrien äussert es sich nicht.  Das BFM ging in seiner Verfügung zudem stillschweigend davon aus, die  Beschwerdeführerin  habe,  auch  wenn  sie  aus  Transnistrien  stamme,  Zugang zu Behandlungsmöglichkeiten  in Moldova, soweit diese nur dort  zur Verfügung stünden. In ihrer Vernehmlassung hält es präzisierend fest,  dass  sie  dazu  einzig  einen  moldawischen  Reisepass  benötige,  der  für  Bewohner Transnistriens problemlos erhältlich sei. Die SFH führt in ihrem  Gutachten aus, im Zusammenhang mit der medizinischen Betreuung und  Behandlung  könnten  Schwierigkeiten  auftreten,  wenn  die  betreffende  Person  nicht  über  einen  gültigen  Pass  oder  ein  anderes  gültiges  Identitätspapier  verfüge.  Den  BFM­Akten  ist  nun  aber  zu  entnehmen,  dass  die  Beschwerdeführerin  im  Rahmen  des  Asylverfahrens  keine  Papiere  abgegeben  hatte.  Aktenkundig  ist,  dass  seitens  der  Vollzugsbehörden  Schritte  unternommen  wurden,  um  die  seit  Sommer  2004  rechtskräftige  Wegweisung  zu  vollziehen.  Bei  der  Papierbeschaffung  hat  die  Beschwerdeführerin  mitgewirkt.  Dieser  Prozess  endet  allerdings  mit  einem  Schreiben  des  Ministry  of  Internal  Affairs of the Republic of Moldova vom (…), worin festgehalten wird, dass  keine  Person  mit  der  Identität  der  Beschwerdeführerin  als  Bürgerin  Moldovas  bekannt  sei.  Daraufhin  und  bis  zur  Einreichung  des  Wiedererwägungsgesuches  im  Februar  2008  sind  keine  Aktenvorgänge  zu  verzeichnen.  Es  bestanden  demzufolge  im  massgeblichen  Beurteilungszeitpunkt  der  Erfolgschancen  des  Wiedererwägungsgesuches Zweifel, ob die Beschwerdeführerin bei einer  Rückkehr  über  die  Papiere  verfügen  würde,  die  ihr  einen  Zugang  zu  medizinischer Behandlung ermöglichen würden, und darüber hinaus, ob  ein  Vollzug  der  Wegweisung  in  jenem  Zeitpunkt  überhaupt  technisch  durchführbar,  also möglich war.  Schliesslich  ist  ihr Einwand,  sie  fürchte  aufgrund ihrer Krankheiten und ihrer HIV­Infektion im Speziellen, in ihrem 

E­3075/2008 Heimatstaat  diskriminiert  und  stigmatisiert  zu  werden  und  erhöhte  Schwierigkeiten  beim  Zugang  zu  einer  Erwerbstätigkeit  zu  haben,  nicht  ohne  weiteres  von  der  Hand  zu  weisen,  namentlich  in  ihrem  Beruf  als  (…), wozu sich das BFM überhaupt nicht äussert. 5.5.  In  Anbetracht  aller  im  Zeitpunkt  der  Zwischenverfügung  des  BFM  vom 14. März 2008 bekannt  gewesenen Umstände und der  vorstehend  aufgezeigten,  damals  offenen  Fragen  in  wesentlichen  Punkten  kommt  das  Bundesverwaltungsgericht  zum  Schluss,  dass  das  BFM  das  Wiedererwägungsgesuch  in  seiner  summarischen  Beweiswürdigung  zu  Unrecht  als  aussichtslos  im  unter  Erwägung  3.3  umschriebenen  Sinne  erachtete.  In Anwendung von Art. 17b Abs. 2 und 3 AsylG hätte es auf  die Einforderung des Gebührenvorschusses verzichten müssen und das  Nichteintreten  mangels  Bezahlung  des  Gebührenvorschusses  nicht  verfügt  dürfen.  Die  Beschwerde  ist  demzufolge  gutzuheissen  und  die  beiden  angefochtenen  Verfügungen  sind  aufzuheben.  Das  BFM  ist  anzuweisen, das Wiedererwägungsverfahren fortzusetzen. Es wird dabei  dem  gegenwärtigen  Gesundheitszustand  der  Beschwerdeführerin  und  ihrer  Tochter  –  und  den  auf  Beschwerdestufe  eingereichten  ärztlichen  Berichten  vom  14.  Januar  2008  und  17.  Juni  2009  (…),  vom  22. März  2011 (Dr. …) und dem Bericht der behandelnden Psychotherapeutin vom  12.  Juni  2008  –  und  der  medizinischen  Behandlung  der  Beschwerdeführerin  und  ihres  Kindes  sowie  der  gegenwärtigen  Lebenssituation der beiden Rechnung zu tragen haben. 6.  Der  vom  Bundesverwaltungsgericht  angeordnete  Aussetzung  des  Wegweisungsvollzugs  bleibt  aufrechterhalten,  bis  das  BFM  über  das  Wiedererwägungsverfahren entschieden hat. 7.  Bei  diesem  Ausgang  des  Beschwerdeverfahrens  sind  keine  Kosten  zu  erheben (Art. 63 Abs. 1 VwVG). 8.  Der obsiegenden Partei  ist  für die  ihr erwachsenen notwendigen Kosten  von  Amtes  wegen  oder  auf  Begehren  eine  Parteientschädigung  auszurichten  (Art.  64  Abs.  1  VwVG,  Art.  7  des  Reglements  vom  21. Februar  2008  über  die  Kosten  und  Entschädigungen  vor  dem  Bundesverwaltungsgericht (VGKE, SR 173.320.2)

E­3075/2008 Die  bis  zur  Niederlegung  ihres  Mandats  am  9.  März  2010  für  die  Beschwerdeführerin  tätige  Rechtsvertretung  (Freiplatzaktion  Zürich)  stellte  pauschal  einen Betrag  von Fr.  500.−  in Rechnung. Eine weitere,  angekündigte Kostennote  reichte  sie bei  der Mandatsniederlegung nicht  ein, weshalb von diesem Betrag auszugehen ist. Der Zeitaufwand der seit  dem 26. April 2010 tätigen Rechtsvertretung (Zürcher Beratungsstelle für  Asylsuchende)  ist  auf  2  Stunden  zu  schätzen,  und  es  ist  von  einem  Stundenansatz  von  Fr.  150.−  und  Pauschalauslagen  von  Fr.  20.−  auszugehen. Daraus ergeben sich Vertretungskosten von Fr. 820.–. Das  BFM  ist  anzuweisen,  die  Beschwerdeführerin  in  diesem  Umfang  zu  entschädigen. Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1.  Die Beschwerde wird gutgeheissen und die Verfügungen des BFM vom  14. März 2008 (Erhebung eines Gebührenvorschusses) und 9. April 2008  (Nichteintreten)  werden  aufgehoben.  Das  BFM  wird  angewiesen,  das  Wiedererwägungsverfahren fortzusetzen. 2.  Der  Vollzug  der  Wegweisung  bleibt  bis  zum  Abschluss  des  Wiedererwägungsverfahrens vor dem BFM ausgesetzt.  3.  Es werden keine Verfahrenskosten erhoben. 4.  Das  BFM  wird  angewiesen,  der  Beschwerdeführerin  eine  Parteientschädigung von Fr. 820.− auszurichten. 5.  Dieses  Urteil  geht  an  die  Beschwerdeführerin,  das  BFM  und  die  zuständige kantonale Behörde. Der vorsitzende Richter: Die Gerichtsschreiberin:

E­3075/2008 Walter Stöckli Esther Karpathakis Versand:  

E­3075/2008 Zustellung erfolgt an: – die Rechtsvertreterin der Beschwerdeführerin (Einschreiben) – das BFM, Asyl und Rückkehr, Zentrale Verfahren und Rückkehr, mit  den Akten N_______ sowie den Beschwerdeakten E­3075/2008, zur  Weiterführung des Wiedererwägungsverfahrens – die kantonale Migrationsbehörde (ad … in Kopie)

E-3075/2008 — Bundesverwaltungsgericht 08.08.2011 E-3075/2008 — Swissrulings