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Bundesverwaltungsgericht 23.09.2011 E-2314/2009

23. September 2011·Deutsch·CH·CH_BVGE·PDF·3,391 Wörter·~17 min·2

Zusammenfassung

Asyl und Wegweisung | Asyl und Wegweisung; Verfügung des BFM vom 11. März 2009

Volltext

Bundesve rwa l t ungsge r i ch t T r i buna l   adm in istratif   f édé ra l T r i buna l e   ammin istrati vo   f ede ra l e T r i buna l   adm in istrativ   f ede ra l Abteilung V E­2314/2009 Urteil   v om   2 3 .   S ep t embe r   2011 Besetzung Richter Kurt Gysi (Vorsitz), Richterin Jenny de Coulon Scuntaro, Richter Bruno Huber;    Gerichtsschreiberin Barbara Balmelli. Parteien A._______, geboren am (…), Türkei,   vertreten durch Peter Frei, Rechtsanwalt,  (…), Beschwerdeführer,  gegen Bundesamt für Migration (BFM), Quellenweg 6, 3003 Bern,    Vorinstanz.  Gegenstand Asyl und Wegweisung; Verfügung des BFM vom 11. März 2009 / (…).

E­2314/2009 Sachverhalt: A.  Eigenen Angaben  zufolge  verliess  der Beschwerdeführer  die Türkei  am  28. September  2005 und gelangte  am 3. Oktober  2005  in  die Schweiz,  wo  er  gleichentags  um  Asyl  nachsuchte.  Mit  Verfügung  vom  19.  Dezember  2005  stellte  das  BFM  fest,  der  Beschwerdeführer  erfülle  die  Flüchtlingseigenschaft nicht, und  lehnte das Asylgesuch ab. Gleichzeitig  verfügte es die Wegweisung aus der Schweiz und ordnete deren Vollzug  an. Gegen  diesen Entscheid  reichte  der Beschwerdeführer  am 20.  Juni  2005  bei  der  damals  zuständigen  Schweizerischen  Asylrekurskommission  (ARK)  Beschwerde  ein,  welche  diese  mit  Urteil  vom 19. September 2006 abwies. B.  Am  15.  November  2006  stellte  der  Beschwerdeführer  ein  "Zweites  Asylgesuch/Wiedererwägungsgesuch".  Zur  Begründung  führte  er  im  Wesentlichen  an,  er  sei  aktives  Mitglied  des  Insan  Haklan  Dernegi  (türkischer  Menschenrechtsverein,  Sektion  B._______,  IHD)  und  als  Kurier  für  die  Partiya  Karkeren  Kurdistan  (PKK)  tätig  gewesen.  Im  Frühjahr 2006 sei von der Staatsanwaltschaft B._______ gegen  ihn und  seinen  Cousin  C._______  ein  Gerichtsverfahren  eingeleitet  worden.  Diesem sei vorgeworfen worden, in Istanbul ein Auto gestohlen zu haben,  welches  für  Wahlpropaganda  der  Halkin  Demokrasi  Partisi  (HADEP)  benutzt  worden  sei.  Der  Cousin  sei  inhaftiert  und  anlässlich  der  Gerichtsverhandlung  vom  18. Mai  2006  zum  Sachverhalt  und  zum  Verbleib des Beschwerdeführers befragt worden. Dabei habe der Cousin  ausgesagt,  der  Beschwerdeführer  habe  geheime  Kontakte  zu  Kollegen  von  der  PKK  gehabt  und  das  Auto  sei  diesem  von  der  HADEP  zur  Verfügung  gestellt  worden.  Anlässlich  dieser  Gerichtsverhandlung  sei  auch sein Vater als Zeuge befragt worden. Unter anderem sei der Vater  nach  dem  Besitzer  des  fraglichen  Autos  gefragt  worden,  wobei  er  ausgesagt  habe,  diesen  nicht  zu  kennen.  Die  ebenfalls  als  Zeugin  geladene  Ehefrau  des  Cousins  habe  ihrerseits  ausgesagt,  das  Auto  gehöre dem Beschwerdeführer, welcher es  ihrem Ehemann ausgeliehen  habe.  Aufgrund  dieser  Aussagen  stehe  er  nun  unter  dem  dringenden  Verdacht, ein gestohlenes Fahrzeug für Kurierdienste zugunsten der PKK  benutzt  zu  haben.  Zudem  stehe  seine  Familie  unter  behördlicher  Beobachtung  und  einem  äusserst  hohen  Druck  seitens  der  Sicherheitskräfte.

E­2314/2009 Weiter  begründete  der Beschwerdeführer  das  zweite Asylgesuch damit,  dass er  in der Türkei seiner Militärdienstpflicht nicht nachgekommen sei,  mithin wegen Refraktion gesucht werde. Als  Beweismittel  reichte  der  Beschwerdeführer  eine  Anklageschrift  vom  1. März  2006  (in  Kopie),  zwei  Gerichtsprotokolle  vom  18.  Mai  und  13.  Juni  2006  (in  Kopie),  ein Referenzschreiben  von D._______  (in  Kopie),  mehrere  Referenzschreiben  anerkannter  Flüchtlinge,  ein  undatiertes  Referenzschreiben  des  IHD  B._______,  ein  Referenzschreiben  der  Föderation  der  kurdischen  Kulturvereine  der  Schweiz  vom  21.  Oktober  2006 und ein Militärdokument zu den Akten. C.  Mit Schreiben vom 8. Dezember 2006 ersuchte das BFM das E._______  vorderhand die Wegweisung nicht zu vollziehen. D.  Am 5. März  2007  gab  der Beschwerdeführer  die Originale  der  zuvor  in  Kopie eingereichten Beweismittel zu den Akten. E.  Mit Schreiben vom 20. Juni 2007 machte der Beschwerdeführer geltend,  er  habe  am  13.  Februar  2007  an  einem  öffentlichen  Hungerstreik  in  F._______  teilgenommen. Über diese Aktion sei unter anderem auch  in  der Türkei berichtet worden.  Als  Beweismittel  reichte  er  eine  CD­Rom,  einen  Internetausdruck  mit  Foto,  zwei  Fotos,  einen  Zeitungsausschnitt  und  fünf  Referenzschreiben  zu den Akten. F.  Am  19.  Februar  2008  hörte  das  BFM  den  Beschwerdeführer  zu  den  Asylgründen an. Im Wesentlichen machte er dabei geltend, wegen seiner  Aktivitäten  für  die Demokratik Toplum Partisi  (DTP) und  seiner  illegalen  Beziehungen  zur  PKK  werde  er  inoffiziell  gesucht.  Sein  Vater,  seine  Schwester und sein Cousin würden wegen  ihm unter Druck gesetzt. Es  sei  kein  Verfahren  gegen  ihn  eröffnet  worden,  die  Staatsanwaltschaft  habe indes bei der Polizeidirektion Anträge gestellt. Ferner werde er von  den Militärbehörden gesucht, da er noch Dienst zu leisten habe. G.  Am 22. Februar 2008 ersuchte das BFM die Schweizerische Botschaft in 

E­2314/2009 Ankara  um  Abklärung  offener  Fragen.  Die  Antwort  der  Botschaft  vom  12. Januar  2009  ging  am  19.  Januar  2009  bei  der  Vorinstanz  ein.  Mit  Schreiben  vom  4.  Februar  2009  unterbreitete  das  BFM  dem  Beschwerdeführer  die  Botschaftsanfrage  sowie  –antwort,  unter  Abdeckung der geheim zu haltenden Passagen, zur Stellungnahme. Der  Beschwerdeführer antwortete mit Schreiben vom 16. Februar 2009. H.  Mit  Verfügung  vom  11.  März  2009  stellte  das  BFM  fest,  der  Beschwerdeführer  erfülle  die  Flüchtlingseigenschaft  nicht,  lehnte  das  Asylgesuch ab,  verfügte die Wegweisung aus der Schweiz und ordnete  deren Vollzug an. I.  Mit  Eingabe  vom  9.  April  2009  an  das  Bundesverwaltungsgericht  beantragt  der  Beschwerdeführer  durch  seinen  Rechtsvertreter,  die  angefochtene  Verfügung  sei  aufzuheben.  Er  sei  als  Flüchtling  anzuerkennen  und  es  sei  ihm  Asyl  zu  gewähren.  Eventualiter  sei  die  Unzulässigkeit  und  die  Unzumutbarkeit  der  Wegweisung  festzustellen.  Sodann sei ihm die unentgeltliche Rechtspflege zu gewähren, und es sei  ihm  in  der  Person  des  unterzeichnenden  Rechtsanwalts  ein  unentgeltlicher Rechtsbeistand zu ernennen.  J.  Mit  Schreiben  vom  15.  April  2009  reichte  der  Beschwerdeführer  ein  undatiertes Schreiben von G._______, Präsidenten DTP B._______, mit  dem Zustellcouvert zu den Akten. K.  Mit  Zwischenverfügung  vom  21.  April  2009  hiess  der  Instruktionsrichter  das  Gesuch  um  Gewährung  der  unentgeltlichen  Rechtspflege  gut  und  verzichtete auf die Erhebung eines Kostenvorschusses. Das Gesuch um  Gewährung der unentgeltlichen Verbeiständung wies er ab. L.  Das  BFM  beantragte  in  der  Vernehmlassung  vom  6.  Mai  2009  die  Abweisung  der  Beschwerde.  Am  8.  Mai  2009  stellte  der  Instruktionsrichter  die  Vernehmlassung  dem  Beschwerdeführer  zur  Kenntnisnahme zu.

E­2314/2009 M.  Mit  Schreiben  vom  5.  Mai  2009  gab  der  Beschwerdeführer  einen  ärztlichen  Bericht  von  Dr.  med.  H._______,  I._______,  vom  30.  April  2009 zu den Akten. N.  Mit  Zwischenverfügung  vom  11. Mai  2010  setzte  der  Instruktionsrichter  dem  Beschwerdeführer  Frist  zur  Einreichung  eines  aktuellen  ärztlichen  Berichts.  Innert  der  zweimal  erstreckten  Frist  reichte  der  Beschwerdeführer  mit  Schreiben  vom  14.  Juni  2010  einen  weiteren  ärztlichen  Bericht  von  Dr.  med.  H._______  vom  8.  Juni  2010  zu  den  Akten. O.  Mit  Zwischenverfügung  vom  20.  April  2011  ersuchte  der  Instruktionsrichter  den  Beschwerdeführer  erneut  um  Einreichung  eines  aktuellen ärztlichen Zeugnisses.  Innert der angesetzten Frist  reichte der  Beschwerdeführer  mit  Schreiben  vom  13.  Mai  2011  den  dritten  Arztbericht von Dr. med. H._______ vom 11. Mai 2011 ein. P.  Mit  Schreiben  vom  23.  Juni  2011  gab  der  Rechtsvertreter  seine  Honorarnote zu den Akten. Q.  Am 15. Juli 2011 unterbreitete der Instruktionsrichter dem BFM die Akten  zu einem weiteren Schriftenwechsel.  R.  Das  BFM  beantragt  in  der  zweiten  Vernehmlassung  vom  22.  Juli  2011  weiterhin  die  Abweisung  der  Beschwerde.  Am  28.  Juli  2011  stellte  der  Instruktionsrichter  dem  Beschwerdeführer  die  Vernehmlassung  zur  Kenntnisnahme  zu  und  setzte  ihm  Frist  zur  Einreichung  einer  Stellungnahme.  Mit  Eingabe  vom  15.  August  2011  reichte  dieser  die  Antwort ein. S.  Mit Schreiben  vom 25. August  2011 ersuchte  der  Instruktionsrichter  die  J._______  um  Einreichung  eines  Sozialberichts  betreffend  den  Beschwerdeführer.  Mit  Schreiben  vom  6.  September  2011  reichte  die  zuständige Sozialbearbeiterin, K._______, ihren Bericht gleichen Datums  zu den Akten.

E­2314/2009 T.  Mit  Eingabe  vom  25.  August  2011  liess  das  zuständige  Migrationsamt  dem Gericht  ein  ärztliches  Zeugnis  von  Dr.  med.  L._______,  Oberarzt,  M._______, vom 12. August 2011 zukommen. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1.  1.1. Gemäss Art. 31 des Verwaltungsgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005  (VGG, SR 173.32) beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Beschwerden  gegen Verfügungen nach Art. 5 des Bundesgesetzes vom 20. Dezember  1968  über  das  Verwaltungsverfahren  (VwVG,  SR 172.021).  Das  BFM  gehört zu den Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz  des  Bundesverwaltungsgerichts.  Eine  das  Sachgebiet  betreffende  Ausnahme  im  Sinne  von  Art. 32  VGG  liegt  nicht  vor.  Das  Bundesverwaltungsgericht  ist  daher  zuständig  für  die  Beurteilung  der  vorliegenden  Beschwerde  und  entscheidet  auf  dem  Gebiet  des  Asyls  endgültig,  ausser  bei  Vorliegen  eines  Auslieferungsersuchens  des  Staates,  vor  welchem  die  beschwerdeführende  Person  Schutz  sucht  (Art. 105 des Asylgesetzes vom 26. Juni 1998 [AsylG, SR 142.31]; Art. 83  Bst. d  Ziff. 1  des  Bundesgerichtsgesetzes  vom  17. Juni  2005  [BGG,  SR 173.110]). 1.2. Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, soweit das VGG nichts  anderes bestimmt (Art. 37). 2.  Der  Beschwerdeführer  hat  am  Verfahren  vor  der  Vorinstanz  teilgenommen,  ist durch die angefochtene Verfügung besonders berührt,  hat ein schutzwürdiges  Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise  Änderung und  ist daher zur Einreichung der Beschwerde  legitimiert. Auf  die  frist­ und  formgerecht eingereichte Beschwerde  ist somit einzutreten  (Art.  105 AsylG  i.V.m.  Art.  37 VGG und Art.  48 Abs.  1,  Art.  50  und  52  VwVG).  3.  Mit  Beschwerde  kann  die  Verletzung  von  Bundesrecht,  die  unrichtige  oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts und  die Unangemessenheit gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG).

E­2314/2009 4.  4.1.  Gemäss  Art. 2  Abs. 1  AsylG  gewährt  die  Schweiz  Flüchtlingen  grundsätzlich  Asyl.  Flüchtlinge  sind  Personen,  die  in  ihrem Heimatstaat  oder  im Land,  in dem sie zuletzt wohnten, wegen  ihrer Rasse, Religion,  Nationalität,  Zugehörigkeit  zu  einer  bestimmten  sozialen  Gruppe  oder  wegen ihrer politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt  sind  oder  begründete  Furcht  haben,  solchen  Nachteilen  ausgesetzt  zu  werden. Als  ernsthafte Nachteile  gelten  namentlich  die Gefährdung  des  Leibes,  des  Lebens  oder  der  Freiheit  sowie  Massnahmen,  die  einen  unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 AsylG). 4.2.  Wer  um  Asyl  nachsucht,  muss  die  Flüchtlingseigenschaft  nachweisen  oder  zumindest  glaubhaft  machen.  Diese  ist  glaubhaft  gemacht,  wenn  die  Behörde  ihr  Vorhandensein  mit  überwiegender  Wahrscheinlichkeit  für  gegeben  hält.  Unglaubhaft  sind  insbesondere  Vorbringen, die in wesentlichen Punkten zu wenig begründet oder in sich  widersprüchlich sind, den Tatsachen nicht entsprechen oder massgeblich  auf  gefälschte  oder  verfälschte  Beweismittel  abgestützt  werden  (Art. 7  AsylG). 5.  5.1.  Das  BFM  lehnte  das  Asylgesuch  mit  der  Begründung  ab,  die  Vorbringen  des  Beschwerdeführers  vermöchten  den  Anforderungen  an  die Zuerkennung der Flüchtlingseigenschaft gemäss Art. 3 AsylG nicht zu  genügen. Die Abklärungen durch die Schweizerische Botschaft in Ankara  hätten  ergeben,  dass  die  eingereichten  Beweismittel  echt  seien,  der  Beschwerdeführer  aber  im  vorgebrachten  Zusammenhang  mit  seinem  Cousin  vom  Gericht  nicht  belangt  worden  sei.  Sodann  bestehe  kein  Datenblatt  über  den  Beschwerdeführer,  und  er  unterliege  auch  keinem  Passverbot. Die Darstellung des Beschwerdeführers, wonach sein Cousin  im  vorgebrachten  Gerichtsverfahren  zu  vier  bis  fünf  Monaten  Haft  verurteilt  worden  sei,  würde  nicht  zutreffen.  Der Cousin  sei  lediglich  zu  einer Busse von 3'240 Türkische Lira verurteilt worden und habe gegen  das  Urteil  Beschwerde  eingereicht,  welche  noch  hängig  sei.  Ferner  würden keine Hinweise darauf bestehen, dass der Beschwerdeführer von  der  Staatsanwaltschaft  B._______  zu  einem  Gerichtstermin  hätte  vorgeladen  werden  sollen  beziehungsweise  sei  von  keinem  Gericht  in 

E­2314/2009 B._______  ein  Verfahren  gegen  ihn  eröffnet  worden.  Der  Beschwerdeführer  werde  weder  von  der  Polizei  noch  von  der  Gendarmerie  gesucht.  Dieses  Abklärungsergebnis  vermöge  der  Beschwerdeführer  mit  dem  Hinweis,  er  sei  möglicherweise  dennoch  überwacht  und  als  unbequeme  Person  registriert  und  zur  Aufenthaltsforschung  ausgeschrieben  worden,  nicht  zu  entkräften.  Im  Weiteren  hätten  die  Abklärungen  vor  Ort  ergeben,  dass  das  vom  Beschwerdeführer eingereichte und von N._______ verfasste Schreiben  der IHD B._______ nicht habe bestätigt werden können. Zudem sei dem  IHD  kein  Umstand  bekannt,  wonach  der  Beschwerdeführer  bei  einer  Rückkehr  in  die  Türkei  gefährdet  sein  könnte.  Angesichts  dieser  Erkenntnisse sei das vom Beschwerdeführer ins Recht gelegte Schreiben  von N._______ als Gefälligkeitsschreiben ohne Beweiswert zu bewerten.  Die  Befürchtungen  des  Beschwerdeführers,  bei  einer  Rückkehr  in  die  Türkei  im geltend  gemachten Zusammenhang Verfolgungsmassnahmen  ausgesetzt zu sein, seien daher nicht begründet. 5.2. Weiter  stellte  die  Vorinstanz  in  der  angefochtenen  Verfügung  fest,  gemäss den Abklärungen der Botschaft werde der Beschwerdeführer  in  der Türkei gesucht, weil er den Militärdienst noch nicht geleistet habe. Bei  der  militärischen  Inpflichtnahme  handle  es  sich  um  eine  legitime  staatliche  Massnahme,  die  in  der  Türkei  ausschliesslich  aufgrund  der  Staatsangehörigkeit und des Alters der Einzuberufenden erfolge. Die vom  Beschwerdeführer  nicht  befolgte  Einberufung  stelle  somit  keine  asylbeachtliche Massnahme im Sinne des Asylgesetzes dar. Sodann sei  eine  allfällige  Bestrafung  wegen  Militärdienstverweigerung  nach  den  Erkenntnissen des BFM nicht von asylrelevantem Ausmass. 5.3.  Zu  den  exilpolitischen  Aktivitäten  und  damit  den  insoweit  geltend  gemachten subjektiven Nachfluchtgründen führte die Vorinstanz aus, der  Beschwerdeführer habe am 13. Februar 2007 an einem Hungerstreik  in  F._______  teilgenommen.  Darüber  sei  offenbar  auch  in  der  Türkei  berichtet  worden.  Die  eingereichten  Beweismittel,  aber  auch  zahlreiche  weitere,  ähnlich  dokumentierte  Eingaben  würden  zeigen,  dass  allein  in  der  Schweiz  innert  weniger  Monate  unzählige  solche  exilpolitische  Anlässe  stattfinden  würden,  von  denen  anschliessend  gestellte  Gruppenaufnahmen  von  insgesamt  Hunderten  von  Teilnehmern  in  gewissen Presseorganen publiziert würden. Den türkischen Behörden sei  es indes unmöglich, all diesen, oftmals schlecht erkennbaren Gesichtern  konkrete Namen zuzuordnen. Selbst wenn die türkischen Behörden über  die politischen Aktivitäten  ihrer Staatsangehörigen  im Ausland  informiert 

E­2314/2009 seien,  könne  angesichts  der  hohen  Zahl  der  im  Ausland  lebenden  türkischen Staatsangehörigen nicht  jede einzelne Person überwacht und  identifiziert  werden.  Zudem  sei  den  türkischen Behörden  bekannt,  dass  viele  türkische  Emigranten  aus  vorwiegend  wirtschaftlichen  Gründen  versuchen  würden,  sich  auch  in  der  Schweiz  zum  Abschluss  ihres  Asylverfahrens  ein  dauerhaftes  Aufenthaltsrecht  zu  erwirken,  indem  sie  regimekritischen  Aktivitäten  nachgehen  würden.  Die  Demonstrationsteilnahme des Beschwerdeführers allein vermöge deshalb  keine konkrete Gefährdung  im Falle einer Rückkehr  zu begründen. Das  Verhalten  des  Beschwerdeführers  in  der  Schweiz  sei  insgesamt  betrachtet  nicht  geeignet,  ein  ernsthaftes  Vorgehen  der  heimatlichen  Behörden  zu  bewirken,  zumal  gestützt  auf  die  Botschaftsanfrage  keine  Anhaltspunkte  für  die  Annahme  bestehen  würden,  in  der  Türkei  wäre  gegen ihn ein Verfahren eingeleitet worden.  6.  6.1.  In  der Rechtmitteleingabe hält  der Beschwerdeführer  daran  fest,  er  erfülle  die  Voraussetzungen  zur  Anerkennung  als  Flüchtling.  Zur  Begründung wird ausgeführt, die Staatsanwaltschaft erstatte gegen einen  unbekannten  Abwesenden  keine  Anklage.  Auch  wenn  über  den  Beschwerdeführer  kein Datenblatt  angelegt  worden  sei,  sei  es möglich,  dass  er  in  polizeilichen  oder  geheimdienstlichen Akten  als  "unbequeme  Person"  registriert  und  auf  nationaler  Ebene  zur  Aufenthaltsnachforschung  ausgeschrieben  sei.  Solches  dränge  sich  aufgrund der eingereichten Dokumente auf. Unter der Anschuldigung, für  die  PKK  Kurierdienste  geleistet  zu  haben,  müsse  jede  Person  mit  der  Registrierung,  Observation  und  Festnahme  rechnen.  Die  Befürchtung  einer  geheimen  behördlichen  Suche  nach  dem  Beschwerdeführer  auf  nationaler  Ebene  –  ohne  dass  ein  Straf­  oder  Gerichtsverfahren  angehoben  worden  sie  –  erscheine  vor  diesem  Hintergrund  als  naheliegend.  Daran  ändere  auch  der  Umstand  nichts,  dass  gegen  den  Beschwerdeführer  kein  Passverbot  vorliege.  Sicher  sei  aber,  dass  die  Staatsanwaltschaft die Polizeidirektion von B._______ angehalten habe,  der  Beschwerdeführer  müsse  sich  für  Gerichtsverhandlungen  zur  Verfügung  halten.  Dies  komme  einem  Festnahmeersuchen  beziehungsweise  einem  Haftbefehl  gleich.  Schliesslich  habe  der  Beschwerdeführer  nie  mit  dem  aktuellen  IHD­Vorsitzenden  von  B._______  zu  tun  gehabt.  Mit  dem  ehemaligen  Vorsitzenden  habe  er  indes auch geheime Informationen über die PKK ausgetauscht. Deshalb  könne  das  Schreiben  von  N._______  nicht  als  Gefälligkeitsschreiben  betrachtet werden. 

E­2314/2009 6.2.  Zur  Militärdienstpflicht  wird  in  der  Eingabe  ausgeführt,  bei  einer  kontrollierten  Rückkehr  würde  der  Beschwerdeführer  zufolge  der  auf  nationaler  Ebene  laufenden  Fahndung  verhaftet.  Angesichts  der  jahrelangen  Abwesenheit  und  seines  politischen  Hintergrunds  wäre  er  einem erheblichen Folterrisiko ausgesetzt und müsste mit einer überaus  harten  Strafe  wegen  Refraktion  rechnen.  Dabei  sei  auch  zu  berücksichtigen,  dass  einer  der  Brüder  des Beschwerdeführers  aus  der  Armee desertiert sei.  Im Weiteren befürchte der Beschwerdeführer,  falls  er  Dienst  leisten  müsste,  aufgrund  seiner  kurdischen  Abstammung  asylrelevanten Behelligungen  seitens  der  Vorgesetzten  ausgesetzt  oder  im Südosten gegen die PKK eingesetzt zu werden.  6.3. Betreffend die exilpolitischen Aktivitäten des Beschwerdeführers wird  in  der  Rechtsmitteleingabe  dargelegt,  aufgrund  der  technologisch  hoch  stehenden Ausrüstung der Behörden  in der Türkei sei die Überwachung  und  Kontrolle  der  exilpolitischen  Opposition  nicht  eine  Frage  des  Könnens,  sondern  des  Wollens  und  der  finanziellen  Mittel.  Vorliegend  treffe  der Vorwurf  des BFM, wonach Asylsuchende  lediglich  im Hinblick  auf  die  Beurteilung  des  Asylgesuchs  in  der  Schweiz  politisch  aktiv  würden, jedenfalls auf den Beschwerdeführer nicht zu. Schliesslich sei in  diesem  Zusammenhang  der  ausserordentlich  hohen  Verfolgungsintensität  gegenüber  der  PKK  und  ihrer  Organisation  Rechnung zu tragen.  7.  7.1.  Der  Beschwerdeführer  befürchtet  eine  geheime  Suche  nach  ihm  sowie  die  Einleitung  eines  Strafverfahrens  gegen  ihn.  In  der  Rechtsmitteleingabe  führt  er  dazu  einerseits  aus,  der  türkische  Staat  erhebe aus prozessökonomischen Gründen nicht gegen einen unbekannt  Abwesenden  Anklage.  Anderseits  macht  er  geltend,  er  müsse  sich  für  Gerichtsverhandlungen  zur  Verfügung  halten.  Letzteres  wertet  er  als  einem  Haftbefehl  gleichkommend.  Dazu  ist  festzustellen,  dass  diese  Ausführungen  dem  Gericht  nicht  logisch  erscheinen.  Zudem  ist  kaum  vorstellbar, dass sich jemand auf eine blosse Aussage hin den Behörden  zur Verfügung halten muss, vielmehr muss diesbezüglich eine Anweisung  vorliegen. Sodann will  der Beschwerdeführer  lediglich von seinen Eltern  erfahren haben, dass er  sich dem Gericht  zur Verfügung halten müsse.  Dass  die  Behörden  dies  nur  den  Eltern  und  zudem  lediglich  mündlich  mitgeteilt  haben  sollen,  ist  eine  blosse  und  durch  nichts  belegte  Behauptung des Beschwerdeführers und insoweit nicht glaubhaft. Weiter  ist  festzuhalten,  dass  das  gegen  den  Beschwerdeführer  eröffnete 

E­2314/2009 Strafverfahren  im  Zusammenhang  mit  dem  gestohlenen  Auto  und  den  Kurierdiensten zu Gunsten der PKK – gemäss der unbestrittenermassen  echten  Anklageschrift  –  vom  türkischen  Strafgericht  ohne  jegliche  rechtliche  Folge  für  den  Beschwerdeführer  eingestellt  wurde.  Dass  nun  seitens der Behörden erneut und dazu noch heimlich nach  ihm gesucht  werden soll, ist vor diesem Hintergrund nicht nachvollziehbar. Dies umso  weniger,  als  der  Beschwerdeführer  in  seinem  Heimatland  nicht,  beziehungsweise  nur  wegen  Nichtbefolgens  eines  militärischen  Aufgebotes, gesucht wird. Hinzu kommt, dass weder ein Datenblatt über  den Beschwerdeführer existiert, noch ein Passverbot gegen ihn verhängt  wurde.  In Anbetracht dieser gesamten Umstände erscheint eine erneute  behördliche  Suche  nach  dem  Beschwerdeführer  sowie  die  erneute  Einleitung  eines  Strafverfahrens  in  derselben  Angelegenheit  als  wenig  wahrscheinlich.  Um Wiederholungen  zu  vermeiden,  kann  weitergehend  auf  die  entsprechenden  Erwägungen  in  der  angefochtenen  Verfügung  des BFM verwiesen werden.  Weiter bestreitet der Beschwerdeführer in der Rechtsmitteleingabe, dass  es  sich  beim  Schreiben  von  N._______  um  ein  Gefälligkeitsschreiben  handle  und  er  beantragt  die  Befragung  desselben  als  Zeugen.  Diesbezüglich ist davon auszugehen, dass der IHD B._______ entgegen  der vom Beschwerdeführer vertretenen Ansicht durchaus  in der Lage  ist  festzustellen, ob N._______ zum Verfassen eines solchen Schreibens im  Namen des IHD befugt war. Da die Abklärungen vor Ort ergeben haben,  dass  N._______  dazu  offensichtlich  nicht  befugt  war,  muss  das  eingereichte  Schreiben  klar  als  ein  nicht  authentisches  Schreiben  des  IHD  qualifiziert  werden.  Es  ist  somit  als  privates  Gefälligkeitsschreiben  von  N._______  zu  bewerten,  aus  welchem  der  Beschwerdeführer  mit  Blick auf das vorliegende Verfahren nichts zu seinen Gunsten abzuleiten  vermag. Bei dieser Sachlage besteht kein Veranlassung, N._______ als  Zeuge zu befragen, weshalb der entsprechende Antrag abgewiesen wird. 7.2.  Der  Beschwerdeführer  befürchtet  weiter,  wegen  Nichtleistens  des  Militärdienstes Nachteile im Sinne von Art. 3 AsylG zu erleiden. Gemäss  konstanter  Rechtsprechung  des  Gerichts  sowie  der  vormaligen  ARK  stellen  strafrechtliche  Konsequenzen  wegen  Refraktion,  Dienstverweigerung  oder  Desertion  bei  einer  Rückkehr  in  den  Heimatstaat  grundsätzlich  keine  Verfolgung  im  Sinne  des  Asylgesetzes  dar.  Es  ist  das  legitime  Recht  jedes  Staates,  seine  Bürger  zum  Militärdienst  einzuberufen,  weshalb  strafrechtliche  oder  disziplinarische  Massnahmen  bei  Pflichtverletzungen  grundsätzlich  nicht  als  politisch 

E­2314/2009 motivierte  oder  menschenrechtswidrige  Verfolgungsmassnahmen  zu  betrachten  sind,  wobei  Ausnahmen  vorbehalten  bleiben,  beispielsweise  wenn  der Wehrpflichtige  aus  einem Grund  nach  Art.  3  AsylG mit  einer  schweren Strafe zu rechnen hat oder wenn das Strafmass  für  ihn höher  ausfällt,  als  für  Deserteure  und  Refraktäre  ohne  diesen  spezifischen  Hintergrund,  oder  wenn  der  Wehrpflichtige  aus  denselben  Gründen  während  des  Dienstes  schwersten  Übergriffen  und  Misshandlungen  durch  Kameraden  und  Vorgesetzte  ausgesetzt  wäre  (vgl.  ausführlich  Urteil E­4952/2006 vom 23. September 2010).  Vorliegend  hat  die  Botschaftsanfrage  ergeben,  dass  der  Beschwerdeführer  seit  Ende  März  2004  wegen  Nichtleistens  des  Militärdienstes von den heimatlichen Militärbehörden gesucht wird. Da in  der  Türkei  die  militärische  Inpflichtnahme  einzig  aufgrund  der  Staatsangehörigkeit und des Jahrganges der Betroffenen erfolgt, vermag  der Beschwerdeführer allein daraus nichts zu seinen Gunsten abzuleiten.  Sodann  wäre  eine  allfällige  Bestrafung  wegen Wehrdienstverweigerung  als  legitime  staatliche  Massnahme  zur  Durchsetzung  einer  staatsbürgerlichen  Pflicht  und  damit  als  asylrechtlich  ebenfalls  nicht  relevant  zu  bewerten.  In  der  Rechtsmitteleingabe  verweist  der  Beschwerdeführer  diesbezüglich  auf  seinen  politischen Hintergrund  und  den Umstand, dass sein Bruder aus dem Dienst desertiert  sei. Dazu  ist  festzuhalten,  dass  bislang  nicht  bekannt  wurde,  dass  kurdische  Refraktäre  im  Sinne  eines  "Malus"  generell  strengere  Strafen  zu  gewärtigen  hätten  als  solche  türkischer  Ethnie.  Ferner  ist  der  Einwand,  die  Desertion  des  Bruders  des  Beschwerdeführers  habe  einen  Einfluss  auf  das  Ausmass  einer  allfälligen  Bestrafung  des  Beschwerdeführers,  eine  blosse  Vermutung,  weshalb  auf  dieses  Vorbringen  nicht  weiter  einzugehen  ist.  Schliesslich  ist  entgegen  den  Befürchtungen  des  Beschwerdeführers  die  Wahrscheinlichkeit,  dass  er  –  vorausgesetzt  er  müsste  noch  Militärdienst  leisten  –  als  Kurde  während  des  obligatorischen  Dienstes  gegen  Angehörige  seiner  eigenen  Ethnie  eingesetzt  würde,  nach  Kenntnissen  des  Gerichts  als  unwahrscheinlich  einzustufen.  Demnach  ist  eine  allenfalls  vom  Beschwerdeführer  zu  erwartende  strafrechtliche  Sanktion  seines  Nichtbefolgens  des  militärischen Aufgebots nicht asylbeachtlich.  7.3.  Der  Beschwerdeführer  macht  weiter  geltend,  aufgrund  seiner  politischen  Aktivitäten  in  der  Schweiz  befürchte  er  bei  einer  Rückkehr  Verfolgungsmassnahmen  im  Sinne  des  Asylgesetzes.  Wer  sich  darauf  beruft,  dass  durch  sein  Verhalten  nach  der  Ausreise  aus  dem  Heimat­ 

E­2314/2009 oder Herkunftsland eine Gefährdungssituation erst geschaffen worden ist,  macht  subjektive  Nachfluchtgründe  geltend  (vgl.  Art.  54  AsylG).  Solche  begründen  zwar  die  Flüchtlingseigenschaft  im  Sinne  von  Art.  3  AsylG,  führen jedoch nach Art. 54 AsylG zum Ausschluss des Asyls, unabhängig  davon, ob sie missbräuchlich oder nicht missbräuchlich gesetzt wurden.  Der Beschwerdeführer hat am 13. Februar 2007 an einem Hungerstreik in  F._______ teilgenommen. Von dieser offenbar eintägigen Aktion wurden  sowohl in der schweizerischen wie auch in der türkischen Presse und im  Internet  Berichte  mit  Aufnahmen  publiziert.  Aufgrund  der  Akten  ist  festzuhalten,  dass  dieser  Hungerstreik  offensichtlich  das  einzige  exilpolitische  Engagement  des  Beschwerdeführers  in  der  Schweiz  war.  Anderslautende Hinweise  sind  seinem Asyldossier  nicht  zu  entnehmen.  Jedenfalls  hat  der  durch  einen  Rechtsanwalt  vertretene  Beschwerdeführer  bis  heute  –  im  Rahmen  seiner  Mitwirkungspflicht –  keine  weiteren  Dokumente  im  Zusammenhang  mit  seinem  politischen  Engagement  in  der  Schweiz  zu  den Akten  gegeben. Demnach war  der  Beschwerdeführer, abgesehen von dieser einmaligen Aktion  im Frühjahr  2007,  in den letzten vier Jahre nicht mehr exilpolitisch aktiv, mithin kann  nicht  auf  ein  intensives,  wahrnehmbares  exilpolitisches  Engagement  geschlossen  werden.  Was  die  eingereichten  diesbezüglichen  Beweismittel anbelangt,  ist festzustellen, dass der Beschwerdeführer auf  diesen zwar zu erkennen  ist,  indes an keiner Stelle namentlich erwähnt  wird.  Auch  ist  den  Bildern  nicht  zu  entnehmen,  dass  er  sich  anlässlich  dieser Kundgebungen besonders und über  das Mass der  gewöhnlichen  Kundgebungsteilnehmer hinaus exponiert oder gar eine Führungsposition  innegehabt  hätte.  Insoweit  weist  der  Beschwerdeführer  kein  besonders  beachtenswertes  politisches  Profil  auf.  Die  einmalige  und  mittlerweile  über  vier  Jahre  zurückliegende  exilpolitische  Aktion  des  Beschwerdeführers  in  der  Schweiz  lässt  ihn  somit  entgegen  der  in  der  Rechtsmitteleingabe  vertretenen  Auffassung  nicht  als  engagierten  und/oder  exponierten  oder  gar  staatsgefährdenden  exilpolitischen  Aktivisten  erscheinen.  Insoweit  liegen  dem  Verhalten  des  Beschwerdeführers  keine  für  das  Asylverfahren  relevanten  subjektiven  Nachfluchtgründe zugrunde.  7.4.  Zusammenfassend  ist  festzuhalten,  dass  der  Beschwerdeführer  keine  Gründe  nach  Art.  3  AsylG  glaubhaft  machen  oder  nachweisen  konnte.  Bei  dieser  Sachlage  erübrigt  es  sich,  auf  die  weiteren  Ausführungen  in  der  Beschwerde  und  die  eingereichten  Beweismittel  einzugehen, da sie an den vorstehenden Feststellungen nichts zu ändern 

E­2314/2009 vermögen.  Die  Vorinstanz  hat  das  Asylgesuch  des  Beschwerdeführers  demnach zu Recht abgelehnt. 8.  8.1. Lehnt  das Bundesamt  das Asylgesuch  ab  oder  tritt  es  darauf  nicht  ein,  so  verfügt  es  in  der  Regel  die Wegweisung  aus  der  Schweiz  und  ordnet den Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit  der Familie (Art. 44 Abs. 1 AsylG). 8.2. Der Beschwerdeführer  verfügt weder  über  eine  ausländerrechtliche  Aufenthaltsbewilligung  noch  über  einen  Anspruch  auf  Erteilung  einer  solchen. Die Wegweisung wurde demnach zu Recht angeordnet (Art. 44  Abs. 1 AsylG; BVGE 2009/50 E.9). 9.  9.1. Gemäss Art. 83 Abs. 4 AuG kann der Vollzug für Ausländerinnen und  Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat­ oder Herkunftsstaat auf  Grund  von  Situationen  wie  Krieg,  Bürgerkrieg,  allgemeiner  Gewalt  und  medizinischer  Notlage  konkret  gefährdet  sind.  Wird  eine  konkrete  Gefährdung  festgestellt,  ist  –  unter  Vorbehalt  von  Art. 83  Abs. 7  des  Bundesgesetzes  vom 16. Dezember  2005  über  die Ausländerinnen  und  Ausländer  (AuG,  SR  142.20)  –  die  vorläufige  Aufnahme  zu  gewähren.  Art.  83  Abs.  4  AuG  findet  insbesondere  Anwendung  auf  Personen,  die  nach  ihrer Rückkehr  einer  konkreten Gefahr  ausgesetzt wären, weil  sie  aus objektiver Sicht wegen der vorherrschenden Verhältnisse mit grosser  Wahrscheinlichkeit  in  völlige  und  andauernde Armut  gestossen würden,  dem  Hunger  und  somit  einer  ernsthaften  Verschlechterung  ihres  Gesundheitszustandes,  der  Invalidität  oder  sogar  dem  Tod  ausgeliefert  wären (vgl. BVGE 2009/28 E. 9.3.1). 9.2.  9.2.1.  Auf  Beschwerdeebene  wird  erstmals  geltend  gemacht,  der  Beschwerdeführer  leide  an  einer  Posttraumatischen  Belastungsstörung  (ICD­10 F 43.1).  9.2.2. Im ersten ärztlichen Bericht vom 30. April 2009 wird ausgeführt, der  Beschwerdeführer  befinde  sich  seit  dem  5.  Juli  2007  in  fachärztlicher  Behandlung im I._______. Gemäss seinen persönlichen Angaben leide er  an  starken  Schlafstörungen  mit  Gedankenkreisen  und  häufigen  Albträumen,  einer  chronischen  inneren  Anspannung  und  häufigen  Angstzuständen.  Oft  habe  er  belastende  Erinnerungen  an  frühere 

E­2314/2009 Gewalterfahrungen  (Intrusionserlebnisse).  Er  beschreibe  sich  als  ein  früher vielseitig interessierter Mensch, dem es heute schwer falle, sich für  etwas zu interessieren oder sich auf etwas zu konzentrieren. Er fühle sich  ständig  erschöpft,  wertlos,  hilflos,  plan­  und  ziellos.  Manchmal  habe  er  Angst, dass er anderen Menschen gegenüber gewalttätig werden könnte,  oder sich selbst umbringen würde.  Zum  Psychostatus  (psychiatrische  Einschätzung)  hält  der  behandelnde  Arzt  fest,  dass  das  Denken  des  Beschwerdeführers  formal  etwa  mittelgradig  eingeengt  sei.  Vermutlich  würden  keine  Zwänge  im  eigentlichen  Sinne  vorliegen,  wobei  bestimmte  gedankliche  Beschäftigungen  grenzwertig  zwangshaft  erscheinen  würden.  Der  Beschwerdeführer  berichte  auch  immer wieder  über  Erlebnisse,  die  am  ehesten  als  leichte  Wahnstimmung,  illusionäre  Verkennungen  und  Derealisationserleben  zu  interpretieren  seien.  Phasenweise  seien  Hoffnungslosigkeit  und  innere  Unruhe  sehr  stark  ausgeprägt.  Weiter  seien  ausgeprägte  Schlafstörungen,  ein  leichter  bis  mittelgradiger  sozialer Rückzug sowie phasenweise ausgeprägte Agressionstendenzen  und Suizidphantasien festzustellen.  Weiter  führt  der  Arzt  aus,  der  Stellenwert  einer  psychiatrischen  Behandlung  könne  nur  im  Kontext  der  jeweiligen  Lebenssituation  eingeschätzt werden. Unter  sehr  günstigen Rahmenbedingungen  sei  es  möglich,  dass  der  Beschwerdeführer  auch  ohne  psychiatrische  Behandlung  ein  gewisses  Mass  an  langfristiger  Stabilität  und  gutem  sozialen  Funktionsniveau  erreichen  könne.  Unter  für  ihn  ungünstigen  Rahmenbedingungen  sei  die  Prognose  wahrscheinlich  schlechter.  Der  Beschwerdeführer verfüge über eigene psychische Ressourcen, und das  Krankheitsgeschehen erscheine noch nicht  irreversibel  fortgeschritten zu  sein. Unter sehr günstigen Bedingungen bestehe die realistische Chance  einer längerfristigen Stabilisierung und einer substanziellen Verbesserung  des psychosozialen Funktionsniveaus. Eine krisenhafte Entwicklung oder  eine  langfristige  Zustandsverschlechterung  sei  aber  nicht  auszuschliessen.  Zur einer möglichen Behandlung  im Heimatland hält der Arzt  fest: Unter  der  Annahme,  dass  der  Beschwerdeführer  in  seiner  Heimat  wiederholt  traumatisierender Gewalt  ausgesetzt  gewesen  sei  und  als  Folge  davon  an  einer  Posttraumatischen  Belastungsstörung  leide,  sei  aus  psychiatrischer Sicht eine Rückkehr  in die Türkei gegen den Willen des  Beschwerdeführers  nicht  zumutbar.  Beim  Vorliegen  einer 

E­2314/2009 Posttraumatischen  Belastungsstörung  könne  eine  Rückkehr  in  das  ehemals  traumatisierende Umfeld nur dann ohne erhebliches Risiko von  Retraumatisierungen  und  der  Folge  schwerwiegender  Gesundheitsverschlechterung gelingen, wenn der Patient selbst darin ein  Ziel und eine Perspektive sehe. Voraussetzung sei, dass der Patient ein  ausreichend stabiles Gefühl  der Sicherheit  in der Gegenwart  entwickeln  könne.  Auf  psychopathalogischer  Ebene  spiele  dabei  praktisch  keine  Rolle, ob das ehemals traumatisierende Umfeld objektiv gesehen aktuell  sicher  oder  gefährlich  sei.  Es  sei  ein  definierender  Bestandteil  der  Posttraumatischen  Belastungsstörung,  dass  auch  objektiv  harmlose  Reize  das  spezifische  Krankheitsgeschehen  aufrecht  erhalten  und  verstärken  könnten. Die  notwendigen  psychischen Voraussetzungen  für  eine  Rückkehr  seien  beim  Beschwerdeführer  krankheitsbedingt  nicht  gegeben. Bei einer Rückkehr wäre er wahrscheinlich  in einem Ausmass  mit traumatisierenden Erinnerungen konfrontiert, dem er nicht gewachsen  sein dürfte. 9.2.3.  Im  zweiten  Bericht  vom  8.  Juni  2010  hält  der  Arzt  fest,  der  Beschwerdeführer  leide  gemäss  seinen  eigenen  Angaben  an  zunehmenden  Schlafstörungen.  Die  Albträume  hätten  zugenommen,  auch  die  grosse  innere  Spannung  und  die  Angstzustände.  Er  habe  zunehmend  Appetitmangel  und  rauche  stark,  um  sich  zu  beruhigen.  Er  leide  an  Gedankenkreisen  und  Grübeln.  Wenn  er  Uniformen  oder  militärisch  anmutende  Gebäude  sehe,  würden  die  Angst­  und  Spannungszustände  in  einem  solchen  Masse  ansteigen,  dass  er  nicht  mehr  klar  denken  könne  und  Angst  habe,  die  Kontrolle  über  sein  Verhalten zu verlieren. Die ständige Ungewissheit über die Zukunft habe  ihn  zermürbt,  so  dass  er  an  Hoffnungslosigkeit  und  depressiven  Symptomen sowie somatischen Beschwerden leide.  Zum Psychostatus führt der Arzt aus, der Beschwerdeführer sei deutlich  erschöpft,  wenig  vital  und  stehe  unter  sichtbaren  hohen  inneren  Spannungszuständen  (Zittern,  Kratzen,  motorische  Unruhe).  Sein  formales Denken  sei  eingeengt  auf  die  belastende  Lebenssituation  und  die  Angst  vor  Kontrollverlust.  Der  Beschwerdeführer  habe  wiederkehrende  selbst­  und  fremdgefährdende  Gedanken.  Inhaltlich  seien  zeitweilig  Schilderungen  auszumachen,  die  an  eine  leichte  Wahnstimmung  erinnere  (Verfolgungswahn).  Es  würde  keine  Sinnestäuschung vorliegen, jedoch gebe es Störungen in der Ich­Identität  und  Ich­Vitalität.  Die  Grundstimmung  sei  von  Hoffnungslosigkeit  und  Perspektivenlosigkeit  geprägt.  Affektarmut,  Deprimiertheit  sowie 

E­2314/2009 Insuffizienzgefühle  würden  sich  mit  Panik­  und  Angstattacken,  einer  gesteigerten  Körperwahrnehmung  mit  somatischen  Beschwerden  sowie  grosser  innerer  Spannung  ablösen,  alles  Zeichen  im  Rahmen  von  Flashbacks bei einer Posttraumatischen Belastungsstörung.  Betreffend  Behandlungsverlauf  stellt  der  Arzt  fest,  zufolge  personeller  Umstände  im  I._______ habe dem Beschwerdeführer zwischen Oktober  2009 und Februar 2010 nicht die nötige psychotherapeutische Begleitung  angeboten  werden  können.  Weiter  führt  er  aus,  nachdem  der  Beschwerdeführer im September 2009 mit der Einnahme von Invega eine  leichte  Entspannung  seiner  psychischen  Verfassung  empfunden  habe,  habe mit stabilisierenden Ressourcen und Imaginationsübungen gestartet  werden können. Da der Beschwerdeführer damals schlechte Nachrichten  von seiner Familie erhalten habe, sei es ihm in der Folge schwer gefallen,  ausreichende Sicherheitsgefühle  zu  etablieren  und  sich  zu  entspannen.  Im Frühjahr 2010, nach dem vierten negativen Entscheid des BFM, habe  sich  die  Nervosität  und  Unruhe  gesteigert,  der  Beschwerdeführer  habe  tendenziell paranoide Gedanken beschrieben und eine hohe Selbst­ und  Fremdgefährdung  gezeigt.  Eine  Klinikeinweisung  sei  zur  Diskussion  gestanden.  Im  April  2010  hätten  die  Spannungszustände  sowie  Depressionen weiter zugenommen, so dass anfangs Mai mit dem Einsatz  von  Seroquel  25mg  habe  begonnen  werden  müssen.  Auf  psychotherapeutischer  Ebene  sei  die  Arbeit  insofern  stabilisierend  gewesen, als die Einweisung in die Psychiatrische Klinik habe umgangen  werden können.  9.2.4.  Im  dritten  ärztlichen  Bericht  vom  11.  Mai  2011  wird  zu  den  aktuellen Beschwerden ausgeführt, der Beschwerdeführer beschreibe die  Angstzustände  als  deutlich  stärker  als  vor  einem  Jahr.  Er  könne  nicht  mehr essen,  fühle sich  tagsüber erschöpft und unruhig zugleich,  rauche  viel,  leide an seiner Arbeitslosigkeit, Gedankenkreisen und Grübeln. Die  ständige Unsicherheit habe ihn zermürbt, er fühle sich nicht mehr mit dem  Leben  verbunden.  Den  Psychostatus  beschreibt  der  Arzt  gleich  wie  im  letzten ärztlichen Zeugnis. Ergänzend  führt er aus, das  formale Denken  des  Beschwerdeführers  sei  eingeschränkt  auf  die  belastende  Lebenssituation  und  die  Angst  vor  Kontrollverlust.  Es  würden  wiederkehrende  selbst­  und  fremdgefährdende  Gedanken  und  Impulse  bestehen.  Betreffend  den  Behandlungsverlauf  führt  er  aus,  es  sei  dem  Beschwerdeführer  nicht  gelungen,  ein  ausreichendes  Sicherheitsgefühl  zu etablieren.  Im Juli 2010 sei wegen Selbst­ und Fremdgefährdung ein  vorsorgliches  Einweisungsschreiben  für  die  Psychiatrische  Klinik 

E­2314/2009 M._______  verfasst  worden.  Eine  Einweisung  habe  nur  deshalb  umgangen werden  können, weil  eine  andere Unterbringungsmöglichkeit  gefunden worden sei. 9.2.5.  Zur  aktuellen  Gesundheitssituation  wird  im  ärztlichen  Schreiben  von  Dr.  med.  L._______  an  das  zuständige  Migrationsamt  vom  12. August  2011  ausgeführt,  der  Beschwerdeführer  sei  am  4.  August  2011 auf eine Akutstation der Klinik M._______ eingewiesen worden. Es  sei  das  Bestehen  einer  Posttraumatischen  Belastungsstörung  diagnostiziert  worden,  verbunden  mit  einer  depressiven  Reaktion  mit  Angstsymptomen.  Aus  ärztlicher  Sicht  werde  nach  der  stationären  Behandlung  die  Weiterführung  der  Therapie  empfohlen.  Schliesslich  werde von einer Rückführung des Beschwerdeführers in den Heimatstaat  bei  anamnestischem  Status  nach  Folter  mit  aktuell  noch  immer  auftretenden  Panikreaktionen,  Angstsymptomen  und  konsekutiver  depressiver Entwicklung mit auftretender Suizidalität abgeraten. 9.2.6.  Im  Sozialbericht  vom  6.  September  2011  wird  ausgeführt,  der  Beschwerdeführer  lebe  in  einer  Wohngemeinschaft  in  einer  von  der  J._______  gemieteten  Liegenschaft.  Vor  rund  zwei  Jahren  sei  ihm  die  Position  des  Hauswartes  übertragen  worden.  Er  führe  die  ihm  übertragenen  Arbeiten  pflichtbewusst  und  zur  Zufriedenheit  des  Wohnungsverwalters  der  J._______  aus.  Gerne  würde  er  aber  eine  "richtige"  Anstellung  annehmen  und  einer  "richtigen"  Arbeit  nachgehen.  Physisch sei der Beschwerdeführer bei guter Gesundheit,  psychisch sei  er indes belastet und instabil. Deshalb mache er nur kleine Fortschritte im  Erlernen der deutschen Sprache. Es fehle ihm oftmals am erforderlichen  Antrieb und an der Konzentration. Im Übrigen sei er stets sehr freundlich,  kooperativ und nie negativ in Erscheinung getreten. 9.2.7. Aufgrund der vorliegenden, übereinstimmenden Arztberichte   steht  fest,  dass  der  Beschwerdeführer  an  einer  Posttraumatischen  Belastungsstörung  leidet.  Die  Ursache  dieser  Erkrankung  des  Beschwerdeführers  ist  aufgrund  der  Befragungsprotokolle  sowie  der  ärztlich  aufgeführten  Anamnese  nicht  eindeutig  eruierbar.  Im  Rahmen  des  Beschwerdeverfahrens  des  ersten  Asylverfahrens  wurden  die  Vorbringen des Beschwerdeführers sowohl als unglaubhaft, als auch als  teilweise  glaubhaft  bewertet.  Namentlich  erachtete  das  Gericht  als  glaubhaft,  dass  der  Beschwerdeführer  zwischen  1993  und  2003  politischer  Verfolgung  ausgesetzt  war  (vgl.  Urteil  ARK  vom  19.  September  2006,  S.  13  f.).  Was  der  Beschwerdeführer  dabei  genau 

E­2314/2009 erlebte,  entzieht  sich  den  Kenntnissen  des  Gerichts  und  kann  letztlich  auch  offengelassen  werden.  Aufgrund  der  über  Jahre  erstellten  fachärztlichen  Berichte  von  Dr.  med.  H._______,  Spitalfacharzt  sowie  dem neusten ärztlichen Schreiben von Dr. med. L._______, Oberarzt der  M._______ besteht für das Gericht keine Veranlassung, an der Seriosität  der  psychotherapeutischen  Untersuchungen,  an  den  gestellten  Diagnosen und an der Richtigkeit der dargelegten Schlussfolgerungen zu  zweifeln.  Dabei  ist  augenfällig,  dass  sich  das  Krankheitsbild  des  Beschwerdeführers  im  Verlaufe  der  vergangenen  Jahre  zunehmend  verschlechtert hat. Die Ungewissheit über seine persönliche Zukunft hat  über  die  Jahre  hinweg  gesehen,  die  Erschöpfung,  die  Angst  und  die  innere Unruhe (Zittern, Kratzen, etc.) noch zusätzlich gesteigert. Dies hat  bis  zu Wahnvorstellungen  geführt,  die  nichts mehr mit  der  Realität  des  normalen  Lebens  zu  tun  haben.  Offensichtlich  bringt  den  Beschwerdeführer  die  Vorstellung  an  den  Vollzug  der  Wegweisung  in  seinen  Heimatstaat,  angesichts  des  dort  Erlebten,  völlig  aus  seinem  psychischen Gleichgewicht. Er galt und gilt zeitweise als suizidgefährdet,  aber  auch  fremdgefährdend,  und  er  musste  schliesslich  am  4. August  2011  wegen  auftretender  Suizidalität  auf  die  Akutstation  der  Psychiatrischen Klinik M._______ eingeliefert werden. 9.2.8. Nach den Erkenntnissen des Bundesverwaltungsgerichts besteht in  den  grösseren  Städten  der  Türkei  grundsätzlich  die  Möglichkeit,  eine  Posttraumatische  Belastungsstörung  fachärztlich  behandeln  zu  lassen  und eine Therapie zu besuchen. Vorliegend stellt sich deshalb die Frage,  ob  dem  Beschwerdeführer  trotz  seiner  Erkrankung  eine  solche  Behandlung im Heimatstaat zuzumuten ist. Vorliegend  geht  sowohl  das  Bundesverwaltungsgericht  als  auch  die  Vorinstanz davon aus, dass der Beschwerdeführer in seinem Heimatland  zwischen 1993 und 2003 politischer Verfolgung ausgesetzt war und dabei  traumatisierende Erlebnisse hatte. Der den Beschwerdeführer seit Jahren  behandelnde  Spitalfacharzt,  Dr.  med.  H._______,  geht  in  seinen  Schlussfolgerungen  davon  aus,  dass  eine  Rückkehr  des  Beschwerdeführers  in  das  ehemals  traumatisierende  türkische  Umfeld  unabsehbare  Folgen  haben  könnte.  Er  erwähnt  dazu,  dass  es  auf  psychopathologischer  Ebene  keine  Rolle  spiele,  ob  das  ehemals  traumatisierende  Umfeld  objektiv  gesehen  aktuell  noch  bestehe  oder  nicht.  Denn  es  sei  ein  definierender  Bestandteil  der  Posttraumatischen  Belastungsstörung,  dass  auch  objektiv  harmlose  Reize  das  spezifische  Krankheitsgeschehen aufrechterhalten und verstärken können.

E­2314/2009 Das Gericht schliesst sich deshalb den Ausführungen des Facharztes an,  dass der Beschwerdeführer bei einer Rückkehr  in die Türkei – auch bei  theoretisch  möglichen  Therapien  in  den  dortigen  Spitälern  –  sehr  wahrscheinlich  in  einem  Ausmass  mit  traumatisierenden  Erinnerungen  konfrontiert würde, denen er nicht gewachsen wäre. 9.2.9.  In  Würdigung  der  Gesamtumstände  des  vorliegenden  Falles  erachtet  das  Gericht  den  Vollzug  der  Wegweisung  für  den  Beschwerdeführer  insgesamt  als  nicht  zumutbar  im  Sinne  von  Art.  83  Abs. 4 AuG. Nachdem der Beschwerdeführer gemäss dem Sozialbericht  vom 6. September 2011 über einen einwandfreien Leumund verfügt und  grundsätzlich  gerne  einer  Arbeit  nachgehen  würden,  liegen  keine  Hinweise auf Ausschlussgründe im Sinne von Art. 83 Abs. 7 AuG vor. Der  Beschwerdeführer ist daher in der Schweiz vorläufig aufzunehmen.  10.  Die drei Bedingungen für einen Verzicht auf den Vollzug der Wegweisung  (Unzulässigkeit,  Unzumutbarkeit,  Unmöglichkeit)  sind  alternativer  Natur:  Sobald  eine  von  ihnen  erfüllt  ist,  ist  der  Vollzug  der  Wegweisung  als  undurchführbar  zu  betrachten  und  die  weitere  Anwesenheit  in  der  Schweiz  gemäss  den  Bestimmungen  über  die  vorläufige  Aufnahme  zu  regeln  (vgl. BVGE 2009/51 E. 5.4). Gegen eine allfällige Aufhebung der  vorläufigen  Aufnahme  durch  die  Vorinstanz  steht  dem  (ab­  und  weggewiesenen)  Asylgesuchsteller  wiederum  die  Beschwerde  an  das  Bundesverwaltungsgericht  offen  (vgl.  Art.  31 VGG  i.V.m. Art.  44 Abs.  2  AsylG),  wobei  in  jenem  Verfahren  sämtliche  Vollzugshindernisse  von  Amtes wegen nach Massgabe der dannzumal herrschenden Verhältnisse  erneut zu prüfen sind. 11.  Zusammenfassend  ist  festzustellen, dass das BFM zu Recht  festgestellt  hat,  der  Beschwerdeführer  erfülle  die  Flüchtlingseigenschaft  nicht,  das  Asylgesuch  abgewiesen  und  die  Wegweisung  verfügt  hat.  Demgegenüber  erweist  sich  der  Vollzug  der  Wegweisung  als  nicht  zumutbar.  Die  Beschwerde  ist  daher  betreffend  den  Vollzug  der  Wegweisung  gutzuheissen  und  die  Verfügung  des  BFM  vom  19.  Juni  2009  betreffend  die  Ziffern  4  und  5  aufzuheben.  Die  Vorinstanz  ist  anzuweisen,  den  Beschwerdeführer  in  der  Schweiz  vorläufig  aufzunehmen. 12. 

E­2314/2009 12.1.  Beim  vorliegenden  Verfahrensausgang  ist  von  einem  hälftigen  Obsiegen  des  Beschwerdeführers  auszugehen.  Mit  Zwischenverfügung  vom 21. April 2009 hat der Instruktionsrichter das Gesuch um Gewährung  der  unentgeltlichen  Rechtspflege  gutgeheissen.  Dementsprechend  sind  dem Beschwerdeführer keine Verfahrenskosten aufzuerlegen. 12.2. Der Rechtsvertreter des Beschwerdeführers hat eine Kostennote in  der  Höhe  von  Fr.  2'160.80  (inkl.  Auslagen  und MwSt)  eingereicht.  Den  darin  ausgewiesenen  zeitlichen  Aufwand  (inkl.  Auslagen)  erachtet  das  Gericht  als  verhältnismässig.  Ausgehend  von  einem  hälftigen Obsiegen  und in Anwendung von Art. 8 und 9 VGKE sowie unter Berücksichtigung  eines Stundenansatzes von Fr. 240.­ (Art. 10 Abs. 2 des Reglements vom  21. Februar  2008  über  die  Kosten  und  Entschädigungen  vor  dem  Bundesverwaltungsgericht  (VGKE,  SR  173.320.2)  ist  die  Parteientschädigung  auf  Fr.  1'080.­  (inkl.  Auslagen  und  MwSt)  festzusetzen.  Das  BFM  ist  anzuweisen,  dem  Beschwerdeführer  diesen  Betrag als Parteientschädigung auszurichten. (Dispositiv nächste Seite)

E­2314/2009 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1.  Die Beschwerde wird gutgeheissen, soweit den Vollzug der Wegweisung  betreffend, weitergehend wird sie abgewiesen. 2.  Die Ziffern 4 und 5 des Dispositivs der Verfügung des BFM vom 11. März  2009  werden  aufgehoben  und  das  BFM  wird  angewiesen,  den  Beschwerdeführer vorläufig aufzunehmen. 3.  Es werden keine Verfahrenskosten erhoben. 4.  Das  BFM  wird  angewiesen,  dem  Beschwerdeführer  eine  Parteientschädigung  in  der  Höhe  von  Fr.  1'080.­  (inkl.  Auslagen  und  MwSt) auszurichten 5.  Dieses Urteil geht an den Beschwerdeführer, das BFM und E._______ Der vorsitzende Richter: Die Gerichtsschreiberin: Kurt Gysi Barbara Balmelli Versand:

E-2314/2009 — Bundesverwaltungsgericht 23.09.2011 E-2314/2009 — Swissrulings