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Bundesverwaltungsgericht 07.10.2011 E-2193/2007

7. Oktober 2011·Deutsch·CH·CH_BVGE·PDF·1,891 Wörter·~9 min·1

Zusammenfassung

Asyl und Wegweisung | Asyl und Wegweisung; Verfügung des BFM vom 22. Februar 2007

Volltext

Bundesve rwa l t ungsge r i ch t T r i buna l   adm in istratif   f édé ra l T r i buna l e   ammin istrati vo   f ede ra l e T r i buna l   adm in istrativ   f ede ra l Abteilung V E­2193/2007 Urteil   v om   7 .   O k t ob e r   2011 Besetzung Richterin Muriel Beck Kadima (Vorsitz), Richter Robert Galliker, Richter Maurice Brodard,    Gerichtsschreiberin Alexandra Püntener. Parteien A._______, geboren am (…), und deren Kind B._______,  geboren (…), Iran,  vertreten durch Christophe Allemann, Rechtsanwalt und  Notar, (…), Beschwerdeführerin,  gegen Bundesamt für Migration (BFM), Quellenweg 6, 3003 Bern,    Vorinstanz.  Gegenstand Flüchtlingseigenschaft und Wegweisung; Verfügung des  BFM vom 22. Februar 2007 / N (…).

E­2193/2007 Sachverhalt: A.  Die  Beschwerdeführerin  verliess  ihren  Heimatstaat  eigenen  Angaben  zufolge  im September 2005 und reiste über die Türkei, wo sie sich über  ein Jahr  lang aufgehalten habe, am 15. Januar 2007  in die Schweiz ein  und suchte am gleichen Tag um Asyl nach. Am 18. Januar 2007 wurde  sie  im  Empfangs­  und  Verfahrenszentrum  C._______  summarisch  befragt.  Am  13. Bzw.  16.  Februar  2007  folgte  eine  ausführliche  direkte  Anhörung durch das Bundesamt.  Die  Beschwerdeführerin  begründete  ihr  Asylgesuch  im  Wesentlichen  damit,  sie  habe  seit  ihrer Geburt  bis  zur Ausreise  in D._______  gelebt.  Sie habe am (Datum) einen Iraner geheiratet. Ihr Vater sei am (Datum) im  Gefängnis umgebracht worden. Daraufhin habe sie geschworen,  seinen  Tod zu rächen und habe dies ihrem Ehemann erzählt. Dieser habe nach  ersten Bedenken um seine Stellung vorgegeben, ihr dabei zu helfen. Sie  habe  sich  fortan  politisch  engagiert  und  während  Monaten  Flugblätter  verteilt.  Im Oktober  (Jahreszahl),  als  sie  den Auftrag erhalten habe,  ein  Päckchen  mit  einem  ihr  unbekannten  Inhalt  aufzubewahren,  sei  ihre  politische  Tätigkeit  jedoch  aufgeflogen.  Ihr  Ehemann  habe  sie  offenbar  verraten.  Sie  sei  festgenommen  und  während  dreier  Jahre  inhaftiert  worden. Dabei  sei  sie  unzählige Male  verhört,  geschlagen und gefoltert  worden.  Dabei  habe  sie  erfahren,  dass  das  Päckchen  (…)  enthalten  habe.  Während  des  Gefängnisaufenthaltes  habe  sie  ihr  Ehemann  besucht  und  von  ihr  die  Scheidung  verlangt.  Sie  habe  erst  damals  erfahren, dass er einen höheren Rang bei den Ordnungskräften habe. Sie  habe  auf  dessen  Forderungen  das  Besuchsrecht  ihres  gemeinsamen  Kindes  betreffend  eingewilligt  und  auf  ihre  Rechte  verzichtet.  Im  September/Oktober  2005  sei  sie  aus  der  Haft  entlassen  worden.  Aus  Angst  vor einer Verurteilung wegen Besitzes von  (…) habe sie  sich zur  Ausreise  entschlossen  und  dazu  den  Reisepass  ihrer  (Verwandte)  besorgt.  Nach  ihrer  Einreise  in  die  Schweiz  habe  sie  ihre  politischen  Aktivitäten  wieder  aufgenommen.  Sie  habe  Artikel  verfasst  und  im  Internet veröffentlicht sowie im (Zeitpunkt) an einer Demonstration vor der  iranischen Botschaft in Bern teilgenommen.  Für den weiteren Inhalt der Aussagen wird auf die Akten verwiesen. Die  Beschwerdeführerin  reichte  zur  Untermauerung  ihrer  Anliegen  verschiedene  Beweismittel  (Scheidungsurkunde,  Fotos  betreffend  die  Teilnahme an einer Demonstration in Bern sowie solche vom (Daten) ein. 

E­2193/2007 B.  Das BFM stellte mit gleichentags eröffneter Verfügung vom 22. Februar  2007 fest, die Beschwerdeführerin erfülle die Flüchtlingseigenschaft nicht  und  lehnte das Asylgesuch ab. Gleichzeitig ordnete es die Wegweisung  der  Beschwerdeführerin  aus  der  Schweiz  an.  Den  Vollzug  der  Wegweisung in den Iran befand die Vorinstanz für zulässig, zumutbar und  möglich.  Die  Vorinstanz  begründete  ihre  Verfügung  im  Wesentlichen  damit,  die  Vorbringen  der  Beschwerdeführerin  würden  den  Anforderungen  an  die  Glaubhaftigkeit  nicht  standhalten,  so  dass  die  Asylrelevanz  nicht  geprüft  werden  müsse.  Ferner  würden  auch  die  geltend gemachten subjektiven Nachfluchtgründe den Anforderungen an  die Flüchtlingseigenschaft nicht standhalten. Auf die weitere Begründung  wird im Wesentlichen in den nachfolgenden Erwägungen eingegangen. C.  Mit  Eingabe  vom  22.  März  2007  beantragte  die  Beschwerdeführerin  durch ihre damalige Rechtsvertreterin die Aufhebung der Ziffern 1, 3 und  5  der  angefochtenen  Verfügung  und  die  Feststellung  der  Flüchtlingseigenschaft  sowie  die Gewährung  der  vorläufigen Aufnahme,  eventualiter die Feststellung der Unzulässigkeit und der Unzumutbarkeit  des Vollzugs der Wegweisung.  In  verfahrensrechtlichter Hinsicht  sei  die  unentgeltliche  Rechtspflege  zu  gewähren  und  auf  die  Erhebung  eines  Kostenvorschusses zu verzichten. Auf die Begründung im Einzelnen wird,  soweit  wesentlich,  in  den  nachfolgenden  Erwägungen  eingegangen.  Gleichzeitig  wurden  als  Beweismittel  vier  fremdsprachige,  im  Internet  veröffentlichte Artikel, mehrere Fotos von Demonstrationsteilnahmen und  eine Fürsorgebestätigung eingereicht.  D.  Mit  verfahrensleitender  Verfügung  der  damals  zuständigen  Instruktionsrichterin  vom  25.  April  2007  wurde  auf  die  Erhebung  eines  Kostenvorschusses  verzichtet  und  das  Gesuch  um  Gewährung  der  unentgeltlichen  Rechtspflege  im  Sinne  von  Art.  65  Abs.  1  des  Bundesgesetzes  vom  20. Dezember  1968  über  das  Verwaltungsverfahren  (VwVG,  SR  172.021)  unter  Vorbehalt  der  Veränderung der finanziellen Lage der Beschwerdeführerin gutgeheissen. E.  Mit Eingaben  vom 15.  Januar  2008,  22. Dezember  2008,  26. Mai  2009  und 13. August 2009 wurden betreffend die exilpolitischen Aktivitäten der  Beschwerdeführerin  weitere  Unterlagen  (CD,  Fotos,  polizeiliche 

E­2193/2007 Bewilligung  vom  (Datum),  Einladung  [Kontaktperson:  A._______]  sowie  Flugblätter betreffend eine Standaktion der Socialist Party of Iran (SPI) in  Zürich  vom  (Datum);  Berichterstattungen  der  Beschwerdeführerin  zu  politischen  Themen  betreffend  den  Iran  unter  (Website);  Beiträge  im  Internet,  Reaktionen  von  Bloggern,  Übersicht  Leserschaft/Blogger,  Bestätigung  der  SPI  vom  15. März  2009  betreffend  Mitgliedschaft  und  Tätigkeiten der Beschwerdeführerin, Annual Report 2008 und andere  im  Internet veröffentlichte Artikel von "Reporters Without Borders" zum Iran;  Mitorganisieren der Kundgebung der SPI Schweiz vom (Datum)  in Bern,  Frauentag  in Zürich  vom  (Datum), Aktionstisch  der SPI  vom  (Datum)  in  Zürich, Teilnahme an Demonstration vom (Datum) [Flyers und CD] sowie  Veröffentlichung  von  Beiträgen  auf  der  Internetseite  (Website)  als  Beweismittel zu den Akten gereicht. F.  Am  28.  April  2010  wurden  unter  Hinweis  auf  ein  Urteil  des  Bundesverwaltungsgerichts  vom  18.  Dezember  2009,  D­6429/2006,  Ausführungen zur Rückkehrgefährdungssituation der Beschwerdeführerin  gemacht.  Ferner  wurde  geltend  gemacht,  die  Beschwerdeführer  lebe  zusammen  mit  einem  irakischen  Staatsangehörigen  und  erwarte  demnächst ihr gemeinsames Kind. G.  Am (Datum) wurde das Kind B._______ geboren. H.  Am 30. März 2011 wurde mitgeteilt, dass lic. iur. Christophe Allemann als  neuer  Rechtsvertreter  mandatiert  worden  sei.  Gleichzeitig  wurde  eine  Kostennote der bisherigen Rechtsvertretung eingereicht. I.  Im Rahmen einer Vernehmlassung, zu der die Vorinstanz unter Hinweis  auf  das  Konkubinat  der  Beschwerdeführerin  mit  einem  irakischen  Staatsangehörigen  und  die  Geburt  eines  gemeinsamen  Kindes  eingeladen  worden  war,  hob  das  BFM  am  15.  April  2011  in  teilweiser  Wiedererwägung  seiner  Verfügung  vom  22.  Februar  2007  die  Ziffern  4  und  5  des  Dispositivs  auf  und  stellte  fest,  dass  der  Vollzug  der  Wegweisung  zur  Zeit  wegen  Unzumutbarkeit  nicht  vollzogen  und  zu  Gunsten einer vorläufigen Aufnahme aufgeschoben werde. 

E­2193/2007 J.  Am  28.  April  2011  teilte  der  Rechtsvertreter  mit,  dass  die  Beschwerdeführerin  an  der  beantragten  Feststellung  der  Flüchtlingseigenschaft festhalte. K.  Mit  verfahrensleitender  Verfügung  vom  18.  August  2011  wurde  die  Beschwerdeführerin  aufgefordert,  entweder  eine  aktuelle  Fürsorgebestätigung  oder  das  ausgefüllte  Formular  "Gesuch  um  unentgeltliche  Rechtspflege"  oder  Auszüge  der  drei  letzten  Monatsabrechnungen einzureichen. L.  Am  29.  August  2011  reichte  die  Beschwerdeführerin  drei  Lohnabrechnungen von Mai, Juni und Juli 2011 zu den Akten. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1.  1.1. Gemäss Art. 31 des Verwaltungsgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005  (VGG, SR 173.32) beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Beschwerden  gegen  Verfügungen  nach  Art. 5  VwVG.  Das  BFM  gehört  zu  den  Behörden  nach  Art. 33  VGG  und  ist  daher  eine  Vorinstanz  des  Bundesverwaltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme  im Sinne von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht  ist daher zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und  entscheidet  auf  dem  Gebiet  des  Asyls  endgültig,  ausser  bei  Vorliegen  eines  Auslieferungsersuchens  des  Staates,  vor  welchem  die  beschwerdeführende  Person  Schutz  sucht  (Art. 105  des  Asylgesetzes  vom  26. Juni  1998  [AsylG,  SR 142.31];  Art. 83  Bst. d  Ziff. 1  des  Bundesgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005 [BGG, SR 173.110]). 1.2. Das  Verfahren  richtet  sich  nach  dem  VwVG,  dem  VGG  und  dem  BGG, soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6  AsylG). 1.3.  Die  Beschwerde  ist  frist­  und  formgerecht  eingereicht.  Die  Beschwerdeführerin hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen,  ist  durch  die  angefochtene  Verfügung  besonders  berührt  und  hat  ein 

E­2193/2007 schutzwürdiges  Interesse  an  deren  Aufhebung  beziehungsweise  Änderung.  Sie  ist  daher  zur  Einreichung  der  Beschwerde  legitimiert  (Art. 105  AsylG  i.V.m.  Art.  37  VGG  und  Art. 48  Abs. 1,  Art.  50  und  52  VwVG). Auf die Beschwerde ist einzutreten. 1.4.  Das  am  (Datum)  geborene  Kind  B._______  wird  in  das  Beschwerdeverfahren einbezogen. 2.  Mit  Beschwerde  kann  die  Verletzung  von  Bundesrecht,  die  unrichtige  oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts und  die Unangemessenheit gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG). 3.  Nachdem  die  Beschwerdeführerin  in  ihrer  Beschwerdeeingabe  lediglich  die  Feststellung  der  Flüchtlingseigenschaft  und  die  Gewährung  der  vorläufigen  Aufnahme  beantragt  hat  und  das  BFM  mit  Verfügung  vom  15. April 2011 in Wiedererwägung ihrer Verfügung vom 22. Februar 2007  die  Beschwerdeführerin  und  ihr  Kind  in  der  Schweiz  vorläufig  aufgenommen  hat,  ist  vorliegend Prüfungsgegenstand  einzig  die  Frage,  ob das BFM zu Recht die Flüchtlingseigenschaft verweigert hat. 4.  4.1.  Gemäss  Art.  2  Abs.  1  AsylG  gewährt  die  Schweiz  Flüchtlingen  grundsätzlich  Asyl.  Als  Flüchtling  wird  eine  ausländische  Person  anerkannt,  wenn  sie  in  ihrem  Heimatstaat  oder  im  Land,  in  dem  sie  zuletzt  wohnte,  wegen  ihrer Rasse, Religion, Nationalität,  Zugehörigkeit  zu  einer  bestimmten  sozialen  Gruppe  oder  wegen  ihrer  politischen  Anschauungen  ernsthaften  Nachteilen  ausgesetzt  ist  oder  begründete  Furcht  hat,  solchen  Nachteilen  ausgesetzt  zu  werden.  Als  ernsthafte  Nachteile  gelten  namentlich  die  Gefährdung  von  Leib,  Leben  oder  Freiheit sowie Massnahmen, die einen unerträglichen psychischen Druck  bewirken (Art. 3 AsylG). 4.2. Wer sich darauf beruft, dass durch sein Verhalten nach der Ausreise  aus  dem  Heimat­  oder  Herkunftsstaat  eine  Gefährdungssituation  erst  geschaffen  worden  ist, macht  subjektive  Nachfluchtgründe  geltend  (vgl.  Art. 54 AsylG).  Personen  mit  subjektiven  Nachfluchtgründen  erhalten  zwar  kein  Asyl,  werden  jedoch  als  Flüchtlinge  vorläufig  aufgenommen  (vgl. 

E­2193/2007 Entscheidungen und Mitteilungen der ARK  [EMARK]  2000 Nr. 16 E. 5a,  mit weiteren Hinweisen). Der Asylausschlussgrund von Art. 54 AsylG  ist  absolut  zu  verstehen  und  mithin  unabhängig  davon  anzuwenden,  ob  Nachfluchtgründe  missbräuchlich  gesetzt  worden  sind  oder  nicht  (vgl.  EMARK  1995  Nr.  7  E.  7  S.  66  ff.).  Es  ist  daher  nicht  entscheidend,  welchen  mutmasslichen  Zweck  die  asylsuchende  Person  durch  ihre  exilpolitischen  Tätigkeiten  zu  erreichen  versucht  hat.  Massgebend  ist  vielmehr,  ob  die  heimatlichen  Behörden  das  Verhalten  des  Asylsuchenden  als  staatsfeindlich  einstufen  und  dieser  deswegen  bei  einer Rückkehr  in den Heimatstaat eine Verfolgung  im Sinne von Art.  3  AsylG  befürchten  muss.  Es  bleiben  damit  die  Anforderungen  an  den  Nachweis einer begründeten Furcht massgeblich (Art. 3 und 7 AsylG; vgl.  zum Ganzen auch BVGE 2009/28 E. 7.1. S. 352). 5.  5.1.  Das  Bundesamt  begründete  seinen  ablehnenden  Entscheid  im  Wesentlichen damit, exilpolitische Aktivitäten könnten nur dann im Sinne  von  subjektiven  Nachfluchtgründen  zur  Flüchtlingseigenschaft  führen,  wenn davon ausgegangen werden müsse, dass diese Aktivitäten im Falle  einer  Rückkehr  in  den  Iran  mit  überwiegender  Wahrscheinlichkeit  ernsthafte  Massnahmen  für  den  Betroffenen  zur  Folge  hätten.  Selbst  wenn  die  iranischen  Behörden  über  die  politischen  Aktivitäten  ihrer  Staatsangehörigen  im  Ausland  informiert  seien,  könnten  sie  angesichts  der  hohen Zahl  der  im Ausland  lebenden  iranischen Staatsangehörigen  nicht  jede einzelne Person überwachen und  identifizieren. Es dürfte den  iranischen Behörden auch bekannt sein, dass viele iranische Emigranten  aus vorwiegend wirtschaftlichen Gründen versuchten, sich in Europa und  speziell  auch  in  der  Schweiz  zum  Abschluss  ihres  Asylverfahrens  ein  dauerhaftes  Aufenthaltsrecht  zu  erwirken,  indem  sie  regimekritischen  Aktivitäten  jeglicher  Art  nachgingen.  Die  iranischen  Behörden  hätten  indessen nur dann  Interesse an der  Identifizierung von Personen, wenn  die  Aktivitäten  als  konkrete  Bedrohung  für  das  politische  System  wahrgenommen  würden.  Die  geltend  gemachten  exilpolitischen  Aktivitäten  der  Beschwerdeführerin  ­  die  regelmässige  Teilnahme  an  Demonstrationen und die von ihr im Internet publizierten regimekritischen  Aufsätze  ­  würden  im  Falle  einer  Rückkehr  in  den  Iran  keine  konkrete  Gefährdung begründen.  5.2.  In  der  Rechtsmitteleingabe  wird  die  Feststellung  der  Flüchtlingseigenschaft  beantragt  und  dabei  geltend  gemacht,  die 

E­2193/2007 Beschwerdeführerin setze ihr politisches Engagement in der Schweiz fort  und  engagiere  sich  für  die  Organisation  (Name),  welche  sich  für  mehr  Freiheit  und  gegen  die  Unterdrückung  der  Opposition  im  Iran  einsetze.  Sie  nehme  an  Versammlungen  und  Demonstrationen  teil  und  habe  eigene,  unter  ihrem  Namen  verfasste  Artikel  im  Internet  publiziert.  Die  Organisation  mache  zudem  in  Zusammenarbeit  mit  anderen  Organisationen  wie  die  International  Federation  of  Iranian  Refugees  (IFIR) auf die Situation von Asylsuchenden  in der Schweiz aufmerksam.  Gleichzeitig  wird  auf  die  Länderanalyse  der  Schweizerischen  Flüchtlingshilfe  (SFH)  vom 4. April  2006  ("Iran: Rückkehrgefährdung  für  AktivistInnen  und  Mitglieder  exilpolitischer  Organisationen  ­  Informationsgewinnung iranischer Behörden") hingewiesen. Entgegen der  Argumentation  der  Vorinstanz  sei  nicht  entscheidend,  welchen  mutmasslichen Zweck die Beschwerdeführerin durch ihre Teilnahmen an  Demonstrationen  und  Publikation  regimekritischer  Artikel  zu  erreichen  versuche,  sondern  ob  die  iranischen  Behörden  ihr  Verhalten  als  staatsfeindlich einstuften. Die eingereichten Unterlagen machten deutlich,  dass  sie  leicht  zu  identifizieren  wäre.  Sie  wäre  daher  im  Falle  einer  Rückkehr  in  den  Iran  dem Risiko  asylrelevanter  Verfolgung  ausgesetzt.  Zu berücksichtigen sei  ferner, dass  ihre  (Verwandte)  in der Schweiz als  Flüchtlinge vorläufig aufgenommen seien. Weiter sei auch der Umstand,  dass der Vater der Beschwerdeführerin seine regimekritische Haltung mit  seinem Leben habe bezahlen müssen, zu berücksichtigen. Im Laufe des Beschwerdeverfahrens wurden, wie im Sachverhalt bereits  dargelegt,  verschiedene  Unterlagen  über  die  exilpolitische  Tätigkeit  der  Beschwerdeführerin seit  ihrer Einreise  in die Schweiz (Demonstrationen,  Kundgebungen  und  Standaktionen,  Verfassen  regimekritischer  Artikel,  eigene Webblog) ins Recht gelegt. 6.  Im  Folgenden  ist  zu  prüfen,  ob  die  Beschwerdeführerin  durch  ihr  Verhalten  nach  der  Ausreise  aus  dem  Heimatland,  namentlich  dem  geltend gemachten exilpolitischen Engagement in der Schweiz, Grund für  eine  zukünftige  Verfolgung  durch  die  iranischen  Behörden  gesetzt  hat  und deshalb (das heisst infolge Vorliegens subjektiver Nachfluchtgründe)  die Flüchtlingseigenschaft erfüllt. 6.1.  Vorab  ist  festzustellen,  dass  die  politische  Betätigung  für  staatsfeindliche  Organisationen  im  Ausland  seit  der  Neufassung  des  iranischen  Strafrechts  im  Jahr  1996  unter  Strafe  gestellt  ist. 

E­2193/2007 Einschlägigen Berichten zufolge wurden in der Vergangenheit denn auch  bereits  Personen  verhaf­tet,  angeklagt  und  verurteilt,  welche  sich  unter  anderem  im  Internet  kritisch  zum  iranischen Staat  äusserten  (vgl.  SFH­ Länderanalyse  vom  4. April  2006,  S. 3,  mit  weiteren  Hinweisen).  Es  ist  überdies  allgemein  bekannt  und  unbestritten,  dass  die  iranischen  Behörden die politischen Aktivitäten  ihrer Staatsangehörigen  im Ausland  überwachen  und  systematisch  erfassen.  Mittels  Einsatz  moderner  Software dürfte es den iranischen Behörden auch ohne Weiteres möglich  sein,  die  im  Internet  vorhandenen  riesigen  Datenmengen  ohne  allzu  grossen  Aufwand  gezielt  und  umfassend  zu  überwachen  und  gegebenenfalls  nach  Stichworten  zu  durchsuchen.  Diese  Überwachung  habe  nach  den  Wahlen  im  Juni  2009  und  diesbezüglichen  Protesten  zugenommen (vgl. SFH; "Iran: Illegale Ausreise/Situation von Mitgliedern  der  PDKI/Politische  Aktivitäten  im  Exil",  SFH­Länderanalyse  vom  16. November  2010;  "Iran:  traitement  des  requérants  d'asile  déboutés",  SFH­Länderanalyse  vom  18. August  2011,  S.  8),  insbesondere  von  regierungskritischen  exilierten  Personen.  Diese  seien  gemäss  Angaben  des  Wall  Street  Journal  mit  ähnlichen  Methoden  belästigt  und  bedroht  worden (vgl. S. 8). Demgegenüber bleibt im Einzelfall zu prüfen, ob die in  der  Schweiz  entwickelten  exilpolitischen  Aktivitäten  bei  einer  allfälligen  Ausschaffung  in  den  Iran  mit  überwiegender  Wahrscheinlichkeit  ernsthafte  Nachteile  im  asylrechtlichen  Sinne  nach  sich  ziehen  würden  (vgl. BVGE 2009/28 E. 7.4.3). Es ist dabei davon auszugehen, dass sich  die  iranischen  Geheimdienste  auf  die  Erfassung  von  Personen  konzentrieren,  die  über  die  massentypischen  und  niedrig  profilierten  Erscheinungsformen  exilpolitischer  Proteste  hinaus  Funktionen  wahrgenommen  und/oder  Aktivitäten  entwickelt  haben,  welche  die  jeweilige  Person  aus  der  Masse  der  mit  dem  Regime  Unzufriedenen  herausheben  und  als  ernsthaften  und  gefährlichen  Regimegegner  erscheinen  lassen.  Somit  sind  die Mitgliedschaft  in  einer  exilpolitischen  Organisation,  die  Teilnahme  an  regimekritischen  Demonstrationen  und  das hierbei übliche Tragen von Plakaten und Rufen von Parolen nicht für  die  Einschätzung  einer  Verfolgungsgefahr  von  Bedeutung,  sondern  Positionen,  Form  und  Einfluss  von  Aktionen  (vgl.  SFH­Länderanalyse  vom 4. April 2006, S. 7). 6.2. Wie den  im Asylpunkt unangefochten gebliebenen Erwägungen der  vorinstanzlichen  Verfügung  vom  22.  Februar  2007  entnommen  werden  kann,  vermochte  die  Beschwerdeführerin  eine  Vorverfolgung  nicht  glaubhaft zu machen. Daher steht fest, dass sie vor dem Verlassen ihres  Heimatstaates  nicht  als  regimefeindliche  Person  ins  Blickfeld  der 

E­2193/2007 iranischen  Behörden  respektive  der  iranischen  Nachrichtendienste  geraten  ist  und  entsprechend  durch  die  iranischen  Behörden  jedenfalls  nicht als staatsfeindliche Politaktivistin fichiert war. Aus  den  im  erstinstanzlichen  Verfahren  sowie  auf  Beschwerdeebene  eingereichten  Dokumentation  kann  entnommen  werden,  dass  die  Beschwerdeführerin seit ihrer Einreise in die Schweiz als Mitglied der SPI  an  zahlreichen  Kundgebungen  und  Veranstaltungen  in  Schweizer  Städten, u.a. als mitverantwortliche Organisatorin teilgenommen hat. Der  Zweck der Veranstaltungen, der Protest gegen die  iranische Regierung,  ist ebenfalls ersichtlich. Weiter soll sie  ihren Angaben zufolge über  ihren  Webblog sowie auf der Homepage (Website) politische Nachrichten aus  dem  Iran  verbreitet  haben  sowie  als  Autorin  von  regimekritischen  Beiträgen  in  Erscheinung  getreten  sein.  Dabei  sei  sie  bereits  von  anonymen Lesern als Terroristin  bezeichnet worden. Dass  sie  aufgrund  ihrer Tätigkeiten markant  in Erscheinung getreten wäre, kann den Akten  jedoch  nicht  entnommen  werden  und  lässt  auch  sonst  nicht  auf  ein  herausragendes  oppositionelles  Engagement  schliessen.  Die  von  der  Beschwerdeführerin  im  Rahmen  ihrer  Teilnahme  an  Kundgebungen  sowie  im  Internet  vorgetragene Kritik  –  sollten  die  iranischen Behörden  überhaupt  davon  Kenntnis  erlangen  respektive  erlangt  haben  –  sind  aufgrund  der  gesamten  Umstände  jedenfalls  nicht  geeignet,  sie  als  Person  mit  klar  definierten  oppositionspolitischen  Vorstellungen  und  persönlichem Agitationspotential, welche zu einer Gefahr für das Regime  im  Iran  werden  könnte,  erscheinen  zu  lassen.  Die  durch  die  Beschwerdeführerin  öffentlich  vorgetragene  Kritik  am  Regime  weist  demnach insgesamt nicht den nötigen Exponierungsgrad auf, um bei den  iranischen Behörden den Eindruck zu erwecken, dass sie zu einer Gefahr  für  den Bestand  ihres Regimes werde. An  dieser Einschätzung  vermag  auch  der  Hinweis  auf  die  im  Jahre  (Jahreszahl)  in  der  Schweiz  festgestellte  Flüchtlingseigenschaft  ihrer  (Verwandte)  in  der  Schweiz  nichts zu ändern, zumal sie diese Angehörigen nie in Zusammenhang mit  ihrer  eigenen  politischen  Tätigkeit  gebracht  hat.  Auch  vermag  sie  aus  dem  Vorbringen  betreffend  ihren  Vater,  der  im  Jahre  2001  in  einem  iranischen  Gefängnis  umgebracht  worden  sei,  keine  Gefährdungssituation  abzuleiten,  zumal  sie  in  diesem  Zusammenhang,  wie  hievor  festgestellt  worden  ist,  keine  Vorverfolgung  glaubhaft  zu  machen  vermochte.  Schliesslich  hat  die  Beschwerdeführerin  nicht  zum  Ausdruck gebracht, dass sie oder ihre im Iran verbliebenen Angehörigen  auf  irgendeine  Weise  seitens  der  iranischen  Behörden  belästigt  oder  bedroht  worden  wären  (vgl.  SFH­Länderanalyse  vom  16.  November 

E­2193/2007 2010).  Im  Übrigen  haben  Exil­Iraner  mit  dem  Profil  der  Beschwerdeführerin  bei  einer  Rückkehr  in  ihren  Heimatstaat  aufgrund  ihrer  exilpolitischen  Tätigkeiten  keine  staatlichen  Verfolgungsmassnahmen zu befürchten, zumal den iranischen Behörden  mittlerweile  sehr  wohl  bewusst  sein  dürfte,  dass  die  exilpolitische  Betätigung  vieler  iranischer  Asylbewerber  nach  der  Ablehnung  ihrer  Asylgesuche oft zunimmt respektive intensiviert wird oder überhaupt erst  ab diesem Zeitpunkt einsetzt (vgl. BVGE 2009/28 E. 7.4.3). 6.3. An dieser Stelle ist überdies auf die geltende Praxis des Bundesver­ waltungsgerichts hinzuweisen, wonach allein aufgrund der Ausreise oder  des Asylgesuches  im Ausland keine  flüchtlingsrechtlich  relevante Verfol­ gung im Iran befürchtet werden muss (BVGE 2009/28 E. 7.4.4 S. 367). 6.4.  Zusammenfassend  ist  festzustellen,  dass  die  geltend  gemachten  subjektiven Nachfluchtgründe nicht geeignet sind, eine flüchtlingsrechtlich  relevante Verfolgungsfurcht  zu begründen, weshalb die Beschwerdefüh­ rerin nicht als Flüchtling anerkannt werden kann. An dieser Einschätzung  vermögen  weder  die  weiteren  Ausführungen  in  den  Eingaben  noch  die  beigelegten  Beweismittel  etwas  zu  ändern,  weshalb  darauf  verzichtet  werden kann, weiter darauf einzugehen. 6.5.  Die  Vorinstanz  hat  somit  zutreffend  festgestellt,  die  Beschwerdeführerin erfülle die Flüchtlingseigenschaft nicht. 7.  7.1. Lehnt  das Bundesamt  das Asylgesuch  ab  oder  tritt  es  darauf  nicht  ein,  so  verfügt  es  in  der  Regel  die Wegweisung  aus  der  Schweiz  und  ordnet den Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit  der Familie (Art. 44 Abs. 1 AsylG). 7.2.  Die  Beschwerdeführerin  und  ihr  Kind  verfügen  weder  über  eine  ausländerrechtliche Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf  Erteilung  einer  solchen.  Die  Wegweisung  wurde  demnach  zu  Recht  angeordnet (Art. 44 Abs. 1 AsylG; BVGE 2009/50 E. 9). 8.  Aus  diesen  Erwägungen  ergibt  sich,  dass  die  angefochtene  Verfügung  vom  22.  Februar  2007  –  soweit  Gegenstand  des  vorliegenden  Beschwerdeverfahrens  –  hinsichtlich  der  Flüchtlingseigenschaft  und  der  Wegweisung  Bundesrecht  nicht  verletzt,  den  rechtserheblichen 

E­2193/2007 Sachverhalt richtig und vollständig feststellt und angemessen ist (Art. 106  AsylG). Die Beschwerde  ist  somit  ­  soweit  sie  durch die Verfügung des  BFM vom 15. April 2011 (Vollzug der Wegweisung) nicht gegenstandslos  geworden ist ­ abzuweisen. 9.  9.1. Mit  Zwischenverfügung  vom  25.  April  2007 wurde  das Gesuch  der  Beschwerdeführerin  um  Gewährung  der  unentgeltlichen  Rechtspflege  gemäss  Art.  65  Abs.  1  VwVG  unter  Vorbehalt  einer  nachträglichen  Veränderung ihrer finanziellen Verhältnisse gutgeheissen. Nachdem sich  aufgrund der Akten ergibt, dass die Beschwerdeführerin auch im heutigen  Zeitpunkt  über  ein  bescheidenes  Einkommen  verfügt  und  seit  (Datum)  zusätzlich für den Unterhalt eines Kindes aufzukommen hat, wird auf die  Erhebung von Verfahrenskosten verzichtet (vgl. Art. 65 Abs. 1 VwVG). 9.2.  Nachdem  die  Beschwerdeführerin  teilweise  mit  ihrer  Beschwerde  durchgedrungen  ist,  ist  ihr  für  die  ihr  erwachsenen  notwendigen  und  verhältnismässig  hohen  Kosten  eine  um  die  Hälfte  reduzierte  Parteientschädigung zuzusprechen (vgl. Art. 64 Abs. 1 VwVG i.V.m. Art.  37 VGG und Art. 7. Abs. 2 VGKE). Gemäss Kostennote vom 21. Februar  2011  werden  für  das  Rechtsmittelverfahren  der  Caritas  Schweiz  Aufwendungen  von  insgesamt  Fr.  1'998.­­  (12 Stunden  à  Fr. 162.­­  und  Auslagen  von  Fr. 54.­­)  geltend  gemacht.  Dieser  erscheint  indessen  im  Vergleich  zu  anderen  ähnlich  gelagerten  Fällen  als  zu  hoch.  Unter  Berücksichtigung  der  Eingaben  des  heutigen  Rechtsvertreters  vom  28. April  2011  und  vom  29.  August  2011,  für  welche  zwar  keine  Kostennote  eingereicht  wurde,  deren  Aufwand  das  Gericht  aber  zuverlässig  abschätzen  kann,  wird  von  einem  Gesamtaufwand  von  insgesamt  10 Stunden  ausgegangen, womit  sich  die Gesamtkosten  auf  Fr.  1'728.­  (inklusive  Spesen  und  MWSt  des  Rechtsanwalts)  belaufen.  Das BFM wird  daher  angewiesen,  der  Beschwerdeführerin  eine  um  die  Hälfte zu kürzende Parteientschädigung von Fr. 864.­ auszurichten. (Dispositiv nächste Seite)

E­2193/2007 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1.  Die  Beschwerde  wird,  soweit  nicht  gegenstandslos  geworden,  abgewiesen. 2.  Es werden keine Verfahrenskosten auferlegt. 3.  Das  BFM  hat  der  Beschwerdeführerin  eine  Parteientschädigung  in  der  Höhe von Fr. 864.­ auszurichten. 4.  Dieses  Urteil  geht  an  die  Beschwerdeführerin,  das  BFM  und  die  zuständige kantonale Behörde. Die vorsitzende Richterin: Die Gerichtsschreiberin: Muriel Beck Kadima Alexandra Püntener Versand:

E-2193/2007 — Bundesverwaltungsgericht 07.10.2011 E-2193/2007 — Swissrulings