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Bundesverwaltungsgericht 30.08.2011 E-1098/2011

30. August 2011·Deutsch·CH·CH_BVGE·PDF·2,456 Wörter·~12 min·1

Zusammenfassung

Asyl und Wegweisung | Asyl und Wegweisung; Verfügung des BFM vom 28. Januar 2011

Volltext

Bundesve rwa l t ungsge r i ch t T r i buna l   adm in istratif   f édé ra l T r i buna l e   ammin istrati vo   f ede ra l e T r i buna l   adm in istrativ   f ede ra l Abteilung V E­1098/2011 beu/boi/ris Urteil   v om   3 0 .   Augus t   2011 Besetzung Richterin Muriel Beck Kadima (Vorsitz), Richter Thomas Wespi, Richterin Gabriela Freihofer,    Gerichtsschreiberin Stella Boleki. Parteien A._______, dessen Ehefrau B._______, und deren Kinder C._______, D._______, E._______, F._______, G._______,  H._______, I._______, Serbien, (…), Beschwerdeführende,  gegen Bundesamt für Migration (BFM),  Quellenweg 6, 3003 Bern,    Vorinstanz.  Gegenstand Asyl und Wegweisung;  Verfügung des BFM vom 28. Januar 2011 / N (…).

E­1098/2011 Sachverhalt: A.  Die Beschwerdeführenden, – bis auf die Mutter – Angehörige der Roma  mit  letztem  Wohnsitz  in  J._______  (Provinz  Vojvodina,  Gemeinde  K._______), verliessen ihr Heimatland gemäss eigenen Angaben am 27.  Dezember  2010  und  reisten  mit  einem  Reisebus  über  Kroatien,  Slowenien und Italien  in die Schweiz, wo sie am 28. Dezember 2010 im  Empfangs­  und  Verfahrenszentrum  (EVZ)  Basel  um  Asyl  nachsuchten.  Am  5.  Januar  2011  wurden  die  Beschwerdeführerin,  der  Beschwerdeführer sowie die älteste Tochter, C._______, und der älteste  Sohn, D._______,  summarisch befragt  und am 19.  Januar 2011 vertieft  zu ihren Asylgründen angehört. Dabei brachten sie im Wesentlichen vor,  sie  seien  ständig  belästigt  worden.  Zweimal  seien  sie  aus  ihrem  Haus  vertrieben  und  am  16.  Juni  2010  zu  Hause  durch  sechs  oder  sieben  Personen aufgesucht worden. Dem Beschwerdeführer seien dabei Zähne  ausgeschlagen worden. Die Angreifer hätten gesagt, dass die Kinder der  Beschwerdeführenden nicht mehr in eine Schule gehen sollten, in der es  auch  serbische  Kinder  gebe.  Die  Kinder  seien  in  der  Schule  oft  geschlagen  und  beschimpft  worden,  weshalb  sie  nicht  regelmässig  hingegangen seien. Am 25. November 2010 seien drei maskierte Männer  zu  ihnen  nach  Hause  gekommen.  Sie  hätten  den  Beschwerdeführer  geschlagen und gefesselt, die Kinder in einer Speisekammer eingesperrt  und die Beschwerdeführerin vergewaltigt. Dabei hätten sie gedroht, auch  die beiden ältesten Töchter zu vergewaltigen, wenn die Familie das Dorf  nicht  verlasse.  Diesen  Vorfall  hätten  die  Beschwerdeführenden  telefonisch sowie persönlich der Polizei gemeldet, die sie jedoch der Lüge  bezichtigt  habe  und  untätig  geblieben  sei.  Sie  hätten  deshalb  beschlossen, das Haus zu verkaufen und in die Schweiz zu fliehen. B.  Das  BFM  lehnte  die  Asylgesuche  der  Beschwerdeführenden  mit  Verfügung  vom  28.  Januar  2011  –  eröffnet  am  7.  Februar  2011 –  mangels  Erfüllung  der  Flüchtlingseigenschaft  ab  und  ordnete  die  Wegweisung aus der Schweiz sowie deren Vollzug an.  Begründet wurde der Entscheid insbesondere damit, dass die Vorbringen  der Beschwerdeführenden als  unglaubhaft  zu  bewerten  seien,  da  sie  in  wesentlichen  Punkten  Widersprüche  enthalten  würden  bzw.  unsubstantiiert und nicht nachvollziehbar seien. Die Vorbringen seien  im  Übrigen auch nicht asylrelevant, da von einem adäquaten Schutz durch 

E­1098/2011 den  Heimatstaat  auszugehen  sei.  Der  Vollzug  der  Wegweisung  sei  zulässig,  generell  sowie  individuell  zumutbar  und  möglich.  Auf  die  eingehende Begründung wird in den Erwägungen Bezug genommen. C.  Mit Eingabe vom 15. Februar 2011 fochten die Beschwerdeführenden die  Verfügung des BFM beim Bundesverwaltungsgericht an und beantragten,  diese sei aufzuheben, sie seien als Flüchtlinge anzuerkennen und es sei  ihnen  in  der  Schweiz  Asyl  zu  gewähren.  Eventualiter  seien  sie  in  der  Schweiz  vorläufig aufzunehmen.  In  verfahrensrechtlicher Hinsicht wurde  um Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege gemäss Art. 65 Abs. 1  des  Bundesgesetzes  vom  20. Dezember  1968  über  das  Verwaltungsverfahren  (VwVG,  SR  172.021)  und  um  Verzicht  auf  die  Erhebung  eines  Kostenvorschusses  ersucht.  Auf  die  Begründung  der  Beschwerde wird  –  sofern  entscheidwesentlich  –  in  den  nachfolgenden  Erwägungen eingegangen.  D.  Das  Bundesverwaltungsgericht  stellte  mit  Zwischenverfügung  vom  3. März 2011  fest, die Beschwerdeführenden könnten den Ausgang des  Verfahrens  in  der  Schweiz  abwarten. Gleichzeitig  hiess  es  das Gesuch  um  Gewährung  der  unentgeltlichen  Prozessführung  unter  der  Voraussetzung des Nachreichens einer Fürsorgebestätigung sowie unter  Vorbehalt  der  Veränderung  der  finanziellen  Lage  der  Beschwerdeführenden  gut  und  wies  diese  an,  bis  zum  18.  März  2011  entweder  eine  Bestätigung  ihrer  Bedürftigkeit  einzureichen  oder  einen  Kostenvorschuss  in  der  Höhe  von  Fr. 600.­­  zu  Gunsten  der  Gerichtskasse zu überweisen.  Die  Fürsorgebestätigung  der  Beschwerdeführenden  vom  4.  März  2011  ging am 8. März 2011 beim Bundesverwaltungsgericht ein.  Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1.  1.1. Gemäss Art. 31 des Verwaltungsgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005  (VGG, SR 173.32) beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Beschwerden  gegen  Verfügungen  nach  Art. 5  VwVG.  Das  BFM  gehört  zu  den  Behörden  nach  Art. 33  VGG  und  ist  daher  eine  Vorinstanz  des 

E­1098/2011 Bundesverwaltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme  im Sinne von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht  ist daher zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und  entscheidet  auf  dem  Gebiet  des  Asyls  endgültig,  ausser  bei  Vorliegen  eines  Auslieferungsersuchens  des  Staates,  vor  welchem  die  beschwerdeführende  Person  Schutz  sucht  (Art. 105  des  Asylgesetzes  vom  26. Juni  1998  [AsylG,  SR  142.31];  Art. 83  Bst. d  Ziff. 1  des  Bundesgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005 [BGG, SR 173.110]). 1.2. Das  Verfahren  richtet  sich  nach  dem  VwVG,  dem  VGG  und  dem  BGG, soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6  AsylG). 1.3.  Die  Beschwerde  ist  frist­  und  formgerecht  eingereicht.  Die  Beschwerdeführenden  haben  am  Verfahren  vor  der  Vorinstanz  teilgenommen, sind durch die angefochtene Verfügung besonders berührt  und  haben  ein  schutzwürdiges  Interesse  an  deren  Aufhebung  beziehungsweise  Änderung;  sie  sind  daher  zur  Einreichung  der  Beschwerde legitimiert (Art. 105 und Art. 108 Abs. 1 AsylG, Art. 48 Abs. 1  sowie Art. 52 VwVG). Auf die Beschwerde ist einzutreten. 2.  Mit  Beschwerde  kann  die  Verletzung  von  Bundesrecht,  die  unrichtige  oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts und  die Unangemessenheit gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG). 3.  Gestützt  auf  Art.  111a  Abs.  1  AsylG  wurde  vorliegend  auf  die  Durchführung eines Schriftenwechsels verzichtet. 4.  4.1.  Gemäss  Art.  2  Abs.  1  AsylG  gewährt  die  Schweiz  Flüchtlingen  grundsätzlich  Asyl.  Als  Flüchtling  wird  eine  ausländische  Person  anerkannt,  wenn  sie  in  ihrem  Heimatstaat  oder  im  Land,  in  dem  sie  zuletzt  wohnte,  wegen  ihrer Rasse, Religion, Nationalität,  Zugehörigkeit  zu  einer  bestimmten  sozialen  Gruppe  oder  wegen  ihrer  politischen  Anschauungen  ernsthaften  Nachteilen  ausgesetzt  ist  oder  begründete  Furcht  hat,  solchen  Nachteilen  ausgesetzt  zu  werden.  Als  ernsthafte  Nachteile  gelten  namentlich  die  Gefährdung  von  Leib,  Leben  oder  Freiheit sowie Massnahmen, die einen unerträglichen psychischen Druck 

E­1098/2011 bewirken; frauenspezifischen Fluchtgründen ist Rechnung zu tragen (Art.  3 AsylG). 4.2.  Wer  um  Asyl  nachsucht,  muss  die  Flüchtlingseigenschaft  nachweisen  oder  zumindest  glaubhaft  machen.  Diese  ist  glaubhaft  gemacht,  wenn  die  Behörde  ihr  Vorhandensein  mit  überwiegender  Wahrscheinlichkeit  für  gegeben  hält.  Unglaubhaft  sind  insbesondere  Vorbringen, die in wesentlichen Punkten zu wenig begründet oder in sich  widersprüchlich sind, den Tatsachen nicht entsprechen oder massgeblich  auf  gefälschte  oder  verfälschte  Beweismittel  abgestützt  werden  (Art.  7  AsylG). 5.  5.1.  Das  BFM  begründete  seinen  Entscheid  insbesondere  mit  der  Unglaubhaftigkeit der Vorbringen. Diese würden in wesentlichen Punkten  Widersprüche enthalten, seien unsubstantiiert und nicht nachvollziehbar.  So habe die Beschwerdeführerin erzählt, zum Zeitpunkt des Überfalls am  25. November 2010 hätten  sie und  ihr Ehemann  ferngesehen, während  dieser  angegeben  habe,  geschlafen  zu  haben.  Zudem  seien  verschiedene Angaben zum Ort der Vergewaltigungen gemacht worden;  gemäss der Beschwerdeführerin hätten diese in der Küche, gemäss dem  Beschwerdeführer  im  Zimmer  der  Eheleute  stattgefunden.  Die  Beschwerdeführenden  hätten  im  Weiteren  nicht  einheitlich  aufzeigen  können, wo genau sich die Speisekammer befunden habe; die Eheleute  sowie  die  älteste  Tochter  hätten  jeweils  andere  Angaben  gemacht.  In  Bezug auf die Täter habe der Beschwerdeführer ausgesagt, er habe zwei  der drei Männer anhand ihrer Stimmen erkannt; diese hätten die Familie  bereits  in  der  Vergangenheit  mehrfach  angegriffen.  Seine  Ehefrau  hingegen habe zu Protokoll gegeben, niemanden erkannt zu haben. Die  Erklärungen der Beschwerdeführenden zu diesen Widersprüchen hätten  in keiner Weise überzeugt. Schliesslich habe die Beschwerdeführerin die  Vergewaltigung  unsubstantiiert  und  dürftig  geschildert;  sie  sei  beispielsweise  nicht  in  der  Lage  gewesen,  ihre  Peiniger  auch  nur  ansatzweise zu beschreiben.  Das BFM erachtete die Vorbringen der Beschwerdeführenden im Übrigen  auch nicht  als  asylrelevant,  da  von einem adäquaten Schutz durch den  Heimatstaat  auszugehen  sei.  Es  könne  zwar  in  einzelnen  Fällen  vorkommen,  dass  Behördenvertreter  mit  niederen  Chargen  die  notwendigen  Untersuchungsmassnahmen  trotz  wiederholten 

E­1098/2011 Intervenierens nicht oder nicht sofort einleiten würden. Es bestehe jedoch  die Möglichkeit, gegen fehlbare Beamte auf dem Rechtsweg vorzugehen  und die zustehenden Rechte bei höheren Instanzen einzufordern. 5.2. Die Beschwerdeführenden hielten den Erwägungen der Vorinstanz in  ihrer Beschwerdeschrift entgegen, bei den vorgebrachten Widersprüchen  handle  es  sich  um  kleine  Detailabweichungen,  die  bei  jeder  Aussage  passieren  würden.  Es  sei  nicht  rechtmässig,  ihnen  aufgrund  dieser  unwesentlichen Abweichungen  vorzuwerfen,  ihre Vorbringen  seien nicht  glaubhaft.  Zudem  seien  sie  alle  nach  diesen  Erlebnissen  traumatisiert.  Die Kinder wüssten nicht, was eine Kindheit bedeute; sie seien (aufgrund  ihrer Herkunft) von klein auf schikaniert worden. Die Beschwerdeführerin  leide noch  immer enorm unter den erlittenen Traumata und befinde sich  in ärztlicher Behandlung.  Um  polizeilichen  Schutz  hätten  sie  sich  in  ihrem  Heimatland  immer  wieder bemüht, doch seien sie nicht ernst genommen worden. Nach dem  Vorfall  vom  25.  November  2010  hätten  sie  sich  ausserdem  an  die  Gemeinde  gewandt  und  um  eine  Unterkunft  in  einem  anderen  Dorf  gebeten. Auch dort habe man ihnen nicht weitergeholfen. Sie hätten alles  in ihrer Macht stehende getan, um Schutz durch die serbischen Behörden  zu  erhalten,  doch  seien  diese  nicht  bereit  gewesen,  den  Beschwerdeführenden  zu  helfen.  Selbst  wenn  sich  der  serbische  Staat  laut serbischen Gesetzen verpflichtet habe, auch Roma vor Überfällen zu  schützen,  so  ändere  dies  nichts  daran,  dass  sich  sämtliche  von  ihnen  angerufenen Behörden geweigert hätten, ihnen Schutz zu geben. 5.3.  5.3.1. Vorbringen sind dann glaubhaft, wenn sie genügend substantiiert,  in  sich  schlüssig  und  plausibel  sind.  Sie  dürfen  sich  nicht  in  vagen  Schilderungen erschöpfen, in wesentlichen Punkten nicht widersprüchlich  sein  oder  der  inneren  Logik  entbehren  und  auch  nicht  den  Tatsachen  oder der allgemeinen Erfahrung widersprechen. Darüber hinaus muss die  gesuchstellende Person glaubwürdig erscheinen, was insbesondere dann  nicht der Fall ist, wenn sie ihre Vorbringen auf gefälschte oder verfälschte  Beweismittel  abstützt,  aber  auch  dann,  wenn  sie  wichtige  Tatsachen  unterdrückt  oder  bewusst  falsch  darstellt,  im  Laufe  des  Verfahrens  Vorbringen  auswechselt,  steigert  oder  unbegründet  nachschiebt,  mangelndes  Interesse  am  Verfahren  zeigt  oder  die  nötige  Mitwirkung  verweigert.  Glaubhaftmachung  bedeutet  ferner  –  im  Gegensatz  zum 

E­1098/2011 strikten Beweis – ein reduziertes Beweismass und lässt durchaus Raum  für gewisse Einwände und Zweifel an den Vorbringen des Gesuchstellers.  Entscheidend ist, ob im Rahmen einer Gesamtwürdigung die Gründe, die  für  die  Richtigkeit  der  Sachverhaltsdarstellung  des  Asylsuchenden  sprechen,  überwiegen  oder  nicht.  Dabei  ist  auf  eine  objektivierte  Sichtweise abzustellen  (vgl. Art. 7 Abs.  2 und 3 AsylG; Entscheidungen  und  Mitteilungen  der  Schweizerischen  Asylrekurskommission  [EMARK]  2005  Nr.  21  E.  6.1).  Die  Beschwerdeführenden  haben  den  Inhalt  sämtlicher  Protokolle  mit  ihrer  Unterschrift  genehmigt  und müssen  sich  deshalb ihre Aussagen grundsätzlich entgegenhalten lassen. 5.3.2.  Entgegen  den  Vorbringen  der  Beschwerdeführenden  handelt  es  sich bei den durch das BFM festgestellten Widersprüchen nicht  lediglich  um  kleine  Detailabweichungen.  So  brachte  die  Beschwerdeführerin  anlässlich  ihrer  Anhörung  vor,  sie  habe  zum  Zeitpunkt,  als  am  25.  November  2010  die  drei  maskierten  Männer  gekommen  seien  –  nach  Mitternacht – mit  ihrem Mann ferngesehen, während sie  ihr Baby gestillt  habe.  Was  sie  gesehen  habe,  wisse  sie  nicht  mehr,  aber  sie  würden  meistens Filme schauen (A14/12 S. 4). Ihr Mann habe gesagt, der Strom  sei unterbrochen worden, weshalb er  in den Gang hinausgegangen und  sofort angegriffen worden sei (A14/12 S. 3). Der Beschwerdeführer führte  dagegen  aus,  er  sei  schlafen  gegangen  und  dann  sei  es  passiert.  Er  wisse  nicht  mehr  genau,  wie  spät  es  gewesen  sei.  Es  sei  der  Strom  abgeschaltet worden, weshalb er zum Sicherungskasten hinausgegangen  sei.  Auf  die  Frage,  wie  er  sich  die  Schilderung  seiner  Frau  erklären  könne, wonach sie gemeinsam ferngeschaut hätten, antwortete er, dass  sie  nicht  alle  zur  gleichen  Zeit  schlafen  könnten.  Sie  würden  ins  Bett  gehen und wer schlafe, schlafe (A15/11 S. 5). Auf die Frage, wie er – da  er  angab,  geschlafen  zu  haben  –  gemerkt  habe,  dass  der  Strom  abgeschaltet  worden  sei,  entgegnete  der  Beschwerdeführer,  sie  hätten  eine Nachttischlampe,  die  immer  brenne. Seine Frau  habe  ihn  geweckt  und  ihm  gesagt,  dass  es  keinen  Strom  gebe  (A15/11  S.  9).  Aus  den  unterschiedlichen  Beschreibungen  ihres  Hauses  durch  die  Beschwerdeführenden wird  zudem weder  übereinstimmend  klar, wo  die  Vergewaltigung genau stattgefunden (vgl. insbesondere A14/12 S. 3 und  6 [im Zimmer der Eheleute]; A15/11 S. 3 und 6 [in der Küche,  in der ein  Bett  steht]),  noch wo  sich  die  Speisekammer  befunden  haben  soll  (vgl.  A14/12 S. 7  [neben dem Badezimmer]; A15/11 S. 3  [auf dem Weg zum  Dachstock];  A6/9  S.  5  [hinter  dem  Haus]).  Diesbezüglich  kann  auf  die  Ausführungen der Vorinstanz verwiesen werden, denen beizupflichten ist.  Die  Beschwerdeführenden  vermochten  die  angesprochenen 

E­1098/2011 Widersprüche  weder  anlässlich  der  Anhörung  noch  auf  Beschwerdeebene  zu  entkräften.  Dass  der  Beschwerdeführer  zwei  der  drei  maskierten  Männer  erkannt  haben  will,  die  Beschwerdeführerin  jedoch nicht, kann dagegen nicht als Widerspruch gewertet werden.  Eine abschliessende Glaubhaftigkeitsprüfung erweist sich indes nicht als  notwendig, da – wie das BFM  in seinen weiteren Erwägungen zu Recht  erkannt  hat  –  sich die Situation der  ethnischen Minderheiten  in Serbien  entspannt  hat,  weshalb  die  geschilderten  Vorfälle  –  wie  nachfolgend  dargelegt wird – auch nicht als asylrelevant im Sinne von Art. 3 AsylG zu  werten sind. 5.4. Serbien  gilt  seit  dem  1.  April  2009  als  so  genanntes  Safe­country  (Art. 6 Abs. 2 AsylG), weshalb grundsätzlich von der Schutzfähigkeit und  vom Schutzwillen dieses Staates auszugehen ist. 5.4.1. Am 25. Februar 2002 ist das serbische Bundesgesetz zum Schutz  und  zur  Freiheit  der  nationalen  Minderheiten,  welches  auch  für  die  anerkannte Minderheit der Roma Geltung beansprucht, in Kraft getreten.  Nach einer Gewalteskalation in den Jahren 2003 und 2004 intervenierten  verschiedene internationale Organisationen.  Im Jahr 2005 wurde ein 10­ Punkte­Plan zwischen den serbischen Behörden und den Behörden der  Vojvodina  verabschiedet,  welcher  die  Verbesserung  der  ethnischen  Beziehungen zum Ziel hat.  Im gleichen Jahr  ist die serbische Regierung  der  "Decade  of Roma  Inclusion"  beigetreten. Dabei  handelt  es  sich  um  eine  internationale  Initiative,  welche  sowohl  Regierungs­  und  Nichtregierungsorganisationen  als  auch  die  Roma­Zivilbevölkerung  zusammenbringt,  um  die  Entwicklung  im  Zusammenhang  mit  der  Verbesserung  des  Wohlergehens  der  Roma  zu  fördern  und  die  diesbezüglichen Fortschritte zu überwachen und transparent zu machen.  Diese  Initiative  konzentriert  sich  schwergewichtig  auf  die  Bereiche  Ausbildung, Arbeit, Gesundheit und Wohnen und verpflichtet die Staaten,  andere  Kernaspekte  der  Armut,  Diskriminierung  und  Geschlechtergleichstellung  zu  berücksichtigen.  Serbien  hat  in  diesem  Zusammenhang vier nationale Aktionsprogramme verabschiedet, welche  sich  auf  die  Bereiche  Wohnen,  Gesundheit,  Ausbildung  und  Arbeit  beziehen. Es bestehen Bemühungen, gegen diskriminierendes Verhalten  gegenüber  Roma  vorzugehen;  unter  anderem wurde  angestrebt,  Roma  als  Polizeiangestellte  anzustellen  und  den  Dialog  zwischen  Polizei  und  Romagemeinschaften  zu  fördern  (vgl.  Urteile  des 

E­1098/2011 Bundesverwaltungsgerichts D­915/2011 vom 16. Juni 2011 E. 6.2.1 und        E­2444/2007 vom 2. Juli 2010 E. 4.2.1 mit weiteren Hinweisen). 5.4.2.  In  jüngster  Zeit  konnten  weitere  Verbesserungen  im  Minderheitenschutz  verzeichnet  werden.  So  wurde  beispielsweise  am  26. März 2009  ein  Anti­Diskriminierungsgesetz  verabschiedet.  Am  31. August  2009  folgte  das  Gesetz  über  nationale  Minderheitsräte,  welches den Minderheiten grosse Autonomie  in den Bereichen Sprache,  Bildung  und  Kultur  gewährt,  und  am  6.  Juni 2010  wurden  die  ersten  Wahlen  für diese Räte durchgeführt. Die  inter­ethnische Situation  in der  Vojvodina,  woher  der  Beschwerdeführer  stammt,  hat  sich  weiter  verbessert  und  es  konnte  ein  Rückgang  inter­ethnischer  Vorfälle  verzeichnet  werden.  Vereinzelte  Übergriffe  durch  Drittpersonen  gegen  Roma  können  aber  weiterhin  nicht  ausgeschlossen  werden.  Der  serbische  Staat  billigt  oder  unterstützt  solche  Übergriffe  jedoch  nicht,  sondern  erweist  sich  grundsätzlich  als  schutzwillig  und  schutzfähig  und  verfolgt  die  Vorfälle  strafrechtlich.  So  konnten  in  jüngster  Zeit  in  Bezug  auf  polizeiliche  Untersuchungen  bei  inter­ethnischen  Vorfällen  Verbesserungen verzeichnet werden. Trotz politischer Sensibilisierung in  diesem  Bereich  und  Massnahmen  zur  Stärkung  der  Effizienz  der  Polizeiarbeit,  kann  es  aber  vorkommen,  dass  polizeilich  untergeordnete  Behörden  bei  einer  Anzeige  die  notwendigen  Untersuchungsmassnahmen  nicht  einleiten.  In  solchen  Fällen  besteht  jedoch  die  Möglichkeit,  gegen  fehlbare  Beamte  auf  dem  Rechtsweg  vorzugehen.  Wenn  auch  eine  klare  Ahndung  von  ethnisch  motivierter  Gewalt  auf  gerichtlicher  Ebene  weiterhin  nur  zögerlich  voranzugehen  scheint,  wurden  vereinzelte  Übergriffe  gegen  Minderheiten  in  jüngster  Zeit  gerichtlich  verfolgt  (vgl.  EUROPEAN  ROMA  RIGHTS  CENTRE  [ERRC],  Parallel  submission  by  the  European  Roma  Rights  Centre  to  the  Committee  on  the  Elimination  of  All  Forms  of  Racial  Discrimination  on  Serbia for its consideration at the 78th Session 14 February to 11 March  2011,  Januar 2011;  EUROPEAN  COMMISSION,  Serbia  2010  Progress  Report,  9. November 2010;  HUMAN RIGHTS WATCH,  World  Report  2011,  Januar  2011;  US  DEPARTMENT  OF  STATE,  Country  Report  on  Human  Rights Practices 2009, 11. März 2010). 5.4.3. Es ist somit davon auszugehen, dass der serbische Staat fähig und  willens  ist,  ethnischen  Minderheiten  einen  adäquaten  Schutz  zu  gewähren. Es wäre den Beschwerdeführenden zumutbar gewesen, sich  für die Anzeige der Tat an einen anderen Polizeiposten zu wenden oder  allenfalls die gerichtlichen Instanzen anzurufen. 

E­1098/2011 Trotz  der  Bemühungen  der  Behörden  zur  Förderung  der  Gleichbehandlung  werden  Roma  in  Serbien  aber  nach  wie  vor  Opfer  verschiedener  Diskriminierungen,  namentlich  in  den  Bereichen  Bildung,  Arbeit,  Wohnen  und  Gesundheit,  welche  sie  in  eine  prekäre  Situation  versetzen.  Allein  mit  der  Zugehörigkeit  zur  serbischen  Minderheit  der  Roma  und  den  in  diesem  Zusammenhang  geltend  gemachten  Diskriminierungen und widrigen Lebensumständen wird aber noch keine  individuelle  Betroffenheit  im  Sinne  der  asylrechtlichen  Bestimmungen  dargelegt  (vgl.  das  Urteil  des  Bundesverwaltungsgerichts  D­915/2011  vom 16. Juni 2011 E. 6.3). 5.5.  Zusammenfassend  ist  festzustellen,  dass  das  BFM  den  Beschwerdeführenden  zu  Recht  die  Flüchtlingseigenschaft  nicht  zuerkannt und deren Asylgesuche abgewiesen hat. 6.  Lehnt das Bundesamt das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so  verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den  Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie  (Art. 44  Abs. 1  AsylG).  Die  Beschwerdeführenden  verfügen  weder  über  eine  ausländerrechtliche  Aufenthaltsbewilligung  noch  über  einen  Anspruch auf Erteilung einer solchen (BVGE 2009/50 E. 9) und machen  dies  auch  nicht  geltend.  Die  Wegweisung  wurde  demnach  zu  Recht  angeordnet. 7.  Ist  der Vollzug der Wegweisung nicht möglich,  nicht  zulässig oder nicht  zumutbar,  so  regelt  das  Bundesamt  das  Anwesenheitsverhältnis  nach  den  gesetzlichen  Bestimmungen  über  die  vorläufige  Aufnahme  von  Ausländern  (Art.  44  Abs.  2  AsylG;  Art.  83  Abs.  1  des  Bundesgesetzes  vom 16. Dezember 2005 über die Ausländerinnen und Ausländer  [AuG,  SR 142.20]). 7.1. Der Vollzug ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche Verpflichtungen  der  Schweiz  einer  Weiterreise  des  Ausländers  in  seinen  Heimat­,  Herkunfts­ oder einen Drittstaat entgegenstehen (Art. 83 Abs. 3 AuG). So  darf  keine  Person  in  irgendeiner  Form  zur  Ausreise  in  ein  Land  gezwungen  werden,  in  dem  ihr  Leib,  ihr  Leben  oder  ihre  Freiheit  aus  einem  Grund  nach  Art.  3  Abs.  1  AsylG  gefährdet  ist  oder  in  dem  sie  Gefahr läuft, zur Ausreise in ein solches Land gezwungen zu werden (Art.  5 Abs. 1 AsylG, Art. 33 Abs. 1 des Abkommens vom 28. Juli 1951 über 

E­1098/2011 die Rechtsstellung der Flüchtlinge  [FK, SR 0.142.30] und Art. 25 Abs. 2  der Bundesverfassung der Schweizerischen Eidgenossenschaft vom 18.  April  1999  [BV,  SR  101]).  Unter  das  flüchtlingsrechtliche  Rückschiebungsverbot  fallen  somit  nur  Flüchtlinge.  Das  menschenrechtliche Rückschiebungsverbot (Art. 3 der Konvention vom 4.  November  1950  zum Schutze  der Menschenrechte  und Grundfreiheiten  [EMRK, SR 0.101], Art.  25 Abs. 3 BV), wonach niemand  in einen Staat  ausgeschafft  werden  darf,  in  dem  ihm  Folter  oder  eine  andere  Art  grausamer und unmenschlicher Behandlung oder Bestrafung drohen,  ist  dagegen  auf  alle  Menschen  ohne  Rücksicht  auf  ihren  Status  anzuwenden.  Da die Beschwerdeführenden nicht als Flüchtlinge anerkannt werden, hat  das  BFM  zu  Recht  ausgeführt,  dass  der  Grundsatz  der  Nichtrückschiebung  gemäss  Art.  5  Abs.  1  AsylG  vorliegend  nicht  angewendet  werden  kann.  Im  Hinblick  auf  das  menschenrechtliche  Rückschiebungsverbot  nach  Art.  3  EMRK  ist  zu  bemerken,  dass  sich  weder aus den Aussagen der Beschwerdeführenden noch aus den Akten  Anhaltspunkte für eine konkrete Bedrohung durch Folter oder eine andere  Art  grausamer  und  unmenschlicher  Behandlung  oder  Bestrafung  entnehmen  lassen. Gemäss Praxis  des Europäischen Gerichtshofes  für  Menschenrechte  (EGMR)  sowie  jener  des  UN­Anti­Folterausschusses  müssten sie eine konkrete Gefahr ("real risk") nachweisen oder glaubhaft  machen,  dass  ihnen  im  Fall  einer  Rückschiebung  Folter  oder  unmenschliche Behandlung drohen würde (vgl. EMARK 2001 Nr. 16, mit  weiteren Hinweisen; EGMR, [Grosse Kammer], Saadi gegen Italien, Urteil  vom  28.  Februar  2008,  Beschwerde  Nr.  37201/06,  §§  124  ­  127,  mit  weiteren Hinweisen), was sie indes nicht tun. Nach  dem Gesagten  ist  der  Vollzug  der Wegweisung  sowohl  im  Sinne  der asyl­ als auch der völkerrechtlichen Bestimmungen zulässig. 7.2. Gemäss Art. 83 Abs. 4 AuG  ist der Vollzug  für Ausländerinnen und  Ausländer unzumutbar, wenn sie im Heimat­ oder Herkunftsstaat konkret  gefährdet sind. Diese Bestimmung wird vor allem bei Gewaltflüchtlingen  angewendet, das heisst bei Ausländerinnen und Ausländern, die mangels  persönlicher  Verfolgung  weder  die  Voraussetzungen  der  Flüchtlingseigenschaft noch jene des völkerrechtlichen Non­Refoulement­ Prinzips  erfüllen,  jedoch wegen  der  Folgen  von Krieg,  Bürgerkrieg  oder  einer  Situation  allgemeiner  Gewalt  nicht  in  ihren  Heimatstaat  zurückkehren  können.  Im  Weiteren  findet  sie  Anwendung  auf  andere 

E­1098/2011 Personen,  die  nach  ihrer  Rückkehr  ebenfalls  einer  konkreten  Gefahr  ausgesetzt  wären,  weil  sie  die  absolut  notwendige  medizinische  Versorgung nicht  erhalten  könnten oder – aus objektiver Sicht – wegen  der  vorherrschenden  Verhältnisse  mit  grosser  Wahrscheinlichkeit  unwiederbringlich  in  völlige  Armut  gestossen  würden,  dem  Hunger  und  somit einer ernsthaften Verschlechterung ihres Gesundheitszustands, der  Invalidität oder sogar dem Tod ausgeliefert wären (vgl. BVGE 2009/28 E.  9.3.1, mit weiteren Verweisen). 7.2.1. Das BFM führte  im angefochtenen Entscheid aus, dass weder die  im  Heimatstaat  herrschende  politische  Situation  noch  andere  Gründe  gegen die Zumutbarkeit der Rückführung nach Serbien sprechen würden.  Auch  könne  in  Serbien  nicht  von  einer  Situation  allgemeiner  Gewalt  gesprochen  werden,  die  einer  konkreten  Gefährdung  der  ethnischen  Minderheit  der  Roma  gemäss  Art.  83  Abs.  4  AuG  gleichkäme.  Schliesslich  würden  auch  keine  individuellen  Gründe  gegen  die  Zumutbarkeit  des  Wegweisungsvollzugs  sprechen.  Namentlich  würden  verschiedene Geschwister der Beschwerdeführenden in der Heimat leben  und  der  Beschwerdeführer  habe  dort  als  Tagelöhner  gearbeitet.  Da  die  Aussagen  der  Beschwerdeführenden  betreffend  ihren  letzten  Wohnort  und  ihr  soziales  Umfeld  äusserst  rudimentär  und  undifferenziert  ausgefallen seien und sich ihre Vorbringen insgesamt als unglaubwürdig  (recte:  unglaubhaft)  herausgestellt  hätten,  dürfe  davon  ausgegangen  werden, dass sie entgegen ihren Angaben in Serbien sehr wohl über ein  tragfähiges Beziehungsnetz verfügen würden. 7.2.2. Die Beschwerdeführenden hielten dem BFM entgegen, dass ihnen  bei einer Rückkehr nach Serbien weitere Verfolgung  infolge  ihrer Ethnie  drohen würde. Ihren Kindern sei es nicht möglich bzw. werde es faktisch  verwehrt, die Schule zu besuchen und einen Beruf zu erlernen, da sie so  lange  schikaniert  würden,  bis  die  Beschwerdeführenden  es  nicht  mehr  wagen  würden,  sie  den  Unterricht  besuchen  zu  lassen.  Die  Vorinstanz  habe  es  unterlassen,  die  Interessen  der  Kinder  gemäss  dem  Übereinkommen  über  die  Rechte  des  Kindes  vom  20.  November  1989  (KRK,  SR  0.107)  zu  prüfen;  schon  alleine  aus  diesem  Grund  sei  die  angefochtene  Verfügung  aufzuheben.  Des  Weiteren  sei  die  Beschwerdeführerin  krank   und  benötige  nach  den  erlittenen  Traumata  Unterstützung  in  der  Betreuung  der  sieben  minderjährigen  Kinder.  Der  Beschwerdeführer  könne  die  Familie  deshalb  nicht  alleine  ernähren,  zumal  auch  er  psychisch  enorm  leide  und  durch  Schlaflosigkeit  und  Probleme  mit  den  Nerven  gequält  werde.  In  Serbien  hätten  sie  nur 

E­1098/2011 wenige  Verwandte  und  jenen  sei  es  nicht  möglich,  sie  nach  einer  allfälligen Rückkehr  zu  unterstützen. Damit  fehle  ein  soziales Netz,  das  sie nach einer Wiederkehr auffangen würde. 7.3. Zunächst ist zu prüfen ist, ob das BFM seine Begründungspflicht und  damit  den  Anspruch  der  Beschwerdeführenden  auf  rechtliches  Gehör  (Art.  29  Abs.  2  BV)  verletzt  hat,  indem  es  in  seiner  Verfügung  keine  Ausführungen zum Kindeswohl machte. Gemäss Art. 35 Abs. 1 VwVG ist  jede  schriftliche  Verfügung  zu  begründen,  wobei  das  VwVG  keine  besonderen  Anforderungen  an  den  Inhalt  und  den  Umfang  der  Begründung stellt. Die Betroffenen müssen  in die Lage versetzt werden,  die  Verfügung  sachgerecht  anfechten  zu  können  (BGE  124  II  149),  weshalb  die  verfügende  Behörde  die  Überlegungen  nennen muss,  von  denen sie sich leiten liess und auf die sich ihr Entscheid stützt. Dabei darf  sie sich auf die wesentlichen Gesichtspunkte beschränken und muss sich  dementsprechend  nicht  mit  allen  tatbeständlichen  Behauptungen  und  jedem rechtlichen Einwand auseinandersetzen  (vgl. zum Ganzen ALFRED  KÖLZ/  ISABELLE HÄNER, Verwaltungsverfahren und Verwaltungsrechtspflege  des Bundes, 2. Aufl., Zürich 1998, S. 128).  Sind von einem allfälligen Wegweisungsvollzug Kinder betroffen, so bildet  im  Rahmen  der  Zumutbarkeitsprüfung  das  Kindeswohl  einen  Gesichtspunkt  von gewichtiger Bedeutung. Dies ergibt  sich nicht  zuletzt  aus einer  völkerrechtskonformen Auslegung  von Art.  83 Abs.  4 AuG  im  Lichte  von  Art.  3  Abs.  1  KRK.  Im  vorliegenden  Falle  ist  jedoch  zu  beachten, dass die Verfügung des BFM bereits weniger als einen Monat  nach  der  Einreise  der  Beschwerdeführenden  erging  und  eine  Beeinträchtigung  des  Kindeswohls  nicht  ersichtlich  ist  (vgl.  nachfolgend  E.  7.5.2).  Bei  dieser  Sachlage  kann  keine  Verletzung  der  Begründungspflicht  konstatiert  werden.  Den  Beschwerdeführenden  war  es  problemlos  möglich,  die  Verfügung  des  BFM  vom  28.  Januar  2011  gestützt auf die darin enthaltenen Erwägungen zum Wegweisungsvollzug  sachgerecht  anzufechten.  Ihr  Einwand  der  Verletzung  des  rechtlichen  Gehörs erweist sich daher als unbegründet. 7.4.  Die  allgemeine  Lage  in  Serbien  lässt  nicht  auf  eine  konkrete  Gefährdung  der  Beschwerdeführenden  im  Falle  einer  Rückkehr  schliessen.  Zwar  werden  Angehörige  der  Roma  –  wie  erwähnt  –  beim  Zugang zu Bildung, Arbeit, Wohnen und Gesundheit diskriminiert. Diese  Benachteiligungen  erreichen  indessen  nicht  ein  Ausmass,  das  den  Vollzug  der  Wegweisung  als  allgemein  unzumutbar  erscheinen  liesse 

E­1098/2011 (Urteil des Bundesverwaltungsgerichts D­915/2011 vom 16. Juni 2011 E.  8.4.1).  Blosse  soziale  und  wirtschaftliche  Schwierigkeiten,  von  denen  weite Teile der ansässigen Bevölkerung betroffen sind, genügen zudem  nicht, um eine Gefährdung im Sinne von Art. 83 Abs. 4 AuG darzustellen  (vgl. BVGE 2010/41 E. 8.3.6 mit weiteren Hinweisen). 7.5. Nachfolgend zu prüfen ist jedoch die individuelle Zumutbarkeit eines  Wegweisungsvollzuges nach Serbien: 7.5.1.  Der  Beschwerdeführer  lebte  gemäss  eigenen  Angaben  vor  der  Ausreise seit seiner Kindheit in J._______ (Gemeinde K._______; A5/13  S. 1), die Beschwerdeführerin seit etwa 16 Jahren (A4/12 S. 1). Er habe  nie die Schule besucht, aber als Kind Lesen und Schreiben gelernt und  zuletzt  als Hilfsarbeiter  bzw. Tagelöhner  gearbeitet, während  sie  sieben  Jahre  lang  die  Schule  besucht  habe  und  seither  nicht  erwerbstätig  gewesen sei, sondern als Hausfrau gearbeitet habe (A5/13 S. 2; A4/12 S.  2).  Es  ist  davon  auszugehen,  dass  der  Beschwerdeführer  nach  einer  Rückkehr in die Vojvodina wieder eine Stelle als Tagelöhner finden wird.  Das  Gericht  verkennt  nicht,  dass  die  Arbeitsmarktlage  in  Serbien  schwierig ist und es für den Beschwerdeführer nicht leicht sein wird, seine  Familie  zu  versorgen,  doch  können  die  Beschwerdeführenden  auf  ein  familiäres  Beziehungsnetz  in  ihrer  Heimat  zurückgreifen.  Dort  leben  gemäss  den  Ausführungen  des  Beschwerdeführers  dessen  Mutter  (in  J._______)  sowie  zwei  Brüder  (einer  in  Zabal  und  einer  in  J._______;  A5/13  S.  4).  Ausserdem  leben  der  Zwillingsbruder  der  Beschwerdeführerin  (in L._______, Gemeinde K._______), deren Mutter  (in Pancevo, ca. 105 km von J._______ entfernt; gemäss Aussagen des  Beschwerdeführers  lebt sie  in einem Blindenheim, vgl. A15/11 S. 5) und  eine  Schwester  (in  M._______,  ca.  60  km  von  J._______  entfernt)  in  Serbien  (A4/12  S.  3).  Entgegen  den  Behauptungen  auf  Beschwerdeebene  verfügen  die  Beschwerdeführenden  damit  über  ein  verwandtschaftliches  Beziehungsnetz,  das  diese  –  wenn  vielleicht  nicht  finanziell  –  beispielsweise  bei  der  Kinderbetreuung,  beim  Finden  einer  Arbeitsstelle oder einer neuen Unterkunft unterstützen können dürfte.  In  diesem Zusammenhang  ist  auf  die Möglichkeit  der  Beantragung  von  Rückkehrhilfe  durch  die  Schweiz  zu  verweisen,  die  den  Beschwerdeführenden  den  Wiedereinstieg  in  ihrer  Heimat  erleichtern  könnte  (Art.  93 Abs.  1 AsylG; Art.  73  ff.  der Asylverordnung  2  vom 11.  August 1999 über Finanzierungsfragen [AsylV 2, SR 142.312]).

E­1098/2011 7.5.2.  Unter  dem  Aspekt  des  Kindeswohls  sind  im  Hinblick  auf  eine  Wegweisung  schliesslich  sämtliche  Umstände  einzubeziehen  und  zu  würdigen, die in diesem Zusammenhang wesentlich erscheinen. In Bezug  auf das Kindeswohl können für ein Kind namentlich folgende Kriterien im  Rahmen  einer  gesamtheitlichen  Beurteilung  von  Bedeutung  sein:  Alter,  Reife,  Abhängigkeiten,  Art  (Nähe,  Intensität,  Tragfähigkeit)  seiner  Beziehungen,  Eigenschaften  seiner  Bezugspersonen  (insbesondere  Unterstützungsbereitschaft und ­fähigkeit), Stand und Prognose bezüglich  Entwicklung/Ausbildung  sowie  der  Grad  der  erfolgten  Integration  bei  einem  längeren Aufenthalt  in  der Schweiz. Gerade  letzterer Aspekt,  die  Dauer des Aufenthaltes in der Schweiz, ist im Hinblick auf die Prüfung der  Chancen  und  Hindernisse  einer  Reintegration  beziehungsweise  Integration  im  Heimatland  bei  einem  Kind  als  gewichtiger  Faktor  zu  werten, da Kinder nicht ohne guten Grund aus einem einmal  vertrauten  Umfeld herausgerissen werden sollten. Die Verwurzelung in der Schweiz  kann  eine  reziproke  Wirkung  auf  die  Frage  der  Zumutbarkeit  des  Wegweisungsvollzugs  haben,  indem  eine  starke  Assimilierung  in  der  Schweiz mithin eine Entwurzelung im Heimatstaat zur Folge haben kann,  welche  unter  Umständen  die  Rückkehr  dorthin  als  unzumutbar  erscheinen lässt (BVGE 2009/51 E. 5.6 mit weiteren Hinweisen).  Diese Voraussetzungen  sind  im  vorliegenden  Fall  indes  nicht  gegeben.  Die drei jüngsten Kinder (die (….), (…) und (…) Jahre alt sind) sind noch  vollständig  an  Eltern  gebunden  und  waren  in  Serbien  noch  nicht  eingeschult;  aus  den  Akten  ergibt  sich  auch  keine  Einschulung  in  der  Schweiz. Aufgrund des bisherigen kurzen Aufenthalts in der Schweiz von  knapp acht Monaten kann  jedoch auch bei den vier älteren Kindern  (im  Alter von (…) Jahren) noch nicht von einer Entwurzelung in ihrer Heimat  bzw.  einer  fortgeschrittenen  Integration  in  der  Schweiz  ausgegangen  werden.  Es  ist  vielmehr  anzunehmen,  dass  sie  sich  ohne  grössere  Probleme wieder  in den serbischen Schulalltag – den sie seit mehreren  Jahren gewohnt sind – werden einfügen können. 7.5.3. In der Beschwerdeschrift vom 15. Februar 2011 wurde schliesslich  ausgeführt,  die  Beschwerdeführerin  sei  krank  und  bedürfe  nach  den  erlittenen Traumata der Unterstützung  in  der Betreuung der Kinder. Sie  sei  nur  noch  Haut  und  Knochen  und  befinde  sich  in  ärztlicher  Behandlung.  Ein  Arztbericht  zu  ihrem  Gesundheitszustand  werde  nachgereicht.

E­1098/2011 Die Beschwerdeführerin brachte erstmals anlässlich  ihrer Anhörung vom  19.  Januar  2011  vor,  es  gehe  ihr  schlecht,  sie  habe  viel  abgenommen  und mache sich grosse Sorgen (A14/12 S. 9). Dass ihr Zustand bereits so  besorgniserregend  gewesen  sein  soll,  wie  es  in  der  Beschwerdeschrift  einen  Monat  später  vorgebracht  wird,  ist  aus  den  Protokollen  damals  jedoch  nicht  ersichtlich.  Die  Beschwerdeführenden  haben  den  angekündigten Arztbericht  bis  zum heutigen Zeitpunkt  nicht  eingereicht.  Auf  die  Einforderung  eines  solchen  Berichts  kann  indessen  verzichtet  werden,  da  ohnehin  davon  auszugehen  ist,  dass  die  gesundheitliche  Versorgung der Bevölkerung in Serbien grundsätzlich so ausgestaltet ist,  dass eine allfällige psychiatrische bzw. psychologische Therapie vor Ort  weitergeführt  werden  könnte  und  allenfalls  benötigte  Medikamente  vor  Ort  erhältlich  sind. Dabei  kann  nicht  davon  ausgegangen werden,  dass  ethnischen  Roma  die  Gesundheitsversorgung  grundsätzlich  verweigert  wird  (vgl.  das  Urteil  des  Bundesverwaltungsgerichts  D­7864/2006  vom  12. April 2010 E. 7.2.2). 7.5.4. Der Vollzug der Wegweisung erweist sich nach dem Gesagten als  zumutbar.  7.6. Schliesslich  obliegt  es  den Beschwerdeführenden,  sich  nötigenfalls  bei der Vertretung des Heimatstaates die für eine Rückkehr notwendigen  Reisedokumente  zu  beschaffen  (Art.  8  Abs.  4  AsylG),  weshalb  der  Vollzug der Wegweisung auch als möglich zu bezeichnen ist (Art. 83 Abs.  2 AuG). 7.7. Zusammenfassend hat das BFM den Wegweisungsvollzug zu Recht  als  zulässig,  zumutbar  und  möglich  erachtet.  Nach  dem  Gesagten  fällt  eine Anordnung der vorläufigen Aufnahme ausser Betracht (Art. 83 Abs.  1­4 AuG). 8.  Aus  diesen  Erwägungen  ergibt  sich,  dass  die  angefochtene  Verfügung  Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig und  vollständig  feststellt  und  angemessen  ist  (Art.  106  AsylG).  Die  Beschwerde ist deshalb abzuweisen. 9.  Bei  diesem  Ausgang  des  Verfahrens  wären  die  Verfahrenskosten  grundsätzlich  den  unterliegenden  Beschwerdeführenden  aufzuerlegen  (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Nachdem jedoch das Gesuch um Gewährung der 

E­1098/2011 unentgeltlichen  Prozessführung  mit  Verfügung  des  Bundesverwaltungsgerichts  vom 3. März  2011  gutgeheissen wurde  und  eine  Änderung  der  finanziellen  Lage  der  Beschwerdeführenden  nicht  ersichtlich ist, ist auf die Erhebung von Verfahrenskosten zu verzichten.  (Dispositiv nächste Seite)

E­1098/2011 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1.  Die Beschwerde wird abgewiesen. 2.  Es werden keine Verfahrenskosten erhoben.  3.  Dieses  Urteil  geht  an  die  Beschwerdeführenden,  das  BFM  und  die  zuständige kantonale Behörde. Die vorsitzende Richterin: Die Gerichtsschreiberin: Muriel Beck Kadima Stella Boleki Versand:

E-1098/2011 — Bundesverwaltungsgericht 30.08.2011 E-1098/2011 — Swissrulings