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Bundesverwaltungsgericht 26.08.2011 D-974/2011

26. August 2011·Deutsch·CH·CH_BVGE·PDF·2,212 Wörter·~11 min·2

Zusammenfassung

Vollzug der Wegweisung | Vollzug der Wegweisung; Verfügung des BFM vom 17. Januar 2011

Volltext

Bundesve rwa l t ungsge r i ch t T r i buna l   adm in istratif   f édé ra l T r i buna l e   ammin istrati vo   f ede ra l e T r i buna l   adm in istrativ   f ede ra l Abteilung IV D­974/2011 Urteil   v om   2 6 .   Augus t   2011 Besetzung Richter Hans Schürch (Vorsitz), Richter Gérald Bovier, Richter Thomas Wespi, Gerichtsschreiberin Anna Dürmüller Leibundgut. Parteien A._______, geboren am _______, B._______, geboren am _______, C._______, geboren am _______, und D._______, geboren am _______, Afghanistan, alle vertreten durch Roman Schuler, Advokatur  Kanonengasse, _______, Beschwerdeführende,  gegen Bundesamt für Migration (BFM), Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Vollzug der Wegweisung;  Verfügung des BFM vom 17. Januar 2011 / N _______.

D­974/2011 Sachverhalt: A.  A.a.  Der  Beschwerdeführer,  ein  afghanischer  Staatsangehöriger  mit  letztem Wohnsitz in E._______ (Provinz Balkh), verliess sein Heimatland  eigenen Angaben zufolge im Jahr 1980 zusammen mit seinen Eltern und  Geschwistern  und  lebte  in  der  Folge  in  Teheran,  Iran.  Die  Beschwerdeführerin,  eine  afghanische  Staatsangehörige  mit  letztem  Wohnsitz  in  F._______,  verliess  ihr  Heimatland  ungefähr  im  Jahr  1979  zusammen mit  ihrer  Familie  und  zog  ebenfalls  nach Teheran,  Iran. Der  Beschwerdeführer  und  die  Beschwerdeführerin  heirateten  den  Akten  zufolge im Jahr 1989. Im September 2010 seien sie zusammen mit ihren  beiden Töchtern aus dem Iran ausgereist und zunächst in die Türkei und  anschliessend nach Griechenland gelangt. Am 6. Dezember 2010 reisten  sie von dort sowie ihnen unbekannten Ländern herkommend illegal in die  Schweiz  ein  und  stellten  gleichentags  im  Empfangs­  und  Verfahrenszentrum  G._______  Asylgesuche.  Am  17.  Dezember  2010  wurden sie dort summarisch befragt. Am 11. Januar 2011 hörte das BFM  die Beschwerdeführenden gestützt  auf Art.  29 Abs.  1  des Asylgesetzes  vom 26. Juni 1998 (AsylG, SR 142.31) ausführlich zu  ihren Asylgründen  an und wies sie  in der Folge  für die Dauer des Verfahrens dem Kanton  H._______ zu. A.b. Zur Begründung seines Asylgesuchs machte der Beschwerdeführer  im  Wesentlichen  geltend,  er  sei  im  Jahr  1980  zusammen  mit  seiner  Familie  in  den  Iran  geflüchtet,  weil  damals  die  sowjetische  Armee  in  Afghanistan einmarschiert und Krieg ausgebrochen sei.  Im  Iran habe er  ab  März/April  2010  mit  einer  verheirateten  Afghanin  namens  L.  eine  aussereheliche Beziehung geführt. Als ihre Familie davon erfahren habe,  habe  L.  behauptet,  er  habe  sie  vergewaltigt.  Ungefähr  am  30.  August  2010 sei er deshalb vom Ehemann und den Verwandten von L. verprügelt  worden.  Daraufhin  sei  er  umgehend  nach  Qazwin  geflüchtet.  Der  Ehemann  von  L.  habe  ihn  ausserdem  bei  den  Sicherheitsbehörden  angezeigt, weshalb die Polizei ungefähr zehn Tage vor der Ausreise sein  Haus  durchsucht  und  dabei  eine  Gerichtsvorladung  mitgebracht  habe.  Die Polizisten hätten ihn damals festnehmen wollen, er habe sich jedoch  nach wie vor  in Qazwin aufgehalten. Seine Ehefrau habe ihn telefonisch  über den Vorfall  informiert. Bei einer Verhaftung hätte er mit Steinigung  rechnen müssen. Aus diesem Grund habe er sich zur Ausreise aus dem  Iran  entschlossen.  Er  habe  seine  Ehefrau  und  Töchter  gebeten,  nach  Qazwin zu kommen, und habe einen Schlepper organisiert. Von dort aus 

D­974/2011 seien sie in Richtung Europa aus dem Iran ausgereist. Er habe nicht nach  Afghanistan zurückkehren können, weil die Familie von L., welche auch  Verwandte in Afghanistan habe, geschworen habe, ihn umzubringen, wo  immer  er  auch  sei. Die Beschwerdeführerin  ihrerseits  erklärte,  sie  habe  Afghanistan zusammen mit ihren Eltern verlassen, wisse den Grund dafür  aber  nicht.  Sowohl  die  Beschwerdeführerin  B._______  als  auch  die  beiden  Töchter  führten  aus,  sie  hätten  im  Iran  keine  persönlichen  Probleme  gehabt,  sondern  seien  aufgrund  der  Probleme  des  Beschwerdeführers aus dem Iran ausgereist.  A.c. Die Beschwerdeführenden  reichten  im Verlauf des vorinstanzlichen  Verfahrens  lediglich  den  iranischen  Flüchtlingsausweis  des  Beschwerdeführers  sowie einen afghanischen Verlobungsschein  zu den  Akten. B.  Das  BFM  stellte  mit  Verfügung  vom  17.  Januar  2011  –  gleichentags  eröffnet  –  fest,  die  Asylvorbringen  seien  nicht  glaubhaft.  Demzufolge  verneinte das BFM die Flüchtlingseigenschaft und lehnte die Asylgesuche  ab.  Gleichzeitig  verfügte  es  die  Wegweisung  aus  der  Schweiz  und  ordnete den Vollzug an. C.  Mit  Beschwerde  vom  9.  Februar  2011  (Poststempel)  an  das  Bundesverwaltungsgericht  liessen die Beschwerdeführenden durch ihren  damaligen Rechtsvertreter beantragen, die vorinstanzliche Verfügung sei  hinsichtlich  der  Dispositivpunkte  3  und  4  aufzuheben,  es  sei  die  Unzumutbarkeit  des  Wegweisungsvollzugs  festzustellen  und  die  vorläufige  Aufnahme  anzuordnen.  In  prozessualer  Hinsicht  wurde  um  Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege im Sinne von Art. 65 Abs. 1  des  Bundesgesetzes  vom  20. Dezember  1968  über  das  Verwaltungsverfahren  (VwVG,  SR  172.021)  sowie  um  Verzicht  auf  die  Erhebung eines Kostenvorschusses ersucht.  Der  Beschwerde  lag  eine  Bestätigung  der  Fürsorgeabhängigkeit  vom  7. Februar 2011 bei.  D.  Der  Instruktionsrichter  hiess  das  Gesuch  um  Gewährung  der  unentgeltlichen  Rechtspflege  mit  Zwischenverfügung  vom  17.  Februar 

D­974/2011 2011  gut  und  verzichtete  gleichzeitig  auf  die  Erhebung  eines  Kostenvorschusses.  E.  Mit Eingabe vom 16. Februar 2011 zeigte der aktuelle Rechtsvertreter der  Beschwerdeführenden  die  Mandatsübernahme  an  und  ergänzte  gleichzeitig  die  Beschwerde.  Die  Beschwerdeanträge  wurden  insofern  modifiziert,  als  neu  die  Aufhebung  der  Dispositivziffern  4  und  5  der  vorinstanzlichen Verfügung verlangt wurde (anstelle der Ziffern 3 und 4). Der Eingabe lag ein provisorischer Arztbericht des Spitals I._______ vom  15. Februar 2011 bei. F.  Der  bisherige Rechtsvertreter  informierte  das Bundesverwaltungsgericht  mit Schreiben vom 18. Februar 2011 über seine Mandatsniederlegung. G.  Das  BFM  hielt  in  seiner  Vernehmlassung  vom  24.  Februar  2011  vollumfänglich  an  seiner  Verfügung  fest  und  beantragte  die  Abweisung  der  Beschwerde.  Die  vorinstanzliche  Vernehmlassung  wurde  den  Beschwerdeführenden am 1. März 2011 zur Kenntnis gebracht. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1.  1.1.  Das  Bundesverwaltungsgericht  beurteilt  gestützt  auf  Art. 31  des  Verwaltungsgerichtsgesetzes  vom  17. Juni  2005  (VGG,  SR 173.32)  Beschwerden gegen Verfügungen im Sinne von Art. 5 VwVG, welche von  einer Vorinstanz im Sinne von Art. 33 VGG erlassen wurden, sofern keine  das  Sachgebiet  betreffende  Ausnahme  im  Sinne  von  Art. 32  VGG  vorliegt.  Demnach  ist  das  Bundesverwaltungsgericht  zuständig  für  die  Beurteilung  von  Beschwerden  gegen  Entscheide  des  BFM,  welche  in  Anwendung des AsylG ergangen sind, und entscheidet in diesem Bereich  endgültig,  ausser  bei  Vorliegen  eines  Auslieferungsersuchens  des  Staates,  vor  welchem  die  beschwerdeführende  Person  Schutz  sucht  (Art. 105  AsylG;  Art. 83  Bst. d  Ziff. 1  des  Bundesgerichtsgesetzes  vom  17. Juni 2005 [BGG, SR 173.110]).

D­974/2011 1.2. Das  Verfahren  richtet  sich  nach  dem  VwVG,  dem  VGG  und  dem  BGG, soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6  AsylG). 1.3.  Die  Beschwerde  ist  frist­  und  formgerecht  eingereicht.  Die  Beschwerdeführenden  haben  am  Verfahren  vor  der  Vorinstanz  teilgenommen, sind durch die angefochtene Verfügung besonders berührt  und  haben  ein  schutzwürdiges  Interesse  an  deren  Aufhebung  beziehungsweise  Änderung.  Sie  sind  daher  zur  Einreichung  der  Beschwerde legitimiert (Art. 105 und Art. 108 Abs. 1 AsylG, Art. 48 Abs. 1  sowie Art. 52 VwVG). Auf die Beschwerde ist einzutreten. 2.  Mit Beschwerde an das Bundesverwaltungsgericht können die Verletzung  von  Bundesrecht,  die  unrichtige  oder  unvollständige  Feststellung  des  rechtserheblichen  Sachverhalts  sowie  die  Unangemessenheit  gerügt  werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG). 3.  In  der  Zwischenverfügung  vom  17.  Februar  2011  wurde  bereits  festgestellt,  dass  aufgrund  der  Beschwerdeanträge  Gegenstand  des  Beschwerdeverfahrens  lediglich  die  Frage  bildet,  ob  das  BFM  den  Wegweisungsvollzug  zu  Recht  als  durchführbar  erachtet  hat  oder  ob  allenfalls anstelle des Vollzugs eine vorläufige Aufnahme anzuordnen ist.  Der Korrekturantrag in der Beschwerdeergänzung vom 16. Februar 2011,  wonach nicht die Dispositivziffern 3 und 4 der angefochtenen Verfügung,  sondern  deren  Dispositivziffern  4  und  5  aufzuheben  seien,  steht  in  Einklang mit der in der Zwischenverfügung getroffenen Feststellung. 4.  4.1.  Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder  nicht möglich, so regelt das Bundesamt das Anwesenheitsverhältnis nach  den  gesetzlichen  Bestimmungen  über  die  vorläufige  Aufnahme  von  Ausländern  (Art. 44  Abs. 2  AsylG;  Art. 83  Abs. 1  des  Bundesgesetzes  vom 16. Dezember  2005 über  die Ausländerinnen und Ausländer  [AuG,  SR 142.20]).  In  Bezug  auf  die  Geltendmachung  von  Wegweisungshindernissen  gilt  gemäss  ständiger  Praxis  des  Bundesverwaltungsgerichts  und  der  im  Bereich  des  Asylrechts  vormals  zuständigen  Schweizerischen  Asylrekurskommission  (ARK)  der  gleiche  Beweisstandard  wie  bei  der 

D­974/2011 Flüchtlingseigenschaft, das heisst, sie sind zu beweisen, wenn der strikte  Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft zu machen (vgl.  WALTER  STÖCKLI,  Asyl,  in:  Uebersax/Rudin/Hugi  Yar/Geiser  [Hrsg.],  Ausländerrecht, 2. Aufl., Basel 2009, Rz. 11.148). 4.2.  Der  Vollzug  ist  nicht  möglich,  wenn  die  Ausländerin  oder  der  Ausländer weder in den Herkunfts­ oder in den Heimatstaat noch in einen  Drittstaat  ausreisen  oder  dorthin  gebracht  werden  kann  (Art.  83  Abs.  2  AuG).  Er  ist  nicht  zulässig,  wenn  völkerrechtliche  Verpflichtungen  der  Schweiz  einer Weiterreise  der  Ausländerin  oder  des  Ausländers  in  den  Heimat­, Herkunfts­ oder einen Drittstaat entgegenstehen (Art. 83 Abs. 3  AuG). Der Vollzug kann  für Ausländerinnen oder Ausländer unzumutbar  sein, wenn sie  in Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt  und  medizinischer  Notlage  im  Heimat­  oder  Herkunftsstaat  konkret  gefährdet sind (Art. 83 Abs. 4 AuG). Die  vorstehend  genannten  drei  Bedingungen  für  einen  (vorläufigen)  Verzicht  auf  den  Vollzug  der  Wegweisung  –  Unzulässigkeit,  Unzumutbarkeit  und  Unmöglichkeit  –  sind  alternativer  Natur:  Ist  eine  dieser  Voraussetzungen  erfüllt,  so  ist  der  Vollzug  der  Wegweisung  als  undurchführbar zu erachten und die weitere Anwesenheit in der Schweiz  gemäss den Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme zu regeln (vgl.  BVGE  2009/51  E.  5.4  S.  748,  Entscheidungen  und  Mitteilungen  der  Schweizerischen Asylrekurskommission [EMARK] 2001 Nr. 1 E. 6a S. 2,  EMARK 2006 Nr. 6 E. 4.2 S. 54 f.). 5.  5.1.  Die  Vorinstanz  führte  zur  Frage  der  Durchführbarkeit  des  Wegweisungsvollzugs  im  Wesentlichen  aus,  der  Grundsatz  der  Nichtrückschiebung gemäss Art.  5 Abs.  1 AsylG könne vorliegend nicht  angewandt  werden,  da  die  Beschwerdeführenden  die  Flüchtlingseigenschaft nicht erfüllten. Ferner ergäben sich aus den Akten  keine  Anhaltspunkte  dafür,  dass  den  Beschwerdeführenden  im  Falle  einer  Rückkehr  in  den  Heimatstaat  mit  beachtlicher  Wahrscheinlichkeit  eine  durch Art.  3  der Konvention  vom 4. November  1950  zum Schutze  der Menschenrechte  und Grundfreiheiten  (EMRK,  SR  0.101)  verbotene  Strafe  oder Behandlung drohe. Die allgemeine Menschenrechtssituation  in  Afghanistan  lasse  den  Wegweisungsvollzug  nicht  als  unzulässig  erscheinen. Der Vollzug der Wegweisung sei ausserdem zumutbar. Zwar  sei die allgemeine Sicherheitslage in Afghanistan angespannt, zumal die  aufständischen  Kräfte  ihren  Einfluss  besonders  in  den  südlichen  und 

D­974/2011 südöstlichen  Provinzen  sowie  teilweise  im  Norden  und  Westen  des  Landes  hätten  ausdehnen  können  und  funktionierende  staatliche  Strukturen  in  vielen  Regionen  noch  kaum  entwickelt  seien.  Dennoch  könne nicht von einer konkreten Gefährdung der gesamten Bevölkerung  respektive  von  einer Situation  allgemeiner Gewalt  im Sinne  von Art.  83  Abs. 4 AuG ausgegangen werden. Die Lage in den nördlichen Provinzen  Parwan, Baghlan, Takhar, Badakshan, Balkh, Sari Pul sowie Kabul, in der  westlichen  Provinz  Herat  und  in  Bamiyan,  der  zentralen  Provinz  des  Hazarajat,  sei  trotz vereinzelter Anschläge weiterhin als vergleichsweise  sicher einzustufen. In diesen Regionen könne nicht von einer permanent  instabilen  Situation  gesprochen  werden,  weshalb  ein  Wegweisungsvollzug dorthin grundsätzlich als zumutbar zu erachten sei.  Im  Weiteren  gebe  es  im  vorliegenden  Fall  auch  keine  individuellen  Gründe, die gegen die Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs sprächen.  Das  Elternpaar  stamme  ursprünglich  aus  den  afghanischen  Provinzen  Balkh  und  Kabul  und  verfüge  dort  jeweils  über  ein  familiäres  Beziehungsnetz.  Aufgrund  der  Aktenlage  müssten  die  Beschwerdeführenden zudem –  im afghanischen Kontext gesehen – als  wohlhabend  bezeichnet  werden.  Besonders  begünstigend  für  eine  erfolgreiche  Reintegration  in  Afghanistan  sei  der  Umstand,  dass  ein  Verwandter  der Beschwerdeführerin, Dr. A. M.,  vormaliger  afghanischer  Botschafter  in Teheran,  zurzeit Direktor der Verwaltungsreform  in Kabul  sei.  Im  Übrigen  sei  festzustellen,  dass  die  einschlägigen  Medikamente  zur  Behandlung  der  Diabetes  der  Beschwerdeführerin  namentlich  in  Kabul erhältlich seien. Der Vollzug der Wegweisung sei schliesslich auch  als möglich zu qualifizieren.  5.2.  In  der  Beschwerde  wird  im  Wesentlichen  entgegnet,  der  Wegweisungsvollzug  der  Beschwerdeführenden  nach  Afghanistan  sei  nicht zumutbar. Dem Update der Schweizerischen Flüchtlingshilfe (SFH)  zu  Afghanistan  vom  11.  August  2010  sei  zu  entnehmen,  dass  die  afghanischen Sicherheitskräfte nur sehr beschränkt in der Lage seien, die  Sicherheit der Bevölkerung zu garantieren. Kein Ort in Afghanistan könne  als  sicher  eingestuft  werden.  Auch  Gebiete,  welche  bisher  als  relativ  sicher gegolten hätten, seien zunehmend durch Gewaltakte bedroht. Das  schwere  Attentat  der  Taliban  in  Kabul  im  Januar  2010  bestätige  diese  Einschätzung.  Im Weiteren  sei  die  humanitäre  Situation  in  Afghanistan  besorgniserregend.  Es  fehle  an  Wohnraum  und  Beschäftigungsmöglichkeiten.  Die  Ernährungslage  sei  schlecht,  und  es  bestünden  Mängel  im  Gesundheits­  und  Bildungswesen.  Kabul  sei  gemäss  UNHCR  eine  der  am  schnellstwachsenden  Städte  der  Welt, 

D­974/2011 unter  anderem  wegen  der  unzähligen  intern  Vertriebenen,  welche  dort  Schutz suchten. Diese lebten unter slumähnlichen Bedingungen, oft ohne  Wasser und bei  sehr schlechten Hygieneverhältnissen. Zu beachten sei  zudem,  dass  die  Beschwerdeführenden  ihr  Heimatland  überhaupt  nicht  kennen würden, da sie bereits ihre Jugend im Iran verbracht hätten. Ihre  Kinder  seien  gar  im  Iran  geboren.  Die  Beschwerdeführenden  verfügten  weder  in Kabul noch  in Balkh über ein  tragfähiges Beziehungsnetz oder  eine  gesicherte  Wohnsituation.  Angesichts  der  in  Kabul  und  Balkh  herrschenden  Not  sei  es  sehr  unwahrscheinlich,  dass  sich  die  Beschwerdeführenden  dort  eine  existenzsichernde  Lebensgrundlage  aufbauen  könnten.  Die  in  EMARK  2006  Nr.  6  genannten  Voraussetzungen  bezüglich  eines  Wegweisungsvollzugs  nach  Kabul  seien  im  vorliegenden  Fall  nicht  erfüllt.  Die  Beschwerdeführenden  könnten  in  Afghanistan  nicht  auf  ein  tragfähiges  Beziehungsnetz  zurückgreifen.  Die  Sicherung  des  Existenzminimums  sei  nicht  gewährleistet,  und  die  Wohnsituation  nicht  geklärt.  Folglich  sei  der  Vollzug der Wegweisung nach Afghanistan nicht  zumutbar, weshalb die  Beschwerdeführenden vorläufig aufzunehmen seien.  In der Beschwerdeergänzung vom 16. Februar 2011 wird ausgeführt, die  Lage  in  Afghanistan  habe  sich  seit  den  Grundsatzentscheiden  EMARK 2003 Nr.  10  und  2006 Nr.  9  drastisch  verschlechtert.  Aufgrund  der jüngsten Entwicklungen sei auch hinsichtlich der Provinzen Balkh und  Kabul von einer Situation allgemeiner Gewalt im Sinne von Art. 83 Abs. 4  AuG  und  somit  von  der  grundsätzlichen  Unzumutbarkeit  des  Wegweisungsvollzugs  dorthin  auszugehen.  Im  Update  der  SFH  zu  Afghanistan  vom  11. August  2010  werde  festgehalten,  dass  es  der  afghanischen  Regierung  trotz  enormem  Sicherheitsaufgebot  nicht  gelungen  sei,  während  der  Friedensjirga  Anschläge  in  Kabul  zu  verhindern. Regierungsfeindlichen Truppen hätten  sich  inzwischen auch  in  den  Provinzen  Wardak,  Parwan,  Kabul  und  Kapsia  ausgebreitet.  Weiterhin  komme  es  in  Kabul  und  Zentralafghanistan  zu  Entführungen  zwecks  Lösegelderpressungen.  Auch  nach  Einschätzung  des  Roten  Kreuzes habe sich die Lage in Afghanistan dramatisch verschlechtert. Die  Zahl der Kriegsverletzten habe stark zugenommen. Es komme häufig zu  Bombenattentaten  auf  Zivilisten.  Bezüglich  der  Verschlechterung  der  Sicherheitslage  sei  auch  auf  das  Urteil  des  Bundesverwaltungsgerichts  vom 25. März 2010 in Sachen E­2958/2007, E. 5.5, zu verweisen. In der  Herkunftsprovinz  des  Beschwerdeführers,  Balkh,  habe  sich  die  Sicherheitslage  im  Jahr  2010  ebenfalls  verschlechtert.  Anschläge  durch  militante, bewaffnete Gruppierungen hätten dort im Vergleich zum Vorjahr 

D­974/2011 um 107% zugenommen.  In Afghanistan bestehe auch  für Zivilisten eine  reelle  und  ständige  Gefahr,  durch  einen  Anschlag  verletzt  oder  gar  getötet  zu werden. Es sei daher von einer Situation allgemeiner Gewalt  auszugehen.  Der  Wegweisungsvollzug  sei  indessen  auch  deshalb  unzumutbar,  weil  nicht  vom  Vorliegen  eines  tragfähigen  familiären  Beziehungsnetzes  im  Sinne  der  obgenannten  Rechtsprechung  ausgegangen  werden  könne.  Der  Beschwerdeführer  habe  seinen  Heimatort E._______ (Provinz Balkh) im Jahr 1980 zusammen mit seinen  Eltern  verlassen.  Zwar  lebten  dort  noch  Verwandte,  doch  bestehe  seit  Jahren  kein  Kontakt  mehr  zu  diesen  Onkeln  und  der  Tante.  Die  Beschwerdeführenden  könnten  daher  nicht  auf  deren  Unterstützung  zählen. Angesichts der schwierigen humanitären und sozioökonomischen  Lage in Balkh wäre es  im Übrigen auch für hilfsbereite Verwandte kaum  möglich,  gleich  eine  ganze  Familie  mit  zwei  Kindern  aufzunehmen.  Vielmehr  sei  zu  befürchten,  dass  die  Beschwerdeführenden  in  eine  existenzielle Notlage geraten würden, zumal der Beschwerdeführer über  keine schulische oder berufliche Ausbildung verfüge und Analphabet sei.  Die  Beschwerdeführerin,  welche  ursprünglich  aus  F._______  stamme,  habe  ihren  Herkunftsort  im  Alter  von  neun  Jahren  verlassen.  Ihr  Vater  und  ihre  Schwester  lebten  zwar  in  F._______,  stellten  jedoch  kein  tragfähiges  familiäres  Beziehungsnetz  dar.  Der  Vater  der  Beschwerdeführerin,  welcher  als Chauffeur  arbeite,  verfüge weder  über  die  finanziellen  Möglichkeiten  noch  über  Beziehungen,  um  zurückkehrende  Familienmitglieder  bei  sich  aufnehmen  zu  können  oder  ihnen bei der Wiedereingliederung behilflich zu sein. Die Bemerkung des  BFM,  wonach  es  sich  bei  den  Beschwerdeführenden  um  eine  wohlhabende Familie handle, sei unbehelflich, da diese  für die Flucht  in  die Schweiz all  ihre Ersparnisse aufgebraucht hätten. Das BFM habe  in  der  angefochtenen  Verfügung  ausserdem  argumentiert,  die  Beschwerdeführenden könnten bei  ihrer Rückkehr nach Afghanistan auf  die  Hilfe  von  Dr.  A.  M.,  einem  einflussreichen  Verwandten  in  Kabul,  zählen. Dieses Argument sei indessen nicht nachvollziehbar. Dr. A. M. sei  zwar  mit  einem  Neffen  der  Beschwerdeführerin  verwandt,  hingegen  bestehe  zwischen  der  Beschwerdeführerin  und  Dr.  A.  M.  kein  Verwandtschaftsverhältnis.  Die  Beschwerdeführerin  kenne A. M.  zudem  weder persönlich noch sei sie je mit ihm in Kontakt gestanden. Entgegen  der Behauptung des BFM könnten die Beschwerdeführenden daher nicht  auf den Schutz oder die Unterstützung durch A. M.  zählen. Schliesslich  sei auf die medizinischen Probleme der Beschwerdeführerin hinzuweisen.  Diese sei gemäss beiliegendem Arztbericht vom 15. Februar 2011 wegen  einer  Diabeteserkrankung  stationär  in  Behandlung.  Selbst  wenn  die 

D­974/2011 Behandlung der Beschwerdeführerin auch in Kabul möglich sei, so sei zu  berücksichtigen, dass sie einerseits auf Betreuung durch ihren Ehemann  angewiesen  sei,  andererseits  selber  nichts  zum  wirtschaftlichen  Überleben  der  Familie  beitragen  könnte.  Ihre  Krankheit  stelle  daher  infolge Betreuungsaufwand und Medikamentenkosten eine Belastung für  die Familie dar, was eine Wiedereingliederung zusätzlich erschwere. Eine  erfolgreiche Wiedereingliederung  sei  insbesondere  auch  angesichts  der  jahrzehntelangen  Landesabwesenheit  der  Beschwerdeführenden  ausgeschlossen; die beiden Töchter hätten gar nie  in  ihrem Heimatland  gelebt.  Gemäss  EMARK  2006  Nr.  9  sei  die  Rückkehr  in  die  als  stabil  beurteilten Provinzen  lediglich  für  junge alleinstehende oder verheiratete  Personen  ohne  Kinder  zumutbar,  und  auch  dies  nur  unter  restriktiven  Voraussetzungen.  Diese  seien  vorliegend  nicht  gegeben,  weshalb  der  Wegweisungsvollzug nach Afghanistan unzumutbar sei.  6.  Nachfolgend  ist  zu  prüfen,  ob  der  Wegweisungsvollzug  der  Beschwerdeführenden  nach  Afghanistan  zumutbar  ist  (Art.  83  Abs.  4  AuG). 6.1. Betreffend  die  allgemeine  Lage  in  Afghanistan  ist  auf  das  kürzlich  ergangene, zur Publikation vorgesehene Länderurteil BVGE E­7625/2008  vom 16. Juni 2011 zu verweisen. Nach eingehender Lageanalyse stellte  das Bundesverwaltungsgericht darin fest, dass die Sicherheitslage sowie  die  humanitären  Bedingungen  in  weiten  Teilen  Afghanistans  –  ausser  allenfalls in den Grossstädten – äusserst schlecht seien. Es kam deshalb  zum Schluss, dass die Situation in Afghanistan praktisch flächendeckend  als existenzbedrohend  im Sinne von Art. 83 Abs. 4 AuG zu qualifizieren  sei.  Von  dieser  allgemeinen  Feststellung  sei  die  Situation  in  der  Hauptstadt  Kabul  zu  unterscheiden.  Angesichts  dessen,  dass  sich  dort  die  Sicherheitslage  im  Verlauf  des  vergangenen  Jahres  nicht  weiter  verschlechtert  habe  und  die  humanitäre  Situation  im  Vergleich  zu  den  übrigen Gebieten  etwas weniger  dramatisch  sei,  könne  der  Vollzug  der  Wegweisung  nach  Kabul  unter  Umständen  als  zumutbar  qualifiziert  werden.  Solche  Umstände  könnten  grundsätzlich  namentlich  dann  gegeben  sein,  wenn  es  sich  beim  Rückkehrer  um  einen  jungen,  gesunden Mann handle. Angesichts der konstanten Verschlechterung der  Lage  über  die  vergangenen  Jahre  hinweg  und  der  auch  in  Kabul  schwierigen Situation verstehe es sich aber von selbst, dass die bereits  von  der  vormaligen  Beschwerdeinstanz  in  EMARK  2003  Nr.  10  formulierten  strengen Bedingungen  in  jedem Einzelfall  sorgfältig  geprüft 

D­974/2011 werden  und  erfüllt  sein  müssten,  um  die  Zumutbarkeit  eines  Wegweisungsvollzugs  nach Kabul  bejahen  zu  können. Unabdingbar  sei  in erster Linie ein soziales Netz, das sich  im Hinblick auf die Aufnahme  und  Wiedereingliederung  des  Rückkehrers  als  tragfähig  erweise;  denn  ohne Unterstützung durch Familie oder Bekannte würden die schwierigen  Lebensverhältnisse  auch  in  Kabul  unweigerlich  in  eine  existenzielle  beziehungsweise  lebensbedrohende  Situation  führen.  Für  einen  Rückkehrer aus Europa bestehe nach der Ankunft  in Kabul ein erhöhtes  Risiko,  entführt  oder  überfallen  zu werden,  da  vermutet werde,  er  trage  Devisen auf  sich. Verfüge er über  keine genügenden  finanziellen Mittel,  hätte  er  ohne  soziale  Vernetzung  kaum  Aussicht  auf  eine  zumutbare –  das  heisst  winterfeste  und  mit  minimaler  sanitärer  Einrichtung  ausgestattete – Unterkunft. Auch  für die Arbeitssuche seien persönliche  Beziehungen unerlässlich, da eine Einstellung (sogar von unqualifizierten  Arbeitskräften)  regelmässig  nur  aufgrund  persönlicher  Empfehlungen  erfolge. Eine auch nur einigermassen gesunde Ernährung wäre ohne die  Hilfe von nahestehenden Personen ebenfalls kaum möglich, der Zugang  zu  sauberem  Trinkwasser  schwierig;  Unterstützungsmassnahmen  der  Regierung oder internationaler Organisationen könnten laut zuverlässigen  Quellen daran nichts ändern. Ohne eine soziale Vernetzung würde daher  auch  ein  junger  und  grundsätzlich  gesunder  Mann  unweigerlich  innert  absehbarer Zeit in eine existenbedrohende Situation geraten. Im Übrigen  betone  auch  der  (für  Afghanistan  zuständige)  Schweizer  Botschafter  in  Islamabad  die  vorrangige Bedeutung  eines  tragfähigen  sozialen Netzes  für einen Rückkehrer zur Vermeidung unüberbrückbarer Schwierigkeiten  (vgl. E. 9.3 ff.).  6.2.  Im  vorliegenden  Fall  ist  bezüglich  der  Frage  der  Zumutbarkeit  des  Wegweisungsvollzugs  zunächst  darauf  hinzuweisen,  dass  gemäss  den  Ausführungen im vorstehend zitierten Entscheid BVGE E­7625/2008 vom  16. Juni 2011 der Vollzug der Wegweisung nach Afghanistan angesichts  der dort  landesweit herrschenden prekären Lage grundsätzlich nur dann  – unter  bestimmten  Voraussetzungen  und  an  bestimmte  Zielorte  (wie  beispielsweise  die  Grossstadt  Kabul)  –  als  zumutbar  zu  erachten  ist,  wenn es sich bei den betroffenen Ausländern um gesunde, junge Männer  handelt  (vgl.  a.a.O.  E.  9.9.2  S.  28).  Bereits  diese  Voraussetzung  ist  vorliegend  nicht  erfüllt:  Bei  den  Beschwerdeführenden  handelt  es  sich  vielmehr um eine vierköpfige Familie, wobei die Eltern 43  respektive 41  Jahre alt und die beiden minderjährigen Töchter 17  respektive 14 Jahre  alt  sind. Die Beschwerdeführerin  leidet  überdies an Diabetes. Weiter  ist  festzustellen,  dass  die  beiden  Erwachsenen,  welche  ursprünglich  aus 

D­974/2011 E._______(Provinz  Balkh),  respektive  F._______  stammen,  ihr  Heimatland schon vor über 30 Jahren verliessen (der Beschwerdeführer  als  13­Jähriger,  die  Beschwerdeführerin  als  9­Jährige)  und  danach  bis  zur Weiterreise in die Schweiz im Iran lebten, wo auch die beiden Töchter  geboren  wurden.  Aufgrund  der  langen  Landesabwesenheit  dürften  sie  sich in erheblichem Masse von ihrem Heimatland entfremdet haben. Die  beiden  Töchter  ihrerseits  haben  offensichtlich  überhaupt  keinen  persönlichen Bezug zu ihrem Heimatland, da sie ihr gesamtes bisheriges  Leben  ausserhalb  von  Afghanistan  verbracht  haben.  Eine  (Wieder­ )Ansiedelung  in  Afghanistan  dürfte  sich  für  die  Beschwerdeführenden  bereits aus diesen Gründen als relativ schwierig erweisen, weshalb umso  höhere Anforderungen an die Tragfähigkeit eines allenfalls vorhandenen  sozialen Netzes zu stellen sind. Wie erwähnt (vgl. vorstehend 6.1) ist die  allgemeine Lage  in Afghanistan  –  ausser  allenfalls  in  den Grossstädten  (namentlich in Kabul) – als existenzbedrohend im Sinne von Art. 83 Abs.  4  AuG  zu  qualifizieren.  Im  vorliegenden  Fall  käme  ein  Wegweisungsvollzug  daher  lediglich  in  die  Hauptstadt  Kabul  oder  allenfalls  in  die  Grossstadt  Mazar­i­Sharif  in  Frage,  sofern  dort  ein  tragfähiges  Beziehungsnetz  vorhanden  ist.  Der  Wegweisungsvollzug  in  die  Provinz  Takhar,  wo  zwei  Schwestern  der  Beschwerdeführerin  wohnhaft  sind,  ist  dagegen mit Blick auf die Erwägungen  im genannten  Länderurteil  von  vornherein  ausgeschlossen.  Weitere  Anknüpfungspunkte sind den Akten nicht zu entnehmen. In Mazar­i­Sharif  leben  den  Akten  zufolge  eine  Tante  und  zwei  Onkel  des  Beschwerdeführers.  Zu  diesen  hat  er  jedoch  gemäss  eigenen Angaben  keinen Kontakt (vgl. Ziff. 4 S. 5 der Eingabe vom 16. Februar 2011). Es  erscheint wenig wahrscheinlich,  dass  diese Verwandten  nach  so  langer  Zeit  fehlenden  Kontakts  bereit  wären,  die  vierköpfige  Familie  des  Beschwerdeführers bei  sich aufzunehmen und sie auf unbestimmte Zeit  zu  beherbergen  und  zu  verköstigen.  Der  Wegweisungsvollzug  nach  Mazar­i­Sharif  ist  bei dieser Sachlage ohne weiteres als unzumutbar  zu  erachten,  unabhängig  von  der  Frage,  ob  der  Vollzug  dorthin  unter  den  Gesichtspunkt Sicherheit und allgemeine humanitäre Lage überhaupt als  generell  zumutbar  erachtet  werden  könnte  (diese  Frage  wurde  in  obgenanntem  Länderurteil  offen  gelassen).  Bei  den  in  Kabul  lebenden  Verwandten  der  Beschwerdeführerin  handelt  es  sich  um  ihren  Vater  sowie  ihre  verheiratete  Schwester,  welche  zusammen  an  der  gleichen,  der Beschwerdeführerin jedoch nicht genau bekannten Adresse wohnen.  Den Akten sind keine näheren Angaben zu den Lebensumständen dieser  Verwandten zu entnehmen, ausser dass der Vater als Chauffeur arbeitet.  Angesichts  der  Tatsache,  dass  die  Lebensbedingungen  in  Kabul 

D­974/2011 allgemein  schwierig  sind,  ist  jedoch  die  längerfristige Unterbringung  der  Beschwerdeführenden  bei  ihren  Verwandten  im  Falle  einer  Rückkehr  nach  Kabul  keineswegs  gesichert.  Aufgrund  der  Aktenlage  ist  davon  auszugehen, dass die Beschwerdeführenden sowohl in sozialer als auch  in  wirtschaftlicher  Hinsicht  auf  eine  umfassende  und  nachhaltige  Unterstützung  angewiesen  wären.  Angesichts  der  schwierigen  Arbeitsmarktsituation in Kabul dürfte der Beschwerdeführer nämlich Mühe  haben, innert angemessener Frist eine Anstellung zu finden, mit welcher  er  sich  den  Lebensunterhalt  für  seine  Familie  selbständig  verdienen  könnte,  zumal  er  keine  Schul­  und/oder  Berufsbildung  aufweist,  Analphabet  ist  und  bisher  lediglich  als  unqualifizierter  Handlanger  gearbeitet  hat.  Erwerbstätige  Frauen  sind  in  Afghanistan  –  selbst  im  relativ  toleranten Kabul – namentlich aus soziokulturellen Gründen nach  wie  vor  eher  selten;  dass  gerade  die  41­jährige  Beschwerdeführerin,  welche  weder  über  eine  Schulbildung  noch  über  nennenswerte  Arbeitserfahrung  verfügt,  oder  die  17­jährige,  ausserhalb  Afghanistans  aufgewachsene Tochter P.  in Kabul eine einträgliche Arbeitsstelle finden  sollten,  erscheint  daher  ebenfalls  äusserst  unwahrscheinlich.  Dazu  kommt,  dass  die Beschwerdeführerin  den Akten  zufolge  unter Diabetes  leidet  und  deswegen  eine  lebenslängliche  Therapie  mit  Medikamenten  sowie  regelmässige  Kontrolluntersuchungen  benötigt,  um  ernsthafte  beziehungsweise  lebensbedrohliche  Gesundheitsschädigungen  zu  verhindern.  Zumindest  in  Kabul  wäre  Diabetes  zwar  theoretisch  behandelbar,  praktisch  dürfte  sich  dies  indessen  schwierig  gestalten.  Afghanistan  zählt  noch  immer  zu  den  Ländern  mit  der  schlechtesten  Gesundheitsversorgung  weltweit;  nahezu  in  allen  Bereichen  gibt  es  erhebliche  Defizite.  Vom  schwierigen  Zugang  zu  Gesundheitsdiensten  sind  Frauen  besonders  betroffen.  Insgesamt  ist  die  medizinische  Versorgung  mit  hohen  Sicherheitsrisiken  verbunden  und  oft  nicht  gewährleistet  (vgl.  a.a.O.  E. 9.8  S.  28).  Ausserdem  würde  durch  die  notwendige  Behandlung  eine  erhebliche  finanzielle  Belastung  für  die  Beschwerdeführenden  entstehen,  was  deren  Wiedereingliederung  zusätzlich  erschweren  würde.  Es  erscheint  wenig  wahrscheinlich,  dass  die Verwandten der Beschwerdeführerin bei dieser Sachlage in der Lage  und  bereit  wären,  den  Beschwerdeführenden  die  benötigte  langfristige  Unterstützung  zu  gewähren.  Das  Kriterium  des  Vorhandenseins  eines  tragfähigen  sozialen  Netzes  muss  demnach  verneint  werden.  Ohne  dieses  hätten  die  Beschwerdeführenden  indessen  keine  reelle  Chance,  sich  in  Kabul  eine  neue  Existenzgrundlage  aufzubauen.  Schliesslich  ist  festzustellen, dass der vom BFM erwähnte Dr. A. M. den Akten zufolge  überhaupt nicht mit der Beschwerdeführerin verwandt  ist und sie diesen 

D­974/2011 Mann  nicht  einmal  kennt.  Es  ist  nicht  ersichtlich,  weshalb  sich  diese  Person  bemüssigt  fühlen  sollte,  den  Beschwerdeführenden  im  Falle  deren Rückkehr nach Afghanistan in irgendeiner Weise behilflich zu sein. 6.3.  Zusammenfassend  ist  festzustellen,  dass  der  Vollzug  der  Wegweisung  der  Beschwerdeführenden  nach  Afghanistan  im  heutigen  Zeitpunkt  mit  überwiegender  Wahrscheinlichkeit  eine  konkrete  Gefährdung  zur  Folge  hätte  und  deshalb  als  unzumutbar  im Sinne  von  Art. 83 Abs. 4 AuG zu qualifizieren ist. 7.  Nach  dem  Gesagten  ist  die  Beschwerde  gutzuheissen  und  die  angefochtene  Verfügung  vom  17.  Januar  2011  in  Bezug  auf  den  Wegweisungsvollzugspunkt  (Dispositivziffern  4  und  5)  aufzuheben.  Nachdem den Akten keine Hinweise auf Ausschlussgründe im Sinne von  Art. 83 Abs. 7 AuG entnommen werden können, ist das BFM anzuweisen,  die Beschwerdeführenden vorläufig aufzunehmen.  8.  8.1. Vorliegend sind keine Verfahrenskosten aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1  und 2 VwVG). 8.2. Den obsiegenden und vertretenen Beschwerdeführenden ist zulasten  der  Vorinstanz  eine  Parteientschädigung  für  die  ihnen  erwachsenen  notwendigen und verhältnismässig hohen Kosten zuzusprechen (vgl. Art.  64  Abs.  1  VwVG  i.V.m.  Art.  7  des  Reglements  vom  21.  Februar  2008  über  die  Kosten  und  Entschädigungen  vor  dem  Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]). Es wurde weder vom  vormaligen noch vom aktuellen Rechtsvertreter  eine Kostennote  zu den  Akten  gereicht.  Der  notwendige  Vertretungsaufwand  lässt  sich  indes  aufgrund  der  Aktenlage  zuverlässig  abschätzen,  weshalb  auf  die  Einholung einer solchen verzichtet werden kann (vgl. Art. 14 Abs. 2 in fine  VGKE).  In  Anwendung  der  genannten  Bestimmungen  und  unter  Berücksichtigung der massgeblichen Bemessungsfaktoren  (vgl. Art. 8  ff.  VGKE) ist die von der Vorinstanz auszurichtende Parteientschädigung für  die  ursprüngliche  respektive  aktuelle  Rechtsvertretung  demnach  von  Amtes wegen auf pauschal Fr. 1'000.– festzusetzen. (Dispositiv nächste Seite)

D­974/2011 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1.  Die Beschwerde wird gutgeheissen. 2.  Die  angefochtene  Verfügung  wird  hinsichtlich  des  angeordneten  Wegweisungsvollzugs  (Dispositivziffern  4  und  5)  aufgehoben,  und  das  BFM wird angewiesen, die Beschwerdeführenden vorläufig aufzunehmen. 3.  Es werden keine Verfahrenskosten auferlegt. 4.  Das  BFM  hat  den  Beschwerdeführenden  für  das  Verfahren  vor  dem  Bundesverwaltungsgericht  eine  Parteientschädigung  von  Fr.  1'000.–  zu  entrichten. 5.  Dieses  Urteil  geht  an  die  Beschwerdeführenden,  das  BFM  und  die  zuständige kantonale Behörde. Der vorsitzende Richter: Die Gerichtsschreiberin: Hans Schürch Anna Dürmüller Leibundgut Versand:

D-974/2011 — Bundesverwaltungsgericht 26.08.2011 D-974/2011 — Swissrulings