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Bundesverwaltungsgericht 10.10.2011 D-859/2010

10. Oktober 2011·Deutsch·CH·CH_BVGE·PDF·3,563 Wörter·~18 min·1

Zusammenfassung

Asyl und Wegweisung | Asyl und Wegweisung; Verfügung des BFM vom 6. Januar 2010

Volltext

Bundesve rwa l t ungsge r i ch t T r i buna l   adm in istratif   f édé ra l T r i buna l e   ammin istrati vo   f ede ra l e T r i buna l   adm in istrativ   f ede ra l     Abteilung IV D­859/2010  D­860/2010 Urteil   v om   1 0 .   O k t ob e r   2011 Besetzung Richterin Nina Spälti Giannakitsas (Vorsitz), Richter François Badoud, Richter Hans Schürch, Gerichtsschreiber Patrick Weber. Parteien 1. X._______,  geboren am _______,  Beschwerdeführerin, (D­859/2010) und 2. Y._______, geboren am _______,  Beschwerdeführer, (D­860/2010) Sri Lanka,   vertreten durch Fürsprecher Daniel Weber, _______,  gegen Bundesamt für Migration (BFM),  Quellenweg 6, 3003 Bern,    Vorinstanz.  Gegenstand Asyl und Wegweisung; Verfügungen des BFM  vom 6. Januar 2010 / _______ und _______.

D­859/2010, D­860/2010 Sachverhalt: A.  Eigenen  Angaben  zufolge  verliessen  die  Beschwerdeführenden  ihren  Heimatstaat  am 16. Februar  2008 und gelangten über  _______ am 14.  Juli 2008  in die Schweiz, wo sie am gleichen Tag Asylgesuche stellten.  Dazu wurden sie am 24. Juli 2008 summarisch befragt. Am 13. Juli 2009  führte das BFM Anhörungen durch.  I. B.  Die  Beschwerdeführerin  legte  dar,  einer  gemischtethnischen  Familie  anzugehören (Vater: Singhalese; Mutter: Tamilin). Sie sei wie ihre Mutter  Mitglied  der Pfingstgemeinde.  Ihr Vater  habe die Familie  verlassen. Sie  stamme aus _______ und habe  immer dort gelebt. Vor dem 14. Januar  2008  habe  sie  keinerlei  Probleme  gehabt.  Am  besagten  Datum  hätten  vier  ihnen unbekannte Personen – möglicherweise Mitglieder der Eelam  People's Democratic Party  (EPDP)  –  zuhause  vorgesprochen und nach  ihrem  zu  diesem  Zeitpunkt  abwesenden  Bruder  gefragt.  Dieser  habe  gemäss  Aussagen  der  Unbekannten  von  einem  Freund  Waffen  respektive ein Paket mit Zündstoff erhalten. Die Unbekannten hätten sich  nach dem Verbleiben des Pakets erkundigt. Ihre Mutter habe erklärt, dass  es kein solches Paket gebe. Die Unbekannten hätten  ihr nicht geglaubt,  sie  umgestossen  und  seien  zwecks Suche  ins Haus  eingedrungen.  Sie  hätten indes kein entsprechendes Paket gefunden. Sie hätten die Familie  der  Unterstützung  der  Liberation  Tigers  of  Tamil  Eelam  (LTTE)  beschuldigt und ihr Wiederkommen am Abend angekündigt. Für den Fall  der erneuten Abwesenheit des Bruders hätten sie mit der Ermordung der  gesamten Familie gedroht. Der Bruder habe sich im genannten Zeitpunkt  arbeitshalber bei einem Onkel beziehungsweise Bekannten aufgehalten.  Die Mutter respektive sie selber habe einen Nachbarn aufgefordert, sich  dorthin zu begeben, damit ihr Sohn respektive Bruder gewarnt sei und ein  Versteck finde. Gegen 14 Uhr sei der Bekannte bei ihnen erschienen und  habe mitgeteilt,  dass  ihr Sohn  respektive Bruder  in  einem Versteck  sei.  Am  Abend  desselben  Tages  hätten  zwei  der  vier  Unbekannten  erneut  vorgesprochen  und  sich  nach  dem  Versteck  ihres  Bruders  erkundigt.  Einer  der  beiden  habe  sie  unsittlich  angefasst.  Ihre  Mutter  sei  eingeschritten  und  habe  den  beiden  die  Auslieferung  ihres  Sohnes  versprochen.  Tags  darauf  sei  die  Mutter  zum  Dorfvorsteher  gegangen,  um  das  Vorgefallene  zu  melden.  Nachmittags  seien  die  Unbekannten 

D­859/2010, D­860/2010 wieder  im  Haus  erschienen  und  hätten  sie  beschuldigt,  die  LTTE  zu  unterstützen. Ihre Mutter habe dies wütend abgestritten. Dabei sei sie mit  einer Waffe bedroht worden. Es sei zu einem Handgemenge gekommen.  Die  Unbekannten  hätten  ihre  Mutter  unter  Drohungen  erneut  zur  Auslieferung des Sohnes aufgefordert. In der Nacht vom 16. auf den 17.  Januar 2008 hätten die Unbekannten ein viertes Mal vorgesprochen. Sie  hätten an die Türe getreten, um Einlass zu erhalten. Ihre Mutter habe sie  (die  Beschwerdeführerin)  aufgefordert,  ihre  Zimmertüre  zu  schliessen,  und den Eindringlingen geöffnet. Diese hätten das ganze Haus nach dem  Bruder  durchsucht.  Sie  sei  unter  Drohungen  aufgefordert  worden,  ihre  Zimmertüre zu öffnen. Aus Angst um das Schicksal ihrer Mutter habe sie  die  Tür  entriegelt.  Einer  der  Unbekannten  habe  sie  daraufhin  vergewaltigt.  Noch  in  derselben  Nacht  hätten  sie  sich  zu  besagtem  Bekannten begeben. Diesem habe sie alles erzählt. Aus Furcht, sie beide  könnten  auch  bei  ihm  ausfindig  gemacht  werden,  habe  er  sie  in  der  gleichen Nacht zum Aufenthaltsort ihres Bruders respektive Sohnes nach  _______  gebracht.  Dort  habe  sie  ihre  Schwangerschaft  realisiert  und  abgetrieben. Ferner habe sie vom Bekannten erfahren, dass der Freund  ihres Bruders getötet worden sei. Aus den geschilderten Gründen seien  sie und ihr Bruder ausser Landes geflohen.  C.  Für die im vorinstanzlichen Verfahren eingereichten Beweismittel wird auf  die  Akten  verwiesen  (vgl.  die  Auflistung  auf  dem  BFM­ Beweismittelumschlag A 1). D.  Mit  Verfügung  vom  6.  Januar  2010  –  eröffnet  am  13.  Januar  2010 –  stellte  das  BFM  fest,  die  Beschwerdeführerin  erfülle  die  Flüchtlingseigenschaft nicht, und  lehnte das Asylgesuch ab. Gleichzeitig  verfügte  es  die  Wegweisung  aus  der  Schweiz  und  den  Wegweisungsvollzug. Die Vorinstanz begründete ihren Entscheid mit der  fehlenden  Glaubhaftigkeit  der  angeblichen  Vorkommnisse  vom  Januar  2008.  Die  Aussagen  der  Beschwerdeführerin  anlässlich  der  Anhörung  müssten  in  mehreren  Punkten  als  widersprüchlich  im  Vergleich  zu  denjenigen  im  Rahmen  der  Summarbefragung  qualifiziert  werden.  So  habe  sie  bei  der  Summarbefragung  von  einem  Paket  mit  Waffen  gesprochen, welches die Unbekannten  im Besitz  ihres Bruders vermutet  hätten.  Laut  Anhörung  soll  es  sich  dabei  aber  um  Zündstoff  und  eine  Batterie  gehandelt  haben.  Im  Weiteren  sei  ihre  Mutter  gemäss  Summarbefragung  bei  der  ersten  Vorsprache  durch  die  Unbekannten 

D­859/2010, D­860/2010 umgestossen worden – ein angebliches Vorkommnis, welches sie bei der  Anhörung  nicht  mehr  erwähnt  habe.  Auch  die  Aussagen  betreffend  Warnung  ihres  Bruders  seien  ungereimt  ausgefallen.  Derweil  bei  der  Summarbefragung  ihre  Mutter  als  diejenige  Person,  welche  einen  Nachbarn mit  der Warnung  beauftragt  habe,  erwähnt  worden  sei,  wäre  gemäss Anhörungsprotokoll sie selber zum Nachbarn gegangen. An die  bei  der  Erstbefragung  vorgebrachten  unsittlichen  Annäherungsversuche  bei  der  Vorsprache  der Unbekannten  vom Abend  des  14.  Januar  2008  habe  sie  sich  anlässlich  der  Anhörung  auf  Nachfragen  hin  nicht  mehr  erinnern können. Auch die Bedrohung ihrer Mutter mit einer Waffe bei der  dritten  Vorsprache  der  Unbekannten  habe  sie  bei  der  Anhörung  nicht  mehr geltend gemacht. Nach der angeblichen Vergewaltigung sei sie laut  Summarbefragung  zu  ihrer  Mutter  gegangen  und  habe  mit  ihr  gesprochen.  Gemäss  ihren  Angaben  bei  der  Anhörung  sei  ihre  Mutter  damals  indes  bewusstlos  gewesen.  Demzufolge  sei  die  angebliche  Bedrohung  durch  Unbekannte  nicht  glaubhaft,  zumal  auch  ihr  Bruder  diese  Vorfälle  im  Rahmen  seines  Asylverfahrens  widersprüchlich  dargelegt  habe.  Die  eingereichten  Beweismittel  rechtfertigten  keine  andere  Einschätzung.  Dem  Schreiben  eines  Mitglieds  der  Gemeindebehörde von _______ vom 15. Januar 2008 sei zu entnehmen,  dass die bewaffneten Unbekannten das zweite Mal am 15. Januar 2008  vorbeigekommen  sein  sollen.  In  der  Erstbefragung  habe  die  Beschwerdeführerin  indes  angegeben,  die  zweite  Vorsprache  sei  am  Abend  des  14.  Januar  2008  gewesen.  Ferner  sei  im  Schreiben  von  Waffen die Rede, derweil die Beschwerdeführerin bei der Anhörung von  Batterien  mit  Zündstoff  gesprochen  habe.  Ausserdem  beschreibe  das  Mitglied der Gemeindebehörde einen Vorfall, über welchen er  in diesem  Zeitpunkt noch gar nicht  informiert gewesen sein könne. Das Dokument  sei  demnach  als  ein  im  Nachhinein  in  Auftrag  gegebenes  Gefälligkeitsschreiben ohne Beweiswert  zu erachten. Dasselbe gelte  für  die eingereichten Briefe der Mutter. Da die Vorsprachen der Unbekannten  nicht  glaubhaft  seien,  könne  auch  nicht  zutreffen,  dass  die  Beschwerdeführerin  dabei  eine Vergewaltigung  erlitten  habe. Dies  auch  deshalb, weil sie den angeblichen sexuellen Übergriff wenig differenziert,  detailliert,  überzeugend  und  verbunden  mit  einprägsamen  Einzelheiten  geschilderte  habe.  Es  fehlten  die  für  die  Glaubhaftigkeit  erforderlichen  Realkennzeichen.  Den  Vollzug  der  Wegweisung  nach  Sri  Lanka  erachtete  das  BFM  für  zulässig,  zumutbar  und  möglich.  Ein  Vollzug  in  _______ – dem Herkunftsgebiet der Beschwerdeführerin – sei aufgrund  der dortigen Situation zwar nicht zumutbar. Sie verfüge aber  in anderen  Landesgebieten – beispielsweise  im Grossraum Colombo/im Süden und 

D­859/2010, D­860/2010 Westen  des  Landes  –  über  eine  innerstaatliche  Aufenthaltsalternative.  Sie  sei  eine  ethnische  Singhalesin,  welche  mehrere  Jahre  die  Schule  besucht  habe und sowohl  singhalesisch wie auch  tamilisch  spreche.  Im  _______  hielten  sich  Verwandte  auf.  Zudem  werde  sie  zusammen  mit  ihrem Bruder die Heimreise antreten können. Den Geschwistern dürfte es  so  möglich  sein,  in  den  genannten  Gebieten  eine  wirtschaftliche  Lebensgrundlage zu schaffen.  E.  Mit Eingabe ihrer Rechtsvertretung vom 11. Februar 2010 beantragte die  Beschwerdeführerin  beim Bundesverwaltungsgericht  die Aufhebung  des  vorinstanzlichen Entscheids, die Rückweisung der Sache an das BFM zur  Neubeurteilung verbunden mit einer erneuten Anhörung, eventualiter die  Asylgewährung,  subeventualiter  die  Feststellung  der Unzulässigkeit  und  Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs verbunden mit der vorläufigen  Aufnahme  in der Schweiz, die Vereinigung des vorliegenden Verfahrens  mit demjenigen ihres Bruders und die unentgeltliche Prozessführung (Art.  65 Abs. 1 und 2 des Verwaltungsverfahrensgesetzes vom 20. Dezember  1968  [VwVG,  SR  172.021])  samt  Entbindung  von  der  Vorschusspflicht.  Zur Begründung der Begehren machte sie geltend, sie sei anlässlich der  Summarbefragung  angewiesen  worden,  sich  kurz  zu  fassen.  Der  Befragungsstil  der  Anhörung  sei  überaus  hart  und  nicht  immer  sachgemäss  gewesen.  Zudem  habe  sie  nach  der  termingerechten  Ankunft bei der Vorinstanz mehrere Stunden unverpflegt auf den Beginn  der  Anhörung  warten  müssen.  Ausserdem  sei  sie  nach  ihrem  viermonatigen  Spitalaufenthalt  noch  gesundheitlich  angeschlagen  gewesen. Bei  der  vier Stunden und zehn Minuten dauernden Anhörung  sei  lediglich eine Kurzpause eingeschaltet worden. Wesentliche Fragen,  welche  sich  nach  Lektüre  des  Empfangsstellenprotokolls  aufgedrängt  hätten,  seien  nicht  gestellt  worden.  Die  Dolmetscherin  habe  nicht  alle  Detailaussagen  übersetzt.  Auch  Nachfragen  seien  unterblieben.  Die  Beschwerdeführerin  sei  im  Dezember  2008  wegen  einer  depressiven  Entwicklung  ins  Spital  eingewiesen  worden.  Aus  dem  beiliegenden  Arztbericht  vom  25.  Januar  2010  gehe  hervor,  dass  sie  gemäss  behandelndem  Arzt  die  Vergewaltigung  "in  absolut  glaubhafter  Art  und  Weise  bezeugt"  habe.  Sie  habe  begründetet  Furcht  vor  ernsthaften  Nachteilen  durch  Drittpersonen  und  sei  auf  staatlichen  Schutz  angewiesen.  Die  Vorinstanz  verkenne  im  Rahmen  der  Prüfung  der  Glaubhaftigkeit  den  beschränkten  Beweiswert  der  Aussagen  anlässlich  der  Summarbefragung.  Zudem  sei  der  der  Beschwerdeführerin  angelastete  Widerspruch  (Paket  mit  Waffen  beziehungsweise 

D­859/2010, D­860/2010 Batterie/Zündstoff)  offensichtlich  keiner,  da  sie  übereinstimmend  von  einem Paket  gesprochen  habe. Der  genaue  Inhalt  sei  ihr  nicht  bekannt  gewesen, da sie das Paket nie gesehen habe; entsprechend habe sie nur  die  diesbezüglichen  Aussagen  der  unbekannten  Eindringlinge  wiedergegeben.  Auch  in  der  Anhörung  habe  sie  die  von  ihrer  Mutter  erlittenen  Schläge  erwähnt.  Die  unsittlichen  Berührungen  habe  sie  ebenfalls  thematisiert.  Die  nicht  deckungsgleichen  Aussagen  betreffend  diejenige  Person,  welche  den  Nachbarn  aufgesucht  habe,  seien  möglicherweise  auf  einen  Übersetzungsfehler  zurückzuführen.  Richtig  sei,  dass  ihre Mutter und nicht  sie den Nachbarn aufgesucht habe. Der  weitere  angebliche  Widerspruch  zum  Sachverhalt  nach  der  Vergewaltigung  (Mutter  ohne  Bewusstsein  beziehungsweise  über  Schmerzen klagend) bestehe wiederum nicht; sie habe bei der Anhörung  die  Klage  der  Mutter  nach  deren  Aufwachen  nicht  mehr  erwähnt.  Das  Fehlen  dieses  Details  sei  nicht  wesentlich.  Im  Übrigen  sei  zu  berücksichtigen,  dass  sie  traumatisiert  sei  und Erinnerungslücken habe.  Die  angeblichen  Widersprüche  in  den  Aussagen  des  Bruders  seien  ebenfalls  nicht  geeignet,  die  Unglaubhaftigkeit  ihrer  Vorbringen  zu  belegen,  da  in  dessen  Beschwerdeverfahren  die  angebliche  Unglaubhaftigkeit  wiederlegt  werde.  Die  Vorinstanz  verkenne  im  Weiteren,  dass  das  eingereichte  Schreiben  des  Dorfvorstehers  ein  taugliches  Beweismittel  sei.  Es  sei  erst  nach  dem  letzten  Besuch  der  Mutter  der Beschwerdeführerin  – einer Analphabetin  –  verfasst worden.  Die  Mutter  habe  entsprechend  darauf  vertrauen  müssen,  dass  der  Dorfvorsteher  auch  das  schreibe,  was  ihm  gesagt  worden  sei.  Im  Weiteren  habe  die  Beschwerdeführerin  die  erlittene  Vergewaltigung  entgegen  der  nicht  nachvollziehbaren  Argumentation  des  BFM  sehr  eindrücklich geschildert. Bei der Anhörung seien dazu keine Nachfragen  erfolgt.  Nach  dem  Gesagten  habe  sie  die  asylrelevante  Verfolgung  glaubhaft  gemacht.  Sie  werde  entweder  vom  Staat  oder  durch  Drittpersonen gezielt verfolgt, wobei im Falle von Drittpersonen staatlicher  Schutz fehle. Entsprechend würde ein allfälliger Vollzug der Wegweisung  gegen  die  relevanten  gesetzlichen  Bestimmungen  verstossen.  Die  Vorinstanz  verletze  bei  der  Begründung  der  Zumutbarkeit  des  Vollzugs  überdies die Begründungspflicht.  F.  Der  Eingabe  lagen  ein  Arztbericht  vom  25.  Januar  2010  sowie  eine  Bestätigung  für  die  Bedürftigkeit  der  Beschwerdeführerin  bei.  Medizinische  Unterlagen  betreffend  einen  einige  Zeit  zurückliegenden 

D­859/2010, D­860/2010 Spitalaufenthalt  und  weitere  Beweismittel  aus  dem  Ausland  wurden  in  Aussicht gestellt. II. G.  Der  Beschwerdeführer  bestätigte  anlässlich  der  Befragungen  die  Angaben  seiner  Schwester  bezüglich  ihrer  Religion  und  Herkunft.  Als  Fluchtgrund gab er an, ein mittlerweile verstorbener Freund von ihm habe  angeblich die Liberation Tigers of Tamil Eelam (LTTE) unterstützt. Am 14.  Januar 2008 hätten unbekannte Personen während seiner Abwesenheit  ihn erstmals zuhause gesucht. Sie hätten behauptet, er habe von diesem  Freund  ein  Paket  mit  Waffen  respektive  Zündstoff  erhalten.  Die  Unbekannten hätten sich nach dem Verbleiben des Pakets erkundigt und  seien  zwecks  Suche  ins  Haus  eingedrungen.  Sie  hätten  indes  kein  entsprechendes  Paket  gefunden.  Sie  hätten  die  Familie  der  Unterstützung der LTTE verdächtigt und ihr Wiederkommen angekündigt.  Er sei von dieser Suche durch einen Nachbarn, welcher ihn am Arbeitsort  aufgesucht  habe,  informiert  worden.  Durch  Vermittlung  seines  Arbeitgebers – eines Onkels respektive eines Bekannten seiner Mutter –  sei  ein  Versteck  für  ihn  gefunden  worden.  Am  Nachmittag  respektive  Abend  desselben  Tages  hätten  die  Unbekannten  wiederum  zuhause  nach  ihm  gesucht  und  massive  Drohungen  ausgestossen.  Er  sei  in  seinem Versteck  geblieben,  wo man  ihn  über  erneute  Vorsprachen  der  Unbekannten  informiert  habe.  Bei  einer  solchen  Vorsprache  sei  seine  Schwester vergewaltigt worden.  In der Folge seien seine Mutter und die  Schwester  aus  der  Wohnung  zu  ihm  geflüchtet.  Am  20.  Januar  2008  habe  er  vom  Tod  seines  Freundes  erfahren.  Aus  den  geschilderten  Gründen  seien  er  und  seine  Schwester  wenig  später  ausser  Landes  geflohen.  Als  Beweismittel  reichte  der  Beschwerdeführer  eine  Todesanzeige –  gemäss  seinen  Aussagen  den  erwähnten  Freund  betreffend  –  zu  den  Akten. H.  Mit  Verfügung  vom  6.  Januar  2010  –  eröffnet  am  13.  Januar  2010 –  stellte  das  BFM  fest,  der  Beschwerdeführer  erfülle  die  Flüchtlingseigenschaft nicht, und  lehnte das Asylgesuch ab. Gleichzeitig  verfügte  es  die  Wegweisung  aus  der  Schweiz  und  den  Wegweisungsvollzug. Die Vorinstanz begründete ihren Entscheid mit der 

D­859/2010, D­860/2010 fehlenden  Glaubhaftigkeit  der  angeblichen  Vorkommnisse  vom  Januar  2008.  Die  Aussagen  des  Beschwerdeführers  anlässlich  der  Anhörung  müssten  in  mehreren  Punkten  als  widersprüchlich  im  Vergleich  zu  denjenigen  im  Rahmen  der  Summarbefragung  qualifiziert  werden.  So  habe  er  bei  der  Summarbefragung  von  einem  Paket  mit  Waffen  gesprochen, welches die Unbekannten in seinem Besitz vermutet hätten.  Laut Anhörung soll es sich dabei aber um Zündstoff (Kabel und Batterien)  gehandelt haben.  Im Weiteren sei  laut Anhörung seine Mutter durch die  Unbekannten mit dem Tode bedroht worden. In der Empfangsstelle habe  er demgegenüber geltend gemacht, die Drohung sei gegen seine Person  ergangen.  Bei  der  Erstbefragung  habe  er  ferner  dargelegt,  sein  Onkel  respektive  Arbeitgeber  habe  sich  am  14.  Januar  2008  zu  seinem  Elternhaus  begeben.  Im  Verlaufe  der  Anhörung  habe  er  auf  Nachfrage  indes nicht mehr gewusst, wohin sich dieser begeben habe. Ausserdem  habe  er  nicht  übereinstimmende Angaben  zur  Person,  durch welche  er  über die Suche informiert worden sei, gemacht (Mutter beziehungsweise  Onkel).  Im Verlaufe der Anhörung sei er  zudem nicht mehr  in der Lage  gewesen anzugeben, wie viele Personen am Abend des 14. Januar 2008  nach  ihm  gesucht  hätten  (gemäss  Erstbefragung  vier  Personen).  Im  Weiteren  habe  er  bei  der  Summarbefragung  die  LTTE­Unterstützung  seines  verstorbenen  Freundes  nicht  erwähnt.  Die  so  entstehenden  Zweifel an seinen Vorbringen würden durch den Umstand, wonach auch  seine  Schwester  ungereimte  Angaben  zu  den  Vorfällen  gemacht  habe,  bestätigt.  Die  eingereichte  Todesanzeige  in  Kopie  vermöge  seine  Kernvorbringen nicht zu belegen. Den Vollzug der Wegweisung nach Sri  Lanka  erachtete  das  BFM  für  zulässig,  zumutbar  und  möglich.  Ein  Vollzug in _______ – dem Herkunftsgebiet des Beschwerdeführers – sei  aufgrund der dortigen Situation zwar nicht  zumutbar. Er  verfüge aber  in  anderen  Landesgebieten  –  beispielsweise  im  Grossraum  Colombo/im  Süden  und  Westen  des  Landes  –  über  eine  innerstaatliche  Aufenthaltsalternative. Er sei ein ethnischer Singhalese, welcher mehrere  Jahre  die  Schule  besucht  habe  und  sowohl  singhalesisch  wie  auch  tamilisch  spreche.  In  _______  lebe  eine  Tante.  Er  sei  jung,  den  Akten  zufolge gesund, ledig und verfüge über Arbeitserfahrung. Es sollte ihm so  möglich  sein,  in  den  genannten  Gebieten  eine  wirtschaftliche  Lebensgrundlage zu schaffen. I.  Mit  Eingabe  seiner  Rechtsvertretung  vom  11.  Februar  2010  beantragte  der  Beschwerdeführer   beim  Bundesverwaltungsgericht  die  Aufhebung  des  vorinstanzlichen  Entscheids,  die  Rückweisung  der  Sache  an  das 

D­859/2010, D­860/2010 BFM  zur  Neubeurteilung  verbunden  eventualiter  mit  einer  erneuten  Anhörung,  eventualiter  die  Asylgewährung,  subeventualiter  die  Feststellung  der  Unzulässigkeit  und  Unzumutbarkeit  des  Wegweisungsvollzugs  verbunden  mit  der  vorläufigen  Aufnahme  in  der  Schweiz,  die  Vereinigung  des  vorliegenden  Verfahrens  mit  demjenigen  seiner Schwester und die unentgeltliche Prozessführung  (Art. 65 Abs. 1  und  2  des  Verwaltungsverfahrensgesetzes  vom  20.  Dezember  1968  [VwVG,  SR  172.021])  samt  Entbindung  von  der  Vorschusspflicht.  Zur  Begründung  der  Begehren  machte  er  geltend,  die  Übersetzerin  habe  seine  Aussagen  anlässlich  der  Anhörung  nur  verkürzt  wiedergegeben.  Ferner  sei  zu  berücksichtigen,  dass  er  keinen  Kontakt  zu  den  ihn  suchenden  Personen  gehabt  und  nur  via  Drittpersonen  davon  erfahren  habe.  Er  sei  aber  in  der  Lage  gewesen,  exakte  und  differenzierte  Angaben  zu  machen.  Er  habe  begründetet  Furch  vor  ernsthaften  Nachteilen  durch Drittpersonen  und  könne  nicht mit  staatlichem Schutz  rechnen.  Es  liege  eine  asylrelevante  Verfolgung  vor.  Die  Vorinstanz  verkenne bei  der Glaubhaftigkeitsprüfung den beschränkten Beweiswert  der  Aussagen  anlässlich  der  Summarbefragung.  Zudem  sei  der  ihm  angelastete  Widerspruch  (Paket  mit  Waffen  beziehungsweise  Batterie/Zündstoff)  keiner,  da  es  offensichtlich  um  ein  Paket  mit  entsprechendem  Inhalt  gegangen  sei.  Entgegen  der  vorinstanzlichen  Sichtweise habe er auch die  Drohungen gegen seine Mutter ansatzweise  erwähnt.  Auch  betreffend  Aufenthaltsorte  des  Onkels  vom  14.  Januar  2008 bestünden keine relevanten Ungereimtheiten in den Protokollen. Im  Weiteren  habe  er  sowohl  von  diesem  wie  auch  der  Mutter  von  der  zweiten  Suche  nach  ihm  erfahren.  Ein Widerspruch  sei  auch  hier  nicht  auszumachen. Dass er bei der Anhörung nicht mehr gewusst habe, wie  viele  Personen  bei  der  zweiten  Suche  nach  ihm  vorgesprochen  hätten,  sei aufgrund des Zeitablaufs nachvollziehbar und könne ohnehin nicht als  entscheidwesentliche  Ungereimtheit  qualifiziert  werden.  Nachvollziehbar  sei ferner, dass er die (angebliche) Unterstützung der LTTE durch seinen  Freund  bei  der  Kurzbefragung  noch  nicht  thematisiert  habe.  Die  Vorinstanz  verkenne  im  Weiteren,  dass  die  eingereichte  Todesanzeige  ein taugliches Beweismittel für gewisse Aspekte der Vorbringen sei. Nach  dem Gesagten habe er eine asylrelevante Verfolgung glaubhaft gemacht.  Er werde entweder  vom Staat  oder durch Drittpersonen gezielt  verfolgt,  wobei  im Falle von Drittpersonen staatlicher Schutz  fehle. Entsprechend  würde  ein  allfälliger  Vollzug  der  Wegweisung  gegen  die  relevanten  gesetzlichen Bestimmungen verstossen. Die Vorinstanz  verletze bei  der  Begründung der Zumutbarkeit überdies die Begründungspflicht. 

D­859/2010, D­860/2010 J.  Der  Eingabe  lag  eine  Bestätigung  für  die  Bedürftigkeit  des  Beschwerdeführers bei. Weitere Beweismittel  für die Vorbringen wurden  in Aussicht gestellt. III. K.  Mit  Zwischenverfügungen  vom  18.  Februar  2010  verzichtete  das  Bundesverwaltungsgericht auf die Erhebung von Kostenvorschüssen und  hiess die Gesuche im Sinne von Art. 65 Abs. 1 VwVG gut. Die Gesuche  im  Sinne  von  Art.  65  Abs.  2  VwVG  wurden  abgewiesen.  Eine  Koordination der Verfahren der Beschwerdeführenden wurde in Aussicht  gestellt.  Betreffend  Nachreichung  von  Beweismitteln  wurde  auf  Art.  32  Abs. 2 VwVG verwiesen. L.  Mit  Vernehmlassungen  vom  23.  Februar  2010  beantragte  das  BFM  die  Abweisung  der  Beschwerden.  Im  Verfahren  der  Beschwerdeführerin  wurde  dazu  ausgeführt,  die  Bundesanhörung  sei  korrekt  erfolgt.  Die  Beschwerdeführerin  habe  am  Schluss  angegeben,  ihre  Gründe  vollumfänglich  dargelegt  zu  haben.  Entsprechend  sei  der  rechtserhebliche  Sachverhalt  nach  der  Anhörung  hinreichend  erstellt  gewesen.  Dass  sie  bei  der  Anhörung  in  gesundheitlicher  Hinsicht  benachteiligt  gewesen  sei,  könne  den  Akten  nicht  entnommen  werden.  Der Antrag der Beschwerdeführerin auf eine erneute Befragung sei mithin  abzuweisen.  Aus  den  Protokollen  der  Beschwerdeführerin  und  ihres  Bruders  hätten  sich  zahlreiche  Argumente  für  die  Unglaubhaftigkeit  ergeben. Die Beschwerdevorbringen rechtfertigten keine Neubeurteilung.  Der Auslöser  für die gemäss dem eingereichten Arztbericht  bestehende  posttraumatische  Belastungsstörung  (PTBS)  –  die  erlittene  Vergewaltigung – sei nach dem Gesagten nicht glaubhaft. Daran ändere  die vom Arzt vertretene gegenteilige Meinung nichts, da sie sich auf die  Anamnese  und  mithin  eine  blosse  Hypothese  stütze.  Schliesslich  rechtfertige  der  Gesundheitszustand  der  Beschwerdeführerin  keine  vorläufige Aufnahme, da sie sich auch vor Ort behandeln lassen könne. M.  Mit Eingaben vom 13. März 2010  legten die Beschwerdeführenden dar,  sie verzichteten aus Kostengründen und im Lichte der Qualität der Arbeit  der  Vorinstanz  auf  die  Einreichung  einer  Replik. Weiter  stellten  sie  die 

D­859/2010, D­860/2010 Einleitung eines Disziplinarverfahrens gegen den zuständigen Mitarbeiter  der Vorinstanz in Aussicht. Als Beweismittel wurden ärztliche Unterlagen  betreffend  den  Spitalaufenthalt  der  Beschwerdeführerin  eingereicht  und  weitere medizinische  Akten  in  Aussicht  gestellt.  Einem  entsprechenden  Gesuch um Fristerstreckung wurde am 15. März 2010 stattgegeben. N.  Mit Eingabe vom 26. März 2010 gaben die Beschwerdeführenden einen  ärztlichen Bericht vom 17. März 2010 die Beschwerdeführerin betreffend  samt  Beilagen  (Zusammenfassung  der  Krankengeschichte;  Arztbericht  vom  26. März  2009;  Sammelbefund;  Endbefund)  zu  den  Akten.  Ferner  übermittelte  sie  als  weitere  Beweismittel  einen  Brief  des  Onkels  respektive  Bekannten  aus  ihrem  Heimatland  vom   4.  März  2010  samt  Übersetzung,  die  Kopie  eines  Todesscheins  (Freund  des  Bruders),  ein  weiteres Schreiben aus dem Heimatland (datiert vom   6. März 2010)  im  Zusammenhang  mit  der  Schwangerschaft  der  Beschwerdeführerin  und  Abtreibung sowie einen Internetartikel. O.  Am 27. Mai 2010 reichten die Beschwerdeführenden einen Arztbericht für  die Beschwerdeführerin  vom 3. Mai  2010  ein  und mit  Eingabe  vom 12.  Juni 2010 gaben sie das Original des Todesscheins und des Schreibens  vom  6.  März  2010  zu  den  Akten.  Ausserdem  wurden  Kostennoten  eingereicht.  P.  Auf  dessen  Ersuchen  übermittelte  das  Bundesverwaltungsgericht  dem  Rechtsvertreter  am  15.  Juni  2011  eine  Kopie  der  Geburtsurkunde  der  Beschwerdeführerin samt Übersetzung. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1.  1.1. Gemäss Art. 31 des Verwaltungsgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005  (VGG, SR 173.32) beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Beschwerden  gegen  Verfügungen  nach  Art. 5  VwVG.  Das  BFM  gehört  zu  den  Behörden  nach  Art. 33  VGG  und  ist  daher  eine  Vorinstanz  des  Bundesverwaltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme  im Sinne von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht  ist daher zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und  entscheidet  auf  dem  Gebiet  des  Asyls  endgültig,  ausser  bei  Vorliegen 

D­859/2010, D­860/2010 eines  Auslieferungsersuchens  des  Staates,  vor  welchem  die  beschwerdeführende  Person  Schutz  sucht  (Art. 105  des  Asylgesetzes  vom  26. Juni  1998  [AsylG,  SR 142.31];  Art. 83  Bst. d  Ziff. 1  des  Bundesgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005 [BGG, SR 173.110]). 1.2. Das  Verfahren  richtet  sich  nach  dem  VwVG,  dem  VGG  und  dem  BGG, soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6  AsylG). 1.3. Aufgrund des engen persönlichen und sachlichen Zusammenhanges  und  entsprechend  ihrem  Antrag  werden  die  Verfahren  der  beiden  Beschwerdeführenden gemeinsam beurteilt. 1.4.  Die  Beschwerden  wurden  frist­  und  formgerecht  eingereicht.  Die  Beschwerdeführenden  haben  an  den  jeweiligen  Verfahren  vor  der  Vorinstanz  teilgenommen,  sind  durch  die  angefochtenen  Verfügungen  besonders  berührt  und  haben  ein  schutzwürdiges  Interesse  an  deren  Aufhebung  beziehungsweise  Änderung;  sie  sind  daher  zur  Einreichung  der Beschwerden  legitimiert  (Art. 105 und Art. 108 Abs. 1 AsylG, Art. 48  Abs. 1 sowie Art. 52 VwVG). Auf die Beschwerden ist einzutreten. 2.  Mit  Beschwerde  kann  die  Verletzung  von  Bundesrecht,  die  unrichtige  oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts und  die Unangemessenheit gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG). 3.  3.1.  Gemäss  Art. 2  Abs. 1  AsylG  gewährt  die  Schweiz  Flüchtlingen  grundsätzlich  Asyl.  Flüchtlinge  sind  Personen,  die  in  ihrem Heimatstaat  oder  im Land,  in dem sie zuletzt wohnten, wegen  ihrer Rasse, Religion,  Nationalität,  Zugehörigkeit  zu  einer  bestimmten  sozialen  Gruppe  oder  wegen ihrer politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt  sind  oder  begründete  Furcht  haben,  solchen  Nachteilen  ausgesetzt  zu  werden. Als  ernsthafte Nachteile  gelten  namentlich  die Gefährdung  des  Leibes,  des  Lebens  oder  der  Freiheit  sowie  Massnahmen,  die  einen  unerträglichen  psychischen  Druck  bewirken.  Den  frauenspezifischen  Fluchtgründen ist Rechnung zu tragen (Art. 3 AsylG). 3.2.  Wer  um  Asyl  nachsucht,  muss  die  Flüchtlingseigenschaft  nachweisen  oder  zumindest  glaubhaft  machen  (Art.  7  Abs.  1  AsylG).  Vorbringen sind dann glaubhaft, wenn sie genügend substantiiert, in sich  schlüssig und plausibel sind; sie dürfen sich nicht in vagen Schilderungen 

D­859/2010, D­860/2010 erschöpfen  oder  den  Tatsachen  oder  der  allgemeinen  Erfahrung  widersprechen und sie dürfen nicht widersprüchlich sein oder der inneren  Logik  entbehren.  Darüber  hinaus  muss  die  asylsuchende  Person  persönlich glaubwürdig erscheinen, was insbesondere dann nicht der Fall  ist, wenn sie ihre Vorbringen auf gefälschte oder verfälschte Beweismittel  abstützt  (Art. 7  Abs. 3  AsylG),  wichtige  Tatsachen  unterdrückt  oder  bewusst  falsch  darstellt,  im  Laufe  des  Verfahrens  Vorbringen  auswechselt  oder  unbegründet  nachschiebt,  mangelndes  Interesse  am  Verfahren zeigt oder die nötige Mitwirkung verweigert. Glaubhaftmachung  bedeutet  –  im  Gegensatz  zum  strikten  Beweis  –  ein  reduziertes  Beweismass und lässt durchaus Raum für gewisse Einwände und Zweifel  an den Vorbringen des Beschwerdeführers. Eine Behauptung gilt bereits  als glaubhaft gemacht, wenn das Gericht von  ihrer Wahrheit nicht völlig  überzeugt  ist,  sie  aber  überwiegend  für  wahr  hält,  obwohl  nicht  alle  Zweifel  beseitigt  sind.  Für  die  Glaubhaftmachung  reicht  es  demgegenüber  nicht  aus, wenn  der  Inhalt  der Vorbringen  zwar möglich  ist,  aber  in  Würdigung  der  gesamten  Aspekte  wesentliche  und  überwiegende  Umstände  gegen  die  vorgebrachte  Sachverhaltsdarstellung  sprechen.  Entscheidend  ist  im  Sinne  einer  Gesamtwürdigung,  ob  die  Gründe,  die  für  die  Richtigkeit  der  Sachverhaltsdarstellung  sprechen,  überwiegen  oder  nicht;  dabei  ist  auf  eine  objektivierte  Sichtweise  abzustellen  (vgl.  die  von  der  vormaligen  Beschwerdeinstanz  begründete Rechtsprechung  in Entscheidungen und  Mitteilungen  der Schweizerischen Asylrekurskommission  [EMARK]  2005  Nr.  21  E.  6.1  S.  190  f.  mit  weiteren  Hinweisen,  welche  vom  Bundesverwaltungsgericht weitergeführt wird). 4.  4.1.  Die  Vorinstanz  hat  die  Glaubhaftigkeit  der  Vorbringen  der  Beschwerdeführenden  verneint.  Diese  Sichtweise,  welche  sich  insbesondere  auch  auf  vom  BFM  festgestellte  Unstimmigkeiten  von  Aussagen  bei  der  Anhörung  im  Vergleich  zu  denjenigen  bei  der  Summarbefragung  stützt,  überzeugt  angesichts  der  mangelhaften  Begründung jedoch nicht. 4.2.  Praxisgemäss  kommt  den  Aussagen  anlässlich  der  Summarbefragung von Asylsuchenden nur ein beschränkter Beweiswert  zu.  Im  Verfahren  der  Beschwerdeführerin  fallen  sodann  bezüglich  des  Protokolls der Summarbefragung  (Akte A 2/10) gewisse Mängel auf. So  ist  auf  S.  5  folgender  Satz  zu  lesen:  "Als  wir  in  _______  waren,  hat  _______,  dass man  den  Freund meines  Bruders  getötet  hat".  Auf  S.  6 

D­859/2010, D­860/2010 wurde festgehalten: "Sie haben den Tod meines Bruders getötet". Es  ist  zwar  nicht  ausgeschlossen,  dass  im  Rahmen  einer  wörtlichen  Protokollierung  samt  Rückübersetzung  nicht  vollständige  oder  vom  Sinngehalt  nicht  ganz  einfach  zu  entschlüsselnde  Passagen  nicht  korrigiert werden, weil sich die betroffene Person tatsächlich so äusserte.  Es  bestehen  indes  keine  Anhaltspunkte  dafür,  dass  die  Beschwerdeführerin,  welche  bei  der  Erstbefragung  grundsätzlich  (auch  chronologisch)  nachvollziehbare  Angaben  machte,  namentlich  eine  derartige Aussage zum Tod eines Freundes ihres Bruders tatsächlich zu  Protokoll  gegeben  haben  sollte.  Vielmehr  entsteht  der  Eindruck,  dass  gewisse Protokollierungen kaum der tatsächlichen Aussage entsprechen  dürften,  was  offensichtlich  auch  bei  der  Rückübersetzung  niemandem  aufgefallen  war.  Der  Umstand,  wonach  die  Beschwerdeführerin  unterschriftlich die durchgeführte Rückübersetzung bestätigte, sagt mithin  noch  nichts  Schlüssiges  über  deren  Qualität  und  Genauigkeit  aus.  Auffallend  ist  in  diesem  Zusammenhang  ferner,  dass  die  Beschwerdeführerin  gemäss  Protokollierung  angegeben  haben  soll,  Sri  Lanka am 16. Februar 2007 verlassen zu haben und am 14. Juli 2007 in  die  Schweiz  eingereist  zu  sein.  Betreffend  Asylgesuchstellung  wurde  indes  (und  offenbar  zutreffend)  der  14.  Juli  2008  vermerkt.  Auch  in  diesem Zusammenhang erschiene wiederum nicht ausgeschlossen, dass  die  Beschwerdeführerin  bei  der  Rückübersetzung  keine  Korrektur  verlangte, da sie tatsächlich bereits genau ein Jahr früher ihr Heimatland  verliess  (und  dies  auch  so  angab).  Dies  würde  bedeuten,  dass  sie  die  vorgebrachten Übergriffe  im  genannten  Zeitpunkt  gar  nicht  erlebt  hätte,  was als Argument für die Unglaubhaftigkeit offensichtlich wäre. Das BFM  erwähnt  diese Unstimmigkeiten  in  der  angefochtenen Verfügung  jedoch  in  keiner  Weise.  Dies  bestätigt  erneut  den  Eindruck,  dass  die  Summarbefragung,  welche  trotz  der  sehr  ausführlichen  spontanen  Schilderungen der Beschwerdeführerin lediglich 1 Stunde und 15 Minuten  gedauert haben soll, nicht dem zu erwartenden Standard entspricht und  besagte  Daten  –  auch  aus  der  Sicht  des  BFM  –  nicht  als  von  der  Beschwerdeführerin  tatsächlich  angegebene  festgehalten  wurden.  Demzufolge  ist  bei  allenfalls  abweichenden  Aussagen  in  der  Summarbefragung  im  Vergleich  zu  denjenigen  anlässlich  der  Anhörung  bei  der  Prüfung  der  Glaubhaftigkeit  vorliegend  besondere  Vorsicht  geboten.  Dies  umso  mehr,  als  die  Anhörung  erst  ein  Jahr  nach  der  Summarbefragung  stattfand  und  gewisse  Ungereimtheiten  in  den  Aussagen durchaus auch auf den Zeitablauf verbunden mit entstandenen  Erinnerungslücken zurückgeführt werden können. 

D­859/2010, D­860/2010 4.3.  Bei  einer  Durchsicht  der  beiden  Protokolle  im  Verfahren  der  Beschwerdeführerin  fällt weiter auf, dass die Beschwerdeführerin  jeweils  übereinstimmend  angab,  vom  14.  bis  zum   16.  Januar  2008  hätten  viermal Unbekannte wegen ihres Bruders zuhause vorgesprochen. Diese  Vorsprachen  vermochte  sie  bei  beiden  Befragungen  auch  in  tageszeitlicher Hinsicht  ohne  relevante Abweichungen  einzuordnen. Die  Erlebnisse  im  Zusammenhang  mit  den  Eindringlingen  und  ihre  damit  verbundenen  Empfindungen  legte  die  Beschwerdeführerin  weitgehend  nachvollziehbar, detailliert und wiederholt mit Realkennzeichen versehen  dar. Die vom BFM aufgelisteten Differenzen der Anhörungsaussagen  im  Vergleich  zu  denjenigen  bei  der  Summarbefragung  können  dabei  nicht  als  diametrale  Abweichungen  in  Kernvorbringen  qualifiziert  werden.  So  erwähnte  die  Beschwerdeführerin  bei  beiden  Befragungen,  die  Unbekannten hätten nach einem Paket  ihres Bruders gefragt  (A 2/10 S.  4;  A  10/24  Antwort  117).  Der  von  der  Vorinstanz  an  erster  Stelle  behauptete  Widerspruch  (Summarbefragung:  Paket  mit  Waffen;  Anhörung: Zündstoff und eine Batterie)  ist schon  insofern keiner, als ein  Paket  mit  einer  Batterie  und  Zündstoff  offensichtlich  auch  als  Waffe  qualifiziert werden kann. Dass die Beschwerdeführerin bei der Anhörung  nicht mehr erwähnte, ihre Mutter sei bei der ersten Vorsprache gestossen  worden, erscheint  in  keiner Weise als  zentrales Vorbringen. Abgesehen  davon sprach sie durchaus von Schlägen, die  ihre Mutter erlitt  (A 10/24  Antwort  143).  Die  unsittlichen  Berührungen  erwähnte  sie  sowohl  in  der  Empfangsstelle  wie  auch  bei  der  Anhörung,  wobei  sie  diese  bei  der  Anhörung  möglicherweise  weniger  gravierend  schilderte  (A  10/24  Antworten  133  und  141  f.).  Den  Vorfall  bei  der  dritten  Vorsprache,  bei  welcher die Mutter mit einer Waffe konkret bedroht worden sei,  legte sie  bei der Anhörung in dieser Form zwar nicht dar, gab aber betreffend die  erste Vorsprache an,  ihre Mutter sei mit einer Waffe bedroht worden  (A  10/24  Antwort  120).  Auch  diese  Abweichung  betrifft  offensichtlich  keine  Kernaussage  der  Beschwerdeführerin.  Abgesehen  davon  fand  die  Anhörung,  auf  welche  sie  gemäss  Beschwerdevorbringen  während  Stunden mit gesundheitlichen Problemen und unverpflegt warten musste  (vgl.  dazu  auch  die  Anmerkungen  der  Hilfswerkvertretung  auf  dem  Beiblatt  des  Protokolls),  wie  erwähnt  erst  ein  Jahr  nach  der  Summarbefragung  statt.  In  nachvollziehbarer  Weise  legte  sie  auf  entsprechende  Fragen  wiederholt  dar,  sich  nicht  mehr  an  alle  Einzelheiten  erinnern  zu  können,  zumal  für  sie  die  beim  vierten  Vorfall  erlittene Vergewaltigung  im Vordergrund stehe  (A 10/24 Antworten 138,  143,  164,  253  und  insbesondere  149).  Die  Schilderung  der  Vergewaltigung als solche brachte sie jeweils zum Weinen (A 2/10 S. 5; A 

D­859/2010, D­860/2010 10/24 Antwort 192). Entgegen der vorinstanzlichen Sichtweise sind auch  diese Schilderungen detailliert und weisen gewisse Realkennzeichen auf.  An  der  gemäss  den  ärztlichen  Unterlagen  diagnostizierten  posttraumatischen  Belastungsstörung  der  Beschwerdeführerin  ist  im  Übrigen nicht zu zweifeln, wobei aber über deren Ursache ein Arztbericht  in der Regel keine schlüssigen Hinweise zu geben vermag, wie auch das  BFM  in  der  Vernehmlassung  zutreffend  festhält.  Der  Eindruck  der  behandelnden  Ärzte,  welche  gemäss  ihren  Berichten  vom  25.  Januar  2010  sowie  17.  März  2010  offensichtlich  von  der  Glaubhaftigkeit  der  Vergewaltigung ausgehen, kann aber zumindest als weiteres Indiz für die  Glaubhaftigkeit gewisser Vorbringen gewertet werden. Dies trifft auch auf  eine  vom  Bruder  der  Beschwerdeführerin  bereits  bei  der  Summarbefragung  gemachte  Aussage  zu  (vgl.  dessen  Akte  A  1/20:  "Zusatzbemerkungen" auf S. 7 unten). Schliesslich ist nicht von der Hand  zu weisen, dass die Beschwerdeführerin diejenige Person, welche einen  Nachbarn  zwecks Warnung  ihres  Bruders  kontaktiert  habe  (ihre  Mutter  respektive  sie  selber),  nicht  einheitlich  bezeichnete  und  im  Schreiben  eines Mitglieds der Gemeindebehörde von _______ vom 15. Januar 2008  gewisse  Ungereimtheiten  bestehen,  die  allerdings  auch  auf  einem  Missverständnis  beruhen  könnten.  Allein  besagte  Formulierungen  im  Schreiben  wie  auch  die  vorstehend  genannten  Abweichungen  bei  der  Angabe  der  Person,  welche  den  Nachbarn  kontaktiert  habe,  sind  jedenfalls  nicht  geeignet,  die  Unglaubhaftigkeit  der  insgesamt  substanziierten  und  weitgehend  widerspruchsfreien  Schilderungen  zu  begründen.  Dies  jedenfalls  nicht  ohne  die  Umstände,  die  für  eine  Glaubhaftigkeit  sprechen  gehörig  zu  gewichten. Die Erwägungen  in  der  Vernehmlassung,  wonach  sich  in  Anbetracht  des  vollständig  erstellten  Sachverhalts  keine  weitere  Anhörung  aufgedrängt  habe,  vermögen  in  diesem  Sinne  nicht  zu  überzeugen.  Die  weitere  Feststellung  der  Vorinstanz  in  der  angefochtenen  Verfügung,  auch  der  Bruder  der  Beschwerdeführerin  habe  sich  widersprüchlich  zu  den  Vorfällen  geäussert,  ist  gemäss  den  nachfolgenden  Erwägungen  schon  insofern  nicht zu bestätigen, als solche Widersprüche in der vom BFM monierten  Form  gar  nicht  bestehen.  Sollte  die  Vorinstanz  mit  diesem  Argument  überdies zum Ausdruck gebracht haben wollen, die Schilderungen  ihres  Bruders wichen von ihren eigenen ab, wäre sie gehalten gewesen, sie mit  einzelnen  (angeblichen)  Unglaubhaftigkeitselementen  in  den  Darlegungen  ihres  Bruders  als  einer  Drittperson  zu  konfrontieren  (vgl.  EMARK 2004 Nr. 38 E. 6. 1; EMARK 1994 Nr. 14).

D­859/2010, D­860/2010 4.4. Bei  einer  Durchsicht  der  beiden  Protokolle  des  Beschwerdeführers  fällt ebenfalls auf, dass er  jeweils übereinstimmend angab, Mitte Januar  2008 hätten innerhalb weniger Tage wiederholt Unbekannte seinetwegen  zuhause  vorgesprochen.  Diese  Vorbringen  stimmen  grundsätzlich  mit  denjenigen  seiner  Schwester  überein.  Die  vom  BFM  aufgelisteten  Differenzen der Anhörungsaussagen  im Vergleich zu denjenigen bei der  Summarbefragung  können  dabei  nicht  als  diametrale  Abweichungen  in  Kernvorbringen  qualifiziert  werden.  Dies  umso  weniger,  als  der  Beschwerdeführer gemäss seinen Angaben bei den erfolgten Suchen nie  zuhause  war  und  von  diesen  respektive  den  Forderungen  und  Verhaltensweisen  der  Suchenden  sowie  der  Betroffenen  lediglich  durch  die  Angehörigen  in  Kenntnis  gesetzt  wurde. Der  von  der  Vorinstanz  an  erster  Stelle  behauptete  Widerspruch  (Summarbefragung:  Paket  mit  Waffen;  Anhörung:  Zündstoff  [Kabel  und  Batterien])  ist  schon  insofern  keiner,  als  auch  Letzteres  offensichtlich  als  Waffe  qualifiziert  werden  kann.  Die  weitere  vorinstanzlichen  Vorhaltung  (Bundesanhörung:  Drohung  gegen  die  Mutter;  Summarbefragung:  Drohung  gegen  die  Person  des  Beschwerdeführers)  erscheint  als  überspitzte  Interpretation  der  jeweiligen  Protokollstellen,  erwähnte  der  Beschwerdeführer  doch  auch  bei  der  Erstbefragung,  die  Eindringlinge  hätten  Drohungen  ausgestossen.  Dass  er  diese  bei  der  Summarbefragung  in  der  Folge  insbesondere  auf  seine  Person  bezog  und  die  Mutter  nicht  auch  noch  explizit  als  davon  Betroffene  schilderte,  lässt  sich  mit  dem  erwähnten  Summarcharakter  durchaus  erklären  (A  1/10  S.  5;  A  9/23  Antwort  85).  Dass  er  bei  der  Anhörung  die  genauen  Aufenthaltsorte  des  Onkels  respektive  Arbeitgebers  vom  14.  Januar  2008  nicht  mehr  zu  nennen  wusste, erscheint wiederum als  in keiner Weise zentral. Es  ist daran zu  erinnern,  dass  die  Anhörung  erst  ein  Jahr  nach  der  Summarbefragung  erfolgte und gewisse Erinnerungslücken durchaus realistisch sein dürften.  Auch  der  Umstand,  wonach  er  diejenige  Person,  welche  ihn  über  die  zweite  Suche  informiert  habe,  nicht  übereinstimmend  nannte  (Mutter  beziehungsweise Onkel),  fällt  offensichtlich  ebenso wenig  entscheidend  ins Gewicht wie  die  Tatsache,  dass  er  die Anzahl  der Eindringlinge  bei  der zweiten Vorsprache anlässlich der Anhörung nicht mehr wusste und  die  Zugehörigkeit  seines  verstorbenen  Freundes  zur  LTTE  bei  der  Summarbefragung  nicht  ausdrücklich  erwähnte.  Seine  Erklärungsversuche  für  die  Ungereimtheiten  in  gemäss  Sichtweise  des  BFM entscheidenden Bereichen vermögen vor diesem Hintergrund mithin  zumindest ansatzweise zu überzeugen (A 9/23 Antworten 204 ff.), zumal  es sich  ja objektiv gesehen nicht um diametrale Abweichungen handelt.  In nachvollziehbarer Weise legte er überdies dar, sich nicht mehr an alle 

D­859/2010, D­860/2010 Einzelheiten erinnern zu können. Die weitere Feststellung der Vorinstanz  in  der  angefochtenen  Verfügung,  auch  die  Schwester  des  Beschwerdeführers  habe  sich  widersprüchlich  zu  den  Vorfällen  geäussert,  ist  gemäss  den  vorstehenden  Erwägungen  nicht  zu  bestätigen, da solche Widersprüche in der vom BFM monierten Form gar  nicht bestehen. Sollte die Vorinstanz mit diesem Argument überdies zum  Ausdruck  gebracht  haben  wollen,  die  Schilderungen  seiner  Schwester  wichen  von  seinen  eigenen  ab,  wäre  sie  gehalten  gewesen,  ihn  mit  einzelnen  (angeblichen)  Unglaubhaftigkeitselementen  in  den  Darlegungen seiner Schwester als einer Drittperson zu konfrontieren (vgl.  Entscheide und Mitteilungen der Schweizerischen Asylrekurskommission  [EMARK] 2004 Nr. 38 E. 6. 1; EMARK 1994 Nr. 14). 5.  5.1.  Im Verwaltungsverfahren und  im spezifischen Asylverfahren gilt der  Untersuchungsgrundsatz,  das  heisst  die  Behörde  stellt  den  rechtserheblichen Sachverhalt von Amtes wegen fest (Art. 6 AsylG i.V.m.  Art.              12 VwVG; vgl. Art. 106 Abs. 1 Bst. b AsylG). Die Bestimmung  von Art.     13 VwVG beschränkt  den Untersuchungsgrundsatz  und  hält  fest,  dass  die  Parteien  verpflichtet  sind,  an  der  Feststellung  des  Sachverhalts mitzuwirken. Eine  im Vergleich  zum Verwaltungsverfahren  verstärkte Mitwirkungspflicht ist in Art. 8 AsylG vorgesehen und detailliert  umschrieben.  Dahinter  steckt  der  Grundgedanke,  dass  die  zuständige  Behörde  den  Sachverhalt  nicht  selber  ermitteln  muss,  wenn  ein  Asylsuchender die erforderliche Mitwirkung verweigert. Für das erstinstanzliche Asylverfahren bedeutet dies, dass das BFM zur  richtigen  und  vollständigen  Ermittlung  und  Feststellung  des  rechtserheblichen  Sachverhalts  verpflichtet  ist  und  auch  nach  allen  Elementen  zu  forschen  hat,  die  zugunsten  der  asylsuchenden  Person  sprechen. Sofern es zur Feststellung des Sachverhalts notwendig ist und  die  gesetzlichen  Mitwirkungspflichten  durch  die  asylsuchende  Person  nicht verletzt worden sind, ist das Bundesamt gesetzlich verpflichtet, über  die  Befragung  hinaus  weitere  Abklärungen  vorzunehmen  (vgl.  Art.  41  Abs.  1  AsylG).  Nach  Lehre  und  Praxis  besteht  eine  Notwendigkeit  für  weitere Abklärungen  insbesondere dann, wenn aufgrund der Vorbringen  der  asylsuchenden  Person  und  der  von  ihr  eingereichten  oder  angebotenen  Beweismittel  Zweifel  und  Unsicherheiten  am  Sachverhalt  weiterbestehen,  die  voraussichtlich  mit  Ermittlungen  von  Amtes  wegen  beseitigt  werden  können  (vgl.  EMARK  1995  Nr.  23  E.  5a  mit  weiteren  Hinweisen). 

D­859/2010, D­860/2010 5.2. Weiter verlangt der Grundsatz des rechtlichen Gehörs (Art. 29 Abs. 2  der  Bundesverfassung  der  Schweizerischen  Eidgenossenschaft  vom  18. April 1999  [BV, SR 101], Art. 29 VwVG, Art. 32 Abs. 1 VwVG) unter  anderem, dass die  verfügende Behörde die Vorbringen des Betroffenen  tatsächlich hört, sorgfältig und ernsthaft prüft und in der Entscheidfindung  berücksichtigt,  was  sich  entsprechend  in  der  Entscheidbegründung  niederschlagen  muss  (vgl.  Art. 35  Abs.  1  VwVG).  Ferner  soll  die  Abfassung der Begründung dem Betroffenen ermöglichen, den Entscheid  gegebenenfalls sachgerecht anzufechten, was nur der Fall ist, wenn sich  sowohl  der  Betroffene  als  auch  die  Rechtsmittelinstanz  über  die  Tragweite  des  Entscheides  ein  Bild  machen  können,  wobei  sich  die  verfügende  Behörde  allerdings  nicht  ausdrücklich  mit  jeder  tatbeständlichen  Behauptung  und  jedem  rechtlichen  Einwand  auseinandersetzen  muss,  sondern  sich  auf  die  wesentlichen  Gesichtspunkte  beschränken  kann.  Die  Begründungsdichte  richtet  sich  dabei nach dem Verfügungsgegenstand, den Verfahrensumständen und  den Interessen des Betroffenen (vgl. BVGE 2008/47 E. 3.2 S. 674 f. mit  weiteren Hinweisen). 6.  Im vorliegenden Fall  ist die Vorinstanz  ihren Pflichten, die sich aus dem  Untersuchungsgrundsatz  sowie  aus  dem  Anspruch  der  Beschwerdeführenden  auf  rechtliches Gehör  ergeben,  nicht  hinreichend  nachgekommen. Dass sie nach Elementen geforscht hätte, die zugunsten  der  asylsuchenden  Personen  sprechen,  ist  den  Entscheiden  in  keiner  Weise  zu  entnehmen.  Die  Begründungen  für  die  angebliche  Unglaubhaftigkeit  der  Vorbringen  überzeugt  nach  dem  Gesagten  nicht.  Sie stützen sich zur Hauptsache auf nach Ansicht des BFM abweichende  Aussagen  anlässlich  der  beiden  Befragungen.  Dass  diese  in  der  erwogenen Form gar nicht bestehen beziehungsweise nicht wesentlicher  Natur  sind  und  das  Protokoll  der  Summarbefragung  der  Beschwerdeführerin  überdies  gewisse  Fragen  aufwirft,  ist  offensichtlich.  Gestützt  auf  die  bestehende  Aktenlage  war  die  angebliche  Unglaubhaftigkeit  der  Kernvorbringen  mithin  nicht  mit  den  vom  BFM  verwendeten  Argumenten  zu  begründen.  Ob  bereits  von  der  grundsätzlichen Glaubhaftigkeit  der  Fluchtgründe  auszugehen  war  oder  ist,  kann  insofern  offenbleiben,  als  ein  reformatorischer  Entscheid  unterbleibt (vgl. nachfolgend E. 7.3.). Die Vorinstanz wäre mithin gehalten  gewesen,  weitere  Untersuchungsmassnahmen  im  Sinne  einer  ergänzenden  Anhörung  oder  Abklärungen  vor  Ort  zu  treffen  und  bei  Festhalten  an  ihrer  Einschätzung  eine  andere,  rechtsgenügliche 

D­859/2010, D­860/2010 Begründung  für  die  aus  ihrer  Sicht  bestehende  Unglaubhaftigkeit  der  Fluchtgründe zu formulieren. 7.  7.1. Das Bundesverwaltungsgericht kommt demnach zum Schluss, dass  insbesondere  eine  Verletzung  des  rechtlichen  Gehörs  vorliegt.  Im  Rahmen der vom BFM erwogenen Unglaubhaftigkeit der Kernvorbringen  wurde  der  rechtserhebliche  Sachverhalt  ungenügend  erstellt  respektive  falsch gewürdigt.  7.2.  Eine  Verletzung  des  rechtlichen  Gehörs  führt  grundsätzlich  –  das  heisst  ungeachtet  der  materiellen  Auswirkungen  –  zur  Aufhebung  des  daraufhin  ergangenen Entscheides. Die Heilung einer Gehörsverletzung  aus  prozessökonomischen  Gründen  auf  Beschwerdeebene  ist  jedoch  möglich,  sofern  das  Versäumte  nachgeholt  wird,  der  Beschwerdeführer  dazu Stellung nehmen kann und der Beschwerdeinstanz im streitigen Fall  die  freie  Überprüfungsbefugnis  in  Bezug  auf  Tatbestand  und  Rechtsanwendung  zukommt,  sowie  die  festgestellte  Verletzung  nicht  schwerwiegender  Natur  ist  und  die  fehlende  Entscheidreife  durch  die  Beschwerdeinstanz  mit  vertretbarem  Aufwand  hergestellt  werden  kann  (vgl. BVGE 2008/47 E. 3.3.4 S. 676 f. mit weiteren Hinweisen). 7.3. Ein  reformatorischer Entscheid  respektive eine Heilung  im Rahmen  des Beschwerdeverfahrens erscheint vorliegend nicht angebracht, zumal  es  nicht  Sinn  und  Zweck  des  Beschwerdeverfahrens  ist,  von  der  Vorinstanz  begangene  Gehörsverletzungen  zu  heilen  und  damit  verbunden  allenfalls  Verfahrenshandlungen  nachzuholen.  Zudem würde  bei  einem  reformatorischen  Entscheid  den  Beschwerdeführenden  eine  Instanz verloren gehen, was vorliegend auch gegen ein reformatorisches  Urteil  im  Rahmen  einer  Motivsubstitution  spricht.  Überdies  wurde  der  offenbar prekären gesundheitlichen Situation der Beschwerdeführerin bei  der  Prüfung  der  Zumutbarkeit  des  Wegweisungsvollzugs  erst  in  der  Vernehmlassung Rechnung getragen, was unter Umständen zu weiteren  Abklärungen  im Sinne  eines Beweisverfahrens  (auch)  im Vollzugspunkt  führen wird.  7.4.  Die  Beschwerden  sind  entsprechend  insoweit  gutzuheissen,  als  damit  die  Aufhebung  der  vorinstanzlichen  Verfügungen  beantragt  wird.  Die  angefochtenen  Verfügungen  vom  6.  Januar  2010  sind  aufzuheben  und die Sache zwecks allfälliger weiterer Abklärung des Sachverhalts im 

D­859/2010, D­860/2010 Sinne der Erwägungen und  insbesondere zum neuen Entscheid an das  BFM zurückzuweisen (Art. 61 Abs. 1 in fine VwVG). 8.   8.1.  Bei  diesem  Ausgang  des  Verfahrens  sind  keine  Verfahrenskosten  aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG i.V.m. Art. 37 VGG). 8.2.  Der  ganz  oder  teilweise  obsiegenden  Partei  ist  eine  Parteientschädigung  für  die  ihr  notwendigerweise  erwachsenen  Parteikosten  zuzusprechen  (Art.  64  Abs.  1  VwVG  sowie  Art.  7  des  Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen  vor  dem  Bundesverwaltungsgericht  [VGKE,  SR  173.320.2]).  Der  Rechtsvertreter  hat  für  die  beiden  Verfahren  je  eine  Kostennote  in  der  Höhe  von  Fr.  3'196.20  und  in  der  Höhe  von  Fr.  2'333.­­  zu  den  Akten  gereicht.  Diese  Beträge  erscheinen  insofern  als  zu  hoch,  als  sich  die  beiden  Verfahren  in  massgeblicher  Hinsicht  überlappen.  In  Anbetracht  der  Parallelität  der  Verfahren  ist  entsprechend  eine  Kürzung  vorzunehmen.  Demnach  ist  die  Parteientschädigung  unter  Berücksichtigung aller massgeblicher Faktoren auf insgesamt Fr. 3'500.­­  (inkl. Auslagen und MWST) festzusetzen (vgl. Art. 16 Abs. 1 Bst. a VGG  i.V.m. Art. 8 und 14 Abs. 2 VGKE).  (Dispositiv nächste Seite)

D­859/2010, D­860/2010 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1.  Die Beschwerde wird gutgeheissen. 2.  Die Verfügungen des BFM vom 6. Januar 2010 werden aufgehoben und  die  Sache  zur  Durchführung  der  allfällig  notwendigen  Sachverhaltsabklärungen  im  Sinne  der  Erwägungen  sowie  neuer  Entscheidfindung an die Vorinstanz zurückgewiesen.  3.  Es werden keine Verfahrenskosten auferlegt. 4.  Die Vorinstanz wird angewiesen, eine Parteientschädigung im Betrag von  Fr. 3'500.­­  (inkl. Auslagen und MWSt) an die Beschwerdeführenden zu  entrichten. 5.  Dieses  Urteil  geht  an  die  Beschwerdeführenden,  das  BFM  und  die  zuständige kantonale Behörde. Die vorsitzende Richterin: Der Gerichtsschreiber: Nina Spälti Giannakitsas Patrick Weber Versand:

D-859/2010 — Bundesverwaltungsgericht 10.10.2011 D-859/2010 — Swissrulings