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Bundesverwaltungsgericht 13.10.2011 D-799/2009

13. Oktober 2011·Deutsch·CH·CH_BVGE·PDF·2,283 Wörter·~11 min·2

Zusammenfassung

Asyl und Wegweisung | Asyl und Wegweisung; Verfügung des BFM vom 7. Januar 2009

Volltext

Bundesve rwa l t ungsge r i ch t T r i buna l   adm in istratif   f édé ra l T r i buna l e   ammin istrati vo   f ede ra l e T r i buna l   adm in istrativ   f ede ra l     Abteilung IV D­799/2009 Urteil   v om   1 3 .   O k t ob e r   2011 Besetzung Richter Thomas Wespi (Vorsitz), Richter Pietro Angeli­Busi, Richter Hans Schürch;    Gerichtsschreiberin Nina Hadorn. Parteien A._______, geboren (…), Afghanistan,  B._______,   Beschwerdeführer,  gegen Bundesamt für Migration (BFM), Quellenweg 6, 3003 Bern,    Vorinstanz.  Gegenstand Asyl und Wegweisung; Verfügung des BFM vom 7. Januar 2009 / N _______.

D­799/2009 Sachverhalt: A.  Der Beschwerdeführer verliess Afghanistan eigenen Angaben zufolge im  Jahr 2006 auf dem Landweg, lebte anschliessend während ungefähr acht  Monaten  C._______,  gelangte  schliesslich  über  D._______,  E._______  und F._______ am 23. Juli 2007 illegal zu Fuss in die Schweiz und stellte  am  darauffolgenden  Tag  im  Empfangs­  und  Verfahrenszentrum  (EVZ)  G._______ ein Asylgesuch. Am 27. Juli 2007 wurde er dort summarisch  zu  seinen  Asylgründen  befragt  und  bekam  am  25.  Oktober  2007  anlässlich  der  direkten  Anhörung  in  H._______  Gelegenheit,  seine  Vorbringen ausführlich darzulegen. Mit Verfügung 15. August 2007 wurde  der  Beschwerdeführer  für  die  Dauer  des  Asylverfahrens  dem  Kanton  I._______ zugewiesen. Anlässlich  der  Befragungen  machte  der  Beschwerdeführer  im  Wesentlichen  geltend,  bis  zu  seinem  zehnten  Lebensjahr  im  Dorf  J._______  (Provinz  Panjshir)  aufgewachsen  zu  sein.  Anschliessend  sei  er  nach  der  Machtübernahme  Kabuls  durch  die  Taliban  und  der  damit  einhergehenden  Verbesserung  der  Sicherheitslage  mit  seiner  Familie  nach  Kabul  gezogen.  Sein  Vater  habe  dort  unter  der  Talibanregierung  einen  staatlichen  Posten  übernommen  und  der  Familie  sei  ein  Haus  zugesprochen worden.  Nach  vier  Jahren  –  die  Eltern  seien mittlerweile  eines natürlichen Todes gestorben – sei er nach dem Sturz der Taliban  und  der  Machtübernahme  durch  Präsident  Karzai  nach  Panjshir  zurückgekehrt. Dort habe man ihn aufgrund der Zusammenarbeit seines  Vaters mit  den Taliban der Spitzelarbeit  verdächtigt.  In der Folge sei  er  nach  zwei  bis  drei  Tagen  durch  den  örtlichen  Bezirksvorsteher  festgenommen  und  während  ungefähr  35  Tagen  festgehalten  worden.  Nachdem  er  gegen  Hinterlegung  des  Landbesitzes  der  Familie  als  Sicherheit  und  dem  Versprechen,  seinen  älteren  Bruder  als  Nachfolger  des  verstorbenen Vaters  auszuliefern,  freigelassen worden  sei,  habe  er  sich zu seiner Tante mütterlicherseits nach Kabul begeben. Von ihr habe  er  erfahren,  dass  sein  älterer  Bruder  inzwischen  in  einen  Streit  um  ihr  Haus  in  Kabul  verwickelt  worden  sei.  Dabei  sei  es  zu  einer  tätlichen  Auseinandersetzung gekommen, bei welcher der Mann, der Anspruch auf  das Haus erhoben habe,  schwer verletzt worden sei. Seine Tante habe  dem Beschwerdeführer daraufhin zur Flucht geraten,  zumal sein Bruder  das Land mittlerweile verlassen habe und die Angehörigen des Verletzten  deshalb  ihn  umzubringen  versuchen  würden.  Er  sei  daraufhin  nach  K._______  gegangen,  wo  er  während  mehrerer  Jahre  in  einem  Hotel 

D­799/2009 gearbeitet habe. Zwischenzeitlich habe er erfahren, dass der von seinem  Bruder verletzte Mann seinen Verletzungen erlegen sei. Im Jahr 2006 sei  er C._______ ausgereist. B.  Mit Verfügung vom 7. Januar 2009 lehnte das BFM das Asylgesuch des  Beschwerdeführers ab und ordnete seine Wegweisung aus der Schweiz  und  den  Vollzug  an.  Zur  Begründung  wurde  dargelegt,  dass  die  Vorbringen  des  Beschwerdeführers  den  Anforderungen  an  die  Flüchtlingseigenschaft  gemäss  Art.  3  des  Asylgesetzes  vom  26. Juni  1998  (AsylG,  SR  142.31)  nicht  genügten,  da  die  geltend  gemachten  Übergriffe  nicht  als  asylrelevant  zu  qualifizieren  seien.  Den  Wegweisungsvollzug  erachtete  die  Vorinstanz  nach  Kabul  als  zulässig,  zumutbar  und  möglich.  Auf  die  weiteren  Ausführungen  wird,  soweit  wesentlich, in den nachfolgenden Erwägungen eingegangen. C.  Mit  Beschwerde  vom  7.  Februar  2009  (Poststempel)  beantragte  der  Beschwerdeführer  beim  Bundesverwaltungsgericht  die  Aufhebung  der  angefochtenen Verfügung und die Gewährung von Asyl, eventualiter die  Aufhebung  der  Verfügung  und  die  Rückweisung  der  Sache  an  die  Vorinstanz  zur  Neubeurteilung,  subeventualiter  die  Anordnung  der  vorläufigen  Aufnahme  zufolge  Unzulässigkeit  beziehungsweise  Unzumutbarkeit  der  Wegweisung.  In  verfahrensrechtlicher  Hinsicht  ersuchte er um die unentgeltliche Rechtspflege im Sinne von Art. 65 Abs.  1  und  2  des  Bundesgesetzes  vom  20. Dezember  1968  über  das  Verwaltungsverfahren  (VwVG,  SR  172.021)  und  um  Verzicht  auf  die  Erhebung eines Kostenvorschusses. Zur Begründung wiederholte und konkretisierte  der Beschwerdeführer im  Wesentlichen  die  bereits  im  Rahmen  des  vorinstanzlichen  Verfahrens  geltend  gemachten  Asylgründe.  Er  führte  ergänzend  aus,  K._______  verlassen  zu  haben,  nachdem  ein  Mitglied  der  Familie  des  getöteten  Mannes im Hotel, wo er gearbeitet habe, aufgetaucht sei. Anlässlich der  Befragungen  sei  er  nicht  danach  gefragt  worden.  Bezüglich  der  Unzumutbarkeit  des  Wegweisungsvollzugs  wies  der  Beschwerdeführer  unter  anderem  auf  seine  gute  Integration  in  der  Schweiz  hin.  Zur  Stützung  dieses  Vorbringens  reichte  er  eine  Bestätigung  eines  Arbeitsverhältnisses vom 14. Januar 2009 zu den Akten. Auf die weiteren  Ausführungen wird, soweit wesentlich, in den nachfolgenden Erwägungen  eingegangen.

D­799/2009 D.  Mit Zwischenverfügung des Instruktionsrichters vom 30. März 2009 teilte  das Bundesverwaltungsgericht dem Beschwerdeführer mit, er könne den  Ausgang  des  Verfahrens  in  der  Schweiz  abwarten,  wies  mangels  Nachweises  der  Bedürftigkeit  die  Gesuche  um  Gewährung  der  unentgeltlichen  Rechtspflege  im  Sinne  vor  Art.  65  Abs.  1  und  2  VwVG  und  um  Verzicht  auf  die  Erhebung  eines  Kostenvorschusses  ab,  und  forderte  ihn  unter  Androhung  des  Nichteintretens  im  Unterlassungsfall  auf, bis zum 14. April 2009 einen Kostenvorschuss  in der Höhe vom Fr.  600.­ einzuzahlen. E.  Der Kostenvorschuss ging am 1. April 2009 ein. F.  Am  3.  Juni  2009  (Eingang  BFM)  gelangte  der  Beschwerdeführer  unter  Beifügung verschiedener Dokumente ans BFM, welches die Eingabe am  folgenden  Tag  dem  Bundesverwaltungsgericht  übermittelte.  Bei  den  eingereichten  Dokumenten  handelt  es  sich  dem  Beschwerdeführer  zufolge  um  ein  Foto,  eine  Kopie  des  Identitätsausweis  des  Vaters,  ein  Schreiben der Behörden von Panjshir und um den Identitätsausweis des  Beschwerdeführers. G.  Mit  Zwischenverfügung  vom  7.  Dezember  2009  wurde  dem  Beschwerdeführer  der  Eingang  dieser  Eingabe  bestätigt  und  er  wurde  gleichzeitig  aufgefordert,  die  eingereichten  Beweismittel  in  eine  Amtssprache übersetzen zu lassen. H.  Mit  Eingabe  vom  7.  Januar  2010  reichte  der  Beschwerdeführer  die  geforderten  Übersetzungen  sowie  eine  Kopie  seines  schweizerischen  Führerausweises zu den Akten. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. 

D­799/2009 1.1. Gemäss Art. 31 des Verwaltungsgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005  (VGG, SR 173.32) beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Beschwerden  gegen  Verfügungen  nach  Art. 5  VwVG.  Das  BFM  gehört  zu  den  Behörden  nach  Art. 33  VGG  und  ist  daher  eine  Vorinstanz  des  Bundesverwaltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme  im Sinne von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht  ist daher zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und  entscheidet  auf  dem  Gebiet  des  Asyls  endgültig,  ausser  bei  Vorliegen  eines  Auslieferungsersuchens  des  Staates,  vor  welchem  die  beschwerdeführende Person Schutz sucht (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d  Ziff. 1  des  Bundesgerichtsgesetzes  vom  17. Juni  2005  [BGG,  SR 173.110]). Eine solche Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1  BGG  liegt  in  casu  nicht  vor. Das Bundesverwaltungsgericht  entscheidet  demnach endgültig. 1.2.  Die  Beschwerde  wurde  frist­  und  formgerecht  eingereicht.  Der  Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist  durch  die  angefochtene  Verfügung  besonders  berührt  und  hat  ein  schutzwürdiges  Interesse  an  deren  Aufhebung  beziehungsweise  Änderung;  er  ist  daher  zur  Einreichung  der  Beschwerde  legitimiert  (Art. 105 und Art. 108 Abs. 1 AsylG, Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 VwVG).  Auf die Beschwerde ist einzutreten. 1.3. Mit Beschwerde kann die Verletzung von Bundesrecht, die unrichtige  oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts und  die Unangemessenheit gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG). 2.  2.1.  Gemäss  Art. 2  Abs. 1  AsylG  gewährt  die  Schweiz  Flüchtlingen  grundsätzlich  Asyl.  Flüchtlinge  sind  Personen,  die  in  ihrem Heimatstaat  oder  im Land,  in dem sie zuletzt wohnten, wegen  ihrer Rasse, Religion,  Nationalität,  Zugehörigkeit  zu  einer  bestimmten  sozialen  Gruppe  oder  wegen ihrer politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt  sind  oder  begründete  Furcht  haben,  solchen  Nachteilen  ausgesetzt  zu  werden. Als  ernsthafte Nachteile  gelten  namentlich  die Gefährdung  des  Leibes,  des  Lebens  oder  der  Freiheit  sowie  Massnahmen,  die  einen  unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 AsylG). 2.2.  Wer  um  Asyl  nachsucht,  muss  die  Flüchtlingseigenschaft  nachweisen  oder  zumindest  glaubhaft  machen.  Diese  ist  glaubhaft  gemacht,  wenn  die  Behörde  ihr  Vorhandensein  mit  überwiegender 

D­799/2009 Wahrscheinlichkeit  für  gegeben  hält.  Unglaubhaft  sind  insbesondere  Vorbringen, die in wesentlichen Punkten zu wenig begründet oder in sich  widersprüchlich sind, den Tatsachen nicht entsprechen oder massgeblich  auf  gefälschte  oder  verfälschte  Beweismittel  abgestützt  werden  (Art. 7  AsylG). 2.3. Das Bundesamt begründete seine Verfügung vom 7. Januar 2009 im  Wesentlichen  damit,  dass  es  zwischen  der  geltend  gemachten  Festnahme  in Panjshir  und  der Ausreise  sowohl  am  zeitlichen  als  auch  am  sachlichen  Kausalzusammenhang  fehle,  zumal  dazwischen  fünf  Jahre  vergangen  seien.  Soweit  der  Beschwerdeführer  geltend  mache,  sein  Bruder  habe  aufgrund  einer  privaten  Angelegenheit  eine  andere  Person  verletzt,  handle  es  sich  um  ein  Problem  mit  einem  privaten  Dritten. Der Beschwerdeführer könne sich diesbezüglich an die Behörden  seines  ursprünglichen  Wohnorts  Kabul  wenden,  zumal  keine  Hinweise  auf  eine  allfällige  Schutzverweigerung  vorlägen.  Die  Vorbringen  seien  daher als nicht asylrelevant zu qualifizieren, weshalb auf die bestehenden  Unglaubhaftigkeitselemente nicht eingegangen werde. Folglich genügten  die  geltend  gemachten  Ereignisse  den  Anforderungen  an  die  Flüchtlingseigenschaft  gemäss  Art.  3  AsylG  nicht,  weshalb  das  Asylgesuch abzulehnen sei. 2.4. Eine erlittene Verfolgung beziehungsweise die begründete Furcht vor  künftiger  Verfolgung muss  sachlich  und  zeitlich  kausal  für  die  Ausreise  aus dem Heimat­ oder Herkunftsstaat sein (vgl. BVGE 2008 Nr. 12 E. 5.2  S. 154 f.; BVGE 2008/4 E. 5.4 S. 38 f.; BVGE 2007 Nr. 31 E. 5.2 S. 379;  ebenfalls  in  diesem  Sinne  Entscheidungen  und  Mitteilungen  der  Schweizerischen  Asylrekurskommission  [EMARK]  2006  Nr.  32  E.  5  S.  339  f.).  Nachfolgend  ist  daher  zu  prüfen,  ob  die  geltend  gemachte  Verfolgungssituation  im  Zeitpunkt  der  Ausreise  des  Beschwerdeführers  noch aktuell war. Eine  längere  Zeitspanne  zwischen  erlebter  Verfolgung  und  der  erst  späteren Ausreise aus dem Heimatland  ist einerseits  im Hinblick auf die  Prüfung  der  Glaubhaftigkeit  der  geltend  gemachten  Ausreisegründe,  andererseits  auf  die  Beurteilung  des  Vorliegens  der  begründeten  Verfolgungsfurcht  im Zeitpunkt der Ausreise  relevant  (vgl. EMARK 1996  Nr. 25).  Anlässlich  der  summarischen Befragung  vom  27.  Juli  2007 machte  der  Beschwerdeführer  diesbezüglich  geltend,  von  seiner  Tante  150'000 

D­799/2009 Afghani  für  die  Ausreise  erhalten  zu  haben.  Das  Geld  habe  indessen  nicht  für  die  Reise  bis  C._______  gereicht,  weshalb  er  in  K._______  geblieben  sei  und  dort  während  fünf  Jahren  gearbeitet  und  für  die  Ausreise gespart habe (vgl. A 1/10 S. 5). Er sei in der Hoffnung auf eine  Verbesserung  der  Sicherheitslage  in  Afghanistan  –  und  der  damit  einhergehenden  Möglichkeit  einer  Rückkehr  nach  Kabul  –  im  Lande  geblieben  (vgl.  A  1/10  S.  7).  In  K._______  habe  er  aber  in  ständiger  Angst gelebt, von Familienangehörigen des getöteten Mannes aufgesucht  zu  werden  und  sei  demnach,  nachdem  sich  die  Sicherheitslage  in  Afghanistan  nicht  verändert  habe,  im  Jahr  2006  C._______  ausgereist  (vgl. A  1/10  S.  5  und  7).  Im  Rahmen  der  direkten  Anhörung  vom  25.  Oktober 2007 führte der Beschwerdeführer ergänzend aus, in K._______,  wo er dreieinhalb bis  vier  Jahre gearbeitet  habe  (vgl. A 15/18 S. 14  f.),  anfangs  nicht  in  Gefahr  gewesen  zu  sein.  Zudem  sei  die  Lage  afghanischer  Flüchtlinge  C._______  auch  nicht  sonderlich  sicher  gewesen  (vgl. A  15/18  S.  15).  Er  sei  erst  nach  dem  Beginn  der  Ausschaffung  afghanischer  Staatsangehöriger  durch  die  C._______  Behörden  im Jahr 2006 aus Afghanistan ausgereist, zumal er befürchtet  habe,  die  rückkehrenden  Afghanen  könnten  seinen  Aufenthaltsort  verraten (vgl. A 15/18 S. 14). Die Vorinstanz verneinte in der angefochtenen Verfügung zutreffend den  nach  weiterhin  geltender  Praxis  (vgl.  EMARK  2000  Nr.  2  E.  8c  S. 21;  EMARK  2003  Nr.  8  E.  7  S.  54)  in  zeitlicher  und  sachlicher  Hinsicht  erforderlichen  Kausalzusammenhang  zwischen  den  geltend  gemachten  Ereignissen und der Ausreise.  Gemäss  Angaben  des  Beschwerdeführers  fanden  die  Festnahme  in  Panjshir  und  die  Probleme  im  Zusammenhang  mit  dem  Streit  seines  Bruders nach dem Sturz der Taliban im Jahre 2001 statt (vgl. A 1/10 S. 5  und 6; A 15/18 S. 5); die Ausreise sei  Mitte 2006 erfolgt (vgl. A 1/10 S. 2  und 7). Demnach liegt zwischen den geltend gemachten Ereignissen und  der  Ausreise  eine  Zeitspanne  von  fünf  Jahren,  womit  der  zeitliche  Kausalzusammenhang offenkundig nicht mehr gegeben  ist  (vgl. SAMUEL  WERENFELS,  Der  Begriff  des  Flüchtlings  im  schweizerischen  Asylrecht,  Bern u.  a.   1987, S.  295; WALTER KÄLIN, Grundriss des Asylverfahrens,  Basel  und  Frankfurt  am  Main  1990,  S.  128;  ALBERTO  ACHERMANN/CHRISTINA HAUSAMMANN, Handbuch des Asylrechts, 2. Aufl.,  Bern/Stuttgart  1991,  S. 107;  MARIO  GATTIKER,  Das  Asyl­  und  Wegweisungsverfahren, 3. Aufl., Bern 1999, S. 76; EMARK 1998 Nr. 20  E. 7 S. 179 f.; EMARK 2000 Nr. 17 E. 11.a S. 157 f.; EMARK 1999 Nr. 7 

D­799/2009 E.  4b  S.  46).  Der  Beschwerdeführer  gab  an,  während  seiner  Zeit  in  K._______ ein verstecktes Leben geführt zu haben. So habe er im selben  Hotel  gewohnt,  in  dem  er  auch  gearbeitet  habe,  und  sei  nie  auf  die  Strasse  gegangen.  Als  Fremder  sei  man  in  der  gefährlichen  Ortschaft  stets Gefahr gelaufen, Opfer  eines Überfalls  zu werden  (vgl. A 15/18 S.  15).  Demnach  führte  der  Beschwerdeführer  nicht  aus  Furcht  vor  Verfolgung ein zurückgezogenes Leben, sondern beruhend auf von den  Gesuchsgründen  unabhängigen  Umständen.  Die  Begründung  für  die  Ausreise  im  Jahr  2006,  wonach  er  erst  zu  diesem  Zeitpunkt  genügend  Geld beisammen gehabt habe und die aus C._______ zurückkehrenden  Afghanen fürchtete, erklärt den zeitlichen Abstand zwischen den geltend  gemachten  Ereignissen  und  der  Ausreise  nicht.  Es  sind  daher  weder  plausible  objektive  noch  subjektive  Gründe  ersichtlich,  die  eine  frühere  Ausreise verhindert haben. An  dieser  Einschätzung  vermögen  auch  die  Ausführungen  des  Beschwerdeführers  in  seiner  Rechtsmitteleingabe  nichts  zu  ändern.  So  macht  er  geltend,  es  bestehe  trotz  der  zeitlichen  Distanz  ein  Zusammenhang zwischen den Ereignissen in Panjshir und Kabul und der  Ausreise. Es sei ihm nicht vorwerfbar, dass er sich zuerst in Afghanistan  um eine Fluchtalternative bemüht habe. Erst als ein Mitglied der Familie  des verstorbenen Mannes im Hotel in K._______ aufgetaucht sei, habe er  sich  zur  Ausreise  gezwungen  gesehen.  Diese  Ausführungen  sind  als  nachgeschoben  und  daher  als  unglaubhaft  zu  qualifizieren,  da  der  Beschwerdeführer  anlässlich  der  beiden  Befragungen  solche  Aufsuchungen  unerwähnt  liess.  Er  brachte  damals  lediglich  vor,  in  ständiger Angst  vor einer Aufsuchung durch einen Familienangehörigen  des  Verstorbenen  gelebt  zu  haben  (vgl.  A  1/10  S.  5).  Angesichts  der  zentralen Bedeutung hätte der Beschwerdeführer dieses Vorbringen aber  zwingend  schon  im  Rahmen  des  erstinstanzlichen  Verfahrens  geltend  machen  müssen.  Der  Einwand,  wonach  er  anlässlich  der  beiden  Befragungen  nicht  nach  dem  Grund  für  die  späte  Ausreise  gefragt  worden  sei,  vermag  mit  Blick  auf  die  Mitwirkungspflicht  des  Beschwerdeführers  (Art. 8 AsylG) nicht  zu überzeugen. Der Einwand  ist  auch  aktenwidrig,  wurde  der  Beschwerdeführer  doch  anlässlich  der  Kurzbefragung  und  der  Anhörung  gefragt,  weshalb  er  solange  in  K._______ geblieben sei (vgl. A 1/10 S. 7) beziehungsweise weshalb er  lediglich nach K._______ gegangen und nicht sofort ausgereist sei (vgl. A  15/18  S.  14  unten).  Er  hätte  in  diesem  Zusammenhang  Gelegenheit  gehabt,  auf  das  Auftauchen  eines  Familienangehörigen  des  angeblich  von  seinem  Bruder  verletzten  beziehungsweise  getöteten  Mannes 

D­799/2009 hinzuweisen.  Folglich  sind  keine  plausiblen  Gründe  für  die  erst  nach  Jahren  erfolgte  Ausreise  ersichtlich,  weshalb  sowohl  der  zeitliche  als  auch der sachliche Kausalzusammenhang zwischen den Problemen des  Beschwerdeführers und dessen Ausreise fehlt.  Da es – wie soeben aufgezeigt – im vorliegenden Fall am erforderlichen  Kausalzusammenhang fehlt, kann darauf verzichtet werden, im Asylpunkt  auf  das  Argument  der  Vorinstanz,  wonach  die  Behörden  in  Kabul  bei  einer Rückkehr der Beschwerdeführers  in der Lage sein würden, diesen  vor  Übergriffen  durch  private  Dritte  zu  schützen,  einzugehen.  Aus  dem  gleichen  Grund  sind  die  mit  Eingabe  vom  2.  Juni  2009  beim  BFM  eingereichten  Dokumente  nicht  weiter  zu  berücksichtigen.  Lediglich  als  Hinweis  ist anzuführen, dass der Beschwerdeführer nicht darlegt, wie er  in  den  Besitz  dieser  Beweismittel  –  insbesondere  eines  (gemäss  Übersetzung)  undatierten  Schreibens  der  Sicherheitskommandantur  der  Provinz  Panjshir  –  gelangte,  machte  er  doch  zu  Beginn  der  Anhörung  erhebliche Schwierigkeiten geltend, Ausweise oder  sonstige Dokumente  zu beschaffen (vgl. A 15/18 S. 2). Auffällig ist zudem, dass im erwähnten  Schreiben lediglich beim Namen des Beschwerdeführers, gegen den wie  auch  gegen  seine  Brüder  ein  Haftbefehl  erlassen  worden  sei,  ein  Geburtsdatum  steht,  nicht  jedoch  bei  den  Namen  seiner  Brüder.  Eine  Rückweisung der Sache an die Vorinstanz zur Neubeurteilung rechtfertigt  sich  in Anbetracht  der Sachlage nicht, weshalb dieser Antrag,  der auch  nicht näher begründet wurde, abzuweisen ist. 2.5.  Aufgrund  der  vorstehenden  Erwägungen  erübrigt  es  sich,  auf  die  weiteren  Ausführungen  in  der  Beschwerde  und  die  eingereichten  Beweismittel  einzugehen,  weil  sie  am  Ergebnis  nichts  ändern.  Zusammenfassend  ist  festzustellen,  dass  die  Asylvorbringen  des  Beschwerdeführers den Anforderungen an die Asylrelevanz im Sinne von  Art. 3 AsylG nicht zu genügen vermögen, weshalb auf eine Überprüfung  des  Glaubhaftigkeit  der  Asylvorbringen  im  Sinne  von  Art.  7  AsylG  verzichtet  werden  kann.  Das  BFM  hat  das  Asylgesuch  des  Beschwerdeführers demnach zu Recht abgelehnt. 3.  3.1. Lehnt  das Bundesamt  das Asylgesuch  ab  oder  tritt  es  darauf  nicht  ein,  so  verfügt  es  in  der  Regel  die Wegweisung  aus  der  Schweiz  und  ordnet den Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit  der Familie (Art. 44 Abs. 1 AsylG).

D­799/2009 3.2. Der Beschwerdeführer  verfügt weder  über  eine  ausländerrechtliche  Aufenthaltsbewilligung  noch  über  einen  Anspruch  auf  Erteilung  einer  solchen. Die Wegweisung wurde demnach zu Recht angeordnet (Art. 44  Abs. 1 AsylG; vgl. BVGE 2009/50 E. 9; BVGE 2008/34 E. 9.2). 4.  4.1.  Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder  nicht möglich, so regelt das Bundesamt das Anwesenheitsverhältnis nach  den  gesetzlichen  Bestimmungen  über  die  vorläufige  Aufnahme  von  Ausländern  (Art.  44  Abs.  2  AsylG;  Art.  83  Abs.  1  des  Bundesgesetzes  vom 16. Dezember  2005 über  die Ausländerinnen und Ausländer  [AuG,  SR 142.20]). 4.2. Die erwähnten drei Bedingungen für einen Verzicht auf den Vollzug  der  Wegweisung  (Unzulässigkeit,  Unzumutbarkeit  und  Unmöglichkeit)  sind  alternativer Natur:  Sobald  eine  von  ihnen  erfüllt  ist,  ist  der Vollzug  der  Wegweisung  als  undurchführbar  zu  betrachten  und  die  weitere  Anwesenheit  in  der  Schweiz  gemäss  den  Bestimmungen  über  die  vorläufige Aufnahme zu regeln (vgl. BVGE 2009/51 E. 5.4 S. 748). 4.3.  Weil  sich  vorliegend  der  Vollzug  der  Wegweisung  –  aus  den  nachfolgend aufgezeigten Gründen – als unzumutbar erweist, ist auf eine  Erörterung der beiden andern Kriterien zu verzichten. 4.4. Gemäss Art. 83 Abs. 4 AuG kann der Vollzug für Ausländerinnen und  Ausländer  unzumutbar  sein,  wenn  sie  im  Heimat­  oder  Herkunftsstaat  aufgrund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und  medizinischer  Notlage  konkret  gefährdet  sind.  Wird  eine  konkrete  Gefährdung  festgestellt,  ist  –  unter Vorbehalt  von Art.  83 Abs.  7 AuG –  die vorläufige Aufnahme zu gewähren (vgl. Botschaft zum Bundesgesetz  über  die  Ausländerinnen  und  Ausländer  vom  8.  März  2002,  BBl  2002  3818). 4.4.1. In Bezug auf die allgemeine Lage in Afghanistan kann auf die vom  Bundesverwaltungsgericht  vorgenommene  Einschätzung  der  Lage  in  einem  vor  kurzem  ergangenen,  zur  Publikation  vorgesehenen  Grundsatzurteil  verwiesen  werden  (vgl.  Urteil  des  Bundesverwaltungsgerichts E­7625/2008  vom  16.  Juni  2011).  Das  Gericht  stellt  dort  zusammenfassend  fest, dass  in weiten Teilen von Afghanistan – ausser  allenfalls  in  Grossstädten  –  eine  derart  schlechte  Sicherheitslage  und 

D­799/2009 derart schwierige humanitäre Bedingungen bestünden, dass die Situation  als existenzbedrohend  im Sinne von Art. 83 Abs. 4 AuG zu qualifizieren  sei.  Von  dieser  allgemeinen  Feststellung  sei  die  Situation  in  der  Hauptstadt  Kabul  zu  unterscheiden.  Angesichts  des  Umstandes,  dass  sich dort  die Sicherheitslage  im Verlaufe des  vergangenen Jahres nicht  weiter verschlechtert habe und die humanitäre Situation  im Vergleich zu  den übrigen Gebieten etwas weniger dramatisch sei,  könne der Vollzug  der Wegweisung  nach Kabul  unter  Umständen  als  zumutbar  qualifiziert  werden. Solche Umstände könnten namentlich dann gegeben sein, wenn  es  sich  beim  Rückkehrer  um  einen  jungen,  gesunden  Mann  handle.  Angesichts  der  bisher  aufgezeigten  konstanten  Verschlechterung  der  Lage  über  die  vergangenen  Jahre  hinweg  und  der  auch  in  Kabul  schwierigen Situation verstehe es sich aber von selbst, dass die bereits in  EMARK  2003  Nr.  10  formulierten  strengen  Bedingungen  in  jedem  Einzelfall  sorgfältig  geprüft  und  erfüllt  sein  müssten,  um  einen  Wegweisungsvollzug  nach  Kabul  als  zumutbar  zu  qualifizieren.  Unabdingbar sei in erster Linie ein soziales Netz, das sich im Hinblick auf  die  Aufnahme  und  Wiedereingliederung  des  Rückkehrers  als  tragfähig  erweise.  Ohne  Unterstützung  durch  Familie  oder  Bekannte  würden  die  schwierigen  Lebensverhältnisse  auch  in  Kabul  unweigerlich  in  eine  existenzielle  beziehungsweise  lebensbedrohende  Situation  führen.  Für  einen Rückkehrer aus Europa bestehe, aufgrund der Vermutung, dass er  Devisen auf sich trage, gleich nach seiner Ankunft  in Kabul ein erhöhtes  Risiko,  entführt  oder  überfallen  zu werden.  Verfüge  er  auf  der  anderen  Seite  über  keine  genügenden  finanziellen  Mittel,  hätte  er  ohne  soziale  Vernetzung kaum Aussicht auf eine zumutbare Unterkunft. Auch bei der  Arbeitssuche  sei  die  Einstellung,  selbst  von  unqualifizierten  Arbeitskräften,  regelmässig  von  persönlichen  Beziehungen  abhängig.  Eine  die  Gesundheit  nur  einigermassen  garantierende  Ernährung  wäre  ohne die Hilfe von nahestehenden Personen ebenfalls kaum möglich, und  der  Zugang  zu  sauberem  Trinkwasser  schwierig;  Unterstützungsmassnahmen  der  Regierung  oder  internationaler  Organisationen könnten  laut zuverlässigen Quellen daran nichts ändern.  Kämen  in  einer  solchen  Situation  noch  gesundheitliche  Umstellungsschwierigkeiten  hinzu,  geriete  auch  ein  junger  gesunder  Mann  ohne  soziale  Vernetzung  unweigerlich  innert  absehbarer  Zeit  in  eine existenzbedrohende Situation (vgl. a.a.O. E. 9.9.1 f.). 4.4.2.  Der  Beschwerdeführer  wuchs  eigenen  Angaben  zufolge  bis  zu  seinem zehnten Lebensjahr im Dorf J._______ (Provinz Panjshir) auf und  wohnte  danach  während  ungefähr  vier  Jahren  in  Kabul.  Gemäss  der 

D­799/2009 soeben  dargelegten  Rechtsprechung  des  Bundesverwaltungsgerichts  wird  ein  Wegweisungsvollzug  in  die  Provinz  Panjshir  nicht  in  Betracht  gezogen. Hingegen geht das Bundesverwaltungsgericht im zitierten Urteil  nicht  von  einer  generellen  Unzumutbarkeit  des  Wegweisungsvollzugs  nach Kabul aus. 4.4.3.  Bei  dieser  Sachlage  stellt  sich  die  Frage,  ob  dem  Beschwerdeführer eine Rückkehr nach Kabul aufgrund einer individuellen  Prüfung der Verhältnisse zuzumuten  ist. Die Bejahung der Zumutbarkeit  einer  Rückkehr  nach  Kabul  setzt  insbesondere  die  Existenz  eines  tragfähigen  Beziehungsnetzes,  die  konkrete  Möglichkeit  der  Sicherung  des Existenzminimums sowie eine gesicherte Wohnsituation voraus (vgl.  das  zur  Publikation  vorgesehene  Grundsatzurteil  des  Bundesverwaltungsgerichts       E­7625/2008 vom 16. Juni 2011 E. 9.9.2  mit Verweis auf EMARK 2003 Nr. 10 E. 10 cc). 4.4.4. Anlässlich der Befragungen machte der Beschwerdeführer geltend,  ursprünglich  aus  der  Provinz  Panjshir  zu  stammen  und  im  Alter  von  ungefähr zehn Jahren mit seiner Familie  infolge Machtübernahme durch  die Taliban nach Kabul gegangen zu sein. Vier Jahre später sei er nach  einem kurzen Aufenthalt  im Heimatdorf  in Panjshir aufgrund der geltend  gemachten  Ereignisse  nach  K._______  gegangen,  wo  er  sich  während  mehrerer Jahre aufgehalten habe. Seine Eltern seien bereits während der  Zeit  in Kabul eines natürlichen Todes verstorben.  In Kabul  lebten einige  Onkel  und Cousins,  sowie  drei  Schwestern  des  Beschwerdeführers,  zu  welchen er aber seit seiner Weiterreise nach K._______ keinen Kontakt  mehr  unterhalte.  Er  sei  während  ungefähr  eines  Jahres  zur  Schule  gegangen,  habe  in  K._______  mehrere  Jahre  in  einem  Hotel  und  C._______ während einiger Monate als Schweisser gearbeitet. 4.4.5. Das  BFM  führte  aus,  weder  die  allgemeine  noch  die  individuelle  Situation  des  Beschwerdeführers  spreche  gegen  die  Zumutbarkeit  des  Wegweisungsvollzugs.  Insbesondere  würden  mehrere  Verwandte  des  Beschwerdeführers  in  Kabul  leben,  sodass  er  dort  über  ein  familiäres  Beziehungsnetz  und  den  entsprechenden  Wohnraum  verfüge.  Zudem  würden  es  ihm  seine  beruflichen  Erfahrungen  in  der  Hotelbranche  in  K._______  und  als  Schweisser  C._______  ermöglichen,  sich  in  Afghanistan eine Lebensgrundlage aufzubauen. 4.4.6.  Diesen  Erwägungen  entgegnet  der  Beschwerdeführer  in  seiner  Rechtsmitteleingabe, er lebe seit dem Jahr 2001 nicht mehr in Kabul und 

D­799/2009 könne dort – ungeachtet der Gefahr durch die ihm drohende Blutrache –  nicht auf ein  familiäres Netz zurückgreifen. Es sei  ihm nicht bekannt, ob  die  Onkel  noch  in  Kabul  lebten,  zumal  der  Kontakt  seit  Jahren  abgebrochen  sei.  Ausserdem  habe  er  zu  seinen  Onkel  nie  eine  enge  Beziehung gepflegt, weshalb er sich bei einer Rückkehr nicht auf deren  Hilfe verlassen könne. Er wisse auch nicht, ob seine Cousins mittlerweile  noch  in Kabul seien. Abgesehen davon habe sich die Sicherheitslage  in  Kabul stark verschlechtert, weshalb viele Personen ins Ausland geflohen  seien. Ferner wolle er auf seine gute Integration in der Schweiz hinweisen, was  mit  der  ins  Recht  gelegten  Bestätigung  seines  Beschäftigungsverhältnisses vom 14. Januar 2009 belegt werde. 4.4.7.  Vorweg  ist  zu  bemerken,  dass  das  Vorbringen  des  Beschwerdeführers,  wonach  er  in  der  Schweiz  gut  integriert  sei,  nicht  entscheidwesentlich  ist, da es bei der Frage nach der Zumutbarkeit des  Wegweisungsvollzugs  praxisgemäss  nicht  um  die  Beurteilung  der  Situation  der  Asylsuchenden  in  der  Schweiz,  sondern  der  Situation  im  Heimatland  geht  (vgl. EMARK  1994  Nr.  19  E.  6.a  S.  148  mit  weiteren  Hinweisen). Entgegen der Auffassung der Vorinstanz verfügt der Beschwerdeführer in  Afghanistan jedoch über kein tragfähiges soziales Netz. Zwar trifft es zu,  dass  er  während  einiger  Jahre  in  Kabul  lebte,  jedoch  stammt  er  ursprünglich  aus  der  Provinz  Panjshir  und  verbrachte  lediglich  vier  beziehungsweise fünf Jahre seines Lebens in Kabul. Während dieser Zeit  in  Kabul  lebte  er  mit  seiner  Familie  zusammen,  wobei  seine  Eltern  mittlerweile verstorben und seine Brüder ins Ausland geflüchtet seien. Zu  den andern damals in Kabul wohnhaften Verwandten habe er seit Jahren  keinen Kontakt mehr und teilweise kein gutes Verhältnis. Zwar bestehen  in  Anbetracht  der  Tatsache,  dass  er  sich  im  Jahr  2009  verschiedene  Dokumente  (darunter  sein  Identitätsausweis)  aus  seinem  Heimatland  schicken  liess, Zweifel an der Aussage des Beschwerdeführers, wonach  er  keinen Kontakt  zu Angehörigen  in  Afghanistan mehr  habe.  Indessen  liegen keine konkreten Anhaltspunkte dafür vor, dass er in Kabul über ein  soziales  Netz  verfügt,  auf  dessen  Unterstützung  er  zählen  könnte.  Gleichzeitig  ist davon auszugehen, dass der Beschwerdeführer mit Blick  auf die  fehlende Schul­ und Berufsbildung sowie unter Berücksichtigung  der schwierigen Arbeitsmarktsituation  in Kabul wohl Mühe haben dürfte,  innert angemessener Frist eine Anstellung zu finden, mit welcher er sich 

D­799/2009 seinen  Lebensunterhalt  selbstständig  verdienen  könnte.  An  dieser  Einschätzung  ändert  auch  die  Tatsache,  wonach  er  in  K._______  während mehrerer Jahre  in einem Hotel und C._______ als Schweisser  arbeitete  und  in  der  Schweiz  erwerbstätig  ist,  nichts.  Zudem  reiste  er  eigenen  Angaben  zufolge  vor  mittlerweile  fast  zehn  Jahren  aus  Afghanistan  aus,  was  eine  Reintegration  im  Heimatstaat  zusätzlich  erschweren  dürfte.  Daher  läuft  der  Beschwerdeführer  mit  beachtlicher  Wahrscheinlichkeit  bei  einer  Rückkehr  nach  Kabul  Gefahr,  in  eine  existenzielle Notlage zu geraten. 4.5.  Zusammenfassend  ist  angesichts  der  gesamten  Umstände  festzustellen, dass der Vollzug der Wegweisung des Beschwerdeführers  nach  Afghanistan  zum  heutigen  Zeitpunkt  mit  überwiegender  Wahrscheinlichkeit  eine  konkrete  Gefährdung  zur  Folge  hätte  und  deshalb als unzumutbar im Sinne von Art. 83 Abs. 4 AuG zu qualifizieren  ist. 5.  Die  Beschwerde  ist  demnach  gutzuheissen,  soweit  sie  den Vollzug  der  Wegweisung  betrifft;  im Übrigen  ist  sie  abzuweisen. Die Verfügung  des  BFM  vom  20.  August  2008  ist  hinsichtlich  der  Ziffern  4  und  5  des  Dispositivs  aufzuheben  und  das  Bundesamt  ist  anzuweisen,  den  Beschwerdeführer in der Schweiz vorläufig aufzunehmen. 6.  6.1.  Bei  diesem  Ausgang  des  Verfahrens  –  das  Bundesverwaltungsgericht  geht  bei  der  vorliegenden  Konstellation  von  einem  hälftigen  Durchdringen  aus  –  sind  die  reduzierten  Verfahrenskosten von Fr. 300.­ dem Beschwerdeführer aufzuerlegen (vgl.  Art.  63  Abs.  1  VwVG).  Die  Verfahrenskosten  sind mit  dem  am  1.  April  2009 geleisteten Kostenvorschuss  von Fr.  600.­  zu  verrechnen und der  Saldobetrag von Fr. 300.­ ist dem Beschwerdeführer zurückzuerstatten. 6.2.  Dem  Beschwerdeführer  sind  aufgrund  der  selbstständigen  Beschwerdeführung  –  soweit  aus  den  Akten  ersichtlich  –  keine  notwendigen und verhältnismässig hohen Parteikosten im Sinne von Art.  64  Abs.  1  VwVG  erwachsen,  weshalb  keine  Parteientschädigung  zuzusprechen ist. (Dispositiv nächste Seite)

D­799/2009 D­799/2009 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1.  Die  Beschwerde  wird  betreffend  den  Vollzug  der  Wegweisung  gutgeheissen. Im Übrigen wird sie abgewiesen. 2.  Die Ziffern 4 und 5 des Dispositivs der Verfügung des BFM vom 7. Januar  2009  werden  aufgehoben  und  das  Bundesamt  wird  angewiesen,  den  Beschwerdeführer vorläufig aufzunehmen. 3.  Die  Verfahrenskosten  in  der  Höhe  von  Fr.  300.­  werden  dem  Beschwerdeführer  auferlegt  und  mit  dem  geleisteten  Kostenvorschuss  von  Fr.  600.­  verrechnet.  Der  Saldobetrag  vom  Fr.  300.­  wird  dem  Beschwerdeführer zurückerstattet. 4.  Es wird keine Parteientschädigung zugesprochen. 5.  Dieses  Urteil  geht  an  den  Beschwerdeführer,  das  BFM  und  die  zuständige kantonale Behörde. Der vorsitzende Richter: Die Gerichtsschreiberin: Thomas Wespi Nina Hadorn Versand:

D-799/2009 — Bundesverwaltungsgericht 13.10.2011 D-799/2009 — Swissrulings