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Bundesverwaltungsgericht 23.12.2011 D-696/2010

23. Dezember 2011·Deutsch·CH·CH_BVGE·PDF·1,577 Wörter·~8 min·1

Zusammenfassung

Asyl und Wegweisung | Asyl und Wegweisung; Verfügung des BFM vom 8. Januar 2010

Volltext

Bundesve rwa l t ungsge r i ch t T r i buna l   adm in istratif   f édé ra l T r i buna l e   ammin istrati vo   f ede ra l e T r i buna l   adm in istrativ   f ede ra l Abteilung IV D­696/2010 law/joc/sps Urteil   v om   2 3 .   D e z embe r   2011 Besetzung Richter Walter Lang (Vorsitz),  Richter Yanick Felley, Richter Robert Galliker, Gerichtsschreiberin Claudia Jorns Morgenegg. Parteien A._______, geboren am (…), Kosovo und Serbien,   vertreten durch Beratungsstelle für Ausländer,  (…),  Beschwerdeführer,  gegen Bundesamt für Migration (BFM), Quellenweg 6, 3003 Bern,    Vorinstanz.  Gegenstand Asyl und Wegweisung;  Verfügung des BFM vom 8. Januar 2010 / N (…).

D­696/2010 Sachverhalt: A.  Der  Beschwerdeführer,  ein  ethnischer  Serbe  mit  letztem  Wohnsitz  in  B._______, Kosovo, reiste am 17. Dezember 2009 in die Schweiz ein, wo  er im Empfangs­ und Verfahrenszentrum Kreuzlingen (EVZ) am gleichen  Tag  um  Asyl  nachsuchte.  Dort  wurde  er  am  31. Dezember  2009  summarisch  zu  seinen  Ausreisegründen  befragt.  Am  8. Januar  2010  hörte ihn das BFM einlässlich zu den Asylgründen an.  B.  Das BFM stellte mit am gleichen Tag eröffneter Verfügung vom 8. Januar  2010  fest,  der Beschwerdeführer  erfülle  die  Flüchtlingseigenschaft  nicht  und lehnte sein Asylgesuch ab. Gleichzeitig verfügte es die Wegweisung  aus der Schweiz und ordnete den Vollzug der Wegweisung an. C.  Gegen  diese  Verfügung  liess  der  Beschwerdeführer  mittels  Eingabe  seines  Rechtsvertreters  vom  5. Februar  2010  beim  Bundesverwaltungsgericht  Beschwerde  erheben  und  beantragen,  die  vorinstanzliche Verfügung sei aufzuheben, es sei  ihm Asyl zu gewähren  und es sei zu prüfen, ob der Vollzug der Wegweisung nach Kosovo aus  medizinischen Gründen unzumutbar sei. In verfahrensrechtlicher Hinsicht  liess  er  beantragen,  es  sei  ihm  die  unentgeltliche  Rechtspflege  zu  gewähren  und  er  sei  durch  einen  unabhängigen  Psychiater  in  der  Schweiz begutachten zu lassen.  D.  Mit  Zwischenverfügung  vom  10. Februar  2010  hiess  der  Instruktionsrichter  das  Gesuch  um  Gewährung  der  unentgeltlichen  Rechtspflege unter der Voraussetzung des Nachweises der Bedürftigkeit  und  unter  Vorbehalt  der  Veränderung  der  finanziellen  Lage  gut.  Gleichzeitig  forderte  er  den Beschwerdeführer  auf,  bis  zum 25. Februar  2010 den Nachweis der Bedürftigkeit zu erbringen oder  innert derselben  Frist  einen Kostenvorschuss  in  der Höhe  von Fr. 600.–  zu Gunsten  der  Gerichtskasse zu überweisen, dies verbunden mit dem Hinweis, auf die  Beschwerde werde  nicht  eingetreten, wenn  innert  der  angesetzten Frist  der Nachweis der Bedürftigkeit nicht erbracht oder der Kostenvorschuss  nicht bezahlt werde. Ferner forderte er den Beschwerdeführer auf, innert  derselben  Frist  einen  ärztlichen  Bericht  sowie  eine  Erklärung  einzureichen,  mit  der  er  die  ihn  behandelnden  Ärzte  dem 

D­696/2010 Bundesverwaltungsgericht  und  dem  BFM  gegenüber  von  der  ärztlichen  Schweigepflicht entbinde.  E.  Am  19. Februar  2010  reichte  der  Beschwerdeführer  eine  Fürsorgebestätigung sowie eine Erklärung betreffend die Entbindung von  der ärztlichen Schweigepflicht ein.  F.  Mit Telefaxeingabe vom 25. Februar 2010 reichte die behandelnde Ärztin  einen Kurzbericht, verfasst am 24. Februar 2010, zu den Akten.   G.  Der Instruktionsrichter lud das BFM mit Verfügung vom 3. März 2010 zur  Vernehmlassung ein.  H.  In  seiner  Stellungnahme  vom  5. März  2010  beantragte  das  BFM  die  Abweisung der Beschwerde.  I.  Mit  Schreiben  seines  Rechtsvertreters  vom  23. März  2010  liess  der  Beschwerdeführer  auf  die  allgemeine  Lage  in  Kosovo  sowie  darauf  hinweisen, dass er derzeit in ärztlicher Behandlung sei. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1.  1.1. Gemäss Art. 31 des Verwaltungsgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005  (VGG, SR 173.32) beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Beschwerden  gegen Verfügungen nach Art. 5 des Bundesgesetzes vom 20. Dezember  1968  über  das  Verwaltungsverfahren  (VwVG,  SR 172.021).  Das  BFM  gehört zu den Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz  des  Bundesverwaltungsgerichts.  Eine  das  Sachgebiet  betreffende  Ausnahme  im  Sinne  von  Art. 32  VGG  liegt  nicht  vor.  Das  Bundesverwaltungsgericht  ist  daher  zuständig  für  die  Beurteilung  der  vorliegenden Beschwerde und entscheidet auf dem Gebiet des Asyls  in  der Regel  –  so  auch  vorliegend  –  endgültig  (Art. 105  des Asylgesetzes  vom  26. Juni  1998  [AsylG,  SR 142.31];  Art. 83  Bst. d  Ziff. 1  des  Bundesgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005 [BGG, SR 173.110]).

D­696/2010 1.2.  Der  Beschwerdeführer  hat  am  Verfahren  vor  der  Vorinstanz  teilgenommen,  ist durch die angefochtene Verfügung besonders berührt  und  hat  ein  schutzwürdiges  Interesse  an  deren  Aufhebung  beziehungsweise Änderung. Er ist daher zur Einreichung der Beschwerde  legitimiert (Art. 105 AsylG i.V.m. Art. 37 VGG und Art. 48 Abs. 1 VwVG).  Auf  die  frist­  und  formgerecht  eingereichte  Beschwerde  ist  einzutreten  (Art. 108  Abs. 1  AsylG;  Art. 105  AsylG  i. V. m.  Art. 37  VGG  und  Art. 52  Abs. 1 VwVG). 2.  Mit  Beschwerde  kann  die  Verletzung  von  Bundesrecht,  die  unrichtige  oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts und  die Unangemessenheit gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG). 3.  3.1.  Gemäss  Art. 2  Abs. 1  AsylG  gewährt  die  Schweiz  Flüchtlingen  grundsätzlich  Asyl.  Flüchtlinge  sind  Personen,  die  in  ihrem Heimatstaat  oder  im Land,  in dem sie zuletzt wohnten, wegen  ihrer Rasse, Religion,  Nationalität,  Zugehörigkeit  zu  einer  bestimmten  sozialen  Gruppe  oder  wegen ihrer politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt  sind  oder  begründete  Furcht  haben,  solchen  Nachteilen  ausgesetzt  zu  werden. Als  ernsthafte Nachteile  gelten  namentlich  die Gefährdung  des  Leibes,  des  Lebens  oder  der  Freiheit  sowie  Massnahmen,  die  einen  unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 AsylG). 3.2.  Wer  um  Asyl  nachsucht,  muss  die  Flüchtlingseigenschaft  nachweisen  oder  zumindest  glaubhaft  machen.  Diese  ist  glaubhaft  gemacht,  wenn  die  Behörde  ihr  Vorhandensein  mit  überwiegender  Wahrscheinlichkeit  für  gegeben  hält.  Unglaubhaft  sind  insbesondere  Vorbringen, die in wesentlichen Punkten zu wenig begründet oder in sich  widersprüchlich sind, den Tatsachen nicht entsprechen oder massgeblich  auf  gefälschte  oder  verfälschte  Beweismittel  abgestützt  werden  (Art. 7  AsylG). 4.  4.1.  Der  Beschwerdeführer  ist  aufgrund  der  Aktenlage  einerseits  als  Staatsangehöriger  der  Republik  Kosovo  zu  betrachten.  Infolge  der  serbischen Abstammung und Geburt auf  (ehemaligem) Staatsgebiet der  Republik Serbien (vgl. act. A1/11 S. 1 f.) verfügt er andererseits gemäss  dem  serbischen  Gesetz  über  die  Staatsbürgerschaft  Nr. 135/04  vom 

D­696/2010 21. Dezember  2004  auch  über  die  serbische  Staatsangehörigkeit  (vgl.  BVGE 2010/41 E. 6.4.2 S. 580).  4.2.  Das  Bundesverwaltungsgericht  geht  davon  aus,  dass  Angehörige  ethnischer Minderheiten  in Kosovo grundsätzlich  die Möglichkeit  haben,  sich  an  die  Behörden  zu wenden  und  diese  um Schutz  vor Übergriffen  Dritter  zu  ersuchen.  Zudem  bejaht  das  Bundesverwaltungsgericht  in  seiner  Rechtsprechung  den  generellen  Schutzwillen  und  die  generelle  Schutzfähigkeit  der  zuständigen  Sicherheitskräfte  in  Kosovo  bezüglich  strafrechtlich  relevanter  Übergriffe  auf  Angehörige  der  ethnischen  Minderheiten  in Kosovo  (vgl. D­6827/2010 vom 2. Mai 2011 E. 4.7). Die  vom Beschwerdeführer geltend gemachten Fluchtvorbringen, unbekannte  Personen,  vermutlich  ethnische  Albaner,  hätten  wohl  aus  ethnisch  motivierten Gründen im Mai 2009 Schüsse auf ihn abgefeuert und ihn im  November  2009  beim  Autofahren  von  der  Strasse  gedrängt  (vgl.  act.  A1/11  S. 6 f.,  act.  A7/7  S. 2 f.),  erweisen  sich  demnach  –  in  Übereinstimmung mit  den  diesbezüglichen  Erwägungen  des  BFM  –  als  nicht  asylrelevant.  Der  Beschwerdeführer  gibt  zudem  an,  dass  er  sich  nach  erwähnten  Übergriffen  jeweils  an  die  Polizei  respektive  an  die  KFOR  wenden  konnte,  welche  Untersuchungsmassnahmen  einleiteten  respektive seine Aussage protokollierten (vgl. act. A1/11 S. 6 f., act. A7/7  S. 2 f.).  Der  Einwand  in  der  Beschwerde,  wonach  die  Behörden  keinen  Schutzwillen  hätten  beziehungsweise  nicht  schutzfähig  seien,  ist  daher  nicht stichhaltig.  4.3. Gestützt  auf  Art. 1  A  Abs. 2  des  Abkommens  vom  28. Juli  1951  über  die  Rechtsstellung  der  Flüchtlinge  (FK,  SR 0.142.30)  sind  Per­ sonen  von der Anerkennung der Rechtsstellung als Flüchtling ausge­ schlossen,  die  mehrere  Staatsangehörigkeiten  besitzen  und  die  den  Schutz von wenigstens einem dieser Länder in Anspruch nehmen kön­ nen.  Soweit  verfügbar,  hat  der  Schutz  des  Landes,  dessen  Staats­ angehörigkeit  eine  Person  besitzt,  Priorität  gegenüber  dem  internationalen Schutz beziehungsweise dem Schutz durch einen Dritt­ staat  (siehe  UNHCR,  Handbuch  über  Verfahren  und  Kriterien  zur  Feststellung  der  Flüchtlingseigenschaft,  Rz. 106 f.,  WALTER  KÄLIN,  Grundriss des Asylverfahrens, Basel/Frankfurt a. M. 1990, S. 35). Dem  Beschwerdeführer  steht,  wie  soeben  dargelegt,  neben  der  koso­ varischen auch die serbische Staatsangehörigkeit zu, weshalb er sich  nach  Serbien  begeben  und  dort  aufgrund  der  bestehenden  Nieder­ lassungsfreiheit Wohnsitz nehmen kann. Der Beschwerdeführer macht  keine  Fluchtgründe  geltend,  die  sich  auf  das  Territorium  des  ser­

D­696/2010 bischen Staates (in der heute international anerkannten, also die ehe­ malige Provinz Kosovo nicht mehr einschliessenden Ausdehnung) be­ ziehen. Der von  ihm erhobene Einwand  in der Rechtsmittelschrift, der  serbische Staat sei in den Augen der Kosovo­Serben ein Verräter und  man könne  ihn nicht zwingen, nach Serbien zu gehen, vermag  jeden­ falls  keine  flüchtlingsrelevante Gefährdung  im Sinne  von Art. 3 AsylG  zu  begründen.  Nachdem  er  somit  auch mit  Bezug  auf  Serbien  keine  asylrelevante  Verfolgung  geltend  machen  kann,  ist  der  Beschwerde­ führer nicht auf den Schutz der Schweiz angewiesen. 4.4.  Dem  Beschwerdeführer  gelingt  es  somit  nicht,  die  Flüchtlingseigenschaft  nachzuweisen  oder  zumindest  glaubhaft  zu  machen. Das BFM hat das Asylgesuch demnach zu Recht abgelehnt. 5.  5.1. Lehnt  das Bundesamt  das Asylgesuch  ab  oder  tritt  es  darauf  nicht  ein,  so  verfügt  es  in  der  Regel  die Wegweisung  aus  der  Schweiz  und  ordnet den Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit  der Familie (Art. 44 Abs. 1 AsylG). 5.2. Der Beschwerdeführer  verfügt weder  über  eine  ausländerrechtliche  Aufenthaltsbewilligung  noch  über  einen  Anspruch  auf  Erteilung  einer  solchen. Die Wegweisung wurde demnach zu Recht angeordnet (Art. 44  Abs. 1  AsylG;  Entscheidungen  und  Mitteilungen  der  Schweizerischen  Asylrekurskommission [EMARK] 2001 Nr. 21). 5.3.  Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder  nicht möglich, so regelt das Bundesamt das Anwesenheitsverhältnis nach  den  gesetzlichen  Bestimmungen  über  die  vorläufige  Aufnahme  von  Ausländern  (Art. 44  Abs. 2  AsylG;  Art. 83  Abs. 1  des  Bundesgesetzes  vom 16. Dezember  2005 über  die Ausländerinnen und Ausländer  [AuG,  SR 142.20]).  5.4.  Bezüglich  der  Geltendmachung  von  Wegweisungshindernissen  gilt  gemäss  ständiger  Praxis  der  gleiche  Beweisstandard  wie  bei  der  Flüchtlingseigenschaft, das heisst, sie sind zu beweisen, wenn der strikte  Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft zu machen (vgl.  WALTER  STÖCKLI,  Asyl,  in:  Uebersax/Rudin/Hugi  Yar/Geiser  [Hrsg.],  Ausländerrecht, 2. Aufl., Basel 2009, Rz. 11.148). 5.5. 

D­696/2010 5.5.1.  Der  Vollzug  ist  nicht  zulässig,  wenn  völkerrechtliche  Verpflichtungen der Schweiz einer Weiterreise der Ausländerin oder des  Ausländers  in  den  Heimat­,  Herkunfts­  oder  einen  Drittstaat  entgegenstehen (Art. 83 Abs. 3 AuG). So darf keine Person in irgendeiner  Form zur Ausreise  in  ein  Land gezwungen werden,  in  dem  ihr  Leib,  ihr  Leben  oder  ihre  Freiheit  aus  einem  Grund  nach  Art. 3  Abs. 1  AsylG  gefährdet  ist  oder  in  dem  sie  Gefahr  läuft,  zur  Ausreise  in  ein  solches  Land  gezwungen  zu  werden  (Art. 5  Abs. 1  AsylG;  vgl.  ebenso  Art. 33  Abs. 1  des  Abkommens  vom  28. Juli  1951  über  die  Rechtsstellung  der  Flüchtlinge  [FK,  SR 0.142.30]).  Gemäss  Art. 25  Abs. 3  der  Bundesverfassung der Schweizerischen Eidgenossenschaft vom 18. April  1999 (BV, SR 101), Art. 3 des Übereinkommens vom 10. Dezember 1984  gegen  Folter  und  andere  grausame,  unmenschliche  oder  erniedrigende  Behandlung  oder  Strafe  (FoK,  SR 0.105)  und  der  Praxis  zu  Art. 3  der  Konvention vom 4. November 1950 zum Schutz der Menschenrechte und  Grundfreiheiten  (EMRK,  SR 0.101)  darf  niemand  der  Folter  oder  unmenschlicher oder erniedrigender Strafe oder Behandlung unterworfen  werden. 5.5.2. Die  Vorinstanz  wies  in  ihrer  angefochtenen  Verfügung  zutreffend  darauf hin, dass das Prinzip des  flüchtlingsrechtlichen Non­Refoulement  nur Personen schützt, die die Flüchtlingseigenschaft erfüllen. Da es dem  Beschwerdeführer  nicht  gelungen  ist,  eine  asylrechtlich  erhebliche  Gefährdung  in Kosovo oder  in Serbien nachzuweisen oder glaubhaft  zu  machen,  kann  der  in  Art. 5  AsylG  verankerte  Grundsatz  der  Nichtrückschiebung im vorliegenden Verfahren keine Anwendung finden.  Eine  Rückkehr  des  Beschwerdeführers  nach  Kosovo  oder  Serbien  ist  demnach  unter  dem  Aspekt  von  Art. 5  AsylG  rechtmässig.  Sodann  ergeben sich weder aus den Aussagen des Beschwerdeführers noch aus  den Akten Anhaltspunkte dafür, dass er für den Fall einer Rückkehr nach  Kosovo  oder  Serbien  mit  beachtlicher  Wahrscheinlichkeit  einer  nach  Art. 3  EMRK  oder  Art. 1  FoK  verbotenen  Strafe  oder  Behandlung  ausgesetzt  wäre.  Gemäss  Praxis  des  Europäischen  Gerichtshofes  für  Menschenrechte  (EGMR)  sowie  jener  des  UN­Anti­Folterausschusses  müsste  der  Beschwerdeführer  eine  konkrete  Gefahr  ("real  risk")  nachweisen  oder  glaubhaft  machen,  dass  ihm  im  Fall  einer  Rückschiebung  Folter  oder  unmenschliche  Behandlung  drohen  würde  (vgl.  EGMR  [Grosse  Kammer],  Saadi  gegen  Italien,  Urteil  vom  28. Februar 2008, Beschwerde Nr. 37201/06, §§ 124 – 127, mit weiteren  Hinweisen).  Auch  die  allgemeine  Menschenrechtssituation  in  Kosovo  oder Serbien lässt den Wegweisungsvollzug zum heutigen Zeitpunkt nicht 

D­696/2010 als  unzulässig  erscheinen.  Nach  dem  Gesagten  ist  der  Vollzug  der  Wegweisung  sowohl  im  Sinne  der  asyl­  als  auch  der  völkerrechtlichen  Bestimmungen zulässig. 5.6.  5.6.1. Gemäss Art. 83 Abs. 4 AuG kann der Vollzug  für Ausländerinnen  und  Ausländer  unzumutbar  sein,  wenn  sie  im  Heimat­  oder  Herkunftsstaat  auf  Grund  von  Situationen  wie  Krieg,  Bürgerkrieg,  allgemeiner  Gewalt  und  medizinischer  Notlage  konkret  gefährdet  sind.  Wird  eine  konkrete  Gefährdung  festgestellt,  ist  –  unter  Vorbehalt  von  Art. 83 Abs. 7 AuG – die vorläufige Aufnahme zu gewähren. 5.6.2. In Bezug auf die allgemeine Sicherheits­ und Menschenrechtslage  ist  festzuhalten,  dass  sowohl  in  Serbien  wie  auch  in  der  serbischen  Enklave im Norden von Kosovo keine Kriegs­ oder Bürgerkriegssituation  und  auch  keine  Situation  allgemeiner  Gewalt  herrscht,  die  den  Wegweisungsvollzug  unzumutbar  erscheinen  liesse.  Der  Vollzug  der  Wegweisung  ethnischer  Serben  mit  letztem  Wohnsitz  in  Kosovo  nach  Serbien oder  in die  serbische Enklave  im Norden von Kosovo  ist  daher  grundsätzlich zumutbar. 5.6.3.  Indessen  kann  sich  der  Wegweisungsvollzug  in  die  serbische  Enklave im Norden von Kosovo oder nach Serbien im konkreten Einzelfall  als  unzumutbar  erweisen,  weil  die  betroffene  Person  dort  aus  individuellen Gründen einer konkreten Gefährdung ausgesetzt wäre. Bei  der Beurteilung, ob der betroffenen Person im Norden von Kosovo oder in  Serbien  eine  zumutbare  Zufluchtsmöglichkeit  offen  steht,  sind  insbesondere die Möglichkeit der wirtschaftlichen Existenzsicherung, der  persönliche Bezug zum Zufluchtsort, wie ein früherer Aufenthalt oder eine  Arbeitsstelle,  und  ein  tragfähiges  familiäres  oder  sonstiges  soziales  Beziehungsnetz sowie die Möglichkeit der gesellschaftlichen  Integration,  zu  berücksichtigen.  Im  Rahmen  dieser  Kriterien  sind  ferner  weitere  Faktoren  in  die Erwägungen einzubeziehen,  so  insbesondere das Alter,  der  Gesundheitszustand,  die  Frage,  ob  es  sich  um  eine  Einzelperson  oder eine Familie handelt, und die berufliche Ausbildung der betroffenen  Personen (vgl. BVGE 2010/41 E. 8.3.3.6 S. 588 f.). 5.6.4. Wie das BFM zu Recht  festgestellt  hat, erscheint der Vollzug der  Wegweisung  nach  B._______,  Gemeinde  C._______  (im  Süden  von  Kosovo),  wo  der  Beschwerdeführer  gewohnt  hat  (vgl.  act.  A1/11  S. 1),  nicht zumutbar, da die Wahrscheinlichkeit einer konkreten Gefährdung für 

D­696/2010 ethnische  Serben  ausserhalb  ihrer  Enklave  im  Norden  von  Kosovo  weiterhin  nicht  ausgeschlossen  werden  kann.  Der  Einschätzung  des  BFM, wonach sich der Beschwerdeführer aufgrund seines Alters, seiner  Ethnie,  seiner  beruflichen  Qualifikation  als  D._______  sowie  seiner  Berufserfahrung  als  E._______  im  Norden  von  Kosovo  eine  neue  Existenz  aufbauen  kann,  kann  indes  nicht  uneingeschränkt  gefolgt  werden.  Die  wirtschaftliche  Situation  in  den  serbischen  Enklaven  in  Kosovo  ist  desolat.  Die  Arbeitslosenquote  unter  den  Kosovo­Serben  beträgt  rund  70 Prozent.  Ausserdem  hat  die  serbische  Bevölkerungsgruppe  wie  die  Angehörigen  der  übrigen  Minderheiten  in  Kosovo  kaum  Zugang  zum  regulären  Arbeitsmarkt  und  ist  zudem  Diskriminierungen beim Zugang zu Unterkünften ausgesetzt. Trotz seiner  Ausbildung  als  D._______  und  seiner  Berufserfahrung  als  E._______  (vgl.  act.  A1/11  S. 3)  dürfte  es  dem  Beschwerdeführer  daher  kaum  möglich  sein,  in  der  serbischen  Enklave  im  Norden  von  Kosovo  eine  wirtschaftliche Existenz aufzubauen. Erschwerend kommt hinzu, dass er  nie im Norden von Kosovo gelebt hat und dort – soweit feststellbar – auch  nicht auf ein familiäres oder soziales Beziehungsnetz zurückgreifen kann,  welches  ihn  bei  der  sozialen  und  wirtschaftlichen  Integration  in  die  Gesellschaft  unterstützen  könnte.  Aufgrund  dieser  Umstände  ist  eine  Rückkehr  des  Beschwerdeführers  in  den  Norden  von  Kosovo  als  unzumutbar zu qualifizieren.  5.6.5. Hingegen  ist  die  Ansicht  des  BFM,  der  Beschwerdeführer  könne  sich  als  Staatsangehöriger  Serbiens  auch  in  Serbien  niederlassen,  zu  bestätigen.  Zwar  sind  in  Serbien  die  Bedingungen  für  Binnenflüchtlinge  zum Aufbau einer wirtschaftlichen Existenz insofern nicht günstig, als die  staatlichen  Behörden  ein  konkretes  Interesse  an  der  Erleichterung  der  Integration  der  kosovarischen  Serben  vermissen  lassen,  da  sie  grundsätzlich nach wie vor  (auf der Basis der Auffassung, Kosovo bilde  einen  territorialen  Bestandteil  Serbiens)  davon  ausgehen,  dass  diese  Personen  längerfristig  wieder  in  ihre  ursprünglichen  Herkunftsorte  in  Kosovo  zurückkehren  werden.  Der  Beschwerdeführer  hat  jedoch  die  Mittelschule  besucht  und  dabei  eine  Ausbildung  als  D._______  abgeschlossen.  Ausserdem  verfügt  er  über  Berufserfahrungen  als  E._______.  In  F._______  (Serbien)  lebt  zudem  ein  Verwandter  des  Beschwerdeführers,  an  den  er  sich  –  zumindest  vorübergehend –  wenden  kann  (vgl.  act.  A7/7  S. 4).  Der  Beschwerdeführer  ist  überdies  alleinstehend und  jung. Allenfalls  könnten  ihn auch  sein  in  der Schweiz  wohnhafter  Bruder  sowie  die  ebenfalls  in  der  Schweiz  lebenden  Tante  (vgl.  act. A1/11 S. 4 f.)  in  finanzieller Hinsicht unterstützen. Es  ist daher 

D­696/2010 nicht davon auszugehen, dass der Beschwerdeführer  in Serbien  in eine  existenzielle  Notlage  geraten  würde.  Auch  stehen  allfällige  weiterhin  bestehende  gesundheitliche  Beschwerden  einem  Vollzug  der  Wegweisung  nicht  entgegen.  Bis  heute  wurde  –  trotz  entsprechender  Aufforderung  in  der  Zwischenverfügung  vom  10. Februar  2010  –  kein  umfassender ärztlicher Bericht eingereicht, sondern lediglich ein ärztlicher  Kurzbericht  datierend  vom  24. Februar  2010.  Aus  diesem  geht  einzig  hervor,  dass  der  Beschwerdeführer  in  jenem  Zeitpunkt  an  einer  psychosozialen Belastungsreaktion  litt. Diese konnte mittels Verordnung  eines  Medikamentes  durch  die  damalige  Hausärztin  therapiert  werden.  Eine  Begutachtung  durch  einen  unabhängigen  Psychiater  erweist  sich  unter diesen Umständen als nicht erforderlich. Der dahingehende Antrag  in  der  Beschwerde  ist  deshalb  abzuweisen.  Sollten  diese  gesundheitlichen Probleme respektive allfällige "Traumata" – wie mit nicht  näher konkretisiertem Schreiben vom 23. März 2010 angedeutet – nach  wie  vor  bestehen,  so  wäre  eine  entsprechende  Therapie  in  Serbien  ebenfalls  möglich.  Somit  besteht  für  den  Beschwerdeführer  in  Serbien  eine zumutbare Aufenthaltsalternative. An dieser Feststellung vermögen  die  weiteren  Ausführungen  in  der  Beschwerde  nichts  zu  ändern.  Diese  beziehen  sich  hauptsächlich  auf  die  Lebenssituation  des  Beschwerdeführers sowie die allgemeine Lage in Kosovo. Eine Rückkehr  dorthin ist indes – wie dargelegt – als unzumutbar zu erachten. Auch der  Einwand  in  der  Beschwerde,  man  könne  ihn  nicht  zwingen,  sich  in  Serbien anzusiedeln und er wolle nicht nach Serbien, ändert nichts daran,  dass der Vollzug der Wegweisung nach Serbien zumutbar ist.  5.7.  Zusammenfassend  ergibt  sich,  dass  der  Vollzug  der  Wegweisung  nach  Kosovo  aufgrund  des  Gesagten  nicht  in  Betracht  fällt.  Demgegenüber  erweist  sich  der Vollzug  der Wegweisung  nach Serbien  nicht  als  unzumutbar  im  Sinne  von  Art. 83  Abs. 4  AuG.  Das  BFM  hat  demnach  im Ergebnis  den Wegweisungsvollzug  zu Recht  als  zumutbar  erachtet.  5.8.  Schliesslich  obliegt  es  dem  Beschwerdeführer,  sich  bei  der  zuständigen  Vertretung  des  Heimatstaates  die  für  eine  Rückkehr  notwendigen  Reisedokumente  zu  beschaffen  (vgl.  Art. 8  Abs. 4  AsylG  und dazu auch BVGE 2008/34 E. 12 S. 513 ff.), weshalb der Vollzug der  Wegweisung als möglich zu bezeichnen ist (Art. 83 Abs. 2 AuG).

D­696/2010 5.9.  Das  BFM  hat  demnach  den  Wegweisungsvollzug  zu  Recht  als  zulässig, zumutbar und möglich erachtet. Die Anordnung der vorläufigen  Aufnahme fällt daher nicht in Betracht (Art. 83 Abs. 1 – 4 AuG). 6.  Aus  diesen  Erwägungen  ergibt  sich,  dass  die  angefochtene  Verfügung  Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig und  vollständig  feststellt  und  angemessen  ist  (Art. 106  AsylG).  Die  Beschwerde ist demnach abzuweisen. 7.  Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten dem Beschwerde­ führer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Diesem wurde allerdings mit  Zwischenverfügung  vom  10. Februar  2010  die  unentgeltliche  Rechtspflege im Sinne von Art. 65 Abs. 1 VwVG gewährt. Anhaltspunkte  dafür,  dass  sich  die  finanzielle  Situation  des  Beschwerdeführers  zwischenzeitlich  geändert  hätte  und  er  nicht  mehr  als  bedürftig  zu  erachten  wäre,  bestehen  keine.  Auf  die  Auferlegung  von  Verfahrenskosten ist daher zu verzichten.  (Dispositiv nächste Seite)

D­696/2010 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1.  Die Beschwerde wird abgewiesen. 2.  Es werden keine Verfahrenskosten auferlegt.  3.  Dieses  Urteil  geht  an  den  Beschwerdeführer,  das  BFM  und  die  zuständige kantonale Behörde. Der vorsitzende Richter: Die Gerichtsschreiberin: Walter Lang Claudia Jorns Morgenegg Versand:

D-696/2010 — Bundesverwaltungsgericht 23.12.2011 D-696/2010 — Swissrulings