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Bundesverwaltungsgericht 15.12.2011 D-6706/2011

15. Dezember 2011·Deutsch·CH·CH_BVGE·PDF·884 Wörter·~4 min·4

Zusammenfassung

Nichteintreten auf Asylgesuch und Wegweisung (Dublin-Verfahren) | Nichteintreten auf Asylgesuch und Wegweisung (Dublin-Verfahren); Verfügung des BFM vom 5. Dezember 2011

Volltext

Bundesve rwa l t ungsge r i ch t T r i buna l   adm in istratif   f édé ra l T r i buna l e   ammin istrati vo   f ede ra l e T r i buna l   adm in istrativ   f ede ra l     Abteilung IV D­6706/2011/sed Urteil   v om   1 5 .   D e z embe r   2011 Besetzung Einzelrichter Hans Schürch, mit Zustimmung von Richterin Contessina Theis;   Gerichtsschreiber Christoph Basler. Parteien A._______, geboren am (…), Russland,  (…),   Beschwerdeführer,  gegen Bundesamt für Migration (BFM),  Quellenweg 6, 3003 Bern,    Vorinstanz.  Gegenstand Nichteintreten auf Asylgesuch und Wegweisung (Dublin);  Verfügung des BFM vom 5. Dezember 2011 / N (…).

D­6706/2011 Das Bundesverwaltungsgericht stellt fest und erwägt, dass  der Beschwerdeführer,  ein  ethnischer  Tschetschene muslimischen  Glaubens, am 17. Oktober 2011 in der Schweiz um Asyl nachsuchte, dass  er  anlässlich  der  Kurzbefragung  im  Empfangs­  und  Verfahrenszentrum  (EVZ)  Kreuzlingen  vom  26.  Oktober  2011  im  Wesentlichen  vorbrachte,  er  habe  sich  von Herbst  2007 bis  im Oktober  2010 als Asylsuchender in Polen aufgehalten, dass  er  im Rahmen  des  ihm  gewährten  rechtlichen Gehörs  hinsichtlich  einer  Wegweisung  nach  Polen  geltend  machte,  sein  Vater  sei  zusammengeschlagen  worden,  bereits  früher  sei  er  im  Asyllager  von  B._______ mit dem Messer angegriffen worden, dass das BFM aufgrund der Angaben des Beschwerdeführers und dem  mit  der  mehrfachen  Stellung  von  Asylgesuchen  in  Zusammenhang  stehenden  Abgleich  der  Fingerabdrücke  mit  der  Zentraleinheit  Eurodac  (Erfassung  des  Beschwerdeführers  am  5.  Oktober  2007  in  Polen)  am  18. November 2011 ein Übernahmeersuchen an die polnischen Behörden  (Erstasylstaat)  stellte,  welchem  am  23. November  2011  zugestimmt  wurde,  dass das BFM in Anwendung von Art. 34 Abs. 2 Bst. d des Asylgesetzes  vom  26. Juni  1998  (AsylG,  SR  142.31)  auf  das  Asylgesuch  des  Beschwerdeführers mit Verfügung vom 5. Dezember 2011 – eröffnet am  7. Dezember  2011  –  nicht  eintrat,  die  Wegweisung  des  Beschwerdeführers nach Polen und den Wegweisungsvollzug anordnete  und  gleichzeitig  feststellte,  einer  allfälligen  Beschwerde  komme  keine  aufschiebende Wirkung zu,  dass  das  BFM  zur  Begründung  im  Wesentlichen  anführte,  Polen  sei  gestützt  auf  das  Abkommen  vom  26. Oktober  2004  zwischen  der  Schweizerischen  Eidgenossenschaft  und  der  Europäischen  Gemeinschaft  über  die  Kriterien  und  Verfahren  zur  Bestimmung  des  zuständigen Staates für die Prüfung eines in einem Mitgliedstaat oder  in  der  Schweiz  gestellten  Asylantrags  (Dublin­Assoziierungsabkommen  [DAA],  SR 0.142.392.689)  und  das Übereinkommen  vom  17. Dezember  2004  zwischen  der  Schweizerischen  Eidgenossenschaft,  der  Republik  Island und dem Königreich Norwegen über die Umsetzung, Anwendung  und Entwicklung des Schengen­Besitzstands und über die Kriterien und  Verfahren zur Bestimmung des zuständigen Staates für die Prüfung eines 

D­6706/2011 in  der  Schweiz,  in  Island  oder  in  Norwegen  gestellten  Asylantrags  (Übereinkommen  vom  17. Dezember  2004,  SR 0.362.32)  für  die  Durchführung des Asylverfahrens zuständig,  dass  die  polnischen  Behörden  der  Rückübernahme  des  Beschwerdeführers  gestützt  auf  Art. 16  Abs. 1  Bst. e  der  Verordnung  [EG] Nr. 343/2003 des Rates vom 18. Februar 2003 zur Festlegung der  Kriterien  und  Verfahren  zur  Bestimmung  des Mitgliedstaats,  der  für  die  Prüfung  eines  von  einem  Drittstaatsangehörigen  in  einem  Mitgliedstaat  gestellten Asylantrags zuständig ist (Dublin­II­VO), zugestimmt hätten,  dass die Rückführung – vorbehältlich einer allfälligen Unterbrechung oder  Verlängerung gemäss Art. 19f Dublin­II­VO – bis spätestens am 23. Mai  2012 zu erfolgen habe, dass daher auf das Asylgesuch des Beschwerdeführers nicht einzutreten  und dessen Wegweisung aus der Schweiz anzuordnen sei,  dass  er  in  einen  Drittstaat  reisen  könne,  in  dem  er  Schutz  vor  Rückschiebung  im  Sinne  von  Art. 5  Abs. 1  AsylG  fände,  weshalb  das  Non­Refoulement­Gebot  bezüglich  des  Heimat­  oder  Herkunftsstaats  nicht  zu  prüfen  sei,  und  ferner  für  den  Fall  einer  Rückkehr  nach  Polen  keine  Hinweise  auf  eine  Verletzung  von  Art. 3  der  Konvention  vom  4. November  1950  zum  Schutze  der  Menschenrechte  und  Grundfreiheiten (EMRK, SR 0.101) bestehen würden, dass weder die  in Polen herrschende allgemeine Situation noch andere  Gründe  gegen  die  Zumutbarkeit  des  Wegweisungsvollzugs  in  diesen  Staat sprächen,  dass  hinsichtlich  des Einwands  des Beschwerdeführers,  sein Vater  und  er  seien  in Polen bedroht worden,  festzuhalten  sei,  dass er  sich an die  zuständige  Polizeibehörde  wenden  könne,  sollte  er  erneut  bedroht  werden, dass  der  Wegweisungsvollzug  zudem  technisch  möglich  und  praktisch  durchführbar sei, dass der Beschwerdeführer mit Eingabe vom 13. Dezember 2011 (Datum  Poststempel)  beim  Bundesverwaltungsgericht  Beschwerde  erhob  und  beantragte,  die  angefochtene  Verfügung  sei  aufzuheben  und  auf  sein  Asylgesuch  sei  einzutreten,  es  sei  die  Flüchtlingseigenschaft 

D­6706/2011 anzuerkennen  und  Asyl  zu  gewähren,  es  sei  festzustellen,  dass  der  Vollzug  der  Wegweisung  unzulässig  und  unzumutbar  sei  sowie  die  vorläufige  Aufnahme  anzuordnen,  die  aufschiebende  Wirkung  der  Beschwerde  sei wiederherzustellen  und  die  unentgeltliche Rechtspflege  sei zu gewähren, dass er  des Weiteren  beantragte,  die  polnische Reiseerlaubnis  und der  russische  Reisepass,  die  er  habe  abgeben  müssen,  seien  ihm  zurückzugeben  und  es  sei  ihm  die  Rückreise  mit  dem  eigenen  Auto  zusammen mit seinem Vater und seinen Brüdern zu gestatten, dass  auf  die  Begründung  der  Beschwerde  –  soweit  für  den  Entscheid  wesentlich – in den nachfolgenden Erwägungen einzugehen ist,  dass  die  vollständigen  vorinstanzlichen  Akten  am  14. Dezember  2011  beim Bundesverwaltungsgericht eintrafen (Art. 109 Abs. 2 AsylG), und zieht in Erwägung, dass das Bundesverwaltungsgericht auf dem Gebiet des Asyls endgültig  über Beschwerden gegen Verfügungen (Art. 5 des Bundesgesetzes vom  20. Dezember  1968  über  das  Verwaltungsverfahren  [VwVG,  SR 172.021])  des  BFM  entscheidet,  ausser  bei  Vorliegen  eines  Auslieferungsersuchens  des  Staates,  vor  welchem  die  beschwerdeführende  Person  Schutz  sucht  (Art. 105  AsylG  i. V. m.  Art. 31 – 33  des Verwaltungsgerichtsgesetzes  vom 17. Juni  2005  [VGG,  SR 173.32];  Art. 83  Bst. d  Ziff. 1  des  Bundesgerichtsgesetzes  vom  17. Juni 2005 [BGG, SR 173.110]), dass eine solche Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG nicht  vorliegt, weshalb das Bundesverwaltungsgericht endgültig entscheidet, dass  der  Beschwerdeführer  am  Verfahren  vor  der  Vorinstanz  teilgenommen hat, durch die angefochtene Verfügung besonders berührt  ist,  ein  schutzwürdiges  Interesse  an deren Aufhebung beziehungsweise  Änderung  hat  und  daher  zur  Einreichung  der  Beschwerde  legitimiert  ist  (Art. 105 AsylG und Art. 48 Abs. 1 VwVG), dass  bei  Beschwerden  gegen  Nichteintretensentscheide,  mit  denen  es  das  BFM  ablehnt,  das  Asylgesuch  auf  seine  Begründetheit  hin  zu 

D­6706/2011 überprüfen  (Art. 32 – 35a  AsylG),  die  Beurteilungskompetenz  der  Beschwerdeinstanz  grundsätzlich  auf  die  Frage  beschränkt  ist,  ob  die  Vorinstanz zu Recht auf das Asylgesuch nicht eingetreten ist, dass  sich  demnach  die  Beschwerdeinstanz  – sofern  sie  den  Nichteintretensentscheid  als  unrechtmässig  erachtet –  einer  selbstständigen materiellen Prüfung enthält, die angefochtene Verfügung  aufhebt  und  die  Sache  zu  neuer  Entscheidung  an  die  Vorinstanz  zurückweist  (vgl. Entscheidungen und Mitteilungen der Schweizerischen  Asylrekurskommission [EMARK] 2004 Nr. 34 E. 2.1. S. 240 f.), dass  demnach  auf  die  Anträge,  es  sei  die  Flüchtlingseigenschaft  anzuerkennen und Asyl zu gewähren, nicht einzutreten ist, dass  die  Abgabe  der  polnischen  Reiseerlaubnis  und  des  russischen  Passes  während  des  Asylverfahrens  sowie  die  Art  der  Rückreise  nach  Polen nicht Gegenstand der angefochtenen Verfügung sind, weshalb auf  die diesbezüglichen weiteren Begehren nicht einzutreten ist, dass  im Übrigen auf die  frist­ und  formgerecht eingereichte Beschwerde  einzutreten ist (Art. 108 Abs. 2 AsylG und Art. 52 VwVG), dass  mit  Beschwerde  die  Verletzung  von  Bundesrecht,  die  unrichtige  oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts und  die Unangemessenheit gerügt werden können (Art. 106 Abs. 1 AsylG), dass über offensichtlich unbegründete Beschwerden in einzelrichterlicher  Zuständigkeit  mit  Zustimmung  eines  zweiten  Richters  beziehungsweise  einer  zweiten Richterin  entschieden wird  (Art. 111 Bst. e AsylG)  und  es  sich  vorliegend,  wie  nachfolgend  aufgezeigt,  um  eine  solche  handelt,  weshalb  der  Beschwerdeentscheid  nur  summarisch  zu  begründen  ist  (Art. 111a Abs. 2 AsylG), dass  gestützt  auf  Art. 111a  Abs. 1  AsylG  vorliegend  auf  einen  Schriftenwechsel verzichtet wurde, dass  auf  Asylgesuche  in  der  Regel  nicht  eingetreten  wird,  wenn  Asylsuchende  in  einen  Drittstaat  ausreisen  können,  der  für  die  Durchführung  des  Asyl­  und  Wegweisungsverfahrens  staatsvertraglich  zuständig ist (Art. 34 Abs. 2 Bst. d AsylG),

D­6706/2011 dass der vorgängige Aufenthalt in Polen und die Zustimmung Polens zur  Rückübernahme  des  Beschwerdeführers  aufgrund  der  Aktenlage  feststehen,  dass  Polen  die  Asylvorbringen  des  Beschwerdeführers  offenbar  bereits  geprüft  und  seinen  Antrag  abgelehnt  hat,  da  es  seiner  Übernahme  gestützt auf Art. 16 Abs. 1 Bst. e Dublin­II­VO zustimmte (act. A13/1),  dass  Polen  Signatarstaat  des  Abkommens  vom  28. Juli  1951  über  die  Rechtsstellung  der  Flüchtlinge  (FK,  SR 0.142.30),  der  EMRK  und  des  Übereinkommens  vom  10. Dezember  1984  gegen  Folter  und  andere  grausame,  unmenschliche  oder  erniedrigende  Behandlung  oder  Strafe  (FoK, SR 0.105)  ist, und keine konkreten Anhaltspunkte dafür vorliegen,  wonach Polen  sich  nicht  an  die  daraus  resultierenden  völkerrechtlichen  Verpflichtungen,  insbesondere  an  das  Rückschiebungsverbot,  halten  würde,  dass  –  entgegen  der  Darstellung  in  der  Rechtsmitteleingabe  –  keine  Hinweise  dafür  vorliegen,  Polen  sei  nicht  in  der  Lage,  dem  Beschwerdeführer  den  erforderlichen  Schutz  vor  Nachstellungen  durch  Drittpersonen  zu  gewähren,  wenn  auch  die  Möglichkeiten  einer  Schutzgewährung dort      – wie in jedem Staat – an Grenzen stossen, dass somit nicht davon auszugehen ist, das BFM hätte Veranlassung zu  einem Selbsteintritt (Art. 3 Abs. 2 Dublin­II­VO) gehabt,  dass das BFM demnach zu Recht in Anwendung von Art. 34 Abs. 2 Bst. d  AsylG auf das Asylgesuch des Beschwerdeführers nicht eingetreten ist,  dass  die  Anordnung  der  Wegweisung  nach  Polen  der  Systematik  des  Dublin­Verfahrens  –  bei  dem  es  sich  um  ein  Überstellungsverfahren  in  den  für  die  Prüfung  des  Asylgesuchs  zuständigen  Staat  handelt –  entspricht und im Einklang mit der Bestimmung von Art. 44 Abs. 1 AsylG  steht, wobei in Verfahren nach Art. 34 Abs. 2 Bst. d AsylG die Frage nach  der Zulässigkeit  und Möglichkeit  des Wegweisungsvollzugs  regelmässig  bereits  Voraussetzung  (und  nicht  erst  Regelfolge)  des  Nichteintretensentscheids ist, und hier nicht mehr zu prüfen ist,  dass sich auch die Frage der Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs in  einem  Dublin­Verfahren  nicht  unter  dem  Aspekt  der  vorläufigen  Aufnahme  gemäss  Art. 83  Abs. 1  und  4  des  Bundesgesetzes  vom  16. Dezember  2005  über  die  Ausländerinnen  und  Ausländer  (AuG, 

D­6706/2011 SR 142.20)  stellt,  sondern  eine  entsprechende  Prüfung,  soweit  notwendig,  bereits  im  Rahmen  der  Entscheidfindung  hinsichtlich  der  Ausübung des Selbsteintrittsrechts stattfinden muss,  dass  vorliegend  –  wie  aufgezeigt  –  kein  Anlass  zur  Ausübung  des  Selbsteintrittsrechts (Art. 3 Abs. 2 Dublin­II­VO) besteht, weshalb der vom  BFM verfügte Vollzug der Wegweisung zu bestätigen ist,  dass  es  dem  Beschwerdeführer  demnach  nicht  gelungen  ist,  darzutun,  inwiefern  die  angefochtene  Verfügung  Bundesrecht  verletzt,  den  rechtserheblichen Sachverhalt unrichtig oder unvollständig  feststellt oder  unangemessen ist (Art. 106 AsylG), weshalb die Beschwerde abzuweisen  ist, soweit auf diese einzutreten ist, dass  sich  das  sinngemässe  Gesuch  um  Erlass  vorsorglicher  Massnahmen aufgrund des direkten Entscheides in der Hauptsache ohne  vorgängige Instruktion als gegenstandslos erweist,  dass  gestützt  auf  Art.  6  Bst.  b  des  Reglements  vom  21. Februar  2008  über  die  Kosten  und  Entschädigungen  vor  dem  Bundesverwaltungsgericht  [VGKE, SR 173.320.2]) auf die Erhebung von  Verfahrenskosten zu verzichten ist, weshalb das Gesuch um Gewährung  der  unentgeltlichen  Rechtspflege  im  Sinne  von  Art. 65  Abs. 1  VwVG  gegenstandslos wird. (Dispositiv nächste Seite)

D­6706/2011 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1.  Die Beschwerde wird abgewiesen, soweit auf diese eingetreten wird. 2.   Es werden keine Verfahrenskosten auferlegt.  3.  Dieses  Urteil  geht  an  den  Beschwerdeführer,  das  BFM  und  die  zuständige kantonale Behörde. Der Einzelrichter: Der Gerichtsschreiber: Hans Schürch Christoph Basler Versand:

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