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Bundesverwaltungsgericht 14.09.2011 D-5972/2009

14. September 2011·Deutsch·CH·CH_BVGE·PDF·1,587 Wörter·~8 min·1

Zusammenfassung

Asyl und Wegweisung | Asyl und Wegweisung; Verfügung des BFM vom 14. August 2009

Volltext

Bundesve rwa l t ungsge r i ch t T r i buna l   adm in istratif   f édé ra l T r i buna l e   ammin istrati vo   f ede ra l e T r i buna l   adm in istrativ   f ede ra l Abteilung IV D­5972/2009/sed Urteil   v om     1 4 .   S ep t embe r   2011 Besetzung Contessina Theis (Vorsitz), Richterin Gabriela Freihofer,  Richterin Claudia Cotting­Schalch,  Gerichtsschreiberin Susanne Scheidegger. Parteien A._______, geboren am (…), Irak,  Beschwerdeführer,  gegen Bundesamt für Migration (BFM),  Quellenweg 6, 3003 Bern,    Vorinstanz.  Gegenstand Asyl und Wegweisung;  Verfügung des BFM vom 14. August 2009 / (…).

D­5972/2009 Sachverhalt: A.  Der  Beschwerdeführer  ist  ein  irakischer  Staatsangehöriger  kurdischer  Ethnie.  Zusammen mit  seinen Eltern,  seinem älteren Bruder  und  seiner  jüngeren Schwester wohnte er in B._______, einem Ort in der Nähe von  C._______.  Gemäss  eigenen  Angaben  verliess  er  den  Irak  am  25.  November  2008  an Bord  eines Schlepper­Personenwagens  in Richtung  Syrien. Von Syrien aus gelangte er in die Türkei und von dort aus an Bord  eines  TIR­Lastwagens  schliesslich  in  die  Schweiz,  wo  er  am  6.  Januar  2009 Asyl beantragte. Am 19. Januar 2009 wurde er  im Empfangs­ und  Verfahrenszentrum Chiasso  summarisch  zu  seinen Asylgründen  befragt  und anschliessend dem Kanton D._______ zugewiesen. Das BFM führte  am 9. Juli 2009 eine ergänzende Anhörung durch.  B.  Im  Rahmen  der  durchgeführten  Befragungen  machte  der  Beschwerdeführer  zu  den  Gründen  seiner  Flucht  aus  dem  Irak  im  Wesentlichen  die  folgenden  Angaben:  Von  2006­2007  habe  er  als  Wächter  in  einer  (…)fabrik  gearbeitet.  Am  18.  September  2008  seien  vermummte  Männer  in  die  Fabrik  eingedrungen  und  es  sei  zu  einem  Schusswechsel  gekommen.  Die  daraufhin  alarmierte  Polizei  habe  die  Einbrecher  nicht  stellen  oder  aufspüren  können.  Nach  diesem  Zwischenfall  hätten  die  Einbrecher  dem  Beschwerdeführer  gedroht,  indem  sie  gemäss  seinen  Angaben  auf  offener  Strasse  auf  ihn  geschossen hätten. Bei der ersten Schussabgabe, am 8. Oktober 2011,  sei  er  etwa  um  16  Uhr  spazieren  gegangen,  als  plötzlich  ein  Auto  gekommen sei und man auf ihn geschossen habe. Allerdings sei er nicht  getroffen worden. Er habe die Polizei alarmiert, aber sie hätten die Täter  auch nicht  ermitteln  können. Daraufhin  sei  eine Woche  später  noch ein  zweites Mal auf ihn geschossen worden, aber wiederum sei er unverletzt  geblieben.  Er  vermute,  dass  die  Einbrecher  sich  an  ihm  hätten  rächen  wollen,  da  er  unter  Umständen  bei  der  Schiesserei  in  der  (…)fabrik  jemanden getroffen habe. Nach dem zweiten Vorfall  habe er   das Land  verlassen.  C.  Das  BFM  lehnte  mit  Verfügung  vom  14.  August  2009  –  zugestellt  am  25. August  2009  –  das  Asylgesuch  des  Beschwerdeführers  vom  6.  Januar 2009 ab und ordnete die Wegweisung aus der Schweiz sowie den 

D­5972/2009 Vollzug an. Auf die Begründung wird, soweit entscheidwesentlich, in den  Erwägungen eingegangen.  D.  Mit  Eingabe  vom  18.  September  2009  (Poststempel)  erhob  der  Beschwerdeführer  gegen  diesen  Entscheid  beim  Bundesverwaltungsgericht  Beschwerde  und  beantragte  die  Aufhebung  der  angefochtenen  Verfügung,  die  Gewährung  von  Asyl  sowie  eventualiter  die  Anordnung  der  vorläufigen  Aufnahme  wegen  Unzulässigkeit  und  Unzumutbarkeit  des  Vollzugs  der  Wegweisung.  In  prozessualer  Hinsicht  beantragte  er  die Gewährung  der  unentgeltlichen  Rechtspflege  im  Sinne  von  Art.  65  Abs.  1  des  Bundesgesetzes  vom  20. Dezember 1968 über das Verwaltungsverfahren (VwVG, SR 172.021)  sowie den Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses. E.  Mit Eingabe vom 22. September 2009 reichte der Beschwerdeführer eine  Fürsorgebestätigung ein. F.  Der  zuständige  Instruktionsrichter  teilte  dem  Beschwerdeführer  mit  Zwischenverfügung vom 30. September 2009 mit, über das Gesuch um  unentgeltliche  Prozessführung  gemäss  Art.  65  Abs.  1  VwVG  werde  zu  einem späteren Zeitpunkt entschieden. Zugleich wurde auf die Erhebung  eines Kostenvorschusses verzichtet.  G.  Mit Vernehmlassung vom 6. Oktober 2009 hielt das BFM vollumfänglich  an  seinen  Erwägungen  fest  und  beantragte  die  Abweisung  der  Beschwerde.  H.  Mit  Schreiben  vom  17.  Dezember  2009  übermittelte  der  Beschwerdeführer  als  Beweismittel  einen  Brief  seines  Vaters,  bestätigt  vom  Dorfvorsteher,  in  welchem  ausgeführt  wird,  dass  der  Beschwerdeführer  in  diesem  Dorf  aufgewachsen  sei,  und  erklärt  wird,  weshalb  er  das  Dorf  habe  verlassen  müssen.  Eine  entsprechende  Übersetzung reichte er am 7. Januar 2010 (Poststempel) nach. 

D­5972/2009 D­5972/2009 Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1.  1.1. Gemäss Art. 31 des Verwaltungsgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005  (VGG, SR 173.32) beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Beschwerden  gegen  Verfügungen  nach  Art.  5  VwVG.  Über  Beschwerden  gegen  Verfügungen,  die  gestützt  auf  das  Asylgesetzes  vom  26. Juni  1998  (AsylG,  SR  142.31)  durch  das  BFM  erlassen  worden  sind,  entscheidet  das  Bundesverwaltungsgericht  grundsätzlich  (mit  Ausnahme  von  Verfahren betreffend Personen, gegen die ein Auslieferungsersuchen des  Staates  vorliegt,  vor  welchem  sie  Schutz  suchen)  endgültig  (Art.  105  AsylG  i.V.m.  Art.  31­33  VGG;  Art.  83  Bst.  d  Ziff.  1  des  Bundesgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005 [BGG, SR 173.110]).  1.2.  Mit  Beschwerde  an  das  Bundesverwaltungsgericht  können  die  Verletzung  von  Bundesrecht,  einschliesslich  Missbrauch  und  Überschreitung  des  Ermessens,  die  unrichtige  oder  unvollständige  Feststellung  des  rechtserheblichen  Sachverhalts  und  die  Unangemessenheit gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG). 2.  Der  Beschwerdeführer  ist  legitimiert;  auf  seine  frist­  und  formgerecht  eingereichte Beschwerde ist einzutreten (Art. 105 und 108 Abs. 1 AsylG;  Art. 37 VGG i.V.m. Art. 48 Abs. 1 und Art. 52 VwVG). 3.  3.1.  Gemäss  Art.  2  Abs.  1  AsylG  gewährt  die  Schweiz  grundsätzlich  Flüchtlingen Asyl. Als Flüchtling wird eine Person anerkannt, wenn sie in  ihrem  Heimatstatt  oder  im  Land,  wo  sie  zuletzt  wohnte,  wegen  ihrer  Rasse, Religion, Nationalität, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen  Gruppe  oder  wegen  ihrer  politischen  Anschauungen  ernsthaften  Nachteilen ausgesetzt ist oder begründete Furcht hat, solchen Nachteilen  ausgesetzt  zu  werden.  Als  ernsthafte  Nachteile  gelten  namentlich  die  Gefährdung von Leib, Leben oder Freiheit sowie Massnahmen, die einen  unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 AsylG). 3.2.  Wer  um  Asyl  nachsucht,  muss  die  Flüchtlingseigenschaft  nachweisen oder zumindest glaubhaft machen. Glaubhaft gemacht ist die  Flüchtlingseigenschaft,  wenn  die  Behörde  ihr  Vorhandensein  mit  überwiegender  Wahrscheinlichkeit  für  gegeben  hält.  Unglaubhaft  sind 

D­5972/2009 insbesondere  Vorbringen,  die  in  wesentlichen  Punkten  zu  wenig  begründet  oder  in  sich  widersprüchlich  sind,  den  Tatsachen  nicht  entsprechen  oder  massgeblich  auf  gefälschte  oder  verfälschte  Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG).  4.  4.1. Das  BFM  führte  in  der  Abweisungsverfügung  aus,  dass  Übergriffe  durch Dritte oder Befürchtungen, künftig solchen ausgesetzt zu sein, nur  dann  asylrelevant  sind,  wenn  der  Staat  seiner  Schutzpflicht  nicht  nachkomme  oder  nicht  in  der  Lage  sei,  Schutz  zu  gewähren.  Gemäss  den  Angaben  des  Gesuchstellers  sei  die  Polizei  sowohl  nach  dem  Schusswechsel im September 2008 als auch nach den Schüssen auf den  Gesuchsteller  im Oktober 2008 aufgeboten worden und erschienen. Sie  hätten den Tatbestand aufgenommen und im Rahmen des Möglichen die  Täterschaft  zu  ermitteln  versucht.  Unabhängig  von  der  Frage  der  tatsächlichen  staatlichen  Schutzfähigkeit  im  Raume  B._______  verfüge  der  Beschwerdeführer  zudem  so  oder  anders  über  eine  taugliche  innerstaatliche Fluchtalternative im kurdisch kontrollierten Nordirak. Hinzu  komme, dass sich bei nüchterner Betrachtung auch die Frage nach der  Glaubhaftigkeit der  in dieser Form geltend gemachten Vorbringen stelle.  So  erscheine  es  durchaus  fraglich,  ob  die  Einbrecher,  die  im  Oktober  2008 zweimal auf offener Strasse auf den Beschwerdeführer geschossen  haben sollen, ihn tatsächlich beide Male verfehlt hätten. Die Vorinstanz gelangt deshalb zur Einschätzung, es sei nicht glaubhaft,  dass  der Beschwerdeführer  aufgrund  seiner Arbeit  als Wächter  in  einer  (…)fabrik  und  den  angeblichen  Schüssen  auf  ihn  einer  Verfolgung  ausgesetzt und mit dem Leben bedroht gewesen sei. 4.2. Glaubhaftmachung  im Sinne des Art. 7 Abs. 2 AsylG bedeutet –  im  Gegensatz zum strikten Beweis – ein reduziertes Beweismass und  lässt  durchaus  Raum  für  gewisse  Einwände  und  Zweifel  an  den  Vorbringen  des  Gesuchstellers.  Entscheidend  ist,  ob  die  Gründe,  die  für  die  Richtigkeit  der  gesuchstellerischen  Sachverhaltsdarstellung  sprechen,  überwiegen  oder  nicht  (so  die  ständige  Praxis  der  ehemaligen  Schweizerischen  Asylrekurskommission  [ARK],  welche  für  die  Rechtsprechung  des  Bundesverwaltungsgericht  einen  nach  wie  vor  gültigen Massstab bildet; vgl. etwa Entscheidungen und Mitteilungen der  Schweizerischen Asylrekurskommission [EMARK] 1996 Nr. 27 E. 3c/aa). 

D­5972/2009 4.3. Den Einschätzungen des BFM in Bezug auf die Unglaubhaftigkeit der  Vorbringen ist zu folgen. Zwar ist der Überfall auf die (…)fabrik glaubhaft  und durchaus als  realistisch  zu betrachten. Der Vorfall mit  der Drohung  und  den  beiden  Schussabgaben  auf  den  Beschwerdeführer  auf  offener  Strasse scheint hingegen weit hergeholt. Zum Einen  ist nicht ersichtlich,  welche  Interessen  die  Einbrecher  der  (…)fabrik  daran  gehabt  haben  sollen, den Beschwerdeführer zu töten. Bei  ihm handelt es sich  lediglich  um  einen  unbedeutenden  Wachmann,  der  weder  Einfluss  noch  eine  wichtige Rolle  in dieser Fabrik, einer Partei oder sonst  irgendwo gehabt  hat. Falls die Einbrecher wirklich ein  Interesse daran gehabt hätten,  ihn  aus Rache  zu  töten,  dann wäre  auch  der  andere Wachmann  gefährdet  gewesen.  Dass  der  Kollege  nach  dem  Einbruch  ebenfalls  Probleme  bekommen  haben  soll,  erwähnte  der  Beschwerdeführer  zu  keinem  Zeitpunkt.  Zum  Anderen  erscheint  es  eher  unwahrscheinlich,  dass  die  Einbrecher  zweimal  auf  offener  Strasse  auf  ihn  geschossen  und  bei  keiner Schussabgabe den Beschwerdeführer mit einer Kugel verletzt oder  gestreift haben sollen. Dass es sich dabei um reines Glück gehandelt hat,  muss bezweifelt werden.  4.4. Ein weiterer Widerspruch in der Geschichte bezüglich der Bedrohung  liegt  in  der  Todesdrohung,  welche  von  den  Einbrechern  ausging.  Der  Beschwerdeführer  erklärte  anlässlich  der  Anhörung  vom  9.  Juli  2009,  dass  ihm  durch  die  Schussabgabe  auf  ihn  gedroht  worden  sei.  Er  erwähnte  keine  Drohbriefe,  Drohanrufe  oder  dergleichen.  Der  Vater  hingegen hielt  in seinem Schreiben, welches vom Beschwerdeführer als  Beweismittel  beim  Bundesverwaltungsgericht  eingereicht  wurde,  folgendes  fest:  "Später  wurde  er  mit  dem  Tod  bedroht.  Sie  haben  ihn  bedroht  und  ihm  gesagt,  dass  sie  ihn  töten  würden,  auch  wenn  er  die  Stadt verlässt und zu einem andern Ort im Irak ginge. Deshalb musste er  das  Land  verlassen".  Ein  angeblicher  Kontakt  durch  das  mündliche  Übermitteln  der  Todesdrohung  wurde  somit  erst  vom  Vater  in  die  Geschichte  eingebracht.  Die  beiden  Aussagen  von  Vater  und  Sohn  stimmen somit nicht überein und sind unglaubhaft. Es ist  zudem auffällig,  dass der Vater erst nach dem Entscheid des BFM vom 14. August 2009,  worin  die  innerstaatliche  Fluchtmöglichkeit  anerkannt  und  ein  Wegweisungsvollzug in den Nordirak als zumutbar erachtet wurde, diese  Drohung  wiedergab.  Vorher  war  nie  die  Rede  davon,  dass  dem  Beschwerdeführer von den Terroristen gedroht worden sei, ihn im ganzen  Land aufzuspüren, um  ihn zu  töten. Das  führt  zum Schluss,  dass diese  Drohung vom Vater erfunden wurde, um damit ein Argument gegen eine  Wegweisung in den Nordirak vorzubringen. 

D­5972/2009 Aufgrund  der  Widersprüche  und  der  Ungereimtheiten  ist  davon  auszugehen,  dass  es  keine  Todesdrohungen  gegen  den  Beschwerdeführer  gegeben  hat  und  die  angeblichen  Schüsse  auf  den  Beschwerdeführer auf offener Strasse erfunden sind.   4.5.  Zusammenfassend  ist  festzustellen,  dass  die  Vorbringen  des  Beschwerdeführers  unglaubhaft  sind,  weshalb  sie  auch  nicht  auf  ihre  Asylrelevanz  überprüft  werden  müssen.  Das  BFM  hat  demnach  im  Ergebnis  zu  Recht  die  Flüchtlingseigenschaft  des  Beschwerdeführers  verneint und sein Asylgesuch abgelehnt.  5.  5.1. Lehnt  das Bundesamt  das Asylgesuch  ab  oder  tritt  es  darauf  nicht  ein,  so  verfügt  es  in  der  Regel  die Wegweisung  aus  der  Schweiz  und  ordnet den Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit  der Familie (Art. 44 Abs. 1 AsylG).  5.2. Der Beschwerdeführer  verfügt weder  über  eine  ausländerrechtliche  Aufenthaltsbewilligung  noch  über  einen  Anspruch  auf  Erteilung  einer  solchen. Die Wegweisung wurde demnach zu Recht angeordnet (Art. 44  Abs. 1 AsylG; vgl. BVGE 2009/50 E.9 S.733 und EMARK 2001 Nr. 21).  6.  6.1.  Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder  nicht möglich, so regelt das Bundesamt das Anwesenheitsverhältnis nach  den  gesetzlichen  Bestimmungen  über  die  vorläufige  Aufnahme  von  Ausländern  (Art.  44  Abs.  2  AsylG;  Art.  83  Abs.  1  des  Bundesgesetzes  vom 16. Dezember  2005 über  die Ausländerinnen und Ausländer  [AuG,  SR 142.20]). Bezüglich  der  Geltendmachung  von  Wegweisungshindernissen  gilt  gemäss  ständiger  Praxis  des  Bundesverwaltungsgerichts  und  seiner  Vorgängerorganisation  ARK  der  gleiche  Beweisstandard  wie  bei  der  Flüchtlingseigenschaft, das heisst, sie sind zu beweisen, wenn der strikte  Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft zu machen (vgl.  WALTER  STÖCKLI,  Asyl,  in:  Uebersax/Rudin/Hugi  Yar/Geiser  [Hrsg.],  Ausländerrecht, 2. Aufl., Basel 2009, Rz. 11.148).

D­5972/2009 6.2.  6.2.1.  Der  Vollzug  ist  nicht  zulässig,  wenn  völkerrechtliche  Verpflichtungen der Schweiz einer Weiterreise der Ausländerin oder des  Ausländers  in  den  Heimat­,  Herkunfts­  oder  in  einen  Drittstaat  entgegenstehen (Art. 83 Abs. 3 AuG).  So  darf  keine  Person  in  irgendeiner  Form  zur  Ausreise  in  ein  Land  gezwungen  werden,  in  dem  ihr  Leib,  ihr  Leben  oder  ihre  Freiheit  aus  einem  Grund  nach  Art.  3  Abs.  1  AsylG  gefährdet  ist  oder  in  dem  sie  Gefahr läuft, zur Ausreise in ein solches Land gezwungen zu werden (Art.  5 Abs. 1 AsylG; vgl. ebenso Art. 33 Abs. 1 des Abkommens vom 28. Juli  1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge [FK, SR 0.142.30]).  Die  Vorinstanz  wies  in  der  angefochtenen  Verfügung  zutreffend  darauf  hin, dass der Grundsatz des  flüchtlingsrechtlichen Non­Refoulement nur  Personen  schützt,  die  die  Flüchtlingseigenschaft  erfüllen.  Da  es  dem  Beschwerdeführer  nicht  gelungen  ist,  eine  asylrechtlich  erhebliche  Gefährdung nachzuweisen oder glaubhaft zu machen, kann das in Art. 5  AsylG  verankerte  Prinzip  der  Nichtrückschiebung  im  vorliegenden  Verfahren keine Anwendung finden. Gemäss  Art.  25  Abs.  3  der  Bundesverfassung  der  Schweizerischen  Eidgenossenschaft  vom  18. April  1999  (BV,  SR  101),  Art.  3  des  Übereinkommens  vom  10. Dezember  1984  gegen  Folter  und  andere  grausame,  unmenschliche  oder  erniedrigende  Behandlung  oder  Strafe  (FoK,  SR  0.105)  und  der  Praxis  zu  Art.  3  der  Konvention  vom  4. November  1950  zum  Schutze  der  Menschenrechte  und  Grundfreiheiten  (EMRK,  SR  0.101),  darf  niemand  der  Folter  oder  unmenschlicher oder erniedrigender Strafe oder Behandlung unterworfen  werden.  Der  Beschwerdeführer  hat  E._______  im  Alter  von  zwei  Jahren  zusammen  mit  seiner  Familie  verlassen,  da  der  Vater  aufgrund  von  Landstreitigkeiten  [Angabe  eines  Deliktes]  haben  soll.  Der  Beschwerdeführer  erklärt  in  seiner  Beschwerde  deshalb,  dass  er  nicht  zurück  in  diese Region  könne.  Er  führt  aber  nicht weiter  im Detail  aus,  was  genau  das  Problem  sei.  Auch  sein  Vater  erwähnte  in  seinem  Schreiben  lediglich, dass sie  "wegen der schwierigen Situation dort und  aus andern verschiedenen Gründen" damals E._______ verlassen hätten  und nach B._______ gegangen seien. Es ist allerdings unwahrscheinlich, 

D­5972/2009 dass der Beschwerdeführer aufgrund möglicher Delikte des Vaters heute  noch  in Gefahr  ist. Sollten  tatsächlich Personen eine persönliche Rache  aufgrund  der  damaligen  Vorkommnisse  anstreben,  dann  wäre  die  Vergeltung  innerhalb  der  vergangenen  zwanzig  Jahre  bereits  an  den  Brüdern  des  Vaters  vorgenommen  worden,  die  ebenfalls  in  dieser  Umgebung  wohnen.  Von  einem  solchen  Vergeltungsschlag  ist  nichts  bekannt.  Zudem  funktioniert  in  der  Region  E._______  der  Sicherheitsapparat.  Die  Bevölkerung  kann  somit  vor  Übergriffen  durch  Dritte geschützt werden (BVGE 2008/4, E. 6.1­6.7). Eine Gefährdung des  Beschwerdeführers  ist  deshalb  nicht  ersichtlich  und  der  Vollzug  der  Wegweisung in die Nordprovinz Dohuk zulässig.  6.2.2. Gemäss Art. 83 Abs. 4 AuG kann der Vollzug  für Ausländerinnen  und  Ausländer  unzumutbar  sein,  wenn  sie  im  Heimat­  oder  Herkunftsstaat  auf  Grund  von  Situationen  wie  Krieg,  Bürgerkrieg,  allgemeiner  Gewalt  und  medizinischer  Notlage  konkret  gefährdet  sind.  Wird eine konkrete Gefährdung festgestellt, ist – unter Vorbehalt von Art.  83 As. 7 AuG – die vorläufige Aufnahme zu gewähren (vgl. Botschaft zum  Bundesgesetz  über  die  Ausländerinnen  und  Ausländer  vom  8.  März  2002, BBl 2002 3818).  Das  Bundesverwaltungsgericht  geht  gemäss  konstanter  Praxis  davon  aus, dass in den drei kurdischen Provinzen Dohuk, Erbil und Suleimaniya  keine  Situation  allgemeiner  Gewalt  herrscht  und  die  dortige  politische  Lage nicht derart angespannt ist, dass eine Rückführung dorthin generell  als  unzumutbar  betrachtet  werden  müsste.  Die  Anordnung  des  Wegweisungsvollzugs  ist  in  der  Regel  für  alleinstehende,  gesunde  und  junge  kurdische Männer,  die  ursprünglich  aus einer  der  drei  kurdischen  Provinzen  stammen  oder  eine  längere  Zeit  dort  gelebt  haben  und  dort  nach  wie  vor  über  ein  soziales  Netz  (Familie,  Verwandtschaft  oder  Bekanntenkreis)  oder  Parteibeziehungen  verfügen,  zumutbar,  während  für alleinstehende Frauen und für Familien mit Kindern, sowie für Kranke  und  Betagte  bei  der  Feststellung  der  Zumutbarkeit  des  Wegweisungsvollzugs grosse Zurückhaltung angebracht ist (BVGE 2008/5 E.  7.5.8 S. 72). Die  Sicherheitslage  in  den  drei  kurdischen  Provinzen  hat  sich  seit  der  Publikation des erwähnten Urteils (BVGE 2008/5) nicht verschlechtert. In  der  überwiegenden  Mehrheit  der  Berichte  von  Regierungs­  und  Nichtregierungsorganisationen  sowie  des  UN­Sicherheitsrats  wird  eine  insgesamt stabile Situation beschreiben. In seinem Bericht von Juli 2010 

D­5972/2009 bestätigt  das  Amt  des  Hohen  Flüchtlingskommissars  der  Vereinten  Nationen  (UNHCR)  die  relativ  stabile  Sicherheitslage  in  den  drei  kurdischen Provinzen  (vgl. UNHCR, Note on  the Continued Applicability  of  the  April  2009  UNHCR  Eligibility  Guidelines  for  Assessing  the  International Protection Needs of  Iraqi Asylum­Seekers, Juli 2010, S. 2).  Die allgemeine Sicherheitslage im Nordirak spricht somit nicht gegen die  Zumutbarkeit des Vollzugs der Wegweisung (vgl. auch BVGer, Urteil vom  19. April 2011,    E­ 1957/2008). Der  heute  fast  (…)­jährige,  alleinstehende  und  gesunde  Beschwerdeführer  lebte  zwar  lange  in  B._______,  stammt  aber  ursprünglich  aus  der  Provinz  Dohuk.  Mehrere  Verwandte,  Onkel  mütterlicher­  und  väterlicherseits,  wohnen  gemäss  seinen  eigenen  Angaben immer noch dort. Der Vater stammt ursprünglich aus der Region  F._______.  Während  vier  Jahren  besuchte  der Beschwerdeführer  in  B._______  die  Schule. Die Familie  lebte von der Landwirtschaft,  indem der Vater Land  von  der  irakischen  Regierung  gepachtet  und  mit  Hilfe  des  Sohnes  bewirtschaftet  hat.  Während  der  Zeit  der  Ernte  wurde  die  Familie  des  Beschwerdeführers  von  provisorischen  Angestellten  unterstützt.  Der  Beschwerdeführer  stammt  somit  aus  einer  vergleichsweise  wohlhabenden  Familie  und  kann  mit  Sicherheit  bei  einer  Wiedereingliederung unterstützt werden.  Zusammenfassend  ist  festzuhalten, dass keine Anhaltspunkte vorliegen,  die  auf  eine  konkrete  Gefährdung  des  Beschwerdeführers  im  Irak  schliessen lassen. Damit ist der Vollzug der Wegweisung als zumutbar zu  erachten. 6.3.  Schliesslich  obliegt  es  dem  Beschwerdeführer,  sich  bei  der  zuständigen  Vertretung  seines  Heimatstaates  die  für  die  Rückkehr  notwendigen  Reisedokumente  zu  beschaffen  (Art.  8  Abs.  4  AsylG  und  dazu BVGE 2008/34 E.12), weshalb  der Vollzug  der Wegweisung auch  als möglich zu bezeichnen ist (Art. 83 Abs. 2 AuG). 6.4. Insgesamt ist der durch die Vorinstanz verfügte Wegweisungsvollzug  demnach zu bestätigen. Die Vorinstanz hat diesen zu Recht als zulässig,  zumutbar und möglich erachtet. Nach dem Gesagten fällt eine Anordnung  der vorläufigen Aufnahme ausser Betracht (Art. 83 Abs. 1­4 AuG).

D­5972/2009 7.  Aus  diesen  Erwägungen  ergibt  sich,  dass  die  angefochtene  Verfügung  Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig und  vollständig  feststellt  und  angemessen  ist.  Die  Beschwerde  ist  somit  abzuweisen.  8.  Das  mit  der  Beschwerde  gestellte  Gesuch  um  Gewährung  der  unentgeltlichen  Rechtspflege  gemäss  Art.  65  Abs.  1  VwVG  ist  abzuweisen,  da  die  Begehren  –  wie  sich  aus  den  vorliegenden  Erwägungen  ergibt  –  als  aussichtslos  zu  bezeichnen  sind,  weshalb  die  kumulativen  Voraussetzungen  für  die  Gewährung  der  unentgeltlichen  Rechtspflege nicht erfüllt sind.  9.  Bei  diesem  Ausgang  des  Verfahrens  sind  die  Kosten  dem  Beschwerdeführer  aufzuerlegen  (Art.  63  Abs.  1  und  5  VwVG)  und  auf  insgesamt  Fr. 600.­  festzusetzen  (Art.  1­3  des  Reglementes  vom  21.  Februar  2008  über  die  Kosten  und  Entschädigungen  vor  dem  Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]). (Dispositiv nächste Seite)

D­5972/2009 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1.  Die Beschwerde wird abgewiesen. 2.  Das  Gesuch  um  Gewährung  der  unentgeltlichen  Rechtspflege  gemäss  Art. 65 Abs. 1 VwVG wird abgewiesen. 3.  Die  Verfahrenskosten  von  Fr.  600.­  werden  dem  Beschwerdeführer  auferlegt.  Dieser  Betrag  ist  innert  30  Tagen  ab  Versand  des  Urteils  zu  Gunsten der Gerichtskasse zu überweisen. 4.  Dieses  Urteil  geht  an  den  Beschwerdeführer,  das  BFM  und  die  zuständige kantonale Behörde. Die vorsitzende Richterin: Die Gerichtsschreiberin: Contessina Theis Susanne Scheidegger Versand:

D-5972/2009 — Bundesverwaltungsgericht 14.09.2011 D-5972/2009 — Swissrulings