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Bundesverwaltungsgericht 18.08.2011 D-5947/2010

18. August 2011·Deutsch·CH·CH_BVGE·PDF·1,860 Wörter·~9 min·3

Zusammenfassung

Asyl und Wegweisung | Asyl und Wegweisung; Verfügung des BFM vom 27. Juli 2010

Volltext

Bundesve rwa l t ungsge r i ch t T r i buna l   adm in istratif   f édé ra l T r i buna l e   ammin istrati vo   f ede ra l e T r i buna l   adm in istrativ   f ede ra l Abteilung IV D­5947/2010 Urteil   v om   1 8 .   Augus t   2011 Besetzung Richter Thomas Wespi (Vorsitz), Richter Kurt Gysi, Richter Hans Schürch, Gerichtsschreiber Stefan Weber. Parteien A._______, geboren X._______, Kosovo, vertreten durch Annelise Gerber, Beschwerdeführer,  gegen Bundesamt für Migration (BFM), Quellenweg 6, 3003 Bern,   Vorinstanz.  Gegenstand Asyl und Wegweisung; Verfügung des BFM vom 27. Juli  2010 / N_______.

D­5947/2010 Sachverhalt: A.  A.a. Der  Beschwerdeführer,  ein  aus B._______, Gemeinde C._______,  stammender  Staatsangehöriger  aus  Kosovo  albanischer  Volkszugehörigkeit,  verliess  seinen  Heimatstaat  eigenen  Angaben  zufolge erstmals im April 1999 auf dem Landweg und gelangte über ihm  unbekannte Länder am 4. Juli 1999 unter Umgehung der Grenzkontrolle  in  die  Schweiz.  Am  folgenden  Tag  stellte  er  in  D._______  ein  erstes  Asylgesuch.  Dieses  wurde  mit  Entscheid  des  Bundesamtes  für  Flüchtlinge (BFF) vom 26. August 1999 abgewiesen und gleichzeitig die  Wegweisung  aus  der  Schweiz  und  deren  Vollzug  angeordnet.  Diese  Verfügung  erwuchs  unangefochten  in  Rechtskraft.  Mit  Schreiben  der  zuständigen  Fremdenpolizeibehörde  vom  16.  Februar  2000  wurde  der  Beschwerdeführer als verschwunden gemeldet. A.b.  Am  22.  Oktober  2002  ersuchte  der  Beschwerdeführer  erneut  um  Asyl  in  der  Schweiz.  Mit  Verfügung  des  BFF  vom  4.  November  2002  wurde auf  das neuerliche Asylbegehren gestützt  auf Art.  32 Abs.  1 des  Asylgesetzes  vom  26.  Juni  1998  (AsylG,  SR  142.31)  nicht  eingetreten  und  die  Wegweisung  aus  der  Schweiz  sowie  der  sofortige  Vollzug  angeordnet.  Gleichzeitig  wurde  einer  allfälligen  Beschwerde  die  aufschiebende  Wirkung  entzogen.  Am  7.  November  2002  wurde  der  Beschwerdeführer in seine Heimat zurückgeführt. A.c.  Nachdem  der  Beschwerdeführer  eigenen  Angaben  zufolge  seine  Heimat am 1. September 2008 auf dem Landweg erneut  verlassen und  über  E._______,  F._______,  G._______  und  H._______  am  4.  September  2008  unter  Umgehung  der  Grenzkontrolle  in  die  Schweiz  eingereist war, stellte er am 29. September 2008 im I._______ ein drittes  Asylgesuch. Nach der Kurzbefragung im I._______ vom 3. Oktober 2008  und der direkten Anhörung durch das BFM vom 16. Oktober 2008 wurde  er  mit  Entscheid  des  BFM  vom  20.  Oktober  2008  für  die  Dauer  des  Verfahrens dem Kanton J._______ zugewiesen. Zur  Begründung  seines  Asylgesuchs  brachte  der  Beschwerdeführer  im  Wesentlichen  vor,  er  habe  wegen  seiner  Homosexualität  Probleme  mit  seinen  Familienangehörigen  bekommen.  So  habe  er  seine  Schwester  nicht mehr besuchen können, weil deren Familie von seinen Neigungen  erfahren habe. Auch weitere Verwandte, Bekannte und Nachbarn hätten  ihn  deswegen  nicht  mehr  sehen  wollen.  Mit  den  Behörden  habe  er  deswegen  keine Probleme  gehabt,  jedoch  sei  er  zu Beginn  des  Jahres 

D­5947/2010 K._______  in  einer  Gaststätte  von  Personen  aus  dem  Dorf  L._______  wegen seiner sexuellen Neigung verprügelt worden. Da Homosexuelle in  Kosovo  benachteiligt  würden  und  seine  Familie  ihm  den  Rücken  zugekehrt  und  nicht  mehr  mit  ihm  gesprochen  habe,  habe  er  sich  zur  Ausreise  entschlossen.  Für  die  weiteren  Aussagen  des  Beschwerdeführers wird auf die Akten verwiesen. B.  Mit Verfügung vom 27. Juli 2010 – eröffnet am 28. Juli 2010 – lehnte das  BFM  das  Asylbegehren  des  Beschwerdeführers  ab  und  ordnete  gleichzeitig  die Wegweisung  aus  der  Schweiz  und  den  Vollzug  an.  Die  Vorinstanz  begründete  ihre Verfügung  im Wesentlichen  damit,  dass  die  Schilderungen  des  Beschwerdeführers  die  Anforderungen  von  Art.  3  AsylG an die Flüchtlingseigenschaft nicht erfüllten. Ferner sei der Vollzug  der Wegweisung als zulässig, zumutbar und möglich zu erachten. C.  Der  Beschwerdeführer  erhob  mit  Eingabe  vom  20.  August  2010  (Faxeingang;  Poststempel  Originaleingabe:  22.  August  2010)  gegen  diesen  Entscheid  beim  Bundesverwaltungsgericht  Beschwerde  und  beantragte,  es  sei  der  angefochtene  Entscheid  der  Vorinstanz  aufzuheben,  es  sei  seine  Flüchtlingseigenschaft  festzustellen  und  ihm  Asyl  zu  gewähren,  eventuell  seien  die  Unzulässigkeit  sowie  die  Unzumutbarkeit  des  Wegweisungsvollzugs  festzustellen  und  die  vorläufige  Aufnahme  anzuordnen.  Auf  die  Begründung  wird,  soweit  wesentlich, in den nachfolgenden Erwägungen eingegangen. D.  Mit  Zwischenverfügung  des  Instruktionsrichters  vom  27.  August  2010  wurde  dem  Beschwerdeführer  mitgeteilt,  dass  er  den  Ausgang  des  Verfahrens  in  der  Schweiz  abwarten  könne.  Er  wurde  aufgefordert,  bis  zum  13.  September  2010  einen  Kostenvorschuss  in  der  Höhe  von  Fr.  600.­  einzuzahlen,  unter  Androhung  des  Nichteintretens  im  Unterlassungsfall. Am 10. September 2010 wurde der Kostenvorschuss geleistet.

D­5947/2010 Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1.  1.1. Gemäss Art. 31 des Verwaltungsgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005  (VGG, SR 173.32) beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Beschwerden  gegen Verfügungen nach Art. 5 des Bundesgesetzes vom 20. Dezember  1968  über  das  Verwaltungsverfahren  (VwVG,  SR  172.021).  Das  BFM  gehört zu den Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz  des  Bundesverwaltungsgerichts.  Eine  das  Sachgebiet  betreffende  Ausnahme  im  Sinne  von  Art.  32  VGG  liegt  nicht  vor.  Das  Bundesverwaltungsgericht  ist  daher  zuständig  für  die  Beurteilung  der  vorliegenden  Beschwerde  und  entscheidet  auf  dem  Gebiet  des  Asyls  endgültig,  ausser  bei  Vorliegen  eines  Auslieferungsbegehrens  des  Staates, vor welchem die beschwerdeführende Person Schutz sucht (Art.  105  AsylG;  Art.  83  Bst.  d  Ziff.  1  des  Bundesgerichtsgesetzes  vom  17.  Juni 2005  [BGG, SR 173.110]). Ein solches Auslieferungsbegehren  liegt  nicht vor, weshalb das Bundesverwaltungsgericht endgültig entscheidet. 1.2.  Die  Beschwerde  ist  frist­  und  formgerecht  eingereicht.  Der  Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist  durch  die  angefochtene  Verfügung  besonders  berührt  und  hat  ein  schutzwürdiges  Interesse  an  deren  Aufhebung  beziehungsweise  Änderung. Er  ist  daher  zur Einreichung der Beschwerde  legitimiert  (Art.  108 Abs. 1 AsylG und Art. 105 AsylG i.V.m. Art. 37 VGG und Art. 48 Abs.  1 und Art. 52 VwVG). Auf die Beschwerde ist einzutreten. 1.3. Mit Beschwerde kann die Verletzung von Bundesrecht, die unrichtige  oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts und  die Unangemessenheit gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG). 1.4. Die Abteilungen des Bundesverwaltungsgerichts entscheiden  in der  Regel  in  der  Besetzung  mit  drei  Richtern  oder  Richterinnen  (Spruchkörper; vgl. Art. 21 Abs. 1 VGG). 1.5.  Gemäss  Art.  111a  Abs.  1  AsylG  wurde  vorliegend  auf  die  Durchführung des Schriftenwechsels verzichtet. 2.  2.1.  Gemäss  Art.  2  Abs.  1  AsylG  gewährt  die  Schweiz  Flüchtlingen  grundsätzlich  Asyl.  Als  Flüchtling  wird  eine  ausländische  Person  anerkannt,  wenn  sie  in  ihrem  Heimatstaat  oder  im  Land,  in  dem  sie  zuletzt  wohnte,  wegen  ihrer Rasse, Religion, Nationalität,  Zugehörigkeit 

D­5947/2010 zu  einer  bestimmten  sozialen  Gruppe  oder  wegen  ihrer  politischen  Anschauungen  ernsthaften  Nachteilen  ausgesetzt  ist  oder  begründete  Furcht  hat,  solchen  Nachteilen  ausgesetzt  zu  werden.  Als  ernsthafte  Nachteile  gelten  namentlich  die  Gefährdung  von  Leib,  Leben  oder  Freiheit sowie Massnahmen, die einen unerträglichen psychischen Druck  bewirken (Art. 3 AsylG). 2.2.  Wer  um  Asyl  nachsucht,  muss  die  Flüchtlingseigenschaft  nachweisen  oder  zumindest  glaubhaft  machen.  Diese  ist  glaubhaft  gemacht,  wenn  die  Behörde  ihr  Vorhandensein  mit  überwiegender  Wahrscheinlichkeit  für  gegeben  hält.  Unglaubhaft  sind  insbesondere  Vorbringen, die in wesentlichen Punkten zu wenig begründet oder in sich  widersprüchlich sind, den Tatsachen nicht entsprechen oder massgeblich  auf  gefälschte  oder  verfälschte  Beweismittel  abgestützt  werden  (Art.  7  AsylG). 3.  3.1.  Die  Vorinstanz  hielt  zur  Begründung  des  ablehnenden  Asylentscheides  im  Wesentlichen  fest,  bei  den  durch  den  Beschwerdeführer  geltend  gemachten  Problemen  wie  der  Prügelei  Anfang des Jahres K._______ handle es sich um Probleme mit Dritten. In  diesem Zusammenhang  sei  festzuhalten,  dass der Staat Kosovo gewillt  sei,  gegen  solche  Übergriffe  anzukämpfen.  Der  Beschwerdeführer  verfüge  über  eine  staatliche  Infrastruktur,  die  funktioniere  und  wirksam  sei. Somit könne er sich an die entsprechenden  Instanzen wenden. Die  von ihm pauschal geltend gemachte gesellschaftliche Diskriminierung als  Homosexueller  und  der  zum Teil  fehlende Kontakt mit  Verwandten  und  Familienangehörigen  müssten  als  zu  wenig  intensiv  eingestuft  werden.  Denn Massnahmen gegen  Leib,  Leben  und Freiheit  einer Person  seien  nur  dann  asylrelevant,  wenn  sie  aufgrund  ihrer  Art  und  Intensität  ein  menschenwürdiges  Leben  im  Verfolgerstaat  verunmöglichen  oder  in  unzumutbarer  Weise  erschweren  würden,  so  dass  sich  die  verfolgte  Person  dieser  Zwangssituation  nur  durch  Flucht  ins  Ausland  entziehen  könne.  Dies  sei  jedoch  vorliegend  nicht  der  Fall.  Diese  Erwägungen  würden  durch  das  gezeigte Verhalten  des Beschwerdeführers  bestätigt.  So  habe  dieser  erst  rund  drei  Wochen  nach  seiner  Einreise  in  die  Schweiz  die  hiesigen  Behörden  um  Schutz  ersucht  und  sein  drittes  Asylgesuch eingereicht. 3.2.  Demgegenüber  wendet  der  Beschwerdeführer  in  seiner  Rechtsmitteleingabe im Wesentlichen ein, es treffe zu, dass sogar in der 

D­5947/2010 Verfassung  von  Kosovo  den  Homosexuellen  Rechte  zugestanden  würden.  Jedoch  sei  in  der  Realität  in  der  kosovarischen  Kultur  und  Gesellschaft  nach  wie  vor  eine  totale  Ablehnung  der  Homosexualität  verankert. Er werde  in Kosovo nie  ein  ruhiges und unbehelligtes  Leben  führen  können,  sobald  seine  Neigung  dort  bekannt  sei.  Die  Familie  schliesse eine solche Person aus und auch  in der Gesellschaft habe er  Diskriminierungen zu gewärtigen. Es sei daher auch verständlich, dass er  nur zögernd und unter grosser Angst vor den schweizerischen Behörden  sein  Problem  habe  darlegen  können.  Bei  einer  erzwungenen  Rückkehr  hätte  er  unter  Diskriminierung,  Verfolgung  und  einem  unerträglichen  Druck zu leiden und es sei nicht auszuschliessen, dass er sogar an Leib  und Leben gefährdet wäre. Zudem hätte er bei Übergriffen keinen Schutz  von den Behörden zu erwarten. 3.3.  Der  Beschwerdeführer  führt  im  Wesentlichen  an,  wegen  seiner  Homosexualität  in  Kosovo  gesellschaftlich  diskriminiert  zu  werden,  Probleme mit seinen Familienangehörigen zu haben und zu Beginn des  Jahres K._______ deswegen von Besuchern einer Gaststätte verprügelt  worden  zu  sein.  Aufgrund  der  Akten  erweisen  sich  die  vorinstanzlichen  Erwägungen, wonach  die Asylrelevanz  dieser Verfolgungsvorbringen  zu  verneinen sei, als zutreffend. Die im Gesetz in Art. 3 AsylG definierte Flüchtlingseigenschaft (vgl. Ziffer  2.1  oben)  erfüllt  eine  asylsuchende  Person  nach  Lehre  und  Rechtsprechung  dann,  wenn  sie  Nachteile  von  bestimmter  Intensität  erlitten  hat  beziehungsweise mit  beachtlicher Wahrscheinlichkeit  und  in  absehbarer  Zukunft  begründeterweise  befürchten  muss,  welche  ihr  gezielt  und  aufgrund  bestimmter  Verfolgungsmotive  durch  Organe  des  Heimatstaates  oder  durch  nichtstaatliche  Akteure  zugefügt  worden  sind  beziehungsweise  zugefügt  zu werden drohen  (vgl. BVGE 2008/4 E.  5.2  S.  37;  Entscheidungen  und  Mitteilungen  der  Schweizerischen  Asylrekurskommission  [EMARK]  2006  Nr.  18  E.  7  und  8  S.  190  ff.;  EMARK  2005  Nr.  21  E.  7  S. 193).  Aufgrund  der  Subsidiarität  des  flüchtlingsrechtlichen  Schutzes  setzt  die  Zuerkennung  der  Flüchtlingseigenschaft ausserdem voraus, dass die betroffene Person  in  ihrem Heimatland keinen ausreichenden Schutz  finden kann (vgl. BVGE  2008/12 E. 7.2.6.2 S. 174 f.; BVGE 2008/4 E. 5.2 S. 37 f.; EMARK 2006  Nr. 18 E. 10 S. 201 ff.; EMARK 2005 Nr. 21 E. 7.3 S. 194 und E. 11.1 S.  201 f.).

D­5947/2010 Eine  asylrelevante  Intensität  erreichen  Angriffe  auf  die  in  Art.  3  AsylG  genannten  Rechtsgüter  bei  einer  Gefährdung  des  Lebens  dann,  wenn  eine  direkte  und  ernsthafte  Todesgefahr  vorliegt.  Eine  Gefährdung  des  Leibes  erreicht  die  geforderte  Intensität  dann,  wenn  dem  Betroffenen  ernsthafte  Verletzungen  (physischer  oder  psychischer  Natur)  zugefügt  worden sind. Leichtere Eingriffe in die körperliche Integrität erreichen die  nötige  Intensität  wiederum  nicht.  Auch  nicht  jedem  Eingriff  in  die  Bewegungsfreiheit  kommt  Asylrelevanz  zu.  Einerseits  ist  bei  der  Beurteilung  die  Dauer  der  Inhaftierung,  andererseits  die  Behandlung  während dieser  in Betracht  zu ziehen. So erreicht etwa eine kurzzeitige  Inhaftierung  begleitet  von  allgemein  "schlechten"  Bedingungen  im  Normalfall  die  erforderliche  Intensität  zur  Zuerkennung  der  Flüchtlingseigenschaft  nicht.  Bei  der  Beurteilung,  ob  erlittene  Eingriffe  intensiv  genug  sind,  ist mitzuberücksichtigen,  dass mehrere  Eingriffe  in  die  in  Art.  3  genannten  Rechtsgüter,  die  zwar  für  sich  allein  die  nötige  Intensität nicht erreichen, insgesamt gesehen das Mass des Erträglichen  überschreiten können. Mehrere Eingriffe im obgenannten Sinne, die nicht  intensiv genug sind, können zu einem unerträglichen psychischen Druck  führen,  der  für  die  betroffene  Person  ein  weiteres  Verbleiben  im  Heimatland  verunmöglicht.  Dabei  ist  zu  beachten,  dass  der  von  einem  Gesuchsteller  geltend  gemachte  psychische  Druck  objektiv  gesehen  nachvollziehbar  sein  muss.  Zusammenfassend  ergibt  sich,  dass  sich  bezüglich  der  Frage  der  Intensität  von  Eingriffen  keine  generellen  Kriterien  aufstellen  lassen.  Vielmehr  ist  im  konkreten  Einzelfall  zu  entscheiden,  ob  die  für  die  Zuerkennung  der  Flüchtlingseigenschaft  notwendige Intensität der Beeinträchtigungen erreicht oder das Mass der  Erträglichkeit  eines  psychischen  Druckes  überschritten  ist.  Die  vom  Beschwerdeführer  in  diesem  Zusammenhang  gemachten  Angaben  lassen  jedoch  keine  Hinweise  ersichtlich  werden,  dass  die  angeführten  Ereignisse eine asylrelevante Intensität erreicht haben könnten. Soweit er  auf  seine  gesellschaftliche  Diskriminierung  als  Homosexueller  hinweist  und  diesbezüglich  ausführt,  er  sei  von  der  Familie  seiner  Schwester  boykottiert wurden, weshalb er diese nicht mehr habe besuchen können,  und auch andere enge Verwandte, Bekannte und Nachbarn würden  ihn  nicht mehr sehen wollen (vgl. act. C7/10, S. 6), sind diese Umstände zu  wenig  intensiv,  um  eine  Verfolgung  im  flüchtlingsrechtlich  relevanten  Sinne  darzustellen  (vgl.  dazu  auch  WALTER  KÄLIN,  Grundriss  des  Asylverfahrens, Basel/Frankfurt a. M. 1990, S. 97 f.). Was den Vorfall zu Beginn des Jahres K._______ betrifft, wonach er von  Gästen  einer  Gaststätte  wegen  seiner  sexuellen  Neigung  verprügelt 

D­5947/2010 worden  sei,  so  ist  auch  dieser  als  nicht  asylrelevant  zu  qualifizieren.  Dieses  Ereignis  lag  im  Zeitpunkt  der  Ausreise  des  Beschwerdeführers  bereits  über  (...)  Jahre  zurück.  Deshalb  kann  diese  Begebenheit  nicht  mehr  als  Massnahme  angesehen  werden,  die  ihn  unmittelbar  zur  Ausreise  veranlasst  hätte,  weshalb  sie  asylrechtlich  vorliegend  nicht  beachtlich  erscheint.  Dies  umso  mehr,  als  der  Beschwerdeführer  anführte, bloss einmal verprügelt worden zu sein und  in der Folge keine  weiteren negativen Erlebnisse wegen seiner Homosexualität erfahren zu  haben  (vgl.  act.  C7/10,  S.  6).  Überdies  entschloss  er  sich,  obwohl  sich  nach  dem  Tod  seines  Vaters  im  Jahre  (...)  die  Beziehungen  zu  seinen  Geschwistern  verschlechtert  und  kurz  danach  die  anderen  Leute  in  seinem  Umfeld  ebenfalls  von  seiner  Homosexualität  erfahren  haben  sollen  (vgl. act. C7/10, S. 3; act. C1/8, S. 4), erst  im Herbst des Jahres  2008  zur  Ausreise,  was  nicht  darauf  schliessen  lässt,  ihm  wäre  ein  menschenwürdiges Leben in Kosovo verunmöglicht oder in unzumutbarer  Weise erschwert worden. Ferner  wird  obige  Einschätzung  durch  das  Verhalten  des  Beschwerdeführers nach seiner  letzten Einreise  in die Schweiz gestützt.  So  sah  er  sich  den  Akten  zufolge  nach  seiner  Einreise  in  die  Schweiz  zunächst  nicht  zur Einreichung eines Asylgesuches  veranlasst,  sondern  ging  erst  einmal  –  ohne  im  Besitz  einer  gültigen  Arbeitsbewilligung  zu  sein – einer Erwerbstätigkeit  nach, bis er polizeilich angehalten und mit  Strafbefehl (...) unter anderem wegen Arbeitsaufnahme ohne Bewilligung  gebüsst  wurde.  Erst  danach  reichte  er  sein  –  mittlerweile  drittes –  Asylgesuch  in  der  Schweiz  ein.  Dieses  Verhalten  entspricht  aber  nicht  demjenigen eines tatsächlich Verfolgten. 3.4. Zusammenfassend  folgt,  dass  der Beschwerdeführer  keine Gründe  nach Art. 3 AsylG nachweisen oder glaubhaft machen kann. Das BFM hat  sein  Asylgesuch  zu  Recht  abgelehnt.  Es  erübrigt  sich  somit,  auf  die  weiteren  Ausführungen  in  der  Rechtsmitteleingabe  einzugehen,  da  sie  nicht geeignet sind, obige Einschätzung in Zweifel zu ziehen. 4.  4.1. Lehnt  das Bundesamt  das Asylgesuch  ab  oder  tritt  es  darauf  nicht  ein,  so  verfügt  es  in  der  Regel  die Wegweisung  aus  der  Schweiz  und  ordnet den Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit  der Familie (Art. 44 Abs. 1 AsylG).

D­5947/2010 4.2. Der Beschwerdeführer  verfügt weder  über  eine  ausländerrechtliche  Aufenthaltsbewilligung  noch  über  einen  Anspruch  auf  Erteilung  einer  solchen. Die Wegweisung wurde demnach zu Recht angeordnet (Art. 44  Abs. 1 AsylG; BVGE 2009/50 E. 9 S. 733, BVGE 2008/34 E. 9.2 S. 510,  EMARK 2001 Nr. 21). 5.  5.1.  Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder  nicht möglich, so regelt das Bundesamt das Anwesenheitsverhältnis nach  den  gesetzlichen  Bestimmungen  über  die  vorläufige  Aufnahme  von  Ausländern  (Art.  44  Abs.  2  AsylG;  Art.  83  Abs.  1  des  Bundesgesetzes  vom 16. Dezember 2005 über die Ausländerinnen und Ausländer  [AuG,  SR 142.20]). 5.2.  5.2.1.  Der  Vollzug  ist  nicht  zulässig,  wenn  völkerrechtliche  Verpflichtungen der Schweiz einer Weiterreise der Ausländerin oder des  Ausländers  in  den  Heimat­,  Herkunfts­  oder  in  einen  Drittstaat  entgegenstehen (Art. 83 Abs. 3 AuG). So  darf  keine  Person  in  irgendeiner  Form  zur  Ausreise  in  ein  Land  gezwungen  werden,  in  dem  ihr  Leib,  ihr  Leben  oder  ihre  Freiheit  aus  einem  Grund  nach  Art.  3  Abs.  1  AsylG  gefährdet  ist  oder  in  dem  sie  Gefahr läuft, zur Ausreise in ein solches Land gezwungen zu werden (Art.  5 Abs. 1 AsylG; vgl. ebenso Art. 33 Abs. 1 des Abkommens vom 28. Juli  1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge [FK, SR 0.142.30]). Gemäss  Art.  25  Abs.  3  der  Bundesverfassung  der  Schweizerischen  Eidgenossenschaft  vom  18.  April  1999  (BV,  SR  101),  Art.  3  des  Übereinkommens  vom  10.  Dezember  1984  gegen  Folter  und  andere  grausame,  unmenschliche  oder  erniedrigende  Behandlung  oder  Strafe  (FoK,  SR  0.105)  und  der  Praxis  zu  Art.  3  der  Konvention  vom  4.  November  1950  zum Schutze  der Menschenrechte  und Grundfreiheiten  (EMRK,  SR  0.101)  darf  niemand  der  Folter  oder  unmenschlicher  oder  erniedrigender Strafe oder Behandlung unterworfen werden. 5.2.2. Die  Vorinstanz  wies  in  ihrer  angefochtenen  Verfügung  zutreffend  darauf  hin,  dass  der  Grundsatz  der  Nichtrückschiebung  nur  Personen  schützt,  die  die  Flüchtlingseigenschaft  erfüllen.  Da  es  dem  Beschwerdeführer  nicht  gelungen  ist,  eine  asylrechtlich  erhebliche 

D­5947/2010 Gefährdung nachzuweisen oder glaubhaft zu machen, kann das in Art. 5  AsylG verankerte Prinzip des flüchtlingsrechtlichen Non­Refoulements im  vorliegenden  Verfahren  keine  Anwendung  finden.  Eine  Rückkehr  des  Beschwerdeführers  in  den  Heimatstaat  ist  demnach  unter  dem  Aspekt  von Art. 5 AsylG rechtmässig. 5.2.3.  Sodann  ergeben  sich  weder  aus  den  Aussagen  des  Beschwerdeführers noch aus den Akten Anhaltspunkte dafür, dass er für  den  Fall  einer  Ausschaffung  in  den  Heimatstaat  dort  mit  beachtlicher  Wahrscheinlichkeit  einer nach Art.  3 EMRK oder Art.  1 FoK verbotenen  Strafe oder Behandlung ausgesetzt wäre. Gemäss konstanter Praxis des  EGMR  sowie  jener  des  UN  Anti­Folterausschusses  müsste  der  Beschwerdeführer  eine  konkrete  Gefahr  ("real  risk")  nachweisen  oder  glaubhaft  machen,  dass  ihm  im  Fall  einer  Rückschiebung  Folter  oder  unmenschliche Behandlung  drohen würde  (vgl.  EMARK 2001 Nr.  16 E.  6a  S.  122,  mit  weiteren  Hinweisen;  EGMR  [Grosse  Kammer],  Saadi  gegen Italien, Urteil vom 28. Februar 2008, Beschwerde Nr. 37201/06, §§  124  bis  127,  mit  weiteren  Hinweisen).  Diese  Voraussetzungen  sind  jedoch  in casu als nicht erfüllt  zu erachten. Alleine aus der allgemeinen  Menschenrechtssituation  in Kosovo  lässt  sich  zudem  kein  reales Risiko  von  Folter  oder  unmenschlicher  oder  erniedrigender  Strafe  oder  Behandlung  herleiten.  Selbst  das  Vorliegen  einer  allgemein  schlechten  Menschenrechtslage  genügt  nämlich  noch  nicht  für  die  Annahme  einer  drohenden Verletzung von Art. 3 EMRK (vgl. EMARK 2001 Nr. 16 E. 6a  S. 122, mit zahlreichen Hinweisen). Nach  dem Gesagten  ist  der  Vollzug  der Wegweisung  sowohl  im  Sinne  der asyl­ als auch der völkerrechtlichen Bestimmungen zulässig. 5.3.  5.3.1. Gemäss Art. 83 Abs. 4 AuG kann der Vollzug  für Ausländerinnen  und  Ausländer  unzumutbar  sein,  wenn  sie  im  Heimat­  oder  Herkunftsstaat  auf  Grund  von  Situationen  wie  Krieg,  Bürgerkrieg,  allgemeiner  Gewalt  und  medizinischer  Notlage  konkret  gefährdet  sind.  Wird eine konkrete Gefährdung festgestellt, ist – unter Vorbehalt von Art.  83 Abs.  7  AuG  –  die  vorläufige  Aufnahme  zu  gewähren  (vgl.  Botschaft  zum Bundesgesetz über die Ausländerinnen und Ausländer vom 8. März  2002, BBl 2002 3818). 5.4. Der Vollzug der Wegweisung des Beschwerdeführers nach Kosovo  ist  im  vorliegenden  Fall  in  Würdigung  sämtlicher  Umstände  auch  als 

D­5947/2010 zumutbar  im Sinne  von Art.  83  Abs.  4  AuG  zu  erachten,  da  dort  keine  Situation  allgemeiner Gewalt  herrscht  und  er  nicht  darzutun  vermochte,  dass  er  bei  einer  Rückkehr  in  sein  Heimatland  einer  konkreten  Gefährdungssituation  im  Sinne  der  zu  beachtenden  Bestimmung  ausgesetzt  wäre.  In  den  Akten  finden  sich  auch  keine  konkreten  Anhaltspunkte  dafür,  dass  er  aus  individuellen Gründen wirtschaftlicher,  sozialer oder gesundheitlicher Natur in eine existenzbedrohende Situation  geraten  würde.  Der  heute  (...)­jährige  Beschwerdeführer  ist  –  soweit  aktenkundig – gesund und verfügt über eine langjährige Berufserfahrung  als  (...) und (...)  (vgl. act A7/10, S. 4). Zudem verfügt er  in Kosovo über  ein  soziales  Beziehungsnetz.  Zwar  sollen  die  sich  in  der  Heimat  aufhaltenden  Geschwister  und  weitere  Bekannte  ihn  wegen  seiner  Homosexualität boykottieren. Dieser Umstand alleine vermag jedoch den  Wegweisungsvollzug nicht als unzumutbar erscheinen zu  lassen; zudem  ist davon auszugehen, dass er  in Kosovo über weitere soziale Kontakte  verfügt beziehungsweise es ihm zumutbar ist, vorbestehende Kontakte zu  erneuern  (vgl.  act  A7/10,  S.  5  oben  und  S. 6  oben),  was  ihm  die  Reintegration in seiner Heimat erleichtern dürfte. 5.5.  Schliesslich  obliegt  es  dem  Beschwerdeführer,  sich  bei  der  zuständigen  Vertretung  des  Heimatstaates  die  für  eine  Rückkehr  notwendigen  Reisedokumente  zu  beschaffen  (Art.  8  Abs.  4  AsylG),  weshalb der Vollzug der Wegweisung auch als möglich zu bezeichnen ist  (Art. 83 Abs. 2 AuG; BVGE 2008/34 E. 12 S. 513 ff.). 5.6.  Insgesamt  ist  der  durch  die  Vorinstanz  verfügte  Vollzug  der  Wegweisung  zu  bestätigen.  Die  Vorinstanz  hat  diesen  zu  Recht  als  zulässig,  zumutbar und möglich erachtet. Nach dem Gesagten  fällt  eine  Anordnung der  vorläufigen Aufnahme ausser Betracht  (Art.  83 Abs.  1­4  AuG). 6.  Aus  diesen  Erwägungen  ergibt  sich,  dass  die  angefochtene  Verfügung  Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig und  vollständig  feststellt  und  angemessen  ist  (Art.  106  AsylG).  Die  Beschwerde ist nach dem Gesagten abzuweisen. 7.  Bei  diesem  Ausgang  des  Verfahrens  sind  die  Kosten  von  insgesamt  Fr. 600.­  dem  Beschwerdeführer  aufzuerlegen  (Art.  63  Abs.  1  und  5  VwVG; Art. 1­3 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten 

D­5947/2010 und  Entschädigungen  vor  dem  Bundesverwaltungsgericht  [VGKE,  SR  173.320.2])  und  mit  dem  am  10.  September  2010  in  gleicher  Höhe  geleisteten Kostenvorschuss zu verrechnen. (Dispositiv nächste Seite)

D­5947/2010 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1.  Die Beschwerde wird abgewiesen. 2.  Die  Verfahrenskosten  von  Fr.  600.­  werden  dem  Beschwerdeführer  auferlegt  und  mit  dem  in  gleicher  Höhe  geleisteten  Kostenvorschuss  verrechnet. 3.  Dieses  Urteil  geht  an  den  Beschwerdeführer,  das  BFM  und  die  zuständige kantonale Behörde. Der vorsitzende Richter: Der Gerichtsschreiber: Thomas Wespi Stefan Weber Versand:

D-5947/2010 — Bundesverwaltungsgericht 18.08.2011 D-5947/2010 — Swissrulings