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Bundesverwaltungsgericht 19.12.2011 D-5516/2011

19. Dezember 2011·Deutsch·CH·CH_BVGE·PDF·1,746 Wörter·~9 min·1

Zusammenfassung

Asylgesuch aus dem Ausland und Einreisebewilligung | Asylgesuch aus dem Ausland und Einreisebewilligung; Verfügung des BFM vom 6. September 2011

Volltext

Bundesve rwa l t ungsge r i ch t T r i buna l   adm in istratif   f édé ra l T r i buna l e   ammin istrati vo   f ede ra l e T r i buna l   adm in istrativ   f ede ra l     Abteilung IV D­5516/2011/sps Urteil   v om   1 9 .   D e z embe r   2011 Besetzung Richter Martin Zoller (Vorsitz), Richter Kurt Gysi, Richter Gérard Scherrer; Gerichtsschreiber Philipp Reimann. Parteien A._______, geboren am (…), Eritrea, vertreten durch Laura Rossi, Fürsprecherin, (…), Beschwerdeführer, gegen Bundesamt für Migration (BFM), Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Asylgesuch aus dem Ausland und Einreisebewilligung; Verfügung des BFM vom 6. September 2011 / N (…).

D­5516/2011 Sachverhalt: A.  Mit Vollmacht  vom 7. Oktober  2010 erteilte  der Beschwerdeführer  –  ein  eritreischer  Staatsangehöriger  mit  momentanem  Aufenthalt  im  Sudan –  seiner  in  der  Schweiz  befindlichen  und  seit  dem  (…)  als  Flüchtling  anerkannten  Schwester  B._______  unter  Einräumung  des  Substitutionsrechts den Auftrag, für ihn ein Asylgesuch aus dem Ausland  zu  stellen.  Am  22. Februar  2011  bevollmächtigte  die  Schwester  des  Beschwerdeführers  die  Rechtsvertreterin  mit  der  Mandatsführung  in  vorliegender  Angelegenheit.  Mit  an  das  BFM  adressierter  Eingabe  vom  22. Februar  2011 beantragte  die Rechtsvertreterin  für  ihren Mandanten,  es  sei  diesem  die  Einreise  in  die  Schweiz  zwecks  Durchführung  eines  Asylverfahrens  zu  bewilligen.  Falls  das  BFM  ihm  keine  Einreisebewilligung  in  die  Schweiz  zur  Durchführung  eines  Asylverfahrens erteile, werde das Bundesamt ersucht, dieses Gesuch mit  den  gesamten  Akten  an  die  Schweizer  Botschaft  in  Khartum  weiterzuleiten und  ihn über seine Schwester zu einer Befragung auf der  Botschaft  einzuladen.  Als  Beilage  legte  die  Rechtsvertreterin  dem  Asylgesuch  die  Kopie  eines  Totenscheins  bezüglich  der  am  12. September  2010  im Sudan  verstorbenen Schwester C._______  des  Beschwerdeführers bei. B.  Mit Schreiben vom 22. August 2011 teilte das BFM der Rechtsvertreterin  mit,  dass  gemäss  Mitteilung  der  Schweizer  Botschaft  in  Khartum  vom  23. März  2010  das Arbeitsvolumen,  namentlich  die Abklärungsersuchen  des BFM, stark zugenommen hätten. Die steigende Zahl von eritreischen  und  somalischen  Flüchtlingen  in  der  Schweiz  habe  auch Auswirkungen   auf die Ausstellung von Visa und Zivilstandsbestätigungen zur Folge. Die  Schweizer  Botschaft  sei  zudem  aufgrund  des  begrenzten  Personalbestandes  sowie  fehlender  Voraussetzungen  im  sicherheitstechnischen  und  räumlichen  Bereich  nicht mehr  in  der  Lage,  Befragungen von Asylsuchenden durchzuführen. Für das BFM seien die  Argumente  der  Botschaft  unter  Hinweis  auf  sicherheitstechnische,  strukturelle  (bauliche)  und  kapazitätsmässige  Aspekte  (signifikanter  Zuwachs  des  Arbeitsvolumens  vor  Ort)  sachlich  begründet  und  überzeugend,  weshalb  das  Verfahren  schriftlich  durchzuführen  sei.  In  diesem  Zusammenhang  ersuchte  das  BFM  die  Rechtsvertreterin  unter  Hinweis  auf  die  Mitwirkungspflicht  des  Beschwerdeführers  zur  Vervollständigung des  rechtserheblichen Sachverhalts um Beantwortung 

D­5516/2011 konkreter Fragen zu Familienangehörigen und Verwandten in Drittstaaten  und  zum  Aufenthalt  im  Sudan  (vgl.  BVGE  2007/30  E. 5.4  S. 364 f.).  Zudem  wurde  ihr  die  Mitteilung  der  Schweizer  Botschaft  vom  23. März  2010 ausgehändigt. C.  Am 31. August 2011 nahm die Rechtsvertreterin des Beschwerdeführers  zum Schreiben des BFM vom 22. August 2011 Stellung. D.  Die  Rechtsvertreterin  begründete  das  Asylgesuch  ihres  Mandanten  in  ihren  Eingaben  vom  22. Februar  2011  und  vom  31. August  2011  im  Wesentlichen  damit,  die  Mutter  ihres  Mandanten  sei  bereits  vor  vielen  Jahren, dessen Vater  im Jahre 2003 oder 2004 verstorben, worauf sich  B._______ bis zu ihrer eigenen Flucht aus Eritrea im Jahre 2007 um den  Beschwerdeführer  –  ihren  jüngeren  Bruder  –  gekümmert  habe.  In  der  Folge  habe  der  Beschwerdeführer  bei  einem  entfernten  Verwandten  in  Eritrea gelebt. Nachdem Letzterer nicht mehr für ihn habe sorgen können,  sei  er  zu  einem  nicht  näher  bekannten  Zeitpunkt  zu  seiner  im  Sudan  lebenden  Schwester  C._______  gezogen,  welche  sich  seiner  angenommen  habe.  Seit  deren  Tod  am  12. September  2010  lebe  der  Beschwerdeführer  zwar  gemeinsam  mit  dem  Ehemann  seiner  verstorbenen Schwester  und  dessen  drei  Kindern,  sei  aber  letztlich  auf  sich  allein  gestellt,  da  sein  Schwager  durch  die  Betreuung  seiner  drei  kleinen Kinder absorbiert sei. Ein weiterer Verbleib  im Sudan sei  für  ihn  auch deswegen nicht zumutbar, weil es für ihn dort keine Sicherheit gebe.  So sei sein Schwager vor der Haustür bereits zweimal von bewaffneten  Männern  angegriffen  worden,  wobei  unklar  sei,  ob  es  sich  bei  den  Angreifern  um  sudanesische  Sicherheitskräfte,  Banditen  oder  allenfalls  um  Angehörige  des  eritreischen  Geheimdienstes  gehandelt  habe.  Er  habe  Angst,  nach  Eritrea  deportiert  zu  werden.  Ausserdem  könne  er  seinen Lebensunterhalt nicht bestreiten und überlebe im Sudan nur dank  gelegentlicher Geldüberweisungen seiner Schwester B._______ aus der  Schweiz, welche auch die  letzte überlebende nahe Angehörige sei. Aus  den  genannten  Gründen  werde  dringend  um  Erteilung  einer  Einreisebewilligung in die Schweiz ersucht. E.  Mit Verfügung vom 6. September 2011 – eröffnet am 7. September 2011  – verweigerte  das  BFM  dem  Beschwerdeführer  die  Einreise  in  die  Schweiz und lehnte sein Asylgesuch ab. Zur Begründung führte das BFM 

D­5516/2011 im  Wesentlichen  aus,  die  Ausführungen  in  der  Stellungnahme  vom  31. August  2011  liessen  nicht  darauf  schliessen,  dass  der  Beschwerdeführer  in  Eritrea  ernstzunehmende  Schwierigkeiten  mit  den  heimatlichen  Behörden  gehabt  habe.  Dennoch  sei  nicht  gänzlich  auszuschliessen,  dass  er  bei  einer  Rückkehr  nach  Eritrea  ernstzunehmenden  Schwierigkeiten  mit  den  heimatlichen  Behörden  ausgesetzt  wäre.  Im  Folgenden  sei  zu  prüfen,  ob  einer  Asylgewährung  durch  die  Schweiz  der  Asylausschlussgrund  von  Art.  52  Abs.  2  des  Asylgesetzes  vom  26. Juni  1998  (AsylG,  SR  142.31)  entgegenstehe,  wonach  einer  Person  das  Asyl  verweigert  werden  könne,  wenn  ihr  zugemutet werden könne, sich in einem anderen Staat um Aufnahme zu  bemühen. Der Rechtsvertretung – so die Vorinstanz –sei nicht bekannt,  ob sich der Beschwerdeführer beim UNHCR gemeldet habe, ob er einem  Flüchtlingslager  zugeteilt  worden  sei  und  ob  er  im  Sudan  ein  hängiges  Asylverfahren  habe.  Hierzu  sei  gesagt,  dass  die  sudanesischen  Behörden dem Beschwerdeführer grundsätzlich Schutz und Aufenthalt in  einem  Flüchtlingslager  gewähren  würden  und  er  dies  in  Anspruch  nehmen  könnte.  Zwar  –  so  das  BFM  weiter  –  sei  die  Lage  der  eritreischen  Flüchtlinge  und  Asylbewerber  im  Sudan  angesichts  deren  Anzahl  nicht  einfach.  Die  zahlreichen  eritreischen  Flüchtlinge  im Sudan  verfügten  nicht  über  ein  freies  Aufenthaltsrecht  für  das  ganze  Land,  sondern würden nach ihrer Registrierung einem Flüchtlingslager zugeteilt,  wo  sie  sich  aufzuhalten  hätten  und  die  nötige Versorgung  erhielten.  Es  sei  dem  Beschwerdeführer  zuzumuten,  sich  zu  diesem  Zweck  beim  UNHCR zu melden. Auch  die Befürchtung  des Beschwerdeführers,  von  den  sudanesischen  Behörden  in  den  Heimatstaat  zurückgeschafft  zu  werden,  erweise  sich  als  klar  unbegründet.  Nach  den  gesicherten  Erkenntnissen des BFM sei das Risiko einer Deportation für Eritreer, die  im  Sudan  vom  UNHCR  als  Flüchtlinge  anerkannt  worden  seien,  sehr  gering. Zwar kämen Rückschaffungen vereinzelt vor, seien jedoch gerade  in  Anbetracht  der  Vielzahl  von  eritreischen  Asylsuchenden  und  Flüchtlingen im Sudan sehr gering. In jüngster Vergangenheit seien denn  auch  keine  Rückführungen  von  Flüchtlingen  nach  Eritrea  bekannt  geworden. Nach dem Gesagten benötige er den zusätzlichen subsidiären  Schutz  der Schweiz gemäss Art.  52 Abs.  2 AsylG nicht  und es  sei  ihm  zuzumuten, im Sudan zu verbleiben. F.  Mit  an  das  Bundesverwaltungsgericht  adressierter  Eingabe  vom  5. Oktober  2011  beantragte  der  Beschwerdeführer  mittels  seiner  Rechtsvertreterin,  die  Verfügung  des  BFM  vom  6. September  2011  sei 

D­5516/2011 aufzuheben.  Die  Vorinstanz  sei  anzuweisen,  ihm  die  Einreise  in  die  Schweiz  zwecks  Durchführung  des  Asylverfahrens  zu  bewilligen.  Eventualiter  sei  die  Vorinstanz  anzuweisen,  ihn  in  der  Schweizer  Botschaft  in Sudan zu seinen Asylgründen anhören.  Im Weiteren stellte  die Rechtsvertreterin  in verfahrensrechtlicher Hinsicht den Antrag, es sei  ihrem  Mandanten  die  unentgeltliche  Rechtspflege  unter  Einschluss  der  unentgeltlichen  Rechtsverbeiständung  durch  die  Unterzeichnete  zu  gewähren  und  von  der  Erhebung  eines Kostenvorschusses  abzusehen.  Zur  Begründung  führte  die  Rechtsvertreterin  namentlich  aus,  die  Vorinstanz  gehe  davon  aus,  dass  vorliegend  gestützt  auf  die  Ausnahmeklausel  von  Art.  10  Abs.  2  der  Asylverordnung 1  vom  11. August  1999  über Verfahrensfragen  (AsylV 1, SR 142.311)  auf  eine  Anhörung  verzichtet  werden  könne.  Zur  Begründung  zitiere  die  Vorinstanz  in  ihrem  Schreiben  vom  22. August  2011  unter  anderem  BVGE 2007 Nr. 30, wonach vom Regelfall einer Befragung abgewichen  werden  könne,  wenn  die  betreffenden  Auslandvertretungen  einen  unerwarteten  Zuwachs  an  Asylgesuchen  erlebten  und  innert  nützlicher  Frist  nicht  in der Lage seien,  qualifiziertes Personal  zu organisieren.  Im  gleichen  Urteil  werde  jedoch  festgehalten,  dass  die  Auslandvertretung   und  das  BFM  eine  adäquate  Befragungsinfrastruktur  zur  Verfügung  zu  stellen  hätten,  wenn  eine  Stabilisierung  der  Asylgesuche  auf  hohem  Niveau vorauszusehen sei. Im Urteil E­4126/2009 vom 7. Juli 2009 habe  das  Bundesverwaltungsgericht  betreffend  die  Situation  der  Schweizer  Vertretung in Sudan in Erwägung 5.2.2 festgehalten, dass der Sudan ein  wichtiges Transitland für Flüchtlinge aus Eritrea, deren Zahl stetig steige,  sei.  Bekannt  sei  zudem,  dass  eine  Vielzahl  eritreischer  Flüchtlinge  in  europäischen  Ländern  um  Asyl  nachsuchten.  Die  Bestimmung  von  Art.  20 AsylG erlaube es, ein Asylgesuch aus dem Ausland einzureichen, was  unter anderem dazu führe, dass die schweizerische Auslandvertretung in  Khartum  eine  entsprechend  grosse  Anzahl  von  Asylgesuchen  zu  bewältigen  habe.  Es  müsse  somit  von  einer  Stabilisierung  der  Asylgesuche auf hohem Niveau ausgegangen werden, weshalb sich das  BFM fälschlicherweise auf die Ausnahmeklausel von Art. 10 Abs. 2 AsylV  1  berufen  habe.  Das  BFM  habe  im  vorliegenden  Fall  anstelle  einer  Botschaftsanhörung  des  Beschwerdeführers  das  schriftliche  Verfahren  durchgeführt.  Dabei  habe  es  den  Fragenkatalog  an  dessen  in  der  Schweiz  befindliche  Schwester  geschickt,  wobei  die  Fragen  an  die  unterzeichnende Rechtsvertreterin  und nicht  an  ihren Mandanten  selber  gerichtet  seien.  Die  Anhörung  zu  den  Asylgründen  sei  jedoch  vertretungsfeindlich.  Sie  selber  könne  die  Fragen  nicht  anstelle  ihres  Mandanten  beantworten.  Mit  dem  gewählten  Vorgehen  habe  das  BFM 

D­5516/2011 demnach  dessen  rechtliches  Gehör  verletzt.  Die  unterzeichnende  Anwältin  hätte  das  Schreiben  des  BFM  vom  22. August  2011  grundsätzlich  zur  Beantwortung  der  Fragen  an  ihren  Mandanten  weiterleiten  können.  Doch  auch  mit  einem  solchen  Vorgehen  wäre  dessen  rechtliches  Gehör  verletzt  worden,  da  er  ohne  Kenntnis  der  deutschen  Sprache  weder  in  der  Lage  gewesen  wäre,  den  Inhalt  des  Schreibens  zu  verstehen,  noch,  dieses  in  einer  schweizerischen  Amtssprache  zu  beantworten.  Das  BFM  sei  somit  verpflichtet,  dem  Beschwerdeführer  das  rechtliche  Gehör  in  einer  Form  zu  gewähren,  in  der er es auch wahrnehmen könne. G.  . Mit  Instruktionsverfügung  vom  19. Oktober  2011  verwies  das  Bundesverwaltungsgericht  das  Gesuch  um  Gewährung  der  unentgeltlichen  Rechtspflege  im  Sinne  von  Art.  65  Abs.  1  des  Bundesgesetzes  vom  20. Dezember  1968  über  das  Verwaltungsverfahren (VwVG, SR 172.021) auf einen späteren Zeitpunkt  und  verzichtete  auf  die  Erhebung  eines  Kostenvorschusses.  Demgegenüber  wies  das  Gericht  das  Gesuch  um  Gewährung  der  unentgeltlichen  Rechtsverbeiständung  angesichts  der  Offizialmaxime  mangels  Erforderlichkeit  ab.  Gleichzeitig  lud  das  Bundesverwaltungsgericht  die  Vorinstanz  zur  Vernehmlassung  bis  zum  3. November 2011 ein. H.  Das BFM hielt in seiner Vernehmlassung vom 21. Oktober 2011 fest, die  Beschwerdeschrift  enthalte  keine  neuen  erheblichen  Tatsachen  oder  Beweismittel,  welche  eine  Änderung  seines  Standpunktes  rechtfertigen  könnten, hielt vollumfänglich an den Erwägungen seiner Verfügung vom  6. September 2011 fest und beantragte die Abweisung der Beschwerde. I.  Das  Bundesverwaltungsgericht  stellte  der  Rechtsvertreterin  die  Vernehmlassung des BFM vom 21. Oktober  2011 am 25. Oktober  2011  zur Kenntnisnahme zu. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. 

D­5516/2011 1.1. Gemäss Art. 31 des Verwaltungsgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005  (VGG, SR 173.32) beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Beschwerden  gegen  Verfügungen  nach  Art. 5  VwVG.  Das  BFM  gehört  zu  den  Behörden  nach  Art. 33  VGG  und  ist  daher  eine  Vorinstanz  des  Bundesverwaltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme  im Sinne von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht  ist daher zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde; es  entscheidet  auf  dem  Gebiet  des  Asyls  endgültig,  ausser  bei  Vorliegen  eines  Auslieferungsersuchens  des  Staates,  vor  welchem  die  beschwerdeführende  Partei  Schutz  sucht  (Art. 105  AsylG;  Art. 83  Bst. c  Ziff.  1 und Bst. d Ziff. 1 des Bundesgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005  [BGG, SR 173.110]). 1.2. Das  Verfahren  richtet  sich  nach  dem  VwVG,  dem  VGG  und  dem  BGG, soweit das Asylgesetz nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und  Art. 6 AsylG). 1.3. Die  Beschwerde  ist  fristgerecht  eingereicht  und  auch  formgerecht,  als  sie  Begehren,  Begründung  sowie  die  nötigen  Vollmachten  und  die  Unterschrift  der Rechtsvertreterin  enthält.  Auf  die Beschwerde  ist  daher  insofern einzutreten (Art. 105 und 108 Abs. 1, Art. 52 VwVG). 1.4. Gemäss Art. 48 Abs. 1 VwVG ist zur Beschwerde berechtigt, wer vor  der  Vorinstanz  am  Verfahren  teilgenommen  hat  oder  keine  Möglichkeit  zur  Teilnahme  erhalten  hat  (Bst.  a),  durch  die  angefochtene  Verfügung  besonders berührt ist (Bst. b) und ein schutzwürdiges Interesse an deren  Aufhebung oder Änderung hat (Bst. c). Im  vorliegenden  Verfahren  stellt  sich  mit  Blick  auf  die  Problematik  der  Vertretungszugänglichkeit eines Asylgesuchs insbesondere die Frage, ob  der  Beschwerdeführer  am  Verfahren  vor  der  Vorinstanz  teilgenommen  hat, entsprechend durch die angefochtene Verfügung besonders berührt  ist  und  somit  ein  schutzwürdiges  Interesse  an  deren  Aufhebung  beziehungsweise  Änderung  hat.  Diese  Fragen  werden  in  E.  2  unten  abzuhandeln sein. 2.  Die Rechtsvertreterin  reichte  für  ihren Mandanten  am 22. Februar  2011  unter Beifügung entsprechender Vollmachten ein schriftliches Asylgesuch  ein und vertritt gleichzeitig den Standpunkt, die (nach Anhängigmachung  des  Asylverfahrens  durchzuführende)  schriftliche  Anhörung  eines 

D­5516/2011 Asylgesuchstellers  im  Sinne  von  Art.  10  Abs.  2  AsylV  1  sei  generell  vertretungsfeindlich, sofern nicht ohnehin eine persönliche Anhörung des  Beschwerdeführers  durch  die  Botschaft  unerlässlich  sei  (vgl.  Eingabe  vom 31. August 2011 S. 1 Ziff. 1 und 2 und Beschwerde S. 4 Ziff. 2.1 und  2.2). 2.1. Die  Bundesverfassung  gewährleistet  das  Recht  auf  Vertretung  als  Teilgehalt  des  Anspruchs  auf  rechtliches  Gehör  (Art.  29  Abs.  2  der  Bundesverfassung der Schweizerischen Eidgenossenschaft vom 18. April  1999  [BV,  SR  101];  HÄFELIN/MÜLLER/UHLMANN,  Allgemeines  Verwaltungsrecht, 5. Aufl., Zürich 2006, Rz. 1704 mit Hinweisen). Für das  Verwaltungsverfahren  und  damit  auch  für  das Asylverfahren  gilt  Art.  11  VwVG, welche Bestimmung mittels Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG auch für  das Asylbeschwerdeverfahren Anwendung findet. Gemäss Art. 11 Abs. 1  VwVG kann sich eine Partei, wenn sie nicht  persönlich  zu handeln hat,  auf  jeder  Stufe  des  Verfahrens  vertreten  oder,  soweit  die  Dringlichkeit  einer  amtlichen  Untersuchung  es  nicht  ausschliesst,  verbeiständen  lassen. 2.2. Das  verfassungsmässige Recht  auf Vertretung  (Art.  29 Abs.  2 BV)  gilt  indessen  nicht  absolut.  Eine  Einschränkung  ist  unter  Wahrung  der  Verhältnismässigkeit  zulässig,  wenn  sachliche  Gründe  es  rechtfertigen.  So  sind  Verfahrenshandlungen  von  der  Möglichkeit  der  Vertretung  ausgenommen, die eine persönliche Mitwirkung des oder der Vertretenen  erfordern,  entweder  weil  es  gesetzlich  vorgeschrieben  ist  oder  weil  die  Verfahrenshandlungen der Natur der Sache nach nur von ihm ausgehen  können (vgl. zum Ganzen das in der Materie des Steuerrechts ergangene  Urteil  des  Bundesverwaltungsgerichts  A­4355/2007  vom  20. November  2009 E. 3, mit weiteren Hinweisen). 2.3. Gemäss langjähriger asylrechtlicher Praxis gilt die Einreichung eines  Asylgesuches  als  sogenannt  „relativ  höchstpersönliches  Recht”  (vgl.  EMARK 1996 Nr. 5). Als höchstpersönliches Recht steht es einer Person  um  ihrer  selbst  Willen,  zum  Schutz  ihrer  Grundrechte  zu  und  kann  gemäss  Art.  19  Abs.  2  des  Schweizerischen  Zivilgesetzbuchs  vom  10. Dezember 1907 (ZGB, SR 210) von einer urteilsfähigen unmündigen  Person allein, ohne Zustimmung  ihres gesetzlichen Vertreters, ausgeübt  werden (vgl. EMARK 1996 Nr. 3 E. 2c; 1996 Nr. 4 E. 2d; 1996 Nr. 5 E.  4b). Die Ausübung eines höchstpersönlichen Rechts setzt somit lediglich  die  Urteilsfähigkeit,  nicht  aber  die  Mündigkeit  einer  für  sich  selbst  handelnden  Person  voraus.  Als  relativ  höchstpersönliches  Recht  lässt 

D­5516/2011 das  Stellen  eines  Asylgesuches  indessen  (im  Gegensatz  zu  den  sogenannt  „absolut  höchstpersönlichen  Rechten”)  eine  Vertretung  insofern  zu,  als  für  eine  urteilsunfähige  Person  ein  Asylgesuch  auch  durch ihren gesetzlichen Vertreter eingereicht werden kann (vgl. EMARK  1996  Nr.  4  E.  2d;  1996  Nr.  5  E.  4c­e).  Demgegenüber  verpflichtet  ein  höchstpersönliches Recht – sei dieses nun relativer oder absoluter Natur  – dessen  urteilsfähigen  unmündigen  Träger  grundsätzlich  auch,  dieses  selbständig,  also  ohne  Hilfe  eines  allfälligen  gesetzlichen  Vertreters,  geltend zu machen (vgl. beispielsweise HEINZ HAUSHERR/REGINA E. AEBI­ MÜLLER,  Das Personenrecht  des Schweizerischen Zivilgesetzbuches,  2.  Aufl.,  Bern  2008,  Rz.  07.24,  S. 68).  Dies  muss  somit  erst  recht  auf  urteilsfähige Mündige zutreffen. 2.4. Angesichts  des Gesagten  setzt  die  Initiierung  eines Asylverfahrens  aus  dem  Ausland  durch  die  urteilsfähige  (mündige  oder  unmündige)  Person  prinzipiell  einen  persönlichen  Antrag  derselben  voraus  (so  im  Grundsatz  auch  die  Urteile  D­239/2010  vom  4.  Juni  2010  [E.  3],  E­ 1147/2010 vom 5. März 2010 [S. 6 f.], D­591/2009 vom 24. Februar 2009  [E. 4] oder E­490/2009 vom 23. Februar 2009 [S. 5 f.]). Fehlt ein solcher,  ist  eine  Mangelbehebung  jedoch  nicht  zwangsläufig  ausgeschlossen.  Eine Heilung kann beispielsweise dadurch erfolgen, dass der Inhalt eines  vertretungsweise eingereichten Asylgesuchs anlässlich einer mündlichen  Anhörung  oder  durch  Einreichung  einer  persönlich  verfassten  oder  zumindest unterzeichneten Stellungnahme zum Fragenkatalog des BFM  im  Falle  des  Verzichts  auf  eine  Befragung  bestätigt  wird.  So  würde  es  stossend  erscheinen,  wenn  Personen,  die  sich  im  Zustand  schwerer  Krankheit  oder  Todesgefahr  befinden,  das  Stellen  eines  Asylgesuchs  durch  einen  Vertreter  aufgrund  des  abstrakten  Kriteriums  mangelnder  Höchstpersönlichkeit  verwehrt wäre. Auch  in  solchen Konstellationen  ist  aber  zwingend  eine  spätere  Heilung  des  Mangels  vor  Ergehen  eines  erstinstanzlichen  Asylentscheides  nötig,  beispielsweise  mittels  persönlicher  "Absegnung" des seitens Dritter eingereichten Asylgesuchs  durch den Gesuchsteller  vor  der Asylbehörde nach dessen Entkommen  aus der Todesgefahr (vgl. Urteil E­3162/11 vom 6. Dezember 2011). 2.5.  Im  vorliegenden  Fall  steht  aufgrund  der  Aktenlage  fest,  dass  der  Beschwerdeführer  im ganzen bisherigen Verfahren und insbesondere im  gesamten erstinstanzlichen Verfahren nie in irgendeiner Weise persönlich  vor  einer  schweizerischen Asylbehörde  im  In­  oder Ausland aufgetreten  ist.  Insbesondere  liegt  keine  schriftliche  Erklärung  des  Beschwerdeführers  selbst  vor,  in  der  er  –  unter  Darlegung  seiner 

D­5516/2011 Asylgründe  –  den Willen  zum Ausdruck  bringt,  in  der Schweiz  um Asyl  nachsuchen  zu  wollen.  Somit  steht  für  das  Bundesverwaltungsgericht  aufgrund der sich präsentierenden Aktenlage nicht  fest, ob er überhaupt  ein  entsprechendes  Asylgesuch  stellen  wollte  und  will.  Damit  bleibt  zudem  unklar,  ob  er  selber  als  Gesuchsteller  am  vorinstanzlichen  Verfahren  teilgenommen  hat  und  dadurch  die  Legitimationsvoraussetzungen  (Art. 48  Abs. 1  VwVG)  zur  Beschwerdeführung  erfüllt.  Die  angefochtene  Verfügung  hätte  aufgrund  des  sich  in  jenem  Zeitpunkt  präsentierenden  Abklärungsstandes  hinsichtlich  der  Erfüllung  der  Verfahrensvoraussetzungen  nicht  ergehen  dürfen  und  ist  daher  aufzuheben.  Es  bleibt  dem BFM  überlassen,  über  das weitere Vorgehen zu befinden; das heisst, es hat zu entscheiden, ob  es das Asylverfahren unter Behebung des festgestellten Mangels wieder  aufzunehmen und gegebenenfalls einer neuen Entscheidung zuzuführen  gedenkt,  oder  ob  es  der  Rechtsvertreterin  des  Beschwerdeführers  eine  Mitteilung  betreffend  die  Nichtanhandnahme  des  Asylgesuchs  infolge  fehlender höchstpersönlicher Einreichung zu machen hat. 2.6.  Zusammenfassend  ist  festzustellen,  dass  das  BFM  die  Höchstpersönlichkeit  des Rechts auf Stellen eines Asylantrags  verkennt  und  mithin  eine  Verfügung  erlassen  hat,  die  mangels  zureichender  Prüfung der Verfahrensvoraussetzungen nicht hätte ergehen dürfen. 3.  Aus  diesen  Erwägungen  ergibt  sich,  dass  die  angefochtene  Verfügung  Bundesrecht  verletzt  sowie  den  rechtserheblichen  Sachverhalt  unrichtig  und unvollständig feststellt (Art. 106 AsylG). Die Beschwerde ist insoweit  gutzuheissen,  als  die  angefochtene  Verfügung  aufzuheben  und  die  Sache  im  Sinne  der  Erwägungen  zur  Wiederaufnahme  oder  allenfalls  Beendigung  des  erstinstanzlichen  Verfahrens  an  das  BFM  zurückzuweisen ist. 4.  4.1. Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Kosten aufzuerlegen  (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen  Rechtspflege im Sinne von Art. 65 Abs. 1 VwVG wird damit hinfällig. 4.2.  Im  vorliegenden  Fall  besteht  grundsätzlich  ein  Anspruch  auf  Parteientschädigung,  da  die  Beschwerde  führende  Partei  mit  ihrem  Antrag  betreffend  Aufhebung  der  angefochtenen  Verfügung  durchgedrungen ist (Art. 7 Abs. 1 des Reglements vom 21. Februar 2008 

D­5516/2011 über  die  Kosten  und  Entschädigungen  vor  dem  Bundesverwaltungsgericht  [VGKE,  SR  173.320.2]).  Weil  indes  das  Obsiegen  in  keiner Weise durch den Beschwerdeinhalt motiviert  ist  und  die  übrigen  Anträge  (Erteilung  einer  Einreisebewilligung  zwecks  Durchführung  des  Asylverfahrens  beziehungsweise  Durchführung  einer  persönlichen  Anhörung  durch  die  Schweizer  Botschaft  in  Khartum)  mangels  eines  rechtsgültig  gestellten  Asylantrages  gar  nicht  zur  Beurteilung  gelangt  sind,  rechtfertigt  sich  in  casu  eine  Reduktion  der  Parteientschädigung  auf  Fr. 100.–  (Art.  10  Abs.  2  VGKE).  Auf  diesen  Betrag ist mithin die eingereichte Kostennote zu kürzen und das BFM zur  Ausrichtung desselben zu verpflichten. (Dispositiv nächste Seite)

D­5516/2011 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1.  Die  Beschwerde  wird  insoweit  gutgeheissen,  als  die  angefochtene  Verfügung  aufgehoben  und  die  Sache  an  das  BFM  zwecks  Wiederaufnahme  oder  allenfalls  Beendigung  des  erstinstanzlichen  Asylverfahrens zurückgewiesen wird. 2.  Es werden keine Verfahrenskosten auferlegt. 3.  Es  wird  eine  reduzierte  Parteientschädigung  in  Höhe  von  Fr. 100.–  zu  Lasten des BFM ausgerichtet. 4.  Dieses Urteil  geht  an  die Rechtsvertreterin  des  Beschwerdeführers,  die  Schweizer Vertretung in Khartum und das BFM. Der vorsitzende Richter: Der Gerichtsschreiber: Martin Zoller Philipp Reimann Versand:

D-5516/2011 — Bundesverwaltungsgericht 19.12.2011 D-5516/2011 — Swissrulings