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Bundesverwaltungsgericht 14.11.2011 D-5299/2011

14. November 2011·Deutsch·CH·CH_BVGE·PDF·1,422 Wörter·~7 min·2

Zusammenfassung

Asylgesuch aus dem Ausland und Einreisebewilligung | Asylgesuch aus dem Ausland und Einreisebewilligung; Verfügung des BFM vom 5. August 2011

Volltext

Bundesve rwa l t ungsge r i ch t T r i buna l   adm in istratif   f édé ra l T r i buna l e   ammin istrati vo   f ede ra l e T r i buna l   adm in istrativ   f ede ra l     Abteilung IV D­5299/2011/sps Urteil   v om   1 4 .   No v embe r   2011 Besetzung Richterin Nina Spälti Giannakitsas (Vorsitz), Richter Walter Stöckli, Richter Gérard Scherrer;    Gerichtsschreiberin Nina Hadorn. Parteien A._______, geboren (…), Türkei, c/o Schweizerische Vertretung in Ankara, Beschwerdeführer,  gegen Bundesamt für Migration (BFM), Quellenweg 6, 3003 Bern,    Vorinstanz.  Gegenstand Asylgesuch aus dem Ausland und Einreisebewilligung; Verfügung des BFM vom 5. August 2011 / N (…).

D­5299/2011 Das Bundesverwaltungsgericht stellt fest und erwägt, dass der Beschwerdeführer – ein türkischer Staatsangehöriger kurdischer  Ethnie aus B._______ – am (…) 2011 bei der schweizerischen Vertretung  in  Ankara  telefonisch  um  Asyl  nachsuchte  und  dort  am  (…)  2011  zu  seinen Asylgründen angehört wurde,  dass  er  zur  Begründung  seines  Asylgesuchs  im  Wesentlichen  geltend  machte, er habe sich seit (…) für die kurdische Politik engagiert und auf  Provinzebene  verschiedene  Führungspositionen  innerhalb  der  Oppositionsparteien HADEP  ("Halkın Demokrasi  Partisi",  dt.  Volkspartei  der Demokratie) und deren Nachfolgeparteien DEHAP ("Demokratik Halk  Partisi",  dt.  Demokratische  Volkspartei)  und  DTP  ("Demokratik  Toplum  Partisi",  dt.  Partei  der  demokratischen Gesellschaft;  heute:  BDP  ["Barış  ve  Demokrasi  Partisi",  dt.  Partei  des  Friedens  und  der  Demokratie])  innegehabt, dass  er  im  Rahmen  seiner  Führungstätigkeiten  für  die  HADEP  von  (…) bis (…) am Aufbau der Partei beteiligt gewesen sei, indem er mit der  Gründung  verschiedener  Kommissionen  innerhalb  der  Partei,  der  Koordination  von  Kommissionen  und  Provinzbüros,  der  Öffentlichkeitsarbeit  und  der  Organisation  des  Wahlkampfs  betraut  gewesen sei, dass  er  als  Vorstandsmitglied  des  lokalen  Parteibüros  der  DEHAP  von  (…) bis (…) für Medien und Public Relations (PR) zuständig gewesen sei,  was  Tätigkeiten  wie  das  Verfassen  von  Pressemitteilungen  und  die  Organisation von Kundgebungen beinhaltet habe, dass er sich während der kurzen Zeit als Vorsitzender des Provinzbüros  der  DTP  von  (…)  bis  (…)  primär  mit  den  Lokalwahlen  befasst  habe,  indem  er  etwa  mit  den  Jugendlichen  Hausbesuche  zur  Anwerbung  ehemaliger  Mitglieder  unternommen  und  verschiedene  Ausflüge  organisiert habe, dass er im Weiteren Mitglied des [Verein] C._______ sei, dass er aufgrund seiner politischen Aktivitäten zugunsten der Opposition  am  (…)  (…)  in  B._______  in  Gewahrsam  genommen  worden  sei,  um  danach bis zum (…) in Untersuchungshaft zu bleiben, dass er während (…) in Gewahrsam wenn auch nicht physisch, so doch  psychisch  misshandelt  worden  sei,  indem  man  ihn  wegen  seiner 

D­5299/2011 Sympathie  zum  Christentum  verhöhnt  und  durch  Drohungen  habe  zu  einer Aussage bewegen wollen, dass  während  der  Untersuchungshaft  insofern  schlechte  Haftbedingungen  geherrscht  hätten,  als  dass  die  ärztliche  Betreuung  ungenügend gewesen sei, es keine Möglichkeiten gegeben habe, sich zu  unterhalten oder zu bewegen, dass es sehr kalt und das Essen schlecht  gewesen  sei,  und  die  politischen  Häftlinge  stets  grundlos  mit  Disziplinarmassnahmen bestraft worden seien, dass  das  [Gericht]  D._______  (…)  ein  Strafverfahren  gegen  ihn  eingeleitet  habe,  in  welchem  die  Anklage  auf  "Mitgliedschaft  bei  der  Terrororganisation  PKK/Kongra­Gel  ("Partiya  Karkerên  Kurdistan",  dt.  Arbeiterpartei  Kurdistans/"Kongra  Gelê  Kurdistan",  dt.  Volkskongress  Kurdistan) und Propaganda zu Gunsten der Terrororganisation" gelautet  habe, dass  er  am  (…)  erstinstanzlich  wegen  "Mitgliedschaft  bei  der  YDGH  ("Yurtsever Demokrativ Gençlik Hareketi", dt. Bewegung der patriotischen  und  demokratischen  Jugend)  bzw.  der  Jugendgruppierung  der  PKK/Kongra­Gel" zu einer Haftstrafe von (…) verurteilt worden sei, dass seine Beschwerde gegen dieses Urteil  beim Kassationshof hängig  sei  und  er  in  Anbetracht  von  Präzedenzfällen  und  dem  Antrag  des  Staatsanwalts  befürchte,  das  erstinstanzliche  Urteil  werde  in  Kürze  bestätigt, dass  er  bis  zum  Ergehen  des  Urteils  kontrolliert  in  Freiheit  entlassen  worden  sei,  was  bedeute,  dass  er  nicht  ins  Ausland  reisen  dürfe,  der  Polizei  alle  Adressänderungen  melden  und  sich  auf  Abruf  bereithalten  müsse, ansonsten ein Haftbefehl gegen ihn erlassen werde, dass  er  ausserdem  aufgrund  der  Veröffentlichung  seiner  Verhaftung  durch  die  Medien  und  der  Verwendung  der  kurdischen  Sprache  von  zivilen  Personen  als  Terrorist  und  Separatist  bezeichnet  und  bedroht  werde, dass  er  zur Stützung  seiner Vorbringen  seine  Identitätskarte  (in Kopie),  jeweils  eine  Kopie  mit  deutscher  Übersetzung  der  Anklageschrift  der  Staatsanwaltschaft  vom  (…),  des erstinstanzlichen Urteils  vom  (…),  der  Stellungnahme  der  Staatsanwaltschaft  vom  (…),  des  Mitgliedschaftsausweises  des  C._______,  seines  Parteiausweises  der 

D­5299/2011 HADEP, eines Organigramms der HADEP vom 28. August 1999, zweier  Schreiben  der  HADEP  vom  (…)  beziehungsweise  undatiert,  eines  Organigramms  der  DTP  vom  25.  Dezember  2008,  verschiedener  Zeitungs­  und  Internetauszüge und diverser Schreiben der Haftdirektion  bezüglich  der  geltend  gemachten  Disziplinarstrafen  und  Verbote  einreichte, dass  das  BFM  mit  Verfügung  vom  5.  August  2011  –  eröffnet  am  24. August  2011  –  die  Einreise  des  Beschwerdeführers  in  die  Schweiz  nicht bewilligte und sein Asylgesuch ablehnte, dass  das  Bundesamt  zur  Begründung  im  Wesentlichen  ausführte,  der  Beschwerdeführer  sei  nicht  schutzbedürftig,  da  die  strafrechtliche  Verfolgung vorliegend rechtsstaatlich legitimiert und mit rechtsstaatlichen  Mitteln  geführt  werde,  und  im  Übrigen  die  Möglichkeit  bestehe,  in  Kroatien um Schutz zu ersuchen, dass  der  Beschwerdeführer  mit  am  22.  September  2011  bei  der  Schweizerischen Vertretung in Ankara und am 30. September 2011 beim  Bundesverwaltungsgericht  eingegangener  Eingabe  gegen  diesen  Entscheid Beschwerde erhob, dass  beim  Bundesverwaltungsgericht  am  26.  September  2011  ein  zweites,  direkt  an  das  Gericht  adressiertes  Exemplar  dieser  Eingabe  einging, dass  der  Beschwerdeführer  zur  Begründung  seiner  Beschwerde  im  Wesentlichen  die  bereits  im  Rahmen  des  erstinstanzlichen  Verfahrens  geltend gemachten Vorbringen wiederholte, dass  er  ferner  geltend  machte,  er  sei  ungefähr  (…)  zum  Christentum  konvertiert, weshalb er von verschiedenen Seiten bedroht werde, dass  er  für  die  Partei  E._______  und  die  F._______  Versammlungen  organisiert habe, dass er infolge der schlechten Bedingungen während seiner (…) Haft an  einer chronischen Bronchitis und Varizokele leide,

D­5299/2011 und zieht in Erwägung: dass das Bundesverwaltungsgericht im vorliegenden Verfahren endgültig  entscheidet  (Art. 105  des  Asylgesetzes  vom  26. Juni  1998  [AsylG,  SR 142.31]  i.V.m.  Art. 31  ­  33  des  Verwaltungsgerichtsgesetzes  vom  17. Juni  2005  [VGG,  SR  173.32];  Art. 83  Bst. c  Ziff. 1  und  Bst. d  Ziff. 1  des Bundesgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005 [BGG, SR 173.110]), dass  der  Beschwerdeführer  durch  die  angefochtene  Verfügung  besonders berührt ist, ein schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung  beziehungsweise  Änderung  hat  und  daher  zur  Einreichung  der  Beschwerde  legitimiert  ist  (Art. 105  AsylG  i.V.m.  Art. 37  VGG  sowie  Art. 48  Abs. 1  des  Bundesgesetzes  vom  20. Dezember  1968  über  das  Verwaltungsverfahren [VwVG, SR 172.021]), dass  demnach  auf  die  frist­  und  formgerecht  eingereichte  Beschwerde  einzutreten ist (Art. 108 Abs. 1 AsylG sowie Art. 105 AsylG i.V.m. Art. 37  VGG und Art. 52 VwVG), dass  mit  Beschwerde  die  Verletzung  von  Bundesrecht,  die  unrichtige  oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts und  die Unangemessenheit gerügt werden können (Art. 106 Abs. 1 AsylG), dass  das  Bundesamt  ein  im  Ausland  gestelltes  Asylgesuch  ablehnen  kann, wenn die asylsuchende Person keine Verfolgung glaubhaft machen  oder ihr die Aufnahme in einem Drittstaat zugemutet werden kann (Art. 3,  Art. 7 und Art. 52 Abs. 2 AsylG), dass  die  Einreise  in  die  Schweiz  jedoch  zu  bewilligen  ist,  wenn  eine  unmittelbare Gefahr  für Leib und Leben oder  für die Freiheit  aus einem  Grund  nach Art. 3 Abs. 1 AsylG glaubhaft  gemacht worden  ist  oder  der  asylsuchenden Person der Verbleib am Aufenthaltsort  für die Dauer der  Sachverhaltsabklärung nicht zugemutet werden kann, dass  die  Voraussetzungen  für  die  Erteilung  einer  Einreisebewilligung  grundsätzlich restriktiv umschrieben sind und den Asylbehörden dabei ein  weiter  Ermessensspielraum  zukommt,  bei  dessen  Ausübung  neben  der  erforderlichen  Gefährdung  im  Sinne  von  Art. 3  AsylG  namentlich  die  Beziehungsnähe  zur  Schweiz  und  zu  anderen  Staaten,  die  Möglichkeit  der  Schutzgewährung  durch  einen  anderen  Staat,  die  praktische  Möglichkeit und objektive Zumutbarkeit einer anderweitigen Schutzsuche  sowie  die  voraussichtlichen  Eingliederungs­  und  Assimilationsmöglichkeiten  in  Betracht  zu  ziehen  sind  (vgl. 

D­5299/2011 Entscheidungen  und  Mitteilungen  der  Schweizerischen  Asylrekurskommission  [EMARK] 2004 Nr. 20 E. 3 S. 130  f.  und EMARK  2004 Nr. 21 E. 2 S. 136 f., EMARK 2005 Nr. 19 E. 4 S. 174 ff.), dass  Verfolgung  dann  asylrechtlich  relevant  ist,  wenn  die  um  Asyl  ersuchende  Person,  wegen  ihrer  Rasse,  Religion,  Nationalität,  Zugehörigkeit  zu  einer  bestimmten  sozialen  Gruppe  oder  wegen  ihrer  politischen  Anschauungen  ernsthaften  Nachteilen  ausgesetzt  ist  oder  begründete Furcht hat, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden, wobei  als ernsthafte Nachteile namentlich die Gefährdung von Leib, Leben oder  Freiheit sowie Massnahmen, die einen unerträglichen psychischen Druck  bewirken gelten (Art. 3 AsylG), dass entsprechend der Lehre und Praxis sodann erforderlich ist, dass die  asylsuchende Person gezielt und aufgrund bestimmter Verfolgungsmotive  ernsthafte  Nachteile  von  bestimmter  Intensität  erlitten  hat  beziehungsweise  solche  mit  beachtlicher  Wahrscheinlichkeit  und  in  absehbarer  Zukunft  befürchten  muss  (vgl.  EMARK  2005  Nr. 21  E. 7  S. 193)  und  einer  landesweiten  Verfolgung  ausgesetzt  ist  (vgl.  EMARK  2006 Nr. 18), dass vorliegend entgegen den Ausführungen der Vorinstanz begründete  Hinweise auf eine Verfolgung in diesem Sinne bestehen, dass  das  BFM  in  der  angefochtenen  Verfügung  ausführte,  dem  Beschwerdeführer würden Unterstützungstätigkeiten für die PKK zur Last  gelegt,  indem  er  als  Mitglied  der  YDGH  verschiedene  Propagandaarbeiten durchgeführt habe, dass die PKK zur Umsetzung ihrer Ziele seit Jahren massive Gewaltakte  verübe, welche  insgesamt  als  terroristische Handlungen  zu qualifizieren  seien, und es sich bei der YDGH um eine Jugendorganisation handle, die  sich  erwiesenermassen  in  den Dienst  der  PKK  stelle,  weshalb  sich  die  Ahndung  von Unterstützungstätigkeiten  zu Gunsten  dieser Organisation  im Kern als rechtsstaatlich legitimiert erweise, dass  dem  Beschwerdeführer  konkret  vorgeworfen  werde,  er  habe  in  ständigem  Kontakt  mit  seinen  Mitangeklagten  gestanden,  die  Organisation  von  Drucken,  Verteilung  und  Verkauf  verschiedener  Printmedien  wie  die  "Yurtsever  Gençlik"  und  die  "Özgür  Halk"  übernommen, wiederholt Versammlungen organisiert, und im Namen der  YDGH  beziehungsweise  PKK  Propaganda­  und  Ausbildungsarbeit 

D­5299/2011 betrieben, was darauf schliessen lasse, er habe in einer Führungsrolle die  Gründung einer Partei vorbereitet, dass  aufgrund  dieser  Unterstützung  ein  Strafverfahren  gegen  ihn  eingeleitet  worden  sei,  in  welchem  er während  (…)  in Gewahrsam  und  während (…) in Untersuchungshaft genommen worden sei, wo er jedoch  keinen  körperlichen  Misshandlungen  unterworfen  gewesen  sei,  keine  Hinweise auf ein unter Druck abgepresstes Geständnis vorlägen, und er  den weiteren Verlauf des Verfahrens in Freiheit abwarten könne, dass  die  erstinstanzliche  Verurteilung  zu  (…)  Haft  in  Anbetracht  der  Schwere  der  Vorwürfe  nicht  als  übertrieben  und  aufgrund  eines  Politmalus  erfolgt  erachtet  werde,  zumal  auch  das  deutsche  Strafgesetzbuch die Unterstützung gewaltextremistischer Organisationen  mit Freiheitsstrafen von sechs Monaten bis zu zehn Jahren sanktioniere, dass folglich das vorliegende Strafverfahren sowohl aus rechtsstaatlichen  Motiven,  als  auch  mit  rechtsstaatlichen  Mitteln  geführt  werde,  weshalb  der Beschwerdeführer nicht schutzbedürftig sei, dass diesen Ausführungen jedoch nicht gefolgt werden kann, dass gegen den Beschwerdeführer wegen seiner politischen Aktivitäten in  der Türkei ein Verfahren hängig ist, in welchem ihm eine Verurteilung zu  einer  langen Haftstrafe  droht  und welches  entgegen  den  Ausführungen  des  BFM  gerade  nicht  a  priori  als  rechtsstaatlich  legitim  bezeichnet  werden kann, dass  das  BFM  feststellte,  die  türkischen  Behörden  hätten  aufgrund  der  Beweislage gewichtige Anhaltspunkte dafür, dass der Beschwerdeführer  die YDGH und folglich auch die PKK unterstütze, dass  sich  die  Vorinstanz  in  ihren  Erwägungen  einzig  auf  die  Feststellungen  der  türkischen  Behörden  (vgl.  Verfügung  vom  5.  August  2011  Ziff.  2  Bst.  a:  "Sie  bestritten  zwar  gegenüber  den  türkischen  Behörden,…  […]  In  Ihrem  Fall  können  die  türkischen  Behörden  jedoch  auf  eine  gute  Beweislage  zurückgreifen.  So  stützen  sich  die  türkischen  Behörden auf  eine Reihe  von Beweismitteln.  […] Aus der Observierung  Ihrer  Telefonate  und  Ihres  Mailverkehrs  hat  es  sich  ergeben,…  Schliesslich ist den Gerichtsakten auch von […] die Rede. […]") stützt, dass das BFM in seiner Verfügung feststellte, dass der Beschwerdeführer  zwar  sowohl  gegenüber  den  türkischen  Behörden  im  Rahmen  des 

D­5299/2011 gerichtlichen  Verfahrens,  als  auch  gegenüber  den  schweizerischen  Behörden  im  Rahmen  des  Asylverfahrens  bestritten  habe,  illegale  politische  Aktivitäten  verfolgt  zu  haben,  die  türkischen  Behörden  vorliegend aber auf eine gute Beweislage zurückgreifen könnten, dass der Beschwerdeführer  im Rahmen des gerichtlichen Verfahrens  in  der  Türkei  zu  seiner Verteidigung  ausführte,  seine Mitangeklagten  zwar  zu kennen, zu diesen jedoch keine persönliche Beziehung zu unterhalten, dass  er  zum Zeitpunkt  des Vorfalls Provinzleiter  der DTP  in B._______  gewesen  sei  und  die  Parteiführung  auch  Studenten  mobilisiert  habe,  weshalb er in Kontakt mit diesen Personen gestanden habe, dass die  bei  der Hausdurchsuchung  sichergestellten CDs einen  legalen  Inhalt hätten und er die Bücher an Strassenständen gekauft habe, dass  er  bestätigte,  bei  seinem  Mitangeklagten  G._______,  der  in  H._______  bei  einer  Zeitung  gearbeitet  habe,  Zeitungen  bestellt  zu  haben, zumal diese in B._______ nicht erhältlich gewesen seien, dass es in den abgehörten Telefongesprächen nicht um die PKK oder die  Jugendorganisation  YDGH  gegangen  sei,  sondern  dass  die  Anti­ Terrorabteilung  die  Auszüge  aus  den  Gesprächen  aus  dem  Zusammenhang gerissen habe,  um durch die  verzerrte Darstellung  ihre  Vorwürfe zu bestätigen,  dass  diese  Erklärungen  des  Beschwerdeführers  vom  BFM  in  keiner  Weise gewürdigt wurden, dass  ein  alleiniges  Abstellen  auf  Wertungen  der  türkischen  Strafverfolgungsbehörden nicht statthaft erscheint und den Gerichtsakten  keine  objektivierbaren  Hinweise  zu  entnehmen  sind,  dass  der  Beschwerdeführer  weitergehende,  über  die  von  ihm  beschriebenen  hinausgehenden  Aktivitäten  –  namentlich  terroristischer  oder  staatsgefährdender Natur – entfaltet hätte, dass die Haltung des Beschwerdeführers, sich nicht von den Zielen (wohl  aber von den Mitteln) der PKK zu distanzieren, den Grundsätzen der DTP  gerade  entspricht  (vgl.  GÜZELDERE  EKREM  EDDY,  Turkey:  Regional  Elections  and  the  Kurdish  Question,  Caucasian  Review  of International Affairs  August 2009, S. 300),  weshalb  aus  dem  Aussageverhalten  des  Beschwerdeführers  nicht  ohne  Weiteres  die 

D­5299/2011 Mitgliedschaft  bei  der  PKK  oder  gar  Teilnahme  an  terroristischen  Aktivitäten abgeleitet werden kann, dass auch eine gewisse Solidarisierung mit getöteten PKK­Aktivisten und  die Vorliebe für kurdische Musik noch kein Hinweis für eine Unterstützung  der PKK darstellt, dass sich  insgesamt aus den Akten nichts ergibt, was darauf hindeuten  würde,  der  Beschwerdeführer  sei  nicht  wie  von  ihm  angegeben  allein  insofern  politisch  aktiv  gewesen,  als  er  zuletzt  Vorsitzender  des  Provinzbüros der DTP gewesen sei und Printmedien verteilt habe,  dass  die  türkischen  Behörden  auf  der  anderen  Seite  bekanntermassen  DTP­Mitglieder  zum  Teil  ohne  ersichtlichen  Anlass  Verfolgungsmassnahmen  unterziehen  (vgl.  HELMUT  OBERDIEK,  Türkei  Update:  Aktuelle  Entwicklungen,  Schweizerische  Flüchtlingshilfe  SFH  [Hrsg.],  Oktober  2008,  S.  15;  EU­Kommission,  Turkey  2009  Progress  Report, Oktober 2009), dass  auch  die  relativ  hohe  Haftstrafe  von  (…)  dafür  spricht,  dass  das  Verfahren  gegen  den  Beschwerdeführer  politisch  motiviert  und  der  Beschwerdeführer einem Politmalus ausgesetzt war, dass  in  jedem Fall zu berücksichtigen  ist, dass aufgrund des politischen  Führungsprofils  des  Beschwerdeführers  sowie  des  gegen  ihn  eingeleiteten  Strafverfahrens  ein  politisches  Datenblatt  erstellt  worden  sein dürfte, dass  in  der  Regel  bereits  aufgrund  dieser  Fichierung  von  einer  berechtigten  Furcht  vor  künftiger  asylrechtlich  relevanter  staatlicher  Verfolgung auszugehen ist (vgl. EMARK 2005  Nr. 11, BVGE 2010/9 E. 5,  Urteil  des  Bundesverwaltungsgerichts  vom  7.  Dezember  2010  [E­ 8112/2009] E. 6.2), dass  daher  ohne  abschliessende  Beurteilung  des  Asylgesuchs  und  der  Vorbringen  in  der  Rechtsmitteleingabe  des  Beschwerdeführers  eine  Gefährdung  aus  einem  Grund  nach  Art.  3  AsylG  insgesamt  nicht  ausgeschlossen werden kann, dass dem Beschwerdeführer schliesslich wegen des gegen ihn laufenden  Verfahrens  respektive  der  drohenden  Inhaftierung  der  Verbleib  in  der  Türkei nicht zugemutet werden kann (vgl. diesbezüglich auch die Urteile  des  Bundesverwaltungsgericht  vom  13.  Dezember  2010  [D­8253/2010], 

D­5299/2011 vom  7.  Dezember  2010  [D­8112/2009]  und  vom  15.  Februar  2010  [D­456/2010]), dass  aufgrund  der  aktuellen  Aktenlage  kein  hinreichender  Grund  zur  Annahme  einer  Asylunwürdigkeit  des  Beschwerdeführers  im  Sinne  von  Art. 53  AsylG  besteht,  zumal  keine  konkreten  Anhaltspunkte  dafür  vorliegen, dass er verwerfliche Handlungen im Sinne dieser Bestimmung  begangen  habe  oder  die  innere  oder  äussere  Sicherheit  der  Schweiz  gefährde (vgl. BVGE 2011/10), dass nachfolgend zu prüfen bleibt, ob dem Beschwerdeführer zugemutet  werden  kann  –  prioritär  vor  der  Schweiz  –  in  einem  anderen  Staat  um  Schutz zu ersuchen (Art. 52 Abs. 2 AsylG), dass zwar grundsätzlich auch andere Staaten als die Schweiz in der Lage  wären,  den  Beschwerdeführer  zu  schützen  und  namentlich  zu  Deutschland ein Anknüpfungspunkt besteht, indem sich dort zwei Brüder  des Beschwerdeführers aufhalten,  dass der Beschwerdeführer jedoch keine Möglichkeit hat, in Deutschland  Schutz  in Anspruch zu nehmen, zumal Deutschland die Möglichkeit,  via  eine Botschaft im Ausland einen Asylantrag und eine Einreisebewilligung  zu beantragen, nicht kennt, dass die Argumentation der Vorinstanz, der Beschwerdeführer könne mit  einem  türkischen  Pass  visumsfrei  nach  Kroatien  einreisen  und  dort  ein  rechtsstaatlich  korrektes  Asylverfahren  durchlaufen,  weshalb  ein  genereller Nachgang der Schweiz gegenüber anderen Staaten abzuleiten  wäre, praxisgemäss nicht angeht (vgl. EMARK 2005 Nr. 19 E. 4.3), dass  das  BFM  bezüglich  Kroatien  –  zu  dem  der  Beschwerdeführer  keinerlei Bezug hat – zudem selber angibt, eine Assimilierung könnte sich  schwieriger  gestalten  als  in  der  Schweiz,  weshalb  einer  Schutzgewährung durch Kroatien keine Priorität einzuräumen ist, dass  insgesamt  nicht  davon  ausgegangen  werden  kann,  der  Beschwerdeführer  verfüge  vorrangig  vor  der  Schweiz  zu  anderen  Staaten,  in  die  eine  Einreise  faktisch  möglich  wäre,  eine  besondere  Beziehung, dass  das  BFM  demnach  die  Ausschlussklausel  gemäss  Art.  52  Abs.  2  AsylG zu Unrecht angewandt hat,

D­5299/2011 dass  die  Beschwerde  nach  dem  Gesagten  gutzuheissen,  die  vorinstanzliche Verfügung vom 5. August 2011 aufzuheben und das BFM  anzuweisen  ist,  dem  Beschwerdeführer  zum  Zweck  der  Durchführung  des Asylverfahrens die Einreise in die Schweiz zu bewilligen, dass  bei  diesem  Ausgang  des  Verfahrens  keine  Kosten  aufzuerlegen  sind (Art. 63 Abs. 1 VwVG), dass  der  Beschwerdeführer  im  Rechtsmittelverfahren  vor  dem  Bundesverwaltungsgericht  nicht  vertreten  wurde,  weshalb  nicht  davon  auszugehen  ist,  ihm  seien  durch  die  Beschwerdeführung  verhältnismässig  hohe  Kosten  erwachsen,  und  ihm  daher  keine  Parteientschädigung zuzusprechen ist (Art. 64 Abs. 1 VwVG und Art. 7 ff.  des  Reglements  vom  21. Februar  2008  über  die  Kosten  und  Entschädigungen  vor  dem  Bundesverwaltungsgericht  [VGKE,  SR  173.320.2]). (Dispositiv nächste Seite)

D­5299/2011 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1.  Die Beschwerde wird gutgeheissen. 2.  Die Verfügung des BFM vom 5. August 2011 wird aufgehoben. 3.  Das  BFM  wird  angewiesen,  dem  Beschwerdeführer  die  Einreise  in  die  Schweiz zur Durchführung des Asylverfahrens zu bewilligen. 4.  Es werden keine Verfahrenskosten auferlegt. 5.  Es wird keine Parteientschädigung ausgerichtet. 6.  Dieses Urteil  geht  an  den Beschwerdeführer,  die  zuständige Schweizer  Vertretung und das BFM. Die vorsitzende Richterin: Die Gerichtsschreiberin: Nina Spälti Giannakitsas Nina Hadorn Versand:

D-5299/2011 — Bundesverwaltungsgericht 14.11.2011 D-5299/2011 — Swissrulings