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Bundesverwaltungsgericht 15.09.2011 D-4948/2011

15. September 2011·Deutsch·CH·CH_BVGE·PDF·871 Wörter·~4 min·2

Zusammenfassung

Nichteintreten auf Asylgesuch (Safe Country) und Wegweisung | Nichteintreten auf Asylgesuch und Wegweisung; Verfügung des BFM vom 1. September 2011

Volltext

Bundesve rwa l t ungsge r i ch t T r i buna l   adm in istratif   f édé ra l T r i buna l e   ammin istrati vo   f ede ra l e T r i buna l   adm in istrativ   f ede ra l Abteilung IV D­4948/2011 law/bah Urteil   v om   1 5 .   S ep t embe r   2011 Besetzung Einzelrichter Walter Lang, mit Zustimmung von Richterin Regula Schenker Senn;  Gerichtsschreiber Christoph Basler. Parteien A._______, geboren am (…), B._______, geboren am (…), C._______, geboren am (…), D._______, geboren am (…), E._______, geboren am (…), F._______, geboren am (…), Bosnien und Herzegowina,   alle vertreten durch Annelise Gerber,  (…),  Beschwerdeführende,  gegen Bundesamt für Migration (BFM),  Quellenweg 6, 3003 Bern,    Vorinstanz.  Gegenstand Nichteintreten auf Asylgesuch und Wegweisung;  Verfügung des BFM vom 1. September 2011 / N (…).

D­4948/2011 Das Bundesverwaltungsgericht stellt fest, dass die Beschwerdeführenden, ethnische Roma mit letztem Wohnsitz in  G._______,  Bosnien  und  Herzegowina  eigenen  Angaben  zufolge  am  1. August  2011  verliessen  und  am  2. August  2011  in  der  Schweiz  um  Asyl nachsuchten, dass sie bei den Erstbefragungen im Empfangs­ und Verfahrenszentrum  Basel  vom  16. August  2011  und  den  Anhörungen  zu  den  Asylgründen  durch  das  BFM  vom  1. September  2011  im  Wesentlichen  geltend  machten,  sie  seien  aufgrund  ihrer  Zugehörigkeit  zur  Volksgruppe  der  Roma  in  ihrem  Heimatland  in  verschiedener  Hinsicht  benachteiligt  und  malträtiert worden, dass es  ihnen  teilweise  verunmöglicht worden  sei,  auf  dem Markt  einer  Erwerbstätigkeit nachzugehen, da sie es sich nicht hätten leisten können,  eine Bewilligung zu erlangen, dass im September 2010 in ihrer direkten Nachbarschaft neun Häuser in  Brand gesteckt worden seien und es dem Zufall zu verdanken sei, dass  ihr Haus verschont geblieben sei, dass  die  Kinder  in  der  Schule  beschimpft,  ausgegrenzt  und  teilweise  misshandelt worden seien, dass  die  Beschwerdeführerin  C._______  am  11. März  2011  auf  der  Strasse  von  zwei  jungen Männern  gepackt  und  hinter  ein Haus  gezerrt  worden sei, dass sie geschrien habe, worauf sich Passanten für sie eingesetzt hätten  und die beiden Männer geflohen seien, dass  sich  die  Beschwerdeführenden  mehrfach  an  die  Polizei  beziehungsweise  die  Schulleitung  gewandt  hätten,  die  jedoch  nichts  zu  ihrem  Schutz  unternommen  hätten  beziehungsweise  entgegen  Zusicherungen nicht bei ihnen vorbeigekommen seien, dass sie alle  in Angst gelebt und sich vor der Ausreise unter misslichen  Umständen in anderen Städten ihres Heimatlands aufgehalten hätten, dass  das  BFM  mit  Verfügung  vom  1. September  2011  –  eröffnet  am  selben  Tag  –  in  Anwendung  von  Art. 34  Abs. 1  des  Asylgesetzes  vom 

D­4948/2011 26. Juni  1998  (AsylG,  SR 142.31)  auf  das  Asylgesuch  nicht  eintrat,  die  Wegweisung aus der Schweiz verfügte und den Vollzug der Wegweisung  anordnete, dass das BFM zur Begründung im Wesentlichen anführte, der Bundesrat  habe  Bosnien  und  Herzegowina  mit  Beschluss  vom  25. Juni  2003  als  verfolgungssicheren  Staat  (safe  country)  im  Sinne  von  Art. 6a  Abs. 2  Bst. a  AsylG  bezeichnet,  weshalb  das  BFM  auf  Asylgesuche  von  Staatsangehörigen Bosnien  und Herzegowinas nicht  eintrete,  ausser  es  gebe Hinweise auf Verfolgung, dass  derartige  Hinweise,  welche  die  widerlegbare  Vermutung  der  Verfolgungssicherheit  gemäss  Art. 6a  Abs. 2  Bst. a  AsylG  umstossen  könnten,  im  vorliegenden  Fall  aus  den  Akten  jedoch  nicht  ersichtlich  seien, dass  die  von  den  Beschwerdeführenden  geltend  gemachten  Probleme  zum  Teil  Ausdruck  der  nach  wie  vor  erschwerten  wirtschaftlichen  und  sozialen  Lebensbedingungen  in  ihrem  Heimatland  seien,  unter  denen  eine Vielzahl von Personen zu leiden habe, dass  es  folglich  an  der  vom  Asylgesetz  geforderten  Gezieltheit  der  Verfolgung fehle, dass der Umstand, wonach die Angehörigen der Volksgruppe der Roma  in  besonderem Mass  von  den  schwierigen  Lebensumständen  betroffen  seien, an dieser Argumentation nichts zu ändern vermöge, dass die von den Beschwerdeführenden erwähnten Probleme nicht derart  intensiv seien, dass sie einen unerträglichen psychischen Druck bewirkt  und  ein  menschenwürdiges  Leben  in  Bosnien  und  Herzegowina  verunmöglicht oder in unzumutbarer Weise erschwert hätten, dass  der  Staat  die  auf  Roma  ausgeübten  Schikanen  und  Benachteiligungen  sowie  Übergriffe  durch  Drittpersonen  weder  billige  noch dulde,  dass  die  Möglichkeit  bestehe,  gegen  Beamte,  die  trotz  wiederholtem  Intervenieren  keine  Untersuchungsmassnahmen  einleiteten,  auf  dem  Rechtsweg  vorzugehen  und  die  zustehenden  Rechte  bei  höheren  Instanzen einzufordern,

D­4948/2011 dass  es  keinem  Staat  gelinge,  die  absolute  Sicherheit  aller  Bürger  jederzeit und überall zu garantieren, dass dies auch für die angeführte Brandstiftung gelte,  dass  die  Beschwerdeführenden  mit  Eingabe  vom  8. September  2011  durch  ihre  Rechtsvertreterin  gegen  diesen  Entscheid  beim  Bundesverwaltungsgericht Beschwerde erheben und beantragen liessen,  es  sei  auf  ihr  Asylgesuch  einzutreten,  es  sei  die  Unzulässigkeit  beziehungsweise  Unzumutbarkeit  des  Wegweisungsvollzugs  festzustellen  und  ihre  vorläufige  Aufnahme  anzuordnen  sowie  gegebenenfalls  das  Dossier  zur  Neubeurteilung  dem  BFM  zurückzugeben, dass in verfahrensrechtlicher Hinsicht die Gewährung der unentgeltlichen  Rechtspflege  gemäss  Art. 65  Abs. 1  des  Bundesgesetzes  vom  20. Dezember 1968 über das Verwaltungsverfahren (VwVG, SR 172.021)  beantragt wird, dass  die  vorinstanzlichen  Akten  am  9. September  2011  beim  Bundesverwaltungsgericht eintrafen (Art. 109 Abs. 2 AsylG), und zieht in Erwägung, dass  das  Bundesverwaltungsgericht  auf  dem  Gebiet  des  Asyls  in  der  Regel  –  so  auch  vorliegend  –  endgültig  über  Beschwerden  gegen  Verfügungen (Art. 5 VwVG) des BFM entscheidet (Art. 105 AsylG, i. V. m.  Art. 31 – 33  des Verwaltungsgerichtsgesetzes  vom 17. Juni  2005  [VGG,  SR 173.32];  Art. 83  Bst. d  Ziff. 1  des  Bundesgerichtsgesetzes  vom  17. Juni 2005 [BGG, SR 173.110]), dass  die  Beschwerdeführenden  am  Verfahren  vor  der  Vorinstanz  teilgenommen  haben,  durch  die  angefochtene  Verfügung  besonders  berührt  sind,  ein  schutzwürdiges  Interesse  an  deren  Aufhebung  beziehungsweise  Änderung  haben  und  daher  zur  Einreichung  der  Beschwerde  legitimiert  sind  (Art. 105  AsylG  und  Art.  37  VGG  i.V.m.  Art. 48 Abs. 1 VwVG),

D­4948/2011 dass  somit  auf  die  frist­  und  formgerecht  eingereichte  Beschwerde  einzutreten  ist  (Art. 108  Abs. 2  AsylG  i.V.m.  Art.  37  VGG  und  Art. 52  VwVG), dass  bei  Beschwerden  gegen  Nichteintretensentscheide,  mit  denen  es  das  BFM  ablehnt,  das  Asylgesuch  auf  seine  Begründetheit  hin  zu  überprüfen  (Art. 43 – 35  AsylG),  die  Beurteilungskompetenz  der  Beschwerdeinstanz  grundsätzlich  auf  die  Frage  beschränkt  ist,  ob  die  Vorinstanz zu Recht auf das Asylgesuch nicht eingetreten ist, dass  sich  demnach  die  Beschwerdeinstanz  – sofern  sie  den  Nichteintretensentscheid  als  unrechtmässig  erachtet –  einer  selbstständigen materiellen Prüfung enthält, die angefochtene Verfügung  aufhebt  und  die  Sache  zu  neuer  Entscheidung  an  die  Vorinstanz  zurückweist  (vgl. Entscheidungen und Mitteilungen der Schweizerischen  Asylrekurskommission [EMARK] 2004 Nr. 34 E. 2.1. S. 240 f.), dass  die  Vorinstanz  die  Frage  der  Wegweisung  und  des  Vollzugs  materiell  prüft,  weshalb  dem  Bundesverwaltungsgericht  diesbezüglich  volle Kognition zukommt, dass  mit  Beschwerde  die  Verletzung  von  Bundesrecht,  die  unrichtige  oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts und  die Unangemessenheit gerügt werden können (Art. 106 Abs. 1 AsylG), dass  über  offensichtlich  begründete  Beschwerden  in  einzelrichterlicher  Zuständigkeit  mit  Zustimmung  eines  zweiten  Richters  respektive  einer  zweiten  Richterin  entschieden wird  (Art. 111  Bst. e  AsylG)  und  es  sich,  wie nachfolgend aufgezeigt, um eine solche handelt, weshalb vorliegend  gestützt  auf  Art. 111  Bst. a  Abs. 1  AsylG  auf  die  Durchführung  eines  Schriftenwechsels  zu  verzichten  und  der  Beschwerdeentscheid  nur  summarisch zu begründen ist (Art. 111 Abs. 2 AsylG), dass auf Gesuche von Asylsuchenden aus verfolgungssicheren Staaten  nach  Art. 6a  Abs. 2  Bst. a  AsylG  (sogenannte  Safe­Country­Regelung)  nicht eingetreten wird, ausser es gebe Hinweise auf Verfolgung  (Art. 34  Abs. 1 AsylG),  dass  der  Bundesrat  mit  Beschluss  vom  25. Juni  2003  Bosnien  und  Herzegowina als  verfolgungssicheren Staat  (safe  country)  im Sinne von  Art. 6a Abs. 2 Bst. a AsylG bezeichnet hat und von dieser Einschätzung 

D­4948/2011 im Rahmen  der  periodischen Prüfung  (vgl.  Art. 6a  Abs. 3  AsylG)  bisher  nicht abgewichen ist, dass  deshalb  auf  Asylgesuche  Staatsangehöriger  Bosnien  und  Herzegowinas  nicht  eingetreten  wird,  ausser  es  gebe  Hinweise  auf  Verfolgung,  dass  es  genügt,  wenn  nicht  auf  den  ersten  Blick  als  unglaubhaft  erkennbare  Hinweise  auf  Verfolgung  vorliegen,  damit  geprüft  werden  muss, ob die Flüchtlingseigenschaft  im Sinne von Art. 3 AsylG erfüllt  ist  (vgl.  EMARK  2004  Nr. 35  E. 4.3  S. 247  f.,  EMARK  2004  Nr. 5  E. 4c  S. 35 f., je mit weiteren Hinweisen), dass  die  Beschwerdeführenden  geltend  machten,  aufgrund  ihrer  Zugehörigkeit  zur  Volksgruppe  der  Roma  diskriminiert  und  malträtiert  worden zu sein, dass sie sich mehrmals an die Polizei beziehungsweise die Schulleitung  gewandt hätten, die nichts zu ihren Gunsten unternommen hätten, dass  das  BFM  in  der  angefochtenen  Verfügung  keine  grundsätzlichen  Zweifel  an  der Glaubhaftigkeit  der Aussagen  der Beschwerdeführenden  hegte, dass  die  Aussagen  zur  Asylbegründung  der  vier  angehörten  Beschwerdeführenden im Kern nicht divergieren, weshalb ihre Vorbringen  nicht auf den ersten Blick unglaubhaft sind, dass  unbestritten  ist,  dass  es  in  Bosnien  und  Herzegowina  in  den  vergangen  Jahren  zu  Übergriffen  auf  Angehörige  ethnischer  Minderheiten, namentlich Roma, gekommen ist, dass unter diesen Umständen und angesichts dessen, dass es sich bei  den  Beschwerdeführenden  um  Roma  handelt,  die  von  ihnen  geltend  gemachten Vorbringen aufgrund einer Prima­facie­Prüfung  im Sinne von  Art. 34 Abs. 1 AsylG als Hinweise auf eine Verfolgung (Art. 18 AsylG) zu  werten sind, weshalb die Frage, ob sie bei übergeordneten Behörden des  Heimatstaates  allenfalls  um  Schutz  vor  weiteren  Übergriffen  ersuchen  und  solchen  auch  erhalten  könnten,  materiell  im  Rahmen  eines  ordentlichen  Verfahrens  zu  prüfen  ist  (vgl.  EMARK  2004  Nr. 5  E. 4c  S. 35 f.),

D­4948/2011 dass  das  BFM  demnach  zu  Unrecht  auf  das  Asylgesuch  der  Beschwerdeführenden nicht eingetreten ist, dass die Beschwerde deshalb gutzuheissen, die angefochtene Verfügung  vom  1. September  2011  aufzuheben  und  die  Sache  an  das  BFM  zur  Neubeurteilung zurückzuweisen ist, dass  das  BFM  bei  der  erneuten  Beurteilung  auch  die  vom  Beschwerdeführer  auf  Beschwerdeebene  geltend  gemachten  erlittenen  Übergriffe zu berücksichtigen haben wird, dass  bei  diesem  Ausgang  des  Verfahrens  keine  Verfahrenskosten  aufzuerlegen sind (Art. 63 Abs. 1 und 2 VwVG), weshalb sich das Gesuch  um  Gewährung  der  unentgeltlichen  Rechtspflege  im  Sinne  von  Art. 65  Abs. 1 VwVG als gegenstandslos erweist, dass  die  Beschwerdeführenden  als  obsiegende  Partei  Anspruch  auf  Entschädigung  für  die  ihnen  durch  das  Beschwerdeverfahren  erwachsenen  notwendigen  und  verhältnismässig  hohen  Kosten  haben  (Art. 64 Abs. 1 VwVG und Art. 7 des Reglements vom 21. Februar 2008  über  die  Kosten  und  Entschädigungen  vor  dem  Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]), dass  seitens  der  Rechtsvertretung  keine  Kostennote  eingereicht  wurde  (Art. 14 Abs. 1 VGKE), weshalb die Parteientschädigung (Art. 8 ff. VGKE)  aufgrund  der  Akten  festzusetzen  und  auf  insgesamt  Fr. 400.–  (inkl.  Auslagen  und  Mehrwertsteuer)  zu  bemessen  ist  (Art. 14  Abs. 2  und  Art. 10 Abs. 2 VGKE), dass das BFM anzuweisen ist, den Beschwerdeführenden diesen Betrag  als Parteientschädigung auszurichten. (Dispositiv nächste Seite)

D­4948/2011 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1.  Die Beschwerde wird gutgeheissen. 2.   Die Verfügung vom 1. September 2011 wird aufgehoben und die Sache  zur Neubeurteilung an das BFM zurückgewiesen. 3.  Es werden keine Verfahrenskosten auferlegt. 4.  Das  BFM  wird  angewiesen,  den  Beschwerdeführenden  eine  Parteientschädigung von Fr. 400.– zu entrichten. 5.  Dieses  Urteil  geht  an  die  Beschwerdeführenden,  das  BFM  und  die  zuständige kantonale Behörde. Der Einzelrichter: Der Gerichtsschreiber: Walter Lang Christoph Basler Versand:

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