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Bundesverwaltungsgericht 23.02.2012 D-4890/2009

23. Februar 2012·Deutsch·CH·CH_BVGE·PDF·2,408 Wörter·~12 min·4

Zusammenfassung

Asyl und Wegweisung | Asyl und Wegweisung; Verfügung des BFM vom 1.  Juli 2009

Volltext

Bundesve rwa l t ungsge r i ch t T r i buna l   adm in istratif   f édé ra l T r i buna l e   ammin istrati vo   f ede ra l e T r i buna l   adm in istrativ   f ede ra l Abteilung IV D­4890/2009 law/joc Urteil   v om   2 3 .   Februar   2012 Besetzung Richter Walter Lang (Vorsitz), Richter Martin Zoller,  Richter Pietro Angeli­Busi; Gerichtsschreiberin Claudia Jorns Morgenegg. Parteien A._______, geboren am (…), Afghanistan, vertreten durch Christian Hoffs, Rechtsberatungsstelle  für Asylsuchende, St. Gallen / Appenzell, (…),  Beschwerdeführer,  gegen Bundesamt für Migration (BFM),  Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Asyl und Wegweisung;  Verfügung des BFM vom 1.  Juli 2009 / N (...).

D­4890/2009 Sachverhalt: A.  Der  Beschwerdeführer,  ein  ethnischer  Tadschike  und  Sunnite,  verliess  seinen  Heimatstaat  eigenen  Angaben  zufolge  am  1. Februar  2009  und  reiste am 23. Februar 2009 in die Schweiz ein, wo er am gleichen Tag im  Transitzentrum Altstätten um Asyl nachsuchte. Dort wurde er am 5. März  2009 zu seiner Person, zum Reiseweg und summarisch zu den Gründen  für das Verlassen seines Heimatlandes befragt. Am 27. April 2009 hörte  ihn das BFM einlässlich zu den Asylgründen an.  Im  Rahmen  dieser  Anhörungen  gab  er  zur  Begründung  seines  Asylgesuches  zu  Protokoll,  er  sei  in  Mazar­i­Sharif  (Provinz  Balkh)  aufgewachsen und habe dort bis zu seiner Ausreise mit seinen Eltern und  seinen Geschwistern gelebt und als (…) gearbeitet. Einige Zeit vor seiner  Ausreise  habe  ihm  ein  Freund  eine  Bibel  aus  Pakistan mitgebracht.  Er  habe  sich  für  das  Christentum  interessiert  und  den  Freund  daher  gebeten,  ihm eine Bibel mitzubringen. Nach seiner Arbeit habe er  in der  Bibel gelesen. Sein Vater habe das bemerkt und da er gedacht habe, er  sei  konvertiert,  habe  sein  Vater  ihn  geschlagen.  Dies  habe  ihn  jedoch  nicht davon abgehalten, weiter in der Bibel zu lesen. Sein Vater habe ihn  daraufhin direkt beim Polizeiposten wegen Konversion zum Christentum  angezeigt.  Danach  sei  er  festgenommen,  abgeführt  und  in  Untersuchungshaft  versetzt  worden,  wo man  ihn  geschlagen  habe.  Am  nächsten  Tag  sei  ein  Polizist  gekommen,  der  ihn  gekannt  habe.  Mit  dessen Hilfe  sei  er  geflohen. Er  habe  sich  zu  seiner Cousine begeben.  Deren  Ehemann  sei  Taxifahrer  und  habe  ihn  mit  dem  Auto  nach  Pule  Chromi  gefahren  und  ihm  15'000  US­Dollar  für  die  Reise  gegeben.  Danach sei er nach Kabul und von dort via Pakistan und Iran in die Türkei  und  weiter  nach  Griechenland  gereist.  In  Griechenland  sei  er  für  zwei  Tage  festgenommen  worden.  Von  Athen  aus  sei  er  schliesslich  mittels  eines pakistanischen Passes in ein ihm unbekanntes Land geflogen und  danach mit dem Auto in die Schweiz gelangt.  Der  Beschwerdeführer  reichte  zur  Stützung  seiner  Vorbringen  eine  afghanische Identitätskarte (Tazkara) im Original beim BFM ein.  B.  Mit  Verfügung  vom  1. Juli  2009  stellte  das  BFM  fest,  der  Beschwerdeführer erfülle die Flüchtlingseigenschaft nicht, und lehnte das  Asylgesuch ab. Gleichzeitig verfügte es die Wegweisung aus der Schweiz  und ordnete den Vollzug der Wegweisung an. 

D­4890/2009 C.  Gegen  diese  Verfügung  liess  der  Beschwerdeführer  mittels  Eingabe  seines  Rechtsvertreters  vom  31. Juli  2009  beim  Bundesverwaltungsgericht  Beschwerde  erheben  und  beantragen,  der  Entscheid  des  BFM  vom  1.  Juli  2009  sei  aufzuheben,  es  sei  die  Flüchtlingseigenschaft  festzustellen  und  es  sei  ihm  Asyl  zu  gewähren.  Eventualiter  sei  die  Unzulässigkeit  respektive  die  Unzumutbarkeit  des  Vollzuges  der  Wegweisung  festzustellen  und  ihm  die  vorläufige  Aufnahme  zu  gewähren.  In  verfahrensrechtlicher  Hinsicht  liess  er  beantragen,  es  sei  auf  die  Erhebung  eines  Kostenvorschusses  zu  verzichten  und  die  unentgeltliche Prozessführung zu gewähren.  Der Beschwerde  lag – nebst einer Kopie der angefochtenen Verfügung,  einer  Vertretungsvollmacht  und  einer  Fürsorgebestätigung  –  eine Kopie  eines Haftbefehls (inkl. beglaubigter Übersetzung) bei.  D.  Mit  Verfügung  vom  11. August  2009  hiess  der  zuständige  Instruktionsrichter  des  Bundesverwaltungsgerichts  das  Gesuch  um  Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege im Sinne von Art. 65 Abs. 1  des  Bundesgesetzes  vom  20. Dezember  1968  über  das  Verwaltungsverfahren  (VwVG,  SR 172.021)  gut  und  verzichtete  auf  die  Erhebung  eines  Kostenvorschusses.  Gleichzeitig  lud  er  das  BFM  zur  Vernehmlassung ein.  E.  Mit  Stellungnahme  vom  13. August  2009  beantragte  das  BFM  die  Abweisung der Beschwerde.  F.  Mit  Verfügung  vom  17. August  2009  erteilte  der  zuständige  Instruktionsrichter dem Beschwerdeführer die Gelegenheit,  sich bis zum  1. September 2009 zur Vernehmlassung des BFM zu äussern.  G.  Mit  Schreiben  vom  25. August  2009  liess  der  Beschwerdeführer  das  Original  des  von  ihm  beim  BFM  lediglich  in  Kopie  eingereichten  Haftbefehls nachreichen.  H.  Mit  Eingabe  vom  25. November  2011  liess  der  Beschwerdeführer  dem 

D­4890/2009 Bundesverwaltungsgericht  mitteilen,  dass  er  über  den  Verbleib  seiner  Familienangehörigen in Afghanistan keine Kenntnis habe.  Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1.  1.1. Gemäss Art. 31 des Verwaltungsgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005  (VGG, SR 173.32) beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Beschwerden  gegen  Verfügungen  nach  Art. 5  VwVG.  Das  BFM  gehört  zu  den  Behörden  nach  Art. 33  VGG  und  ist  daher  eine  Vorinstanz  des  Bundesverwaltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme  im Sinne von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht  ist daher zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und  entscheidet  auf  dem  Gebiet  des  Asyls  endgültig,  ausser  bei  Vorliegen  eines  Auslieferungsersuchens  des  Staates,  vor  welchem  die  beschwerdeführende  Person  Schutz  sucht  (Art. 105  des  Asylgesetzes  vom  26. Juni  1998  [AsylG,  SR 142.31];  Art. 83  Bst. d  Ziff. 1  des  Bundesgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005 [BGG, SR 173.110]). 1.2. Die Beschwerde ist frist­ und formgerecht eingereicht (Art. 108 Abs. 1  AsylG; Art. 105 AsylG i.V.m. Art. 37 VGG und Art. 52 Abs. 1 VwVG). Der  Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist  durch  die  angefochten  Verfügung  besonders  berührt  und  hat  ein  schutzwürdiges  Interesse  an  deren  Aufhebung  beziehungsweise  Änderung.  Er  ist  daher  zur  Einreichung  der  Beschwerde  legitimiert  (Art. 105  AsylG  i.V.m.  Art. 37  VGG  und  Art. 48  Abs. 1  VwVG).  Auf  die  Beschwerde ist einzutreten.  2.  Mit  Beschwerde  kann  die  Verletzung  von  Bundesrecht,  die  unrichtige  oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts und  die Unangemessenheit gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG). 3.  3.1.  Gemäss  Art. 2  Abs. 1  AsylG  gewährt  die  Schweiz  Flüchtlingen  grundsätzlich  Asyl.  Flüchtlinge  sind  Personen,  die  in  ihrem Heimatstaat  oder  im Land,  in dem sie zuletzt wohnten, wegen  ihrer Rasse, Religion,  Nationalität,  Zugehörigkeit  zu  einer  bestimmten  sozialen  Gruppe  oder  wegen ihrer politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt  sind  oder  begründete  Furcht  haben,  solchen  Nachteilen  ausgesetzt  zu  werden. Als  ernsthafte Nachteile  gelten  namentlich  die Gefährdung  des 

D­4890/2009 Leibes,  des  Lebens  oder  der  Freiheit  sowie  Massnahmen,  die  einen  unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 AsylG).  3.2.  Wer  um  Asyl  nachsucht,  muss  die  Flüchtlingseigenschaft  nachweisen  oder  zumindest  glaubhaft  machen.  Diese  ist  glaubhaft  gemacht,  wenn  die  Behörde  ihr  Vorhandensein  mit  überwiegender  Wahrscheinlichkeit  für  gegeben  hält.  Unglaubhaft  sind  insbesondere  Vorbringen, die in wesentlichen Punkten zu wenig begründet oder in sich  widersprüchlich sind, den Tatsachen nicht entsprechen oder massgeblich  auf  gefälschte  oder  verfälschte  Beweismittel  abgestützt  werden  (Art. 7  AsylG).  Grundsätzlich  sind  die  Vorbringen  eines  Gesuchstellers  dann  glaubhaft,  wenn  sie  genügend  substanziiert,  in  sich  schlüssig  und  plausibel sind; sie dürfen sich nicht  in vagen Schilderungen erschöpfen,  in  wesentlichen  Punkten  nicht  widersprüchlich  sein  oder  der  inneren  Logik  entbehren  und  auch  nicht  den  Tatsachen  oder  der  allgemeinen  Erfahrung  widersprechen.  Darüber  hinaus  muss  die  gesuchstellende  Person persönlich glaubwürdig erscheinen, was insbesondere dann nicht  der  Fall  ist,  wenn  sie  ihre  Vorbringen  auf  gefälschte  oder  verfälschte  Beweismittel  abstützt,  aber  auch  dann,  wenn  sie  wichtige  Tatsachen  unterdrückt  oder  bewusst  falsch  darstellt,  im  Laufe  des  Verfahrens  Vorbringen  auswechselt,  steigert  oder  unbegründet  nachschiebt,  mangelndes  Interesse  am  Verfahren  zeigt  oder  die  nötige  Mitwirkung  verweigert.  Glaubhaftmachung  bedeutet  ferner  –  im  Gegensatz  zum  strikten Beweis – ein reduziertes Beweismass und lässt durchaus Raum  für gewisse Einwände und Zweifel an den Vorbringen des Gesuchstellers.  Entscheidend ist, ob im Rahmen einer Gesamtwürdigung die Gründe, die  für  die  Richtigkeit  der  Sachverhaltsdarstellung  des  Asylsuchenden  sprechen,  überwiegen  oder  nicht.  Dabei  ist  auf  eine  objektivierte  Sichtweise  abzustellen  (vgl.  Entscheidungen  und  Mitteilungen  der  Schweizerischen  Asylrekurskommission  [EMARK]  2005  Nr. 21  E. 6.1  S. 190 f.). 4.  4.1.  Das  BFM  stellte  sich  in  der  angefochtenen  Verfügung  auf  den  Standpunkt,  die  Vorbringen  des  Beschwerdeführers,  wegen  Konversion  zum  Christentum  von  seinem  Vater  geschlagen,  bei  der  Polizei  angezeigt, durch diese festgenommen, inhaftiert und misshandelt worden  zu  sein,  seien  zufolge  widersprüchlicher,  nicht  nachvollziehbarer  und  unsubstanziierter Angaben als nicht glaubhaft  im Sinne von Art. 7 AsylG  zu erachten. Das Bundesverwaltungsgericht erachtet diese Einschätzung  – wie nachstehend unter E. 4.2 aufgezeigt – als zutreffend. 

D­4890/2009 4.2.  Im Rahmen  der Erstbefragung  erklärte  der  Beschwerdeführer,  sein  Vater habe gesehen, wie er  in der Bibel  gelesen habe und er habe  ihn  geschlagen, weil er geglaubt habe, er sei konvertiert. Einmal während er  gelesen habe, sei sein Vater von der Moschee zurückgekehrt und habe  gesehen,  dass  er  immer  noch  die  Bibel  lese.  Da  sei  sein  Vater  wieder  wütend  geworden,  habe  ihn  geschlagen  und  beim  Polizeiposten  angezeigt  (vgl.  act.  A1/12,  S. 5).  Aufgrund  dieser  Aussagen  wäre  demnach  davon  auszugehen,  dass  der  Beschwerdeführer  insgesamt  zwei  Mal  von  seinem  Vater  beim  Bibellesen  ertappt  worden  ist.  Im  Gegensatz dazu spricht er an der einlässlichen Anhörung davon, dass ihn  sein Vater ein drittes Mal beim Bibellesen erwischt habe (vgl. act. A12/13  S. 5). Danach legt er wiederum dar, lediglich zwei Mal von seinem Vater  bei  der  Bibellektüre  ertappt  worden  zu  sein  (vgl.  act.  A12/13  S. 8).  Auf  diese Unstimmigkeit hingewiesen, brachte er vor, zwei oder drei Mal von  seinem Vater beim Lesen erwischt worden zu sein. Er wisse nicht genau,  ob  es  zwei  oder  drei  Mal  gewesen  seien  (vgl.  act.  A12/13  S. 8).  Dem  BFM  ist  darin  beizupflichten,  dass  sich  der  Beschwerdeführer  an  die  genaue  Anzahl  erinnern  müsste,  zumal  es  sich  angesichts  der  damit  verbundenen  Schläge  durch  den  Vater  um  einschneidende  Ereignisse  handelte.  Zudem  spielten  sich  diese  innerhalb  eines  relativ  kurzen,  wenngleich  vom  Beschwerdeführer  unterschiedlich  geschilderten  Zeitrahmens ab. So legt er dar, erst zirka zehn bis zwölf Tage vor seiner  Ausreise  (vgl.  act.  A1/12  S. 5)  respektive  zirka  einen  Monat  vor  der  Auseinandersetzung mit  seinem Vater  die Bibel  erhalten  zu haben  (act.  A12/13  S. 7).  Übereinstimmend  mit  dem  BFM  ist  in  diesem  Zusammenhang  festzuhalten,  dass  nicht  plausibel  ist,  weshalb  der  angeblich  sehr  religiöse  Vater  (vgl.  act.  A12/13  S. 4)  dem  Beschwerdeführer die Bibel nicht entzogen hat, nachdem er diesen beim  Bibelstudium  erwischt  hatte.  Unverständlich  ist  auch,  dass  der  Beschwerdeführer  trotz  der  Beschuldigung  durch  seinen  Vater,  zum  Christentum  konvertiert  zu  sein,  weiterhin  im  Elternhaus  in  der  Bibel  gelesen hat. Mit einem solchen Verhalten hätte er sich – wie vom BFM zu  Recht  erkannt  –  (weiterhin)  mutwillig  dem  Risiko  einer  Verfolgung  ausgesetzt. In Afghanistan sind Personen bei einer Konversion vom Islam  zum Christentum am  stärksten  durch  die  eigenen Familienangehörigen,  Nachbarn oder muslimischen Eiferer bedroht. Konvertiten müssen damit  rechnen, beschimpft und blossgestellt oder geschlagen zu werden, ihren  Arbeitsplatz zu verlieren, ins Gefängnis zu kommen oder auch getötet zu  werden.  Auch  wenn  die  Religionsfreiheit  in  der  Verfassung  von  2004  garantiert  wird,  ist  es  gleichwohl  verpönt,  was  "im Widerspruch  zu  den  Überzeugungen und Vorschriften der heiligen Religion des  Islam steht". 

D­4890/2009 Gegen  einen  Muslim,  der  konvertiert,  kann  ein  Verfahren  wegen  Apostasie  eingeleitet  werden.  Den  Richtern  steht  es  frei,  nach  dem  islamischen Scharia­Gesetz zu urteilen, welches einen Religionswechsel  als Gotteslästerung ansieht,  die mit  dem Tode bestraft werden kann.  In  der  Vergangenheit  kam  es  –  wie  in  der  Beschwerde  ausgeführt  wird –  vor,  dass  zum  Christentum  konvertierte  Muslime  zum  Tode  verurteilt  wurden.  Konvertiten  üben  in  Afghanistan  ihren  Glauben  deshalb  im  Geheimen aus. Vor diesem Hintergrund bietet  die Argumentation  in der  Beschwerde, die  traditionellen Denk­ und Handlungsprozesse würden  in  Afghanistan  anders  ablaufen,  keine  stichhaltige  Erklärung  für  das  vom  Beschwerdeführer  geschilderte  Verhalten.  Angesichts  der  drohenden  schwerwiegenden  Sanktionen  bei  einer  Beihilfe  zur  Flucht  eines  Konvertiten  aus  der  Haft  erscheint  –  übereinstimmend  mit  dem  BFM –  auch  unwahrscheinlich,  dass  ein  Polizeibeamter  dem  festgenommenen  Beschwerdeführer seine Hilfe angeboten und ihm zur Flucht aus der Haft  verholfen haben soll (vgl. act. A1/12 S. 5 f., A12/13 S. 5 f.). Gleich verhält  es  sich  mit  der  vom  Beschwerdeführer  geschilderten  Hilfe  durch  den  Ehemann  einer  Cousine  der  ihn,  nachdem  er  der  Cousine  respektive  dessen Ehemann das Vorgefallene erzählt habe, umgehend mit dessen  Taxi nach Pule Chromi gefahren haben soll  (vgl. act. A1/12 S. 5 und 7,  A12/13  S. 6  und  8).  Da,  wie  erwähnt,  im  islamischen  Kontext  oftmals  Verwandte  und  Nachbarn  die  stärksten  Verfolger  eines  der  Konversion  Verdächtigten  sind,  erscheint  sowohl  die  Hilfeleistung  durch  den  wachhabenden Beamten respektive Nachbarn als auch des Ehemannes  der  Cousine  nicht  nachvollziehbar.  Zudem  erstaunt,  dass  letzterer  dem  Beschwerdeführer  für  dessen  Ausreise  ohne  Weiteres  die  statthafte  Summe  von  15'000  US­Dollar  zur  Verfügung  stellen  konnte  (vgl.  act.  A1/12  S. 5,  act.  A12/13  S. 10).  Dabei  ist  anzumerken,  dass  sich  der  Beschwerdeführer diesbezüglich ungereimt äussert, indem er einmal von  15'000  US­Dollar,  an  anderer  Stelle  jedoch  bloss  von  "etwas"  Geld  spricht,  das  ihm  vom  Ehemann  der  Cousine  für  die  Ausreise  gegeben  worden sei (vgl. act. A12/13 S. 6). Wie vom BFM zu Recht festgehalten,  erweisen  sich  die  Bibelkenntnisse  des  Beschwerdeführers  sodann  als  dürftig. Trotz seines angeblichen täglichen Bibelstudiums nach der Arbeit  während ungefähr einem Monat respektive zehn bis zwölf Tagen (vgl. act.  A1/12 S. 5, A12/13 S. 7), war er nicht  im Stande,  konkrete Angaben zu  eines der in der Bibel enthaltenen Büchern oder Kapitel zu machen oder  etwa  einen  der  Apostel  zu  benennen.  Die  Bezeichnungen  "Mata"­Bibel  und  "Lorat"­Bibel  erweisen  sich  zudem als  nicht  korrekt  (vgl.  act. A1/12  S. 6, A12/13 S. 9). Der Einwand in der Beschwerde, er habe die Bibel aus  Neugier  studiert  und  nur  "etwas  Zeit"  nach  seiner  Arbeit  bis  zum 

D­4890/2009 Schlafengehen  damit  verbracht,  vermag  daher  nicht  zu  überzeugen.  Im  Weiteren  ist  der  Einschätzung  des  BFM,  dass  die  Vorbringen  des  Beschwerdeführers  hinsichtlich  der  von  ihm  geschilderten  Flugreise  als  unsubstanziiert  zu  qualifizieren  sind,  ebenfalls  zutreffend.  Der  Beschwerdeführer  kennt  weder  den  im  pakistanischen  Pass  eingetragenen  Namen,  den  er  angeblich  auf  seinem  Flug  von  Athen  (Griechenland)  aus  benützt  hat,  noch  weiss  er,  ob  ein  Visum  im  Pass  eingetragen  war.  Er  war  nicht  in  der  Lage,  den  Namen  der  Fluggesellschaft mit  der er  gereist  ist  oder aber das Land  in Europa zu  bezeichnen,  in  welches  er  von  Athen  aus  geflogen  und  von  dort  aus  weiter  acht  Stunden  mit  dem  Auto  in  die  Schweiz  gereist  ist  (vgl.  act.  A1/12  S. 7 f.,  A12/13  S. 10 f.).  Dies  erstaunt  umso  mehr,  als  er  demgegenüber  sehr  wohl  im  Stande  war,  konkrete  Destinationen  und  Verkehrsmittel  von  Afghanistan  nach  Griechenland  zu  bezeichnen  (vgl.  act.  A1/12  S. 7,  A12/13  S. 10).  Da  für  afghanische  oder  pakistanische  Staatsangehörige  die  Einreise  nach  Europa  in  der  Regel  eine  Visumspflicht  besteht  und  diese  an  den  Flughäfen  einer  Kontrolle  unterzogen  werden,  erscheint  auch  nicht  wahrscheinlich,  dass  der  mit  einem  pakistanischen  Pass  reisende  Beschwerdeführer  nach  seiner  Ankunft  aus  Athen  an  einem  Flughafen  im  europäischen  Raum  ohne  entsprechendes Visa und Kontrolle seiner Person einreisen konnte  (vgl.  act.  A1/12  S. 8).  Im  Übrigen  ist  im  Zusammenhang  mit  der  Tatsache,  dass  der  Beschwerdeführer  anlässlich  der  Anhörung  beim  BFM  seine  afghanischen  Identitätskarte  (vgl.  act.  A12/13  S. 3)  einreichte,  festzustellen,  dass er noch bei  der Erstbefragung erklärte,  er  könne die  Identitätskarte  nicht  beschaffen,  da  seine Geschwister  und  seine  Eltern  wütend  auf  ihn  seien  respektive  sein  Vater  ihn  wegen  Konversion  angezeigt habe. Zudem habe er die Telefonnummern vergessen (vgl. act.  A1/12 S. 4). Diese Aussagen sind  im Gesamtkontext  ebenfalls  als  nicht  glaubhaft  zu  werten,  zumal  nicht  plausibel  ist,  dass  er  die  Telefonnummern  seiner  Familienangehörigen  nicht  kennt,  zugleich  aber  noch  während  der  Erstbefragung  im  Stande  war,  seinen  Cousin  telefonisch  zu  kontaktieren  (vgl.  act.  A1/12 S. 4 f.).  Angesichts  der  vom  Beschwerdeführer  geschilderten  Probleme  mit  seinem  Vater  ist  auch  nicht  nachvollziehbar,  dass  die  Mutter  dem  Cousin  ohne  Weiteres  die  erwähnte  Identitätskarte  übergeben  hat  (vgl.  act.  A12/13  S. 3).  Zudem  fällt  einerseits  auf,  dass  in  den  Akten  kein  Originalcouvert,  das  zur  Übermittlung  der  Identitätskarte  aus  Afghanistan  verwendet  wurde,  vorhanden  ist. Andererseits wurde die  Identitätskarte Mitte  Januar  2009  und damit erst kurz vor der Ausreise des Beschwerdeführers ausgestellt  (vgl. act. A1/12 S. 8), was ebenfalls darauf hindeutet, dass die Ausreise 

D­4890/2009 des Beschwerdeführers aus Afghanistan – entgegen seinen Vorbringen –  im  Voraus  geplant  und  auf  legalem  Weg  und  mit  eigenen  Identitätspapieren  erfolgt  ist.  Der  vom  Beschwerdeführer  zunächst  in  Kopie und dann im Original beim Bundesverwaltungsgericht eingereichte,  handschriftlich geschriebene, Haftbefehl ist nicht geeignet, den insgesamt  unglaubhaften  Eindruck,  welche  die  Vorbringen  des  Beschwerdeführers  angesichts  der  bisherigen  Erwägungen  hinterlassen,  entscheidend  zu  relativieren. So  fällt  auf,  dass der darin enthaltene Vorname des Vaters  nicht kongruent ist mit jenem, den der Beschwerdeführer im Rahmen der  vorinstanzlichen  Anhörungen  zu  Protokoll  gab  (vgl.  act.  A1/12  S. 1,  A12/13 S. 3). Der Haftbefehl trägt zudem kein Ausstellungsdatum und es  erscheint  nicht  nachvollziehbar,  weshalb  darin  ausgeführt  wird,  der  Beschwerdeführer  sei  seit  dem  12. Februar  2009  nicht  mehr  gesehen  worden.  Nach  seinen  Angaben  reiste  er  bereits  am  31. Januar  2009/1. Februar 2009 aus Afghanistan aus und befand sich somit schon  seit  einiger  Zeit  auf  der  Flucht  (vgl.  act.  A1/12  S. 7,  A12/13  S. 3).  Schliesslich  handelt  es  sich  bei  einem Haftbefehl  üblicherweise  um  ein  internes Behördendokument, das einer gesuchten Person weder in Kopie  noch  im Original  zugestellt  wird. Wie  der Beschwerdeführer  dennoch  in  den  Besitz  eines  auf  ihn  lautenden  Haftbefehls  kommen  konnte,  bleibt  unklar.  Es  bestehen  mithin  klare  Indizien,  dass  es  sich  bei  dem  eingereichten  Dokument  nicht  um  einen  authentischen  Haftbefehl  handelt, welcher geeignet wäre, die vom Beschwerdeführer geschilderte  Verfolgungssituation zu belegen.  4.3.  Dem  Beschwerdeführer  gelingt  es  somit  nicht,  die  Flüchtlingseigenschaft  nachzuweisen  oder  zumindest  glaubhaft  zu  machen. Das BFM hat daher sein Asylgesuch zu Recht abgelehnt.  5.  5.1. Lehnt  das Bundesamt  das Asylgesuch  ab  oder  tritt  es  darauf  nicht  ein,  so  verfügt  es  in  der  Regel  die Wegweisung  aus  der  Schweiz  und  ordnet den Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit  der Familie (Art. 44 Abs. 1 AsylG). 5.2. Der Beschwerdeführer  verfügt weder  über  eine  ausländerrechtliche  Aufenthaltsbewilligung  noch  über  einen  Anspruch  auf  Erteilung  einer  solchen.  Die  Wegweisung  wurde  demnach  vom  BFM  zu  Recht  angeordnet  (Art. 44  Abs. 1  Asyl;  vgl.  BVGE  2009/50  E.  9  S.  733  mit  weiteren Hinweisen, EMARK 2001 Nr. 21).

D­4890/2009 5.3.  Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder  nicht möglich, so regelt das Bundesamt das Anwesenheitsverhältnis nach  den  gesetzlichen  Bestimmungen  über  die  vorläufige  Aufnahme  von  Ausländern  (Art. 44  Abs. 2  AsylG;  Art. 83  Abs. 1  des  Bundesgesetzes  vom 16. Dezember 2005 über die Ausländerinnen und Ausländer  [AuG,  SR 142.20]). 5.4.  Bezüglich  der  Geltendmachung  von  Wegweisungshindernissen  gilt  gemäss  ständiger  Praxis  der  gleiche  Beweisstandard  wie  bei  der  Flüchtlingseigenschaft, das heisst, sie sind zu beweisen, wenn der strikte  Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft zu machen (vgl.  WALTER  STÖCKLI,  Asyl,  in:  Uebersax/Rudin/Hugi  Yar/Geiser  [Hrsg.],  Ausländerrecht, 2. Aufl., Basel 2009, Rz. 11.148). 5.5.  5.5.1.  Der  Vollzug  ist  nicht  zulässig,  wenn  völkerrechtliche  Verpflichtungen der Schweiz einer Weiterreise der Ausländerin oder des  Ausländers  in  den  Heimat­,  Herkunfts­  oder  einen  Drittstaat  entgegenstehen (Art. 83 Abs. 3 AuG). So darf keine Person in irgendeiner  Form zur Ausreise  in  ein  Land gezwungen werden,  in  dem  ihr  Leib,  ihr  Leben  oder  ihre  Freiheit  aus  einem  Grund  nach  Art. 3  Abs. 1  AsylG  gefährdet  ist  oder  in  dem  sie  Gefahr  läuft,  zur  Ausreise  in  ein  solches  Land  gezwungen  zu  werden  (Art. 5  Abs. 1  AsylG;  vgl.  ebenso  Art. 33  Abs. 1  des  Abkommens  vom  28. Juli  1951  über  die  Rechtsstellung  der  Flüchtlinge  [FK,  SR 0.142.30]).  Gemäss  Art. 25  Abs. 3  der  Bundesverfassung der Schweizerischen Eidgenossenschaft vom 18. April  1999 (BV, SR 101), Art. 3 des Übereinkommens vom 10. Dezember 1984  gegen  Folter  und  andere  grausame,  unmenschliche  oder  erniedrigende  Behandlung  oder  Strafe  (FoK,  SR 0.105)  und  der  Praxis  zu  Art. 3  der  Konvention vom 4. November 1950 zum Schutz der Menschenrechte und  Grundfreiheiten  (EMRK,  SR 0.101)  darf  niemand  der  Folter  oder  unmenschlicher oder erniedrigender Strafe oder Behandlung unterworfen  werden. 5.5.2. Die  Vorinstanz  wies  in  ihrer  angefochtenen  Verfügung  zutreffend  darauf hin, dass das Prinzip des  flüchtlingsrechtlichen Non­Refoulement  nur Personen schützt, die die Flüchtlingseigenschaft erfüllen. Da es dem  Beschwerdeführer  nicht  gelungen  ist,  eine  asylrechtlich  erhebliche  Gefährdung nachzuweisen oder glaubhaft zu machen, kann der  in Art. 5  AsylG  verankerte  Grundsatz  der  Nichtrückschiebung  im  vorliegenden  Verfahren  keine  Anwendung  finden.  Eine  Rückkehr  des 

D­4890/2009 Beschwerdeführers  in  den  Heimatstaat  ist  demnach  unter  dem  Aspekt  von Art. 5 AsylG rechtmässig. 5.5.3.  Sodann  ergeben  sich  weder  aus  den  Aussagen  des  Beschwer­ deführers noch aus den Akten Anhaltspunkte dafür, dass er  für den Fall  einer  Ausschaffung  in  den  Heimatstaat  dort  mit  beachtlicher  Wahrscheinlichkeit  einer  nach Art. 3  EMRK  oder  Art. 1  FoK  verbotenen  Strafe  oder  Behandlung  ausgesetzt  wäre.  Gemäss  Praxis  des  Europäischen  Gerichtshofes  für  Menschenrechte  (EGMR)  sowie  jener  des  UN­Anti­Folterausschusses  müsste  der  Beschwerdeführer  eine  konkrete  Gefahr  ("real  risk")  nachweisen  oder  glaubhaft  machen,  dass  ihm im Fall einer Rückschiebung Folter oder unmenschliche Behandlung  drohen würde  (vgl. EGMR  [Grosse Kammer], Saadi gegen  Italien, Urteil  vom  28.  Februar  2008,  Beschwerde  Nr.  37201/06,  §§  124  –  127,  mit  weiteren  Hinweisen).  Dies  ist  ihm  nach  den  vorstehenden  Erwägungen  nicht  gelungen.  Auch  die  allgemeine  Menschenrechtssituation  in  Afghanistan lässt den Wegweisungsvollzug zum heutigen Zeitpunkt nicht  als  unzulässig  erscheinen.  Nach  dem  Gesagten  ist  der  Vollzug  der  Wegweisung  sowohl  im  Sinne  der  asyl­  als  auch  der  völkerrechtlichen  Bestimmungen zulässig. 5.6.  5.6.1. Gemäss Art. 83 Abs. 4 AuG kann der Vollzug  für Ausländerinnen  und  Ausländer  unzumutbar  sein,  wenn  sie  im  Heimat­  oder  Herkunftsstaat  auf  Grund  von  Situationen  wie  Krieg,  Bürgerkrieg,  allgemeiner  Gewalt  und  medizinischer  Notlage  konkret  gefährdet  sind.  Wird  eine  konkrete  Gefährdung  festgestellt,  ist  –  unter  Vorbehalt  von  Art. 83  Abs. 7  AuG  –  die  vorläufige  Aufnahme  zu  gewähren  (vgl.  Botschaft  zum  Bundesgesetz  über  die  Ausländerinnen  und  Ausländer  vom 8. März 2002, BBl 2002 3818). 5.6.2. In Bezug auf die allgemeine Lage in Afghanistan kann auf die vom  Bundesverwaltungsgericht in BVGE 2011/7 vorgenommene Einschätzung  der  Lage  verwiesen werden. Das Gericht  stellt  darin  zusammenfassend  fest,  dass  in  weiten  Teilen  von  Afghanistan  –  ausser  allenfalls  in  Grossstädten  –  eine  derart  schlechte  Sicherheitslage  und  derart  schwierige  humanitäre  Bedingungen  bestünden,  dass  die  Situation  als  existenzbedrohend im Sinne von Art. 83 Abs. 4 AuG zu qualifizieren sei.  Von  dieser  allgemeinen  Feststellung  sei  die  Situation  in  der Hauptstadt  Kabul  zu  unterscheiden. Angesichts  des Umstandes,  dass  sich  dort  die  Sicherheitslage  im  Verlaufe  des  vergangenen  Jahres  nicht  weiter 

D­4890/2009 verschlechtert  habe  und  die  humanitäre  Situation  im  Vergleich  zu  den  übrigen Gebieten  etwas weniger  dramatisch  sei,  könne  der  Vollzug  der  Wegweisung  nach  Kabul  unter  Umständen  als  zumutbar  qualifiziert  werden.  Solche  Umstände  könnten  grundsätzlich  namentlich  dann  gegeben  sein,  wenn  es  sich  beim  Rückkehrer  um  einen  jungen,  gesunden Mann handle. Angesichts der bisher aufgezeigten  konstanten  Verschlechterung der Lage über die vergangenen Jahre hinweg und der  auch  in  Kabul  schwierigen  Situation  verstehe  es  sich  aber  von  selbst,  dass  die  bereits  in  EMARK  2003  Nr. 10  formulierten  strengen  Bedingungen  in  jedem  Einzelfall  sorgfältig  geprüft  und  erfüllt  sein  müssten,  um  einen  Wegweisungsvollzug  nach  Kabul  als  zumutbar  zu  qualifizieren. Unabdingbar sei  in erster Linie ein soziales Netz, das sich  im Hinblick auf die Aufnahme und Wiedereingliederung des Rückkehres  als  tragfähig erweise. Ohne Unterstützung durch Familie oder Bekannte  würden die schwierigen Lebensverhältnisse auch in Kabul unweigerlich in  eine  existenzielle  beziehungsweise  lebensbedrohende  Situation  führen  (vgl. BVGE 2011/7 E. 9.2 – 9.9 S. 89 ff.). Die Frage,  ob hinsichtlich der  Städte  Mazar­i­Sharif  und  Herat  in  Bezug  auf  die  Zumutbarkeit  des  Wegweisungsvollzugs  Ähnliches  gesagt  werden  könne  wie  zu  Kabul,  wurde  im  erwähnten Grundsatzurteil  offen  gelassen  (vgl.  BVGE  2011/7  E. 9.9.3 S. 105). 5.6.3.  Im  zur  Publikation  vorgesehenen  Urteil  D­2312/2009  vom  28. Oktober 2011 kam das Bundesverwaltungsgericht bezüglich der Stadt  Herat  zum  Schluss,  dass  der  Vollzug  der  Wegweisung  dorthin,  sofern  begünstigende  individuelle  Umstände  im  Sinne  der  aktuellen  Rechtsprechung zu Afghanistan (vgl. E. 5.6.2) vorliegen, als zumutbar zu  erachten sei (vgl. BVGE D­2312/2009 vom 28. Oktober 2011 E. 4.3.3.1).  Im  ebenfalls  zur  Publikation  bestimmten  Urteil  D­7950/2009  vom  30. Dezember  2011  qualifizierte  das  Bundesverwaltungsgericht  den  Vollzug  der  Wegweisung  nach  Mazar­i­Sharif  unter  denselben  Voraussetzungen  ebenfalls  als  zumutbar.  (vgl.  BVGE  D­7950/2009  E. 7.3.5  ff.). Trotz der auch  in den nördlichen Provinzen Afghanistans  in  den letzten Jahren feststellbaren Verschlechterung der Sicherheitslage ist  die Situation in der in der Provinz Balkh liegenden Stadt Mazar­i­Sharif im  Vergleich  mit  anderen  afghanischen  Städten  als  verhältnismässig  ruhig  und  überwiegend  stabil  zu  erachten.  Im  März  2011  ist  zudem  damit  begonnen  worden,  die  gesamte  Verantwortung  für  die  Sicherheit  in  Mazar­i­Sharif,  wie  geplant,  von  der  Internationalen  Sicherheitsunterstützungstruppe  (ISAF)  auf  die  afghanischen  Sicherheitskräfte  zu  übertragen.  Seit  23. Juli  2011  tragen  afghanische 

D­4890/2009 Sicherheitskräfte  die  Verantwortung  in  Mazar­i­Sharif.  Hinsichtlich  der  humanitären Situation präsentiert sich die Situation in Mazar­i­Sharif nicht  wesentlich  schlechter  als  diejenige  in  Kabul.  In  Anbetracht  dieser  Umstände ist die Lage in der Stadt Mazar­i­Sharif mit derjenigen in Kabul  zumindest  vergleichbar  und  es  rechtfertige  sich  nicht,  von  einer  generellen  Unzumutbarkeit  der  Rückkehr  dorthin  aufgrund  der  allgemeinen Situation auszugehen. 5.6.4. Der  Beschwerdeführer  stammt  aus  der  Stadt  Mazar­i­Sharif  (vgl.  act.  A1/12  S. 1,  A12/13  S. 3),  wohin  eine  Rückkehr  aufgrund  der  dort  allgemein herrschenden Lage nicht als generell unzumutbar zu erachten  ist.  Es  bleibt  daher  zu  prüfen,  ob  individuelle  Gründe  einem  Wegweisungsvollzug  des  Beschwerdeführers  nach  Mazar­i­Sharif  entgegenstehen.  5.6.5. Der Beschwerdeführer ist seinen Angaben zufolge in Mazar­i­Sharif  geboren  und  aufgewachsen,  hat  dort  die  Schule  besucht  und  bis  zu  seiner Ausreise gelebt. Seine Eltern und (…) Geschwister waren seinen  ursprünglichen Aussagen zufolge  in Mazar­i­Sharif wohnhaft. Sein Vater  führte  dort  ein  (…). Ebenso hielten  sich  sämtliche Verwandte, wie  etwa  die vom Beschwerdeführer genannte Cousine und ein Cousin sowie (…)  Tanten und (…) Onkel,  in dieser Stadt auf. Zudem verfügte er dort über  Freunde (vgl. act. A1/12 S. 1 ff., A12/13 S. 3 ff.). In der Beschwerde wird  zwar  eingewendet,  er  habe  seit  drei  Jahren  keinen  Kontakt  mehr  zu  seiner Familie und keine Kenntnis über deren Verbleib. Dabei handelt es  sich  jedoch um eine durch nichts  gestützte Parteibehauptung. Aufgrund  der vorstehenden Erwägungen (vgl. E. 4) ist diese Argumentation zudem  als  reine  Schutzbehauptung  zu werten. Wie  erwähnt,  erscheint  nämlich  weder  glaubhaft,  dass  der  Beschwerdeführer  zwar  zu  seinem  Cousin,  nicht  aber  zu  seinen  Eltern  und  Geschwistern  telefonisch  in  Kontakt  treten konnte, noch gelingt es  ihm, glaubhaft zu machen, dass er durch  seinen  Vater  respektive  die  afghanischen  Behörden  aufgrund  der  vermeintlichen Konversion einer Gefährdung ausgesetzt  gewesen wäre.  Es  ist  demnach  nicht  davon  auszugehen,  dass  sich  die  familiären  Verhältnisse des Beschwerdeführers  in Afghanistan seit seiner Ausreise  wesentlichen verändert haben. Der Beschwerdeführer wohnte vor seiner  Ausreise  –  wie  sämtliche  seine  in  Afghanistan  lebenden  Geschwister –  bei  seinen  Eltern  (vgl.  act.  A1/12  S. 1 f.).  Es  besteht  für  ihn  somit  die  Möglichkeit, sich nach seiner Rückkehr erneut bei diesen aufzuhalten. Im  Weiteren verfügt er über die Voraussetzungen um einer Erwerbstätigkeit  nachzugehen. Er besuchte sechs Jahre lang die Grundschule, kann somit 

D­4890/2009 rechnen, lesen und schreiben und er war vor seiner Ausreise in Mazar­i­ Sharif als (…) berufstätig. Ausserdem spricht er Farsi und Dari  (vgl. act.  A1/12 S. 2, A12/13 S. 5). Soweit aufgrund der Akten  feststellbar,  ist der  Beschwerdeführer  zudem  gesund.  Es  sollte  ihm  daher  mit  Hilfe  seiner  Familie ohne Weiteres möglich sein, sich sowohl beruflich als auch sozial  in seiner Heimat zu integrieren. Im Übrigen ist darauf hinzuweisen, dass  für  ihn die Möglichkeit besteht,  individuelle Rückkehrhilfe zu beantragen  (Art. 93  Abs. 1  Bst. d  AsylG,  Art. 73 ff.  der  Asylverordnung 2  vom  11. August  1999  [AsylV 2,  SR 142.312]).  Der  Wegweisungsvollzug  des  Beschwerdeführers  nach  Mazar­i­Sharif  ist  damit  auch  in  individueller  Hinsicht nicht als unzumutbar zu erachten.  5.7. Schliesslich obliegt es dem Beschwerdeführer, sich bei der zuständigen  Vertretung  des  Heimatstaates  die  für  eine  Rückkehr  notwendigen  Reisedokumente zu beschaffen (vgl. Art. 8 Abs. 4 AsylG und dazu auch BVGE  2008/34 E. 12 S. 513 ff.), weshalb  der Vollzug der Wegweisung  auch nicht  als  unmöglich zu bezeichnen ist (Art. 83 Abs. 2 AuG).  5.8.  Zusammenfassend  ergibt  sich,  dass  das  BFM  den  Vollzug  der  Wegweisung zu Recht als zulässig,  zumutbar und möglich erachtet hat.  Die  Anordnung  der  vorläufigen  Aufnahme  fällt  daher  nicht  in  Betracht  (Art. 83 Abs. 1­4 AuG). 6.  Aus  diesen  Erwägungen  folgt,  dass  die  angefochtene  Verfügung  Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig und  vollständig  feststellt  und  angemessen  ist  (Art. 106  AsylG).  Die  Beschwerde ist demnach abzuweisen.  7.  Bei  diesem  Ausgang  des  Verfahrens  wären  dessen  Kosten  dem  Beschwerdeführer aufzuerlegen  (Art. 63 Abs. 1 und 5 VwVG). Nachdem  dem  Beschwerdeführer  mit  Verfügung  vom  11. August  2009  die  unentgeltliche Rechtspflege  gewährt wurde und aufgrund der Aktenlage  nach wie vor von der prozessualen Bedürftigkeit des Beschwerdeführers  auszugehen  ist,  ist  auf  die  Auferlegung  von  Verfahrenskosten  zu  verzichten. (Dispositiv nächste Seite)

D­4890/2009 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1.  Die Beschwerde wird abgewiesen.  2.  Es werden keine Verfahrenskosten erhoben.  3.  Dieses  Urteil  geht  an  den  Beschwerdeführer,  das  BFM  und  die  zuständige kantonale Behörde. Der vorsitzende Richter: Die Gerichtsschreiberin: Walter Lang Claudia Jorns Morgenegg Versand:

D-4890/2009 — Bundesverwaltungsgericht 23.02.2012 D-4890/2009 — Swissrulings