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Bundesverwaltungsgericht 17.11.2011 D-4637/2009

17. November 2011·Deutsch·CH·CH_BVGE·PDF·2,393 Wörter·~12 min·1

Zusammenfassung

Asyl und Wegweisung | Asyl und Wegweisung; Verfügung des BFM vom 25. Juni 2009

Volltext

Bundesve rwa l t ungsge r i ch t T r i buna l   adm in istratif   f édé ra l T r i buna l e   ammin istrati vo   f ede ra l e T r i buna l   adm in istrativ   f ede ra l     Abteilung IV D­4637/2009/sps Urteil   v om   1 7 .   No v embe r   2011 Besetzung Richterin Nina Spälti Giannakitsas (Vorsitz),  Richterin Muriel Beck Kadima, Richter Gérard Scherrer, Gerichtsschreiberin Nina Hadorn. Parteien A._______, geboren (…), Afghanistan,   vertreten durch lic. iur. Patricia Müller, Rechtsberatungsstelle für Asyl Suchende Solothurn, B._______, Beschwerdeführer,  gegen Bundesamt für Migration (BFM), Quellenweg 6, 3003 Bern,    Vorinstanz.  Gegenstand Asyl und Wegweisung; Verfügung des BFM vom 25. Juni 2009 / N (…).

D­4637/2009 Sachverhalt: A.  Der  Beschwerdeführer  verliess  Afghanistan  eigenen Angabe  zufolge  im  Jahr 2008 auf dem Landweg und gelangte über C._______, D._______,  E._______,  F._______  und  G._______  am  2.  November  2008  in  die  Schweiz,  wo  er  am  selben  Tag  im  Empfangs­  und  Verfahrenszentrum  (EVZ) H._______ um Asyl nachsuchte. Dort wurde er am 10. November  2008 summarisch zu seinen Asylgründen befragt und erhielt am 9. Juni  2009  anlässlich  der  direkten  Anhörung  durch  das  BFM  Gelegenheit,  seine  Vorbringen  ausführlich  darzulegen.  Mit  Verfügung  vom  22.  Dezember  2008  wurde  der  Beschwerdeführer  für  die  Dauer  des  Asylverfahrens dem Kanton I._______ zugewiesen.  Zur  Begründung  seines  Asylgesuchs  machte  der  Beschwerdeführer  im  Wesentlichen  geltend,  er  sei  ein  afghanischer  Staatsangehöriger  J._______ Glaubens, gehöre der Ethnie der K._______ an und stamme  aus  L._______  (Provinz  Ghazni).  Im  Jahr  2007  habe  er  in  M._______  gemeinsam mit seinem Zwillingsbruder ein Teehaus eröffnet. Mitte 2008  sei  ihm  durch  den  "Paradar"  (Sicherheitsperson)  zur  Kenntnis  gelangt,  dass  sein  Angestellter  N._______  fast  das  gesamte  Mobiliar  aus  dem  Teehaus entwendet habe. Er habe sich  in der Folge zu dessen Familie  begeben,  um  ihr  seine  Absicht,  N._______  anzuzeigen,  mitzuteilen.  Einige  Tage  später  sei  N._______  verschwunden,  woraufhin  dessen  Familie  ihn  (den Beschwerdeführer) beschuldigt habe, diesen getötet zu  haben.  Am  nächsten  Tag  sei  er  auf  dem  Weg  in  die  Moschee  von  mehreren  Personen  –  darunter  N._______  aus  O._______  zurückgekehrter Bruder – brutal überfallen worden. Bald darauf habe er  sich  auf  die  Flucht  begeben,  da  er  die  Überlegenheit  von  N._______  Bruder  eingesehen  habe.  Zudem  habe  die  Familie  damit  gedroht,  die  Angelegenheit  dem  P._______,  dem  Zuständigen  für  die  Sicherheit  im  Dorf, zur Kenntnis zu bringen. Da N._______ Familie einen guten Draht  zum  P._______  habe,  habe  er  befürchtet,  auch  von  diesem  für  N._______  Verschwinden  verantwortlich  gemacht  zu  werden.  Nach  seiner Ausreise  seien N._______ Bruder  und weitere Personen  auf  der  Suche  nach  dem  Beschwerdeführer  wiederholt  bei  ihnen  zuhause  aufgetaucht und hätten seinen Zwillingsbruder brutal geschlagen,  zumal  N._______  immer noch verschwunden sei. Zudem habe er sich  für eine  Augenoperation  seiner  Mutter  bei  einigen  Bewohnern  seines  Heimatdorfes  verschuldet,  die  mittlerweile  begonnen  hätten,  ihr  Geld  zurückzufordern. 

D­4637/2009 Zur  Stützung  seiner  Vorbringen  reichte  der  Beschwerdeführer  am  2.  Dezember  2008  seine  Tazkara  (afghanische  Identitäskarte)  und  einen  Wohnsitznachweis zu den Akten. B.  Ein  vom  BFM  in  Auftrag  gegebenes,  durch  einen  Experten  verfasstes  Herkunftsgutachten  vom  16.  Dezember  2008  bestätigte  die  vom  Beschwerdeführer geltend gemachte Herkunft. C.  Mit Verfügung  vom 25.  Juni  2009 – eröffnet  am 29.  Juni  2009 –  lehnte  das BFM das Asylgesuch des Beschwerdeführers ab und ordnete seine  Wegweisung  aus  der  Schweiz  und  den  Vollzug  an.  Zur  Begründung  wurde  dargelegt,  dass  die  Vorbringen  des  Beschwerdeführers  den  Anforderungen  an  die  Flüchtlingseigenschaft  gemäss  Art.  3  des  Asylgesetzes vom 26. Juni 1998 (AsylG, SR 142.31) nicht genügten, da  die  geltend  gemachten  Übergriffe  mangels  Verfolgungsmotiv  nicht  als  asylrelevant  zu  qualifizieren  seien.  Den  Wegweisungsvollzug  erachtete  die  Vorinstanz  nach  Kabul  als  zulässig,  zumutbar  und möglich.  Auf  die  weiteren  Ausführungen  wird,  soweit  wesentlich,  in  den  nachfolgenden  Erwägungen eingegangen. D.  Mit  Eingabe  vom  20.  Juli  2009  erhob  der  Beschwerdeführer  gegen  die  Verfügung des BFM vom 25. Juni  2009 beim Bundesverwaltungsgericht  Beschwerde  und  beantragte  im  Wesentlichen  die  Aufhebung  der  angefochtenen Verfügung und die Gewährung von Asyl, eventualiter die  Aufhebung  der  Verfügung  und  die  Rückweisung  der  Sache  an  die  Vorinstanz zur Neubeurteilung, sowie subeventualiter die Anordnung der  vorläufigen  Aufnahme  zufolge  Unzulässigkeit  und  sinngemäss  auch  zufolge  Unzumutbarkeit  des  Wegweisungsvollzugs.  In  verfahrensrechtlicher  Hinsicht  ersuchte  er  um  die  unentgeltliche  Rechtspflege im Sinn von Art. 65 Abs. 1 und 2 des Bundesgesetzes vom  20. Dezember 1968 über das Verwaltungsverfahren (VwVG, SR 172.021)  und um Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses. Zur Begründung  führte  der Beschwerdeführer  im Wesentlichen  aus,  die  Verfolgung gehe in seinem Fall zwar nicht vom Staat aus, jedoch sei die  Polizei  in Afghanistan weder  fähig  noch willens,  ihn  zu  schützen. Seine  Mutter und sein Bruder seien aufgrund andauernder Behelligungen durch  die  verfeindete  Familie  mittlerweile  Q._______  geflüchtet.  Seine 

D­4637/2009 Verfolgung sei daher asylrelevant. Weiter brachte der Beschwerdeführer  vor, das BFM sei zu Unrecht von der Zulässigkeit und der Zumutbarkeit  des  Wegweisungsvollzugs  nach  Kabul  ausgegangen.  So  habe  er  zu  einem Onkel keinen Kontakt mehr und der andere sei aus verschiedenen  Gründen  nicht  in  der  Lage,  ihn  zu  unterstützen.  Ferner  gehe  das  Bundesamt  fälschlicherweise  davon  aus,  er  sei  gesund.  Seine  gravierenden Magen­,  Kiefer­  und Nasenprobleme würden  ihn  in  seiner  Arbeitsfähigkeit  einschränken.  Er  sei  diesbezüglich  in  ärztlicher  Behandlung  und werde  einen Arztbericht  nachreichen.  Auf  die weiteren  Ausführungen wird, soweit wesentlich, in den nachfolgenden Erwägungen  eingegangen. Am 24. Juli 2009 wurde eine Fürsorgebestätigung nachgereicht. E.  Mit Zwischenverfügung des damals zuständigen Instruktionsrichters vom  29. Juli 2009 teilte das Bundesverwaltungsgericht dem Beschwerdeführer  mit,  er  könne  den  Ausgang  des  Verfahrens  in  der  Schweiz  abwarten,  verschob  den  Entscheid  über  die  Gewährung  der  unentgeltlichen  Rechtspflege  im  Sinne  von  Art.  65  Abs.  1  VwVG  auf  einen  späteren  Zeitpunkt,  hiess  das  Gesuch  um  Verzicht  auf  die  Erhebung  eines  Kostenvorschusses  gut,  wies  das  Gesuch  um  Gewährung  der  unentgeltlichen  Verbeiständung  im  Sinne  von  Art.  65  Abs. 2  VwVG  ab  und  forderte  ihn  zur  Einreichung  eines  umfassenden  ärztlichen  Zeugnisses auf. F.  Mit  Eingabe  vom  29.  August  2009  reichte  der  Beschwerdeführer  einen  ärztlichen  Bericht  in  Bezug  auf  seine  Kieferprobleme  von  Dr.  Dr.  med.  R._______ datierend vom 21. August 2009 zu den Akten.  G.  Im  Rahmen  eines  Schriftenwechsels  hielt  das  BFM  in  seiner  Vernehmlassung vom 18. September 2009 fest, die Beschwerde enthalte  keine  neuen  erheblichen  Tatsachen  oder  Beweismittel.  Dem  ärztlichen  Bericht  vom  21.  August  2009  sei  zu  entnehmen,  dass  die  geltend  gemachte Gesichtsasymmetrie skelettal bedingt sei, woraus sich ergebe,  dass  der  Beschwerdeführer  bereits  in  Afghanistan  mit  diesen  Beschwerden  gelebt  habe.  Ferner  werde  daraus  ersichtlich,  dass  eine  Nichtbehandlung  keine  lebensbedrohliche  Verschlechterung  des 

D­4637/2009 Gesundheitszustandes zur Folge hätte. Das Bundesamt beantragte daher  die Abweisung der Beschwerde. H.  Mit  seiner Replik  vom 6. Oktober 2009 hielt  der Beschwerdeführer dem  im Wesentlichen entgegen, zwar habe er schon  immer unter Problemen  aufgrund seiner Gesichtsasymmetrie gelitten, diese hätten sich jedoch in  jüngerer  Zeit  verschärft.  So  sei  eine  Versteifung  seines  Kauapparates  aufgetreten,  die  die  Nahrungsmittelaufnahme  wie  auch  das  Sprechen  zeitweise stark einschränke. Die Mangelernährung habe mittlerweile sein  Immunsystem  derart  geschwächt,  dass  eine  Erkrankung  in  Afghanistan  aufgrund  der  dortigen  hygienischen  Verhältnisse  schnell  zu  einer  lebensbedrohlichen  Situation  führen  könne.  Zudem  sei  er  bei  einer  Rückkehr  nach  Afghanistan  auf  sich  allein  gestellt,  da  seine  Familie  S._______ geflohen sei. I.  Mit  Eingabe  vom  8.  Februar  2010  reichte  der  Beschwerdeführer  einen  weiteren  Arztbericht  von  Dr.  Dr.  med.  R._______  datierend  vom  21. Dezember 2009 ein. Der behandelnde Zahnarzt schilderte darin den  Behandlungsverlauf  und  äusserte  sich  zu  den möglichen  Ursachen  der  Gesichtsasymmetrie. J.  Mit  Eingabe  vom  28.  April  2010  reichte  der  Beschwerdeführer  eine  Bestätigung seiner Zahnarzttermine bei Dr. med. dent. T._______ ein. K.  Mit  Eingabe  vom  26.  Juli  2010  reichte  der  Beschwerdeführer  eine  Bestätigung vom 22. Juli 2010 eines Operationstermins ein. L.  Mit  Eingabe  vom  10.  März  2011  zeigte  der  Beschwerdeführer  dem  Bundesverwaltungsgericht  unter  Beifügung  der  erforderlichen  Vollmacht  ein neues Vertretungsverhältnis an. Die neue Rechtsvertreterin führte an,  der  Beschwerdeführer  sei  aufgrund  seiner  Kieferprobleme  weiterhin  in  ärztlicher  Behandlung,  da  die  Operation  noch  nicht  die  gewünschte  Wirkung  habe  entfalten  können. Weitere  Beweismittel  in  Bezug  auf  die  gesundheitlichen Schwierigkeiten wurden angeboten.

D­4637/2009 Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1.  1.1. Gemäss Art. 31 des Verwaltungsgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005  (VGG, SR 173.32) beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Beschwerden  gegen  Verfügungen  nach  Art. 5  VwVG.  Das  BFM  gehört  zu  den  Behörden  nach  Art. 33  VGG  und  ist  daher  eine  Vorinstanz  des  Bundesverwaltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme  im Sinne von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht  ist daher zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und  entscheidet  auf  dem  Gebiet  des  Asyls  endgültig,  ausser  bei  Vorliegen  eines  Auslieferungsersuchens  des  Staates,  vor  welchem  die  beschwerdeführende Person Schutz sucht (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d  Ziff. 1  des  Bundesgerichtsgesetzes  vom  17. Juni  2005  [BGG,  SR 173.110]). 1.2.  Die  Beschwerde  wurde  frist­  und  formgerecht  eingereicht.  Der  Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist  durch  die  angefochtene  Verfügung  besonders  berührt  und  hat  ein  schutzwürdiges  Interesse  an  deren  Aufhebung  beziehungsweise  Änderung;  er  ist  daher  zur  Einreichung  der  Beschwerde  legitimiert  (Art. 105 und Art. 108 Abs. 1 AsylG, Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 VwVG).  Auf die Beschwerde ist einzutreten. 1.3. Mit Beschwerde kann die Verletzung von Bundesrecht, die unrichtige  oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts und  die Unangemessenheit gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG). 2.  2.1.  Gemäss  Art. 2  Abs. 1  AsylG  gewährt  die  Schweiz  Flüchtlingen  grundsätzlich  Asyl.  Flüchtlinge  sind  Personen,  die  in  ihrem Heimatstaat  oder  im Land,  in dem sie zuletzt wohnten, wegen  ihrer Rasse, Religion,  Nationalität,  Zugehörigkeit  zu  einer  bestimmten  sozialen  Gruppe  oder  wegen ihrer politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt  sind  oder  begründete  Furcht  haben,  solchen  Nachteilen  ausgesetzt  zu  werden. Als  ernsthafte Nachteile  gelten  namentlich  die Gefährdung  des  Leibes,  des  Lebens  oder  der  Freiheit  sowie  Massnahmen,  die  einen 

D­4637/2009 unerträglichen  psychischen  Druck  bewirken.  Den  frauenspezifischen  Fluchtgründen ist Rechnung zu tragen (Art. 3 AsylG). 2.2.  Wer  um  Asyl  nachsucht,  muss  die  Flüchtlingseigenschaft  nachweisen  oder  zumindest  glaubhaft  machen.  Diese  ist  glaubhaft  gemacht,  wenn  die  Behörde  ihr  Vorhandensein  mit  überwiegender  Wahrscheinlichkeit  für  gegeben  hält.  Unglaubhaft  sind  insbesondere  Vorbringen, die in wesentlichen Punkten zu wenig begründet oder in sich  widersprüchlich sind, den Tatsachen nicht entsprechen oder massgeblich  auf  gefälschte  oder  verfälschte  Beweismittel  abgestützt  werden  (Art.  7  AsylG). 2.3. Das Bundesamt begründete seine Verfügung vom 25. Juni 2009  im  Wesentlichen damit,  dass die Probleme des Beschwerdeführers mit  der  Familie  seines  Angestellten  N._______  nicht  asylrelevant  seien,  zumal  kein  in  Art. 3  AsylG  aufgezählter  Verfolgungsgrund  ersichtlich  sei.  Folglich  genügten  diese  Schwierigkeiten  mangels  Asylrelevanz  den  Anforderungen  an  die  Flüchtlingseigenschaft  nicht,  weshalb  das  Asylgesuch abzulehnen sei. 2.4.  Der  Beschwerdeführer  führte  in  seiner  Beschwerde  aus,  dass  die  Verfolgung zwar nicht vom Staat ausgehe, die Polizei jedoch weder fähig,  noch  willens  sei,  ihn  zu  schützen.  Im  Falle  eines  Übergriffs  würde  die  Polizei aufgrund der Korruption N._______ Familie decken und  ihm den  Schutz  verweigern.  Seine  Mutter  und  sein  Bruder  seien  seitdem  regelmässig  behelligt  worden,  wobei  seinem  Bruder  sogar  der  Arm  gebrochen  worden  sei.  Die  beiden  seien  Q._______  geflüchtet.  Die  Verfolgung  erweise  sich  daher  als  asylrelevant  und  erfülle  die  Voraussetzungen von Art. 3 und Art. 7 AsylG, weshalb er als Flüchtling  anzuerkennen sei. 2.5.  Im  Folgenden  ist  zunächst  zu  prüfen,  ob  die  Vorinstanz  die  vom  Beschwerdeführer  geltend  gemachte  Gefahr  durch  Dritte  zu  Recht  als  nicht asylrechtlich relevant beurteilt hat.  2.5.1. Eine Verfolgung  durch  nichtstaatliche Akteure  kann  grundsätzlich  flüchtlingsrechtlich  relevant  sein,  wenn  es  der  betroffenen  Person  nicht  möglich  ist,  davor  im  Heimatstaat  adäquaten  Schutz  zu  finden  (vgl.  Entscheidungen  und  Mitteilungen  der  Schweizerischen  Asylrekurskommission [EMARK] 2006 Nr. 18). Die Flüchtlingseigenschaft  setzt  jedoch auch dann voraus, dass der geltend gemachten Verfolgung 

D­4637/2009 oder  der  staatlichen  Schutzverweigerung  ein  flüchtlingsrechtlich  relevantes  Motiv  gemäss  Art. 3  Abs. 1  AsylG  (Rasse,  Religion,  Nationalität,  Zugehörigkeit  zu  einer  bestimmten  sozialen  Gruppe,  politische Anschauungen) zugrunde liegt. Dabei gilt es zu beachten, dass  eine  Verfolgung  im  Sinne  des  Asylgesetzes  und  des  Abkommens  vom  28. Juli  1951  über  die Rechtsstellung  der  Flüchtlinge  (FK, SR 0.142.30)  immer wegen des Seins (d. h. des Anders­Seins), nicht wegen des Tuns  erfolgt. Flüchtlingsrechtlich relevant wird eine Verfolgung dann, wenn sie  wegen eines  in  der Person  liegenden Merkmals,  das untrennbar mit  ihr  oder ihrer Persönlichkeit verbunden ist, erfolgt, mithin in diskriminierender  Weise  an  ein  persönliches  Merkmal,  das  sie  "andersartig"  macht,  anknüpft. Der Verfolger kann zwar vordergründig auf die Handlungsweise  einer  Person  abzielen  (z. B.  Teilnahme  an  einer  Demonstration  oder  Besuch  eines  Gottesdienstes),  der  Eingriff  wird  aber  nur  dann  für  die  Flüchtlingseigenschaft  bedeutsam,  wenn  er  die  hinter  der  betreffenden  Handlung steckende Gesinnung oder Eigenart der Person treffen will (vgl.  EMARK 2006 Nr. 32).  2.5.2.  Vorliegend  ist  aufgrund  der  Akten  nicht  davon  auszugehen,  der  Beschwerdeführer  werde  wegen  der  Zugehörigkeit  zu  einer  zur  Verfolgung  ausgesonderten  bestimmten  Gruppe,  d.h. wegen  seines  "Anders­Seins",  von N._______  Familienangehörigen  bedroht  oder  vom  Staat  nicht  geschützt.  Vielmehr  wird  aus  den  Ausführungen  des  Beschwerdeführers  ersichtlich,  dass  die  Familie  den  Beschwerdeführerführer aufgrund einer konkreten, ihm zur Last gelegten  Tat behelligte. Da der ehemalige Angestellte N._______ im Nachgang an  einen Streit mit dem Beschwerdeführer verschwand, ging dessen Familie  davon  aus,  der  Beschwerdeführer  habe  ihn  getötet,  und  wollte  Rache  üben.  Es  ist  daher  im Verhalten  der  Angehörigen  des  verschwundenen  N._______  kein  diskriminierendes,  an  ein  in  der  Person  des  Beschwerdeführers  liegendes  Merkmal  anknüpfendes  Element  ersichtlich,  weshalb  es  vorliegend  an  einem  Verfolgungsmotiv  gemäss  Art. 3  AsylG  fehlt.  Der  Beschwerdeführer  bestreitet  in  seiner  Rechtmitteleingabe  das  Fehlen  eines  asylrechtlich  relevanten  Motivs  schliesslich  nicht,  sondern  beschränkt  seine  Ausführungen  auf  die  fehlende  Möglichkeit,  bei  den  afghanischen  Behörden  oder  den  internationalen Truppen Schutz zu finden. Auch im fehlenden Schutz liegt  jedoch  keine  diskriminierende  Absicht  der  staatlichen  Behörden,  zumal  der  Schutz  nicht  deshalb  verweigert  wird,  weil  der  Beschwerdeführer  aufgrund  eines  in  seiner  Persönlichkeit  liegenden  Merkmals  getroffen  werden  soll.  Vielmehr  ist  davon  auszugehen,  dass  die  staatlichen 

D­4637/2009 Behörden  derzeit  in  vielen  Teilen  des  Landes  nicht  in  der  Lage  sind,  adäquaten  Schutz  zu  gewähren.  Selbst  wenn  dem  Beschwerdeführer  wegen Korruption der Schutz verwehrt worden wäre, könnte darin keine  diskriminierende Absicht  aufgrund eines persönlichen Merkmals erkannt  werden.  2.6. Der  Vollständigkeit  halber  ist  anzumerken,  dass  sich  –  obwohl  die  Vorbringen  recht  ausführlich  geschildert  worden  waren  –  auch  gewisse  Ungereimtheiten  ergeben.  So  gab  der  Beschwerdeführer  anlässlich  der  Befragungen  an,  zwischen  dem  Raub  in  seinem  Geschäft  und  seiner  Ausreise seien nur fünf bis sechs Tage vergangen. Es wirkt jedoch nicht  überzeugend,  dass  die  vom  Beschwerdeführer  geltend  gemachten  Geschehnisse  –  Raub  im  Geschäft,  Untertauchen  des  Angestellten,  Rückkehr desselben aus Kabul, Konfrontation mit diesem und den Eltern,  Verschwinden  des  Angestellten,  Beschuldigung  des  Beschwerdeführers  durch  die  Familie,  Übergriffe  durch  den  aus  O._______  angereisten  Bruder und schliesslich Organisation und Finanzierung der Ausreise – in  einer derart kurzen Zeitspanne vor sich gegangen sind. Unklar  ist auch,  weshalb  der  Angestellte,  der  offenbar  aus  wohlhabendem  und  einflussreichem  Hause  stamme,  eine  Anstellung  in  einem  Restaurant  annehmen  und  dieses  dann  ausrauben  sollte,  um  seine  Schulden  zu  begleichen.  Ausserdem  wäre  zu  erwarten  gewesen,  dass  der  Beschwerdeführer  nach  dem  Geständnis  des  Angestellten  mit  diesem  und  dessen  Eltern  nach  einer  finanziellen  Einigung  gesucht  hätte.  Und  schliesslich  wirft  auch  die  überstürzte  Ausreise  nur  wenige  Tage  nach  dem Verschwinden des Angestellten Fragen auf. Der Beschwerdeführer,  der sich  ja nichts vorzuwerfen hatte, hätte wohl zumindest den Versuch  unternommen, die Familie des Verschwundenen von seiner Unschuld zu  überzeugen, oder – zumal der Verbleib des Angestellten vollkommen im  Ungewissen blieb – dessen Rückkehr abgewartet. Allein der Verweis auf  die  finanzielle Überlegenheit  der  anderen Familie  überzeugt  dabei  nicht  recht,  hatte  doch  auch  diese  ein  Interesse  daran,  das  Geschehene  aufzudecken.  Insgesamt  könnte  es  sich  bei  den  Vorbringen  des  Beschwerdeführers  demnach  auch  um  einen  konstruierten  Sachverhalt  handeln.  Eine  abschliessende  Beurteilung  der  Glaubhaftigkeit  erübrigt  sich  jedoch  angesichts  der  ohnehin  fehlenden  Asylrelevanz  der  angeblichen Übergriffe. 2.7.  Der  Beschwerdeführer  erfüllt  diesen  Erwägungen  gemäss  die  Flüchtlingseigenschaft nicht, weshalb das Bundesamt das Asylgesuch zu  Recht abgelehnt hat.

D­4637/2009 3.  3.1. Lehnt  das Bundesamt  das Asylgesuch  ab  oder  tritt  es  darauf  nicht  ein,  so  verfügt  es  in  der  Regel  die Wegweisung  aus  der  Schweiz  und  ordnet den Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit  der Familie (Art. 44 Abs. 1 AsylG). 3.2. Der Beschwerdeführer  verfügt weder  über  eine  ausländerrechtliche  Aufenthaltsbewilligung  noch  über  einen  Anspruch  auf  Erteilung  einer  solchen. Die Wegweisung wurde demnach zu Recht angeordnet (Art. 44  Abs. 1 AsylG; vgl. BVGE 2009/50 E. 9). 4.  4.1.  Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder  nicht möglich, so regelt das Bundesamt das Anwesenheitsverhältnis nach  den  gesetzlichen  Bestimmungen  über  die  vorläufige  Aufnahme  von  Ausländern  (Art.  44  Abs.  2  AsylG;  Art.  83  Abs.  1  des  Bundesgesetzes  vom 16. Dezember  2005 über  die Ausländerinnen und Ausländer  [AuG,  SR 142.20]). 4.2. Die erwähnten drei Bedingungen für einen Verzicht auf den Vollzug  der  Wegweisung  (Unzulässigkeit,  Unzumutbarkeit  und  Unmöglichkeit)  sind  alternativer Natur:  Sobald  eine  von  ihnen  erfüllt  ist,  ist  der Vollzug  der  Wegweisung  als  undurchführbar  zu  betrachten  und  die  weitere  Anwesenheit  in  der  Schweiz  gemäss  den  Bestimmungen  über  die  vorläufige Aufnahme zu regeln (vgl. BVGE 2009/51 E. 5.4 S. 748). 4.3.  Weil  sich  vorliegend  der  Vollzug  der  Wegweisung  –  aus  den  nachfolgend aufgezeigten Gründen – als unzumutbar erweist, ist auf eine  Erörterung der beiden andern Kriterien zu verzichten. 4.4. Gemäss Art. 83 Abs. 4 AuG kann der Vollzug für Ausländerinnen und  Ausländer  unzumutbar  sein,  wenn  sie  im  Heimat­  oder  Herkunftsstaat  aufgrund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und  medizinischer  Notlage  konkret  gefährdet  sind.  Wird  eine  konkrete  Gefährdung  festgestellt,  ist  –  unter Vorbehalt  von Art.  83 Abs.  7 AuG –  die vorläufige Aufnahme zu gewähren (vgl. Botschaft zum Bundesgesetz  über  die  Ausländerinnen  und  Ausländer  vom  8.  März  2002,  BBl  2002  3818). 4.4.1. In Bezug auf die allgemeine Lage in Afghanistan kann auf die vom  Bundesverwaltungsgericht vorgenommene Einschätzung der Situation  in  einem  vor  kurzem  ergangenen,  zur  Publikation  vorgesehenen 

D­4637/2009 Grundsatzurteil  verwiesen  werden  (vgl.  Urteil  des  Bundesverwaltungsgerichts  E­7625/2008  vom  16.  Juni  2011).  Das  Gericht  stellt  dort  zusammenfassend  fest,  dass  in  weiten  Teilen  von  Afghanistan  –  ausser  allenfalls  in Grossstädten  –  eine  derart  schlechte  Sicherheitslage  und  derart  schwierige  humanitäre  Bedingungen  bestünden, dass die Situation als existenzbedrohend im Sinne von Art. 83  Abs. 4 AuG zu qualifizieren sei. Von dieser allgemeinen Feststellung sei  die Situation  in  der Hauptstadt Kabul  zu  unterscheiden. Angesichts  des  Umstandes,  dass  sich  dort  die  Sicherheitslage  im  Verlaufe  des  vergangenen Jahres nicht weiter verschlechtert habe und die humanitäre  Situation  im  Vergleich  zu  den  übrigen  Gebieten  etwas  weniger  dramatisch  sei,  könne  der  Vollzug  der  Wegweisung  nach  Kabul  unter  Umständen als  zumutbar  qualifiziert werden. Solche Umstände  könnten  namentlich dann gegeben sein, wenn es sich beim Rückkehrer um einen  jungen,  gesunden  Mann  handle.  Angesichts  der  bisher  aufgezeigten  konstanten  Verschlechterung  der  Lage  über  die  vergangenen  Jahre  hinweg und der auch in Kabul schwierigen Situation verstehe es sich aber  von selbst, dass die bereits in EMARK 2003 Nr. 10 formulierten strengen  Bedingungen  in  jedem  Einzelfall  sorgfältig  geprüft  und  erfüllt  sein  müssten,  um  einen  Wegweisungsvollzug  nach  Kabul  als  zumutbar  zu  qualifizieren. Unabdingbar sei  in erster Linie ein soziales Netz, das sich  im Hinblick auf die Aufnahme und Wiedereingliederung des Rückkehrers  als  tragfähig erweise. Ohne Unterstützung durch Familie oder Bekannte  würden die schwierigen Lebensverhältnisse auch in Kabul unweigerlich in  eine  existenzielle  beziehungsweise  lebensbedrohende  Situation  führen.  Für  einen  Rückkehrer  aus  Europa  bestehe,  aufgrund  der  Vermutung,  dass er Devisen auf  sich  trage, gleich nach seiner Ankunft  in Kabul ein  erhöhtes Risiko,  entführt  oder  überfallen  zu werden. Verfüge  er  auf  der  anderen Seite  über  keine  genügenden  finanziellen Mittel,  hätte  er  ohne  soziale Vernetzung kaum Aussicht auf eine zumutbare Unterkunft. Auch  bei  der  Arbeitssuche  sei  die  Einstellung,  selbst  von  unqualifizierten  Arbeitskräften,  regelmässig  von  persönlichen  Beziehungen  abhängig.  Eine  die  Gesundheit  nur  einigermassen  garantierende  Ernährung  wäre  ohne die Hilfe von nahestehenden Personen ebenfalls kaum möglich, und  der  Zugang  zu  sauberem  Trinkwasser  schwierig;  Unterstützungsmassnahmen  der  Regierung  oder  internationaler  Organisationen könnten  laut zuverlässigen Quellen daran nichts ändern.  Kämen  in  einer  solchen  Situation  noch  gesundheitliche  Umstellungsschwierigkeiten  hinzu,  geriete  auch  ein  junger  gesunder  Mann  ohne  soziale  Vernetzung  unweigerlich  innert  absehbarer  Zeit  in  eine existenzbedrohende Situation (vgl. a.a.O. E. 9.9.1 f.).

D­4637/2009 4.4.2.  Der  Beschwerdeführer  stammt  eigenen  Angaben  zufolge  aus  L._______  (Provinz  Ghazni).  Gemäss  der  soeben  dargelegten  Rechtsprechung  des  Bundesverwaltungsgerichts  wird  ein  Wegweisungsvollzug  in  die  Provinz  Ghazni  nicht  in  Betracht  gezogen.  Hingegen geht das Bundesverwaltungsgericht im zitierten Urteil nicht von  einer  generellen  Unzumutbarkeit  des Wegweisungsvollzugs  nach  Kabul  aus. 4.4.3.  Bei  dieser  Sachlage  stellt  sich  die  Frage,  ob  dem  Beschwerdeführer eine Rückkehr nach Kabul aufgrund einer individuellen  Prüfung der Verhältnisse zuzumuten  ist. Die Bejahung der Zumutbarkeit  einer  Rückkehr  nach  Kabul  setzt  insbesondere  die  Existenz  eines  tragfähigen  Beziehungsnetzes,  die  konkrete  Möglichkeit  der  Sicherung  des Existenzminimums sowie eine gesicherte Wohnsituation voraus (vgl.  das  zur  Publikation  vorgesehene  Grundsatzurteil  des  Bundesverwaltungsgerichts E­7625/2008 vom 16. Juni 2011 E. 9.9.2 mit  Verweis auf EMARK 2003 Nr. 10 E. 10 cc). 4.4.4. Anlässlich der Befragungen machte der Beschwerdeführer geltend,  bis zur Ausreise  immer  in seinem Heimatdorf gelebt zu haben.  In Kabul  verfüge  er  über  zwei  Onkel  mütterlicherseits,  wovon  einer  eine  Art  Restaurant beziehungsweise einen Laden mit Säften oder Lebensmitteln  führe und der andere eine Autospenglerei besitze (vgl. A23/15 S. 5). Die  beiden  Onkel  hätten  ihn  bei  verschiedenen  Gelegenheiten  finanziell  unterstützt  (vgl.  A23/15 S.  5  und  8).  Er  sei  nicht  zur Schule  gegangen,  habe  aber  die  Koranschule  besucht  und  zwischen  2006  und  2007  eine  Lehre als Schneider absolviert. Danach habe er in M._______ mit seinem  Zwillingsbruder ein Teehaus eröffnet.  4.4.5.  Das  BFM  führte  in  der  angefochtenen  Verfügung  vom  25.  Juni  2009  aus,  weder  die  allgemeine  noch  die  individuelle  Situation  des  Beschwerdeführers  spreche  gegen  die  Zumutbarkeit  des  Wegweisungsvollzugs.  Insbesondere  habe  der  Beschwerdeführer  in  Kabul  zwei  Onkel  mit  eigenen  Geschäften,  welche  ihn  bei  sich  aufnehmen  und  unterstützen  könnten,  wie  sie  dies  schon  vorher  getan  hätten.  Der  Beschwerdeführer  verfüge  durch  seine  Tätigkeit  als  Schneider  und  die Führung  eines Teehauses  über  genügend berufliche  Erfahrung,  um  sich  mit  Hilfe  seiner  Onkel  in  Kabul  eine  wirtschaftliche  Existenz aufzubauen.

D­4637/2009 4.4.6. Diesen  Erwägungen  entgegnete  der  Beschwerdeführer  in  seiner  Rechtmitteleingabe vom 20. Juni 2009, das BFM gehe zu Unrecht davon  aus, er könne in Kabul bei seinen Onkel leben. Zu einem Onkel habe er  keinen  Kontakt mehr,  da  dieser  sich mit  seiner Mutter  zerstritten  habe.  Der  andere  Onkel  verfüge  zwar  tatsächlich  über  ein  Lebensmittelgeschäft,  jedoch  sei  es  ihm  aufgrund  des  unerfreulichen  Geschäftsgangs nicht möglich, für eine weitere Person aufzukommen. Da  sich die Familie daher in einer schwierigen finanziellen Situation befinde,  sei es  ihnen nicht möglich,  ihn zu unterstützen. Auch könne er nicht bei  der Familie wohnen, da der Onkel Töchter  im heiratsfähigen Alter habe.  Dieser Onkel werde ihn daher nicht bei sich wohnen lassen. Zudem  gehe  das  BFM  fälschlicherweise  davon  aus,  er  sei  gesund.  Er  habe  Probleme mit  der  Atmung,  dem  Kiefer  und  dem Magen.  Deshalb  könne er Nahrung zur Zeit nur in flüssiger Form zu sich nehmen und auch  das Sprechen bereite ihm Schmerzen und Mühe. Die Beschwerden seien  sehr gravierend und würden seine Arbeitsfähigkeit einschränken. 4.4.7. Bezüglich der geltend gemachten gesundheitlichen Schwierigkeiten  ist festzustellen, dass dem Beschwerdeführer im eingereichten ärztlichen  Bericht vom 21. August 2009 eine skelettal bedingte Gesichtsasymmetrie,  welche  schon  bei  der  Einreise  in  die  Schweiz  bestanden  habe,  diagnostiziert wird. Als Folge davon leide der Beschwerdeführer an einer  extremen  Bissstörung,  welche  für  den  Kauprozess  objektiv  von  Bedeutung  sei.  Das  Leiden  sei  durch  eine  Korrektur  des  Oberkiefers  behandelbar.  Ohne  Behandlung  sei  mit  der  mittelfristigen  Entwicklung  einer  Kiefergelenksarthrose  zu  rechnen,  was  zu  einer  weiterhin  verminderten  Kaufähigkeit  führe.  Dem  Schreiben  des  behandelnden  Arztes  vom  21.  Dezember  2009  ist  zu  entnehmen,  dass  der  Beschwerdeführer mittlerweile so weit behandelt worden sei, um wieder  einigermassen  schmerzfrei  leben  zu  können,  ein  operativer  Eingriff  sei  jedoch  unabdingbar.  Gemäss  der  eingereichten  Bestätigung  des  Operationstermins  vom  22.  Juli  2010  ist  davon  auszugehen,  die  erforderliche Operation  sei  am  (…)  durchgeführt  worden.  Daraus  ergibt  sich,  dass  der  Beschwerdeführer  in  der  Schweiz  den  erforderlichen  Massnahmen  zur  Behandlung  seiner  gesundheitlichen  Schwierigkeiten  unterzogen  wurde.  Mit  Eingabe  vom  10. März  2011  brachte  der  Beschwerdeführer  vor,  trotz  der  Operation  immer  noch  "Mühe mit  dem  Essen" zu haben.

D­4637/2009 4.4.8.  Der  Beschwerdeführer  ist  in  L._______  geboren  und  aufgewachsen  –  wohin  der  Vollzug  der  Wegweisung  als  unzumutbar  einzuschätzen  ist – und hat selber nie  in Kabul gelebt.  Immerhin verfügt  er  dort  über  zwei  Onkel,  die  ihn  bereits  vor  der  Ausreise  finanziell  unterstützt  haben  sollen.  Indessen  dürfte  dieser  Umstand  allein  nicht  ausreichen,  die  Existenz  des  Beschwerdeführers  in  Kabul  als  gesichert  zu  betrachten,  zumal  der  Beschwerdeführer  in  seiner  Rechtsmitteleingabe in nachvollziehbarer Weise ausführte, dass sich eine  Unterstützung  durch  seine  Onkel  als  schwierig  gestalte.  Weitere  Bezugspersonen,  welche  ihn  allenfalls  in  Kabul  unterstützen  könnten,  sind  nicht  aktenkundig.  Gleichzeitig  ist  davon  auszugehen,  dass  der  Beschwerdeführer  mit  Blick  auf  die  fehlende  Schulbildung  sowie  unter  Berücksichtigung  der  schwierigen  Arbeitsmarktsituation  in  Kabul  wohl  Mühe habe dürfte,  innert angemessener Frist eine Anstellung zu  finden,  mit  welcher  er  sich  seinen  Lebensunterhalt  selbstständig  verdienen  könnte.  Dies  selbst  unter  Berücksichtigung  der  Tatsache,  dass  er  eine  Lehre  als  Schneider  absolviert  und  in  M._______  ein  Teehaus  geführt  hat. Weiter ist anzumerken, dass der Gesichtsasymmetrie und der damit  verbundenen  Kau­  und  Sprachstörung  des  Beschwerdeführers  allein  zwar  kein  schwerwiegender  oder  gar  existenzbedrohender  Charakter  zukommt,  die  gesundheitlichen  Probleme  hingegen  als  Faktor  im  Rahmen  einer  Gesamtbetrachtung  berücksichtigt  werden  müssen.  Die  gut  sichtbare  Gesichtsasymmetrie  und  die  erschwerte  Nahrungsmittelaufnahme  und  deren  vom  Beschwerdeführer  erläuterten  Folgen dürften sich dabei ungünstig auf eine Reintegration in Afghanistan  beziehungsweise  Integration  in  Kabul  auswirken.  Daher  läuft  der  Beschwerdeführer bei einer Rückkehr mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit  Gefahr, in eine existenzielle Notlage zu geraten. 4.5.  Zusammenfassend  ist  angesichts  der  gesamten  Umstände  festzustellen, dass der Vollzug der Wegweisung des Beschwerdeführers  nach  Afghanistan  zum  heutigen  Zeitpunkt  mit  überwiegender  Wahrscheinlichkeit  eine  konkrete  Gefährdung  zur  Folge  hätte  und  deshalb als unzumutbar im Sinne von Art. 83 Abs. 4 AuG zu qualifizieren  ist. 5.  Die  Beschwerde  ist  demnach  gutzuheissen,  soweit  sie  den Vollzug  der  Wegweisung  betrifft;  im Übrigen  ist  sie  abzuweisen. Die Verfügung  des  BFM vom 25. Juni 2009 ist hinsichtlich der Ziffern 4 und 5 des Dispositivs 

D­4637/2009 aufzuheben und das Bundesamt  ist anzuweisen, den Beschwerdeführer  in der Schweiz vorläufig aufzunehmen. 6.  6.1. Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären dem Beschwerdeführer  grundsätzlich  reduzierte  Verfahrenskosten  aufzuerlegen.  Mit  Zwischenverfügung  vom  29.  Juli  2009  verzichtete  der  zuständige  Instruktionsrichter  auf  die  Erhebung  eines  Kostenvorschusses  mit  dem  Hinweis, über das mit der Beschwerde gestellte Gesuch um Gewährung  der  unentgeltlichen  Rechtspflege  im  Sinne  von  Art.  65  Abs.  1  VwVG  werde  im  Endentscheid  befunden.  Mit  Fürsorgebestätigung  der  Gemeinde Oberdorf  vom 17.  Juli  2009  hat  der Beschwerdeführer  seine  Bedürftigkeit,  von welcher  nach wie  vor  auszugehen  ist,  nachgewiesen.  Das Gesuch um Gewährung der  unentgeltlichen Rechtspflege  im Sinne  von  Art.  65  Abs.  1  VwVG  wird  gutgeheissen.  Somit  sind  keine  Verfahrenskosten aufzuerlegen. 6.2.  Gemäss  Art.  64  Abs.  1  VwVG  kann  die  Beschwerdeinstanz  der  obsiegenden  Partei  eine  Parteientschädigung  für  die  notwendigen  und  verhältnismässig  hohen  Kosten  zusprechen.  Dem  vertretenen  Beschwerdeführer  ist  angesichts  des  teilweisen  Obsiegens  eine  reduzierte  Parteientschädigung  zuzusprechen  (Art.  7  Abs.  2  des  Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen  vor  dem  Bundesverwaltungsgericht  [VGKE,  SR  173.320.2]).  Es  wurde  keine Kostennote  eingereicht,  der  notwendige Vertretungsaufwand  lässt  sich  jedoch aufgrund der Aktenlage hinreichend zuverlässig abschätzen  (vgl. Art. 14 Abs. 2 VGKE). Nachdem die Rechtsvertretung erst kurz vor  Verfahrensabschluss  und  damit  nach  Beschwerdeerhebung  und  Schriftenwechsel  mandatiert  wurde,  ist  die  reduzierte  Parteientschädigung  auf  Fr.  200.­  (inklusive  Auslagen  und  allfällige  Mehrwertsteuer) festzusetzen und von der Vorinstanz zu entrichten. (Dispositiv nächste Seite)

D­4637/2009 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1.  Die  Beschwerde  wird  betreffend  den  Vollzug  der  Wegweisung  gutgeheissen. Im Übrigen wird sie abgewiesen. 2.  Die Ziffern 4 und 5 des Dispositivs der Verfügung des BFM vom 25. Juni  2009  werden  aufgehoben  und  das  Bundesamt  wird  angewiesen,  den  Beschwerdeführer vorläufig aufzunehmen. 3.  Das Gesuch um Gewährung der  unentgeltlichen Rechtspflege  im Sinne  von  Art.  65  Abs.  1  VwVG  wird  gutgeheissen.  Es  werden  keine  Verfahrenskosten auferlegt. 4.  Die  Parteientschädigung  wird  auf  Fr.  200.­  festgesetzt.  Das  BFM  wird  angewiesen, diesen Betrag an den Beschwerdeführer auszurichten. 5.  Dieses  Urteil  geht  an  den  Beschwerdeführer,  das  BFM  und  die  zuständige kantonale Behörde. Die vorsitzende Richterin: Die Gerichtsschreiberin: Nina Spälti Giannakitsas Nina Hadorn Versand:

D-4637/2009 — Bundesverwaltungsgericht 17.11.2011 D-4637/2009 — Swissrulings