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Bundesverwaltungsgericht 04.08.2011 D-4401/2009

4. August 2011·Deutsch·CH·CH_BVGE·PDF·2,506 Wörter·~13 min·2

Zusammenfassung

Asyl und Wegweisung | Asyl und Wegweisung; Verfügung des BFM vom 8. Juni 2009

Volltext

Bundesve rwa l t ungsge r i ch t T r i buna l   adm in istratif   f édé ra l T r i buna l e   ammin istrati vo   f ede ra l e T r i buna l   adm in istrativ   f ede ra l Abteilung IV D­4401/2009/sed Urteil   v om   4 .   Augus t   2011 Besetzung Richter Martin Zoller (Vorsitz), Richterin Regula Schenker Senn,  Richter Hans Schürch;    Gerichtsschreiberin Susanne Burgherr. Parteien A._______, geboren (…), Afghanistan,   vertreten durch lic. iur. Karin Kyburz, Rechtsanwältin,  (…), Beschwerdeführer,  gegen Bundesamt für Migration (BFM),  Quellenweg 6, 3003 Bern,    Vorinstanz.  Gegenstand Asyl und Wegweisung;  Verfügung des BFM vom 8. Juni 2009 / N (…).

D­4401/2009 Sachverhalt: A.  Der Beschwerdeführer suchte am 23. März 2009 in der Schweiz um Asyl  nach. A.a Im Rahmen der Erstbefragung im Empfangs­ und Verfahrenszentrum  B._______ vom 30. März 2009 und der Anhörung nach Art. 29 Abs. 1 des  Asylgesetzes vom 26. Juni 1998 (AsylG, SR 142.31) durch das BFM vom  22. April 2009 brachte der Beschwerdeführer im Wesentlichen vor, er sei  Paschtune und stamme aus dem Dorf C._______ in der Provinz Parwan.  Sein Vater habe die Taliban unterstützt. Nach deren Sturz Ende 2001 sei  dieser  durch  einen  Kommandanten  von  Massoud,  D._______,  getötet  worden.  Die  Familie  sei  deshalb  nach  den  Trauerfeierlichkeiten  Ende  2001 oder anfangs 2002 nach Pakistan geflohen. Nachdem Hamid Karzai  zwei Jahre später zum Staatspräsidenten gewählt worden sei,  sei er  im  Jahr  2004 mit  seiner Mutter  und  seinen Geschwistern  nach C._______  zurückgekehrt.  Sie  seien  dort  jedoch  nach  wie  vor  als  Anhänger  der  Taliban betrachtet worden. Vor etwa zwei Jahren, als er zirka (…) Jahre  alt  gewesen  sei,  hätten  drei  zu  D._______  gehörende,  bewaffnete  Personen  ihr Haus durchsucht. Als diese  ihn gesehen hätten, hätten sie  ihm unter Bezugnahme auf die Verbindung seines Vaters zu den Taliban  mitgeteilt,  sie  würden  ihn  beobachten  und  bei  den  fremden  Soldaten –  d. h.  den  Amerikanern  –  melden  (vgl.  Vorakten  A1  S. 5);  beziehungsweise  nach  der  Rückkehr  nach  Afghanistan  im  Jahr  2004  seien  eines  Nachts  Soldaten  in  ihr  Haus  eingedrungen,  um  ihn  festzunehmen  und  an  die  Amerikaner  auszuliefern;  er  habe  jedoch  rechtzeitig  in  einem  Versteck,  das  sein  Vater  während  der  russischen  Besatzungszeit unter dem Haus gebaut habe, untertauchen können (vgl.  A8 S. 8  F69). Nach  diesem Ereignis  sei  er  in  den  Iran  geflohen, wo  er  zirka ein Jahr und drei Monate gelebt und auch gearbeitet habe. Als  ihn  die iranischen Behörden jedoch ohne gültige Papiere aufgegriffen hätten,  sei er verhaftet worden. Nach der Haftentlassung sei er via die Türkei, wo  er  sich  zirka  zwei  Wochen  (vgl.  A1  S. 6)  respektive  etwa  einen  Monat  (vgl. A8 S. 6 F46) aufgehalten habe, und  ihm unbekannte Länder  in die  Schweiz gereist. A.b Bezüglich der weiteren Aussagen beziehungsweise der Einzelheiten  des rechtserheblichen Sachverhalts wird auf die Protokolle bei den Akten  verwiesen (vgl. A1 und A8). 

D­4401/2009 B.  B.a  Mit  Verfügung  vom  8. Juni  2009  (recte  wohl  5. Juni  2009  [Versanddatum])  stellte  das  BFM  fest,  dass  der  Beschwerdeführer  die  Flüchtlingseigenschaft  nicht  erfülle.  Es  lehnte  das  Asylgesuch  ab  und  ordnete die Wegweisung des Beschwerdeführers aus der Schweiz sowie  den Wegweisungsvollzug an.  B.b  Zur  Begründung  führte  das  BFM  im  Wesentlichen  aus,  die  Vorbringen  des  Beschwerdeführers  hielten  aufgrund  eklatanter  Widersprüche  und  fehlender  Logik  des  Verfolgungsmotivs  den  Anforderungen an die Glaubhaftigkeit gemäss Art. 7 AsylG nicht stand, so  dass  ihre  Asylrelevanz  nicht  geprüft  werden  müsse.  Der  Beschwerdeführer  habe  zu  seinen  Asylgründen  und  dem  Zeitpunkt  der  Ausreise  aus Afghanistan widersprüchliche Angaben gemacht. So habe  er  bei  der Erstbefragung  angegeben,  er  sei  aufgrund  eines Vorfalls  vor  ungefähr  zwei  Jahren,  als  er  (…)  Jahre  alt  gewesen  sei,  ausgereist;  Regierungsleute  hätten  dann  sein  Haus  durchsucht  und  ihm  mitgeteilt,  dass er beobachtet und allenfalls bei ausländischen Soldaten denunziert  werde.  Anlässlich  der  Anhörung  habe  er  jedoch  vorgebracht,  er  sei  bereits  im  Jahr  2004  ausgereist,  nachdem  ihm Regierungsleute mit  der  Auslieferung  an  die  Amerikaner  gedroht  hätten;  bei  einer  Hausdurchsuchung  habe  er  sich  versteckt  und  sei  danach  in  den  Iran  geflohen. Zum Zeitpunkt der Ausreise aus Afghanistan und dem Zeitraum  seines Aufenthalts im Iran könne der Beschwerdeführer keine plausiblen  Angaben machen. Er bringe vor, ein Jahr und drei Monate im Iran geweilt  zu haben, wolle aber gleichzeitig seine Familie vor vier Jahren das letzte  Mal gesehen haben, wobei er angebe, er habe seit 2004 nicht mehr zu  Hause  gelebt.  Seine  Erklärung,  er  habe  sich  vielleicht  verrechnet,  vermöge  die  Unvereinbarkeiten  in  den  Zeitangaben  nicht  aufzulösen.  Auch  werde  aus  seinen  Angaben  nicht  klar,  wann  ihm  mit  der  Auslieferung  an  die  Amerikaner  gedroht  worden  sei.  Bei  der  Erstbefragung spreche er diesbezüglich nur von einem Vorfall bei sich zu  Hause,  bei  dem  ihm  persönlich  gedroht  worden  sei.  Im  Rahmen  der  Anhörung  gebe  er  hingegen  an,  er  habe  sich  während  der  Hausdurchsuchung  versteckt  gehalten.  Auf  die  Unstimmigkeiten  angesprochen, wiederhole er  lediglich die Schilderung an der Anhörung.  Abgesehen davon seien die Asylgründe auch nicht plausibel. Es sei nicht  nachvollziehbar,  weshalb  die  Feinde  des  Vaters  noch  etwa  acht  Jahre  nach  dessen  Ermordung  Interesse  daran  haben  sollten,  den  Beschwerdeführer umzubringen. Hätten sie  ihn  im Jahr 2004  tatsächlich  töten wollen,  hätten  sie  dies wohl  umgehend  getan  und  ihm nicht  noch 

D­4401/2009 zuerst  gedroht.  Der  Beschwerdeführer  erfülle  deshalb  die  Flüchtlingseigenschaft  nicht,  weshalb  das  Asylgesuch  abzulehnen  und  die  Wegweisung  anzuordnen  sei.  Der  Wegweisungsvollzug  sei  durchführbar.  Aufgrund  der Nichterfüllung  der  Flüchtlingseigenschaft  sei  der  Grundsatz  der  Nichtrückschiebung  gemäss  Art. 5  AsylG  nicht  anwendbar.  Anhaltspunkte,  dass  dem  Beschwerdeführer  bei  einer  Rückkehr  nach  Afghanistan  mit  beachtlicher  Wahrscheinlichkeit  eine  durch  Art. 3  der  Konvention  vom  4. November  1950  zum  Schutze  der  Menschenrechte  und  Grundfreiheiten  (EMRK,  SR 0.101)  verbotene  Strafe  oder  Behandlung  drohe,  lägen  nicht  vor.  Auch  die  allgemeine  Menschenrechtssituation  in  Afghanistan  lasse  den Wegweisungsvollzug  nicht  unzulässig  erscheinen.  Gegen  die  Zumutbarkeit  der  Rückführung  sprächen  ebenfalls  keine  hinreichenden  Gründe.  Die  allgemeine  Sicherheitslage  in  Afghanistan  habe  sich  zwar  verschlechtert,  dennoch  könne nicht von einer konkreten Gefährdung der Bevölkerung oder einer  Situation  allgemeiner  Gewalt  im  Sinne  von  Art. 83  Abs. 4  des  Bundesgesetzes  vom 16. Dezember  2005  über  die Ausländerinnen  und  Ausländer  (AuG,  SR 142.20)  gesprochen  werden.  Die  Situation  in  den  nördlichen  Provinzen  Parwan,  Baghlan,  Takhar,  Badakshan,  Kunduz,  Balkh und Sari Pul  sowie  in Kabul, der westlichen Provinz Herat und  in  Bamiyan,  der  zentralen  Provinz  des  Hazarajat,  sei  weiterhin  als  grundsätzlich  sicher  einzustufen;  eine  Wegweisung  dorthin  sei  somit  generell  zumutbar.  Es  sprächen  vorliegend  auch  keine  individuellen  Gründe  gegen  die  Zumutbarkeit  des  Wegweisungsvollzugs.  Der  Beschwerdeführer stamme aus C._______ in der Provinz Parwan und er  sei jung und gesund. Seine Mutter und Geschwister lebten im Heimatdorf.  Sollten  diese  wie  angekündigt  nach  E._______  ausreisen,  stünde  ihm  auch eine Rückkehr zu seinen Tanten oder Onkeln im Bezirk F._______  in  der  Provinz  Parwan  offen.  Er  verfüge  damit  über  ein  tragfähiges  familiäres Beziehungsnetz in einer sicheren Provinz. Da er mehrere Jahre  im  Baugewerbe  gearbeitet  habe,  sollte  er  in  der  Lage  sein,  sich  eine  wirtschaftliche  Lebensgrundlage  zu  schaffen.  Schliesslich  sei  der  Wegweisungsvollzug auch technisch möglich und praktisch durchführbar.  B.c Die  Verfügung  des  BFM  wurde  dem  Beschwerdeführer  am  8. Juni  2009 eröffnet.  C.  C.a  Mit  Eingabe  vom  8. Juli  2009  erhob  der  Beschwerdeführer  beim  Bundesverwaltungsgericht  Beschwerde,  worin  um  Aufhebung  der  vorinstanzlichen  Verfügung  und  um  Feststellung  der 

D­4401/2009 Flüchtlingseigenschaft  sowie  Gewährung  des  Asyls,  eventualiter  um  Rückweisung  des  Verfahrens  zur  materiellen  Prüfung  an  das  BFM,  subeventualiter  um Feststellung  der Unzulässigkeit  und Unzumutbarkeit  des  Wegweisungsvollzugs  und  Anordnung  der  vorläufigen  Aufnahme  ersucht  wurde.  Zudem  wurde  in  formeller  Hinsicht  um  Gewährung  der  unentgeltlichen  Prozessführung  im  Sinne  von  Art. 65  Abs. 1  des  Bundesgesetzes  vom  20. Dezember  1968  über  das  Verwaltungsverfahren  (VwVG,  SR 172.021)  und  um  unentgeltliche  Rechtsverbeiständung  gemäss  Art. 65  Abs. 2  VwVG  sowie  um Verzicht  auf die Erhebung eines Kostenvorschusses ersucht.  C.b Zur Begründung brachte der Beschwerdeführer im Wesentlichen vor,  er habe Afghanistan  im Jahr 2004 verlassen und sei über den  Iran und  die  Türkei  in  die  Schweiz  gereist.  Sein  Vater  sei  nach  dem  Sturz  der  Taliban  im  Jahr  2001  von  Gefolgsleuten  der  Nordallianz  ermordet  worden,  worauf  er  (der  Beschwerdeführer)  mit  seiner  Familie  nach  Pakistan  geflüchtet  sei.  Nach  dem  politischen  Machtwechsel  im  Jahr  2004  seien  sie  nach  Afghanistan  zurückgekehrt.  Wegen  der  Zusammenarbeit  seines  Vaters mit  den  Taliban  hätten  sie  jedoch  auch  nach  der  Rückkehr  mehrfach  Hausdurchsuchungen  und  Demütigungen  durch Gefolgsleute von Massoud zu erdulden gehabt. Als ältestem Sohn  sei ihm wiederholt die Auslieferung an die Amerikaner angedroht worden.  Bei einer nächtlichen Hausdurchsuchung sei nach  ihm gesucht worden.  Er habe sich jedoch rechtzeitig verstecken können. Nach diesem Ereignis  sei er aus Angst vor ernsthaften Repressalien in den Iran geflohen. Dort  sei  er  nach  rund  einem  Jahr  und  drei  Monaten  wegen  illegalen  Aufenthalts  verhaftet  worden.  Nach  der  Entlassung  habe  er  den  Iran  verlassen  müssen  und  er  sei  mit  Hilfe  eines  Schleppers  in  die  Türkei  gereist.  In  Istanbul  habe er  sich  rund drei  Jahre aufgehalten und er  sei  dort mehreren Arbeiten  nachgegangen,  bevor  er  in  die Schweiz  gereist  sei.  Die  ihm  von  der  Vorinstanz  vorgehaltenen Widersprüche  in  seinen  Aussagen  hätten  durch  Rückfragen  anlässlich  der  Anhörung  vom  22. April  2009  mehrheitlich  geklärt  werden  können.  Hinsichtlich  des  Zeitpunkts  der  Ausreise  aus  Afghanistan  habe  er  bereits  bei  der  Erstbefragung  gesagt,  dass  er  nach  der  Rückkehr  aus  Pakistan  in  den  Iran  geflohen  sei,  nachdem  er  bedroht  worden  sei.  Bei  der  Anhörung  habe er 2004 als Fluchtjahr bezeichnet und mehrfach bestätigt, dass der  Vorfall  in seinem Haus  in  jenem Jahr stattgefunden habe. Es sei  für  ihn  schwierig,  die  konkreten  Daten  zu  rekonstruieren,  und  es  dürfe  nicht  unbeachtet gelassen werden, dass er im Zeitpunkt der Flucht gerade mal  (…)  Jahre  alt  gewesen  sei.  Zudem  rechne  er  nach  dem  islamischen 

D­4401/2009 Kalender.  Die  christliche  Zeitrechnung  sei  ihm  nicht  geläufig.  Statt  die  Ursache  für  die  sich  diesbezüglich  ergebenden  Unklarheiten  zu  ergründen,  habe  die  befragende  Person  direkt  auf  eine  Widersprüchlichkeit geschlossen. Es sei auch völlig ausser Acht gelassen  worden, dass er  rund drei Jahre  in  Istanbul verbracht habe. Er sei über  den  dortigen  Aufenthalt  nie  befragt  worden,  obwohl  sich  daraus  der  zeitliche Ablauf der Reise ergebe; der Sachverhalt sei somit unvollständig  abgeklärt  worden.  Das  BFM  sehe  auch  Widersprüchlichkeiten  in  der  Schilderung  der  gegen  ihn  ausgesprochenen  Drohungen.  Seine  diesbezüglichen  Aussagen  würden  sich  jedoch  mit  den  Berichterstattungen in den Medien decken. Es sei an der Tagesordnung,  dass  alles  daran  gesetzt  werde,  Anhänger  und  Sympathisanten  der  Taliban ausfindig zu machen. Dass er als Sohn eines Talibananhängers  noch  immer  in  mehreren  Provinzen  gesucht  werde,  zeigten  die  beiliegenden Suchbefehle  der Hauptmänner  der Provinzen Bagram und  Parwan. Der Vorhalt  der Vorinstanz,  er  habe bei  der Erstbefragung  nur  von einer Drohung gesprochen, sei  falsch. Er habe gesagt, dass er von  bewaffneten Soldaten bedroht worden sei, und dass diese öfters  in das  Dorf  gekommen  seien.  Die  damals  gestellten  Fragen  seien  grundsätzlicher Art gewesen und hätten keine Vollständigkeit hinsichtlich  des  Ablaufs  der  Hausdurchsuchung  erfordert.  Die  detaillierten  Vorkommnisse seien erst  im Rahmen der Anhörung erfragt worden, bei  der er gesagt habe, dass bereits vor der Hausdurchsuchung Drohungen  gegen  ihn ausgesprochen worden seien, die  ihn dazu veranlasst hätten,  sich in der betreffenden Nacht vor den ins Haus eindringenden Soldaten  zu  verstecken.  Das  BFM  erachte  die  geltend  gemachte  Verfolgung  aufgrund  seines  jugendlichen Alters  im Zeitpunkt  der Ausreise  als  nicht  plausibel. Es  lasse dabei  jedoch ausser Acht, dass er als ältester Sohn  nach  dem  Tod  des  Vaters  zum  Familienoberhaupt  geworden  sei  und  damit  auch  das  politische Erbe  des Vaters  trage.  Es  lägen  somit  keine  wesentlichen Widersprüche vor. Zudem würden seine Angaben durch die  neu  eingereichten  Beweismittel  belegt.  Er  habe  damit  die  Flüchtlingseigenschaft  nachgewiesen,  zumindest  aber  glaubhaft  gemacht.  Sollte  sich  das Gericht  dennoch  nicht  im Stande  sehen,  über  das  Asylgesuch  materiell  zu  entscheiden,  sei  die  Sache  zur  erneuten  Sachverhaltsabklärung  an  die  Vorinstanz  zurückzuweisen.  Der  Wegweisungsvollzug  erweise  sich  als  unzulässig  und  unzumutbar.  Afghanistan  befinde  sich  in  einem  Kriegszustand.  Zudem  verfüge  er  in  seiner  Heimatstadt  über  kein  Beziehungsnetz  mehr,  da  seine  Familie  mittlerweile nach E._______ geflohen sei. 

D­4401/2009 D.  Mit  Zwischenverfügung  vom  14. Juli  2009  stellte  der  Instruktionsrichter  fest,  dass  der  Beschwerdeführer  den  Ausgang  des  Verfahrens  in  der  Schweiz  abwarten  könne.  Die  Gesuche  um  Gewährung  der  unentgeltlichen Rechtspflege gemäss Art. 65 Abs. 1 und 2 VwVG und um  Verzicht  auf  die  Erhebung  eines  Kostenvorschusses  wies  er  mangels  Nachweises der Bedürftigkeit des Beschwerdeführers ab und erhob einen  Kostenvorschuss von Fr. 600.–, zahlbar bis zum 29. Juli 2009, ansonsten  auf die Beschwerde nicht eingetreten werde.  E.  Am 23. Juli 2009 wurde der Kostenvorschuss geleistet.  F.  In seiner Vernehmlassung vom 17. August 2009 beantragte das BFM die  Abweisung  der  Beschwerde.  Diese  enthalte  keine  neuen  erheblichen  Tatsachen  oder  Beweismittel,  die  eine  Änderung  seines  Standpunkts  rechtfertigen könnten. Die Darstellung des Beschwerdeführers, er sei zu  seinem  dreijährigen  Aufenthalt  in  der  Türkei  nicht  befragt  worden,  weshalb der Sachverhalt unvollständig abgeklärt sei, sei nicht korrekt. Bei  der  Erstbefragung  habe  er  nämlich  angegeben,  er  sei  lediglich  zwei  Wochen  in der Türkei gewesen, wobei er bei der Anhörung vorgebracht  habe,  er  sei  ungefähr  einen  Monat  dort  geblieben.  Damit  habe  kein  Anlass  bestanden,  weitere  Fragen  zur  geltend  gemachten  kurzen  Durchreise  durch  die  Türkei  zu  stellen.  Ausserdem  obliege  der  asylsuchenden  Person  gemäss  Art. 8  AsylG  eine Mitwirkungspflicht  bei  der  Sachverhaltsfeststellung.  Der  Sachverhalt  sei  vom  BFM  –  unter  Verweis  auf  die Mitwirkungspflicht  des  Beschwerdeführers  –  vollständig  abgeklärt  worden.  Zudem  bestehe  zwischen  dem  in  der  Beschwerdeschrift  geltend  gemachten  dreijährigen  Aufenthalt  in  der  Türkei  und  den  früheren  Angaben  (Aufenthaltsdauer  von  zwei Wochen  respektive  einem  Monat)  ein  massiver  Widerspruch,  weshalb  die  persönliche Glaubwürdigkeit des Beschwerdeführers äusserst zweifelhaft  sei.  Zu  den  neu  eingereichten  Beweismitteln  sei  festzustellen,  dass  es  allgemein  bekannt  sei,  dass  solche  Dokumente  in  Afghanistan  ohne  weiteres  durch  Korruption,  Gefälligkeit  oder  Fälschung  unrechtmässig  erworben  werden  könnten;  der  Beweiswert  müsse  daher  als  äusserst  gering eingestuft werden. Ausserdem handle es sich nicht um Originale,  weshalb  die  Dokumente  ohnehin  nicht  gewürdigt  werden  könnten.  Dennoch sei anzumerken, dass darin die Rede von der "Provinz Bagram"  und  der  "Stadt  Parwan"  sei;  Parwan  sei  jedoch  bekanntlich  die Provinz 

D­4401/2009 und Bagram ein Distrikt dieser Provinz und zugleich eine Stadt in diesem  Distrikt. Nur schon aus diesem Grund sei die Glaubhaftigkeit des Inhalts  dieser Dokumente mehr als zweifelhaft.  G.  In  seiner Replik  vom 3. September  2009  brachte  der Beschwerdeführer  im  Wesentlichen  vor,  es  sei  aktenkundig,  dass  er  hinsichtlich  des  Reisewegs  abweichende  Angaben  gemacht  habe.  Er  sei  aber  seiner  Mitwirkungspflicht  nachgekommen,  indem  er  seine  Identität  offengelegt  und  vollständige Angaben  zu  seinen Fluchtgründen und  dem Reiseweg  gemacht habe. Wenn er keine weiteren Angaben zu seinem Verbleib  in  der Türkei gemacht habe, dann deshalb, weil dies für die Befragerin nicht  von Interesse gewesen sei. Es könne nicht erwartet werden, dass er von  sich aus sämtliche Komponenten seines Lebens darlege. Hinsichtlich der  Beweismittel  sei  festzuhalten,  dass  auch  Fotokopien  grundsätzlich  Beweiseignung  zukomme.  Er  habe  die  Originale  bisher  nicht  erhältlich  machen  können,  zumal  er  aufgrund  der  bedrohlichen  Situation  in  Afghanistan  und  der  Abhörung  privater  Telefongespräche  nur  eingeschränkten  Kontakt  in  die  Heimat  habe.  Bei  der  deutschen  Übersetzung  der  Dokumente  handle  es  sich  um  eine  private  Übersetzung.  Die  offenbar  unrichtige  Verwendung  territorialer  Begriffe  lasse  nicht  ohne  weiteres  auf  die  Unglaubhaftigkeit  der  Dokumente  schliessen,  zumal  diese  die  Stempel  und  Unterschriften  der  Kommandanten  enthalten  würden.  Er  habe  damit  dargelegt,  dass  von  offizieller Seite nach ihm gesucht werde.  Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1.  1.1. Gemäss Art. 33 des Verwaltungsgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005  (VGG, SR 173.32) beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Beschwerden  gegen  Verfügungen  nach  Art. 5  VwVG.  Das  BFM  gehört  zu  den  Behörden  nach  Art. 33  VGG  und  ist  daher  eine  Vorinstanz  des  Bundesverwaltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme  im  Sinne  von  Art. 32  liegt  nicht  vor.  Das  Bundesverwaltungsgericht  ist  daher  zuständig  für  die  Beurteilung  der  vorliegenden  Beschwerde  und  entscheidet  auf  dem  Gebiet  des  Asyls  endgültig,  ausser  bei  Vorliegen  eines  Auslieferungsersuchens  des  Staates,  vor  welchem  die  beschwerdeführende Person Schutz sucht (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d 

D­4401/2009 Ziff. 1  des  Bundesgerichtsgesetzes  vom  17. Juni  2005  [BGG,  SR 173.110]). 1.2.  Die  Beschwerde  ist  frist­  und  formgerecht  eingereicht.  Der  Beschwerdeführer  ist  durch  die  angefochtene  Verfügung  besonders  berührt  und  hat  ein  schutzwürdiges  Interesse  an  deren  Aufhebung  beziehungsweise Änderung. Er ist daher zur Einreichung der Beschwerde  legitimiert (Art. 108 Abs. 1 AsylG sowie Art. 105 AsylG i.V.m. Art. 37 VGG  und  Art. 48  Abs. 1  und  Art. 52  VwVG).  Auf  die  Beschwerde  ist  somit  einzutreten. 2.  Mit  Beschwerde  kann  die  Verletzung  von  Bundesrecht,  die  unrichtige  oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts und  die Unangemessenheit gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG).  3.  3.1.  Gemäss  Art. 2  Abs. 1  AsylG  gewährt  die  Schweiz  Flüchtlingen  grundsätzlich  Asyl.  Als  Flüchtling  wird  eine  ausländische  Person  anerkannt,  wenn  sie  in  ihrem  Heimatstaat  oder  im  Land,  in  dem  sie  zuletzt  wohnte,  wegen  ihrer Rasse, Religion, Nationalität,  Zugehörigkeit  zu  einer  bestimmten  sozialen  Gruppe  oder  wegen  ihrer  politischen  Anschauungen  ernsthaften  Nachteilen  ausgesetzt  ist  oder  begründete  Furcht  hat,  solchen  Nachteilen  ausgesetzt  zu  werden.  Als  ernsthafte  Nachteile  gelten  namentlich  die  Gefährdung  von  Leib,  Leben  oder  Freiheit sowie Massnahmen, die einen unerträglichen psychischen Druck  bewirken (Art. 3 AsylG). 3.2.  Wer  um  Asyl  nachsucht,  muss  die  Flüchtlingseigenschaft  nachweisen  oder  zumindest  glaubhaft  machen.  Diese  ist  glaubhaft  gemacht,  wenn  die  Behörde  ihr  Vorhandensein  mit  überwiegender  Wahrscheinlichkeit  für  gegeben  hält.  Unglaubhaft  sind  insbesondere  Vorbringen, die in wesentlichen Punkten zu wenig begründet oder in sich  widersprüchlich sind, den Tatsachen nicht entsprechen oder massgeblich  auf  gefälschte  oder  verfälschte  Beweismittel  abgestützt  werden  (Art. 7  AsylG).  Entscheidend  ist,  ob  eine  Gesamtwürdigung  der  Vorbringen  ergibt,  dass  die  Gründe,  die  für  die  Richtigkeit  der  Sachverhaltsdarstellung  des  Gesuchstellers  sprechen,  überwiegen  oder  nicht  (vgl.  Entscheidungen  und  Mitteilungen  der  [vormaligen]  Schweizerischen  Asylrekurskommission  [EMARK]  2004  Nr. 1  E. 5  S. 4  ff.). 

D­4401/2009 4.  Das  BFM  erachtete  die  geltend  gemachten  Ausreisegründe  des  Beschwerdeführers  aufgrund  erheblicher  Unstimmigkeiten  als  den  Anforderungen  an  die  Glaubhaftigkeit  gemäss  Art. 7  AsylG  nicht  genügend.  Dieser  Einschätzung  ist  beizupflichten.  Zur  Vermeidung  von  Wiederholungen  kann  auf  die  diesbezüglich  nicht  zu  beanstandenden  Ausführungen  in  der  angefochtenen  Verfügung  verwiesen  werden.  Den  Rechtsmitteleingaben  sind  keine  stichhaltigen  Entgegnungen  zu  entnehmen,  die  geeignet  wären,  eine  Änderung  der  angefochtenen  Verfügung  hinsichtlich  der  Flüchtlingseigenschaft  und  des  Asyls  herbeizuführen. 4.1.  Eine  Überprüfung  der  Akten  ergibt,  dass  die  Vorbringen  des  Beschwerdeführers  zu  den  Ausreisegründen,  wonach  er  aufgrund  von  Drohungen,  ihn  wegen  der  Taliban­Anhängerschaft  seines  Ende  2001  getöteten  Vaters  zu  verhaften  beziehungsweise  an  die  Amerikaner  auszuliefern,  aus  Afghanistan  geflohen  sei,  kein  stimmiges  Bild  vermitteln; sie weisen gewichtige Widersprüche und Ungereimtheiten auf  und das BFM hat  sie aus zutreffenden Gründen als den Anforderungen  an  die  Glaubhaftigkeit  nicht  genügend  qualifiziert.  Das  Datum  der  Ausreise des Beschwerdeführers aus Afghanistan ist nicht belegt, und es  bestehen  erhebliche  Zweifel  an  den  geltend  gemachten  vorgängigen  Drohungen  gegen  ihn.  So  gab  er  bei  der  Erstbefragung  vom  30. März  2009 an, der fluchtauslösende Vorfall habe sich ungefähr vor zwei Jahren  (mithin  im Jahr 2007), als er  (…) Jahre alt und somit bereits erwachsen  gewesen sei, ereignet, wogegen er bei der Anhörung vom 22. April 2009  geltend machte, er sei bereits im Jahr 2004 ausgereist. Mit dem Einwand  in der Beschwerdeeingabe vom 8. Juli 2009, es sei für ihn nicht leicht, die  Daten zu rekonstruieren und er sei mit der christlichen Zeitrechnung nicht  vertraut,  vermag  der  Beschwerdeführer  die  in  erheblichem  Masse  abweichenden Angaben zum Zeitpunkt seiner Ausreise nicht zu erklären.  Ein fluchtauslösendes Ereignis stellt ein einschneidendes Erlebnis dar, so  dass erwartet werden dürfte, dass sich der Beschwerdeführer zumindest  daran erinnert, ob er damals erst (…), oder bereits (…) Jahre alt gewesen  sei. Im Übrigen ist die Aussage, er sei noch im selben Jahr, in dem er aus  Pakistan  zurückgekehrt  sei  (2004),  erneut  aus  Afghanistan  geflohen,  auch  unvereinbar  mit  den  Angaben  bei  der  Erstbefragung,  wonach  er  nach  der  Rückkehr  aus  Pakistan  nicht  bedroht  worden  sei,  solange  er  noch  klein  gewesen  sei,  sondern  erst  als  er  erwachsen  geworden  sei,  habe  er  sich  aufgrund  verstärkter  Feindseligkeiten  bedroht  gefühlt  (vgl.  A1  S. 5).  Dies  deutet  vielmehr  auf  einen  mehrjährigen  Aufenthalt  in 

D­4401/2009 Afghanistan nach der Rückkehr aus Pakistan hin und  ist damit nicht mit  dem angeblichen Ausreisejahr 2004  in Einklang zu bringen. Hinsichtlich  des Reisewegs steht der in der Beschwerdeeingabe vom 8. Juli 2009 neu  vorgebrachte dreijährige Aufenthalt in Istanbul in eklatantem Widerspruch  zu  der  zuvor  geltend  gemachten  kurzen  Aufenthaltsdauer  in  der  Türkei  von  zwei  Wochen  respektive  einem  Monat  und  muss  als  nachgeschobener,  untauglicher  Versuch,  die  aufgezeigten  Unvereinbarkeiten in den Zeitangaben aufzulösen, erachtet werden. Auch  zur  Frage,  wie  ihm  gedroht  worden  sei,  äusserte  sich  der  Beschwerdeführer widersprüchlich, indem er erst angab, ihm sei bei einer  Hausdurchsuchung  persönlich  mitgeteilt  worden,  man  werde  ihn  beobachten  und  bei  den  ausländischen  Soldaten  melden,  wogegen  es  gemäss  den  Ausführungen  bei  der  Anhörung  bei  der  fraglichen  Hausdurchsuchung gar  nicht  zu einem direkten Kontakt  gekommen sei,  da  er  sich  versteckt  habe;  es  seien  aber  bereits  vor  der  Hausdurchsuchung  Drohungen  gegen  ihn  ausgesprochen  worden.  Mit  dem Einwand in der Beschwerdeeingabe vom 8. Juli 2009, die anlässlich  der  Erstbefragung  gestellten  Fragen  hätten  keine  vollständige  Schilderung  des  Ablaufs  der  Hausdurchsuchung  erfordert,  vermag  der  Beschwerdeführer  den  erheblichen  Widerspruch  in  seinen  diesbezüglichen  Angaben  nicht  aufzulösen.  Bei  der  vorgebrachten  Hausdurchsuchung  handelt  es  sich  um  das  fluchtauslösende  Ereignis  und somit um das zentrale Vorbringen des Beschwerdeführers, so dass  eine  detailgetreue,  in  den  wesentlichen  Punkten  übereinstimmende  Schilderung  erwartet  werden  darf.  Die  geltend  gemachten  Asylgründe  vermögen  deshalb  nicht  zu  überzeugen.  Die  auf  Beschwerdeebene  eingereichten  Beweismittel,  die  lediglich  in  fälschungsanfälligen  Kopien  vorliegen, weshalb ihnen von vornherein nur ein beschränkter Beweiswert  zukommen  kann,  vermögen  an  dieser  Einschätzung  nichts  zu  ändern.  Diese  sind  nicht  geeignet,  die  angebliche  staatliche  Suche  nach  dem  Beschwerdeführer zu belegen. Die undatierten Dokumente weisen – wie  bereits  vom  BFM  in  der  Vernehmlassung  vom  17. August  2009  aufgezeigt  –  eklatante  inhaltliche  Mängel  auf  und  auch  die  diesbezüglichen  Ausführungen  des  Beschwerdeführers  in  der  Beschwerdeeingabe  vom  8. Juli  2009,  die  Dokumente  würden  belegen,  dass  er  nunmehr  auch  ausserhalb  seiner  Heimatprovinz  in  Bagram  gesucht  werde  (vgl.  Beschwerde  S. 8),  widersprechen  den  territorialen  Gegebenheiten,  befindet  sich  der  Distrikt  Bagram  doch  in  der  Heimatprovinz  des  Beschwerdeführers  (Parwan).  Zudem  äusserte  sich  der  Beschwerdeführer  mit  keinem  Wort  dazu,  wie  er  in  den  Besitz  interner,  an  Kommandanten  und  die  Polizei  gerichtete  Schreiben  habe 

D­4401/2009 gelangen  können.  Die  Vorbringen  des  Beschwerdeführers  halten  damit  insgesamt  den  Anforderungen  an  die Glaubhaftmachung  gemäss  Art. 7  AsylG nicht stand. 4.2.  Dem  Beschwerdeführer  ist  es  aufgrund  des  Gesagten  nicht  gelungen, die Flüchtlingseigenschaft gemäss Art. 3 AsylG nachzuweisen  oder  zumindest  glaubhaft  zu  machen,  weshalb  das  Bundesamt  das  Asylgesuch zu Recht abgelehnt hat.  5.  Lehnt das Bundesamt das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so  verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz (Art. 44 Abs. 1  AsylG).  Der  Beschwerdeführer  verfügt  weder  über  eine  ausländerrechtliche Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf  Erteilung  einer  solchen.  Die  Wegweisung  wurde  daher  zu  Recht  angeordnet (vgl. BVGE 2008/34 E. 9.2 S. 510; EMARK 2001 Nr. 21). 6.  6.1.  Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder  nicht möglich, so regelt das Bundesamt das Anwesenheitsverhältnis nach  den  gesetzlichen  Bestimmungen  über  die  vorläufige  Aufnahme  von  Ausländern  (Art. 44  Abs. 2  AsylG;  Art. 83  Abs. 1  des  Bundesgesetzes  vom 16. Dezember  2005 über  die Ausländerinnen und Ausländer  [AuG,  SR 142.20]).  Gemäss ständiger Rechtsprechung sind die genannten drei Bedingungen  für  einen  Verzicht  auf  den  Vollzug  der  Wegweisung  –  Unzulässigkeit,  Unzumutbarkeit,  Unmöglichkeit  –  alternativer  Natur.  Sobald  eine  davon  erfüllt ist, ist der Vollzug als undurchführbar zu betrachten und die weitere  Anwesenheit  der  betroffenen  Person  gemäss  den  Bestimmungen  über  die  vorläufige  Aufnahme  zu  regeln  (vgl.  BVGE  2009/51  E. 5.4  S. 748;  EMARK  2006  Nr. 6  E. 4.2  S. 54  f.).  Gegen  eine  allfällige  Aufhebung  dieser  vorläufigen Aufnahme steht  dem weggewiesenen Asylsuchenden  wiederum  die  Beschwerde  an  das  Bundesverwaltungsgericht  offen  (Art. 112 AuG i.V.m. Art. 84 Abs. 2 AuG). In diesem Verfahren wäre dann  der  Wegweisungsvollzug  vor  dem  Hintergrund  sämtlicher  Vollzugshindernisse  von  Amtes  wegen  nach  Massgabe  der  in  diesem  Zeitpunkt herrschenden Verhältnisse zu prüfen. 6.2. Gemäss Art. 83  Abs. 4  AuG  kann  der  Vollzug  der Wegweisung  für  Ausländerinnen  und  Ausländer  unzumutbar  sein,  wenn  sie  im  Heimat­ 

D­4401/2009 oder  Herkunftsstaat  aufgrund  von  Situationen  wie  Krieg,  Bürgerkrieg,  allgemeiner  Gewalt  und  medizinischer  Notlage  konkret  gefährdet  sind.  Wird  eine  konkrete  Gefährdung  festgestellt,  ist  –  unter  Vorbehalt  von  Art. 83 Abs. 7 AuG – die vorläufige Aufnahme zu gewähren  (vgl. BVGE  2009/51  E. 5.5  S. 748,  BVGE  2009/41  E. 7.1  S. 576  f.;  Botschaft  zum  Bundesgesetz  über  die  Ausländerinnen  und  Ausländer  vom  8. März  2002, BBl 2002 3818).  6.2.1. Hinsichtlich der allgemeinen Lage  in Afghanistan  kann auf die  im  zur  Publikation  vorgesehenen  Länderurteil  des  Bundesverwaltungsgerichts  BVGE  E­7625/2008  vom  16. Juni  2011  vorgenommene  Einschätzung  verwiesen  werden.  Das  Gericht  kommt  darin zum Schluss, dass in weiten Teilen des Landes – ausser allenfalls  in  den  Grossstädten  –  eine  derart  schlechte  Sicherheitslage  und  schwierige  humanitäre  Bedingungen  bestünden,  dass  die  Situation  als  existenzbedrohend im Sinne von Art. 83 Abs. 4 AuG zu qualifizieren sei.  Von  dieser  allgemeinen  Feststellung  sei  die  Situation  in  der Hauptstadt  Kabul  zu  unterscheiden. Angesichts  des Umstandes,  dass  sich  dort  die  Sicherheitslage  im  Verlauf  des  vergangenen  Jahres  nicht  weiter  verschlechtert  habe  und  die  humanitäre  Situation  im  Vergleich  zu  den  übrigen Gebieten  etwas weniger  dramatisch  sei,  könne  der  Vollzug  der  Wegweisung in die Hauptstadt unter Umständen als zumutbar qualifiziert  werden.  Solche  Umstände  könnten  grundsätzlich  namentlich  dann  gegeben  sein,  wenn  es  sich  beim  Rückkehrer  um  einen  jungen,  gesunden Mann handle. Allerdings müssten zudem die bereits in EMARK  2003  Nr. 10  formulierten  strengen  Bedingungen  in  jedem  Einzelfall  sorgfältig  geprüft  werden.  Unabdingbar  sei  in  erster  Linie  ein  soziales  Netz,  das  sich  im  Hinblick  auf  die  Aufnahme  und  Wiedereingliederung  des  Rückkehrers  als  tragfähig  erweise,  da  ohne  Unterstützung  durch  Familie  und  Bekannte  die  schwierigen  Lebensverhältnisse  auch  in  der  Stadt  Kabul  unweigerlich  zu  einer  existenziellen  beziehungsweise  lebensbedrohlichen Situation führen würden. 6.2.2. Der Beschwerdeführer stammt nicht aus einer Grossstadt, sondern  aus dem Dorf C._______  im Distrikt H._______  in  der Provinz Parwan,  wohin ein Wegweisungsvollzug gemäss den vorstehenden Ausführungen  unzumutbar  ist.  Das  Vorhandensein  einer  allfälligen  Aufenthaltsalternative  in  einer  Grossstadt  ist  aufgrund  der  Aktenlage,  wonach  alle  noch  in  Afghanistan  wohnhaften  Verwandten  des  Beschwerdeführers  in  dem  an  den  Distrikt  H._______  angrenzenden  Distrikt F._______ in der Provinz Parwan lebten, zu verneinen. 

D­4401/2009 6.3. Der  Vollzug  der  Wegweisung  des  Beschwerdeführers  erweist  sich  somit  zum  gegenwärtigen  Zeitpunkt  als  unzumutbar.  Die  Voraussetzungen  für  die  Gewährung  der  vorläufigen  Aufnahme  sind  erfüllt. Umstände  im Sinne von Art. 83 Abs. 7 AuG, die einer vorläufigen  Aufnahme  entgegenstehen  würden,  lassen  sich  den  Akten  nicht  entnehmen. 7.  Die  Beschwerde  ist  nach  dem Gesagten  insoweit  gutzuheissen,  als  sie  den Vollzug der Wegweisung betrifft. Die Ziffern 4 und 5 des Dispositivs  der  Verfügung  des  BFM  vom  8. Juni  2009  sind  aufzuheben  und  die  Vorinstanz  ist anzuweisen, den Beschwerdeführer wegen gegenwärtiger  Unzumutbarkeit  des  Wegweisungsvollzugs  in  der  Schweiz  vorläufig  aufzunehmen. Im Übrigen ist die Beschwerde abzuweisen. 8.  Bei diesem Ausgang des Verfahrens – zufolge Unterliegens im Asyl­ und  Wegweisungspunkt  geht  das  Bundesverwaltungsgericht  von  einem  hälftigen  Durchdringen  des  Beschwerdeführers  aus  –  ist  dem  Beschwerdeführer  ein  entsprechend  ermässigter  Anteil  der  Verfahrenskosten in der Höhe von Fr. 300.– aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1  VwVG).  Dieser  Betrag  ist  durch  den  geleisteten  Kostenvorschuss  von  Fr. 600.–  gedeckt  und wird mit  diesem  verrechnet;  der Überschuss  von  Fr. 300.– ist dem Beschwerdeführer zurückzuerstatten.  9.  Dem  vertretenen  Beschwerdeführer  ist  angesichts  seines  teilweise  Obsiegens  in  Anwendung  von Art. 64  Abs. 1  VwVG  i.V.m.  Art. 7  Abs. 1  und  2  des  Reglements  vom  21. Februar  2008  über  die  Kosten  und  Entschädigungen  vor  dem  Bundesverwaltungsgericht  (VGKE,  SR 173.320.2)  eine  praxisgemäss  um  die  Hälfte  reduzierte  Entschädigung  für  die  ihm notwendigerweise erwachsenen Parteikosten  zuzusprechen.  Eine  Kostennote  wurde  bisher  nicht  zu  den  Akten  gereicht.  Auf  das  Nachfordern  einer  solchen  kann  indes  verzichtet  werden,  da  sich  dessen  notwendiger  Vertretungsaufwand  aufgrund  der  Akten  hinreichend  zuverlässig  abschätzen  lässt  (Art. 14  Abs. 2  VGKE).  Gestützt auf die in Betracht zu ziehenden Bemessungsfaktoren (Art. 8­13  VGKE)  ist dem Beschwerdeführer zu Lasten der Vorinstanz eine um die  Hälfte  reduzierte  Parteientschädigung  von  insgesamt  Fr. 750.–  (inkl.  Auslagen und MWSt) zuzusprechen.

D­4401/2009 (Dispositiv nächste Seite)

D­4401/2009 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1.  Die  Beschwerde  wird  gutgeheissen,  soweit  sie  den  Vollzug  der  Wegweisung betrifft. Im Übrigen wird sie abgewiesen. 2.  Die Ziffern 4 und 5 des Dispositivs der  vorinstanzlichen Verfügung vom  8. Juni  2009  werden  aufgehoben.  Das  BFM  wird  angewiesen,  den  Beschwerdeführer  wegen  gegenwärtiger  Unzumutbarkeit  des  Wegweisungsvollzugs vorläufig aufzunehmen. 3.  Die  hälftigen  Verfahrenskosten  von  Fr. 300.–  werden  dem  Beschwerdeführer  auferlegt.  Dieser  Betrag  ist  durch  den  geleisteten  Kostenvorschuss von Fr. 600.– gedeckt und wird mit diesem verrechnet.  Der  Überschuss  von  Fr. 300.–  wird  dem  Beschwerdeführer  zurückerstattet.  4.  Das BFM wird angewiesen, dem Beschwerdeführer für das Verfahren vor  dem Bundesverwaltungsgericht eine  reduzierte Parteientschädigung von  Fr. 750.– auszurichten. 5.  Dieses  Urteil  geht  an  den  Beschwerdeführer,  das  BFM  und  die  zuständige kantonale Behörde. Der vorsitzende Richter: Die Gerichtsschreiberin: Martin Zoller Susanne Burgherr Versand:

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