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Bundesverwaltungsgericht 03.02.2012 D-4196/2010

3. Februar 2012·Deutsch·CH·CH_BVGE·PDF·2,290 Wörter·~11 min·1

Zusammenfassung

Asyl und Wegweisung | Asyl und Wegweisung; Verfügung des BFM vom 7. Mai 2010

Volltext

Bundesve rwa l t ungsge r i ch t T r i buna l   adm in istratif   f édé ra l T r i buna l e   ammin istrati vo   f ede ra l e T r i buna l   adm in istrativ   f ede ra l     Abteilung IV D­4196/2010 Urteil   v om   3 .   Februar   2012 Besetzung Richter Thomas Wespi (Vorsitz), Richterin Christa Luterbacher, Richter Gérard Scherrer, Gerichtsschreiber Stefan Weber. Parteien A._______, geboren B._______, alias C._______, geboren B._______, alias A._______, geboren D._______, alias E._______, geboren F._______, palästinensischer Herkunft, vertreten durch lic. iur. Johann Burri, Rechtsanwalt, G._______, Beschwerdeführer,  gegen Bundesamt für Migration (BFM), Quellenweg 6, 3003 Bern,    Vorinstanz.  Gegenstand Asyl und Wegweisung; Verfügung des BFM vom 7. Mai 2010  / N _______.

D­4196/2010 Sachverhalt: A.  Der  Beschwerdeführer  –  ein  aus  Bagdad  stammender  Muslim  palästinensischer Volkszugehörigkeit mit  letztem Wohnsitz  in H._______  – verliess  eigenen  Angaben  zufolge  seine  Heimat  am  1. Februar  2007  und  gelangte  über  I._______,  wo  er  sich  bis  im  Juli  2007  in  einem  Flüchtlingscamp  aufhielt,  die  J._______  und  weitere,  ihm  unbekannte  Länder auf  illegalem Weg in die Schweiz, wo er am 24. August 2007 im  Empfangs­  und  Verfahrenszentrum  (EVZ)  K._______  um  Asyl  nachsuchte. Nach der Kurzbefragung vom 29. August 2007 im EVZ K._______ wurde  der  Beschwerdeführer  am  13.  September  2007  durch  die  Fachstelle  LINGUA  einer  landeskundlich­kulturellen  und  linguistischen  Analyse  unterzogen.  Im  am  21.  September  2007  erstellten  Gutachten  kam  der  Experte  der  erwähnten  Fachstelle  zum  Schluss,  dass  der  Beschwerdeführer  eindeutig  im  Irak  und  sehr  wahrscheinlich  in  einem  palästinensischen und irakischen Milieu sozialisiert worden sei. Am  4.  Oktober  2007  wurde  der  Beschwerdeführer  vom  BFM  direkt  angehört. Anlässlich dieser Anhörung wurde dem Beschwerdeführer das  rechtliche  Gehör  zum  Abklärungsergebnis  der  Fachstelle  LINGUA  gewährt, wobei er sich in dem Sinne äusserte, dass er mit dem Resultat  des  Gutachtens  zufrieden  sei,  auch  wenn  sich  der  Gutachter  ihm  gegenüber teilweise aggressiv benommen habe. Zur  Begründung  seines  Asylgesuches machte  der  Beschwerdeführer  in  der Kurzbefragung und der direkten Anhörung  im Wesentlichen geltend,  er  sei  in U._______ geboren und habe mit  seinen Familienangehörigen  im  Quartier  L._______  gewohnt,  wo  er  auch  aufgewachsen  sei.  Das  Quartier  befinde  sich  im  Zentrum  der  Stadt,  wo  mehrheitlich  Palästinenser  respektive  palästinensische  Flüchtlinge  wohnten.  Nach  dem Sturz des Saddam­Regimes hätten sich die Lebensbedingungen für  ihre Volksgruppe  im  Irak verschlechtert. Zu Beginn des Jahres 2004 sei  sein  Bruder  von  Schiiten  entführt  und  umgebracht  worden,  weil  dieser  den  Vornamen  eines  sunnitischen  Kalifen  getragen  habe.  Er  selber  sei  Ende  des  Jahres  2004  von  einer  schiitischen  Miliz  entführt  und  nach  Bezahlung eines hohen Lösegeldes zwei Tage später wieder freigelassen  worden.  Wiederholt  hätten  bewaffnete  Milizen  ihr  Quartier  und  ihre  Wohnung durchsucht, wobei sie geschlagen worden seien und man ihnen  Geld  und  Schmuck  gestohlen  habe.  Im  Jahre  2005  sei  sein  Vater  von 

D­4196/2010 einer  solchen  bewaffneten  Gruppe  aufgefordert  worden,  das  eigene  M._______  innert zweier Tage aufzugeben, ansonsten er getötet würde.  Ebenso sei die amerikanische Armee auf der Suche nach Waffen in das  Quartier  eingedrungen.  Aufgrund  dieser  Übergriffe  und  des  Umstands,  dass  er  und  seine  Familienangehörigen  als  Palästinenser  im  täglichen  Leben  benachteiligt  würden  und  er  deswegen  insbesondere  nicht  zur  Universität  zugelassen  worden  sei,  obwohl  ihm  seine  schulischen  Leistungen  dies  erlaubt  hätten,  habe  er  sich  entschieden,  den  Irak  zu  verlassen.  Mit  einem  gefälschten  irakischen  Pass  habe  er  sich  nach  I._______ begeben, wo er vor seiner Weiterreise in die J._______ einige  Monate  im  Lager  N._______  verbracht  habe.  Auf  die  weiteren  Ausführungen wird, soweit wesentlich, in den nachfolgenden Erwägungen  eingegangen. Mit  Entscheid  des  BFM  vom  22.  Oktober  2007  wurde  der  Beschwerdeführer  für  den  Aufenthalt  während  des  Verfahrens  dem  Kanton O._______ zugewiesen. B.  Mit Verfügung vom 7. Mai 2010 – eröffnet am 10. Mai 2010 – lehnte das  BFM  das  Asylgesuch  des  Beschwerdeführers  vom  24.  August  2007  ab  und  ordnete  die  Wegweisung  an,  schob  deren  Vollzug  jedoch  wegen  Unzumutbarkeit  zugunsten  einer  vorläufigen  Aufnahme  auf.  Die  Vorinstanz  begründete  ihre Verfügung  im Wesentlichen  damit,  dass  die  Schilderungen des Beschwerdeführers die Anforderungen von Art. 3 des  Asylgesetzes  vom  26.  Juni  1998  (AsylG,  SR  142.31)  an  die  Flüchtlingseigenschaft  nicht  erfüllten.  Der  Vollzug  der  Wegweisung  sei  zwar  als  zulässig,  jedoch  aufgrund  der  Sicherheitslage  in  der  Herkunftsregion des Beschwerdeführers und unter Berücksichtigung der  Aktenlage im gegenwärtigen Zeitpunkt als nicht zumutbar zu erachten. C.  Mit  Eingabe  vom  9.  Juni  2010  erhob  der  Beschwerdeführer  gegen  den  Entscheid  des  BFM  beim  Bundesverwaltungsgericht  Beschwerde.  Er  beantragte, es sei die Beschwerde gutzuheissen, die Verfügung des BFM  vom  7.  Mai  2010  sei  aufzuheben,  es  sei  die  Flüchtlingseigenschaft  zuzuerkennen  und  Asyl  zu  gewähren,  eventuell  sei  die  Unzumutbarkeit  des Wegweisungsvollzugs  festzustellen  und  ihm  von  Amtes  wegen  die  vorläufige Aufnahme zu gewähren, und ersuchte in prozessualer Hinsicht  um die Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege im Sinne von Art. 65  Abs.  1  und  2  des  Bundesgesetzes  vom  20.  Dezember  1968  über  das 

D­4196/2010 Verwaltungsverfahren  (VwVG,  SR  172.021),  wobei  sein  Rechtsvertreter  zum unentgeltlichen Rechtsbeistand zu bestellen sei. Auf die Begründung  wird, soweit entscheidwesentlich, in den Erwägungen eingegangen. D.  Mit Zwischenverfügung des Instruktionsrichters vom 14. Juni 2010 wurde  dem Beschwerdeführer mitgeteilt,  dass er den Ausgang des Verfahrens  in der Schweiz abwarten könne und über das Gesuch um Gewährung der  unentgeltlichen Rechtspflege im Sinne von Art. 65 Abs. 1 VwVG zu einem  späteren Zeitpunkt befunden werde. Gleichzeitig wurde das Gesuch um  Gewährung  der  unentgeltlichen  Rechtsverbeiständung  abgewiesen  und  auf  die  Erhebung  eines  Kostenvorschusses  verzichtet.  Die  Vorinstanz  wurde  in  Anwendung  von  Art.  57  VwVG  zur  Einreichung  einer  Stellungnahme bis zum 29. Juni 2010 eingeladen. E.  In ihrer Vernehmlassung vom 28. Juni 2010 hielt die Vorinstanz fest, dass  die  Beschwerdeschrift  keine  neuen  erheblichen  Tatsachen  oder  Beweismittel  enthalte,  welche  eine  Änderung  ihres  Standpunktes  zu  rechtfertigen  vermöchten.  Mit  Verweis  auf  ihre  Erwägungen  im  angefochtenen  Entscheid,  an  denen  sie  vollumfänglich  festhielt,  beantragte die Vorinstanz die Abweisung der Beschwerde. F.  Dem  Beschwerdeführer  wurde  die  Vernehmlassung  durch  das  Bundesverwaltungsgericht  am  1.  Juli  2010  –  ohne  Einräumung  eines  Replikrechts – zur Kenntnisnahme zugestellt. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1.  1.1. Gemäss Art. 31 des Verwaltungsgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005  (VGG, SR 173.32) beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Beschwerden  gegen  Verfügungen  nach  Art. 5  VwVG.  Das  BFM  gehört  zu  den  Behörden  nach  Art. 33  VGG  und  ist  daher  eine  Vorinstanz  des  Bundesverwaltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme  im Sinne von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht  ist daher zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und  entscheidet  auf  dem  Gebiet  des  Asyls  endgültig,  ausser  bei  Vorliegen  eines  Auslieferungsersuchens  des  Staates,  vor  welchem  die 

D­4196/2010 beschwerdeführende Person Schutz sucht (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d  Ziff. 1  des  Bundesgerichtsgesetzes  vom  17. Juni  2005  [BGG,  SR 173.110]). Eine solche Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1  BGG  liegt  in  casu  nicht  vor. Das Bundesverwaltungsgericht  entscheidet  demnach endgültig.  1.2.  Die  Beschwerde  ist  frist­  und  formgerecht  eingereicht.  Der  Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist  durch  die  angefochtene  Verfügung  besonders  berührt  und  hat  ein  schutzwürdiges  Interesse  an  deren  Aufhebung  beziehungsweise  Änderung;  er  ist  daher  zur  Einreichung  der  Beschwerde  legitimiert  (Art. 105  und  Art. 108  Abs. 1  AsylG  i.V.m.  Art.  37  VGG;  Art. 48  Abs. 1  sowie  Art. 52  VwVG).  Auf  die  Beschwerde  ist  –  unter  Vorbehalt  der  nachfolgenden Erwägungen – einzutreten. 1.3. Mit Beschwerde kann die Verletzung von Bundesrecht, die unrichtige  oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts und  die Unangemessenheit gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG). 1.4. Da der Beschwerdeführer im angefochtenen Entscheid des BFM vom  7. Mai  2010  wegen  Unzumutbarkeit  des  Wegweisungsvollzugs  in  der  Schweiz  vorläufig  aufgenommen  wurde,  ist  mangels  Rechtsschutzinteresses  auf  den  Eventualantrag,  es  sei  die  Unzumutbarkeit  des  Wegweisungsvollzugs  festzustellen  und  die  vorläufige Aufnahme zu gewähren, nicht einzutreten. 2.  2.1.  Gemäss  Art. 2  Abs. 1  AsylG  gewährt  die  Schweiz  Flüchtlingen  grundsätzlich  Asyl.  Flüchtlinge  sind  Personen,  die  in  ihrem Heimatstaat  oder  im Land,  in dem sie zuletzt wohnten, wegen  ihrer Rasse, Religion,  Nationalität,  Zugehörigkeit  zu  einer  bestimmten  sozialen  Gruppe  oder  wegen ihrer politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt  sind  oder  begründete  Furcht  haben,  solchen  Nachteilen  ausgesetzt  zu  werden. Als  ernsthafte Nachteile  gelten  namentlich  die Gefährdung  des  Leibes,  des  Lebens  oder  der  Freiheit  sowie  Massnahmen,  die  einen  unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 AsylG). 2.2.  Die  Flüchtlingseigenschaft  gemäss  Art.  3  AsylG  erfüllt  eine  asylsuchende  Person  nach  Lehre  und  Rechtsprechung  dann,  wenn  sie  Nachteile  von  bestimmter  Intensität  erlitten  hat  beziehungsweise  mit  beachtlicher  Wahrscheinlichkeit  und  in  absehbarer  Zukunft 

D­4196/2010 begründeterweise  befürchten  muss,  welche  ihr  gezielt  und  aufgrund  bestimmter  Verfolgungsmotive  durch  Organe  des  Heimatstaates  oder  durch  nichtstaatliche  Akteure  zugefügt  worden  sind  beziehungsweise  zugefügt zu werden drohen (vgl. BVGE 2010/44 E. 3.3 und 3.4 S. 620 f.,  BVGE  2008/4  E.  5.2  S.  37,  Entscheidungen  und  Mitteilungen  der  Schweizerischen Asylrekurskommission [EMARK] 2006 Nr. 18 E. 7 und 8  S. 190  ff., EMARK 2005 Nr. 21 E. 7 S. 193). Aufgrund der Subsidiarität  des  flüchtlingsrechtlichen  Schutzes  setzt  die  Zuerkennung  der  Flüchtlingseigenschaft ausserdem voraus, dass die betroffene Person  in  ihrem Heimatland keinen ausreichenden Schutz  finden kann (vgl. BVGE  2008/12 E. 7.2.6.2 S. 174 f., BVGE 2008/4 E. 5.2 S. 37 f., EMARK 2006  Nr. 18 E. 10 S. 201 ff., EMARK 2005 Nr. 21 E. 7.3 S. 194 und E. 11.1 S.  201  f.). Ausgangspunkt  für die Beurteilung der Flüchtlingseigenschaft  ist  die  Frage  nach  der  im  Zeitpunkt  der  Ausreise  vorhandenen  Verfolgung  oder  begründeten  Furcht  vor  einer  solchen.  Die  Situation  im  Zeitpunkt  des  Asylentscheides  ist  jedoch  im  Rahmen  der  Prüfung  nach  der  Aktualität der Verfolgungsfurcht ebenfalls wesentlich. Veränderungen der  objektiven Situation im Heimatstaat zwischen Ausreise und Asylentscheid  sind  deshalb  zugunsten  und  zulasten  der  das  Asylgesuch  stellenden  Person  zu  berücksichtigen  (vgl.  BVGE  2008/4  E.  5.4  S.  38  f.,  EMARK  2000 Nr. 2 E. 8a S. 20, WALTER STÖCKLI, Asyl,  in: Uebersax/Rudin/Hugi  Yar/Geiser  [Hrsg.],  Ausländerrecht,  2. Aufl.,  Basel/Bern/Lausanne  2009,  Rz. 11.17 und 11.18). 2.3.  Wer  um  Asyl  nachsucht,  muss  die  Flüchtlingseigenschaft  nachweisen  oder  zumindest  glaubhaft  machen.  Diese  ist  glaubhaft  gemacht,  wenn  die  Behörde  ihr  Vorhandensein  mit  überwiegender  Wahrscheinlichkeit  für  gegeben  hält.  Unglaubhaft  sind  insbesondere  Vorbringen, die in wesentlichen Punkten zu wenig begründet oder in sich  widersprüchlich sind, den Tatsachen nicht entsprechen oder massgeblich  auf  gefälschte  oder  verfälschte  Beweismittel  abgestützt  werden  (Art. 7  AsylG). 3.  3.1. Das BFM  führte zur Begründung des ablehnenden Asylentscheides  im  Wesentlichen  aus,  gemäss  konstanter  Praxis  setze  der  Begriff  der  Flüchtlingseigenschaft  einen  in  zeitlicher  und  sachlicher  Hinsicht  genügend engen Kausalzusammenhang zwischen Verfolgung und Flucht  voraus. Gemäss den Aussagen des Beschwerdeführers  sei  sein Bruder  zirka im P._______ umgebracht worden. Wie den weiteren Ausführungen  zu  entnehmen  sei,  sei  er  auch  danach  noch  bis  zu  seiner  Ende  des 

D­4196/2010 Jahres  2005  respektive  Anfang  des  Jahres  2006  oder  2007  durchgeführten  Ausreise  an  seinem  Wohnort  geblieben.  Damit  sei  die  Zeitspanne zwischen diesem Ereignis und dem Zeitpunkt der Ausreise zu  gross,  um  auf  einen  ausreichend  engen  Zusammenhang  zwischen  diesem  tragischen  Ereignis  und  der  Ausreise  des  Beschwerdeführers  schliessen  zu  können.  Weiter  gehe  aus  seinen  Ausführungen  hervor,  dass  seine  Entführung  mit  einer  erheblichen  Lösegeldforderung  verbunden gewesen sei. Der Übergriff sei daher nicht aus einem der  für  die  Anerkennung  der  Flüchtlingseigenschaft  relevanten  Gründe  geschehen, sondern sei  rein gemeinrechtlich krimineller Natur gewesen.  Er  habe  überdies  häufige  Durchsuchungen  und  damit  verbundene  Diebstähle  als  wesentlichen  Grund  für  seine  Ausreise  aus  dem  Irak  geschildert.  Die  dargelegten  Vorfälle  seien  eine  Folge  der  politischen  Verhältnisse und der damit verbundenen schlechten Sicherheitslage und  hätten das ganze Wohnquartier betroffen,  in dem der Beschwerdeführer  gelebt  habe.  Damit  würden  diese  Übergriffe  nicht  den  im  Gesetz  abschliessend  genannten  Kriterien  für  die  Anerkennung  der  Flüchtlingseigenschaft  entsprechen.  Zusammenfassend  vermöchten  die  geltend gemachten Ereignisse keine konkrete Gefährdung  im Sinne des  Asylgesetzes zu begründen. 3.2.  Demgegenüber  brachte  der  Beschwerdeführer  in  seiner  Rechtsmitteleingabe  im  Wesentlichen  vor,  die  von  ihm  und  seinen  Familienangehörigen erlittenen Übergriffe seien die zentralen Gründe für  seine  Flucht  gewesen.  Diese  hätten  zudem  auf  ihn  und  seine  Familie  während der gesamten Dauer einen unerträglichen psychischen Druck im  Sinne  von Art. 3  AsylG  bewirkt.  Die  Vorinstanz  gehe  zu Unrecht  davon  aus, dass zwischen den tragischen Ereignissen und seiner Ausreise kein  ausreichend  enger  Zusammenhang  bestanden  habe.  Für  die  Verschleppung seines Bruders dürfte  im Wesentlichen die Zugehörigkeit  zur  palästinensischen  Volksgruppe  und  die  sunnitische  Religionszugehörigkeit  ausschlaggebend  gewesen  sein.  Entgegen  der  Ansicht  des  BFM,  das  die  erlittenen  Übergriffe  als  gemeinrechtliche  kriminelle Delikte bezeichne, müsse davon ausgegangen werden, dass er  und seine Familie gezielt wegen  ihrer Volks­ und Religionszugehörigkeit  von  den  Aggressoren  ausgewählt  worden  seien.  Dass  im  genannten  Wohnquartier auch weitere Bewohner Übergriffe hätten erleiden müssen,  lasse nicht den Schluss zu, dass die geschilderten Übergriffe nicht den im  Gesetz  genannten  Kriterien  für  die  Anerkennung  der  Flüchtlingseigenschaft entsprächen. Es verstehe sich von selbst, dass im  gleichen  Wohnquartier  lebende,  andere  sunnitische  Angehörige  der 

D­4196/2010 palästinensischen  Volksgruppe  ebenfalls  Repressalien  ausgesetzt  gewesen  seien. Da er  eine asylrelevante Verfolgung glaubhaft  gemacht  habe  und  bei  ihm  keine  Ausschlussgründe  vorlägen,  sei  ihm  die  Flüchtlingseigenschaft zuzuerkennen. 3.3. Der Beschwerdeführer machte geltend, wegen der Zugehörigkeit zur  palästinensischen  Volksgruppe  und  der  sunnitischen  Religionsgemeinschaft  seien  er  und  seine  Familienangehörigen  wiederholt von schiitischen Milizen schwerwiegenden Übergriffen (Tötung  des  Bruders;  Entführung  seiner  Person  und  Freilassung  nach  hoher  Lösegeldzahlung,  wiederholte  Durchsuchungen  der  Wohnung  mit  Schlägen;  Diebstähle;  Todesdrohungen  gegenüber  seinem  Vater,  etc.)  ausgesetzt gewesen, weshalb er den Irak verlassen habe. 3.4.  3.4.1.  Tatsache  ist,  dass  nach  dem  Sturz  des  Regimes  von  Saddam  Hussein  –  nebst  dem  Umstand,  dass  nicht­muslimische  Religionsangehörige  in  zunehmendem  Masse  Opfer  konfessioneller  Gewalt wurden – interethnische und interreligiöse Spannungen zwischen  den  im  Irak  lebenden  ethnischen  und  religiösen  Gruppierungen  zu  verzeichnen  sind.  In  Gebieten  mit  gemischt  ethnischer  oder  religiöser  Bevölkerungszusammensetzung  berichten  Angehörige  der  Minderheitsgruppen  von  Diskriminierung,  erzwungener  Assimilation  und  Gewalt. Die Spannungen betreffen namentlich auch Gebiete, die zuvor im  Fokus  der  Zwangsarabisierungspolitik  des  ehemaligen  irakischen  Regimes  standen,  insbesondere  solche  Provinzen,  in  welchen  sich  kurdische Interessengruppen aktiv für eine Einbindung in die autonomen  kurdischen  Gebiete  im  Nordirak  stark  machen  (vgl.  BVGE  2008/12  E.  6.4.3 und E. 6.4.4 mit weiteren Hinweisen). 3.4.2.  Personen,  die  als  Unterstützer  des  ehemaligen  Regimes  von  Saddam  Hussein  gelten,  sind  seit  dem  Sturz  des  Regimes  ebenfalls  Drohungen ausgesetzt und Opfer von Gewalthandlungen, da sie für unter  der Saddam­Diktatur verübte Menschenrechtsverletzungen verantwortlich  gemacht werden und ehemals häufig Schlüsselpositionen in der früheren  Armee oder den  früheren Sicherheits­ und Geheimdiensten  inne hatten.  Am ehesten  betroffen  sind Mitglieder  der  ehemaligen Baath­Partei  oder  dieser  nahe  stehende  Personen.  Täterschaft  und  Tatmotiv  sind  dabei  vielschichtig  und  reichen  von  Racheakten  vormals  Unterdrückter  und  Verfolgter  bis  hin  zu  "lediglich"  kriminellen Akten. Ehemalige Baathisten  werden  dabei  unter  Umständen  pauschal  und  unabhängig  von  ihrer 

D­4196/2010 Position für Menschenrechtsverletzungen während des Saddam­Regimes  verantwortlich  gemacht  oder  der  Unterstützung  des  andauernden  Widerstandes verdächtigt. Zugeschrieben werden die Gewalthandlungen  vor allem schiitischen Milizen, Angehörigen staatlicher Sicherheitskräfte,  Kriminellen,  Familienmitgliedern  ehemaliger  Baath­Opfer  sowie  Auftragstätern (vgl. BVGE 2008/12 E. 6.4.5 mit weiteren Hinweisen). 3.4.3.  Bedrohungen  und  Gewaltdelikte  durch  kriminelle  Gruppierungen,  die  stark  vom Zusammenbruch der öffentlichen Ordnung und Sicherheit  profitieren,  sind  ebenfalls  zu  verzeichnen.  Die  Handlungen  reichen  von  Erpressung  bis  zu  Entführungen  und  Tötungen.  Die  kriminellen  Akte  werden  oft  durch  Personen  beeinflusst  oder  gar  ausgelöst,  die  für  politische  oder  konfessionell  motivierte  Gewalt  verantwortlich  sind.  Die  Auswahl  der  Opfer  erfolgt  häufig  aufgrund  ihrer  religiösen  oder  konfessionellen  Zugehörigkeit  (z.B.  Entführungen  zum  Zwecke  der  Lösegelderpressung  von  konfessionellen  Gruppen)  oder  ihrer  tatsächlichen  oder  vermeintlichen  Rolle  im  öffentlichen  Leben.  Die  kriminellen  Gruppierungen  werden  immer  häufiger  in  Absprache  mit  irakischen  Sicherheitskräften  aktiv,  gehören  diesen  an  oder  tragen  Uniformen staatlicher Sicherheitskräfte sowie Kennzeichen gegnerischer  Gruppen (vgl. BVGE 2008/12 E. 6.4.7 mit weiteren Hinweisen). 3.4.4. Es ist im Zentralirak vom Fehlen eines staatlichen Gewaltmonopols  und  einer  effizienten  und  funktionierenden  Schutzinfrastruktur  auszugehen.  Der  Justiz­  und  Sicherheitsapparat  muss  insgesamt  als  nicht schutzfähig erachtet werden (vgl. BVGE 2008/12 E. 6.6 – 6.8). 3.4.5. Hinsichtlich  der  speziellen  Situation  der  Palästinenser  im  Irak  ist  festzuhalten,  dass  nach  den  Erkenntnissen  des  Bundesverwaltungsgerichts  schiitische  Milizen  nebst  ehemaligen  Mitgliedern  der Baath­Partei  und  dieser  nahe  stehenden Personen  (vgl.  Ziffer 3.4.2 oben) auch andere Gruppen und Personen angreifen, die vom  ehemaligen Regime bevorzugt behandelt worden sind, so beispielsweise  Palästinenser  (vgl. Amnesty  International  [AI],  Iraq: Civilians Under Fire,  27.04.2010,  http://www.unhcr.org/refworld/docid/4bd68e352.html;  Minority  Rights Group  International,  State  of  the World's Minorities  and  Indigenous  Peoples  2010  –  Iraq,  01.07.2010,  http://www.unhcr.org/refworld/docid/  4c3331145f.html;  Schweizerische  Flüchtlingshilfe  [SFH],  Irak:  Die  aktuelle  Entwicklung  im  Zentral­  und  Südirak,  Update,  5.  November  2009;  The  Brookings  Institution –  University  of  Berne:  Minorities,  Displacement  and  Iraq's  Future, 

D­4196/2010 December  2008).  Dabei  ist  die  Volksgruppe  der  Palästinenser  als  eine  der  verletzlichsten ethnischen Minderheiten  zu bezeichnen. Zwar haben  die  gezielten  Angriffe  auf  Palästinenser  im  Zentralirak  etwas  abgenommen  und  einzelne  Palästinenser  können  als  im  Irak  lokal  integriert  bezeichnet  werden,  so  insbesondere  in  Bagdad  und  Mosul.  Grundsätzlich werden Menschen palästinensischer Herkunft jedoch nach  wie  vor  verfolgt  oder  sind  zumindest  mit  ernsthaften  Problemen  hinsichtlich  ihres  Schutzes  konfrontiert.  Zudem  gehören  sie  der  sozio­ ökonomisch  untersten  Gesellschaftsschicht  an,  wobei  ihre  sich  verschlechternde  ökonomische  Situation  teilweise  auf  schwindende  Erwerbsmöglichkeiten aufgrund von Diskriminierungen zurückgeführt wird  (vgl.  United States Department  of  State  [USDS],  2010 Country Reports  on  Human  Rights  Practices  ­  Iraq,  08.04.2011,  section  2d,  http://www.unhcr.org/refworld/docid/ 4da56dbcc.html; Danish Immigration  Service,  Security  and Human Rights  in  South/Central  Iraq. Report  from  Danish Immigration Service's fact finding mission to Amman, Jordan and  Baghdad, Iraq. 25 February to 9 March and 6 to 16 April 2010, 09.2010,  http://www.nyidanmark.dk/NR/  rdonlyres/7F24EA1B­1DC7­48AE­81C4­ C097ADAB34FD/0/Rapport_Security_and_HR_in_South_Central_Iraq.pd f).  In  U._______,  dem  Herkunftsort  des  Beschwerdeführers,  sind  Angehörige dieser Volksgruppe nach wie  vor willkürlichen Verhaftungen  und  Inhaftierungen, Razzien  und Überfällen  der Polizei,  der Armee  und  bewaffneter Milizen ausgesetzt. Da die den Palästinensern ausgestellten  Identitätsdokumente  erheblich  von  übrigen  irakischen  Dokumenten  abweichen,  stellen  sie  an  Kontrollpunkten  einfache  Ziele  für  Aggressionsakte  dar  (vgl.  Refugees  International;  Iraq:  Humanitarian  Needs  Persist,  vom  17.  März  2010;  USDS,  2010  Country  Reports  on  Human Rights Practices ­ Iraq, a.a.O, section 2d.). 3.4.6. Vor dem Hintergrund der aktuellen Lage im Irak und in Abwägung  aller vom Beschwerdeführer vorgebrachten Sachverhaltselemente kommt  das  Bundesverwaltungsgericht  im  vorliegenden  Einzelfall  zum  Schluss,  dass  im  Falle  einer  Rückkehr  des  Beschwerdeführers  nach  U._______  mit überwiegender Wahrscheinlichkeit  von einer begründeten Furcht vor  Verfolgung ausgegangen werden muss. Es  ist  unbestritten,  dass er  der  palästinensischen  Volksgruppe  angehört  und  sein  ganzes  Leben  in  U._______  im  gleichen  Quartier,  das  beinahe  ausschliesslich  von  Personen palästinensischer Volkszugehörigkeit bewohnt wird, verbrachte.  Er ist angesichts seines Profils somit dem Personenkreis zuzuordnen, der  von Bedrohungen und Übergriffen insbesondere seitens (nichtstaatlicher)  fundamentalistisch­islamistischer Gruppierungen betroffen ist.

D­4196/2010 3.4.7.  Angesichts  der  auch  von  der  Vorinstanz  nicht  bestrittenen  Glaubhaftigkeit  der  Vorbringen  des  Beschwerdeführers  ist  vor  dem  Hintergrund  der  aktuellen  Lage  im  Zentralirak  und  in  Abwägung  der  vorgebrachten  Sachverhaltselemente  davon  auszugehen,  dass  er  aufgrund  seiner  palästinensischen  Volkszugehörigkeit  und  der  sunnitischen  Religionszugehörigkeit  im  Falle  einer  Rückkehr  nach  U._______  mit  beachtlicher  Wahrscheinlichkeit  und  in  absehbarer  Zeit  zur  Zielscheibe  islamistischer  Extremisten  wird,  nicht  zuletzt  auch  deshalb,  weil  er  bereits  Opfer  einer  Entführung  wurde  und  die  Zugehörigkeit  seiner  Familie  zur  Volksgruppe  der  Palästinenser  den  Entführern offensichtlich bekannt war, da auch bereits sein Bruder einer  Entführung zum Opfer fiel, in deren Verlauf dieser umgebracht wurde. Im  Weiteren  ist  davon  auszugehen,  dass  die  irakische  Regierung  und  die  Sicherheitsbehörden  nicht  in  der  Lage  sind,  ihm  effektiven  Schutz  vor  Übergriffen  seitens  islamistischer  Gruppierungen  oder  von  Benachteiligungen  seitens  Privater  zu  gewähren,  da  es  vielenorts  an  funktionstüchtigen Polizeikräften und einer schutzfähigen Armee fehlt und  die  Sicherheitskräfte  wie  die  alliierten  Truppen  ihrerseits  immer  wieder  Ziel terroristischer Anschläge sind (vgl. BVGE 2008/12 E. 6.8 u. E. 7.2.4).  Der  Beschwerdeführer  hat  demnach  begründete  Furcht  vor  ernsthaften  Nachteilen im Sinne von Art. 3 Abs. 2 AsylG. 3.5.  3.5.1.  Aufgrund  der  Subsidiarität  des  flüchtlingsrechtlichen  Schutzes  erfüllt die Flüchtlingseigenschaft nicht, wer  in seinem Heimatland Schutz  vor nichtstaatlicher Verfolgung finden kann (vgl. BVGE 2008/12 E. 7.2.6.2  S. 174 f.). Solcher Schutz kann durch den Heimatstaat oder durch einen  im  Sinne  der  Rechtsprechung  besonders  qualifizierten  Quasi­Staat  gewährt werden, allenfalls auch durch internationale Organisationen. Die  Annahme  einer  innerstaatlichen  Schutzalternative  bedingt,  dass  am  Zufluchtsort  eine  funktionierende  und  effiziente  Schutzinfrastruktur  besteht  und  der  Staat  gewillt  ist,  der  in  einem  anderen  Landesteil  von  Verfolgung betroffenen Person am Zufluchtsort Schutz zu gewähren. Die  betroffene  Person  muss  darüber  hinaus  den  Zufluchtsort  ohne  unzumutbare  Gefahren  auf  legalem Weg  erreichen  und  sich  dort  legal  aufhalten  können.  Sodann muss  es  ihr  individuell  zuzumuten  sein,  den  am Zufluchtsort erhältlichen Schutz  längerfristig  in Anspruch nehmen zu  können. Dabei sind die allgemeinen Verhältnisse am Zufluchtsort und die  persönlichen Umstände  der  betroffenen  Person  zu  beachten  und  es  ist  unter  Berücksichtigung  des  länderspezifischen  Kontextes  im  Rahmen  einer  individuellen Einzelfallprüfung  zu  beurteilen,  ob  ihr  angesichts  der 

D­4196/2010 sich  konkret  abzeichnenden  Lebenssituation  am  Zufluchtsort  realistischerweise zugemutet werden kann, sich dort niederzulassen und  sich  eine  neue Existenz  aufzubauen  (vgl.  zur Publikation  vorgesehenes  Urteil  des  Bundesverwaltungsgerichts  BVGE  D­  4935/2007  vom  21.  Dezember 2011). 3.5.2.  Die  oben  näher  erläuterten  Erkenntnisse  des  Bundesverwaltungsgerichts  deuten  darauf  hin,  dass  Palästinenser  im  gesamten  Zentralirak  unter  Übergriffen  von  islamistischen  Fundamentalisten  zu  leiden  haben.  Der  Beschwerdeführer  unterliegt  aufgrund  seines  Persönlichkeitsprofils  ebenso  ausserhalb  U._______  einer erhöhten Gefährdung, auch wenn  in diesem Zusammenhang nicht  von  einer  Kollektivverfolgung  von  Palästinensern  im  Irak  gesprochen  werden  kann.  Die  Behörden  sind  gemäss  den  vorausgehenden  Erwägungen  im  gesamten  Zentralirak  nicht  in  der  Lage,  adäquaten  Schutz zu gewähren. 3.5.3.  In  den  drei  irakisch­kurdischen  Nordprovinzen  Dohuk,  Erbil  und  Suleimaniya sind die Sicherheits­ und Justizbehörden grundsätzlich in der  Lage  und  willens,  den  Einwohnern  der  drei  Provinzen  Schutz  vor  Verfolgung zu gewähren (vgl. BVGE 2008/4 E. 6). Es kann  jedoch nicht  davon  ausgegangen  werden,  dass  im  Norden  –  trotz  der  besseren  Sicherheitslage als  im Zentral­ und Südirak –  jedermann Zuflucht  finden  kann. Am  leichtesten dürfte dies Kurden  fallen, die Beziehungen zu den  grossen Parteien oder  ihnen nahestehenden Gruppierungen haben oder  über  ein  familiäres  oder  gesellschaftliches  Netzwerk  in  den  kurdischen  Provinzen  verfügen.  Für  Araber  und  andere  nicht­kurdische  Iraker  (insbesondere  für  Männer)  kann  jedoch  nicht  automatisch  auf  das  Bestehen  einer  innerstaatlichen  Niederlassungsfreiheit  und  der  Schutzgewährung  durch  die  kurdischen Behörden  geschlossen werden;  das Bestehen einer allfälligen Fluchtalternative  im Nordirak bedarf  einer  Einzelfallprüfung. Gemäss Erkenntnissen des Bundesverwaltungsgerichts  bedürfen  nicht­kurdische  Zuzüger  in  die  nordirakischen  Provinzen  zur  Einreise  und  zur  Niederlassung  grundsätzlich  einer  Gewährsperson,  welche dafür garantiert, dass von der betreffenden Person keine Gefahr  ausgeht  (vgl.  BVGE  2008/4  E. 6.6.1,  Urteile  des  Bundesverwaltungsgerichts  D­4191/2006  vom  18. August  2008  E.  6.4.4  und E­7197/2006 vom 18. Juli 2008 E. 6.2.6). 3.5.4. Aus  den  Akten  geht  nicht  hervor,  dass  der  Beschwerdeführer  im  Nordirak  über  ein  familiäres  oder  ein  anderes Beziehungsnetz  verfügen 

D­4196/2010 würde  (vgl.  act.  A1/9,  S.  4).  Aufgrund  der  Aktenlage  erscheint  es  unwahrscheinlich,  dass  er  eine  Person  im  kurdischen  Norden  finden  würde, die sich für  ihn als Gewährsperson zur Verfügung stellen könnte.  Aus diesem Grund kann im vorliegenden Fall nicht angenommen werden,  dass der Beschwerdeführer legal in den Nordirak einreisen könnte, womit  das Vorhandensein einer  innerstaatlichen Fluchtalternative  im gesamten  Irak zu verneinen ist. 3.6.  Zusammenfassend  ist  festzuhalten,  dass  im  Falle  des  Beschwerdeführers  entgegen  der Beurteilung  durch  das BFM  sämtliche  Kriterien der in Art. 3 AsylG enthaltenen Definition als erfüllt zu betrachten  und dieser demzufolge als Flüchtling anzuerkennen ist. 3.7. Da  feststeht,  dass der Beschwerdeführer die Flüchtlingseigenschaft  erfüllt, bleibt im Folgenden das Vorliegen allfälliger Asylausschlussgründe  zu prüfen. 3.7.1.  Gemäss  Art.  2  Abs.  1  AsylG  gewährt  die  Schweiz  Flüchtlingen  grundsätzlich Asyl. Gestützt auf Art. 53 AsylG wird Flüchtlingen kein Asyl  gewährt,  wenn  sie  wegen  verwerflicher  Handlungen  dessen  unwürdig  sind oder wenn  sie  die  innere  oder  die  äussere Sicherheit  der Schweiz  verletzt haben oder gefährden. Die Asylunwürdigkeit im Sinne von Art. 53  AsylG schliesst eine Person von der Asylgewährung aus,  lässt  indessen  keine Rückschlüsse auf ihre Flüchtlingseigenschaft zu (vgl. EMARK 1993  Nr. 8 S. 52). 3.7.2. Nach Lehre und konstanter Praxis  (vgl. EMARK 2003 Nr. 11 E. 7  S. 75,  mit  weiteren  Hinweisen)  werden  als  "verwerfliche  Handlungen",  welche  die  Asylunwürdigkeit  gemäss  Art.  53  AsylG  nach  sich  ziehen,  diejenigen  Delikte  aufgefasst,  deren  Begehung  gemäss  dem  bis  31.  Dezember 2006 geltenden Art. 9 des Schweizerischen Strafgesetzbuchs  vom  21. Dezember  1937  (StGB,  SR  311.0)  mit  einer  "Zuchthausstrafe"  bedroht wurde und die daher als "Verbrechen" galten (vgl. Botschaft zur  Totalrevision des Asylgesetzes sowie zur Änderung des Bundesgesetzes  über  Aufenthalt  und  Niederlassung  der  Ausländer  vom  4.  Dezember  1995,  hiernach: Botschaft  1995, BBl  1996  II  72;  zur  aktuellen Definition  der Begriffe  "Verbrechen" und  "Vergehen" siehe Art.  10 Abs. 2 StGB  in  der  Fassung  gemäss  Ziff.  I  des  Gesetzes  vom  13.  Dezember  2002,  in  Kraft  seit  1. Januar  2007;  zu  den  Voraussetzungen  zur  Annahme  einer  auf  Art.  53  AsylG  gestützten  Asylunwürdigkeit  vgl.  die  weiterhin  zutreffende Rechtsprechung  der  Schweizerischen  Asylrekurskommisson 

D­4196/2010 [ARK] in EMARK 2002 Nr. 9, EMARK 1998 Nr. 12 und 28, EMARK 1996  Nr. 18 E. 5 ff., EMARK 1993 Nr. 8 E. 6a). Als "verwerfliche Handlungen",  welche die Asylunwürdigkeit nach sich ziehen, werden entsprechend dem  Wortlaut von Art. 53 AsylG auch weniger gravierende Delikte aufgefasst,  die  nicht  ein  "schweres  Verbrechen"  im  Sinne  von  Art.  1  F  Bst.  b  des  Abkommens  vom  28. Juli  1951  über  die  Rechtsstellung  der  Flüchtlinge  (FK,  SR  0.142.30)  darstellen,  solange  sie  dem  abstrakten  Verbrechensbegriff entsprechen. Diese Ordnung wurde vom Gesetzgeber  mit  der  Totalrevision  des  Asylgesetzes  bewusst  übernommen  (vgl.  Botschaft  1995,  BBl  1996  II  71  ff.).  Irrelevant  ist,  ob  die  verwerflichen  Handlungen  einen  ausschliesslich  gemeinrechtlichen  Charakter  haben  oder als politisches Delikt einzustufen sind (EMARK 2002 Nr. 9 E. 7b S.  79  f.).  Bei  der  Prüfung  der  Frage,  ob  eine  Person  gestützt  auf  Art.  53  AsylG  vom  Asyl  auszuschliessen  ist,  muss  auf  deren  individuellen  Tatbeitrag abgestellt werden. Zu diesem sind nicht nur die Schwere der  Tat  und  der  persönliche  Anteil  am  Tatentscheid,  sondern  ebenso  das  Motiv  des  Täters  und  allfällige  Rechtfertigungs­  oder  Schuldmilderungsgründe zu zählen. 3.7.3.  Den  Akten  ist  diesbezüglich  zu  entnehmen,  dass  der  Beschwerdeführer  im  Zeitraum  zwischen  April  2008  und  Februar  2009  wegen {…….} zur Anzeige gebracht wurde. Diese Anzeigen liegen bereits  deutlich über zwei Jahre zurück, ohne dass es – soweit aktenkundig – zu  einer Verurteilung  gekommen wäre. Aktenkundig  ist  indessen,  dass  der  Beschwerdeführer mit Strafbefehl vom Q._______ der R._______, wegen  {…….}, begangen am S._______, rechtskräftig zu {…….} verurteilt wurde.  Gemäss  dem  für  die  Anwendung  von  Art.  53  AsylG  massgebenden  Verbrechensbegriff  sind  davon  Taten  betroffen,  die  mit  Freiheitsstrafen  von mehr als drei Jahren bedroht sind (vgl. Art. 10 Abs. 2 StGB; STÖCKLI,  a.a.O.,  Rz.  11.51,  Fn.  105).  Da  der  Beschwerdeführer  wegen  der  Begehung einer Tat  verurteilt wurde, die mit  einer Freiheitsstrafe bis  zu  drei Jahren bedroht wird,  fällt die Anwendung von Art. 53 AsylG ausser  Betracht.  Es  bestehen  somit  keine  Anhaltspunkte  für  das  Vorliegen  verwerflicher  Handlungen  gemäss  Art.  53  AsylG  oder  für  eine  Gefährdung der Staatssicherheit der Schweiz. 3.8.  Dem  Beschwerdeführer  ist  demnach  in  der  Schweiz  Asyl  zu  gewähren (vgl. Art. 49 AsylG). Die Beschwerde ist daher – soweit darauf  einzutreten ist – gutzuheissen, die Verfügung des BFM vom 7. Mai 2010  aufzuheben und die Vorinstanz anzuweisen, dem Beschwerdeführer Asyl  zu gewähren.

D­4196/2010 4.  4.1. Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Kosten aufzuerlegen  (Art.  63  Abs.  1  und  2  VwVG).  Das  Gesuch  um  Gewährung  der  unentgeltliche Rechtspflege wird demnach gegenstandslos. 4.2. Dem Beschwerdeführer  ist  in Anwendung von Art. 64 Abs. 1 VwVG  eine  Parteientschädigung  für  die  ihm  erwachsenen  notwendigen  Vertretungskosten zuzusprechen (vgl. Art. 7 Abs. 1 des Reglements vom  21. Februar  2008  über  die  Kosten  und  Entschädigungen  vor  dem  Bundesverwaltungsgericht  [VGKE,  SR  173.320.2]).  Es  wurde  keine  Kostennote  zu den Akten gereicht. Der notwendige Vertretungsaufwand  lässt sich indes aufgrund der Aktenlage zuverlässig abschätzen, weshalb  auf die Einholung einer solchen verzichtet wird (vgl. Art. 14 Abs. 2 in fine  VGKE). Gestützt  auf  die  in Betracht  zu  ziehenden Bemessungsfaktoren  (vgl.  Art.  8  ff.  VGKE)  ist  die  vom  BFM  zu  entrichtende  Parteientschädigung  auf  Fr.  1200.­  (inkl. Auslagen und Mehrwertsteuer)  festzusetzen. (Dispositiv nächste Seite)

D­4196/2010 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1.  Die Beschwerde wird gutgeheissen, soweit darauf eingetreten wird. 2.  Die angefochtene Verfügung vom 7. Mai 2010 wird aufgehoben und das  BFM wird angewiesen, dem Beschwerdeführer Asyl zu gewähren. 3.  Es werden keine Verfahrenskosten erhoben. 4.  Das  BFM  wird  angewiesen,  dem  Beschwerdeführer  eine  Parteientschädigung in der Höhe von Fr. 1200.­ auszurichten. 5.  Dieses  Urteil  geht  an  den  Beschwerdeführer,  das  BFM  und  die  zuständige kantonale Behörde. Der vorsitzende Richter: Der Gerichtsschreiber: Thomas Wespi Stefan Weber Versand:

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D-4196/2010 — Bundesverwaltungsgericht 03.02.2012 D-4196/2010 — Swissrulings