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Bundesverwaltungsgericht 06.10.2011 D-3734/2008

6. Oktober 2011·Deutsch·CH·CH_BVGE·PDF·2,772 Wörter·~14 min·2

Zusammenfassung

Nichteintreten auf Asylgesuch (Papierlosigkeit) und Wegweisung | Nichteintreten auf Asylgesuch und Wegweisung; Verfügung des BFM vom 28. Mai 2008

Volltext

Bundesve rwa l t ungsge r i ch t T r i buna l   adm in istratif   f édé ra l T r i buna l e   ammin istrati vo   f ede ra l e T r i buna l   adm in istrativ   f ede ra l     Abteilung IV D­3734/2008/sed Urteil   v om   6 .   O k t ob e r   2011 Besetzung Richter Hans Schürch (Vorsitz), Richterin Emilia Antonioni, Richterin Nina Spälti Giannakitsas, Gerichtsschreiberin Corinne Krüger. Parteien A._______, geboren (…), Irak,   vertreten durch  lic. iur. Susanne Gnekow, Rechtsanwältin,  Caritas Schweiz,  Beschwerdeführer,  gegen Bundesamt für Migration (BFM),  Quellenweg 6, 3003 Bern,    Vorinstanz.  Gegenstand Nichteintreten auf Asylgesuch und Wegweisung;  Verfügung des BFM vom 28. Mai 2008 / N (…).

D­3734/2008 Sachverhalt: A.  Der Beschwerdeführer,  ein  ethnischer Kurde aus B._______/C._______  (Nordirak), verliess eigenen Angaben zufolge seinen Heimatstaat Anfang  August 2006 und gelangte über die Türkei in die Schweiz. Am 13. August  2006 suchte er in D._______ um Asyl nach. Dabei wurde er, da er bei der  Meldung  des  Asylgesuchs  keinerlei  Dokumente  zum  Nachweis  seiner  Identität  abgegeben  hatte,  aufgefordert,  innert  48  Stunden  rechtsgenügliche  Ausweispapiere  nachzureichen,  verbunden  mit  der  Androhung,  im  Unterlassungsfall  auf  das  Asylgesuch  nicht  einzutreten.  Am 1. September 2006 wurde der Beschwerdeführer  im Empfangs­ und  Verfahrenszentrum  (EVZ)  D._______  zu  seinen  Personalien,  dem  Reiseweg  und  summarisch  zu  seinen  Asylgründen  befragt.  Am  29.  September  2006  wurde  er  durch  die  zuständige  Behörde  des  Kantons  E._______ einlässlich zu seinen Asylgründen angehört. B.  Der  Beschwerdeführer  machte  zur  Begründung  seines  Asylgesuchs  im  Wesentlichen geltend, er sei 17 Jahre alt, gehöre der Ethnie der Kurden  an und stamme aus dem Dorf B._______  in C._______ (Nordirak). Dort  habe  er  zusammen  mit  seinen  Eltern  gelebt,  diese  seien  aber  beide  schon  vor  langer  Zeit  gestorben.  Seit  dem  Tod  seiner  Mutter  im  Jahre  1999 habe er bei seinem Onkel S.  in B._______ gewohnt. Er habe eine  vier Jahre ältere Schwester, die in F._______ in der Nähe von C._______  lebe.  Von  2001,  d.h.  seit  er  13  gewesen  sei,  bis  2006  habe  er  in  G._______  bei  C._______  als  Bäcker  gearbeitet.  Sie  seien  drei  Angestellte  gewesen. Er  sei morgens  immer  als Erster  in  das Geschäft  gekommen,  um  den  Laden  aufzuschliessen  und  den  Backofen  anzumachen.  Eines  Tages  im  April  2006,  als  er  früh  zum  Laden  gekommen  sei,  habe er  vor  dem Geschäft  eine  Leiche entdeckt. Er  sei  sofort zum Polizeiposten gegangen, der einige Minuten von der Bäckerei  entfernt  sei,  und  habe  die  Polizei  informiert.  Anschliessend  habe  er  normal gearbeitet, bis später am Tag die Polizei gekommen sei und  ihn  festgenommen  habe.  Anscheinend  habe  ihn  die  Familie  des  Opfers  angezeigt.  Die  Polizei  habe  ihn  bezüglich  des  Vorfalls  befragt  und  anschliessend  inhaftiert.  Sein  Arbeitgeber  habe  für  ihn  eine  Garantie  abgegeben,  dass  er  nicht  fliehen  würde,  weshalb  er  nach  zehn  Tagen  Haft  freigelassen  worden  sei.  Zwei  bis  drei  Tage  später  sei  ein  Gerichtsmitarbeiter  zur  Bäckerei  gekommen  und  habe  ihn  aufgefordert,  vor Gericht zu erscheinen. Das Datum wisse er nicht mehr. Die Familie 

D­3734/2008 des Opfers  sei  vor Gericht  auch  anwesend  gewesen  und  habe  ihn  des  Mordes beschuldigt. Er sei einstweilen freigesprochen worden, wobei es  geheissen habe, er müsse noch einmal vor Gericht erscheinen. Er habe  dann  in  der Schule  erst  einmal  Prüfungen  gehabt.  In  dieser  Zeit werde  man bei Gericht nicht vorgeladen. Er sei  in der Zwischenzeit  jedoch von  der Familie des Opfers bedroht worden. Aus diesem Grund habe er Angst  gehabt, dass er und auch sein Onkel viele Probleme bekommen würden.  Deshalb habe er im August 2006 seinen Heimatstaat verlassen. In einem  Auto sei er von C._______ nach H._______ gereist. Versteckt  in einem  LKW  sei  er  über  die  türkische  Grenze  geflohen.  Nach  zwei­  oder  dreimaligem  Wechsel  des  Lastwagens  sei  er  schliesslich  ohne  Identitätsdokumente am 13. August 2006 in die Schweiz eingereist, wo er  am  gleichen  Tag  um Asyl  ersucht  habe.  Auf  der Reise  sei  er  nie  nach  Dokumenten gefragt worden. Für die weiteren Aussagen wird, soweit für den Entscheid wesentlich, auf  die Protokolle bei den Akten verwiesen. C.  Mit Verfügung  vom 28. Mai  2008 – eröffnet  am 2.  Juni  2008 –  trat  das  BFM  auf  das  Asylgesuch  gestützt  auf  Art.  32  Abs.  2  Bst.  a  des  Asylgesetzes  vom  26.  Juni  1998  (AsylG,  SR  142.31)  nicht  ein  und  ordnete die Wegweisung des Beschwerdeführers aus der Schweiz sowie  den  Vollzug  der  Wegweisung  an,  zudem  wurden  ihm  die  editionspflichtigen Akten gemäss Aktenverzeichnis ausgehändigt. D.  Der Beschwerdeführer  liess am 5. Juni 2008 (Datum des Poststempels)  durch seine Rechtsvertreterin beim Bundesverwaltungsgericht gegen den  vorinstanzlichen Entscheid Beschwerde erheben und beantragen, es sei  der  Nichteintretensentscheid  der  Vorinstanz  aufzuheben  und  diese  sei  anzuweisen,  sein  Asylgesuch  im  ordentlichen  Verfahren  zu  prüfen;  eventualiter  sei  die  Unzumutbarkeit  des  Wegweisungsvollzugs  festzustellen und  ihm sei von Amtes wegen die vorläufige Aufnahme zu  erteilen. Auf Beschwerdeebene machte der Beschwerdeführer geltend, er  habe  am  21.  August  2007  einen  Arbeitsunfall  erlitten,  welcher  zu  monatelanger  Arbeitsunfähigkeit  geführt  habe.  Zum  aktuellen  Zeitpunkt  sei er noch immer zu 30% arbeitsunfähig. Er benötige auf absehbare Zeit  eine  intensive  Therapie  sowie  medikamentöse  Behandlung  –  unter  anderem  mit  Antidepressiva  gegen  die  chronischen  Schmerzen.  Zur  Stützung  dieser  Vorbringen  wurde  gleichzeitig  mit  der  Beschwerde  die 

D­3734/2008 Faxkopie eines Arztzeugnisses von Dr. med. H.P.H. vom 4. Juni 2008 zu  den  Akten  gereicht.  Darauf  sowie  auf  die  weiteren  im  Verlauf  des  Beschwerdeverfahrens  eingereichten  Eingaben  und  Beweismittel  wird,  soweit für den Entscheid wesentlich, in den Erwägungen eingegangen. E.  Mit  Zwischenverfügung  vom  9.  Juni  2008  teilte  das  Bundesverwaltungsgericht  dem  Beschwerdeführer  mit,  dass  er  den  Ausgang  des  Verfahrens  in  der  Schweiz  abwarten  könne.  Gleichzeitig  wurde er aufgefordert, innert 15 Tagen ab Erhalt der Zwischenverfügung  einen  ausführlichen  aktuellen  ärztlichen  Bericht  betreffend  seinen  Gesundheitszustand einzureichen. F.  Mit  Schreiben  vom  18.  Juni  2008  reichte  der  Beschwerdeführer  ein  ärztliches Zeugnis von Dr. med. H.P.H. vom 12. Juni 2008 zu den Akten.  G.  In seiner Vernehmlassung vom 17. Juli 2008 beantragte das Bundesamt  die  Abweisung  der  Beschwerde  und  verwies  vollumfänglich  auf  seine  Erwägungen in der angefochtenen Verfügung. H.  Mit Schreiben vom 10. August 2011 erkundigte sich die Rechtsvertreterin  des Beschwerdeführers nach dem Verfahrensstand. Gleichzeitig teilte sie  dem  Bundesverwaltungsgericht  mit,  dass  sich  der  Gesundheitszustand  des Beschwerdeführers nicht verändert habe und er nach wie vor von Dr.  med. H.P.H. in engen Abständen behandelt werde. I.  Mit  Zwischenverfügung  vom  12.  August  2011  forderte  der  Instruktionsrichter des Bundesverwaltungsgerichts den Beschwerdeführer  auf, bis am 29. August 2011 einen aktuellen Arztbericht einzureichen und  teilte ihm mit, dass das vorliegende Verfahren noch nicht spruchreif sei. J.  Mit  Schreiben  vom  29.  August  2011  reichte  die  Rechtsvertreterin  des  Beschwerdeführers  beim  Bundesverwaltungsgericht  einen  aktuellen  Arztbericht von Dr. med. H.P.H. vom 29. August 2011 ein (als Faxkopie).

D­3734/2008 D­3734/2008 Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1.   1.1. Gemäss Art. 31 des Verwaltungsgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005  (VGG, SR 173.32) beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Beschwerden  gegen Verfügungen nach Art. 5 des Bundesgesetzes vom 20. Dezember  1968  über  das  Verwaltungsverfahren  (VwVG,  SR 172.021).  Das  BFM  gehört zu den Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz  des  Bundesverwaltungsgerichts.  Eine  das  Sachgebiet  betreffende  Ausnahme  im  Sinne  von  Art. 32  VGG  liegt  nicht  vor.  Das  Bundesverwaltungsgericht  ist  daher  zuständig  für  die  Beurteilung  der  vorliegenden  Beschwerde  und  entscheidet  auf  dem  Gebiet  des  Asyls  endgültig,  ausser  bei  Vorliegen  eines  Auslieferungsersuchens  des  Staates,  vor  welchem  die  beschwerdeführende  Person  Schutz  sucht  (Art. 105  AsylG;  Art. 83  Bst. d  Ziff. 1  des  Bundesgerichtsgesetzes  vom  17. Juni 2005 [BGG, SR 173.110]). 1.2. Das  Verfahren  richtet  sich  nach  dem  VwVG,  dem  VGG  und  dem  BGG, soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6  AsylG). 1.3.  Die  Beschwerde  ist  frist­  und  formgerecht  eingereicht.  Der  Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist  durch  die  angefochtene  Verfügung  besonders  berührt  und  hat  ein  schutzwürdiges  Interesse  an  deren  Aufhebung  beziehungsweise  Änderung.  Er  ist  daher  zur  Einreichung  der  Beschwerde  legitimiert  (Art. 105 und Art. 108 Abs. 2 AsylG, Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 VwVG).  Auf die Beschwerde ist einzutreten. 2.  Mit  Beschwerde  kann  die  Verletzung  von  Bundesrecht,  die  unrichtige  oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts und  die Unangemessenheit gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG). 3.  3.1. Die zu beurteilende Beschwerde richtet sich gegen eine Verfügung,  laut  deren  Dispositiv  das  BFM  auf  das  Asylgesuch  des  Beschwerdeführers  nicht  eingetreten  ist.  Bei  Beschwerden  gegen  Nichteintretensentscheide,  mit  denen  es  das  BFM  ablehnt,  das  Asylgesuch auf seine Begründetheit hin zu überprüfen (Art. 32­35 AsylG),  ist  die Beurteilungskompetenz  der Beschwerdeinstanz  grundsätzlich  auf  die  Frage  beschränkt,  ob  die  Vorinstanz  zu  Recht  auf  das  Asylgesuch 

D­3734/2008 nicht eingetreten ist. Die Beschwerdeinstanz enthält sich – sofern sie den  Nichteintretensentscheid  als  unrechtmässig  erachtet  –  demnach  einer  selbstständigen  materiellen  Prüfung,  hebt  die  angefochtene  Verfügung  auf und weist die Sache zu neuer Entscheidung an die Vorinstanz zurück  (vgl. Entscheidungen  und  Mitteilungen  der  Schweizerischen  Asylrekurskommission [EMARK] 2004 Nr. 34 E. 2.1 S. 240 f.).   3.2. Im Falle des Nichteintretens auf ein Asylgesuch gemäss Art. 32 Abs.  2 Bst. a und Abs. 3 AsylG – auf welche sich die angefochtene Verfügung  stützt –  hat das BFM über das Nichtbestehen der Flüchtlingseigenschaft  abschliessend  materiell  zu  entscheiden,  soweit  dies  im  Rahmen  einer  summarischen Prüfung möglich  ist  (vgl. BVGE 2007/8 E. 5.6.5 S. 90  f.).  In einem entsprechenden  Beschwerdeverfahren bildet dementsprechend  – ungeachtet  der  vorzunehmenden  Überprüfung  eines  formellen  Nichteintretensentscheides  –  auch  die  Flüchtlingseigenschaft  Prozessgegenstand (vgl. BVGE 2007/8 E. 2.1 S. 73). 3.3. Die  Vorinstanz  prüft  die  Frage  der Wegweisung  und  des  Vollzugs  materiell,  weshalb  dem  Bundesverwaltungsgericht  diesbezüglich  volle  Kognition zukommt. 4.  4.1.  In  der  Beschwerde  wird  gerügt,  dass  das  Nichteintreten  auf  das  Asylgesuch vom 13. August 2006 mit Verfügung des BFM vom 28. Mai  2008 nicht  zulässig  sei. Ein Nichteintretensentscheid  habe  in  der Regel  innert 10 Arbeitstagen zu erfolgen (Art. 37 AsylG). Bei dieser Frist handle  es sich zwar grundsätzlich um eine Ordnungsfrist. Dennoch komme ihr ­  insbesondere  im  Kontext  von  Wegweisungshindernissen  –  grosse  praktische Bedeutung zu. Im Rahmen der Untersuchungsmaxime müsse  die  Vorinstanz  Wegweisungshindernisse  von  Amtes  wegen  prüfen.  Vorliegend sei eine Wegweisung in den Nordirak aus medizinischer Sicht  klar unzumutbar. Die Vorinstanz habe vor der Entscheidfällung die Lage  des  Beschwerdeführers  nicht  überprüft  und  deshalb  einen  falschen  Entscheid  gefällt.  Da  sich  das  Risiko  der  Entstehung  von  Wegweisungshindernissen  naturgemäss  mit  zunehmendem  Zeitablauf  stark erhöhe, dürfe ein Nichteintretensentscheid nicht mit derart massiver  Verspätung  gefällt  werden,  wie  es  vorliegend  geschehen  sei.  Nach  beinahe  zwei  Jahren  könne  per  se  nicht  mehr  von  offensichtlich  fehlenden  Wegweisungshindernissen  gesprochen  werden.  Wie  der  vorliegende Sachverhalt  illustriere,  komme der  Frist  nach Art.  37 AsylG  grosse  praktische  Bedeutung  zu.  Sie  in  derart  krasser  Weise  zu 

D­3734/2008 missachten,  müsste  generell  aufgrund  einer  verfassungsrechtlichen  Auslegung zu einer Kassation des Nichteintretensentscheides führen. 4.2.  Im Verwaltungsverfahren und  im spezifischen Asylverfahren gilt der  Untersuchungsgrundsatz,  das  heisst  die  Behörde  stellt  den  rechtserheblichen Sachverhalt von Amtes wegen fest (Art. 6 AsylG i.V.m.  Art.  12 VwVG;  vgl. Art.  106 Abs.  1 Bst.  b AsylG). Die Bestimmung  von  Art.  13  VwVG  beschränkt  den  Untersuchungsgrundsatz  und  hält  fest,  dass die Parteien verpflichtet sind, an der Feststellung des Sachverhalts  mitzuwirken  (vgl.  in  diesem  Zusammenhang  CLÉMENCE  GRISEL,  L'obligation  de  collaborer  des  parties  en  procédure  administrative,  Lausanne  2008,  insbes.  N  146).  Eine  im  Vergleich  zum  Verwaltungsverfahren  verstärkte  Mitwirkungspflicht  ist  in  Art.  8  AsylG  vorgesehen  und  detailliert  umschrieben.  Dahinter  steckt  der  Grundgedanke,  dass  die  zuständige  Behörde  den  Sachverhalt  nicht  selber  ermitteln  muss,  wenn  ein  Asylsuchender  die  erforderliche  Mitwirkung  verweigert  (vgl.  dazu  etwa  ALBERTO  ACHERMANN/CHRISTINA  HAUSAMMANN,  Handbuch  des  Asylrechts,  2.,  vollständig  überarbeitete  Auflage,  Bern/  Stuttgart  1991,  S.  223  f.).  Für  das  erstinstanzliche  Asylverfahren  bedeutet  dies,  dass  das  BFM  zur  richtigen  und  vollständigen  Ermittlung  und  Feststellung  des  rechtserheblichen  Sachverhalts verpflichtet  ist und auch nach allen Elementen zu forschen  hat,  die  zugunsten  der  asylsuchenden  Person  sprechen  (vgl. WALTER  KÄLIN, Grundriss des Asylverfahrens, Basel/Frankfurt a. M. 1990, S. 291  f.).  Sofern  es  zur  Feststellung  des  Sachverhalts  notwendig  ist  und  die  gesetzlichen  Mitwirkungspflichten  durch  die  asylsuchende  Person  nicht  verletzt worden sind,  ist das Bundesamt gesetzlich verpflichtet, über die  Befragung hinaus weitere Abklärungen vorzunehmen (vgl. Art. 41 Abs. 1  AsylG).  Nach  Lehre  und  Praxis  besteht  eine  Notwendigkeit  für  weitere  Abklärungen  insbesondere  dann,  wenn  aufgrund  der  Vorbringen  der  asylsuchenden Person und der von  ihr eingereichten oder angebotenen  Beweismittel Zweifel und Unsicherheiten am Sachverhalt weiterbestehen,  die  voraussichtlich mit  Ermittlungen  von Amtes wegen  beseitigt  werden  können (vgl. EMARK 1995 Nr. 23 E. 5a mit weiteren Hinweisen). 4.3. Gemäss Art. 8 Abs. 1 Bst. d AsylG sind Asylsuchende verpflichtet, an  der  Feststellung  des  Sachverhalts  mitzuwirken,  und  sie  müssen  insbesondere  allfällige  Beweismittel  vollständig  bezeichnen  und  sie  unverzüglich einreichen oder, soweit dies zumutbar erscheint, sich darum  bemühen, sie innerhalb einer angemessenen Frist zu beschaffen. Auf die  Situation von Asylsuchenden mit gesundheitlichen Problemen übertragen 

D­3734/2008 bedeutet  dies  ­  unter  gebührender  Berücksichtigung  der  persönlichen,  sozialen  sowie  medizinischen  Lebensumstände  und  natürlich  in  Abhängigkeit  vom  Stand  der  eigenen  Kenntnis  über  die  Natur  der  physischen oder  psychischen Beeinträchtigung  ­  grundsätzlich  zunächst  Folgendes:  Solche  Probleme  sind  in  geeigneter  Form  unaufgefordert  geltend zu machen,  sei dies mündlich  im Rahmen einer Anhörung oder  beispielsweise  mittels  einer  schriftlichen  Eingabe  der  Partei  oder  einer  Betreuungsperson  respektive Rechtsvertretung. Dabei wird  in der Regel  zumindest  eine  Umschreibung  und  Konkretisierung  der  behaupteten  gesundheitlichen Beschwerden erwartet werden dürfen. Befindet sich die  asylsuchende  Person  bereits  in  medizinischer  Behandlung,  ist  dies  ebenfalls  aktenkundig  zu  machen.  Verfügt  sie  schon  über  ärztliche  Zeugnisse  oder  Bestätigungen,  sind  diese  unaufgefordert  einzureichen.  Liegen  noch  keine  medizinischen  Berichte  vor,  hat  die  Partei  sich  ­  angesichts  der  damit  verbundenen  Kostenfolgen  ­  nach  Aufforderung  durch  das  BFM  darum  zu  bemühen,  innert  einer  angemessenen  Frist  entsprechende  Beweismittel  zu  beschaffen  (zum  Ganzen  vgl.  BVGE  2009/50 E. 10.2). 4.4. Macht  eine  asylsuchende  Person,  deren Wegweisung  zur  Debatte  steht,  im  erstinstanzlichen  Verfahren  unter  Beachtung  ihrer  Mitwirkungspflicht  substanziiert  das  Vorliegen  medizinischer  Umstände  geltend,  die  unter  dem  Blickwinkel  der  Zumutbarkeit  des  Wegweisungsvollzugs relevant sein könnten, ist demgegenüber das BFM  durch  den  Untersuchungsgrundsatz  verpflichtet,  die  Richtigkeit  und  Relevanz des behaupteten Sachverhaltselements abzuklären.  4.5.  Im  vorliegenden  Asylverfahren  hatte  der  Beschwerdeführer  seinen  Arbeitsunfall  vom  21.  August  2007  und  die  damit  verbundenen  gesundheitlichen  Probleme  vor  der  Vorinstanz  in  keiner  Weise  geltend  gemacht.  Unter  den  gegebenen  Umständen  muss  festgestellt  werden,  dass  der  Beschwerdeführer  seiner  Substanziierungspflicht  nicht  hinreichend  nachgekommen  ist.  Das  BFM  war  nicht  verpflichtet,  nach  Sachverhaltselementen  zu  forschen,  deren  Vorliegen  der  Beschwerdeführer  nicht  einmal  ansatzweise  geltend  gemacht  hatte.  Somit kann der Untersuchungsgrundsatz nicht angerufen werden und der  Beschwerdeführer  kann  nicht  zu  Recht  rügen,  der  rechtserhebliche  Sachverhalt sei von der Vorinstanz nicht vollständig festgestellt worden. 4.6. Bezüglich der geltend gemachten Verletzung der Ordnungsfrist  von  Art.  37  AsylG  kann  auf  das  Grundsatzurteil  der  Schweizerischen 

D­3734/2008 Asylrekurskommission (ARK) vom 6. September 2002 verwiesen werden  (vgl.  EMARK  2002  Nr. 15  E.  5.c  S.  125  ff.).  In  diesem  Urteil  wurde  festgestellt, dass die ARK bis dato in vereinzelten nicht publizierten Fällen  entschieden  hatte,  dass  die  Vorinstanz  dann  keinen  Nichteintretensentscheid  mehr  fällen  dürfe,  wenn  die  Behandlungsfrist  von 20 Tagen nach Art. 37 AsylG unbegründet und massiv überschritten  worden  sei.  In  EMARK  2002  Nr.  15  wurde  weiter  festgestellt,  dass  in  Abkehr  von  dieser  Praxis  das  BFM  bei  Vorliegen  der  Tatbestandsmerkmale  nach  Art.  32  bis  34  AsylG  auch  dann  einen  Nichteintretensentscheid  fällen  muss,  wenn  die  Entscheidungsfrist  von  Art.  37  AsylG  unbegründet  überschritten  und  damit  dem  Gebot  der  Verfahrensbeschleunigung nicht nachgekommen worden ist.  4.7. Im vorliegenden Fall ist das BFM – wie nachfolgend noch aufgezeigt  wird  –  zu  Recht  gestützt  auf  Art.  32  Abs.  2  Bst.  a   AsylG  auf  das  Asylgesuch nicht eingetreten.  5.  5.1. Gemäss Art.  32 Abs.  2 Bst.  a AsylG wird auf  ein Asylgesuch nicht  eingetreten,  wenn  Asylsuchende  den  Behörden  nicht  innerhalb  von  48  Stunden  nach  Einreichung  des  Gesuchs  Reise­  oder  Identitätspapiere  abgeben.  Diese  Bestimmung  findet  jedoch  keine  Anwendung,  wenn  Asylsuchende  glaubhaft  machen  können,  sie  seien  dazu  aus  entschuldbaren Gründen nicht  in der Lage (Art. 32 Abs. 3 Bst. a AsylG),  wenn aufgrund der Anhörung sowie gestützt auf Art. 3 und 7 AsylG die  Flüchtlingseigenschaft festgestellt wird (Art. 32 Abs. 3 Bst. b AsylG), oder  wenn  sich  aufgrund  der  Anhörung  die  Notwendigkeit  zusätzlicher  Abklärungen  zur  Feststellung  der  Flüchtlingseigenschaft  oder  eines  Wegweisungsvollzugshindernisses ergibt (Art. 32 Abs. 3 Bst. c AsylG). 5.2. Das BFM  führte  zur Begründung seines Nichteintretensentscheides  im  Wesentlichen  aus,  der  Beschwerdeführer  habe  den  Asylbehörden  innerhalb  der  eingeräumten  Frist  von  48  Stunden  keine  Reise­  oder  Identitätspapier abgegeben und dafür auch keine entschuldbaren Gründe  geltend machen können. Der Beschwerdeführer halte sich nun seit bald  zwei  Jahren  in  der Schweiz  auf.  Er  habe  keinerlei  Anzeichen  erkennen  lassen,  sich  um  ein  Identitätsdokument  zu  bemühen,  obwohl  sich  zu  Hause  noch  die  Identitätskarte  befinde.  Auch  habe  er  die  Schweizerischen  Behörden  nicht  über  allfällige  Bemühungen  zur  Erlangung  eines  Identitätsdokumentes  unterrichtet.  Aufgrund  dieser  Ausführungen  kam  das  BFM  zum  Schluss,  dass  keine  entschuldbaren 

D­3734/2008 Gründe  vorlägen,  die  erklären  würden,  weshalb  es  ihm  nicht  möglich  gewesen sei, den Asylbehörden innert 48 Stunden nach Einreichung des  Asylgesuchs Reise­ oder Identitätspapiere einzureichen. 5.3. Der Beschwerdeführer wendet in seiner Rechtsmitteleingabe ein, die  Vorinstanz  werfe  ihm  vor,  seit  zwei  Jahren  keine  Identitätspapiere  beschafft zu haben. Richtigerweise hätte sie indes prüfen müssen, ob ihm  innert  48  Stunden  die  Beschaffung  der  Papiere  aus  entschuldbaren  Gründen nicht möglich gewesen sei. Den Nichteintretensentscheid damit  zu  begründen,  es  lägen  keine  entschuldbaren  Gründe  vor,  dass  innert  zwei  Jahren  keine  Identitätspapiere  beschafft  worden  seien,  entbehre  einer gesetzlichen Grundlage. Der Entscheid sei aufzuheben. 5.4. Das  Bundesverwaltungsgericht  hält  fest,  dass  die  Begründung  der  Vorinstanz  zwar  knapp  ausgefallen  ist.  Dennoch  muss  festgestellt  werden,  dass  die  Argumente,  mit  denen  das  BFM  das  Vorliegen  von  entschuldbaren  Gründen  für  die  Nichtabgabe  von  Ausweisschriften  verneint  hat,  überzeugen.  Anlässlich  der  Befragungen  erklärte  der  Beschwerdeführer,  er  besitze  eine  Identitätskarte,  habe diese allerdings  bei seinem Onkel gelassen, da er Angst gehabt habe, sonst als irakischer  Kurde  erkannt  zu  werden.  Ausserdem  habe  er  eine  gerichtliche  Vorladung erhalten. Deshalb hätte man  ihn, wäre er bei seiner Ausreise  gefasst  worden,  bestimmt  zurückgeschickt.  Bei  der  summarischen  Befragung  gab  er  an,  bislang  noch  nichts  unternommen  zu  haben,  um  seine Identitätskarte zu beschaffen, weil es im Irak keine Post gebe (vgl.  A1/10,  S.  4).  Bei  der  einlässlichen  Anhörung  erklärte  der  Beschwerdeführer, er habe versucht, Ausweispapiere zu besorgen, aber  dies klappe nicht, weil es  im Irak keine Post gebe, dafür müsste man  in  den  Iran  gehen.  Er  habe  mit  seinem  Onkel  telefoniert  und  diesen  gebeten,  ihm  „diese Sachen“  zu  schicken. Sein Onkel  habe  ihm  jedoch  gesagt,  er  könne  dies  nicht machen, weil  es  zu  gefährlich  sei  und weil  man  im  Irak  feststellen  könnte,  dass  er  eine  Vorladung  vom  Gericht  erhalten  habe  (vgl.  A15/23, S.  4  f.).  Zudem werden  die Argumente  des  BFM vom Beschwerdeführer  in seiner Rechtsmitteleingabe offensichtlich  nicht  substanziiert  widerlegt.  So  führt  er  in  seiner  Beschwerdeschrift  lediglich aus, er habe glaubhaft dargelegt, weshalb es ihm nicht zumutbar  gewesen  sei,  innert  48  Stunden  nach  Gesuchseinreichung  Identitätspapiere  vorzuweisen.  Wie  er  dies  habe  glaubhaft  machen  können,  erklärt  er  allerdings  nicht.  Der  Beschwerdeführer  reichte  bis  heute  weder  entsprechende  Papiere  ein  noch  machte  er  glaubhaft  geltend,  er  sei  dazu  aus  entschuldbaren  Gründen  nicht  in  der  Lage, 

D­3734/2008 womit  die  Grundvoraussetzung  für  einen  Nichteintretensentscheid  in  Anwendung von Art. 32 Abs. 2 Bst. a AsylG erfüllt ist. 5.5.    Zusammenfassend  ergibt  sich  somit,  dass  der  Beschwerdeführer  innerhalb  von 48 Stunden nach Einreichung seines Asylgesuches keine  Reise­  oder  Identitätspapiere  einreichte  und dafür  keine entschuldbaren  Gründe glaubhaft machen kann. Damit ist die formelle Voraussetzung für  das  Fällen  eines Nichteintretensentscheides  nach Art.  32 Abs.  2  Bst.  a  AsylG erfüllt. 5.6.  Sodann  erachtete  die  Vorinstanz  die  Flüchtlingseigenschaft  als  offensichtlich  nicht  erfüllt  und  stellte  fest,  dass  zusätzliche  Abklärungen  zur  Feststellung  derselben  oder  eines  Wegweisungshindernisses  nicht  erforderlich  seien.  Namentlich  könnten  die  Gründe,  die  den  Beschwerdeführer  zur  Flucht  veranlasst  hätten,  nämlich  die  falsche  Beschuldigung durch die Familie  des Getöteten,  nicht  geglaubt werden.  So  entbehrten  die  Vorbringen  der  Begründung.  Der  Beschwerdeführer  wisse nicht, wie der Getötete bzw. die Familie des Getöteten hiessen und  wo die Familie wohne, wann die Gerichtsverhandlung stattgefunden habe  usw. Es entstehe dadurch nicht der Eindruck, dass das Behauptete auch  tatsächlich  vorgefallen  sei.  Zudem  sei  das  Geschilderte  logisch  nicht  nachvollziehbar.  Namentlich  gebe  es  keinen  Grund,  und  der  Beschwerdeführer  wisse  auch  keinen,  warum  die  Familie  sich  an  ihm  hätte  rächen  sollen,  obwohl  keineswegs  feststehe,  dass  der  Beschwerdeführer der Täter sei. Zudem habe sich der Beschwerdeführer  an  zentraler  Stelle  seiner  Vorbringen  widersprochen.  So  habe  er  einerseits behauptet, die Polizei habe die Leiche  in den Wagen geladen  und  er  sei  auf  den  Polizeiposten  gebracht  worden,  während  er  später  behauptet  habe,  er  sei  erst  später,  um  ca.  acht  Uhr  von  der  Polizei  abgeholt worden. Die Vorbringen könnten somit nicht geglaubt werden.  5.7.  In  der  Beschwerde  wird  gerügt,  dass  gemäss  Art.  32  Abs.  3  lit.  c  AsylG das ordentliche Asylverfahren durchzuführen sei, wenn zusätzliche  Abklärungen  zur  Feststellung  eines  Wegweisungsvollzugshindernisses  nötig seien. Weitere Abklärungen bezögen sich sowohl auf Sachverhalts­  wie  auch  auf  Rechtsfragen  (vgl.  BVGE  2007/8).  Die  Zumutbarkeit  des  Wegweisungsvollzugs  in  die  Nordirakischen  Provinzen  sei  lange  Zeit  grundsätzlich  verneint  worden.  Nachdem  das  BFM  die  Zumutbarkeit  im  Rahmen  einer Praxisänderung wieder  als  gegeben  angenommen  hätte,  sei  deren  rechtliche  Zulässigkeit  wiederum  lange  Zeit  offen  gestanden.  Erst  BVGE  2008/5  habe  hier  Klarheit  verschafft.  Demgemäss  sei  die 

D­3734/2008 Rückkehr  in  eine  der  drei  Nordirakischen  Provinzen  lediglich  dann  zumutbar,  wenn  es  sich  um  alleinstehende,  gesunde,  junge  Männer  handle,  die  ursprünglich  aus  der  KRG­Region  stammten  und  dort  nach  wie vor über ein soziales Netz oder Parteibeziehungen verfügten. Weiter  wird  in  der  Beschwerde  ausgeführt,  die  Vorinstanz  habe  mit  dem  Entscheid  fast  zwei  Jahre  zugewartet.  Die  zehntägige  Beschwerdefrist  gemäss  Art.  37  AsylG  sei  demnach  in  grober  Weise  nicht  eingehalten  worden.  Besonders  stossend  sei,  dass  die  Vorinstanz  –  hätte  sie  den  Entscheid korrekterweise in nützlicher Frist nach der Gesuchseinreichung  erlassen  –  den  Wegweisungsvollzug  gemäss  damaliger  Praxis  für  unzumutbar hätte halten müssen. Zumindest hätten weitere Abklärungen  hinsichtlich  der  Zumutbarkeit  des Wegweisungsvollzugs  getätigt werden  müssen.  Es  gehe  nicht  an,  dass  die  Vorinstanz  einen  Nichteintretensentscheid  fälle,  weil  sich  die  generelle  Situation  der  Wegweisung  zwischenzeitlich  geändert  habe.  Die  krasse  Missachtung  der Ordnungsfrist nach Art. 37 AsylG deute  in casu daraufhin, dass sich  die  Vorinstanz  über  allfällige  Wegweisungshindernisse  nicht  im  Klaren  gewesen  sei.  Die  Tatbestandsmerkmale  von Art.  32 Abs.  3  lit.  c  AsylG  seien  demnach  erfüllt  (vgl.  EMARK  2002/15).  Damit  könne  keineswegs  von  offensichtlichem Fehlen  von Wegweisungshindernissen  gesprochen  werden – was ein Nichteintretensentscheid unter Anwendung von Art. 32  Abs. 2 lit. a AsylG untersage. 5.8. Mit Grundsatzurteil  vom 8. Dezember 2009  (BVGE 2009/50)  stellte  das  Bundesverwaltungsgericht  fest,  dass  der  Begriff  des  Wegweisungsvollzugshindernisses  ausschliesslich  diejenigen  Hindernisse umfasst, welche sich auf die Zulässigkeit des Vollzugs  (Art.  83 Abs. 3 AuG) auswirken können. Ergibt sich aufgrund der Anhörung die  Notwendigkeit  zusätzlicher  Abklärungen  zur  Feststellung  eines  Wegweisungshindernisses gemäss Art. 83 Abs. 2 und 4 AuG (Möglichkeit  bzw. Zumutbarkeit des Vollzugs),  führt dies nicht zum Eintreten auf das  Asylgesuch  einer  (unentschuldigt)  papierlosen  Person.  Damit  ist  die  Rüge, die Vorinstanz hätte auf das Asylgesuch eintreten müssen, weil sie  weitere  Abklärungen  hinsichtlich  der  Zumutbarkeit  des  Wegweisungsvollzugs hätte vornehmen müssen, abzuweisen.  5.9. Sodann  ist das Bundesverwaltungsgericht der Auffassung, dass die  Vorinstanz  die  Vorbringen  des  Beschwerdeführers  zu  Recht  als  offensichtlich  unglaubhaft  qualifizierte,  wobei  zur  Vermeidung  von  Wiederholungen  auf  die  entsprechenden  Erwägungen  des  BFM  in  der  angefochtenen  Verfügung  verwiesen  werden  kann,  zumal  diese  auf 

D­3734/2008 Beschwerdeebene  unbestritten  bleiben.  Bei  dieser  Sachlage  erübrigen  sich zusätzliche Abklärungen zur Feststellung der Flüchtlingseigenschaft  oder eines Wegweisungsvollzugshindernisses  im Sinne von Art. 32 Abs.  3 Bst. c AsylG. Das BFM  ist daher zu Recht gestützt auf Art. 32 Abs. 2  Bst.  a  i.V.m.  Art.  32  Abs.  3  AsylG  auf  das  Asylgesuch  des  Beschwerdeführers nicht eingetreten.  6.  6.1. Lehnt  das Bundesamt  das Asylgesuch  ab  oder  tritt  es  darauf  nicht  ein,  so  verfügt  es  in  der  Regel  die Wegweisung  aus  der  Schweiz  und  ordnet den Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit  der Familie (Art. 44 Abs. 1 AsylG).  6.2. Der  Beschwerdeführer  verfügt  weder  über  eine  fremdenpolizeiliche  Aufenthaltsbewilligung noch einen Anspruch auf Erteilung einer solchen.  Die Wegweisung wurde  demnach  zu Recht  angeordnet  (Art.  44  Abs.  1  AsylG; vgl. BVGE 2009/50 E. 9). 7.  7.1.  Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder  nicht möglich, so regelt das Bundesamt das Anwesenheitsverhältnis nach  den  gesetzlichen  Bestimmungen  über  die  vorläufige  Aufnahme  von  Ausländern  (Art. 44  Abs. 2  AsylG;  Art. 83  Abs. 1  des  Bundesgesetzes  vom 16. Dezember  2005 über  die Ausländerinnen und Ausländer  [AuG,  SR 142.20]). 7.2. Die erwähnten drei Bedingungen für einen Verzicht auf den Vollzug  der  Wegweisung  (Unzulässigkeit,  Unzumutbarkeit  und  Unmöglichkeit)  sind  alternativer Natur:  Sobald  eine  von  ihnen  erfüllt  ist,  ist  der Vollzug  der  Wegweisung  als  undurchführbar  zu  betrachten  und  die  weitere  Anwesenheit  in  der  Schweiz  gemäss  den  Bestimmungen  über  die  vorläufige Aufnahme zu regeln (vgl. EMARK 2006 Nr. 6 E. 4.2 S. 54  ff.).  Gegen  eine  allfällige  Aufhebung  der  vorläufige  Aufnahme  steht  dem  weggewiesenen  Asylsuchenden  wiederum  die  Beschwerde  an  das  Bundesverwaltungsgericht  offen  (Art. 112  AuG  i. V. m.  Art. 84  Abs. 2  AuG),  wobei  in  jenem  Verfahren  die  Vollzugshindernisse  von  Amtes  wegen  und  nach  Massgabe  der  dannzumal  herrschenden  Verhältnisse  von  Neuem  zu  prüfen  sind  (vgl.  BVGE  2009/51  E. 5. 4  mit  weiteren  Hinweisen).

D­3734/2008 7.3.  Weil  sich  vorliegend  der  Vollzug  der  Wegweisung  aus  den  nachfolgend  aufgezeigten Gründen  als  unzumutbar  erweist,  ist  auf  eine  Erörterung der beiden anderen Kriterien zu verzichten. 8.  8.1. Gemäss Art.  83 Abs. 4 AuG kann der Vollzug der Wegweisung  für  Ausländerinnen  und  Ausländer  unzumutbar  sein,  wenn  sie  im  Heimat­  oder  Herkunftsstaat  auf  Grund  von  Situationen  wie  Krieg,  Bürgerkrieg,  allgemeiner  Gewalt  und  medizinischer  Notlage  konkret  gefährdet  sind.  Wird eine konkrete Gefährdung festgestellt,  ist ­ unter Vorbehalt von Art.  83 Abs. 7 AuG ­ die vorläufige Aufnahme zu gewähren. 8.2.  In  Bezug  auf  die  allgemeine  Lage  in  den  drei  nordirakischen  Provinzen  kann  auf  die  vom  Bundesverwaltungsgericht  vorgenommene  Einschätzung der  Lage  in  einem ergangenen Grundsatzurteil  verwiesen  werden  (vgl.  BVGE 2008/5), welche  auch  zum heutigen Zeitpunkt  noch  Gültigkeit hat. Das Gericht stellte in diesem Urteil zusammenfassend fest,  dass  in  den  drei  kurdischen  Provinzen  Dohuk,  Suleimaniya  und  Erbil  keine  Situation  allgemeiner  Gewalt  herrscht  und  die  dortige  politische  Lage nicht dermassen angespannt ist, dass eine Rückführung dorthin als  generell  unzumutbar  betrachtet  werden müsste.  Es wurde  festgehalten,  dass  die  Anordnung  des  Wegweisungsvollzugs  für  alleinstehende,  gesunde  und  junge  kurdische  Männer,  die  ursprünglich  aus  den  Provinzen Dohuk, Suleimaniya oder Erbil stammen und dort nach wie vor  über  ein  soziales  Netz  oder  Parteibeziehungen  verfügen,  in  der  Regel  zumutbar  ist.  Für  alleinstehende  Frauen  und  für  Familien  mit  Kindern  sowie  für  Kranke  und  Betagte  ist  dagegen  bei  der  Feststellung  der  Zumutbarkeit  des  Wegweisungsvollzugs  grosse  Zurückhaltung  angebracht (a.a.O. E. 7.5 und insbesondere E. 7.5.8).  8.3.  Beim  Beschwerdeführer  handelt  es  sich  um  einen  jungen,  alleinstehenden  kurdischen  Mann,  welcher  bis  zu  seiner  Ausreise  aus  dem Irak sein ganzes Leben in der Provinz C._______ verbracht hat. Er  lebte dort bei einem Onkel und arbeitete in einer Bäckerei. 8.4. Aus den Akten geht hervor, dass der Beschwerdeführer am 14. (bzw.  21.)  August  2007  in  der  Schweiz  einen  Arbeitsunfall  erlitten  hat.  Dabei  kam es am  linken Unterschenkel  zu einer Perforationsverletzung und  in  der  Folge  zu  einem  Weichteilinfekt.  Bis  im  November  2007  war  eine  offene  Wundbehandlung  nötig.  Als  Folge  davon  war  der  Beschwerdeführer bis zum 26. November 2007 zu 100% und bis zum 29. 

D­3734/2008 April 2008 zu 50% arbeitsunfähig. Seit dem 3. Juni 2008  ist er noch zu  30%  arbeitsunfähig.  Die  Erhöhung  der  Arbeitsfähigkeit  führte  allerdings  zu  einer  Symptomzunahme.  Seither  ist  eine  medikamentöse  Dauertherapie notwendig. Gemäss ärztlichem Zeugnis vom 4. Juni 2008  leidet der Beschwerdeführer wegen des Unfalls mit kompliziertem Verlauf  an  chronischen  Dauerschmerzen.  Dr.  med.  H.P.H.  stellte  in  seinem  ärztlichen Bericht vom 12. Juni 2008 fest, die Behandlung sei noch nicht  abgeschlossen;  ohne  operative  Narbenkorrektur  sei  die  Prognose  als  stationär  anzusehen.  Ausserdem  erklärte  der  behandelnde  Arzt,  die  Reisefähigkeit  sei  mit  medikamentöser  Therapie  zwar  gegeben,  die  Therapie  im  Herkunftsland  jedoch  nicht  möglich.  Seien  die  sozialen  Verhältnisse  und  die  Behandlung  nicht  optimal,  sei  nach  dem  komplizierten  Verlauf  das  Bein  in  Gefahr.  Gemäss  dem  neuesten  ärztlichen  Bericht  vom  29.  August  2011  hat  sich  die  gesundheitliche  Situation  des  Beschwerdeführers  bis  heute  nicht  verbessert.  Wegen  chronischen  Dauerschmerzen  und  intermittierenden  starken  Schmerzen   werde  der  Beschwerdeführer  auch  weiterhin  ärztlich  mit  den  gleichen  anästhesiologischen  Verfahren  wie  im  März  2008  betreut.  Eine  chirurgische  Beurteilung  habe  ergeben,  dass  das  Risiko  einer  chirurgischen  Korrektur  zu  gross  sei.  In  den  hausärztlichen  Sprechstunden  komme  deutlich  zum  Ausdruck,  dass  der  Beschwerdeführer  eine  chronisch  persistierende  Einschränkung  am  linken Unterschenkel  habe und einer  interventionellen  Injektionstherapie  und medikamentösen Behandlung bedürfe. Unter dieser Therapie sei die  Prognose als stationär anzusehen. 8.5.  Gemäss  der  Einschätzung  in  BVGE  2008/5  ist  die  medizinische  Versorgung im Nordirak als mangelhaft zu bezeichnen. In den Städten ist  die Grundversorgung zwar gewährleistet, aber auch da sind die Patienten  und  das  Medizinalpersonal  mit  veralteten  Anlagen,  unzulänglicher  Infrastruktur,  Mangel  an  Medikamenten  und  qualifiziertem  Personal  konfrontiert.  Die  Landbevölkerung  hat  vielfach  gar  keinen  Zugang  zu  Gesundheitszentren und Apotheken oder wohnt weit von diesen entfernt.  Zusammenfassend  wurde  im  Grundsatzurteil  festgehalten,  dass  geringfügige  gesundheitliche  Beschwerden  in  den  städtischen Gebieten  der KRG­Region in der Regel behandelt werden könnten, dass jedoch ein  permanenter  Medikamentenmangel  herrsche.  Bei  chronischen  Krankheiten  oder  medizinischen  Problemen,  die  eines  spezialisierten  Eingriffs  oder  einer  bestimmten  komplexen  Behandlungsmethode  bedürften,  seien  eine  adäquate  Infrastruktur  und  geschultes  Personal  nicht immer vorhanden (a.a.O. E. 7.5.6). Nach dieser Einschätzung ist die 

D­3734/2008 notwendige medizinische Versorgung des Beschwerdeführers  in  seinem  Heimatstaat vermutlich nicht gewährleistet.  8.6. Aufgrund  des  aktuellen  Arztberichts  vom  29.  August  2011,  in  dem  der  behandelnde  Arzt  des  Beschwerdeführers  erklärt,  dessen  Gesundheitszustand  sei  bezüglich der Einschätzung  vom 12.  Juni  2008  unverändert,  und  mangels  anderslautender  Aussagen  ist  davon  auszugehen,  dass  der  Beschwerdeführer  nach  wie  vor  nicht  voll  arbeitsfähig  ist.  Es  ist  nicht  davon  auszugehen,  dass  der  Beschwerdeführer  mit  seiner  gesundheitlichen  Einschränkung  in  seiner  Heimat überhaupt eine Arbeitsstelle finden wird und wenn doch, dass er  entsprechend der Situation in der Schweiz Teilzeit arbeiten könnte. Damit  dürfte der Beschwerdeführer nur eine geringe Chance haben,  in seinem  Herkunftsstaat ein existenzsicherndes Einkommen zu erzielen. Damit  ist  ein  erfolgreicher  Neuanfang  in  seinem  Heimatland  –  selbst  vor  dem  Hintergrund  einer  eventuellen medizinischen  Versorgung  –  fraglich.  Die  Wahrscheinlichkeit,  dass  der  Beschwerdeführer  bei  einer  Rückkehr  in  den Nordirak  in  eine  existenzielle Notlage  geraten wird,  erscheint  unter  diesen Umständen als gegeben.  8.7. Auf Beschwerdeebene gab der Beschwerdeführer an, sein Onkel und  seine  Schwester  hätten  aufgrund  seiner  Probleme  aus  C._______  wegziehen müssen, ohne dies allerdings zu konkretisieren. Die Frage, ob  der Beschwerdeführer  über  ein  soziales Netz  im Nordirak  verfügt,  kann  offen  gelassen  werden,  da  in  Anbetracht  der  dargelegten  allgemeinen  Umstände der medizinischen Versorgung im Irak sowie der persönlichen  Situation des Beschwerdeführer der Vollzug der Wegweisung bereits aus  gesundheitlichen Gründen nicht zumutbar erscheint. 8.8. Das Bundesverwaltungsgericht  gelangt  deshalb  zum Schluss,  dass  der  Vollzug  der  Wegweisung  des  Beschwerdeführers  in  den  Irak  sich  nach  dem  Gesagten  als  unzumutbar  im  Sinne  von  Art. 83  Abs. 4  AuG  erweist. Nachdem sich aus den Akten keine Hinweise auf das Vorliegen  von Ausschlussgründen  im Sinne von Art. 83 Abs. 7 AuG ergeben, sind  die Voraussetzungen für die Anordnung der vorläufigen Aufnahme erfüllt. 8.9. Aus diesen Erwägungen ergibt sich, dass die Beschwerde nach dem  Gesagten  gutzuheissen  ist,  soweit  sie  die  Frage  des  Wegweisungsvollzugs betrifft.  Im Übrigen  ist sie abzuweisen. Die Ziffern  3 und 4 des Dispositivs der Verfügung des BFM vom 28. Mai 2008 sind  aufzuheben, und die Vorinstanz ist anzuweisen, den Beschwerdeführer in 

D­3734/2008 der  Schweiz  wegen  gegenwärtiger  Unzumutbarkeit  des  Wegweisungsvollzugs vorläufig aufzunehmen. 9.  9.1. Beim vorliegenden Verfahrensausgang ist der Beschwerdeführer mit  seinen  Rechtsbegehren  teilweise  durchgedrungen.  Das  Bundesverwaltungsgericht  geht  in  diesem Fall  praxisgemäss  von einem  hälftigen  Obsiegen  aus.  Somit  sind  dem  Beschwerdeführer  die  Kosten  des Verfahrens  in ermässigtem Umfang aufzuerlegen und auf Fr. 300.­­  festzusetzen (Art. 63 Abs. 1 VwVG i.V.m. Art. 1 ­ 3 des Reglements vom  21. Februar  2008  über  die  Kosten  und  Entschädigungen  vor  dem  Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]).  9.2. Ganz oder teilweise obsiegende Parteien haben Anspruch auf eine  Parteientschädigung  für  die  ihnen  erwachsenen  notwendigen  Kosten  (Art.  64  Abs.  1  VwVG;  Art.  7  Abs.  1  VGKE).  In  Anbetracht  des  teilweisen  Obsiegens  ist  dem  Beschwerdeführer  im  Beschwerdeverfahren  in Anwendung von Art.  64 Abs.  1 VwVG  i.V.m.  Art. 37  VGG  für  die  Kosten  der  Vertretung  und  allfällige  weitere  notwendige  Auslagen  eine  reduzierte  Parteientschädigung  zuzusprechen (Art. 7 VGKE). Mit Eingabe der Beschwerde reichte die  Rechtsvertreterin  des  Beschwerdeführers  eine  Kostennote  zu  den  Akten.  Bis  zur  Einreichung  der  Beschwerde  machte  sie  einen  Vertretungsaufwand  von  sechs  Stunden  à  Fr.  150.­­,  Spesen  in  der  Höhe von Fr. 50.­­ sowie 7,6% Mehrwertsteuer geltend,  insgesamt Fr.  1'022.20.  Bislang  wurde  keine  weitere  Kostennote  zu  den  Akten  gereicht.  Der  notwendige  Vertretungsaufwand  lässt  sich  jedoch  aufgrund  der  Aktenlage  hinreichend  zuverlässig  abschätzen  und  ist  unter  Berücksichtigung  der  massgebenden  Berechnungsfaktoren  von  Amtes wegen auf  insgesamt Fr. 1'300.­­  festzusetzen. Die Vorinstanz  ist  anzuweisen,  dem Beschwerdeführer  eine  um die Hälfte  reduzierte  Parteientschädigung  von  Fr.  650.­­  (inkl.  Auslagen  und  Mehrwertsteuer) auszurichten (Art. 14 Abs. 2 VGKE). (Dispositiv nächste Seite)

D­3734/2008 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird gutgeheissen, soweit die vorläufige Aufnahme des  Beschwerdeführers beantragt wird. Im Übrigen wird sie abgewiesen. 2. Die  Ziffern  3  und  4  des  Dispositivs  der  Verfügung  vom  28. Mai  2008  werden aufgehoben. Das BFM wird angewiesen, die vorläufige Aufnahme  des Beschwerdeführers anzuordnen. 3. Dem  Beschwerdeführer  werden  ermässigte  Verfahrenskosten  in  der  Höhe  von  Fr.  300.­­  auferlegt.  Dieser  Betrag  ist  innert  30  Tagen  ab  Versand des Urteils zu Gunsten der Gerichtskasse zu überweisen. 4. Das  BFM  wird  angewiesen,  dem  Beschwerdeführer  für  das  Rechtsmittelverfahren eine reduzierte Parteientschädigung von Fr. 650.­­  (inkl. Auslagen und Mehrwertsteuer) auszurichten. 5. Dieses  Urteil  geht  an  den  Beschwerdeführer,  das  BFM  und  die  zuständige kantonale Behörde. Der vorsitzende Richter: Die Gerichtsschreiberin: Hans Schürch Corinne Krüger Versand:

D-3734/2008 — Bundesverwaltungsgericht 06.10.2011 D-3734/2008 — Swissrulings