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Bundesverwaltungsgericht 20.09.2011 D-3526/2011

20. September 2011·Deutsch·CH·CH_BVGE·PDF·1,552 Wörter·~8 min·1

Zusammenfassung

Asyl und Wegweisung | Asyl und Wegweisung; Verfügung des BFM vom 19. Mai 2011

Volltext

Bundesve rwa l t ungsge r i ch t T r i buna l   adm in istratif   f édé ra l T r i buna l e   ammin istrati vo   f ede ra l e T r i buna l   adm in istrativ   f ede ra l Abteilung IV D­3526/2011/wif Urteil   v om   2 0 .   S ep t embe r   2011 Besetzung Einzelrichter Fulvio Haefeli (Vorsitz), mit Zustimmung von Richter Gérald Bovier;  Gerichtsschreiberin Ulrike Raemy. Parteien A._______, geboren am (…), Irak, vertreten durch lic. iur. Serif Altunakar, Beschwerdeführer,  gegen Bundesamt für Migration (BFM), Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Asyl und Wegweisung;  Verfügung des BFM vom 19. Mai 2011 / N_______.

D­3526/2011 Sachverhalt: A.  Eigenen  Angaben  zufolge  verliess  der  Beschwerdeführer  den  Irak  am  18. November 2008 und gelangte via die Türkei, Griechenland und Italien  am 15. März 2009 illegal in die Schweiz. Hier stellte er am selben Tag ein  Asylgesuch.  Am  23.  März  2009  fand  im  Empfangs­  und  Verfahrenszentrum  (EVZ)  B._______  die  Befragung  zur  Person  (BzP)  statt.  Am  27.  April  2009  wurde  der  Beschwerdeführer  direkt  zu  seinen  Asylgründen angehört. B.  Zur Begründung seines Asylgesuches machte der Beschwerdeführer, ein  irakischer Kurde mit  letztem Wohnsitz in C._______ (Provinz Dohuk),  im  Wesentlichen  geltend,  er  habe  von  Geburt  an  bis  im  Jahr  2007  im  Quartier  D._______  (Stadt  E._______,  Provinz  F._______)  gelebt,  danach habe er sich bis zu seiner Ausreise in C._______ niedergelassen.  Er sei nicht zur Schule gegangen,  jedoch habe er nach dem Tod seines  Vaters während fünf Jahren dessen Geschäft geführt. Sein Bruder sei seit  Beginn  des  Jahres  2007  verschwunden,  weshalb  ein  Onkel  väterlicherseits  ihn, seine Mutter und seine Schwester eingeladen habe,  bei  ihm  zu wohnen. Daraufhin  habe  seine Mutter  das  auf  ihren Namen  registrierte Haus verkauft. Die Verkaufsurkunde wie auch den Erlös aus  dem  Hausverkauf  habe  sie  dem  Onkel  anvertraut.  Dieser  habe  jedoch  sein Versprechen,  für  die Familie  des Beschwerdeführers  in C._______  ein  Haus  zu  bauen,  nicht  eingehalten,  sondern  das  Geld  für  sich  behalten.  Zudem  habe  der  Onkel  ihn  schlecht  behandelt,  indem  er  ihn  verbal  erniedrigt  habe.  Er  habe  ihm  eine  Arbeit  als  Transporteur  vermittelt,  ihn  für  sich  arbeiten  lassen  und  den  Lohn  des  Beschwerdeführers  beansprucht.  Obwohl  sich  die  Familie  des  Beschwerdeführers  ungerecht  behandelt  gefühlt  habe,  habe  sie  aus  Furcht vor der Reaktion des Onkels keine Anzeige erstattet. Wegen der  fortdauernden schlechten Behandlung durch seinen Onkel, gegen die er  sich nicht habe zur Wehr setzen können, habe er jeweils die Hälfte eines  Tageslohnes für die geplante Ausreise zur Seite gelegt. Ein Freund habe  die  Ausstellung  des  Reisepasses  veranlasst  und  seine  Ausreise  organisiert.  C.  Mit Verfügung vom 19. Mai 2011 – eröffnet am 23. Mai 2011 – lehnte das  BFM das Asylgesuch ab und ordnete die Wegweisung aus der Schweiz 

D­3526/2011 und  den Vollzug  an.  Zur Begründung wurde  unter  anderem ausgeführt,  die Vorbringen des Beschwerdeführers genügten den Anforderungen an  die  Flüchtlingseigenschaft  gemäss Art.3  des Asylgesetzes  vom 26. Juni  1998 (AsylG, SR 142.31) nicht.  Das  BFM  führte  insbesondere  aus,  dass  Übergriffe  durch  Dritte  oder  Befürchtungen, künftig solchen ausgesetzt zu sein, nur dann aslyrelevant  seien, wenn der Staat seiner Schutzpflicht nicht nachkomme oder nicht in  der  Lage  sei,  Schutz  zu  gewähren.  Generell  sei  Schutz  gewährleistet,  wenn  der  Staat  geeignete  Massnahmen  treffe,  um  die  Verfolgung  zu  verhindern, beispielsweise durch wirksame Polizei­ und Justizorgane zur  Ermittlung,  Strafverfolgung  und  Ahndung  von  Verfolgungshandlungen,  und wenn Antragsteller Zugang zu diesem Schutz hätten (vgl. Urteil des  Bundesverwaltungsgerichts D­4404/2006 vom 2. Mai 2008). Bei  den  vom  Beschwerdeführer  geltend  gemachten  Vorkommnissen  handle  es  sich  um  Unregelmässigkeiten  durch  eine  Privatperson.  Aus  den  Angaben  des  Beschwerdeführers  würden  sich  keine  konkreten  Hinweise  darauf  ergeben,  dass  eine  Inanspruchnahme  des  staatlichen  Schutzes nicht möglich gewesen wäre, zumal dem Beschwerdeführer laut  eigenen Angaben bewusst  gewesen  sei,  dass die Behörden  ihm hätten  helfen können (vgl. Akten der Vorinstanz A18/15 S. 7 F.57). Ausserdem  seien die Behörden im kurdischen Nordirak grundsätzlich schutzwillig und  schutzfähig  (vgl.  Entscheidungen  des  Schweizerischen  Bundesverwaltungsgericht [BVGE] 2008/5). Damit seien diese Vorbringen  grundsätzlich für die Asylgewährung nicht relevant. Überdies  sei  der  Beschwerdeführer  der  wiederholten  Aufforderung  zur  Einreichung  von  Ausweispapieren,  letztmals  anlässlich  der  Bundesanhörung vom 27. April 2011, nicht nachgekommen. Die Vorbringen des Beschwerdeführers hielten den Anforderungen an die  Flüchtlingseigenschaft gemäss Art. 3 AsylG nicht stand. Es erübrige sich  deshalb,  auf  vorhandene  Ungereimtheiten  und  Widersprüche  in  den  Vorbringen  des  Beschwerdeführers  einzugehen,  sie  würden  an  den  ohnehin fehlende Asylgründen nichts ändern.  Mit  Beschwerde  an  das  Bundesverwaltungsgericht  vom  22.  Juni  2011  liess  der  Beschwerdeführer  die  Aufhebung  der  vorinstanzlichen  Verfügung  beantragen.  Es  sei  festzustellen,  dass  er  die 

D­3526/2011 Flüchtlingseigenschaft  erfülle  und  es  sei  ihm  Asyl  zu  gewähren.  Eventualiter  sei  die  Unzulässigkeit,  allenfalls  die  Unzumutbarkeit  der  Wegweisung  festzustellen  und  als  Folge  davon  sei  von  Amtes  wegen  dem  Beschwerdeführer  die  vorläufige  Aufnahme  zu  gewähren.  In  prozessualer  Hinsicht  wurde  der  Verzicht  auf  die  Erhebung  eines  Verfahrenskostenvorschusses beantragt.  Zur  Begründung  wiederholte  der  Beschwerdeführer  im  Wesentlichen  seine bisherigen Vorbringen und hielt an deren Asylrelevanz fest. Er habe  die Wahrheit gesagt und aus seinen Aussagen gehe hervor, dass er einer  nichtstaatlichen  Verfolgung  ausgesetzt  sei.  Die  ehemalige  Schweizerische  Asylrekurskommission  (ARK)  habe  in  einem  Grundsatzurteil  vom 8. Juni  2006  (Entscheidungen und Mitteilungen der  Schweizerischen  Asylrekurskommission  [EMARK]  2006  Nr. 18)  ihre  Rechtsprechung  zur  flüchtlingsrechtlichen  Relevanz  nichtstaatlicher  Verfolgung  geändert  und  sich  für  den  Wechsel  zu  Schutztheorie  entschieden.  Diese  Theorie  sei  auch  auf  den  vorliegenden  Fall  anwendbar. C.a.  Mit  Zwischenverfügung  vom  6.  Juli  2011  teilte  der  zuständige  Instruktionsrichter  des  Bundesverwaltungsgerichts  dem  Beschwerdeführer  mit,  er  könne  den  Ausgang  des  Verfahrens  in  der  Schweiz  abwarten.  Gleichzeitig  wies  er  das  Gesuch  um  Befreiung  von  der  Kostenvorschusspflicht  infolge  Aussichtslosigkeit  der  Begehren  ab,  und  forderte den Beschwerdeführer unter Hinweis auf die Säumnisfolge  auf,  bis  zum  26.  Juli  2011  einen  Kostenvorschuss  in  der  Höhe  von  Fr.  600.­­ zu leisten.  C.b. Der  Beschwerdeführer  leistete  den  einverlangten  Kostenvorschuss  am 21. Juli 2011. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1.  1.1. Gemäss Art. 31 des Verwaltungsgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005  (VGG, SR 173.32) beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Beschwerden  gegen Verfügungen nach Art. 5 des Bundesgesetzes vom 20. Dezember 

D­3526/2011 1968  über  das  Verwaltungsverfahren  (VwVG,  SR 172.021).  Das  BFM  gehört zu den Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz  des  Bundesverwaltungsgerichts.  Eine  das  Sachgebiet  betreffende  Ausnahme  im  Sinne  von  Art. 32  VGG  liegt  nicht  vor.  Das  Bundesverwaltungsgericht  ist  daher  zuständig  für  die  Beurteilung  der  vorliegenden  Beschwerde  und  entscheidet  auf  dem  Gebiet  des  Asyls  endgültig,  ausser  bei  Vorliegen  eines  Auslieferungsersuchens  des  Staates,  vor  welchem  die  beschwerdeführende  Person  Schutz  sucht  (Art. 105  AsylG;  Art. 83  Bst. d  Ziff. 1  des  Bundesgerichtsgesetzes  vom  17. Juni 2005 [BGG, SR 173.110]). 1.2. Das  Verfahren  richtet  sich  nach  dem  VwVG,  dem  VGG  und  dem  BGG, soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6  AsylG). 1.3.  Die  Beschwerde  ist  frist­  und  formgerecht  eingereicht.  Der  Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist  durch  die  angefochtene  Verfügung  besonders  berührt  und  hat  ein  schutzwürdiges  Interesse  an  deren  Aufhebung  beziehungsweise  Änderung.  Er  ist  daher  zur  Einreichung  der  Beschwerde  legitimiert  (Art. 105 und Art. 108 Abs. 1 AsylG, Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 VwVG).  Auf die Beschwerde ist einzutreten. 2.  Mit  Beschwerde  kann  die  Verletzung  von  Bundesrecht,  die  unrichtige  oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts und  die Unangemessenheit gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG). 3.  Über offensichtlich unbegründete Beschwerden wird in einzelrichterlicher  Zuständigkeit  mit  Zustimmung  eines  zweiten  Richters  beziehungsweise  einer  zweiten  Richterin  entschieden  (Art. 111  Bst. e  AsylG).  Wie  nachstehend  aufgezeigt,  handelt  es  sich  vorliegend  um  eine  solche,  weshalb  der  Beschwerdeentscheid  nur  summarisch  zu  begründen  ist  (Art. 111a Abs. 2 AsylG). Gestützt  auf  Art. 111a  Abs. 1  AsylG  wurde  vorliegend  auf  die  Durchführung eines Schriftenwechsels verzichtet.

D­3526/2011 4.  Gemäss  Art. 2  Abs. 1  AsylG  gewährt  die  Schweiz  Flüchtlingen  grundsätzlich  Asyl.  Flüchtlinge  sind  Personen,  die  in  ihrem Heimatstaat  oder  im Land,  in dem sie zuletzt wohnten, wegen  ihrer Rasse, Religion,  Nationalität,  Zugehörigkeit  zu  einer  bestimmten  sozialen  Gruppe  oder  wegen ihrer politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt  sind  oder  begründete  Furcht  haben,  solchen  Nachteilen  ausgesetzt  zu  werden (Art. 3 Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich  die  Gefährdung  des  Leibes,  des  Lebens  oder  der  Freiheit  sowie  Massnahmen, die einen unerträglichen psychischen Druck bewirken. Den  frauenspezifischen Fluchtgründen ist Rechnung zu tragen (Art. 3 AsylG). Wer  um  Asyl  nachsucht,  muss  die  Flüchtlingseigenschaft  nachweisen  oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die  Behörde  ihr  Vorhandensein  mit  überwiegender  Wahrscheinlichkeit  für  gegeben  hält.  Unglaubhaft  sind  insbesondere  Vorbringen,  die  in  wesentlichen  Punkten  zu  wenig  begründet  oder  in  sich  widersprüchlich  sind, den Tatsachen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte  oder verfälschte Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG). 5.  5.1. Die Vorbringen  in  der Rechtsmitteleingabe  vom 22.  Juni  2011  sind  nicht  geeignet,  eine  Änderung  der  vorinstanzlichen  Verfügung  zu  bewirken.  Der  Argumentation  des  BFM  werden  keine  stichhaltigen  und  substanziierten  Gründe  entgegengesetzt.  Eine  diesbezügliche  Auseinandersetzung  unterbleibt  zwar  nicht  gänzlich.  Die  Ausführungen  des  Beschwerdeführers  vermögen  jedoch  die  nachvollziehbaren  Erwägungen  des  BFM  nicht  umzustossen.  Der  Beschwerdeführer  verweist zwar auf den in der Schweizer Asylpraxis mit EMARK 2006 Nr.  18 erfolgten Wechsel von der Zurechenbarkeits­ zur Schutztheorie, doch  vermag  er  daraus  nichts  zu  seinen  Gunsten  abzuleiten.  So  wird  im  zitierten  Entscheid  ausdrücklich  festgehalten,  dass  der  Schutz  vor  nichtstaatlicher  Verfolgung  im  Heimatstaat  dann  als  ausreichend  zu  qualifizieren  sei,  wenn  die  betroffene  Person  effektiv  Zugang  zu  einer  funktionierenden  und  effizienten  Schutz­Infrastruktur  habe  und  ihr  die  Inanspruchnahme  eines  solchen  innerstaatlichen  Schutzsystems 

D­3526/2011 individuell  zumutbar  sei  (vgl.  EMARK  2006  Nr.  18  E.10.3).  Im  vorliegenden Fall hat der Beschwerdeführer nicht geltend gemacht, sich  bei den Polizeibehörden vergeblich um Schutz vor seinem Onkel bemüht  zu haben. Vielmehr hat er  seinen eigenen Aussagen zufolge aus Angst  vor  dessen  Reaktion  darauf  verzichtet,  bei  der  Polizei  eine  Anzeige  zu  erstatten  (vgl. A18/15 S. 7 F. 57). Er habe seinen Onkel  im Jahre 2008  schon  einmal  anzeigen  wollen,  als  der  Onkel  jedoch  davon  erfahren  habe, sei er noch strenger geworden (vgl. A18/15 S. 6 F. 52 und F. 54).  Mangels  objektiv  und  subjektiv  zumutbarer  Inanspruchnahme  des  irakischen Schutzsystems kann dem irakischen Staat weder ein fehlender  Schutzwille  noch eine  fehlende Schutzfähigkeit  vorgeworfen werden.  Im  Übrigen besteht für das Bundesverwaltungsgericht nach Überprüfung der  Akten  keine  Veranlassung,  die  Erwägungen  des  Bundesamtes  zu  beanstanden.  Um  Wiederholungen  zu  vermeiden,  kann  daher  auf  die  zutreffenden  Erwägungen  in  der  angefochtenen  Verfügung  verwiesen  werden. 5.2. Bei dieser Sachlage erübrigt es sich, auf die weiteren Ausführungen  in  der  Beschwerde  im  Einzelnen  einzugehen,  da  diese  nicht  geeignet  sind,  zu  einer  anderen  rechtlichen Würdigung  der  Aktenlage  zu  führen.  Unter  diesen  Umständen  ist  somit  festzuhalten,  dass  der  Beschwerdeführer  einen  flüchtlingsrechtliche  bedeutsamen  Sachverhalt  weder  nachgewiesen noch glaubhaft  gemacht  hat. Die Feststellung des  BFM,  der  Beschwerdeführer  erfülle  die  Flüchtlingseigenschaft  gemäss  Art. 3 AsylG nicht, ist dementsprechend zu bestätigen. Das BFM hat das  Asylgesuch zu Recht und mit zutreffender Begründung abgelehnt. 6.  6.1. Lehnt  das Bundesamt  das Asylgesuch  ab  oder  tritt  es  darauf  nicht  ein,  so  verfügt  es  in  der  Regel  die Wegweisung  aus  der  Schweiz  und  ordnet den Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit  der Familie (Art. 44 Abs. 1 AsylG). 6.2. Der Beschwerdeführer  verfügt weder  über  eine  ausländerrechtliche  Aufenthaltsbewilligung  noch  über  einen  Anspruch  auf  Erteilung  einer  solchen. Die Wegweisung wurde demnach zu Recht angeordnet (Art. 44  Abs. 1 AsylG; vgl. BVGE 2009/50 E. 9 S. 733 mit weiteren Hinweisen). 7. 

D­3526/2011 7.1.  Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder  nicht möglich, so regelt das Bundesamt das Anwesenheitsverhältnis nach  den  gesetzlichen  Bestimmungen  über  die  vorläufige  Aufnahme  von  Ausländern  (Art. 44  Abs. 2  AsylG;  Art. 83  Abs. 1  des  Bundesgesetzes  vom 16. Dezember 2005 über die Ausländerinnen und Ausländer  [AuG,  SR 142.20]). Bezüglich  der  Geltendmachung  von  Wegweisungshindernissen  gilt  gemäss  ständiger  Praxis  des  Bundesverwaltungsgerichts  und  seiner  Vorgängerorganisation  ARK  der  gleiche  Beweisstandard  wie  bei  der  Flüchtlingseigenschaft, das heisst, sie sind zu beweisen, wenn der strikte  Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft zu machen (vgl.  WALTER  STÖCKLI,  Asyl,  in:  Uebersax/Rudin/Hugi  Yar/Geiser  [Hrsg.],  Ausländerrecht, 2. Aufl., Basel 2009, Rz. 11.148). 7.2. Der Vollzug ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche Verpflichtungen  der  Schweiz  einer Weiterreise  der  Ausländerin  oder  des  Ausländers  in  den  Heimat­,  Herkunfts­  oder  einen  Drittstaat  entgegenstehen  (Art. 83  Abs. 3 AuG). So  darf  keine  Person  in  irgendeiner  Form  zur  Ausreise  in  ein  Land  gezwungen  werden,  in  dem  ihr  Leib,  ihr  Leben  oder  ihre  Freiheit  aus  einem  Grund  nach  Art. 3  Abs. 1  AsylG  gefährdet  ist  oder  in  dem  sie  Gefahr  läuft,  zur  Ausreise  in  ein  solches  Land  gezwungen  zu  werden  (Art. 5  Abs. 1  AsylG;  vgl.  ebenso  Art. 33  Abs. 1  des  Abkommens  vom  28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge [FK, SR 0.142.30]). Gemäss  Art. 25  Abs. 3  der  Bundesverfassung  der  Schweizerischen  Eidgenossenschaft  vom  18. April  1999  (BV,  SR 101),  Art. 3  des  Übereinkommens  vom  10. Dezember  1984  gegen  Folter  und  andere  grausame,  unmenschliche  oder  erniedrigende  Behandlung  oder  Strafe  (FoK,  SR 0.105)  und  der  Praxis  zu  Art. 3  der  Konvention  vom  4. November 1950 zum Schutz der Menschenrechte und Grundfreiheiten  (EMRK,  SR 0.101)  darf  niemand  der  Folter  oder  unmenschlicher  oder  erniedrigender Strafe oder Behandlung unterworfen werden. 7.3.  Die  Vorinstanz  wies  in  ihrer  angefochtenen  Verfügung  zutreffend  darauf hin, dass das Prinzip des  flüchtlingsrechtlichen Non­Refoulement  nur Personen schützt, die die Flüchtlingseigenschaft erfüllen. Da es dem  Beschwerdeführer  nicht  gelungen  ist,  eine  asylrechtlich  erhebliche  Gefährdung nachzuweisen oder glaubhaft zu machen, kann der  in Art. 5 

D­3526/2011 AsylG  verankerte  Grundsatz  der  Nichtrückschiebung  im  vorliegenden  Verfahren  keine  Anwendung  finden.  Eine  Rückkehr  des  Beschwerdeführers  in  den  Heimatstaat  ist  demnach  unter  dem  Aspekt  von Art. 5 AsylG rechtmässig. Sodann ergeben sich weder aus den Aussagen des Beschwerdeführers  noch  aus  den  Akten  Anhaltspunkte  dafür,  dass  er  für  den  Fall  einer  Ausschaffung in den Heimatstaat dort mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit  einer  nach  Art. 3  EMRK  oder  Art. 1  FoK  verbotenen  Strafe  oder  Behandlung  ausgesetzt  wäre.  Gemäss  Praxis  des  Europäischen  Gerichtshofes  für  Menschenrechte  (EGMR)  sowie  jener  des  UN­Anti­ Folterausschusses  müsste  der  Beschwerdeführer  eine  konkrete  Gefahr  ("real  risk")  nachweisen  oder  glaubhaft machen,  dass  ihm  im Fall  einer  Rückschiebung  Folter  oder  unmenschliche  Behandlung  drohen  würde  (vgl.  EGMR  [Grosse  Kammer],  Saadi  gegen  Italien,  Urteil  vom  28. Februar 2008, Beschwerde Nr. 37201/06, §§ 124 – 127, mit weiteren  Hinweisen).  Auch  die  allgemeine  Menschenrechtssituation  im  Heimatstaat  lässt  den  Wegweisungsvollzug  zum  heutigen  Zeitpunkt  klarerweise nicht als unzulässig erscheinen. Nach dem Gesagten ist der  Vollzug  der  Wegweisung  sowohl  im  Sinne  der  asyl­  als  auch  der  völkerrechtlichen Bestimmungen zulässig. 7.4.    Gemäss  Art. 83  Abs. 4  AuG  kann  der  Vollzug  für  Ausländerinnen  und  Ausländer  unzumutbar  sein,  wenn  sie  im  Heimat­  oder  Herkunftsstaat  auf  Grund  von  Situationen  wie  Krieg,  Bürgerkrieg,  allgemeiner  Gewalt  und  medizinischer  Notlage  konkret  gefährdet  sind.  Wird  eine  konkrete  Gefährdung  festgestellt,  ist  –  unter  Vorbehalt  von  Art. 83  Abs. 7  AuG  –  die  vorläufige  Aufnahme  zu  gewähren  (vgl.  Botschaft  zum  Bundesgesetzt  über  die  Ausländerinnen  und  Ausländer  vom  8.  März  2002,  BBl  2002  3818).  Im  hier  interessierenden  Zusammenhang  hat  das  Bundesverwaltungsgericht  mit  seinem  Urteil  BVGE  2008/5  eine  Einschätzung  der  Sicherheitslage  in  den  drei  autonomen  kurdischen  Nordprovinzen  Dohuk,  Erbil  und  Suleimaniya  vorgenommen,  die  auch  heute  weiterhin Gültigkeit  beanspruchen  kann.  Es  wurde  festgestellt,  dass  in  den  drei  kurdischen  Provinzen  keine  Situation  allgemeiner  Gewalt  herrscht,  und  die  dortige  politische  Lage  nicht  dermassen  angespannt  ist,  als  dass  eine Rückführung  dorthin  als  generell unzumutbar betrachtet werden müsste beziehungsweise Anlass  zur Annahme einer  konkreten Gefährdung bestehe. Die Anordnung des  Wegweisungsvollzuges setzt jedoch voraus, dass die betreffende Person  entweder ursprünglich aus der Region stammt oder eine längere Zeit dort 

D­3526/2011 gelebt  hat  und  über  ein  soziales  Netz  (Familie,  Verwandtschaft  oder  Bekanntenkreis)  oder  über  Beziehungen  zu  den  herrschenden  Parteien  verfügt  (vgl.  BVGE  2008/5  E.75;  insbesondere  E. 7.5.8).  Andernfalls  dürfte  eine  soziale  und  wirtschaftliche  Integration  in  die  kurdische  Gesellschaft  nicht  gelingen,  da  der  Erhalt  einer  Arbeitsstelle  oder  von  Wohnraum  weitgehend  von  gesellschaftlichen  und  politischen  Beziehungen  abhängt.  Die  Anordnung  des  Wegweisungsvollzugs  ist  in  der Regel  für alleinstehende, gesunde und  junge kurdische Männer, die  ursprünglich aus der Region stammen, zumutbar. 7.5.  Die  Sicherheitslage  im  Nordirak  hat  sich  seit  der  Publikation  des  erwähnten  Urteils  nicht  verschlechtert.  In  der  überwiegenden  Mehrheit  der  Berichte  von  Regierungs­  und  Nichtregierungsorganisationen  sowie  des UN­Sicherheitsrats wird eine insgesamt stabile Situation beschrieben  (vgl.  dazu  UK  Home  Office,  Country  of  Origin  Information  Report  vom  25. März 2011 über die Kurdistan Regional Government Area of Iraq).  7.6. Der gemäss den Akten nunmehr fast 22­jährige Beschwerdeführer ist  ein ethnischer Kurde, der seine prägenden Kinder­ und Jugendjahre bis  im Jahr 2007 in der Stadt E._______ verbracht, und anschliessend bis zu  seiner  Ausreise  im  November  2008  in  C._______  (Provinz  Dohuk).  Sodann  leben  seinen  Aussagen  zufolge  seinen  nahen  Verwandten  (neben  dem  bereits  erwähnten  Onkel,  ein  Onkel  mütterlicherseits,  eine  Tante  väterlicherseits,  seine  Mutter  sowie  seine  Schwester)  in  C._______, weshalb der Beschwerdeführer dort auch über ein familiäres  Beziehungsnetz verfügt (vgl. A18/15 S. 3 f. F.23 f.). Da er über berufliche  Erfahrung  als  Transporteur  wie  auch  über  verwandtschaftliche  Unterstützung  verfügt,  hat  er  keinerlei  Veranlassung,  mit  einer  existenzbedrohenden Situation zu rechnen.  Gestützt  auf  die  vorstehenden  Erwägungen  ist  der  Vollzug  der  Wegweisung  sowohl  vor  dem  Hintergrund  der  allgemeinen  Lage  im  Nordirak als auch in individueller Hinsicht als zumutbar zu erachten. 7.7.  Schliesslich  obliegt  es  dem  Beschwerdeführer,  sich  bei  der  zuständigen  Vertretung  des  Heimatstaates  die  für  eine  Rückkehr  notwendigen  Reisedokumente  zu  beschaffen  (vgl.  Art. 8  Abs. 4  AsylG  und dazu auch BVGE 2008/34 E. 12 S. 513 – 515), weshalb der Vollzug  der  Wegweisung  auch  als  möglich  zu  bezeichnen  ist  (Art. 83  Abs. 2  AuG).

D­3526/2011 8.  Aus  diesen  Erwägungen  ergibt  sich,  dass  die  angefochtene  Verfügung  Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig und  vollständig  feststellt  und  angemessen  ist  (Art. 106  AsylG).  Die  Beschwerde ist nach dem Gesagten abzuweisen. 9.  Bei  diesem  Ausgang  des  Verfahrens  sind  die  Kosten  dem  Beschwerdeführer  aufzuerlegen  (Art. 63  Abs. 1  VwVG),  auf  insgesamt  Fr. 600.­­ festzusetzen (Art. 1 – 3 des Reglements vom 21. Februar 2008  über  die  Kosten  und  Entschädigungen  vor  dem  Bundesverwaltungsgericht  [VGKE,  SR  173.320.2])  und mit  dem  am  21.  Juli 2011 geleisteten Kostenvorschuss in derselben Höhe zu verrechnen. (Dispositiv nächste Seite)

D­3526/2011 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1.  Die Beschwerde wird abgewiesen. 2.  Die  Verfahrenskosten  von  Fr. 600.­­  werden  dem  Beschwerdeführer  auferlegt  und  sind  mit  dem  am  21.  Juli  2011  in  derselben  Höhe  geleisteten Kostenvorschuss zu verrechnen. 3.  Dieses  Urteil  geht  an  den  Beschwerdeführer,  das  BFM  und  die  zuständige kantonale Behörde. Der Einzelrichter: Die Gerichtsschreiberin: Fulvio Haefeli Ulrike Raemy Versand:

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