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Bundesverwaltungsgericht 12.07.2011 D-3523/2011

12. Juli 2011·Deutsch·CH·CH_BVGE·PDF·1,614 Wörter·~8 min·1

Zusammenfassung

Asylgesuch aus dem Ausland und Einreisebewilligung | Asylgesuch aus dem Ausland und Einreisebewilligung; Verfügung des BFM vom 7. April 2011

Volltext

Bundesve rwa l t ungsge r i ch t T r i buna l   adm in istratif   f édé ra l T r i buna l e   ammin istrati vo   f ede ra l e T r i buna l   adm in istrativ   f ede ra l Abteilung IV D­3523/2011/les Urteil   v om   1 2 .   Juli   2011 Besetzung Einzelrichter Hans Schürch, mit Zustimmung von Richterin Contessina Theis,    Gerichtsschreiberin Eva Zürcher. Parteien A._______, geboren am (…), Türkei,   vertreten durch Nicole Hohl, Advokatin, Beschwerdeführer,  gegen Bundesamt für Migration (BFM),  Quellenweg 6, 3003 Bern,    Vorinstanz.  Gegenstand Asylgesuch aus dem Ausland und Einreisebewilligung;  Verfügung des BFM vom 7. April 2011 / N (…).

D­3523/2011 Das Bundesverwaltungsgericht stellt fest: A.  Der  Beschwerdeführer,  ein  Staatsangehöriger  der  Türkei  kurdischer  Ethnie  mit  letztem Wohnsitz  in  B._______,  ersuchte  am  15.  November  2010 bei der schweizerischen Vertretung in C._______ um Anerkennung  als  Flüchtling  in  der  Schweiz.  Am  11.  Januar  2011 wurde  er  anlässlich  seines  Besuchs  bei  der  schweizerischen  Botschaft  in  C._______  angehört. Er machte geltend, er sei ledig und Student und stehe – wie die  ganze Familie – durch die Flucht seines Vaters aus der Türkei unter dem  Druck  der  Sicherheitskräfte.  Ende  2009  sei  er  in  B._______  von  Polizisten  in  Streifenwagen  kontrolliert  und  nach  dem  Vater  gefragt  worden. Andere Studenten hätten diesen Vorfall vor dem Studentenheim  beobachtet. Später sei er von Anhängern der Jugendgruppe  (Ülkücüler)  der Milliyetçi Hareket Partisi (MHP, deutsch: „Partei der Nationalistischen  Bewegung")  im  Studentenheim  aufgesucht  und  als  Verräter  bezeichnet  worden.  Der  Anführer  habe  ihm  gesagt,  man  werde  sich  noch  sehen.  Später hätten die MHP­Anhänger versucht,  ihn zur Teilnahme an einem  ihrer wöchentlichen  Treffen  zu  veranlassen, was  er  indessen  abgelehnt  habe. Auf Rat des Direktors, der ihm gesagt habe, dass die Gruppe auch  von aussen unterstützt werde und er nicht viel dagegen tun könne, sei er  im Dezember  2009  in  eine  andere Wohnung  gezogen.  Seither  habe  er  mit den Ülkücüler keine Probleme wegen seines Vaters mehr bekommen.  Später sei er in B._______ noch zwei Mal von Polizisten in Zivil  im Auto  verfolgt  worden,  ohne  jedoch  in  Kontakt  mit  ihnen  zu  kommen.  Im  September 2010 seien in seiner Anwesenheit am Wohnsitz seiner Familie  in  D._______  drei  Polizisten  in  Zivil  erschienen  und  hätten  sich  erneut  nach dem Vater erkundigt. Die Polizisten hätten einen Festnahmebefehl  gegen den Vater erwähnt und gesagt, sie würden wissen, dass er sich in  der  Türkei  versteckt  aufhalte.  Nach  fünf  Minuten  seien  sie  wieder  gegangen. Später, als er wieder in B._______ gewesen sei, hätten sie die  Familie erneut aufgesucht und sich nach dem Vater erkundigt. Insgesamt  sei dies acht oder zehn Mal vorgekommen.  B.  Mit  Verfügung  vom  7.  April  2011  verweigerte  das  BFM  dem  Beschwerdeführer  die  Einreise  in  die  Schweiz  und  lehnte  sein  Asylgesuch  ab. Zur  Begründung  machte  es  geltend,  dass  die  vom  Beschwerdeführer  geltend gemachten Reflexverfolgungsmassnahmen grundsätzlich möglich 

D­3523/2011 seien,  weil  sein  Vater,  ein  kurdischer  Musiker,  in  mehrere  politisch  motivierte Strafverfahren involviert gewesen und am 11. Juni 2010 in der  Schweiz  als  Flüchtling  anerkannt  worden  sei.  Aufgrund  ihrer  Art  und  Intensität vermöchten die geltend gemachten Einschüchterungsversuche  und  Kontrollen  indessen  den  Anforderungen  an  eine  einreiserelevante  Verfolgung  nicht  zu  genügen.  Zudem  sei  es  dem  Beschwerdeführer  zumutbar und möglich, beispielsweise mit der Hilfe eines Rechtsanwaltes  oder einer Menschenrechtsorganisation Anzeige zu erstatten. Ungeachtet  der Frage der  Intensität der geltend gemachten Reflexverfolgung handle  es  sich  ferner  um  nur  lokal  beschränkte  Verfolgungsmassnahmen,  weshalb  der  Beschwerdeführer  diesen  durch  den  Wegzug  in  einen  anderen  Teil  seines  Heimatlandes  ausweichen  könne.  Gemäss  seinen  Angaben sei auch dessen Mutter von den Behelligungen betroffen. Diese  hätte  jedoch  die  Türkei  gestützt  auf  eine  vom  BFM  erteilte  Einreisebewilligung bereits seit November 2010 verlassen können, um zu  ihrem Ehemann  in die Schweiz zu  reisen. Die Tatsache, dass sie diese  Möglichkeit  bisher  nicht  genutzt  habe,  spreche  gegen  eine  wirklich  unhaltbare  Bedrohungslage,  der  sie  sich  nur  durch  Flucht  ins  Ausland  entziehen  könne.  Somit  sei  keine  Schutzbedürftigkeit  zu  bejahen.  Hinsichtlich  der  geltend  gemachten Druckversuche  durch Anhänger  der  MHP  legte  das BFM dar,  dass  es  sich  um Behelligungen  durch  private  Drittpersonen  handle,  die  nur  dann  einreiserelevant  seien,  wenn  der  Beschwerdeführer  bei  den heimatlichen Behörden  keinen Schutz  finden  könne.  Dafür  würden  indessen  gestützt  auf  die  bestehende  Aktenlage  konkrete  Anhaltspunkte  fehlen.  Zudem  seien  die  geschilderten  Behelligungen  durch  den  Umzug  in  eine  andere  Wohnung  bereits  weggefallen.  Insgesamt  sei  der Beschwerdeführer  nicht  schutzbedürftig,  weshalb  ihm  die  Einreise  in  die  Schweiz  nicht  bewilligt  werde  und  sein  Asylgesuch abzulehnen sei. C.  Mit Beschwerde vom 21. Juni 2011 beantragte der Beschwerdeführer die  vollumfängliche Aufhebung  der  angefochtenen Verfügung  des BFM,  die  Einreisebewilligung und die Möglichkeit, das Beschwerdeverfahren in der  Schweiz abzuwarten, sowie die Gutheissung seines Asylgesuchs und die  Anerkennung als Flüchtling. In  verfahrensrechtlicher Hinsicht ersuchte er  um  Gewährung  der  vollständigen  unentgeltlichen  Rechtspflege  für  den  Fall  des  Unterliegens,  um  einen  unverzüglichen  Entscheid  über  das  Gesuch  um  Einreise  in  die  Schweiz  und  um  ein  Replikrecht.  Zur  Begründung  wurde  vorgebracht,  die  Vorinstanz  habe  die  Beweise  willkürlich  gewürdigt,  den  rechtserheblichen  Sachverhalt  unrichtig 

D­3523/2011 festgestellt  und  deshalb  das  Recht  verletzt.  Gegen  den  Vater  des  Beschwerdeführers  seien  infolge  seines Engagements  für  die  kurdische  Kultur in der Türkei zahlreiche Verfahren eröffnet worden. Unter anderem  sei  er  wegen  des  Verstosses  gegen  das  Anti­Terror­Gesetz  angeklagt  und mit einer Gefängnisstrafe von bis zu zwei Jahren bedroht worden. Da  gegen  ihn Haftbefehl erlassen worden sei, habe er die Türkei verlassen  müssen.  Nach  seiner  Flucht  sei  die  Polizei  regelmässig  bei  den  Angehörigen  vorbeigegangen  und  habe  sie  bedroht.  Wie  die  andern  Familienmitglieder  sei  auch  der  Beschwerdeführer  wiederholt  von  Sicherheitskräften  nach  dem  Vater  gefragt  und  bedroht  worden.  Mindestens  zwei Mal  sei  er  auf  dem Weg nach Hause  verfolgt worden.  Anschliessend sei er auch von Anhängern der MHP belästigt und bedroht  worden.  Der  älteren  Schwester  des  Beschwerdeführers  hätten  die  Sicherheitskräfte  zu  verstehen  gegeben,  dass  so  lange  Druck  auf  die  Familie ausgeübt werde, bis  sich der Vater des Beschwerdeführers aus  Angst  um  seine  Familie  bei  den  türkischen  Behörden  melde.  Da  der  Druck auf den Beschwerdeführer  ins Unermessliche wachse, ersuche er  um Asyl in der Schweiz. Es sei damit zu rechnen, dass die Repressionen  noch  verstärkt  würden,  um  den  Vater  des  Beschwerdeführers  zu  einer  Rückkehr  in  die  Türkei  zu  bewegen.  Sobald  seine  Mutter  und  seine  Geschwister  die  Türkei  auch  verlassen  hätten,  sei  er  der  einzige  männliche Nachkomme seines Vaters, weshalb sich die Sicherheitskräfte  mit  noch  massiveren  Verfolgungsmassnahmen  auf  ihn  konzentrieren  würden.  Die  Mutter  habe  die  Türkei  aus  Angst  um  ihre  beiden  älteren  Kinder  noch nicht  verlassen. Gleichzeitigt  fürchte  sie  um  ihre  psychisch  sehr  angeschlagene  minderjährige  Tochter.  Die  Argumentation  der  Vorinstanz,  wonach  aus  dem  Verharren  der  Mutter  in  der  Türkei  geschlossen werde, der Druck der Polizei  könne nicht  so schlimm sein,  gehe  an  der  Realität  vorbei  und  schlage  fehl.  Infolge  der  geltend  gemachten  Verfolgung  führe  der  Beschwerdeführer  kein  menschenwürdiges Leben in der Türkei. Der Druck auf ihn sei inzwischen  so unerträglich geworden, dass er Asylrelevanz erlangt habe. Entgegen  der Meinung des BFM stehe dem Beschwerdeführer keine innerstaatliche  Fluchtalternative  offen,  da  die  ganze  Familie  als  Terroristen  verdächtigt  werde  und  der  Vater  des  Beschwerdeführers  sowie  die  engsten  Familienangehörigen E._______  registriert  seien. Der Beschwerdeführer  werde ja bereits ausserhalb von D._______ gesucht. Da zudem die MHP  durch  Teile  des  Staates  unterstützt  werde,  müsse  er  im  Fall  einer  Anzeige  noch  vermehrt  mit  staatlichen  Repressionen  rechnen.  Ferner  könne er, weil  er  als Terrorist  gelte,  bei  den  staatlichen Behörden nicht  um Unterstützung nachsuchen. Damit sei er auch bezüglich der geltend 

D­3523/2011 gemachten  Bedrohung  durch  Anhänger  der  MHP  schutzbedürftig.  Der  psychische Druck auf ihn sei inzwischen unerträglich geworden, weshalb  er  als  Flüchtling  anerkannt  werden  müsse.  Ausserdem  sei  er  infolge  seiner psychischen Angeschlagenheit auf die Unterstützung durch seine  Familie angewiesen, auch wenn er volljährig sei, weshalb er im Rahmen  des  Familienasyls  in  die  Flüchtlingseigenschaft  seines  Vaters  einzubeziehen  sei.  In  verfahrensrechtlicher  Hinsicht  wurde  geltend  gemacht,  dass  die  Beschwerde  nicht  aussichtslos  und  der  Beschwerdeführer  bedürftig  sowie  mangels  Kenntnis  der  deutschen  Sprache  nicht  in  der  Lage  sei,  aus  der  Türkei  den  Entscheid  des  BFM  anzufechten.  Zudem  sei  infolge  der  komplexen  Rechtslage  eine  anwaltliche Vertretung unbedingt notwendig.  Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1.1. Gemäss Art. 31 des Verwaltungsgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005  (VGG, SR 173.32) beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Beschwerden  gegen Verfügungen nach Art. 5 des Bundesgesetzes vom 20. Dezember  1968  über  das  Verwaltungsverfahren  (VwVG,  SR 172.021).  Das  BFM  gehört zu den Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz  des  Bundesverwaltungsgerichts.  Eine  das  Sachgebiet  betreffende  Ausnahme  im  Sinne  von  Art. 32  VGG  liegt  nicht  vor.  Das  Bundesverwaltungsgericht  ist  daher  zuständig  für  die  Beurteilung  der  vorliegenden  Beschwerde  und  entscheidet  auf  dem  Gebiet  des  Asyls  endgültig,  ausser  bei  Vorliegen  eines  Auslieferungsersuchens  des  Staates,  vor  welchem  die  beschwerdeführende  Person  Schutz  sucht  (Art. 105 des Asylgesetzes vom 26. Juni 1998 [AsylG, SR 142.31]; Art. 83  Bst. d  Ziff. 1  des  Bundesgerichtsgesetzes  vom  17. Juni  2005  [BGG,  SR 173.110]). 1.2. Das  Verfahren  richtet  sich  nach  dem  VwVG,  dem  VGG  und  dem  BGG, soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6  AsylG). 1.3. Die  Beschwerde  ist  frist­  und  formgerecht  eingereicht  worden.  Der  Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist  durch  die  angefochtene  Verfügung  besonders  berührt  und  hat  ein  schutzwürdiges  Interesse  an  deren  Aufhebung  beziehungsweise 

D­3523/2011 Änderung.  Er  ist  daher  zur  Einreichung  der  Beschwerde  legitimiert  (Art. 105 und Art. 108 Abs. 1 AsylG, Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 VwVG).  Auf die Beschwerde ist einzutreten. 2.  Mit  Beschwerde  kann  die  Verletzung  von  Bundesrecht,  die  unrichtige  oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts und  die Unangemessenheit gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG). 3.  Über offensichtlich unbegründete Beschwerden wird in einzelrichterlicher  Zuständigkeit mit Zustimmung eines zweiten Richters oder einer zweiten  Richterin  entschieden  (Art. 111  Bst. e  AsylG).  Wie  nachstehend  aufgezeigt,  handelt  es  sich  vorliegend  um  eine  solche,  weshalb  der  Beschwerdeentscheid nur summarisch zu begründen ist (Art. 111a Abs. 2  AsylG). Gestützt  auf  Art. 111a  Abs. 1  AsylG  wurde  vorliegend  auf  die  Durchführung eines Schriftenwechsels verzichtet. 4.  Gemäss  Art. 2  Abs. 1  AsylG  gewährt  die  Schweiz  Flüchtlingen  grundsätzlich  Asyl.  Flüchtlinge  sind  Personen,  die  in  ihrem Heimatstaat  oder  im Land,  in dem sie zuletzt wohnten, wegen  ihrer Rasse, Religion,  Nationalität,  Zugehörigkeit  zu  einer  bestimmten  sozialen  Gruppe  oder  wegen ihrer politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt  sind  oder  begründete  Furcht  haben,  solchen  Nachteilen  ausgesetzt  zu  werden (Art. 3 Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich  die  Gefährdung  des  Leibes,  des  Lebens  oder  der  Freiheit  sowie  Massnahmen,  die  einen  unerträglichen  psychischen  Druck  bewirken  (Art. 3 AsylG). 5.  Das BFM kann ein im Ausland gestelltes Asylgesuch ablehnen, wenn die  asylsuchende  Person  keine  Verfolgung  glaubhaft  machen  oder  ihr  die  Aufnahme  in einem Drittstaat zugemutet werden kann (vgl. Art. 3, Art. 7  und  Art.  52  Abs.  2  AsylG).  Gemäss  Art.  20  Abs.  2  AsylG  bewilligt  das  BFM  einer  asylsuchenden  Person  die  Einreise  zur  Abklärung  des  Sachverhalts, wenn ihr nicht zugemutet werden kann, im Wohnsitz­ oder  Aufenthaltsstaat  zu  bleiben  oder  in  ein  anderes  Land  auszureisen.  Gestützt auf Art. 20 Abs. 3 AsylG kann das Eidgenössische Justiz­ und 

D­3523/2011 Polizeidepartement  (EJPD)  schweizerische  Vertretungen  ermächtigen,  Asylsuchenden  die  Einreise  zu  bewilligen,  die  glaubhaft  machen,  dass  eine  unmittelbare  Gefahr  für  Leib  und  Leben  oder  für  die  Freiheit  aus  einem  Grund  nach  Art.  3  Abs.  1  AsylG  besteht.  Hinsichtlich  des  Verfahrens bei der schweizerischen Vertretung  im Ausland sieht Art. 10  der Asylverordnung 1 vom 11. August 1999 über Verfahrensfragen (AsylV  1,  SR 142.311)  vor,  dass  diese  mit  der  asylsuchenden  Person  in  der  Regel eine Befragung durchführt  (Art.  10 Abs. 1 AsylV 1).  Ist dies nicht  möglich, so wird die asylsuchende Person aufgefordert,  ihre Asylgründe  schriftlich  festzuhalten  (Art.  10  Abs.  2  AsylV  1;  vgl.  hierzu  auch  Entscheide  des  schweizerischen  Bundesverwaltungsgerichts  [BVGE]  2007/30  E.  5.2  –  E.5.4).  Eine  Befragung  beziehungsweise  eine  schriftliche  Sachverhaltsabklärung  kann  sich  auch  erübrigen,  wenn  der  Sachverhalt  bereits  aufgrund  des  eingereichten  Asylgesuchs  als  entscheidreif  erstellt  scheint.  Bei  Anhörungsverzicht  ist  jedoch  das  rechtliche  Gehör  zu  gewähren  und  das  BFM  hat  den  Verzicht  auf  die  Anhörung  zu  begründen  (vgl.  BVGE  2007/30  E. 5.6  –  5.7).  Vorliegend  wurde eine Anhörung durchgeführt.  6.  6.1.  Für  die  Erteilung  einer  Einreisebewilligung  gelten  restriktive  Voraussetzungen,  wobei  den  Behörden  ein  weiter  Ermessensspielraum  zukommt.  Neben  der  erforderlichen  Gefährdung  im  Sinne  von  Art.  3  AsylG sind namentlich die Beziehungsnähe zur Schweiz, die Möglichkeit  der  Schutzgewährung  durch  einen  anderen  Staat,  die  Beziehungsnähe  zu  anderen  Staaten,  die  praktische  und  objektive  Zumutbarkeit  zur  anderweitigen  Schutzsuche  sowie  die  voraussichtlichen  Eingliederungs­  und  Assimilationsmöglichkeiten  in  Betracht  zu  ziehen  (vgl.  Entscheidungen  und  Mitteilungen  der  vormaligen  Schweizerischen  Asylrekurskommission [EMARK] 1997 Nr. 15 E. 2.e. ­ g. S. 131 ff.). 6.2. Die Vorbringen  in der Rechtsmitteleingabe sind nicht geeignet, eine  Änderung  der  vorinstanzlichen  Verfügung  zu  bewirken.  Wie  das  BFM  zutreffend  darlegte,  kann  im  Hinblick  auf  die  aus  politischen  Gründen  drohenden  Verfolgung  des  Vaters  des  Beschwerdeführers  nicht  ausgeschlossen  werden,  dass  sich  die  türkischen  Sicherheitskräfte  bei  den in der Türkei verbliebenen Angehörigen nach der gesuchten Person  – dem  Vater  des  Beschwerdeführers  –  erkundigt  und  die  Familienmitglieder unter Druck gesetzt haben, um den Aufenthaltsort der  gesuchten  Person  in  Erfahrung  zu  bringen.  Indessen  ist  davon 

D­3523/2011 auszugehen, dass sie die Familienmitglieder  in Ruhe  lassen, sobald sie  Kenntnis  davon  erlangt  haben,  dass  sich  die  gesuchte  Person  ausser  Landes  befindet.  Erfahrungsgemäss  erscheint  es  –  entgegen  der  Argumentation  in  der  Beschwerde  –  weder  überzeugend  noch  nachvollziehbar,  dass  mit  Druckmitteln  gegenüber  den  Familienangehörigen den aus politischen Gründen gesuchten Vater  des  Beschwerdeführers  zur  Rückkehr  in  die  Türkei  veranlasst  werden  soll.  Vielmehr  kann  davon  ausgegangen  werden,  dass  die  türkischen  Behörden  ihr  Interesse an weiteren Erkundigungen nach dem Vater des  Beschwerdeführers verloren haben, nachdem sie erfahren haben, dass er  sich  nicht  mehr  in  der  Türkei  aufhält,  zumal  auch  den  türkischen  Behörden  bekannt  sein  dürfte,  dass  aus  politischen  Gründen  gesuchte  und  im  Ausland  als  Flüchtling  anerkannte  Personen  nicht  mehr  in  die  Türkei zurückkehren werden. Schon aus diesem Grund sind die geltend  gemachten  Verfolgungsmassnahmen  im  heutigen  Zeitpunkt  nicht  mehr  als glaubhaft zu betrachten, auch wenn sie anfänglich bestanden haben  mögen. 6.3. Sodann ist festzustellen, dass die Argumentation in der Beschwerde,  wonach  die  Mutter  des  Beschwerdeführers  aus  Angst  um  ihre  beiden  älteren  Kinder  noch  nicht  ausgereist,  sei,  angesichts  der  geltend  gemachten Unerträglichkeit der Verfolgung nicht zu überzeugen vermag.  Wären  die  geltend  gemachten  Verfolgungsmassnahmen  –  wie  vorgebracht  –  in  der  Tat  derart  unerträglich,  dass  dem  dadurch  entstandenen  psychischen  Druck  nur  mit  einer  Flucht  aus  dem  Land  beizukommen wäre, könnte davon ausgegangen werden, dass die Mutter  des Beschwerdeführers mit  dessen minderjährigen Schwester  bereits  in  die Schweiz gereist wäre, zumal ihr vom BFM die Einreisebewilligung seit  einigen  Monaten  erteilt  worden  ist.  Auch  diesbezüglich  ist  der  Argumentation des BFM zuzustimmen. 6.4.  Zudem  ist  die  Argumentation  des  BFM  hinsichtlich  der  fehlenden  Intensität der vorgebrachten Verfolgungsmassnahmen zu bestätigen. Um  unnötige  Wiederholungen  zu  vermeiden,  sei  an  dieser  Stelle  auf  die  zutreffenden Erwägungen in der angefochtenen Verfügung verwiesen.  6.5.  Wie  das  BFM  ebenfalls  zutreffend  darlegte,  wäre  dem  Beschwerdeführer  die  Möglichkeit  offen  gestanden,  sich  an  einen  Rechtsanwalt oder an eine Menschenrechtsorganisation zu wenden, um  gegen  die  geltend  gemachten  Druckversuche  seitens  der  türkischen  Sicherheitsbehörden  Anzeige  zu  erstatten.  Der  Einwand  in  der 

D­3523/2011 Beschwerde,  wonach  der  Beschwerdeführer  von  den  türkischen  Behörden – wie seine Angehörigen auch – als Terrorist bezeichnet werde  und  im  Fall  einer  Anzeige mit  noch  stärkeren Repressalien  zu  rechnen  hätte, vermag in dieser pauschalen und in keiner Weise belegten Art nicht  zu überzeugen. Ebenso wenig überzeugend  ist  sein Einwand, er werde  als  einziges  männliches  Familienmitglied  im  Fall  einer  Ausreise  seiner  Mutter noch mehr von den türkischen Behörden belangt, zumal er bereits  seit  dem  Zeitpunkt  der  Ausreise  seines  Vaters  das  einzige  männliche  Familienmitglied ist.  6.6. Auch die vom Beschwerdeführer geltend gemachten Druckversuche  seitens der MHP vermögen einer näheren Prüfung der einreiserelevanten  Vorbringen nicht  standzuhalten.  In Übereinstimmung mit  dem BFM sind  diese  als  Verfolgung  durch  Drittpersonen  zu  betrachten,  welche  vorliegend  nicht  zur  Anerkennung  als  Flüchtling  zu  führen  vermöchten,  weil  der  Beschwerdeführer  den  Schutz  der  zuständigen  heimatlichen  Behörden in Anspruch nehmen kann. Wie das BFM zutreffend ausführte,  fehlen  konkrete  Anhaltspunkte,  gestützt  auf  welche  davon  auszugehen  wäre, der Beschwerdeführer würde die heimatlichen Behörden vergeblich  um  Schutz  nachsuchen.  Die  gegenteilige  und  durch  nichts  belegte  Argumentation  in  der  Beschwerde  vermag  demgegenüber  nicht  zu  überzeugen.  Er  ist  somit  auch  diesbezüglich  nicht  auf  den  Schutz  der  Schweiz angewiesen. 6.7. Insgesamt werden den Erwägungen des BFM keine stichhaltigen und  substanziellen  Gründe  entgegengesetzt.  Insbesondere  kann  der  Argumentation  in  der Beschwerde,  die  geltend gemachten behördlichen  Massnahmen würden einen unerträglichen psychischen Druck  im Sinne  des  Asylgesetzes  verursachen  und  es  dem  Beschwerdeführer  verunmöglichen,  ein menschenwürdiges  Leben  in  der  Türkei  zu  führen,  mangels Intensität der vorgebrachten Nachteile nicht zugestimmt werden.  Unter diesen Umständen  ist es nicht  relevant, ob der Beschwerdeführer  in  einem  andern  Teil  seines  Heimatlandes  den  geltend  gemachten  Behelligungen  ausweichen  könnte,  weshalb  dieser  Punkt  der  vorinstanzlichen  Argumentation  offen  bleiben  kann.  Die  Tatsache,  dass  sich der Beschwerdeführer  zudem problemlos einen eigenen Reisepass  beschaffen kann, spricht ebenfalls gegen eine asylerhebliche Verfolgung  seiner Person. Nach  dem Gesagten  erfüllt  er  die  Flüchtlingseigenschaft  nach Art. 3 AsylG nicht.

D­3523/2011 6.8.  Unter  diesen  Umständen  erübrigt  es  sich,  auf  die  weiteren  Vorbringen  in  der  Beschwerde  im  Einzelnen  einzugehen,  da  sie  am  Ergebnis nichts zu ändern vermögen. Es ist dem Beschwerdeführer nicht  gelungen, eine Verfolgung im Sinne von Art. 3 AsylG nachzuweisen oder  zumindest glaubhaft zu machen. Seine Schutzbedürftigkeit  im Sinne von  Art.  20  i.V.m. Art.  3 AsylG  ist mithin  als  nicht  gegeben  zu  qualifizieren,  und es liegen auch keine anderen Gründe vor, welche die Erteilung einer  Einreisebewilligung  indizieren  würden.  Insbesondere  kann  der  Argumentation,  der  Beschwerdeführer  sei  wegen  seiner,  im  Übrigen  durch  nichts  belegten,  psychischen  Angeschlagenheit  auf  die  Unterstützung durch seine Familie angewiesen, nicht zugestimmt werden,  da er sich – fern seiner Angehörigen – in B._______ zu Studienzwecken  aufhält und somit beweist, dass er die geforderte Unterstützung gar nicht  benötigt. Somit ist der Antrag, ihn im Rahmen des Familienasyls nach Art.  51  Abs.  2  AsylG  in  die  Flüchtlingseigenschaft  seines  Vaters  miteinzubeziehen,  ebenso  abzuweisen  wie  der  Antrag,  ihn  im  Rahmen  von  Art.  51  Abs.  1  AsylG  als  Flüchtling  anzuerkennen,  zumal  die  dazu  nötigen  Voraussetzungen  vorliegend  mit  der  Volljährigkeit  des  Beschwerdeführer nicht gegeben sind. 7.  Aus  diesen  Erwägungen  ergibt  sich,  dass  die  angefochtene  Verfügung  Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig und  vollständig  feststellt und angemessen  ist  (Art. 106 AsylG). Entgegen der  Argumentation  in  der Beschwerde  hat  die Vorinstanz  die Beweise  nicht  willkürlich  gewürdigt  und  das  Recht  nicht  verletzt.  Die  Beschwerde  ist  nach dem Gesagten abzuweisen. 8.  Bei diesem Ausgang des Verfahrens ist das Gesuch um Gewährung der  vollständigen  unentgeltlichen  Rechtspflege  nach  Art.  65  Abs.  1  und  2  VwVG  abzuweisen.  Die  Verfahrenskosten  wären  grundsätzlich  dem  Beschwerdeführer  aufzuerlegen  (Art.  63  Abs.  1  und  5  VwVG).  Aus  verwaltungsökonomischen  Gründen  sowie  in  Anwendung  von  Art.  63  Abs. 1  in  fine VwVG und Art. 2 und 6 des Reglements vom 21. Februar  2008  über  die  Kosten  und  Entschädigungen  vor  dem  Bundesverwaltungsgericht  (VGKE,  SR  173.320.2)  ist  vorliegend  auf  die  Erhebung von Verfahrenskosten zu verzichten.

D­3523/2011 (Dispositiv nachfolgende Seite)

D­3523/2011 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird abgewiesen. 2. Das  Gesuch  um  vollständige  unentgeltliche  Rechtspflege  nach  Art.  65  Abs. 1 und 2 VwVG wird abgewiesen. 3. Es werden keine Verfahrenskosten auferlegt. 4. Dieses  Urteil  geht  an  den  Beschwerdeführer,  das  BFM  und  die  schweizerische Botschaft in C._______. Der Einzelrichter: Die Gerichtsschreiberin: Hans Schürch Eva Zürcher Versand:

D-3523/2011 — Bundesverwaltungsgericht 12.07.2011 D-3523/2011 — Swissrulings