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Bundesverwaltungsgericht 04.07.2011 D-3506/2011

4. Juli 2011·Deutsch·CH·CH_BVGE·PDF·1,742 Wörter·~9 min·2

Zusammenfassung

Nichteintreten auf Asylgesuch und Wegweisung (Dublin-Verfahren) | Nichteintreten auf Asylgesuch und Wegweisung (Dublin-Verfahren); Verfügung des BFM vom 10. Juni 2011

Volltext

Bundesve rwa l t ungsge r i ch t T r i buna l   adm in istratif   f édé ra l T r i buna l e   ammin istrati vo   f ede ra l e T r i buna l   adm in istrativ   f ede ra l Abteilung IV D­3506/2011 Urteil   v om   4 .   Juli   2011 Besetzung Einzelrichter Thomas Wespi, mit Zustimmung von Richter François Badoud;   Gerichtsschreiber Stefan Weber. Parteien A._______, geboren W._______, B._______, geboren X._______, C._______, geboren Y._______, D._______, geboren Z._______, Afghanistan, alle vertreten durch LL.M. lic.iur. Susanne Sadri, Beschwerdeführer,  gegen Bundesamt für Migration (BFM), Quellenweg 6, 3003 Bern,    Vorinstanz.  Gegenstand Nichteintreten auf Asylgesuch und Wegweisung (Dublin­ Verfahren); Verfügung des BFM vom 10. Juni 2011 / N_______.

D­3506/2011 Sachverhalt: A.   A.a. Die Beschwerdeführer reisten eigenen Angaben zufolge am 13. April  2011  in  die  Schweiz  ein,  wo  sie  gleichentags  im  E._______  um  Asyl  nachsuchten.  Dort  wurden  sie  am  2. Mai  2011  summarisch  zu  ihren  Ausreisegründen  aus  dem  Heimat­  beziehungsweise  Herkunftsstaat  befragt. Dabei machten die Beschwerdeführer  im Wesentlichen geltend,  sie  hätten  seit  dem  zwölften  Lebensjahr  (Beschwerdeführer)  respektive  zeitlebens  (Beschwerdeführerin)  in  F._______  im  Iran  gelebt.  Da  die  Taliban in Afghanistan aktiv seien und es Kämpfe gebe, könnten sie nicht  dorthin  zurückkehren.  Im  Iran  seien  die  Lebensbedingungen  für  sie  schwer  gewesen  und  sie  seien  nach  Europa  gereist,  um  ihren  Kindern  eine bessere Zukunft zu ermöglichen. Vor rund acht Monaten hätten sie  F._______ verlassen und seien über G._______, Griechenland – wo sie  sich während sieben bis acht Monaten aufgehalten hätten – und  Italien,  wo  man  sie  kontrolliert,  für  zwei  Tage  in  ein  Camp  gebracht  und  daktyloskopiert  habe,  in  die Schweiz  gereist.  In  Italien hätten  sie weder  ein  Asylgesuch  eingereicht  noch  hätten  sie  von  den  italienischen  Behörden  einen  Entscheid  erhalten.  Am  Schluss  der  Befragung  im  E._______ wurde den Beschwerdeführern durch das BFM das rechtliche  Gehör  zu  einer  allfälligen Wegweisung  nach  Italien  gewährt,  wobei  der  Beschwerdeführer erklärte, er wolle nicht dorthin zurückkehren, da es  in  der Schweiz beziehungsweise in I._______ schöner sei als in Italien. Die  Beschwerdeführerin  ihrerseits  fügte  an,  Italien  sei  kein  gutes  Land  und  sie hätten nicht einmal Windeln (Pampers) für ihre Kinder erhalten. A.b. Gestützt auf Art. 16 Abs. 1 Bst. c der Verordnung Nr. 343/2003 des  Rates vom 18. Februar 2003 zur Festlegung von Kriterien und Verfahren  zur Bestimmung des Mitgliedstaats, der für die Prüfung eines von einem  Drittstaatsangehörigen  in  einem  Mitgliedstaat  gestellten  Asylantrags  zuständig  ist  (Dublin­II­VO),  ersuchte  das  BFM  am  19.  Mai  2011  die  italienischen Behörden um Wiederaufnahme der Beschwerdeführer. A.c. Am 8. Juni 2011 teilte das BFM den italienischen Behörden mit, dass  in Anwendung von Art. 20 Abs. 1 Bst. c Dublin­II­VO Italien zur Prüfung  der Asylgesuche der Beschwerdeführer als zuständig erachtet werde.   B.  Mit Verfügung vom 10. Juni 2011 – eröffnet am 14. Juni 2011 – trat das  BFM  in  Anwendung  von  Art.  34  Abs.  2  Bst.  d  des  Asylgesetzes  vom  26. Juni  1998  (AsylG,  SR  142.31)  auf  die  Asylgesuche  der 

D­3506/2011 Beschwerdeführer vom 13. April 2011 nicht ein, verfügte die Wegweisung  nach  Italien  und  forderte  die  Beschwerdeführer  –  unter  Androhung  von  Zwangsmitteln  im  Unterlassungsfall  –  auf,  die  Schweiz  spätestens  am  Tag nach Ablauf der Beschwerdefrist zu verlassen. Gleichzeitig stellte es  fest,  der  Kanton  Bern  sei  verpflichtet,  die  Wegweisungsverfügung  zu  vollziehen,  und  eine  allfällige  Beschwerde  gegen  die  Verfügung  habe  keine aufschiebende Wirkung. Ferner wurden den Beschwerdeführern die  editionspflichtigen Akten gemäss Aktenverzeichnis ausgehändigt. Zur Begründung  führte das BFM  im Wesentlichen aus, ein Abgleich der  Fingerabdrücke  mit  der  Zentraleinheit  Eurodac  weise  nach,  dass  die  Beschwerdeführer am (...)  in  Italien Asylgesuche eingereicht hätten. Die  italienischen  Behörden  hätten  innerhalb  der  festgelegten  Frist  zum  Übernahmeersuchen  des  BFM  keine  Stellung  genommen.  Somit  sei  gemäss  dem  Abkommen  vom  26.  Oktober  2004  zwischen  der  Schweizerischen  Eidgenossenschaft  und  der  Europäischen  Gemeinschaft  über  die  Kriterien  und  Verfahren  zur  Bestimmung  des  zuständigen Staates für die Prüfung eines in einem Mitgliedstaat oder  in  der  Schweiz  gestellten  Asylantrags  (Dublin­Assoziierungsabkommen  [DAA, SR 0.142.392.68]) und gestützt auf Art. 20 Abs. 1 Bst. c Dublin­II­ VO  die  Zuständigkeit  zur  Durchführung  des  Asyl­  und  Wegweisungsverfahrens am 3. Juni 2011 auf  Italien übergegangen. Die  Rückführung  habe  –  vorbehältlich  einer  Unterbrechung  oder  Verlängerung  (Art. 19  f. Dublin­II­VO) – bis spätestens am 3. Dezember  2011 zu erfolgen. Die von den Beschwerdeführern im Rahmen des ihnen  gewährten  rechtlichen  Gehörs  vom  2. Mai  2011  geltend  gemachten  Gründe, wonach es  in der Schweiz  respektive  in  I._______ schöner sei  als  in  Italien  beziehungsweise  Italien  kein  gutes  Land  sei,  da  sie  dort  beispielsweise  keine  Windeln  für  ihre  Kinder  erhalten  hätten,  würden  nicht gegen eine Wegweisung nach Italien sprechen. Die Schönheit einer  Stadt beziehungsweise eines Landes sei ein subjektives Empfinden, das  nicht  als  Grund  gegen  eine Wegweisung  berücksichtigt  werden  könne.  Bezüglich der Schwierigkeit, Windeln  für die Kinder aufzutreiben, sei die  Beschwerdeführerin  gehalten,  sich  an  die  italienischen  Behörden  zu  wenden.  Diese  seien  gemäss  Richtlinie  2003/9/EG  des  Rates  vom  27. Januar  2003  verpflichtet,  für  die  Betreuung  von  Asylsuchenden  zu  sorgen.  Ausserdem  würden  sich  keine  konkreten  Hinweise  dafür  ergeben,  dass  Italien  sich nicht  an die massgebenden  völkerrechtlichen  Bestimmungen  oder  die  einschlägigen  Normen  der  Konvention  vom  4.  November  1950  zum Schutze  der Menschenrechte  und Grundfreiheiten  (EMRK, SR 0.101) halten würde.

D­3506/2011 C.  Gegen diesen Entscheid erhoben die Beschwerdeführer mit Eingabe vom  21. Juni  2011  Beschwerde  beim  Bundesverwaltungsgericht  und  beantragten,  es  sei  die  BFM­Verfügung  vom  10. Juni  2011  aufzuheben  und  die  Vorinstanz  sei  anzuweisen,  die  Behandlung  ihrer  Asylgesuche  fortzusetzen.  In  verfahrensrechtlicher  Hinsicht  beantragten  sie,  es  sei  mittels  superprovisorischer  und  provisorischer  Verfügung  der  Beschwerde  die  aufschiebende Wirkung  zu  erteilen  und  die  kantonalen  Behörden  seien  anzuweisen,  die  Vollzugsmassnahmen  sofort  einzustellen.  Ausserdem  sei  ihnen  die  unentgeltliche  Rechtspflege  zu  gewähren  und  es  sei  auf  die  Erhebung  eines  Kostenvorschusses  zu  verzichten. Auf die Begründung wird, soweit entscheidwesentlich,  in den  Erwägungen eingegangen. Der  Beschwerde  legten  die  Beschwerdeführer  diverse  Beweismittel  (Auflistung Beweismittel) bei. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1.  1.1. Gemäss Art. 31 des Verwaltungsgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005  (VGG, SR 173.32) beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Beschwerden  gegen Verfügungen nach Art. 5 des Bundesgesetzes vom 20. Dezember  1968  über  das  Verwaltungsverfahren  (VwVG,  SR  172.021).  Das  BFM  gehört zu den Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz  des  Bundesverwaltungsgerichts.  Eine  das  Sachgebiet  betreffende  Ausnahme  im  Sinne  von  Art.  32  VGG  liegt  nicht  vor.  Das  Bundesverwaltungsgericht  ist  daher  zuständig  für  die  Beurteilung  der  vorliegenden  Beschwerde.  Es  entscheidet  auf  dem  Gebiet  des  Asyls  endgültig,  ausser  bei  Vorliegen  eines  Auslieferungsersuchens  des  Staates, vor welchem die beschwerdeführende Person Schutz sucht (Art.  105  AsylG;  Art.  83  Bst.  d  Ziff.  1  des  Bundesgerichtsgesetzes  vom  17.  Juni 2005 [BGG, SR 173.110]). Eine solche Ausnahme im Sinne von Art.  83  Bst.  d  Ziff.  1  BGG  liegt  in  casu  nicht  vor.  Das  Bundesverwaltungsgericht entscheidet demnach endgültig. 1.2. Die Beschwerde ist frist­ und formgerecht eingereicht (Art. 108 Abs. 2  AsylG;  Art.  105  AsylG  i.V.m.  Art.  37  VGG  und  Art.  52  VwVG).  Die  Beschwerdeführer  haben  am  Verfahren  vor  der  Vorinstanz  teilgenommen, sind durch die angefochtene Verfügung besonders berührt 

D­3506/2011 und  haben  ein  schutzwürdiges  Interesse  an  deren  Aufhebung  beziehungsweise Änderung (Art. 105 AsylG  i.V.m. Art. 37 VGG und Art.  48  Abs.  1  VwVG).  Sie  sind  daher  zur  Einreichung  der  Beschwerde  legitimiert. Auf die Beschwerde ist einzutreten. 1.3. Mit Beschwerde kann die Verletzung von Bundesrecht, die unrichtige  oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts und  die Unangemessenheit gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG). 1.4.  Über  offensichtlich  unbegründete  Beschwerden  wird  in  einzelrichterlicher  Zuständigkeit  mit  Zustimmung  eines  zweiten  Richters  respektive einer zweiten Richterin entschieden (Art. 111 Bst. e AsylG). Da  es  sich,  wie  nachfolgend  aufgezeigt,  um  eine  solche  handelt,  ist  der  Beschwerdeentscheid nur summarisch zu begründen ist (Art. 111a Abs. 2  AsylG). 1.5.  Vorliegend  wurde  gestützt  auf  Art.  111a  Abs.  1  AsylG  auf  einen  Schriftenwechsel verzichtet. 2.  2.1. Gemäss  Art.  34  Abs.  2  Bst.  d  AsylG  wird  auf  Asylgesuche  in  der  Regel nicht eingetreten, wenn Asylsuchende in einen Drittstaat ausreisen  können,  welcher  für  die  Durchführung  des  Asyl­  und  Wegweisungsverfahrens  staatsvertraglich  zuständig  ist. Die Prüfung der  staatsvertraglichen  Zuständigkeit  zur  materiellen  Behandlung  eines  Asylgesuches richtet sich dabei nach den Kriterien der Dublin­II­VO (vgl.  die einleitenden Bestimmungen sowie Art. 1 Abs. 1 DAA  i.V.m. Art. 29a  Abs. 1 der Asylverordnung 1 vom 11. August 1999 über Verfahrensfragen  [AsylV 1, SR 142.311]). 2.2. Den Akten lässt sich entnehmen, dass die Beschwerdeführer am (...)  in  H._______  (Italien)  daktyloskopisch  registriert  wurden  und  gleichentags um Asyl nachsuchten (vgl. act. A3/4). Die Beschwerdeführer  verneinten zwar in der Erstbefragung zunächst,  in Italien ein Asylgesuch  eingereicht  zu  haben,  führten  jedoch  auf  Nachfrage  an,  es  könne  sein,  dass sie ein Asylgesuch gestellt hätten und sie seien  jedenfalls von den  italienischen Behörden  nicht  befragt worden  (vgl.  act.  A5/10,  S.7,  A6/9,  S. 6). Soweit die Beschwerdeführer in diesem Zusammenhang rügen, es  sei  aus  den  Akten  nicht  ersichtlich,  ob  das  BFM  einen  Fingerabdruckvergleich  mit  dem  System  "Eurodac"  durchgeführt  habe  und ob als erstes Land Griechenland oder Italien festgestellt worden sei, 

D­3506/2011 ist  festzustellen, dass  in den Akten das Ergebnis der daktyloskopischen  Untersuchung  vorhanden  ist  (vgl.  act.  A3/4)  und  dieses  Ergebnis  dem  Aktenverzeichnis  zufolge,  das  die Akte  als  editionspflichtiges Dokument  aufführt,  den  Beschwerdeführern  eröffnet  wurde.  Die  Beschwerdeführer  geben  zwar  ihrem  Erstaunen  Ausdruck,  dass  ihnen  trotz  des  mehrmonatigen Aufenthaltes in Griechenland das rechtliche Gehör durch  das BFM nur  bezüglich  einer Rücknahme durch  Italien  gewährt worden  sei.  Aus  dem Ergebnis  der  erwähnten  daktyloskopischen Untersuchung  wird  jedoch  ersichtlich,  dass  den  Beschwerdeführern  –  entgegen  ihren  Vorbringen  –  in  Griechenland  offensichtlich  keine  Fingerabdrücke  abgenommen worden  sind  –  jedenfalls  bestehen  keine  entsprechenden  Eurodac­Treffer –, weshalb die Vorinstanz schon aus diesem Grund nicht  gehalten  war,  das  rechtliche  Gehör  bezüglich  einer  Rücknahme  durch  Griechenland  zu  gewähren.  Überdies  halten  die  Beschwerdeführer  in  ihrer Rechtsmitteleingabe selber  fest, dass einige Mitgliedstaaten gegen  eine  Überstellung  nach  Griechenland  Rechtsschutz  gewähren  würden.  Der  Europäische  Gerichtshof  für  Menschenrechte  (EGMR)  kam  denn  auch in seinem Urteil vom 21. Januar 2011 im Fall M.S.S. gegen Belgien  und  Griechenland  [Beschwerde­Nr.  30696/09]  zum  Schluss,  dass  die  schwerwiegenden  strukturellen Mängel  des  griechischen Asylverfahrens  (wie  die  generell  geringe  Chance  der  Asylbewerber  auf  Prüfung  ihres  Asylantrages und  fehlende Garantien zum Schutz vor einer willkürlichen  Abschiebung in den Heimatstaat sowie die in Griechenland herrschenden  menschenunwürdigen  Haft­  und  Lebensbedingungen  für  Asylbewerber)  einem Verstoss von Griechenland gegen Art. 3 EMRK respektive Art. 13  EMRK  i.V.m. Art. 3 EMRK gleichkommen würden. Demzufolge geschah  vorliegend  die  erste  Asylantragsstellung  im  Sinne  von  Art.  4  Abs.  1  Dublin­II­VO in Italien. 2.3. Das BFM hat somit zu Recht die zuständigen italienischen Behörden  am  19. Mai  2011  gestützt  auf  Art.  16  Abs.  1  Bst.  c  Dublin­II­VO  um  Wiederaufnahme  der  Beschwerdeführer  ersucht  (vgl.  act.  A10/5).  Die  italienischen Behörden  liessen  die  in Art.  20 Abs.  1 Bst.  b Dublin­II­VO  vorgesehene  zweiwöchige  Frist  zur  Stellungnahme  ungenutzt  verstreichen  (vgl. act. A14/1). Angesichts der Verfristung  liegt deshalb –  entgegen  der  in  der  Beschwerdeschrift  geäusserten  Ansicht  –  eine  stillschweigende  Zusage  Italiens  zur  Rückübernahme  der  Beschwerdeführer gemäss Art. 20 Abs. 1 Bst. c Dublin­II­VO vor. 3. 

D­3506/2011 3.1. Weiter  führen die Beschwerdeführer  an,  das BFM hätte  angesichts  der verschlechterten Verhältnisse für Flüchtlinge und Asylgesuchsteller in  Italien  vorliegend  von  Art.  3  Abs.  2  Dublin­II­VO  Gebrauch  machen  müssen. So verstosse eine Rückschaffung nach  Italien gegen das Non­ Refoulement­Prinzip gemäss Art. 5 AsylG sowie gegen Art. 3 EMRK. Es  sei  festzustellen,  dass  einige  Mitgliedstaaten  neu  auch  Rechtsschutz  gegen  eine  Überstellung  nach  Italien  gewährten,  das  seinen  asylrechtlichen  Verpflichtungen  nicht  nachkomme.  Die  deutsche  Rechtsprechung habe die Verpflichtung der deutschen Asylbehörden zum  Selbsteintritt  deshalb  bejaht,  weil  aufgrund  der  tatsächlichen  Ausgestaltung  des  Asyl­  und  Flüchtlingsschutzes  –  insbesondere  hinsichtlich  der  humanitären,  wirtschaftlichen,  gesundheitlichen  und  sozialen  Situation  –  berechtigte  Zweifel  an  einer  genügenden  Schutzgewährung  bei  Asylgesuchstellern  bestünden.  Zudem  sei  das  staatliche  Aufnahmesystem  SPRAR  (Sistema  di  protezione  per  richiedenti  asilo  e  rifugiati)  in  Italien  völlig  überlastet  und  schutzberechtigte Asylsuchende – wie  sie welche  seien  –  seien  in  aller  Regel  sich  selber  überlassen,  zumal  für  diese  auch  kein  staatliches  Sozialsystem  bestehe.  Dieser  Argumentation  kann  jedoch  –  wie  nachstehend aufgezeigt – nicht gefolgt werden.  3.2.  Italien  ist  –  wie  die  Schweiz  –  unter  anderem  Signatarstaat  des  Abkommens  vom  28. Juli  1951  über  die  Rechtsstellung  der  Flüchtlinge  (FK,  SR  0.142.30),  der  EMRK  und  des  Übereinkommens  vom  10. Dezember 1984 gegen Folter und andere grausame, unmenschliche  oder  erniedrigende  Behandlung  oder  Strafe  (FoK,  SR  0.105).  Als  nach  Art.  3 Abs.  1 Dublin­II­VO  zuständiger Staat  ist  Italien  zudem gehalten,  unter  anderem  die  Richtlinie  2005/85/EG  des  Rates  vom  1.  Dezember  2005  über  Mindestnormen  für  Verfahren  in  den  Mitgliedstaaten  zur  Zuerkennung  und  Aberkennung  der  Flüchtlingseigenschaft  (sog.  Verfahrensrichtlinie)  und  –  wie  die  Vorinstanz  im  angefochtenen  Entscheid  zu Recht  festhielt  –  die Richtlinie  2003/9/EG  des Rates  vom  27.  Januar  2003  zur  Festlegung  von Mindestnormen  für  die  Aufnahme  von  Asylbewerbern  in  Mitgliedstaaten  (sog.  Aufnahmerichtlinie)  anzuwenden  respektive umzusetzen. Nach Praxis des EGMR stellt eine  Überstellung  in  den  nach  der  Dublin­II­VO  zuständigen  Mitgliedstaat  grundsätzlich dann keine Verletzung von Art. 3 EMRK dar, wenn dieser  wirksame  verfahrensrechtliche  Garantien  (inkl.  Rekursmöglichkeiten)  vorsieht,  die  einen  Beschwerdeführer  vor  einer  unmittelbaren  Zurückweisung  in seinen Herkunftsstaat,  in dem er nachweislich Gefahr  laufen würde, Folter oder unmenschlicher Behandlung  im Sinne von Art. 

D­3506/2011 3 EMRK ausgesetzt zu werden, schützen. Bei einer Überstellung  in den  zuständigen  Mitgliedstaat  wird  im  Weiteren  von  der  Prämisse  ausgegangen, dass dieser kraft seiner Mitgliedschaft den Verpflichtungen  aus  der  Verfahrens­  sowie  auch  jener  aus  der  Aufnahmerichtlinie,  darunter  auch  dem  Non­Refoulement­Gebot,  nachkommt  (vgl.  BVGE  2010/45 E. 7.4.2).  3.3.  Vorliegend  kann  nicht  geschlossen  werden,  Italien  würde  in  genereller  Weise  seinen  völkerrechtlichen  Verpflichtungen  nicht  nachkommen  respektive  in  völkerrechtswidriger  Weise  gegen  die  Verfahrens­ und Aufnahmerichtlinie verstossen. Der Verweis auf – für die  schweizerischen Behörden ohnehin nicht bindende – Beschlüsse diverser  deutscher VG (vgl. Buchstabe C. oben), vermag an dieser Einschätzung  nichts  zu  ändern,  weshalb  sich  diesbezügliche  weitere  Ausführungen  erübrigen.  Jedenfalls  liegen  keine  Anhaltspunkte  für  derart  gravierende  Mängel des italienischen Asylsystems vor, so dass die Beschwerdeführer  bei einer Rückführung nach  Italien kein  faires Asylverfahren durchlaufen  könnten.  Durch  seine  stillschweigende  Zustimmung  zur  Aufnahme  der  Beschwerdeführer  ist  Italien  zudem  verpflichtet,  das  Asylverfahren  weiterzuführen. Konkrete  Indizien dafür,  dass sich der  italienische Staat  nicht an die Verfahrensrichtlinie halten und den Beschwerdeführern den  Zugang zur Weiterführung des Asylverfahrens  verweigern würde,  liegen  ebenfalls  keine  vor.  Die  Beschwerdeführer  sind  denn  auch  nicht  in  der  Lage  zu  konkretisieren,  inwiefern  in  Italien  eine  das  Non­Refoulement­ Gebot  verletzende  Rückschiebung  ins  Heimatland  drohen  würde.  Der  Verweis auf Art. 5 AsylG ist in diesem Zusammenhang ohnedies fehl am  Platz,  weil  es  im  vorliegenden  Fall  um  eine  Prüfung  der  Zuständigkeit  betreffend  die  Asylgesuche  der  Beschwerdeführer  geht.  Art.  5  AsylG  käme erst zur Anwendung, wenn die Schweizer Asylbehörden festgestellt  hätten,  die  Beschwerdeführer  seien  Flüchtlinge  im  Sinne  von  Art.  3  AsylG, was indessen nicht Gegenstand der angefochtenen Verfügung ist.  Die Einwände der Beschwerdeführer vermögen jedenfalls die Vermutung,  dass  sich  Italien  an  seine  völkerrechtlichen  Verpflichtungen  hält,  nicht  umzustossen.  Hinsichtlich  der  durch  den  Bericht  "Zur  Situation  von  Flüchtlingen  in  Italien"  vom  28. Februar  2011  gestützten  Einwände  der  Beschwerdeführer, bei einer Rückschaffung nach Italien würde das Risiko  bestehen,  in  eine  existenzielle  Notlage  zu  geraten,  da  rücküberstellte  Personen  in  der  Regel  sich  selber  überlassen  würden  und  die  gelegentlich behauptete bevorzugte Behandlung von Dublin­Rückkehrern  praktisch  nicht  existiere,  zumal  laut  offiziellem  Bericht  des  SPRAR  lediglich  12%  der  Rückkehrer  in  ein  SPRAR­Projekt  vermittelt  worden 

D­3506/2011 seien und man den Rest der Obdachlosigkeit überlassen habe, fällt vorab  auf, dass die Beschwerdeführer für den Zeitraum ihrer Ankunft  in Italien,  wo  man  sie  in  ein  Camp  gebracht  habe,  bis  zu  ihrer  Weiterreise  zwei  Tage später keinerlei Mängel betreffend die Zuweisung einer Unterkunft  oder anderer Sozialleistungen in Italien geltend machten (vgl. act. A5/10,  S. 6 f.; A6/9, S. 6). Die Beschwerdeführer erklärten denn auch, sie hätten  weiter in die Schweiz reisen wollen, da Italien kein gutes Land sei, es hier  schöner sei als in Italien und sie dort auch keine Windeln für ihre Kinder  erhalten  hätten  (vgl.  act.  A5/10,  S. 7;  A6/9,  S.  7).  Jedoch  lässt  die  allgemeine Situation von Asylsuchenden in Italien nicht darauf schliessen,  die  Beschwerdeführer  würden  bei  ihrer  Rückkehr  mit  beachtlicher  Wahrscheinlichkeit  Gefahr  laufen,  die  notwendige  soziale  Hilfe  zur  Bewältigung  des  existenziellen  Lebensbedarfs  nicht  erhalten.  Nach  Kenntnis  des  Bundesverwaltungsgerichts  steht  das  italienische  Fürsorgesystem  für  Asylsuchende  zwar  in  der  Kritik.  Nach  konstanter  Praxis  erkennt  das Gericht  jedoch  in  den  –  im Vergleich  zur Schweiz –  erschwerten  Aufenthaltsbedingungen  keinen  Grund  für  eine  grundsätzliche  Nichtanwendung  der  einschlägigen  Bestimmungen  der  Dublin­II­VO  (vgl.  Urteile  des  Bundesverwaltungsgerichts  D­444/2011  vom 22. März 2011 E.  6.3, BVGE 2010/45 E.  7.3.  – 7.7.). Die  von den  Beschwerdeführern auf Beschwerdeebene eingereichte Berichterstattung  "Zur  Situation  von  Flüchtlingen  in  Italien"  vom  28. Februar  2011  weist  zwar  ebenfalls  auf  Missstände  bei  der  Unterbringung  von  durch  Italien  aufgenommene Asylbewerber  somalischer,  eritreischer  und äthiopischer  Herkunft, darunter insbesondere schutzbedürftige Menschen, in Rom und  Turin hin. Damit wird aber nicht deutlich gemacht, dass Italien sämtlichen  oder  der  überwiegenden  Mehrzahl  von  Asylbewerbern  Unterkunft  und  anderweitige Sozialleistungen, die diese zur Sicherung des notwendigen  Grundbedarfes  benötigten,  verweigert.  Nach  Kenntnis  des  Gerichts  werden  Dublin­Rückkehrende  betreffend  Unterbringung  von  den  italienischen  Behörden  zudem  eher  bevorzugt  behandelt  und  –  neben  den  staatlichen  Strukturen  –  nehmen  sich  auch  zahlreiche  private  Hilfsorganisationen  der  Betreuung  von  Asylsuchenden  und  Flüchtlingen  an. Beispielsweise hat die Organisation "Arci con Fraternità" seit dem 1.  Januar 2009 die Betreuung der Flüchtlinge im Flughafen Fiumicino (Rom)  organisiert  und  bietet  dort  den  Asylsuchenden  kostenlose  Rechtsberatung  an.  Dass  die  Beschwerdeführer  –  wie  von  ihnen  eingewendet  respektive  im  Bericht  "Zur  Situation  von  Flüchtlingen  in  Italien"  vom  28. Februar  2011  angeführt  –  am  Flughafen  Fiumicino  lediglich mit einem Zugticket  für die  Innenstadt ausgerüstet und danach  sich  selbst  und  damit  der  Obdachlosigkeit  und  der  Armut  überlassen 

D­3506/2011 würden,  wird  durch  sie  nicht  belegt.  Allein  aufgrund  ihrer  Darstellung,  einem  Bericht  der  SPRAR  zufolge  könnten  lediglich  12%  von  Dublin­ Rückkehrern in ein Projekt vermittelt werden, kann nicht bereits gefolgert  werden, im Falle der Rückkehr der Beschwerdeführer nach Italien würde  diesen jegliche Sozialhilfe verweigert. Dabei ist darauf hinzuweisen, dass  gemäss  Art.  13  Abs.  2  der  Aufnahmerichtlinie  Italien  gehalten  ist,  materielle  Aufnahmebedingungen  (wie  Nahrung,  Unterbringung,  Bekleidung etc.) zu gewähren, die die Sicherung des Lebensunterhaltes  und  der  Gesundheit  gewährleisten.  Im  Übrigen  stünde  den  Beschwerdeführern  die  Möglichkeit  offen,  sich  mit  Hilfe  von  Rechtsberatungsstellen  italienischer  Hilfsorganisationen  oder  allenfalls  eines Anwaltes  in  Italien gegen eine allfällige Nichteinhaltung erwähnter  Mindeststandards zu wehren.  3.4.  Schliesslich  sind  vorliegend  auch  keine  schwerwiegenden  humanitären Gründe im Sinne von Art. 29a Abs. 3 AsylV 1 zu erkennen,  die einer Überstellung der Beschwerdeführer nach Italien entgegenstehen  und aus diesem Grunde ein Selbsteintritt als angezeigt erscheinen würde  (vgl. zum Ganzen BVGE 2010/45 E. 8.2). 4.  Aufgrund  des  Gesagten  sind  keine  konkreten  Gründe  ersichtlich,  die  einen  Selbsteintritt  des  BFM  gemäss  Art.  3  Abs.  2  Dublin­II­VO  nahegelegt hätten. Das BFM ist demzufolge zu Recht in Anwendung von  Art.  34 Abs.  2 Bst.  d AsylG auf  die Asylgesuche der Beschwerdeführer  nicht eingetreten.  5.  5.1. Die  Ablehnung  eines  Asylgesuchs  oder  das  Nichteintreten  auf  ein  Asylgesuch hat in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz zur Folge  (Art.  44  Abs.  1  AsylG).  Vorliegend  hat  der  Kanton  keine  Aufenthaltsbewilligung  erteilt  und  es  besteht  zudem  kein  Anspruch  auf  Erteilung  einer  solchen  (vgl.  Entscheidungen  und  Mitteilungen  der  Schweizerischen  Asylrekurskommission  [EMARK]  2001  Nr.  21).  Die  verfügte  Wegweisung  steht  daher  im  Einklang  mit  den  gesetzlichen  Bestimmungen und wurde vom BFM zu Recht angeordnet.  5.2. Im Rahmen des Dublin­Verfahrens im Sinne von Art. 34 Abs. 2 Bst. d  AsylG  besteht  systembedingt  kein  Raum  für  Ersatzmassnahmen  im  Sinne  von  Art.  44  Abs.  2  AsylG  i.V.m.  Art.  83  Abs.  1  ­  4  des  Bundesgesetzes  vom 16. Dezember 2005 über die Ausländerinnen und 

D­3506/2011 Ausländer  (AuG,  SR  142.20).  Eine  entsprechende  Prüfung  hat,  soweit  notwendig,  vielmehr  bereits  im Rahmen  des Nichteintretensentscheides  stattzufinden (vgl. BVGE 2010/45 E. 10.2). Die Vorinstanz hat  in diesem  Sinne  den Vollzug  der Wegweisung  nach  Italien  zu Recht  als  zulässig,  zumutbar und möglich bezeichnet. 6.  Aus  diesen  Erwägungen  ergibt  sich,  dass  es  den  Beschwerdeführern  nicht  gelungen  ist  darzutun,  inwiefern  die  angefochtene  Verfügung  Bundesrecht  verletzt,  den  rechtserheblichen  Sachverhalt  unrichtig  oder  unvollständig  feststellt  oder  unangemessen  ist  (Art.  106  AsylG).  Die  Beschwerde ist daher abzuweisen. 7.  Mit dem Entscheid  in der Hauptsache werden die Anträge auf Erteilung  der  aufschiebenden  Wirkung  und  Anweisung  an  die  kantonalen  Behörden, die Vollzugsmassnahmen sofort einzustellen, gegenstandslos.  8.  Bei  diesem  Ausgang  des  Verfahrens  sind  die  Kosten  den  Beschwerdeführern  aufzuerlegen  (Art.  63 Abs.  1  und  5 VwVG)  und  auf  insgesamt  Fr. 600.­  festzusetzen  (Art.  1  –  3  des  Reglements  vom  21.  Februar  2008  über  die  Kosten  und  Entschädigungen  vor  dem  Bundesverwaltungsgericht  [VGKE, SR 173.320.2]), da die Begehren der  Beschwerdeführer  aufgrund  der  Erwägungen  als  aussichtslos  zu  qualifizieren  sind  und  deshalb  das  Gesuch  um  Gewährung  der  unentgeltlichen  Prozessführung  im  Sinne  von  Art.  65  Abs.  1  VwVG  abzuweisen ist. Das  Gesuch  um  Erlass  des  Kostenvorschusses  ist  aufgrund  des  Entscheids in der Hauptsache gegenstandslos geworden. (Dispositiv nächste Seite) 

D­3506/2011 D­3506/2011 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1.  Die Beschwerde wird abgewiesen. 2.  Das  Gesuch  um  Gewährung  der  unentgeltlichen  Prozessführung  im  Sinne von Art. 65 Abs. 1 VwVG wird abgewiesen. 3.   Die  Verfahrenskosten  von  Fr. 600.­  werden  den  Beschwerdeführern  auferlegt.  Dieser  Betrag  ist  innert  30  Tagen  ab  Versand  des  Urteils  zu  Gunsten der Gerichtskasse zu überweisen. 4.  Dieses Urteil geht an die Beschwerdeführer, das BFM und die zuständige  kantonale Behörde. Der Einzelrichter: Der Gerichtsschreiber: Thomas Wespi Stefan Weber Versand:

D-3506/2011 — Bundesverwaltungsgericht 04.07.2011 D-3506/2011 — Swissrulings