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Bundesverwaltungsgericht 07.02.2012 D-3190/2011

7. Februar 2012·Deutsch·CH·CH_BVGE·PDF·2,485 Wörter·~12 min·1

Zusammenfassung

Familienzusammenführung (Asyl) | Asylgesuch aus dem Ausland und Einreisebewilligung; Verfügung des BFM vom 5. Mai 2011

Volltext

Bundesve rwa l t ungsge r i ch t T r i buna l   adm in istratif   f édé ra l T r i buna l e   ammin istrati vo   f ede ra l e T r i buna l   adm in istrativ   f ede ra l     Abteilung IV D­3190/2011 Urteil   v om   7 .   Februar   2012 Besetzung Richter Hans Schürch (Vorsitz), Richter Pietro Angeli­Busi, Richter Martin Zoller,    Gerichtsschreiber Christoph Basler. Parteien A._______, geboren am (…), B._______, geboren am (…), Eritrea,   beide vertreten durch lic. iur. Claudia Tamuk­Scheitlin, Caritas Schweiz,  (…),  Beschwerdeführende,  gegen Bundesamt für Migration (BFM),  Quellenweg 6, 3003 Bern,    Vorinstanz.  Gegenstand Asylgesuch aus dem Ausland und Einreisebewilligung; Verfügung des BFM vom 5. Mai 2011 / N (…).

D­3190/2011 Sachverhalt: A.  Der  Beschwerdeführer,  eritreischer  Staatsangehöriger  mit  letztem  Wohnsitz  in  C._______,  verliess  seine  Heimat  am  1.  September  2006  und  lebte bis  zum 2. März 2007  im Sudan,  von wo aus er nach Libyen  weiterreiste. Am 8. März 2008 fuhr er mit einem Boot nach Italien; am 16.  März  2008  reiste  er  in  die  Schweiz  ein,  wo  er  gleichentags  um  Asyl  nachsuchte. Das BFM stellte mit Verfügung vom 5. Februar 2010 fest, der  Beschwerdeführer erfülle die Flüchtlingseigenschaft gemäss Art. 3 Abs. 1  und  2  des  Asylgesetzes  vom  26. Juni  1998  (AsylG,  SR  142.31)  und  gewährte ihm Asyl.  B.  B.a. Mit  Schreiben  an  das  BFM  vom  14.  Januar  2011  beantragten  der  Beschwerdeführer und seine Ehefrau (die Beschwerdeführerin), es sei ihr  die Einreise  in die Schweiz zu bewilligen und  festzustellen, dass sie die  Flüchtlingseigenschaft  selbständig  erfülle.  Eventualiter  sei  sie  in  die  Flüchtlingseigenschaft  ihres  Ehemannes  einzubeziehen.  Die  Beschwerdeführenden  führten  aus,  dass  sie  in  Eritrea  befreundet  gewesen  und  durch  die  Flucht  getrennt  worden  seien.  Während  einer  Reise des Beschwerdeführers  in den Sudan hätten sie am 8. Dezember  2010  in  D._______  geheiratet.  Die  Beschwerdeführerin  befinde  sich  derzeit  im  UN­Flüchtlingscamp  E._______  im  Sudan.  Sie  wollten  das  Familienleben  aufnehmen,  weshalb  ihr  die  Einreise  in  die  Schweiz  zu  bewilligen  sei.  Falls  das  BFM  zum  Schluss  gelange,  sie  erfülle  die  Flüchtlingseigenschaft nicht, sei ihr im Sinn von Art. 51 Abs. 1 AsylG Asyl  zu gewähren. Der Eingabe lagen mehrere Fotografien und eine Urkunde  über die Eheschliessung bei. B.b.  Mit  Verfügung  vom  20.  Januar  2011  bewilligte  das  BFM  der  Beschwerdeführerin  die  Einreise  in  die  Schweiz  nicht,  und  lehnte  das  Asylgesuch ab. B.c.  Die  Beschwerdeführenden  erhoben  am  10.  Februar  2011  beim  Bundesverwaltungsgericht  Beschwerde  gegen  diese  Verfügung.  Der  Instruktionsrichter  übermittelte  dem  BFM  die  Akten  mit  Zwischenverfügung  vom  18. Februar  2011  zur  Vernehmlassung.  Das  BFM hob mit Verfügung vom 25. Februar 2011 seine Verfügung vom 18.  Juli  2007  (recte:  20.  Januar  2011)  auf  und  nahm  das  Asylverfahren  wieder  auf.  Das  Bundesverwaltungsgericht  schrieb  das 

D­3190/2011 Beschwerdeverfahren mit Abschreibungsentscheid vom 9. März 2011 als  gegenstandslos ab. C.  C.a. Das BFM wandte sich mit Zwischenverfügung vom 24. März 2011 an  die Rechtsvertreterin der Beschwerdeführenden und teilte dieser mit, eine  Befragung der Beschwerdeführerin durch die schweizerische Botschaft in  Khartum  könne  aus  sicherheitstechnischen,  strukturellen  und  kapazitätsmässigen Aspekten  nicht  durchgeführt werden.  Zuhanden  der  Beschwerdeführerin wurden vom BFM diverse Fragen gestellt. C.b. Die Rechtsvertreterin übermittelte am 7. April 2011 die Antworten zu  den  vom BFM gestellten Fragen. Dem Schreiben  lag eine Auskunft  der  Länderanalyse  der  Schweizerischen  Flüchtlingshilfe  (SFH;  Eritrea:  Deportation  von  eritreischen  Flüchtlingen  und  Asylsuchenden  aus  dem  Sudan) vom 24. Februar 2010 bei. D.  Mit  am  folgenden  Tag  eröffneter  Verfügung  vom  5. Mai  2011  bewilligte  das BFM der Beschwerdeführerin die Einreise  in die Schweiz nicht, und  lehnte das Asylgesuch ab. E.  Mit Eingabe an das Bundesverwaltungsgericht vom 3. Juni 2011  liessen  die  Beschwerdeführenden  durch  ihre  Rechtsvertreterin  die  Aufhebung  des  Entscheids  des  BFM  vom  5.  Mai  2011  beantragen.  Der  Beschwerdeführerin sei die Einreise in die Schweiz zu bewilligen. Es sei  festzustellen,  dass  sie  die  Flüchtlingseigenschaft  gemäss  Art.  3  AsylG  selbständig  erfülle  und  ihr Asyl  zu  gewähren. Eventualiter  sei  sie  in  die  Flüchtlingseigenschaft  ihres  Ehemannes  einzubeziehen.  Es  sei  den  Beschwerdeführenden die unentgeltliche Rechtspflege zu bewilligen. Der  Eingabe  lagen  eine  Auskunft  der  SFH­Länderanalyse  (Eritrea:  Entführungen  im  Sudan)  vom  3.  Mai  2011,  eine  Bestätigung  des  Sozialhilfebezugs  des  Beschwerdeführers  vom  25.  Mai  2011  und  eine  Aufstellung  über  den  bisherigen  Aufwand  der  Rechtsvertretung  im  Beschwerdeverfahren bei. F.  Der  Instruktionsrichter  hiess  das  Gesuch  um  Gewährung  der  unentgeltlichen Rechtspflege gemäss Art. 65 Abs. 1 des Bundesgesetzes  vom  20. Dezember  1968  über  das  Verwaltungsverfahren  (VwVG,  SR 

D­3190/2011 172.021)  mit  Zwischenverfügung  vom  8.  Juni  2011  gut  und  verzichtete  auf die Erhebung eines Kostenvorschusses. Das Gesuch um Gewährung  der  unentgeltlichen  Rechtspflege  gemäss  Art.  65  Abs.  2  VwVG  wurde  abgewiesen.  Die  Akten  wurden  zur  Vernehmlassung  an  das  BFM  überwiesen. G.  Das BFM  beantragte  in  seiner  Vernehmlassung  vom  17.  Juni  2011  die  Abweisung der Beschwerde. H.  Die  Beschwerdeführenden  wandten  sich  am  21.  Juli  2011  an  das  Bundesverwaltungsgericht und baten darum, der Beschwerdeführerin sei  möglichst bald die Einreise in die Schweiz zu bewilligen. I.  Mit  Schreiben  vom  2.  Dezember  2011  wurde  dem  Bundesverwaltungsgericht  mitgeteilt,  dass  die  Beschwerdeführerin  das  Flüchtlingslager  verlassen  habe,  da  sich  dort  die  Anzahl  von  Entführungen  gehäuft  habe.  Sie  wohne  zurzeit  bei  einer  alten  Frau  in  D._______, die sie für ein bis zwei Monate beherbergen könne. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1.  1.1. Gemäss Art. 31 des Verwaltungsgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005  (VGG, SR 173.32) beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Beschwerden  gegen  Verfügungen  nach  Art. 5  VwVG.  Das  BFM  gehört  zu  den  Behörden  nach  Art. 33  VGG  und  ist  daher  eine  Vorinstanz  des  Bundesverwaltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme  im Sinne von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht  ist daher zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und  entscheidet  auf  dem  Gebiet  des  Asyls  endgültig,  ausser  bei  Vorliegen  eines  Auslieferungsersuchens  des  Staates,  vor  welchem  die  beschwerdeführende Person Schutz sucht (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d  Ziff. 1  des  Bundesgerichtsgesetzes  vom  17. Juni  2005  [BGG,  SR 173.110]). 1.2.  Die  Beschwerde  ist  frist­  und  formgerecht  eingereicht.  Die  Beschwerdeführenden  haben  am  Verfahren  vor  der  Vorinstanz 

D­3190/2011 teilgenommen, sind durch die angefochtene Verfügung besonders berührt  und  haben  ein  schutzwürdiges  Interesse  an  deren  Aufhebung  beziehungsweise  Änderung.  Sie  sind  daher  zur  Einreichung  der  Beschwerde legitimiert (Art. 105 und Art. 108 Abs. 1 AsylG, Art. 37 VGG  i.V.m.  Art. 48  Abs. 1  sowie  Art. 52  VwVG).  Auf  die  Beschwerde  ist  einzutreten. 2.   Mit  Beschwerde  kann  die  Verletzung  von  Bundesrecht,  die  unrichtige  oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts und  die Unangemessenheit gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG). 3.  3.1. Das BFM führte in der angefochtenen Verfügung aus, die Abklärung  des  rechtserheblichen  Sachverhalts  erfordere  die  Anwesenheit  der  Beschwerdeführerin  in  der  Schweiz  nicht.  Aufgrund  des  vollständig  erstellten Sachverhalts könne davon ausgegangen werden, dass sie nicht  unmittelbar gefährdet sei, weshalb eine sofortige Einreise in die Schweiz  nicht notwendig sei. Die Ausführungen in der Stellungnahme vom 7. April  2011  liessen  darauf  schliessen,  dass  sie  in  Eritrea  ernstzunehmende  Schwierigkeiten  mit  den  Behörden  gehabt  habe.  Sie  habe  sich  am  5.  Januar  2011  im UNHCR­Camp E._______  registrieren  lassen,  weshalb  davon  auszugehen  sei,  ihr  werde  Schutz  und  Aufenthalt  gewährt.  Im  Sudan  hätten  sich  im  Jahr  2009  rund  165'000  eritreische  Flüchtlinge  befunden,  deren  Lage  nicht  einfach  sei.  Dennoch  bestünden  keine  konkreten  Anhaltspunkte  für  die  Annahme,  ein  weiterer  Verbleib  im  Sudan sei für die Beschwerdeführerin nicht zumutbar oder nicht möglich.  Sie  sei  vom  UNHCR  registriert  und  dem  Flüchtlingslager  E._______  zugeteilt  worden.  Die  eritreischen  Flüchtlinge  im  Sudan  verfügten  nicht  über ein freies Aufenthaltsrecht für das ganze Land, sondern hätten sich  in  einem  Flüchtlingslager  aufzuhalten.  Die  von  ihr  geäusserte  Befürchtung,  von  den  sudanesischen  Behörden  nach  Eritrea  zurückgeschafft  zu  werden,  sei  unbegründet.  Das  Risiko  einer  Deportation sei sehr gering. Das UNHCR registriere vor Ort alle Eritreer,  die  sich  in  einem  Flüchtlingslager  meldeten.  Vereinzelt  kämen  Rückschaffungen  vor,  diese  seien  aber  in  Anbetracht  der  Vielzahl  von  eritreischen Asylsuchenden und Flüchtlingen  im Sudan sehr gering. Die  Beschwerdeführerin  benötige  den  zusätzlichen  subsidiären  Schutz  der  Schweiz nicht; es sei ihr zuzumuten, im Sudan zu bleiben.

D­3190/2011 Den  Akten  seien  keine  Anhaltspunkte  dafür  zu  entnehmen,  dass  die  Beschwerdeführerin  vor  ihrer  Ausreise  mit  dem  Beschwerdeführer  in  einer  eheähnlichen  Gemeinschaft  gelebt  habe,  weshalb  auch  die  gesetzlichen  Voraussetzungen  für  eine  Familienzusammenführung  vorliegend nicht erfüllt seien. 3.2. In der Beschwerde wird geltend gemacht, die Beschwerdeführenden  seien  in  Eritrea  Nachbarn  gewesen  und  hätten  sich  2004  verliebt.  Geheiratet  hätten  sie  im  Dezember  2010  im  Sudan.  Der  Bruder  der  Beschwerdeführerin habe Eritrea  im April  2010  illegal  verlassen, worauf  sie und  ihr Vater  festgenommen worden seien. Am 10. Juli 2010 sei  ihr  die  Flucht  aus  der Gefangenschaft  gelungen.  Im November  2010  habe  sie Eritrea verlassen. Nach  ihrer Heirat mit dem Beschwerdeführer wäre  sie  bei  einer  Rückkehr  nach  Eritrea  zusätzlich  einer  Reflexverfolgung  unterworfen.  Auch  sie  habe  Eritrea  illegal  verlassen.  Da  sie  in  militärfähigem  Alter  sei  und  ihr  wegen  illegaler  Ausreise  eine  regimefeindliche  Haltung  unterstellt  werde,  bestehe  eine  begründete  Furcht  vor  Rekrutierung  ins  eritreische  Militär. In  der  angefochtenen  Verfügung  werde  nicht  näher  auf  die  Kriterien  Beziehungsnähe  zur  Schweiz  sowie  Eingliederungs­  und  Assimilationsmöglichkeiten  eingegangen.  Diese  seien  erfüllt,  da  ihr  Ehemann als anerkannter Flüchtling in der Schweiz lebe. Das BFM halte  fest,  dass  Hinweise  auf  die  bestehende  Flüchtlingseigenschaft  der  Beschwerdeführerin  bestünden.  Insoweit  das  BFM  Urteile  des  Bundesverwaltungsgerichts  zitiere,  in  denen  der  Verbleib  im  Sudan  als  zumutbar  erachtet  worden  sei,  habe  es  sich  um  Personen  mit  Verwandtschaft  im Sudan gehandelt. Sie wäre  im Sudan als Frau ohne  Verwandte  auf  sich  alleine  gestellt,  habe  zuvor  nie  im  Sudan  gelebt,  beherrsche  die  Sprache  nicht  und  habe  keine  Arbeit  gefunden.  Das  Risiko, dass sie nach Eritrea zurückgeschafft werde, bestehe sehr wohl.  Es  bestünden  grosse  Netzwerke,  die  eritreische  Flüchtlinge  entweder  entführten, um sie nach Eritrea zurückzubringen oder um Angehörige um  Geld  zu  erpressen.  Es  würden  auch  Flüchtlinge  aus  Flüchtlingslagern  geholt. Die Lebensbedingungen  im Osten des Sudans seien prekär. Sie  dürfe  das  Flüchtlingslager  nicht  verlassen,  widrigenfalls  ihr  eine  lange  Haftstrafe  drohe.  Somit  sei  ihre  Bewegungsfreiheit  stark  eingeschränkt.  Unter  diesen  Umständen  sei  es  ihr  nicht  zumutbar,  im  Sudan  zu  verbleiben.  Vom  BFM  sei  vernachlässigt  worden,  dass  sie  mit  einem  Eritreer 

D­3190/2011 verheiratet  sei,  der  in  der Schweiz  als  Flüchtling  anerkannt worden  sei.  Ihr Verbleib im Sudan würde das gemeinsame Familienleben verhindern,  was unzumutbar sei und gegen Art. 8 der Konvention vom 4. November  1950  zum  Schutze  der  Menschenrechte  und  Grundfreiheiten  (EMRK,  SR 0.101)  sowie  Art.  14  der  Bundesverfassung  der  Schweizerischen  Eidgenossenschaft vom 18. April 1999 (BV, SR 101) verstosse. Die Beschwerdeführenden seien seit dem 8. Dezember 2010 verheiratet.  Die Beschwerdeführerin habe  ihr Heimatland verlassen und  lebe zurzeit  in  einem  Flüchtlingslager.  Die  Bedingungen  für  ihren  Einbezug  in  die  Flüchtlingseigenschaft  des  Beschwerdeführers  seien  somit  gegeben.  Eine Heirat nach der Flucht beziehungsweise der Umstand, dass sie nicht  durch  die  Flucht  getrennt  worden  seien,  stelle  keinen  besonderen  Umstand im Sinne des Asylgesetzes dar. Trotz des Wortlauts von Art. 51  Abs. 4 AsylG müsse ihr die Einreise in die Schweiz bewilligt werden. Bei  Art.  51  Abs.  4  AsylG  gehe  es  um  eine  Bestimmung,  die  Missbrauch  verhindern  solle.  In  casu  liege  weder  eine  Schein­  noch  eine  Mehrfachehe  vor;  die  Ehepartner  beabsichtigten,  in  der  Schweiz  ein  gemeinsames Eheleben zu führen. Aus Art. 8 EMRK lasse sich zwar kein  grundsätzlicher Anspruch auf eine Einreisebewilligung ableiten, unter den  vorliegenden  Umständen  sei  die  Schweiz  aber  verpflichtet,  ihr  die  Einreise  zu  bewilligen,  da  das  gemeinsame  Eheleben  faktisch  nur  hier  möglich  sei.  Die  Beschwerdeführenden  seien  beide  eritreische  Staatsangehörige,  und  die  Beschwerdeführerin  lebe  im  Sudan  ohne  gesicherten Aufenthaltsstatus. 4.  4.1.  Ein  Asylgesuch  kann  gemäss  Art. 19  AsylG  im  Ausland  bei  einer  schweizerischen Vertretung gestellt werden, die es mit einem Bericht an  das  Bundesamt  überweist  (Art. 20  Abs. 1  AsylG).  Hinsichtlich  des  Verfahrens bei  der  schweizerischen Vertretung  im Ausland  sieht Art. 10  der  Asylverordnung 1  vom  11. August  1999  über  Verfahrensfragen  (AsylV 1, SR 142.311) vor, dass diese mit der asylsuchenden Person  in  der  Regel  eine  Befragung  durchführt.  Davon  kann  nur  abgewichen  werden, wenn eine Befragung  faktisch  oder  aus  organisatorischen  oder  kapazitätsmässigen Gründen  unmöglich  ist,  oder  wenn  der  Sachverhalt  bereits aufgrund des eingereichten Asylgesuchs als entscheidreif erstellt  erscheint  (vgl.  BVGE  2007/30  E.  5.8  S.  367  f.).  Ist  eine  Befragung  im  Ausland  nicht  möglich,  ist  die  asylsuchende  Person  aufzufordern,  ihre  Asylgründe schriftlich festzuhalten (Art. 10 Abs. 2 AsylV 1). Das BFM hat 

D­3190/2011 den  Verzicht  auf  eine  Befragung  im  Ausland  in  der  Verfügung  zu  begründen (vgl. BVGE 2007/30 E. 5.8 S. 368). 4.2. Vorliegend wurde die schweizerische Botschaft  in Khartum nicht mit  einer Anhörung der Beschwerdeführerin zu deren Asylgesuch beauftragt.  Das BFM begründete in seiner Verfügung vom 5. Mai 2011 den Verzicht  auf  eine Befragung mit  dem begrenzten Personalbestand  der Botschaft  und  fehlenden  Voraussetzungen  im  sicherheitstechnischen  und  räumlichen  Bereich.  Die  Vertreterin  der  Beschwerdeführerin  nahm  mit  Eingabe vom 7. April 2011 zu den vom BFM im Schreiben vom 24. März  2011 gestellten Fragen Stellung. Die Beschwerdeführerin erhielt somit die  Möglichkeit, ihre Asylgründe darzulegen und mithin bei der Erhebung und  Ergänzung des rechtserheblichen Sachverhaltes mitzuwirken. 5.  Einer  Person,  welche  im  Ausland  ein  Asylgesuch  gestellt  hat,  ist  die  Einreise in die Schweiz zu bewilligen, wenn eine unmittelbare Gefahr für  Leib,  Leben  oder  Freiheit  aus  einem  Grund  nach  Art. 3  Abs. 1  AsylG  glaubhaft gemacht wird (Art. 20 Abs. 3 AsylG) – das heisst im Hinblick auf  die Anerkennung als Flüchtling und die Asylgewährung – oder aber, wenn  für  die  Dauer  der  näheren  Abklärung  des  Sachverhalts  ein  weiterer  Aufenthalt im Wohnsitz­ oder Aufenthaltsstaat oder die Ausreise in einen  Drittstaat  nicht  zumutbar  erscheint  (Art. 20  Abs. 2  AsylG).  Asyl  –  und  damit  die  Einreise  in  die  Schweiz  –  ist  ihr  zu  verweigern,  wenn  keine  Hinweise  auf  eine  aktuelle  Gefährdung  im  Sinne  von  Art. 3  AsylG  vorliegen oder ihr zuzumuten ist, sich in einem Drittstaat um Aufnahme zu  bemühen (Art. 52 Abs. 2 AsylG). 6.  6.1.  Für  die  Erteilung  einer  Einreisebewilligung  gelten  restriktive  Voraussetzungen,  wobei  den  Behörden  ein  weiter  Ermessensspielraum  zukommt.  Neben  der  erforderlichen  Gefährdung  im  Sinne  von  Art. 3  AsylG sind mit Blick auf den Ausschlussgrund von Art. 52 Abs. 2 AsylG  namentlich die Beziehungsnähe zur Schweiz und zu anderen Staaten, die  Möglichkeit  der  Schutzgewährung  durch  einen  anderen  Staat,  die  praktische  Möglichkeit  und  objektive  Zumutbarkeit  einer  anderweitigen  Schutzsuche  sowie  die  voraussichtlichen  Eingliederungs­  und  Assimilationsmöglichkeiten  in  Betracht  zu  ziehen  (vgl.  BVGE  E­ 8127/2008  vom  12. Mai  2011  E. 3.3,  Entscheidungen  und  Mitteilungen  der  Schweizerischen  Asylrekurskommission  [EMARK]  2005  Nr. 19  E. 4 

D­3190/2011 S. 174  ff., EMARK 2004 Nr. 21 E. 2 S. 136  f., EMARK 2004 Nr. 20 E. 3  S. 130 f., EMARK 1997 Nr. 15 E. 2f S. 131 f.). 6.2.  6.2.1. Die Beschwerdeführerin macht  eine eigene Gefährdung  im Sinne  von  Art. 3  AsylG  i.V.m.  Art. 20  AsylG  geltend,  indem  sie  vorbringt,  am  25. Mai  2010  wegen  der  illegalen  Ausreise  ihres  Bruders  aus  Eritrea  inhaftiert  und  während  eines  rund  eineinhalbmonatigen  Gefängnisaufenthaltes mehrfach verhört worden zu sein. Zudem sei sie in  militärfähigem  Alter  und  wegen  ihrer  –  nach  erfolgter  Flucht  aus  dem  Gefängnis  –  eigenen  illegalen  Ausreise werde  ihr  eine  regimefeindliche  Haltung unterstellt, womit eine begründete Furcht vor einer Rekrutierung  in  die  eritreische  Armee  bestehe.  Das  BFM  hält  in  der  angefochtenen  Verfügung  ohne  auf  diese  Vorbringen  näher  einzugehen  fest,  die  Ausführungen  in  der  Stellungnahme  vom  7. April  2011  liessen  darauf  schliessen,  dass  die  Beschwerdeführerin  in  Eritrea  ernstzunehmende  Schwierigkeiten  mit  den  heimatlichen  Behörden  gehabt  habe.  Die  Vorinstanz  geht  damit  implizit  vom  Vorliegen  einer  Gefährdung  der  Beschwerdeführerin im Sinne von Art. 3 AsylG im Zeitpunkt der Ausreise  aus  Eritrea  in  den  Sudan  aus,  bejaht  bei  der  anschliessenden  Prüfung  des  Asylausschlussgrundes  von  Art. 52  Abs. 2  AsylG  jedoch  die  Zumutbarkeit ihres Verbleibs im Sudan. 6.2.2. Die Beschwerdeführerin wurde in Eritrea eigenen Angaben gemäss  festgenommen und mehrere Wochen lang inhaftiert, nachdem ihr Bruder  seine  Heimat  illegal  verlassen  habe.  Aus  dieser  Haft  sei  ihr  nach  mehreren Wochen die Flucht gelungen. Sie hat Eritrea am 20. November  2010  im  militärdienstpflichtigen  Alter  von  22 Jahren  illegal,  das  heisst  ohne  behördliches  Ausreisevisum,  verlassen.  Sie  hat  schon  deshalb  begründete  Furcht,  bei  einer  Rückkehr  in  die  Heimat  ernsthaften  Nachteilen  im  Sinne  von  Art. 3  AsylG  ausgesetzt  zu  werden  (vgl.  zu  subjektiven  Nachfluchtgründen  EMARK  2006  Nr. 1  E. 6.1  S. 10,  mit  weiteren  Hinweisen,  sowie  zur  Anwendung  auf  Eritrea  das  Urteil  des  Bundesverwaltungsgerichts     D­3892/2008  vom  6. April  2010  E. 5.3).  Eine  Gefährdung  im  Sinne  von  Art. 3  AsylG  i.V.m.  Art. 20  AsylG  ist  insofern zu bejahen.  7.  7.1.  7.1.1.  Gemäss  Art. 52  Abs. 2  AsylG  kann  einer  Person,  die  sich  im  Ausland  befindet,  das  Asyl  verweigert  werden,  wenn  es  ihr  zugemutet 

D­3190/2011 werden  kann,  sich  in  einem  andern  Staat  um  Aufnahme  zu  bemühen.  Diese  Bestimmung  trifft  keine  Unterscheidung  zwischen  Asylgesuchen  aus dem Herkunftsland der asylsuchenden Person und solchen, die aus  einem Drittstaat gestellt werden. Hält sich die Person, die ein Asylgesuch  aus dem Ausland gestellt hat,  in einem Drittstaat auf,  ist  zwar  im Sinne  einer  Vermutung  davon  auszugehen,  die  betreffende  Person  habe  in  diesem Drittstaat bereits Schutz vor Verfolgung gefunden oder könne ihn  dort erlangen, weshalb auch anzunehmen ist, es sei  ihr zuzumuten, dort  zu  verbleiben  beziehungsweise  sich  dort  um  Aufnahme  zu  bemühen.  Diese  Vermutung  kann  sich  jedoch  sowohl  in  Bezug  auf  die  Schutzgewährung  durch  den Drittstaat  (vgl.  EMARK  2005 Nr. 19  E. 5.1  S. 176 f.) wie auch die Zumutbarkeit der Inanspruchnahme des Schutzes  im Drittstaat als unzutreffend erweisen. Es  ist deshalb zu prüfen, ob die  asylsuchende  Person  im Drittstaat  Schutz  vor  Verfolgung  gefunden  hat  oder  erlangen  kann,  und  –  falls  dies  zu  bejahen  ist  –  ob  der  asylsuchenden  Person  die  Inanspruchnahme  des  Schutzes  des  Drittstaates  und  somit  der  Verbleib  in  diesem  Staat  objektiv  zugemutet  werden  kann.  Bei  dieser  Abwägung  bildet  die  besondere  Beziehungsnähe  der  asylsuchenden  Person  zur  Schweiz  ein  zentrales,  wenn  auch  nicht  das  einzige  Kriterium  (vgl.  BVGE  E­8127/2008  vom  12. Mai 2011 E. 5.1, EMARK 2004 Nr. 21 E. 4 b.aa S. 139 f.). 7.1.2. Das  Kriterium  der  besonderen  Beziehungsnähe  ist  nicht  mit  den  Voraussetzungen  des  Familienasyls  in  Bezug  auf  den  Verwandtschaftsgrad  nach  Art. 51  AsylG  gleichzusetzen.  Auch  verwandtschaftliche Beziehung  zu Personen  ausserhalb  der Kernfamilie  sind  in  die  Abwägung  mit  einzubeziehen.  Ferner  ist  nicht  ausgeschlossen,  dass  gegebenenfalls  auch  aus  anderen  Gründen  als  aufgrund  einer  Verwandtschaft  zu  in  der  Schweiz  lebenden  Personen  eine enge Beziehung zur Schweiz anzunehmen sein könnte (vgl. EMARK  2004  Nr. 21.  E. 4.b.aa  S. 140,  EMARK  1997  Nr. 15  E. 2g  S. 132).  Zu  berücksichtigen sind zudem die Beziehungsnähe zum Drittstaat (oder zu  anderen  Staaten)  sowie  die  voraussichtlichen  Eingliederungs­  und  Assimilationsmöglichkeiten in der Schweiz beziehungsweise im Drittstaat  (oder  in  anderen  Staaten).  Allein  die  Tatsache,  dass  die  asylsuchende  Person keine besondere Beziehungsnähe zur Schweiz hat, ist deshalb für  die  Ablehnung  des  Asylgesuches  nicht  ausschlaggebend  (vgl.  EMARK  1997 Nr. 15 E. 2f. S. 131 f.). Hält sich die asylsuchende Person in einem  Drittstaat auf, ist die Einreise in die Schweiz beispielsweise zu bewilligen,  wenn  der  Drittstaat  keine  hinreichende  Gewähr  für  ein  ordentliches  Asylverfahren  bietet  und  eine  Abschiebung  in  den  Heimatstaat  nicht 

D­3190/2011 ausgeschlossen  erscheint,  auch  wenn  eine  Beziehungsnähe  der  asylsuchenden Person zur Schweiz fehlt (vgl. EMARK 2005 Nr. 19 E. 4.3  S. 174 f.). Umgekehrt  führt der Umstand, dass eine Beziehungsnähe zur  Schweiz  namentlich  aufgrund  von  hier  ansässigen  nahen  Familienangehörigen  gegeben  ist,  nicht  zur  Erteilung  einer  Einreisebewilligung,  wenn  aufgrund  einer  Abwägung  mit  anderen  Kriterien der Verbleib  im Drittstaat objektiv als  zumutbar  zu erachten  ist  (vgl.  etwa  Urteile  des  Bundesverwaltungsgerichts  D­7225/2010  vom  14. Februar  2011  E. 6,  insbes.  6.6,  D­4758/2010  vom  30. August  2010  E. 4.1.4, D­2047/2010 vom 29. April 2010 insbes. S. 9 f.). 7.2.  7.2.1.  Im  Hinblick  auf  die  Prüfung  der  Anwendbarkeit  des  Asylausschlussgrundes von Art. 52 Abs. 2 AsylG hält das BFM in Ziffer 3  seiner  Verfügung  unter  Hinweis  auf  die  Rechtsprechung  fest,  die  Kriterien,  welche  die  Zufluchtnahme  in  einem  Drittstaat  als  zumutbar  erscheinen  liessen,  seien  mit  einer  allfälligen  Beziehungsnähe  zur  Schweiz  abzuwägen.  Es  legt  sodann  dar,  weshalb  trotz  der  sehr  schwierigen Bedingungen  für eritreische Flüchtlinge  im Sudan nicht  von  der  Unzumutbarkeit  des  Verbleibs  in  diesem  Drittstaat  ausgegangen  werden  könne.  Das  BFM  unterlässt  es  jedoch  –  wie  im  Übrigen  in  zahlreichen  anderen  Verfahren  (vgl.  beispielsweise  die  Urteile  des  Bundesverwaltungsgerichts  D­2018/2011  vom  14. September  2011  E.  7.2.1  und  D­4910/2010  vom  4. März  2011  E. 5.3)  –  in  den  anschliessenden  Erwägungen,  die  von  der  Beschwerdeführerin  geltend  gemachte  Beziehungsnähe  zur  Schweiz  zu  prüfen  und  begnügt  sich  damit,  festzuhalten,  ihr werde  im Sudan Schutz und Aufenthalt gewährt,  sie  benötige  den  subsidiären  Schutz  der  Schweiz  nicht,  und  es  sei  ihr  zuzumuten,  vorderhand  im  Sudan  zu  bleiben.  Zur  Stützung  dieser  Auffassung  weist  es  auf  das  Urteil  des  Bundesverwaltungsgerichts               E­145/2010  vom  11. Februar  2010  hin,  in  dem  –  so  das  BFM  in  der  angefochtenen  Verfügung  –  entschieden  worden  sei,  für  somalische  Flüchtlinge  sei  der  Aufenthalt  in  äthiopischen  Flüchtlingslagern  grundsätzlich  zumutbar,  denn  ihre  Grundbedürfnisse  würden  dort  gedeckt. Diese Schlussfolgerung müsse – so das BFM unter Hinweis auf  das Urteil des Bundesverwaltungsgerichts D­7225/2010 vom 14. Februar  2011 – auch für eritreische Flüchtlinge  in Äthiopien gelten, unterstünden  diese  doch  den  gleichen  Aufenthaltspflichten  wie  die  somalischen  Flüchtlinge.

D­3190/2011 Die vom BFM aus den zitierten Urteilen des Bundesverwaltungsgerichts  gezogenen Schlussfolgerungen sind nicht  zutreffend. Keines der beiden  Urteile  äussert  sich  in  allgemeiner  Weise  dahingehend,  dass  der  Aufenthalt  in  äthiopischen  Flüchtlingslagern  für  somalische  Flüchtlinge  (Urteil  des  Bundesverwaltungsgerichts  E­145/2010  vom  11. Februar  2010)  respektive der Aufenthalt  in  sudanesischen Lagern  für  eritreische  Flüchtlinge  (Urteil  des  Bundesverwaltungsgerichts  D­7225/2010  vom  14. Februar 2011) grundsätzlich zumutbar sei. Das Gericht legte vielmehr  in  beiden Urteilen  aufgrund  einer  Einzelfallprüfung  unter  Abwägung  der  gemäss  Rechtsprechung  massgeblichen  Kriterien  dar,  weshalb  der  Verbleib  in  Äthiopien  respektive  im  Sudan  den  somalischen  beziehungsweise  eritreischen  Beschwerdeführenden  zuzumuten  ist.  Diese  hielten  sich  ausserhalb  von  Flüchtlingslagern  auf,  und  eine  Beziehungsnähe  zur Schweiz, welche  zu einer  anderen Beurteilung der  Zumutbarkeit  des  Verbleibs  im  Aufenthaltsstaat  hätte  führen  können,  wurde in beiden Fällen verneint. 8.  8.1.  In  der  Praxis  erachtet  das  Bundesverwaltungsgericht  jedenfalls  in  Fällen,  in  welchen  Frauen  sich  –  mit  oder  ohne  Kinder  –  in  einem  Drittstaat  (meist  in  einem  Flüchtlingslager)  ohne  erwachsene  nahe  Familienangehörige oder weitere volljährige Verwandte aufhalten, und die  deswegen nicht  nur  in  ökonomischer Hinsicht,  sondern  auch unter  dem  Aspekt  der  persönlichen  Sicherheit  unter  prekären  Bedingungen  leben,  den weiteren  Verbleib  im  Aufenthaltsstaat  in  der  Regel  als  unzumutbar  und weist das BFM an, die Einreisebewilligung zu erteilen, wenn diese –  in der Regel in Gestalt des Ehemannes, welcher als Flüchtling anerkannt  ist – über eine besondere Beziehungsnähe zur Schweiz verfügen und zu  keinem anderen Staat stärkere Bezugspunkte bestehen als zur Schweiz  (vgl. Urteile des Bundesverwaltungsgerichts E­5089/2011 vom 17. Januar  2012 E. 5.3.10, E­4757/2009 vom 8. Juli 2011 E. 8.6, E­4469/2009 vom  1. März  2011  E. 5,  D­7804/2007  vom  27. Oktober  2010  E. 7,  E­ 2247/2009 vom 9. August 2010 E. 7, D­4548/2009 vom 18. Februar 2010  E. 6). 8.2. Die Beschwerdeführerin wurde nach eigenen Angaben vom UNHCR  registriert  und  lebt  seit  Januar  2011  im  sudanesischen  Flüchtlingslager  E._______. Dieses hat sie gegen Ende   2011 vorübergehend verlassen,  da  sie  sich  vor  einer  Entführung  fürchtet.  Auch  wenn  sie  noch  keinen  Flüchtlingsausweis  erhalten  haben  und  lediglich  vom  UNHCR  als 

D­3190/2011 Asylsuchende  registriert  sein  sollte,  dürfte  sie  weitgehend  Schutz  vor  einer Abschiebung  nach Eritrea  geniessen,  zumindest,  solange  sie  sich  im  ihr  zugewiesenen  Flüchtlingslager  aufhält.  Angesichts  der  grossen  Zahl der im Sudan lebenden eritreischen Asylsuchenden und Flüchtlinge  lässt sich keine generelle Gefahr ableiten, dass diesen grundsätzlich eine  Rückschiebung nach Eritrea droht. Konkrete Hinweise auf eine drohende  Deportation  (oder  Entführung)  nach  Eritrea  liegen  im  vorliegenden  Fall  denn auch keine vor. 8.3. Das BFM äussert  sich  in der angefochtenen Verfügung nicht  dazu,  dass  die  Beschwerdeführerin  als  alleinstehende  Frau  zur  Gruppe  der  verletzlichen  Personen  gehört.  Es  begnügte  sich  vielmehr  damit,  unter  Hinweis  auf  die  –  wie  in  E. 7.2.2  aufgezeigt  –  unzutreffend  zitierte  Rechtsprechung  des  Bundesverwaltungsgerichts  festzuhalten,  der  Aufenthalt  in  sudanesischen  Flüchtlingslagern  sei  für  eritreische  Flüchtlinge grundsätzlich  zumutbar, weshalb es der Beschwerdeführerin  zuzumuten sei, vorderhand im Sudan zu bleiben und sie den subsidiären  Schutz  der  Schweiz  nicht  benötige.  Das  BFM  nahm  somit  weder  eine  Einschätzung der individuellen Situation der Beschwerdeführerin in ihrem  derzeitigen Aufenthaltsstaat Sudan vor, noch prüfte es die von ihr geltend  gemachte besondere Beziehungsnähe zur Schweiz.  8.4.  8.4.1. Wie dargelegt,  ist bei Asylgesuchen aus einem Drittstaat  in  jedem  Einzelfall  stets  eine  Abwägung  zwischen  der  Zumutbarkeit  der  Zufluchtnahme  in  diesem oder  einem allfälligen  anderen  Land  (z.B.  der  Schweiz)  vorzunehmen,  wobei  die  Beziehungsnähe  zur  Schweiz  ein  gewichtiges  Kriterium  bildet.  Indem  das  BFM  bei  der  Prüfung  der  Zumutbarkeit  im  Sinne  von  Art. 52  Abs. 2  AsylG  die  besondere  Beziehungsnähe  der  Beschwerdeführerin  zur  Schweiz  nicht  berücksichtigt,  sondern  im Ergebnis  allein  auf  die  Verfolgungssicherheit  und  die  genügende materielle  Versorgung  von  eritreischen  Flüchtlingen  im Sudan verwiesen hat, hat es im vorliegenden Fall das ihm zustehende  Ermessen unterschritten und gleichzeitig die Begründungspflicht verletzt.  Gestützt  auf  die  mit  Blick  auf  die  Zumutbarkeitsfrage  spruchreife  Aktenlage,  ist  das  vorliegende  Verfahren  indes  reformatorisch  zu  entscheiden, zumal der Beschwerdeführerin dadurch kein Rechtsnachteil  erwächst. 8.4.2.  Die  23­jährige  Beschwerdeführerin  hält  sich  gemäss  von  der  Vorinstanz  nicht  bestrittenen  Angaben  ohne  nahe  Familienangehörige 

D­3190/2011 oder  weitere  Verwandte  alleine  im  Flüchtlingslager  E._______  beziehungsweise  derzeit  bei  einer  älteren  Frau  auf  und  verfügt  auch  ausserhalb  des  Lagers  im  Sudan  oder  in  anderen  Staaten  über  keine  weiteren  Bezugspersonen.  Ihre  Lebensbedingungen  dürfen  als  prekär  bezeichnet  werden.  Mit  dem  Sudan  verbindet  sie  ausserdem  keine  besondere  kulturelle  oder  sprachliche Nähe;  den  einzigen  Bezugspunkt  zu  diesem Staat  bildet  demnach  ihr mehrmonatiger Aufenthalt  in  einem  dortigen Flüchtlingslager. Eine  sprachliche  oder  kulturelle Nähe existiert  zwar  auch  zur  Schweiz  nicht,  doch  lebt  hier  ihr  Ehemann  seit  Februar  2010 als anerkannter Flüchtling. Angesichts des mehrjährigen Aufenthalts  des  Ehemannes  –  dieser  ist  im März  2008  in  die  Schweiz  eingereist –  verfügt  sie  offensichtlich  über  einen  engen  Bezug  zur  Schweiz.  Die  Eingliederungsmöglichkeiten in der Schweiz sind sicherlich nicht geringer  als  in  einem  sudanesischen  Flüchtlingslager.  Vor  diesem  Hintergrund  erweist sich der Verbleib der Beschwerdeführerin im Sudan entgegen der  Auffassung  der  Vorinstanz  als  unzumutbar  im  Sinne  von  Art. 20  Abs. 2  AsylG.  Es  ist  indessen  zu  betonen,  dass  es  sich  vorliegend  um  einen  Grenz­ und nicht um einen Präzedenzfall handelt. Der Beschwerdeführer  reiste  nach  seiner  Anerkennung  als  Flüchtling  von  der  Schweiz  aus  in  den Sudan und heiratete dort die Beschwerdeführerin. Eigenen Angaben  gemäss  kannten  sich  die  Beschwerdeführenden  jedoch  seit  ihrer  Jugendzeit  und  seien  befreundet  gewesen  (act.  B1/12  S.  2)  und  die  Eheschliessung  sei  schon  seit  längerer  Zeit  geplant  gewesen  (vgl.  Beschwerde  S.  5).  Hinweise,  dass  es  sich  vorliegend  um  eine  rechtsmissbräuchliche  Eheschliessung  handelt,  die  einzig  zum  Zweck  diente,  der  Beschwerdeführerin  die  Einreise  in  die  Schweiz  zu  ermöglichen,  sind  den  Akten  nicht  zu  entnehmen.  Aufgrund  der  Akten  kann  schliesslich  auch  nicht  davon  ausgegangen  werden,  sie  verfüge  über  eine  Beziehungsnähe  zu  anderen  Staaten  und/oder  über  die  Möglichkeit, in einem anderen Staat um Schutz zu ersuchen. Der von ihr  benötigte Schutz  vor Verfolgung  ist  im Lichte der Gesamtumstände des  Falles daher durch die Schweiz zu gewähren. 8.5. Da die Beschwerdeführerin die Voraussetzungen für die Bewilligung  der  Einreise  nach  Art. 20  Abs. 2  und  3  AsylG  erfüllt,  erübrigt  sich  die  Prüfung  der  Frage,  ob  ihr  allenfalls  die  Einreise  nach  den  Voraussetzungen  für  den  Familiennachzug  gemäss  Art. 85  Abs. 7  AuG  zu bewilligen wäre.  9.  Aufgrund vorstehender Erwägungen ist die Beschwerde vom 3. Juni 2011 

D­3190/2011 gutzuheissen und die Verfügung des BFM vom 5. Mai 2011 aufzuheben.  Das  BFM  ist  anzuweisen,  der  Beschwerdeführerin  die  Einreise  in  die  Schweiz zu bewilligen, ihr die erforderlichen Einreisepapiere auszustellen  und nach ihrer Einreise das Asylverfahren fortzusetzen. 10.  10.1.  Bei  diesem  Ausgang  des  Verfahrens  sind  keine  Kosten  aufzuerlegen (vgl. Art. 63 Abs. 1 und 2 VwVG i.V.m. Art. 37 VGG). 10.2.  Gemäss  Art. 64  Abs.  1  VwVG  i.V.m.  Art. 37  VGG  kann  die  Beschwerdeinstanz  der  ganz  oder  teilweise  obsiegenden  Partei  von  Amtes  wegen  oder  auf  Begehren  eine  Entschädigung  für  die  ihr  erwachsenen  notwendigen  und  verhältnismässig  hohen  Kosten  zusprechen  (vgl.  für  die  Grundsätze  der  Bemessung  der  Parteientschädigung  ausserdem  Art. 7  ff.  des  Reglements  über  die  Kosten  und  Entschädigungen  vor  dem  Bundesverwaltungsgericht  vom  21. Februar 2008 [VGKE, SR 173.320.2]). Die Rechtsvertreterin hat in der  Beschwerde  ihren  Gesamtaufwand  (inkl.  Spesen  und  Mehrwertsteuer)  mit Fr. 702.­ bezeichnet und darum ersucht, sie sei nach Abschluss des  Instruktionsverfahrens und  im Falle eines positiven Verfahrensausgangs  zur  Einreichung  einer  Honorarnote  aufzufordern.  Da  seither  nur  noch  zwei  Kurzbriefe  eingereicht  wurden  und  sich  der  Aufwand  zuverlässig  abschätzen  lässt,  ist  dieser Antrag  abzuweisen. Die  von der Vorinstanz  zu entrichtende Parteientschädigung wird von Amtes wegen auf pauschal  Fr. 750.­ festgelegt (inkl. Spesen und Mehrwertsteuer). (Dispositiv nächste Seite)

D­3190/2011 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1.  Die Beschwerde wird gutgeheissen. 2.  Die Verfügung des BFM vom 5. Mai 2011 wird aufgehoben. 3.  Das  BFM wird  angewiesen,  der  Beschwerdeführerin  die  Einreise  in  die  Schweiz zu bewilligen, ihr die erforderlichen Einreisepapiere auszustellen  und nach ihrer Einreise das Asylverfahren fortzusetzen. 4.  Es werden keine Verfahrenskosten auferlegt.  5.  Das  BFM  hat  den  Beschwerdeführenden  eine  Parteientschädigung  von  Fr. 750.­ auszurichten. 6.  Dieses  Urteil  geht  an  die  Beschwerdeführenden,  das  BFM  und  die  zuständige kantonale Behörde. Der vorsitzende Richter: Der Gerichtsschreiber: Hans Schürch Christoph Basler Versand:

D-3190/2011 — Bundesverwaltungsgericht 07.02.2012 D-3190/2011 — Swissrulings