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Bundesverwaltungsgericht 08.09.2011 D-3157/2010

8. September 2011·Deutsch·CH·CH_BVGE·PDF·2,774 Wörter·~14 min·2

Zusammenfassung

Asyl und Wegweisung | Asyl und Wegweisung / Familienasyl; Verfügung des BFM vom 26. März 2010

Volltext

Bundesve rwa l t ungsge r i ch t T r i buna l   adm in istratif   f édé ra l T r i buna l e   ammin istrati vo   f ede ra l e T r i buna l   adm in istrativ   f ede ra l Abteilung IV D­3157/2010   Urteil   v om   8 .   S ep t embe r   2011 Besetzung Richter Fulvio Haefeli (Vorsitz), Richter Gérard Scherrer,  Richter Daniele Cattaneo, Gerichtsschreiberin Ulrike Raemy. Parteien A._______, alias B._______,  geboren am (…), Türkei,   vertreten durch Gabriel Püntener, Rechtsanwalt, Beschwerdeführerin,  gegen Bundesamt für Migration (BFM),  Quellenweg 6, 3003 Bern,    Vorinstanz. Gegenstand Asyl und Wegweisung / Familienasyl;  Verfügung des BFM vom 26. März 2010 / N _______.

D­3157/2010 Sachverhalt: A.  A.a.  Die  Söhne  C._______,  geboren  am  11.  Mai  1971  (…)  und  D._______, geboren am 9. September 1980 (…) der Beschwerdeführerin  stellten  am  16.  Juli  2001  beziehungsweise  am  3.  Februar  2004  Asylgesuche in der Schweiz.  A.b.  A.b.a. Das Asylgesuch des Sohnes C._______ wurde mit Verfügung des  BFM  vom  29.  Januar  2003  abgelehnt  und  die  dagegen  bei  der  ehemaligen  Schweizerische  Asylrekurskommission  (ARK)  erhobene  Beschwerde mit Urteil  vom 6. Juli 2005 abgewiesen. Am 29. Dezember  2006  hiess  das  BFM  ein  Zweitgesuch  vom  5.  September  2005  gut.  Es  anerkannte den Beschwerdeführer als Flüchtling und gewährte im Asyl in  der Schweiz. Seine Ehefrau und die beiden Kinder wurden gemäss Art.  51 Abs.  1  des Asylgesetzes  vom 26. Juni  1998  (AsylG, SR 142.31)  als  Flüchtlinge anerkannt.  A.b.b. Mit Schreiben vom 14. Mai 2008 teilte die Ehefrau dem BFM mit,  sie und ihre beiden Kinder würden auf das ihnen in der Schweiz gewährte  Asyl  verzichten,  sie  möchten  nämlich  in  die  Türkei  fahren  und  ihre  betagte und kranke Mutter beziehungsweise Grossmutter besuchen. A.b.c. Mit Schreiben vom 15. Mai 2008 nahm das BFM davon Kenntnis  und  setzte  sie  über  die  Folgen  der  freiwilligen  Verzichtserklärung  in  Kenntnis. A.c. Das Asylgesuch  des Sohnes D._______ wurde mit  Verfügung  des  BFM  vom  15.  September  2004  abgewiesen.  Gegen  diese  Verfügung  wurde  am  22.  Oktober  2004  bei  der  ehemaligen  Schweizerische  Asylrekurskommission (ARK) eine Beschwerde eingereicht. Am 17. April  2009  wurde  die  angefochtene  Verfügung  im  Rahmen  eines  Schriftenwechsels  wiedererwägungsweise  aufgehoben  und  dem  Beschwerdeführer  in  Anerkennung  seiner  Flüchtlingseigenschaft  Asyl  gewährt.  Mit  Urteil  des  Bundesverwaltungsgerichts  vom  23.  April  2009  wurde das Beschwerdeverfahren abgeschrieben. A.d. Eigenen Angaben  zufolge  lebte  die Beschwerdeführerin  nach  dem  Weggang ihres Sohnes E._______ bis im November 2008 alleine in ihrer 

D­3157/2010 Wohnung  in  F._______.  Danach  habe  sie  sich  zu  ihrer  ebenfalls  in  F._______  lebenden  Tochter  begeben.  Dort  habe  sie  wegen  deren  Ehemannes,  ihres Schwiegersohnes,  nicht  bleiben  können. Deshalb  sei  sie am 27. Januar 2009 zu ihrer in Deutschland lebenden Tochter gereist,  wo  sie  sich  ungefähr  zwei Monate  lang  aufgehalten  habe.  Ihre  Tochter  habe ihr geraten, sie solle sich zu ihrem in der Schweiz wohnhaften Sohn  C._______  begeben.  Daraufhin  habe  sie  sich  im  März  2009  von  Deutschland aus in die Schweiz begeben. A.e. Mit  Schreiben  vom  31.  Juli  2009  ersuchte  der  Rechtsvertreter  der  Beschwerdeführerin  gestützt  auf  Art.  51  Abs.  2  AsylG  um  deren  Einschluss  in  das  Familienasyl  ihres  in  der  Schweiz  als  Flüchtling  anerkannten Sohnes C._______. Sollte dieses Gesuch nicht im Rahmen  von  Art. 51 Abs.  2  AsylG  behandelt  werden,  sei  dieses  als  eigenes  Asylgesuch gestützt auf eigene Gründe zu betrachten. A.f.  Mit  Schreiben  vom  10.  September  2009  teilte  das  BFM  dem  Rechtsvertreter  der  Beschwerdeführerin  mit,  dass  das  Gesuch  um  Einbezug  in  das  Familienasyl  gestützt  auf  Art.  51  Abs.  2  AsylG  als  eigenständiges Asylgesuch behandelt werde. A.g. Mit  Eingabe  vom  9.  Oktober  2009  reichte  der  Rechtsvertreter  der  Beschwerdeführerin  ein  Arztzeugnis  vom  7.  Oktober  2009  im  Original  sowie einen kurzen ärztlichen Bericht vom 16. September 2009 in Kopie  zu  den  Akten.  Aufgrund  der  gesundheitlichen  Probleme  der  Beschwerdeführerin  rechtfertige  es  sich,  auf  deren  Anhörung  zu  verzichten  und  in  einem  raschen  Entscheid  die  Beschwerdeführerin  in  das  Asyl  ihres  Sohnes  C._______  mit  einzubeziehen  oder  zumindest  aufgrund  ihres  Gesundheitszustandes  und  der  fehlenden  Betreuungsmöglichkeit  in  der  Türkei  die  Unzumutbarkeit  des  Wegweisungsvollzuges festzustellen. A.h. Am 14. Oktober 2009 teilte die zuständige Befragerin des BFM dem  Rechtsvertreter  der  Beschwerdeführerin  per  Telefax  mit,  dass  grundsätzlich  mit  der  Beschwerdeführerin  eine  Befragung  zur  Person  durchgeführt werden müsse, um beurteilen zu können, ob sie überhaupt  prozessfähig sei, und er einen Terminvorschlag erhalten werde. B.  Am 26. Oktober 2009  fand  im Empfangs­ und Verfahrenszentrum (EVZ) 

D­3157/2010 G._______ die Befragung zur Person statt. Am 4. Dezember 2009 führte  das BFM dort auch die einlässliche Anhörung durch. C.  Die Beschwerdeführerin machte zur Begründung  ihres Asylgesuches  im  Wesentlichen  geltend,  sie  stamme  aus  H._______  und  lebe  seit  vielen  Jahren  in  F._______,  wo  sie  eine  Familie  gegründet  habe.  Drei  ihrer  Kinder  (die  Söhne  D._______  und  C._______  sowie  die  Tochter  I._______  […])  hätten  sich wegen Schwierigkeiten mit  den Behörden  in  die  Schweiz  begeben,  wo  sie  als  Flüchtlinge  anerkannt  worden  seien.  Nachdem ihr ältester Sohn J._______ vor zwölf oder dreizehn Jahren von  den Sicherheitskräften erschossen worden sei, habe sie sich einige Jahre  später von ihrem Ehemann scheiden lassen und mit einem weiteren Sohn  (E._______,  der  Zwillingsbruder  von  D._______  […])  in  F._______  gelebt.  Als  dieser  ebenfalls  in  die  Schweiz  gereist  sei,  habe  sie  ihre  Wohnung gekündigt und sei zu ihrer Tochter K._______ nach F._______  gezogen. Zuvor sei sie gelegentlich von der Polizei zu Hause aufgesucht  worden,  letztmals  im  Frühjahr  2008.  Sie  habe  sich  in  F._______  nach  dem Weggang  ihres  letzten Sohnes allein gefühlt, habe keine Wohnung  mehr gehabt und sich gefragt, wie  lange sie bei  ihrer Tochter und ihrem  Schwiegersohn bleiben könne. Sie habe auch nicht in einem Heim leben  wollen.  Eine weitere  Tochter  L._______,  die  in Deutschland  lebe,  habe  sie  zu  sich  eingeladen  und  ihr  nach  rund  zwei Monaten  empfohlen,  zu  ihrem Sohn C._______ in die Schweiz zu ziehen.  D.  D.a. Mit  Verfügung  vom  26.  März  2010  –  eröffnet  am  1.  April  2010 –  lehnte das BFM das Asylgesuch der Beschwerdeführerin ab, und ordnete  die  Wegweisung  aus  der  Schweiz  an.  Die  Vorbringen  der  Beschwerdeführerin  erfüllten  weder  die  Anforderungen  an  die  Flüchtlingseigenschaft  gemäss  Art.  3  AsylG  noch  diejenigen  an  das  Familienasyl gemäss Art. 51 Abs. 2 AsylG. D.b. Zur Begründung  führte das BFM  im Wesentlichen aus, die von der  Beschwerdeführerin  geltend  gemachten  Besuche  der  Polizei  bei  ihr  zu  Hause lägen zu weit zurück, um noch als Anlass für ihre Ausreise aus der  Türkei  gewertet  werden  zu  können.  Auch  seien  sie  aufgrund  ihrer  Beschaffenheit,  Häufigkeit  und  Intensität  ebenfalls  nicht  geeignet,  ein  menschenwürdiges  Leben  in  der  Türkei  zu  verunmöglichen.  Die  diesbezüglichen Vorbringen seien somit asylrechtlich unbeachtlich.

D­3157/2010 D.c. Gemäss Art. 51 Abs. 2 AsylG könne einem nahen Angehörigen einer  in der Schweiz  lebenden Person Asyl gewährt werden, wenn besondere  Umstände für eine Familienvereinigung sprechen würden.  In  seiner  Botschaft  zur  Totalrevision  des  Asylgesetzes  sowie  der  Änderung  des  Bundesgesetzes  vom  16. Dezember  2005  über  die  Ausländerinnen  und  Ausländer  (AuG,  SR  142.20)  habe  der  Bundesrat  den Begriff der "besonderen Umstände" dahingehend präzisiert, dass die  existenzielle Bedrohung der betroffenen Person mit der Flucht des sich in  der  Schweiz  befindenden  Flüchtlings  in  einem  ursächlichen  Zusammenhang  stehen  müsse.  Dem  Begriff  der  "anderen  nahen  Angehörigen"  habe  er  volljährige  behinderte  Kinder,  Pflegekinder  und  andere Personen, die dauernd im gemeinsamen Haushalt mit den sich in  der  Schweiz  befindlichen  Personen  gelebt  hätten  und  von  dieser  Gemeinschaft existenziell abhingen, untergeordnet. Gemäss  dem  Urteil  des  Bundesverwaltungsgerichts  D­7985/2008  vom  5. Februar  2010  würden  besondere  Gründe,  die  für  eine  Familienvereinigung im Sinne von Art. 51 Abs. 2 AsylG sprechen würden,  nach  der  Praxis  vorliegen,  wenn  die  einzubeziehenden  nahen  Angehörigen  einer  besonderen  Unterstützung  im  Sinne  einer  persönlichen Fürsorge – nicht lediglich einer finanziellen Unterstützung –  bedürften,  die  nur  die  in  der  Schweiz  lebenden,  asylberechtigten  Familienangehörigen  zu  erbringen  in  der  Lage  seien  (vgl.  Entscheidungen  und  Mitteilungen  der  Schweizerischen  Asylrekurskommission [EMARK] 2001 Nr. 24 E. 3, EMARK 2000 Nr. 7 E.  5 f., EMARK 2000 Nr. 21 E. 6.c). Bei der Gewährung von Familienasyl im  Sinne  von  Art.  51  Abs.  2  AsylG  werde  zudem  vorausgesetzt,  dass  die  betreffende  Person  mit  dem  in  der  Schweiz  anerkannten  Flüchtling  im  Moment  der  Flucht  in  einem  gemeinsamen  Haushalt  gelebt  habe,  eine  Wiederherstellung  dieser  Gemeinschaft  unentbehrlich  sei  und  in  der  Schweiz  auch  tatsächlich  angestrebt  werde  (vgl.  EMARK  2000  Nr.  11,  EMARK 2001 Nr. 24 e. 3 S. 191).  Am 31. Juli 2009 habe die Beschwerdeführerin über ihren Rechtsvertreter  gestützt  auf  Art.  51  Abs.  2  AsylG  ein  Gesuch  um  Einschluss  in  das  Familienasyl  ihrer  in  der  Schweiz  als  Flüchtlinge  anerkannten  Söhne  C._______  und  D._______  eingereicht.  Diese  lebten  seit  Juli  2001  beziehungsweise  2004  in  der  Schweiz.  Die  Beschwerdeführerin  habe  anschliessend  bis  im  November  2008  in  ihrer  Wohnung  in  F._______  gelebt  und  sei  danach  zu  ihrer  ebenfalls  in  F._______  wohnhaften 

D­3157/2010 Tochter K._______ gezogen. Ihre angeblich am 27. Januar 2009 erfolgte  Ausreise nach Deutschland und später in die Schweiz stehe folglich nicht  in  einem  ursächlichen  Zusammenhang  mit  der  Flucht  der  sich  in  der  Schweiz  befindlichen  Söhne,  in  deren  Familienasyl  sie  eingeschlossen  werden möchte. Die Beschwerdeführerin  sei  in  ihrem Heimatland  durch  den Wegzug der Söhne nicht in ihrer Existenz bedroht gewesen und habe  sich  ihrer  angeblichen  Notlage  nicht  allein  durch  den  Wegzug  in  die  Schweiz  entziehen  können.  Einzig  der  Umstand,  dass  sich  die  Beschwerdeführerin  in  ihrem  Heimatland  trotz  der  Anwesenheit  ihrer  Tochter  K._______  und  eines  Bruders  allein  gefühlt  habe,  könne  den  Anforderungen  an  den  Einschluss  in  das  Familienasyl  der  Söhne  nicht  genügen. E.  Mit Beschwerde an das Bundesverwaltungsgericht vom 3. Mai 2010 liess  die  Beschwerdeführerin  die  Aufhebung  der  angefochtenen  Verfügung  wegen Verletzung des Rechtsmissbrauchsverbots und die Rückweisung  der  Sache  an  das  BFM  beantragen.  Eventuell  sei  die  vorinstanzliche  Verfügung  aufzuheben  und  die  Sache  sei  zur  Feststellung  des  vollständigen  und  richtigen  rechtserheblichen  Sachverhaltes  und  zur  Neubeurteilung  an  das  BFM  zurück  zu  weisen.  Eventuell  sei  die  vorinstanzliche  Verfügung  aufzuheben  und  es  sei  die  Flüchtlingseigenschaft  der  Beschwerdeführerin  festzustellen  und  es  sei  ihr  Asyl  zu  gewähren.  Eventuell  sei  im  Dispositiv  der  angefochtenen  Verfügung Ziff.  4 und 5 aufzuheben und es sei die Unzumutbarkeit  des  Wegweisungsvollzuges  der  Beschwerdeführerin  festzustellen.  Dem  unterzeichnenden Anwalt  sei  vor der Gutheissung der Beschwerde eine  angemessene  Frist  zur  Einreichung  einer  detaillierten  Kostennote  zur  Bestimmung der Parteientschädigung anzusetzen. F.  F.a.  Mit  Zwischenverfügung  vom  10.  Mai  2010  teilte  der  damals  zuständige  Instruktionsrichter  des  Bundesverwaltungsgerichts  der  vertretenen  Beschwerdeführerin  mit,  sie  könne  den  Ausgang  des  Verfahrens  in  der  Schweiz  abwarten.  Gleichzeitig  forderte  er  sie  unter  Hinweis  auf  die Säumnisfolge  zur  Leistung  eines Kostenvorschusses  in  der Höhe von Fr. 600.­­ bis zum 26. Mai 2010 auf.  F.b. Die Beschwerdeführerin leistete den einverlangten Kostenvorschuss  am 26. Mai 2010 fristgerecht. 

D­3157/2010 G.  Mit  Vernehmlassung  vom  7.  Juli  2010  beantragte  das  BFM  die  Abweisung der Beschwerde. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1.  1.1. Gemäss Art. 31 des Verwaltungsgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005  (VGG, SR 173.32) beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Beschwerden  gegen Verfügungen nach Art. 5 des Bundesgesetzes vom 20. Dezember  1968  über  das  Verwaltungsverfahren  (VwVG,  SR 172.021).  Das  BFM  gehört zu den Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz  des  Bundesverwaltungsgerichts.  Eine  das  Sachgebiet  betreffende  Ausnahme  im  Sinne  von  Art. 32  VGG  liegt  nicht  vor.  Das  Bundesverwaltungsgericht  ist  daher  zuständig  für  die  Beurteilung  der  vorliegenden  Beschwerde  und  entscheidet  auf  dem  Gebiet  des  Asyls  endgültig,  ausser  bei  Vorliegen  eines  Auslieferungsersuchens  des  Staates,  vor  welchem  die  beschwerdeführende  Person  Schutz  sucht  (Art. 105  AsylG;  Art. 83  Bst. d  Ziff. 1  des  Bundesgerichtsgesetzes  vom  17. Juni 2005 [BGG, SR 173.110]). 1.2. Das  Verfahren  richtet  sich  nach  dem  VwVG,  dem  VGG  und  dem  BGG, soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6  AsylG). 1.3.  Die  Beschwerde  ist  frist­  und  formgerecht  eingereicht.  Die  Beschwerdeführerin hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen,  ist  durch  die  angefochtene  Verfügung  besonders  berührt  und  hat  ein  schutzwürdiges  Interesse  an  deren  Aufhebung  beziehungsweise  Änderung.  Sie  ist  daher  zur  Einreichung  der  Beschwerde  legitimiert  (Art. 105 und Art. 108 Abs. 1 AsylG, Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 VwVG).  Auf die Beschwerde ist einzutreten. 2.  Mit  Beschwerde  kann  die  Verletzung  von  Bundesrecht,  die  unrichtige  oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts und  die Unangemessenheit gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG).

D­3157/2010 3.  3.1.  Vorab  wird  in  der  Beschwerde  eine  Verletzung  des  rechtlichen  Gehörs gerügt, da das BFM den Sachverhalt unrichtig und unvollständig  abgeklärt habe. Sollte die Sache nicht wegen der Verletzung des Verbots  des  Rechtsmissbrauchs  respektive  der  unvollständigen  und  unrichtigen  Feststellung  des  Sachverhaltes  an  das  BFM  zurückgewiesen  werden,  müsse  der  vollständige  und  richtige  rechtserhebliche Sachverhalt  durch  das  Bundesverwaltungsgericht  abgeklärt  werden.  Nach  den  entsprechenden  Sachverhaltsabklärungen  könne  näher  dargelegt  werden, inwiefern bei der Beschwerdeführerin von einer Reflexverfolgung  auszugehen sei, respektive mit der gegebenen Konstellation (bewusstes  Zuwarten  des  BFM)  betreffend  der  Anerkennung  der  Flüchtlingseigenschaft  und  Gewährung  von  Asyl  für  den  Sohn  E._______,  um die Anwendung  von Art. 51 Abs. 2 AsylG  zu  verhindern.  Mit Verweis auf den noch einzuholenden ausführlichen ärztlichen Bericht  könne  dargelegt  werden,  dass  zumindest  von  der  Unzumutbarkeit  des  Wegweisungsvollzuges  der  Beschwerdeführerin  auszugehen  sei.  Näheres  zur  Frage  des  Asyls  und  des  Einbezugs  des  Asyls  in  das  Familienasyl  und  betreffend  Feststellung  der  Unzumutbarkeit  des  Wegweisungsvollzuges  werde  nach  den  entsprechenden  Sachverhaltsabklärungen ausgeführt werden können. 3.2. Die Verletzung des rechtlichen Gehörs wurde wie folgt begründet: 3.2.1. Das  BFM  habe  im  angefochtenen  Entscheid  ausgeführt,  bei  der  Gewährung  von Familienasyl  im Sinne  von Art.  51 Abs.  2 AsylG werde  vorausgesetzt,  dass  die  betreffende  Person  mit  dem  in  der  Schweiz  anerkannten  Flüchtling  im  Moment  der  Flucht  in  einem  gemeinsamen  Haushalt  gelebt  habe,  eine  Wiederherstellung  dieser  Gemeinschaft  unentbehrlich  sei  und  in  der  Schweiz  tatsächlich  angestrebt  werde.  In  diesem  Zusammenhang  sei  das  Dossier  ihres  Sohnes  E._______  (…)  beizuziehen,  aus  welchem  hervorgehe,  dass  dieser  die  ihm  drohende  politische  Verfolgung  durch  die  Einreichung  von  gerichtlichen  Dokumenten aus der Türkei nahtlos belegt habe und das BFM trotz des  zu  100  Prozent  entscheidreifen  Falles  bisher  keinen  Entscheid  gefällt  habe.  Auch  auf  die  zahlreichen  Schreiben  des  Rechtsvertreters  der  Beschwerdeführerin,  welcher  deren  Sohn  ebenfalls  vertrete,  habe  das  BFM nicht  reagiert. Sowohl den Akten der Beschwerdeführerin als auch  denjenigen  ihres Sohnes E._______ sei zu entnehmen, dass die beiden  vor  der  Flucht  des  Sohnes  aus  der  Türkei  während  Jahren 

D­3157/2010 zusammengelebt hätten und dessen Flucht schlussendlich diejenige der  Beschwerdeführerin ausgelöst habe. Die bewusste Passivität des BFM im  Verfahren  des  Sohnes  E._______,  der  im  Rahmen  einer  antizipierten  Beweiswürdigung mit Sicherheit als Flüchtling anerkannt werden würde,  und dem in der Schweiz Asyl zu gewähren sei, habe dazu geführt, dass  das  BFM  in  der  angefochtenen  Verfügung  habe  behaupten  können,  vorliegend komme die Gewährung von Familienasyl im Sinne von Art. 51  Abs.  2  AsylG  nicht  in  Frage,  da  die  Beschwerdeführerin  nicht  mit  den  bereits  in  der  Schweiz  als  Flüchtlinge  anerkannten  Söhnen  C._______  und D._______ zum Zeitpunkt der Flucht zusammengelebt habe, sondern  mit  E._______. Das BFM habe  rechtsmissbräuchlich  gehandelt  und  ein  solches Verhalten könne keinen Rechtsschutz geniessen. Die Aufhebung  einer  vor  diesem  Hintergrund  erlassenen  Verfügung  verstehe  sich  von  selbst. Die Sache sei deshalb mit dem Hinweis, dass  im noch hängigen  Verfahren des Sohnes E._______ umgehend ein Entscheid zu fällen sei  beziehungsweise  das  vorliegende  Verfahren  sogar  mit  dessen  Asylverfahren zu vereinigen sei, an das BFM zurückzuweisen. 3.2.2.  Die  gesellschaftliche  und  familiäre  Struktur  in  der  Türkei,  insbesondere bei den Kurden, sei dergestalt, dass durch eine Heirat eine  Tochter  im Einflussbereich  der  Familie  ihres Ehemannes  stehe  und  die  familiären  Verpflichtungen  betreffend  Aufnahme  und  Sorge  für  eine  betagte  Mutter  deshalb  nur  dann  denkbar  sei,  wenn  der  Ehemann  (Schwiegersohn)  der  betreffenden  Tochter  klar  einverstanden  sei.  Die  Beschwerdeführerin  habe  bei  ihren Anhörungen  klar  gemacht,  dass  sie  nur als Notlösung vorübergehend zu ihrer in F._______ lebenden Tochter  und  deren  Familie  habe  ziehen  können.  Ihr  Schwiegersohn  habe  sich  gegen  ihren  Verbleib  gestellt  und  den  Traditionen  entsprechend  habe  sich  die  Tochter  dagegen  nicht  auflehnen  können,  ohne  die  Auflösung  ihrer Ehe  in Kauf nehmen zu müssen. Mit diesem Sachverhalt hätte ein  Sachbearbeiter des BFM vertraut sein müssen. Ansonsten hätte er sich  den  internen Weisungen  zufolge,  das  entsprechende Fachwissen durch  den  Beizug  von  Länderexperten  erwerben  sollen.  Auch  hätte  die  Möglichkeit bestanden, die Beschwerdeführerin aufzufordern, im Rahmen  einer  Stellungnahme  darzulegen,  weshalb  sie  sich  nicht  bei  ihrer  verheirateten  Tochter  in  F._______  aufhalten  könne.  Da  das  BFM  die  entsprechenden  Sachverhaltsabklärungen  nicht  vorgenommen  habe,  rechtfertige  es  sich,  den  angefochtenen  Entscheid  aufzuheben  und  die  Sache an das BFM zurückzuweisen, falls eine Rückweisung nicht bereits  wegen des Verbots des Rechtsmissbrauches angeordnet werde. 

D­3157/2010 3.2.3.  Die  Beschwerdeführerin  habe  in  ihren  Anhörungen  darauf  hingewiesen,  dass  ihr  ältester  Sohn  J._______  im  Zusammenhang  mit  seinen politischen Aktivitäten erschossen worden sei. Danach hätten ihre  Söhne  C._______,  D._______  und  E._______  aufgrund  ihrer  eigenen  politischen  Aktivitäten  aber  auch  teilweise  als  Folge  einer  Reflexverfolgung  die  Türkei  verlassen  müssen.  Die  Söhne  C._______  und  D._______  hätten  in  der  Schweiz  bereits  Asyl  erhalten  und  das  Gesuch ihres Sohnes E._______ sei noch hängig. Sie habe erwähnt, an  ihrem früheren Wohnort wegen ihrer Söhne in regelmässigen Abständen  durch  die  türkischen  Sicherheitskräfte  behelligt  worden  zu  sein.  Diese  Behelligungen  könnten  nur  als  Konsequenz  der  Suche  der  türkischen  Sicherheitskräfte  nach  den  drei  erwähnten  Söhnen  gewertet  werden.  Somit  liege  auch  ein  gewichtiges  Element  der Reflexverfolgung  bei  der  Beschwerdeführerin  vor.  Den  Akten  zufolge  seien  die  entsprechenden  Sachverhaltsabklärungen nur  sehr oberflächlich durchgeführt worden.  In  diesem  Zusammenhang  wurde  insbesondere  auf  das  Dossier  des  Sohnes E._______ verwiesen. Indem das BFM den Sachverhalt und das  Vorliegen  einer  Reflexverfolgung  bei  der  Beschwerdeführerin  nicht  ausreichend  abgeklärt  habe,  sei  auch  dieser  rechtserhebliche  Sachverhalt  unvollständig  und  unrichtig  abgeklärt  worden.  Auch  deswegen rechtfertige sich die Zurückweisung der Sache an das BFM.  3.2.4.  Die  Beschwerdeführerin  sei  67  Jahre  alt  und  leide  unter  verschiedenen  Altersgebrechen.  Das  BFM  habe  sich  im  angefochtenen  Entscheid auf einen am 7. Oktober 2009 verfassten Arztbericht gestützt,  welcher  im  Zusammenhang  mit  der  Frage,  inwieweit  die  Beschwerdeführerin  im Rahmen  von  Anhörungen  zu  ihren  Asylgründen  belastbar  sei.  Die  gesundheitlichen  Probleme  der  Beschwerdeführerin  seien dem BFM somit bekannt gewesen und im angefochtenen Entscheid  erwähnt worden. Das BFM hätte jedoch bevor es einen Entscheid gefällt  hätte,  die  Pflicht  gehabt,  die  Beschwerdeführerin  aufzufordern,  einen  ausführlichen, aktuellen Arztbericht zu ihrem Gesundheitszustand und zur  Frage der Behandlungsnotwendigkeiten  in der Schweiz sowie zur Frage  der  Pflegebedürftigkeit,  einzureichen.  Indem  das  BFM  auch  diese  Abklärungen  nicht  vorgenommen  habe,  rechtfertige  es  sich  auch  deswegen,  die  angefochtene  Verfügung  aufzuheben  und  die  Sache  an  das BFM zurückzuweisen. 4. 

D­3157/2010 4.1.  Den  Gegenstand  des  streitigen  Verfahrens  nennt  man  Streitgegenstand.  Er  umfasst  das  durch  die  Verfügung  geregelte  Rechtsverhältnis,  soweit  dieses angefochten wird  (vgl. BGE 121 V 159,  122 V 369). Der Streitgegenstand wird zum einen durch den Gegenstand  des angefochtenen Entscheides (Anfechtungsgegenstand) bestimmt und  zum  anderen  durch  die  Parteibegehren  (vgl.  FRITZ  GYGI,  Bundesverwaltungsrechtspflege, 2. Aufl., Bern 1983, S. 45, VPB 1997 Nr.  31, E.3.2.1) und darf sich im Laufe des Rechtsmittelzuges nicht erweitern  oder  qualitativ  verändern.  Er  darf  sich  lediglich  verengen  und  um  nicht  mehr  streitige  Punkte  reduzieren.  Anfechtungsgegenstand  und  Streitgegenstand  können  übereinstimmen.  Es  braucht  aber  nicht  die  Verfügung  als Ganzes  im Streit  liegen;  vielmehr  können auch  nur  Teile  des Verfügungsdispositivs angefochten werden (vgl. ALFRED KÖLZ/ISABELLE  HÄNER,  Verwaltungsverfahren  und Verwaltungsrechtspflege  des Bundes,  2. Aufl., Zürich 1998, S. 149, Rz. 403 ff.). 4.1.1. Mit Eingabe vom 31. Juli 2009 liess die Beschwerdeführerin durch  ihren  Rechtsvertreter  ausdrücklich  um  den  Einbezug  in  die  Flüchtlingseigenschaft  ihres Sohnes C._______ respektive  ihres Sohnes  D._______ ersuchen (vgl. S. 2 der Eingabe vom 31. Juli 2009). Auch  in  der  angefochtenen  vorinstanzlichen Verfügung  vom 26. März 2010 hielt  das BFM im Sachverhalt ausdrücklich fest, dass die Beschwerdeführerin  durch ihren Rechtsvertreter um Einschluss in das Familienasyl ihrer in der  Schweiz  als  Flüchtlinge  anerkannten Söhne C._______  und D._______  ersucht  habe  (vgl.  S.  2  der  Verfügung  vom  26.  März  2010).  Auf  Beschwerdeebene  macht  der  Rechtsvertreter  der  Beschwerdeführerin  erstmals  geltend,  die  Beschwerdeführerin  sei  in  das  Familienasyl  ihres  Sohnes E._______ einzubeziehen.  4.1.2. Mit  dem  Antrag,  die  Beschwerdeführerin  sei  in  das  Familienasyl  ihres  Sohnes  E._______  einzubeziehen,  weitet  die  Beschwerdeführerin  den  Anfechtungsgegenstand  unzulässig  aus,  weshalb  darauf  sowie  auf  die in diesem Zusammenhang erhobenen Rügen der Rechtsverzögerung  beziehungsweise des Rechtsmissbrauchs nicht einzutreten ist.  4.2. Die beiden Teilgehalte des rechtlichen Gehörs legen der Behörde die  Pflicht  auf,  die  Vorbringen  eines  Gesuchstellers  einerseits  nicht  nur  entgegen zu nehmen, sondern diese auch wirklich zu hören, sorgfältig zu  prüfen  und  in  der  Entscheidfindung  zu  berücksichtigen  –  was  gewissermassen  das  Kernstück  des  rechtlichen  Gehörs  ausmacht  (vgl.  JÖRG  PAUL  MÜLLER,  Grundrechte  in  der  Schweiz,  3. Aufl.,  Bern  1999, 

D­3157/2010 S. 523;  BGE  123  I  31  E.  2c)  –,  und  andererseits  dem  Gesuchsteller  gegenüber im Rahmen einer Verfügung mitzuteilen, wieso der Entscheid  so  und  nicht  anders  ausgefallen  ist,  beziehungsweise  warum  seinen  Anträgen  nicht  stattgegeben  wird.  Die  Begründung  soll  mithin  die  ernsthafte Prüfung der Vorbringen widerspiegeln und es dem Betroffenen  ermöglichen,  den  Entscheid  gegebenenfalls  sachgerecht  anfechten  zu  können, was nur möglich  ist, wenn sich sowohl der Betroffene als auch  die  Rechtsmittelinstanz  über  die  Tragweite  des  Entscheids  ein  Bild  machen können (vgl. BGE 129 I 232 E. 3.2; EMARK 2006 Nr. 24 E. 5.1.  S.  256).  Die  erforderliche  Begründungsdichte  richtet  sich  dabei  im  Einzelfall  nach  dem  Verfügungsgegenstand,  den  Verfahrensumständen  und den  Interessen des Betroffenen.  Je grösser der Spielraum, welcher  der  Behörde  infolge  Ermessen  und  unbestimmter  Rechtsbegriffe  eingeräumt  ist,  und  je  stärker  ein  Entscheid  in  die  individuellen  Rechte  des  Betroffenen  eingreift,  desto  höhere  Anforderungen  sind  an  die  Begründung einer Verfügung zu stellen. Auch wenn sich die verfügende  Behörde  nicht  ausdrücklich  mit  jeder  tatbeständlichen  Behauptung  und  jedem  rechtlichen  Einwand  auseinandersetzen  muss,  sondern  sich  auf  die wesentlichen Gesichtspunkte beschränken darf (vgl. BGE 126 I 97 E.  2b), hat sie wenigstens kurz die Überlegungen zu nennen, von welchen  sie sich  leiten  liess und auf welche sich  ihr Entscheid stützt  (vgl. BVGE  2008/47 E. 3.2 mit Hinweisen). Diesen Anforderungen hat das BFM mit  den  ausführlichen  Erwägungen  im  angefochtenen  Entscheid  Genüge  getan.  Dass  das  BFM  diesbezüglich  eine  andere  Schlussfolgerung  zog  als  die  Beschwerdeführerin,  stellt  jedenfalls  keine  Verletzung  der  Begründungspflicht  dar,  weshalb  die  entsprechende  Rüge  nicht  gehört  werden kann. 4.3.  Unbestrittenermassen  ist  im  Asylverfahren  der  Sachverhalt  grundsätzlich  von  Amtes  wegen  festzustellen  (Art.  12  VwVG  i.V.m.  Art. 6 AsylG).  Die  behördliche  Untersuchungspflicht  wird  durch  die  der  asylsuchenden  Person  gestützt  auf  Art.  8  AsylG  auferlegte  Mitwirkungspflicht  eingeschränkt,  wobei  diese  insbesondere  bei  der  Anhörung  vollständig  anzugeben hat, weshalb  sie  um Asyl  ersucht. Die  asylsuchende Person hat Anspruch auf Mitwirkung, was sich unmittelbar  aus  dem  Anspruch  auf  rechtliches  Gehör  (Art.  29  Abs.  2  der  Bundesverfassung der Schweizerischen Eidgenossenschaft vom 18. April  1999  [BV, SR 101]) ergibt, und sie  trägt die Substanziierungslast  (Art. 7  AsylG). Es wäre demnach in der Verantwortung der Beschwerdeführerin  gelegen,  ausführliche  und  konkrete  Angaben  über  die  spezifische  Situation  alleinstehender  Frauen  in  der  Türkei  sowie  über  allfällige 

D­3157/2010 (weitere)  gesundheitliche  Probleme  mittels  eines  aktuellen  Arztzeugnisses darzulegen, was indes nicht geschehen ist. Das BFM hat  deshalb  zu  Recht  diesbezüglich  auf  weitere  Abklärungen  sowie  Ausführungen in der angefochtenen Verfügung verzichtet. 4.4.  4.4.1.  Am  1.  Januar  2011  trat  die  Schweizerische  Zivilprozessordnung  vom  19.  Dezember  2008  in  Kraft  (ZPO,  SR  272).  Diese  löst  die  26  kantonalen  Zivilprozessordnungen  ab.  Über  die  Frage,  ob  und  bejahendenfalls  in  welcher  Art  dereinst  auch  das  Bundesgesetz  vom  4. Dezember 1947 über den Bundeszivilprozess  (BZP, SR 273) von der  ZPO abgelöst werden soll, soll zumindest nach Absicht des Bundesrates  zu  einem  späteren  Zeitpunkt  befunden  werden  (vgl.  Botschaft  zur  Schweizerischen Zivilprozessordnung, BBl 2006 7244). Somit bleibt auch  nach dem Inkrafttreten der ZPO der Bundeszivilprozess bis auf weiteres  die  massgebende  Rechtsquelle  für  die  Klageverfahren  vor  dem  Bundesverwaltungsgericht  und  dem  Bundesgericht  (vgl.  ANDRÉ  MOSER/  MICHAEL  BEUSCH/  LORENZ  KNEUBÜHLER,  Prozessieren  vor  dem  Bundesverwaltungsgericht,  Basel  2008,  Rn 5.9  S. 237.  Im  VwVG  wird  denn auch das Beweisverfahren nicht abschliessend geregelt. Unter der  Marginale  "ergänzende Bestimmungen" verweist Art. 19 VwVG aber auf  bestimmte  Vorschriften  des  BZP,  die  im  Verwaltungsverfahren  sinngemäss  Anwendung  finden  (vgl.  BERNHARD  WALDMANN/PHILIPPE  WEISSENBERGER  in:  Bernhard Waldmann/Philippe Weissenberger  (Hrsg.),  VwVG;  Praxiskommentar  zum  Bundesgesetz  über  das  Verwaltungsverfahren, Zürich/Basel/Genf 2009, Art. 19 Rn 1 S. 400). 4.4.2.  Art.  19  VwVG  i.V.m.  Art.  37  BZP  verpflichtet  die  Behörde  nicht,  alles und  jedes, was wünschbar wäre, abzuklären. Bei der Auswahl der  Beweismittel  berücksichtigt  sie  vielmehr  deren  Tauglichkeit  und  Beweiskraft  (vgl. KÖLZ/ HÄNER, a.a.O., Rz. 276). Zusätzliche Abklärungen  sind  insofern  nur  dann  vorzunehmen,  wenn  hierzu  aufgrund  der  Parteivorbringen  oder  anderer  sich  aus  den  Akten  ergebender  Anhaltspunkte  Anlass  besteht.  Von  beantragten  Beweisvorkehren  kann  abgesehen werden, wenn der Sachverhalt, den eine Partei beweisen will,  nicht  rechtserheblich  ist,  wenn  bereits  Feststehendes  bewiesen werden  soll, wenn von vornherein gewiss ist, dass der angebotene Beweis keine  wesentlich  neuen  Erkenntnisse  zu  vermitteln  vermag  oder  wenn  die  Behörde den Sachverhalt  ausreichend würdigen kann  (vgl. KÖLZ/ HÄNER,  a.a.O.,  Rz.  319  und  320;  BGE  122  V  157  E.  1d  S.  162 mit  Hinweis.). 

D­3157/2010 Gelangte  die  Behörde  bei  pflichtgemässer  Beweiswürdigung  zur  Überzeugung,  der  zu  beweisende  Sachverhalt  sei  nicht  rechtserheblich  oder  der  angebotene  Beweis  nicht  geeignet,  weitere  Abklärungen  herbeizuführen, kann auf ein beantragtes Beweismittel verzichtet werden  (zur  antizipierten  Beweiswürdigung  vgl.  BGE  122  V  157  E.  1d  S.  162,  BGE 119 V 335 E. 2c, S: 344). 4.5.  Vor  diesem  Hintergrund  ist  festzustellen,  dass  zusätzliche  Abklärungen  im  vorliegenden  Beschwerdeverfahren  nicht  zu  neuen  sachdienlichen Erkenntnissen  führen  könnten beziehungsweise auch  im  erstinstanzlichen Verfahren nicht entscheidwesentlich gewesen wären: In  antizipierter  Beweiswürdigung  ist  festzustellen,  dass  eine  ergänzende,  vertiefte  Sachverhaltsfeststellung  bei  der  Beurteilung  des  vorliegenden  Verfahrens  nicht  zu  einem  anderen  Entscheid  führen  könnte,  da  die  Vorbringen  der  Beschwerdeführerin  offensichtlich  asylirrelevant  sind  (siehe  E.  6  nachfolgend).  Die  entsprechenden  Beweisanträge  werden  demnach abgewiesen. 4.6. Zusammenfassend ergibt sich somit, dass sich die formellen Rügen  bezüglich des Anspruchs auf rechtliches Gehör als unzutreffend erweisen  und  der  Sachverhalt  richtig  und  vollständig  festgestellt  worden  ist.  Im  vorliegenden  Beschwerdeverfahren  könnten  zusätzliche  Abklärungen  nicht zu neuen sachdienlichen Erkenntnissen führen und wären auch  im  vorinstanzlichen Verfahren nicht entscheidwesentlich gewesen. 5.  5.1. Die Prüfung, ob ein Gesuchsteller die Flüchtlingseigenschaft originär,  aufgrund  einer  eigenen  persönlichen  Gefährdung,  erfüllt,  geht  der  Prüfung  eines  allfälligen  derivativen  Anspruchs  auf  Anerkennung  als  Flüchtling  vor.  Die  Prüfung  des  derivativen  Einbezugs  von  Familienangehörigen  und  eingetragenen  Partnern  in  die  vorläufige  Aufnahme von vorläufig aufgenommenen Flüchtlingen erfolgt erst, wenn  in Anwendung von Art. 5 der Asylverordnung 1 vom 11. August 1999 über  Verfahrensfragen  (AsylV 1,  SR  142.311)  zuvor  festgestellt  wurde,  dass  die  einzubeziehende  Person  die  Flüchtlingseigenschaft  nicht  selbstständig nach Art. 3 AsylG erfüllt (vgl. Art. 37 AsylV1, Art. 17 Abs. 2  AsylG; vgl. hierzu auch BVGE 2007/19 E. 3).  5.2.  In  der  angefochtenen  Verfügung  hat  das  BFM  festgestellt,  die  von  der Beschwerdeführerin geltend gemachten Besuche der Polizei würden 

D­3157/2010 zu weit zurückliegen, um noch als Anlass für ihre Ausreise aus der Türkei  gewertet  werden  zu  können.  Auch  seien  sie  aufgrund  ihrer  Beschaffenheit,  Häufigkeit  und  Intensität  nicht  geeignet,  ein  menschenwürdiges  Leben  in  der  Türkei  zu  verunmöglichen.  Die  Vorbringen der Beschwerdeführerin hielten folglich den Anforderungen an  die Flüchtlingseigenschaft gemäss Art. 3 AsylG nicht stand. In  der  Beschwerdeeingabe  hielt  die  Beschwerdeführerin  an  der  Asylrelevanz  der  geltend  gemachten  Behelligungen  fest,  und  erklärte,  diese  seien  nur  als  Konsequenz  der  Suche  der  Sicherheitskräfte  nach  ihren drei Söhnen zu werten und es lägen somit gewichtige Elemente für  die  Annahme  einer  Reflexverfolgung  vor.  Die  Beschwerdeführerin  verzichtete  jedoch  darauf,  diesbezüglich  nähere  Ausführungen  zu  machen. Die geltend gemachte Behauptung der Beschwerdeführerin für sich allein  vermag  jedoch  die  zutreffenden  Erwägungen  des  BFM  nicht  umzustossen.  Auch  ist  in  diesem  Zusammenhang  zu  berücksichtigen,  dass  den  Akten  zufolge,  ihre  Schwiegertochter  und  zwei  ihrer  Grosskinder  (die  Ehefrau  und  die  Kinder  ihres  Sohnes  C._______)  mit  Schreiben  vom  14. Mai 2008  dem  BFM  mitteilten,  sie  würden  auf  das  ihnen  gewährte  Asyl  verzichten,  weil  sie  in  die  Türkei  fahren  und  ihre  betagte  und  kranke  Mutter  beziehungsweise  Grossmutter  besuchen  wollten (vgl. A.b.b. und A.b.c.). Vor diesem Hintergrund kann auf die auch  diesbezüglich  zutreffenden  Erwägungen  der  Vorinstanz  verwiesen  werden. Es ist somit davon auszugehen, dass die Beschwerdeführerin in  der Türkei keiner asylrelevanten Gefährdung ausgesetzt ist. 6.  6.1. Ehegatten, eingetragene Partnerinnen und Partner von Flüchtlingen  und  ihre  minderjährigen  Kinder  werden  als  Flüchtlinge  anerkannt  und  erhalten Asyl, wenn keine besonderen Umstände dagegen sprechen (Art.  51 Abs. 1 AsylG). Andere nahe Angehörige von in der Schweiz lebenden  Flüchtlingen  können  in  das  Familienasyl  eingeschlossen  werden,  wenn  besondere Gründe  für die Familienvereinigung sprechen  (Art. 51 Abs. 2  AsylG). Andere nahe Angehörige im Sinne von Art. 51 Abs. 2 AsylG sind  insbesondere dann zu berücksichtigen, wenn sie behindert sind oder aus  einem anderen Grund auf die Hilfe einer Person, die in der Schweiz lebt,  angewiesen  sind  (Art.  38  der  Asylverordnung  1  vom  11.  August  1999  über  Verfahrensfragen  [AsylV  1,  SR  142.311]).  Wurden  die 

D­3157/2010 anspruchsberechtigten Personen nach Art. 51 Abs. 1 und 2 AsylG durch  die Flucht getrennt und befinden sie sich im Ausland, so ist ihre Einreise  auf Gesuch hin zu bewilligen (Art. 51 Abs. 4 AsylG). 6.2. In allgemeiner Hinsicht wird bei der Gewährung von Familienasyl im  Sinne  von  Art.  51  Abs.  2  AsylG  vorausgesetzt,  dass  die  betreffende  Person mit  dem  in  der  Schweiz  anerkannten  Flüchtling  im Moment  der  Flucht  in  einem  gemeinsamen  Haushalt  gelebt  hat,  eine  Wiederherstellung  dieser  Gemeinschaft  unentbehrlich  ist  und  in  der  Schweiz auch tatsächlich angestrebt wird (vgl. EMARK 2001 Nr. 24 E. 3  S. 191, EMARK 2000 Nr. 11). 6.3. Besondere Gründe,  die  für  eine  Familienvereinigung  im  Sinne  von  Art.  51  Abs.  2  AsylG  sprechen,  liegen  nach  der  Praxis  vor,  wenn  die  einzubeziehenden  nahen  Angehörigen  einer  besonderen  Unterstützung  im Sinne einer  persönlichen Fürsorge – nicht  lediglich einer  finanziellen  Unterstützung  –  bedürfen,  die  nur  die  in  der  Schweiz  lebenden,  asylberechtigten Familienangehörigen zu erbringen in der Lage sind (vgl.  EMARK 2001 Nr. 24 E. 3, EMARK 2000 Nr. 27 E. 5 f., EMARK 2000 Nr.  21 E. 6.c). Besondere Gründe können – in atypischen Einzelfällen – auch  dann  vorliegen,  wenn  die  in  der  Schweiz  lebenden,  asylberechtigten  Familienangehörigen  selbst  einer  solchen  persönlichen  Fürsorge  durch  die einzubeziehende Person bedürfen (vgl. EMARK 2000 Nr. 4 S. 42). 6.4.  In der angefochtenen Verfügung führte die Vorinstanz aus, dass die  Beschwerdeführerin  durch  den Wegzug  ihrer  beiden  Söhne  C._______  und D._______ nicht  in  ihrer Existenz bedroht gewesen sei und sie sich  der behaupteten Notlage nicht allein durch einen Wegzug in die Schweiz  habe  entziehen  müssen.  Einzig  der  Umstand,  dass  sie  sich  in  ihrem  Heimatland  trotz der Anwesenheit  ihrer Tochter und  ihres Bruders allein  gefühlt  habe,  vermöge  den  Anforderungen  an  den  Einschluss  in  die  Flüchtlingseigenschaft  nicht  zu  genügen.  Dieser  Einschätzung  ist  beizupflichten.  Auch  die  Ausführungen  in  der  Beschwerdeeingaben  vermögen zu keiner anderen Beurteilung zu führen. 6.5.  Zudem  sind  gemäss  Aktenlage  die  in  der  Schweiz  als  Flüchtlinge  anerkannten  Söhne  der  Beschwerdeführerin  bereits  im  Jahre  2001  beziehungsweise  2004  aus  der  Türkei  ausgereist.  Die  im  Jahr  2009  erfolgte Ausreise der Beschwerdeführerin aus der Türkei  steht  folglich –  wie das BFM in der angefochtenen Verfügung zu Recht festgestellt hat – 

D­3157/2010 nicht in einem ursächlichen Zusammenhang mit der Flucht der sich in der  Schweiz befindlichen Söhne C._______ und D._______.  Auch  das  Erfordernis,  wonach  die  betreffende  Person  mit  dem  in  der  Schweiz  anerkannten  Flüchtling  im  Moment  der  Flucht  in  einem  gemeinsamen  Haushalt  gelebt  haben  muss,  ist  im  vorliegenden  Fall  bezüglich der Söhne C._______ und D._______ nicht erfüllt.  Soweit  die  Beschwerdeführerin  in  ihrer  Rechtsmitteleingabe  erstmals  beantragt,  in  das  Familienasyl  ihres  Sohne  E._______  einbezogen  zu  werden,  welcher  mit  ihr  bis  zu  seiner  Ausreise  in  die  Schweiz  in  F._______  in  einem  gemeinsamen  Haushalt  gelebt  habe,  kann  auf  die  vorstehenden Erwägungen  unter  4.1.2  verwiesen werden, weshalb  sich  an dieser Stelle weitere Ausführungen erübrigen. Was  die  bereits  im  vorinstanzlichen  Verfahren  geltend  gemachten  gesundheitlichen  Beschwerden  der  Beschwerdeführerin  anbelangt,  sind  diese aktenkundig nicht  derart  gravierend,  dass die Beschwerdeführerin  einer besonderen Unterstützung im Sinne einer Fürsorge gemäss Art. 51  Abs. 2 AsylG bedürfte. Wie das BFM in der angefochtenen Verfügung zu  Recht  festgestellt  hat,  lassen  sich  die  bei  der  Beschwerdeführerin  diagnostizierten  Beschwerden  in  der  Türkei  behandeln,  wo  die  nötige  Infrastruktur  besteht.  Der  Beschwerdeführerin  wurde  auch  keine  Reiseunfähigkeit  attestiert  und  den  Akten  zufolge  hat  sie  sich  in  den  letzten Jahren auch mehrmals im Ausland befunden (vgl. A15/9 S. 4 und  S. 7).  6.6.  Aufgrund  der  geschilderten  Lebensumstände  der  Beschwerdeführerin in ihrem Heimatstaat ergeben sich keine besonderen  Gründe, welche für die Familienvereinigung  im Sinne von Art. 51 Abs. 2  AsylG sprechen würden. Ihren eigenen Angaben zufolge leben ihr Bruder  M._______  und  ihre  Tochter  K._______  in  F._______.  Die  Beschwerdeführerin  verfügt  somit  über  soziales  Beziehungsnetz  im  Heimatland, das ihr – auch wenn sie sich in der Türkei eigenen Aussagen  zufolge allein gefühlt haben will – mit Rat und Tat zur Seite stehen kann.  Auch kann sie auf die finanzielle Unterstützung ihrer in Deutschland und  der  Schweiz  lebenden  Kinder  zählen,  zumal  sich  diese  gemäss  dem  Schreiben  ihres Rechtsvertreters vom 31. Juli 2009 bereit erklärt haben,  ihre  Mutter  finanziell  zu  unterstützen.  Sind  die  Voraussetzungen  des  Familienasyls im Sinne von Art. 51 Abs. 1 und 2 AsylG nicht erfüllt, kann  Art.  8  EMRK  –  wie  auch  die  Bestimmungen  des  Internationalen  Pakts 

D­3157/2010 über  bürgerliche  und politische Rechte  vom 16. Dezember  1966  (UNO­ Pakt  II,  SR  0.103.2)  –  nicht  ergänzend  angewendet werden. Die  Frage  eines  allfälligen  Anspruchs  auf  Familiennachzug  gestützt  auf  diese  Bestimmung  wäre  von  der  Beschwerdeführerin  auf  dem  ausländerrechtlichen Weg abzuklären (vgl. EMARK 2002 Nr. 6 S. 43). 7.  Zusammenfassend ist festzuhalten, dass weder die Voraussetzungen für  die Anerkennung als Flüchtling  im Sinne von Art.  3 AsylG noch  für den  Einschluss  der  Beschwerdeführerin  in  das  Familienasyl  gemäss Art.  51  Abs.  2  AsylG  erfüllt  sind.  Das  BFM  hat  somit  das  Asylgesuch  mit  Verfügung vom 26. März 2010 zu Recht abgelehnt. 8.  Bei  diesem  Ausgang  des  Verfahrens  sind  die  Kosten  der  Beschwerdeführerin  aufzuerlegen  (Art. 63 Abs. 1 VwVG),  auf  insgesamt  Fr. 600.­­ festzusetzen (Art. 1 – 3 des Reglements vom 21. Februar 2008  über  die  Kosten  und  Entschädigungen  vor  dem  Bundesverwaltungsgericht  [VGKE,  SR  173.320.2])  und mit  dem  am  26.  Mai 2010 geleisteten Kostenvorschuss in derselben Höhe zu verrechnen. (Dispositiv nächste Seite)

D­3157/2010 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1.  Die Beschwerde wird abgewiesen. 2.  Die  Verfahrenskosten  von  Fr.  600.­­  werden  der  Beschwerdeführerin  auferlegt und mit dem am 26. Mai 2010 geleisteten Kostenvorschuss  in  derselben Höhe verrechnet. 3.  Dieses  Urteil  geht  an  die  Beschwerdeführerin,  das  BFM  und  die  zuständige kantonale Behörde. Der vorsitzende Richter: Die Gerichtsschreiberin: Fulvio Haefeli Ulrike Raemy Versand:

D-3157/2010 — Bundesverwaltungsgericht 08.09.2011 D-3157/2010 — Swissrulings