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Bundesverwaltungsgericht 17.02.2012 D-2696/2010

17. Februar 2012·Deutsch·CH·CH_BVGE·PDF·1,721 Wörter·~9 min·4

Zusammenfassung

Asylgesuch aus dem Ausland und Einreisebewilligung | Asylgesuch aus dem Ausland und Einreisebewilligung; Verfügung des BFM vom 18. Februar 2010

Volltext

Bundesve rwa l t ungsge r i ch t T r i buna l   adm in istratif   f édé ra l T r i buna l e   ammin istrati vo   f ede ra l e T r i buna l   adm in istrativ   f ede ra l     Abteilung IV D­2696/2010 Urteil   v om   1 7 .   Februar   2012 Besetzung Richter Robert Galliker (Vorsitz), Richter Kurt Gysi, Richter Pietro Angeli­Busi; Gerichtsschreiber Matthias Jaggi. Parteien A._______, geboren (…), Türkei, vertreten durch lic. iur. Serif Altunakar, Rechtsberatung, (…), Beschwerdeführerin,  gegen Bundesamt für Migration (BFM),  Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz.  Gegenstand Asylgesuch aus dem Ausland und Einreisebewilligung;  Verfügung des BFM vom 18. Februar 2010 / N (…).

D­2696/2010 Sachverhalt: A.  A.a Die Beschwerdeführerin, eine türkische Staatsangehörige kurdischer  Ethnie mit Wohnsitz  in  B._______,  suchte  am  1. Oktober  2009  bei  der  schweizerischen Botschaft  in C._______  um Asyl  in  der  Schweiz  nach.  Dazu wurde sie am 26. Oktober 2009 auf der Botschaft angehört.  A.b  Zur  Begründung  ihres  Asylgesuchs  brachte  sie  dabei  im  Wesentlichen  vor,  sie  sei  Studentin  und  stamme  aus  einer  politisch  aktiven  Familie.  So  sei  ihr  Vater  noch  heute  ein  Führungsmitglied  der  Partei für eine demokratische Gesellschaft (DTP). Sie selber sei seit ihrer  Kindheit  Mitglied  der  Jugendorganisation  der  DTP  gewesen.  Auch  anderweitig  habe  sie  sich  politisch  engagiert.  So  habe  sie  ständig  an  Pressekundgebungen  und  Meetings  teilgenommen.  Im  Zusammenhang  mit  ihren  politischen  Aktivitäten  seien  in  der  Türkei  zwei  Strafverfahren  gegen  sie  eröffnet  worden.  Im  ersten  Verfahren  habe  man  ihr  vorgeworfen, Propaganda zugunsten der Arbeiterpartei Kurdistans (PKK)  gemacht zu haben, weswegen sie erstinstanzlich zu einer Haftstrafe von  zehn Monaten verurteilt worden sei. Dieses Verfahren sei  zur Zeit  beim  Kassationshof  hängig.  Im  zweiten  Strafverfahren  sei  sie  vor  wenigen  Monaten erstinstanzlich ebenfalls wegen Propaganda zugunsten der PKK  zu  einer  Haftstrafe  von  einem  Jahr  verurteilt  worden.  Auch  dieses  Verfahren sei momentan beim Kassationshof hängig. Im Zusammenhang  mit diesen beiden Strafverfahren sei sie zweimal zwischen zwei und drei  Stunden von der Polizei  in Gewahrsam genommen und befragt worden.  Sie  befürchte,  dass  der  Kassationshof  in  Kürze  die  beiden  erstinstanzlichen  Urteile  bestätige  und  sie  die  Haftstrafen  verbüssen  müsse. Für die weiteren Vorbringen der Beschwerdeführerin wird auf das  Protokoll der Anhörung verwiesen.  A.c Zur Untermauerung  ihrer Vorbringen reichte die Beschwerdeführerin  folgende  Beweismittel  zu  den  Akten:  Kopien  von  zwei  Nüfus  Cüzdani,  auszugsweise  Kopien  eines  Passes,  eine  Anklageschrift  der  Oberstaatsanwaltschaft  in D._______ vom 10. Oktober 2008  (in Kopie),  eine  Anklageschrift  der  Staatsanwaltschaft  in  C._______  vom  27.  April  2009 (in Kopie) sowie zwei Urteile des 3. Gerichts für schwere Straftaten  in  D._______  vom  9. Juli  2009  beziehungsweise  20.  August  2009  (in  Kopie).

D­2696/2010 B.  Mit einem Kurzbericht vom 26. Oktober 2009 übermittelte die Botschaft in  C._______ die ihr zu diesem Zeitpunkt vorliegenden Akten dem BFM. C.  Mit Verfügung vom 18. Februar 2010 – der Beschwerdeführerin gemäss  Rückschein der türkischen Post am 20. März 2010 zugestellt – lehnte das  BFM das Asylgesuch der Beschwerdeführerin ab und verweigerte ihr die  Einreise in die Schweiz.  D.  Mit  Beschwerde  vom  19.  April  2010  (Poststempel)  an  das  Bundesverwaltungsgericht  liess  die  Beschwerdeführerin  durch  ihren  Rechtsvertreter  beantragen,  die  Verfügung  des  BFM  vom  18.  Februar  2010  sei  aufzuheben,  es  sei  festzustellen,  dass  sie  die  Flüchtlingseigenschaft  erfülle  und  es  sei  ihr  Asyl  zu  gewähren.  Als  vorsorgliche  Massnahme  sei  die  Vorinstanz  anzuweisen,  ihr  über  die  schweizerische  Botschaft  in  C._______  so  rasch  wie  möglich  die  Einreisebewilligung  für  die  Schweiz  zu  erteilen.  Zudem  sei  auf  die  Erhebung eines Kostenvorschusses zu verzichten. Mit  der  Rechtsmittelschrift  wurde  ein  Schreiben  des  in  der  Türkei  domizilierten Rechtsvertreters der Beschwerdeführerin vom 1. April 2010  (inklusive deutscher Übersetzung) zu den Akten gereicht.  E.  Mit  Verfügung  vom  22.  April  2010  verzichtete  der  zuständige  Instruktionsrichter  des  Bundesverwaltungsgerichts  auf  die  Erhebung  eines  Kostenvorschusses  und  wies  den  Antrag  auf  Anordnung  einer  vorsorglichen  Massnahme  ab.  Gleichzeitig  lud  er  die  Vorinstanz  zur  Einreichung einer Stellungnahme sowie zur Vervollständigung der Akten  bis zum 7. Mai 2010 ein.  F.  Das  BFM  beantragte  in  seiner  Vernehmlassung  vom  6.  Mai  2010  dem  Bundesverwaltungsgericht die Abweisung der Beschwerde.  G.  Mit Replik  vom 26. Mai 2010 nahm die Beschwerdeführerin – handelnd  durch  ihren  Rechtsvertreter  –  zur  Vernehmlassung  der  Vorinstanz  Stellung.

D­2696/2010 H.  Mit  Eingabe  vom  31.  Januar  2012  reichte  die  Beschwerdeführerin –  handelnd durch  ihren Rechtsvertreter – ein von  ihr verfasstes Schreiben  (inklusive  deutscher  Übersetzung)  sowie  ein  Schreiben  der  Oberstaatsanwaltschaft  am  Kassationsgericht  vom  17.  Juni  2011  (in  Kopie, inklusive deutscher Übersetzung) zu den Akten.  Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1.  1.1.  Das  Bundesverwaltungsgericht  beurteilt  gestützt  auf  Art. 31  des  Verwaltungsgerichtsgesetzes  vom  17. Juni  2005  (VGG,  SR 173.32)  Beschwerden  gegen  Verfügungen  im  Sinne  von  Art. 5  des  Bundesgesetzes  vom  20. Dezember  1968  über  das  Verwaltungsverfahren (VwVG, SR 172.021), welche von einer Vorinstanz  im Sinne von Art. 33 VGG erlassen wurden, sofern keine das Sachgebiet  betreffende Ausnahme  im Sinne  von Art. 32 VGG vorliegt. Demnach  ist  das  Bundesverwaltungsgericht  zuständig  für  die  Beurteilung  von  Beschwerden  gegen  Entscheide  des  BFM,  welche  in  Anwendung  des  Asylgesetzes vom 26. Juni 1998 (AsylG, SR 142.31) ergangen sind, und  entscheidet  in  diesem  Bereich  endgültig,  ausser  bei  Vorliegen  eines  Auslieferungsersuchens  des  Staates,  vor  welchem  die  beschwerdeführende Person Schutz sucht (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d  Ziff. 1  des  Bundesgerichtsgesetzes  vom  17. Juni  2005  [BGG,  SR 173.110]). 1.2. Eine solche Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG ist im  vorliegenden  Verfahren  nicht  gegeben,  so  dass  das  Bundesverwaltungsgericht in der Sache endgültig entscheidet.  1.3. Das  Verfahren  richtet  sich  nach  dem  VwVG,  dem  VGG  und  dem  BGG, soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6  AsylG). 1.4.  Die  Beschwerde  ist  frist­  und  formgerecht  eingereicht.  Die  Beschwerdeführerin hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen,  ist  durch  die  angefochtene  Verfügung  besonders  berührt  und  hat  ein  schutzwürdiges  Interesse  an  deren  Aufhebung  beziehungsweise  Änderung.  Sie  ist  daher  zur  Einreichung  der  Beschwerde  legitimiert  (Art. 105 und Art. 108 Abs. 1 AsylG, Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 VwVG). 

D­2696/2010 Auf  die  Beschwerde  ist  somit  –  unter  Vorbehalt  der  nachfolgenden  Erwägungen – einzutreten. 2.  Mit Beschwerde an das Bundesverwaltungsgericht können die Verletzung  von  Bundesrecht,  die  unrichtige  oder  unvollständige  Feststellung  des  rechtserheblichen  Sachverhalts  und  die  Unangemessenheit  gerügt  werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG). 3.  Eine  gesuchstellende  Person,  die  sich  noch  in  ihrem  Heimatstaat  befindet,  kann zwar  verfolgt  im Sinne von Art.  3 AsylG und demzufolge  schutzbedürftig  sein.  Um  aber  die  Flüchtlingseigenschaft  erfüllen  zu  können, muss sie gemäss den Bestimmungen der Flüchtlingskonvention  das Heimatland  verlassen  haben. Die Beschwerdeführerin  befindet  sich  in ihrem Heimatstaat und erfüllt somit die Voraussetzung des Verlassens  des Heimatlandes nicht. Das BFM hat mithin zu Recht über die Frage der  Flüchtlingseigenschaft  nicht entschieden, da sich diese zurzeit  gar nicht  stellt.  Auf  das  Rechtsmittelbegehren,  es  sei  festzustellen,  dass  die  Beschwerdeführerin die Flüchtlingseigenschaft  erfülle,  ist  somit mangels  Anfechtungsobjekts nicht einzutreten. 4.  Das  Bundesamt  kann  ein  im  Ausland  gestelltes  Asylgesuch  ablehnen,  wenn die asylsuchende Person keine Verfolgung glaubhaft machen kann  oder ihr die Aufnahme in einem Drittstaat zugemutet werden kann (Art. 3,  Art. 7 und Art. 52 Abs. 2 AsylG). Gemäss Art. 20 Abs. 2 AsylG bewilligt  das  Bundesamt  Asylsuchenden  die  Einreise  zwecks  Abklärung  des  Sachverhalts,  wenn  ihnen  nicht  zugemutet  werden  kann,  im Wohnsitz­  oder Aufenthaltsstaat zu bleiben oder in ein anderes Land auszureisen.  Die  Voraussetzungen  zur  Erteilung  einer  Einreisebewilligung  werden  grundsätzlich  restriktiv  gehandhabt,  wobei  den  Behörden  ein  weiter  Ermessensspielraum  zukommt,  indem  neben  der  erforderlichen  Gefährdung  im Sinne  von Art.  3 AsylG  namentlich  die Beziehungsnähe  zur Schweiz, die Möglichkeit der Schutzgewährung durch einen anderen  Staat,  die  Beziehungsnähe  zu  anderen  Staaten,  die  praktische  Möglichkeit  und  objektive  Zumutbarkeit  zur  anderweitigen  Schutzsuche  sowie  die  voraussichtlichen  Eingliederungs­  und  Assimilationsmöglichkeiten  in Betracht zu ziehen sind. Ausschlaggebend  für die Erteilung der Einreisebewilligung  ist dabei die Schutzbedürftigkeit 

D­2696/2010 der  betroffenen  Person,  mithin  die  Prüfung  der  Fragen,  ob  eine  Gefährdung im Sinne von Art. 3 AsylG glaubhaft gemacht wird und ob der  Verbleib  am  Aufenthaltsort  für  die  Dauer  der  Sachverhaltsabklärung  zugemutet  werden  kann  (vgl.  die  weiterhin  gültige  Praxis  gemäss  Entscheidungen  und  Mitteilungen  der  [vormaligen]  Schweizerischen  Asylrekurskommission  [EMARK]  1997  Nr.  15,  insbesondere  S. 131  ff.,  2005 Nr. 19 E. 4 S. 174 ff.).  5.  5.1. Die Vorinstanz führte zur Begründung ihres ablehnenden Entscheids  im  Wesentlichen  aus,  die  Beschwerdeführerin  sei  in  beiden  Strafverfahren nur wenige Stunden in Gewahrsam gewesen und habe die  erstinstanzliche Verurteilung in Freiheit abwarten können. Dies weise auf  einen  für  sie  eher  günstigen  Ausgang  dieser  Strafverfahren  hin. Weiter  habe  sie  gegen  die  erstinstanzlichen  Urteile  Beschwerde  einlegen  können.  Zudem  sei  es  ihr  offenbar  möglich,  auch  den  Ausgang  der  Beschwerdeverfahren  auf  freiem  Fuss  abzuwarten.  Gemäss  den  Erfahrungen des BFM mit vergleichbaren Strafverfahren sei aufgrund der  der  Beschwerdeführerin  vorgeworfenen  Delikte  und  des  dafür  angewandten  Strafmasses  davon  auszugehen,  dass  sie  auch  bei  einer  allfälligen  Bestätigung  der  erstinstanzlichen  Urteile  durch  den  Kassationshof  nicht  mit  einem  sofortigen  Haftantritt  rechnen  müsse.  Zudem  handle  es  sich  bei  den  von  ihr  erwähnten  Strafverfahren  um  Verfahren mit mehreren Angeklagten, was auf  eine  eher  längere Dauer  des  Beschwerdeverfahrens  hinweise.  Es  sei  ihr  daher  zuzumuten,  den  Ausgang  der  gegen  sie  eingeleiteten  Strafverfahren  in  der  Türkei  abzuwarten.  Sollte  es  tatsächlich  zu  einer  rechtskräftigen  Verurteilung  kommen, habe sie die Möglichkeit,  sich  jederzeit  an die  schweizerische  Vertretung  in  Ankara  zu  wenden  und  erneut  ein  Einreisegesuch  zu  stellen. Aufgrund obiger Darlegungen sei daher nicht davon auszugehen,  dass  sie  akut  schutzbedürftig  sei.  Im  Übrigen  wäre  es  ihr  zuzumuten,  allenfalls  in  Kroatien,  wo  sie  visumsfrei  einreisen  könne,  um  Asyl  nachzusuchen.  5.2.  Die  Beschwerdeführerin  wiederholt  in  ihrer  Beschwerde  zunächst  ihre  Asylgründe  und  führt  anschliessend  unter  anderem  aus,  der  Kassationshof könne  jederzeit das Urteil  fällen.  In den darauf  folgenden  Tagen oder Wochen würde gegen sie ein Haftbefehl erlassen. Während  dieser  kurzen  Zeit  würde  es  ihr  kaum  gelingen,  sich  erneut  an  die  schweizerische  Vertretung  in  C._______  mit  der  Bitte  um  Asyl  zu  wenden.  Selbst  in  diesem  Fall  würde  wertvolle  Zeit  vergehen,  bis  die 

D­2696/2010 schweizerischen Asylbehörden  entschieden  hätten.  Sie  könnte  jederzeit  und  überall  festgenommen  werden.  Aus  diesem  Grund  wiederspreche  der Vorschlag der Vorinstanz, wonach sie das Urteil des Kassationshofes  in der Türkei abwarten solle, dem Sinn und Zweck des Asylgesetzes. Im  Falle  einer  Festnahme  müsse  sie  eine  Strafe  von  zwanzig  Monaten  verbüssen.  Es  sei  zu  betonen,  dass  sie  während  der  Haftverbüssung  einer ständigen unmenschlichen Behandlung ausgesetzt sein würde. Es  sei der Vorinstanz sicherlich bekannt, dass die  türkischen Behörden mit  denjenigen, die  im Zusammenhang mit der PKK verurteilt worden seien,  nicht  zimperlich  umgingen.  Dies  zeige,  dass  sie,  entgegen  der  Behauptung  der  Vorinstanz,  tatsächlich  im  Sinne  von  Art.  3  AsylG  schutzbedürftig  sei.  Für  die  weitere  Begründung  wird  auf  die  Beschwerdeschrift verwiesen. 6.  6.1.  Nachfolgend  ist  zu  prüfen,  ob  das  das  BFM  zur  Recht  das  Asylgesuch der Beschwerdeführerin abgelehnt und ihr die Einreise in die  Schweiz verweigert hat. 6.2.  Den  Akten  zufolge  wird  die  Beschwerdeführerin  in  der  Türkei  strafrechtlich  verfolgt.  Gemäss  Praxis  des  Bundesverwaltungsgerichts  stellt  eine  strafrechtliche  Verfolgung  respektive  die  Verurteilung  wegen  eines  gemeinrechtlichen  Delikts  grundsätzlich  keine  flüchtlingsrechtlich  relevante Verfolgung dar; dies ist nur ausnahmsweise der Fall, und zwar  wenn einer Person  eine  gemeinrechtliche Tat  untergeschoben wird,  um  sie aus einem asylrelevanten Motiv zu verfolgen, oder wenn die Situation  eines Täters, der ein gemeinrechtliches Delikt  tatsächlich begangen hat,  aus einem asylrelevanten Motiv erheblich erschwert wird. In diesen Fällen  spricht man von einem sogenannten Politmalus. Ein  solcher  liegt  in der  Regel  insbesondere  dann  vor,  wenn  im  konkreten  Fall  eine  unverhältnismässig  hohe  Strafe  ausgefällt  wird,  das  Strafverfahren  rechtsstaatlichen  Ansprüchen  klarerweise  nicht  zu  genügen  vermag  (beispielsweise  weil  dem  Angeklagten  elementare  Verfahrensrechte  vorenthalten  werden)  oder  der  asylsuchenden  Person  in  der  Form  der  Strafe  oder  im  Rahmen  der  Strafverbüssung  eine  Verletzung  fundamentaler Menschenrechte, namentlich Folter, droht (vgl. Urteile des  Bundesverwaltungsgerichts  E­4286/2008  vom  17.  Oktober  2008  E.  4.4  und  D­3027/2011  vom  11.  August 2011 E. 6.2).

D­2696/2010 6.3. Die  Beschwerdeführerin  wurde  im  vorliegenden  Fall  bisher  in  zwei  Strafverfahren  gestützt  auf  § 7/2  des  türkischen  Antiterrorgesetzes  Nr. 3713  (ATG)  verurteilt.  Ihr  wurde  vorgeworfen,  sie  habe  an  einem  Protestmarsch  beziehungsweise  an  einer  Versammlung  teilgenommen  und  dabei  Slogans  zugunsten  der  PKK  und  deren  Führer  Öcalan  skandiert. Deswegen wurde  sie  erstinstanzlich  in  zwei Urteilen  zu  je  10  Monaten  Haft  wegen  Propagandatätigkeit  für  die  PKK  (§ 7/2  ATG)  verurteilt.  Diese  Strafe  von  insgesamt  20  Monaten  erscheint  zwar  angesichts  der  der  Beschwerdeführerin  vorgeworfenen  Handlungen  auf  den  ersten  Blick  als  relativ  hoch;  aus  nachfolgenden  Gründen  kann  daraus aber im vorliegenden Fall nicht auf einen Politmalus geschlossen  werden.  Zunächst  ist  zu  bedenken,  dass  die  im  ATG  kodifizierten  Strafnormen  dem  –  grundsätzlich  legitimen  –  staatlichen  Rechtsgüterschutz im Bereich der Terrorismusbekämpfung dienen. Diese  rechtliche Regelung ist zwar nicht unproblematisch, da damit elementare  Grundrechte  (namentlich  die  Presse­  und  Meinungsäusserungsfreiheit)  teilweise  massiv  eingeschränkt  werden.  Gleichzeitig  muss  jedoch  mit  Blick auf die  jahrzehntelangen massiven Gewaltakte der PKK anerkannt  werden,  dass  ein  öffentliches  Interesse  an  der  Sanktionierung  von  Propagandatätigkeiten zugunsten der PKK und ihrer Ziele, welche häufig  mit einem zumindest latenten Aufruf zu gewalttätigen Handlungen gegen  Institutionen des  türkischen Staates einhergehen, besteht. Unter diesem  Blickwinkel erscheinen Verurteilungen gestützt auf das Antiterror­Gesetz  nicht per se als  illegitim und es besteht kein Grund zur Annahme, dass  die  Einleitung  der  obgenannten  Strafverfahren  gegen  die  Beschwerdeführerin automatisch auf einem asylrechtlich relevanten Motiv  beruht.  Ausschlaggebend  ist  letztlich,  wie  die  türkischen Gerichte  diese  Strafnormen konkret auslegen und anwenden. Der Strafrahmen von § 7/2  ATG  beträgt  1­5  Jahre.  Eine  Mindeststrafe  von  einem  Jahr  ist  im  türkischen  Strafrecht  nicht  unüblich;  zahlreiche  Bestimmungen  –  auch  ausserhalb des ATGs – sehen diese Mindeststrafe vor (s. beispielsweise  Art.  114  des  türkischen  Strafgesetzbuches  [TStGB]  [Verhinderung  der  Ausübung politischer Rechte], Art. 157 TStGB  [Betrug], Art. 274 TSTGB  [falsches Zeugnis  vor Gericht]).  Andere Strafbestimmungen  sehen noch  höhere  Mindeststrafen  vor,  obwohl  es  sich  dabei  ebenfalls  nicht  um  Gewaltdelikte,  d.h.  Straftaten  gegen  Leib  und  Leben,  handelt,  so  beispielsweise Art. 197 TStGB (Geldfälscherei: 2­12 Jahre) und Art. 252  TStGB  (Bestechung:  4­12  Jahre).  Das  Gericht  hat  sich  im  Falle  der  Beschwerdeführerin darauf beschränkt, sie jeweils zur Mindeststrafe von  einem  Jahr  Haft  zu  verurteilen.  Mit  Blick  auf  die  vorstehenden  Erwägungen  erscheint  diese  Strafe  nicht  als  offensichtlich 

D­2696/2010 unverhältnismässig.  Das  Gericht  gewährte  der  Beschwerdeführerin  zudem  jeweils  eine  Strafminderung  von  zwei  Monaten,  was  nicht  Rückschlüsse  auf  eine  unverhältnismässig  hohe,  politisch  motivierte  Bestrafung  zulässt.  Nach  dem  Gesagten  können  die  gegen  die  Beschwerdeführerin  ergangenen  Urteile  nicht  als  unverhältnismässig  bezeichnet werden, und aus der Höhe der Haftstrafe allein kann nicht auf  eine  asylrelevante  Schutzbedürftigkeit  der  Beschwerdeführerin  geschlossen werden. 6.4. In den Akten finden sich im Weiteren keine konkreten Indizien dafür,  dass  die  gegen  die  Beschwerdeführerin  geführten  Strafverfahren  rechtsstaatlichen  Grundsätzen  widersprechen  würden  oder  nicht  gesetzeskonform  geführt  wurden.  Die  Beschwerdeführerin  wurde  respektive  wird  in  den  fraglichen  Strafverfahren  durch  einen  türkischen  Rechtsvertreter vertreten (vgl. Akten BFM A 2/7, S. 2), und es wurde ihr  zu den Anschuldigungen mehrfach das rechtliche Gehör gewährt. Es gibt  keine  Hinweise  auf  rechtswidrig  (beispielsweise  unter  Folter)  erlangte  Aussagen. Die beiden Strafurteile vom 9. Juli 2009 und 20. August 2009  sind  offensichtlich  gestützt  auf  eine  vorgängige  Sachverhaltsermittlung  und  nach  Durchführung  eines  Beweisverfahrens  (namentlich  unter  Würdigung  der  Aussagen  der  Angeklagten,  von  Fotos,  Transkriptionsprotokollen  und  Expertenberichten)  ergangen.  Dies  zeigt,  dass  sich  das  Gericht  differenziert  mit  dem  Sachverhalt  und  den  anwendbaren Rechtsnormen auseinandergesetzt hat und ist ein weiteres  Indiz  für  die  Rechtsstaatlichkeit  und  Willkürfreiheit  der  fraglichen  Strafverfahren,  ebenso wie  die  bereits  erwähnte Tatsache,  dass  jeweils  nur  die  Mindeststrafe  ausgesprochen  und  der  Beschwerdeführerin  Strafminderung  zugestanden  wurde.  Nach  dem  Gesagten  lässt  somit  auch  die  Ausgestaltung  der  in  Frage  stehenden  Strafverfahren  nicht  darauf  schliessen,  dass  die  strafrechtliche  Verfolgung  der  Handlungen  der  Beschwerdeführerin  (auch)  dem  sachfremden  Zweck  diente,  sie  für  ihre politische Überzeugung zu bestrafen. 6.5. Sollte  die Beschwerdeführerin  definitiv  verurteilt werden,  so  drohen  ihr  gemäss den beiden bisherigen Verurteilungen  insgesamt 20 Monate  Haft.  In  diesem  Zusammenhang  ist  festzustellen,  dass  einschlägigen  Berichten  zufolge  die  Lage  der  Menschenrechte  in  der  Türkei  trotz  rechtlicher  Verbesserungen  in  der  Praxis  weiterhin  problematisch  ist.  Namentlich  tatsächliche  oder  mutmassliche  Mitglieder  von  als  staatsgefährdend  eingestuften  Organisationen  wie  der  PKK  sind  besonders  gefährdet,  von  den  Sicherheitskräften  verfolgt  und  in  deren 

D­2696/2010 Gewahrsam  misshandelt  oder  gefoltert  zu  werden.  Folter  ist  weiterhin  stark  verbreitet  (vgl.  dazu  das Urteil  des  Bundesverwaltungsgerichts  D­ 3417/2009  vom  24.  Juni  2010  E.  4.5.2  f.).  Im  Falle  der  Beschwerdeführerin  ist  jedoch nicht davon auszugehen, dass sie künftig  Folter oder anderweitige unmenschliche Behandlung zu gewärtigen hätte.  Ihren  Angaben  zufolge  wurde  sie  zwar  während  den  in  Gewahrsam  verbrachten Stunden beleidigt; physische Misshandlungen sind indessen  ausgeblieben.  Angesichts  dessen  ist  nicht  zu  erwarten,  dass  die  Beschwerdeführerin, müsste sie die  ihr auferlegte Strafe absitzen, unter  menschenrechtswidrigen Bedingungen inhaftiert würde. 6.6. Bisher sind die beiden Verurteilungen der Beschwerdeführerin jedoch  noch gar nicht rechtskräftig; die entsprechenden Berufungsverfahren sind  zurzeit  noch  beim  Kassationshof  hängig.  Im  heutigen  Zeitpunkt  steht  somit  noch  nicht  definitiv  fest,  ob  und  in  welchem  Umfang  die  Beschwerdeführerin  letztinstanzlich  verurteilt  werden  wird.  Weiter  ist  festzustellen,  dass  sich  die  Beschwerdeführerin  zurzeit  trotz  zweier  hängiger Kassationsverfahren auf  freiem Fuss befindet. Mit Blick auf die  Akten  ist davon auszugehen, dass sie nicht gesucht wird und gegen sie  kein  Ausreiseverbot  verfügt  wurde.  Sie  hält  sich  nach  wie  vor  in  der  Türkei  auf  und  kann  sich  dort  grundsätzlich  ungehindert  bewegen.  Die  Beschwerdeführerin  machte  zwar  anlässlich  der  Anhörung  vom  26.  Oktober  2009  (sinngemäss)  geltend,  sie  sei  nach  ihrer  Entlassung  aus  dem Gewahrsam von Zivilpolizisten zur Spitzeltätigkeit gedrängt worden,  wobei ihr gedroht worden sei, man würde sie sonst nicht weiterstudieren  lassen.  Den  Akten  zufolge  wurden  dabei  aber  keine  Drohungen  gegen  Leib  und  Leben  der  Beschwerdeführerin  ausgesprochen,  und  auch  die  Drohung, sie dürfe nicht mehr weiterstudieren, ist offensichtlich nicht wahr  gemacht  worden.  Soweit  die  Beschwerdeführerin  zudem  auf  Beschwerdestufe  geltend  macht,  sie  werde  unter  Druck  gesetzt  und  ständig  mit  Worten  belästigt,  ist  festzustellen,  dass  diese  Vorbringen  wenig  detailliert  und  unsubstanziiert  ausgefallen  sind, weshalb  sie  nicht  geglaubt  werden  können.  Abgesehen  davon  wären  diese  behaupteten  Eingriffe zu wenig intensiv, um asylrelevant zu sein. Das Vorliegen einer  aktuellen  und  konkreten  Verfolgungsfurcht  ist  bei  dieser  Sachlage  zu  verneinen. 6.7.  Es  bleibt  anzufügen,  dass  die  Beschwerdeführerin  nach  Ausschöpfung  des  innertürkischen  Rechtswegs  gegebenenfalls  die  Möglichkeit hätte, in Anwendung des Individualbeschwerderechts von Art.  34  der  Konvention  vom  4.  November  1950  zum  Schutze  der  http://links.weblaw.ch/BVGer-D-3417/2009 http://links.weblaw.ch/BVGer-D-3417/2009

D­2696/2010 Menschenrechte  und  Grundfreiheiten  (EMRK,  SR  0.101)  beim  Europäischen  Gerichtshof  für  Menschenrechte  gegen  die  Türkei  zu  klagen, falls die Strafverfahren nicht nach den Grundsätzen der EMRK zu  Ende  geführt  würden  oder  sie  in  Zukunft  konkreten  Anlass  hätte  zu  befürchten, dass ihr im Strafvollzug Menschenrechtsverletzungen drohen  könnten.  6.8. Gestützt  auf  die  vorstehenden  Erwägungen  ist  zusammenfassend  festzustellen,  dass  die  Beschwerdeführerin  im  heutigen  Zeitpunkt  nicht  als schutzbedürftig zu erachten ist, da nicht davon auszugehen ist, sie sei  im  Heimatland  im  Zusammenhang  mit  den  gegen  sie  laufenden  Strafverfahren  einer  unmittelbaren,  asylrelevanten  Gefährdung  ausgesetzt. Es  ist  ihr nach dem Gesagten nicht gelungen, eine aktuelle  und  konkrete  Gefährdung  im  Sinne  von  Art.  3  AsylG  beziehungsweise  konkrete  Hinweise  auf  eine  in  absehbarer  Zukunft  eintretende  asylrelevante  Verfolgung  und  eine  damit  einhergehende,  begründete  Verfolgungsfurcht  darzulegen.  Gestützt  auf  die  heutige  Aktenlage  ist  ausserdem  davon  auszugehen,  dass  ihr  der  weitere  Verbleib  im  Heimatland zuzumuten  ist. An dieser Einschätzung vermögen auch  ihre  Vorbringen  in der Rechtsmittelschrift sowie den übrigen Eingaben nichts  zu ändern, weshalb es sich erübrigt, weiter darauf einzugehen. Somit hat  die  Vorinstanz  der  Beschwerdeführerin  zu  Recht  die  Einreise  in  die  Schweiz verweigert und das Asylgesuch abgelehnt. 7.  Aus  diesen  Erwägungen  ergibt  sich,  dass  die  angefochtene  Verfügung  Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig und  vollständig  feststellt  und  angemessen  ist  (Art. 106  AsylG).  Die  Beschwerde ist demnach abzuweisen, soweit darauf einzutreten ist. 8.  Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären dessen Kosten grundsätzlich  der Beschwerdeführerin aufzuerlegen  (Art. 63 Abs. 1 und 5 VwVG). Aus  verwaltungsökonomischen Gründen ist indessen in Anwendung von Art. 6  Bst.  b  des  Reglements  vom  21.  Februar  2008  über  die  Kosten  und  Entschädigungen  vor  dem  Bundesverwaltungsgericht  (VGKE,  SR  173.320.2) auf die Erhebung von Verfahrenskosten zu verzichten. (Dispositiv nächste Seite)

D­2696/2010 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1.  Die Beschwerde wird abgewiesen, soweit darauf eingetreten wird. 2.  Es werden keine Verfahrenskosten auferlegt. 3.  Dieses  Urteil  geht  an  die  Beschwerdeführerin,  das  BFM  und  die  zuständige schweizerische Vertretung. Der vorsitzende Richter: Der Gerichtsschreiber: Robert Galliker Matthias Jaggi Versand:

D-2696/2010 — Bundesverwaltungsgericht 17.02.2012 D-2696/2010 — Swissrulings