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Bundesverwaltungsgericht 23.12.2011 D-2434/2010

23. Dezember 2011·Deutsch·CH·CH_BVGE·PDF·1,523 Wörter·~8 min·1

Zusammenfassung

Asyl und Wegweisung | Asyl

Volltext

Bundesve rwa l t ungsge r i ch t T r i buna l   adm in istratif   f édé ra l T r i buna l e   ammin istrati vo   f ede ra l e T r i buna l   adm in istrativ   f ede ra l     Abteilung IV D­2434/2010 Urteil   v om   2 3 .   D e z embe r   2011 Besetzung Richter Bendicht Tellenbach (Vorsitz), Richterin Gabriela Freihofer, Richter Gérard Scherrer,  Gerichtsschreiber Martin Scheyli Parteien A._______ B._______, geboren [...], mutmasslich staatenlos, syrisch­kurdischer Herkunft,  vertreten durch Krishna Müller, Rechtsanwalt,  [...] Beschwerdeführer,  gegen Bundesamt für Migration (BFM),  Quellenweg 6, 3003 Bern,    Vorinstanz Gegenstand Asyl und Wegweisung; Verfügung des BFM vom 11. März 2010

D­2434/2010 Sachverhalt: A.  Der Beschwerdeführer stammt aus Syrien, ist Angehöriger der kurdischen  Ethnie  und  hatte  seinen  letzten  Wohnsitz  in  Qamishli  (Provinz  Al  Hasakah). Gemäss seinen Angaben verliess er Syrien am 3. August 2009  in Richtung Türkei. Am 14. Oktober 2009 reiste er  illegal  in die Schweiz  ein  und  stellte  gleichentags  beim  Empfangs­  und  Verfahrenszentrum  Basel ein Asylgesuch. Das Bundesamt  für Migration  (BFM) befragte  ihn  am 30. Oktober 2009 summarisch und am 20. November 2009 eingehend  zu  den  Gründen  seines  Asylgesuchs.  Anschliessend  wurde  er  für  die  Dauer des Asylverfahrens dem Kanton Aargau zugewiesen. B.  Der  Beschwerdeführer  machte  anlässlich  der  durchgeführten  Befragungen  im  Wesentlichen  geltend,  er  sei  der  Sohn  eines  staatenlosen Kurden  ("Ajnabi") und als solcher ebenfalls nicht  im Besitz  der syrischen Staatsbürgerschaft. Seit dem Jahr 2005 sei er Mitglied der  "Partiya  Demokrata  Kurdistan  a  Sûriye"  (PDKS;  Demokratische  Partei  Kurdistans/  Syrien).  Er  habe  monatlich  zweimal  an  deren  Sitzungen  teilgenommen, Zeitungen verteilt und den Parteimitgliedern verschiedene  Dienstleistungen angeboten. Eine Zeit lang sei er auch in einer Folklore­ Gruppe  der  Partei  aktiv  gewesen.  Ende  des  Jahres  2006  hätten  Angehörige  des  "Amen  al­Dawla"  (Staatssicherheitsdiensts)  in  seinem  Geschäft  ­  einem  Laden  für  Mobiltelephone  ­  eine  Zeitung  und  zwei  Compact Discs einer kurdischen Folklore­Gruppe beschlagnahmt. Er sei  während  sechs Wochen  inhaftiert  worden,  wobei  man  ihn  zur  Herkunft  der beschlagnahmten Gegenstände befragt, ihn geschlagen und ihm den  Arm gebrochen habe. Nach seiner Freilassung habe er sich regelmässig  bei  den  Behörden  melden  müssen,  und  sein  Laden  sei  hie  und  da  durchsucht  worden.  Am  23. Juli  2009  hätten  Angehörige  des  Staatssicherheitsdiensts erneut sein Geschäft durchsucht. Er selbst habe  sich  zu  jenem Zeitpunkt  bei  seiner Grossmutter,  etwa  siebzig Kilometer  von  Qamishli  entfernt,  aufgehalten.  Der  Staatssicherheitsdienst  habe  jedoch  seinen  Angestellten  verhaftet  und  verschiedene  Gegenstände  beschlagnahmt, so Zeitungen, CDs, die er  für die Partei gebrannt habe,  den  Geschäftscomputer  sowie  Schlüsselanhänger,  auf  denen  das  Bild  des  irakischen  Kurdenführers  Masud  Barzani  sowie  das  Parteimotto  eingraviert  gewesen  seien.  Auf  dem  beschlagnahmten  Computer  seien  Agenden, Bilder  kurdischer Folklore  und Links  zu Webseiten  kurdischer  Parteien  gespeichert  gewesen.  Tags  darauf  seien  Beamte  der 

D­2434/2010 Sicherheitskräfte  zum  Haus  seiner  Familie  gekommen  und  hätten  ihn  gesucht. Er habe sich  jedoch verborgen gehalten, bis  ihm am 3. August  2009  die  illegale  Ausreise  aus  Syrien  geglückt  sei.  Im  Verlauf  des  vorinstanzlichen Verfahrens  gab  der Beschwerdeführer  als Beweismittel  unter  anderem  Kopien  von  Ausweisdokumenten,  die  seinen  Status  als  staatenloser  Kurde  belegen,  sowie  Photographien  und  Bestätigungsschreiben  bezüglich  seiner  Parteizugehörigkeit  zu  den  Akten.  C.  Mit  Schreiben  vom  10.  Dezember  2009  ersuchte  das  BFM  die  schweizerische  Botschaft  in  Syrien  um  Abklärung  der  Fragen,  ob  der  Beschwerdeführer syrischer Staatsbürger sei, ob er einen syrischen Pass  besitze, ob er Syrien legal verlassen habe und ob er durch die syrischen  Behörden gesucht werde. D.  Mit Schreiben vom 8. Februar 2010 teilte die schweizerische Botschaft in  Syrien  dem  BFM  mit,  Abklärungen  ihres  Vertrauensanwalts  hätten  ergeben,  dass  der  Beschwerdeführer  nicht  syrischer  Staatsbürger,  sondern  ein  sogenannter  Ajnabi  ("Ausländer")  sei.  Das  eingereichte  Ausweisdokument  sei  echt.  Der  Beschwerdeführer  werde  durch  die  syrischen Behörden nicht gesucht. E.  Mit  Zwischenverfügung  vom  18.  Februar  2010  erteilte  das  BFM  dem  Beschwerdeführer in Bezug auf die genannten Abklärungsergebnisse das  rechtliche Gehör. F.  Mit Eingabe an das BFM vom 1. März 2010 nahm der Beschwerdeführer  zu  den  Abklärungen  der  schweizerischen  Botschaft  Stellung.  Auf  die  entsprechenden Ausführungen wird, soweit für den Entscheid wesentlich,  in  den  Erwägungen  eingegangen.  Des  Weiteren  ersuchte  der  Beschwerdeführer um Gewährung einer Frist bis zum 22. März 2010 zur  weiteren Begründung seines Asylgesuchs. G.  Mit Verfügung vom 11. März 2010  lehnte das BFM das Asylgesuch des  Beschwerdeführers  ab  und  ordnete  dessen  Wegweisung  aus  der  Schweiz  sowie  den  Vollzug  an.  Zur  Begründung  der  Ablehnung  des 

D­2434/2010 Asylgesuchs führte das Bundesamt im Wesentlichen aus, die Vorbringen  des  Beschwerdeführers  würden  den  Anforderungen  an  die  Glaubhaftigkeit  gemäss  Art. 7  des  Asylgesetzes  vom  26. Juni  1998  (AsylG, SR 142.31) nicht genügen.  H.  Mit  Eingabe  seines  Rechtsvertreters  an  das  BFM  vom  12.  März  2010  nahm  der  Beschwerdeführer  erneut  zu  den  Abklärungen  der  schweizerischen Botschaft in Syrien Stellung. I.  Mit  Eingabe  seines  Rechtsvertreters  vom  12.  April  2010  focht  der  Beschwerdeführer  die  Verfügung  des  BFM  beim  Bundesverwaltungsgericht  an.  Dabei  beantragte  er  die  Aufhebung  der  angefochtenen Verfügung, die Feststellung seiner Flüchtlingseigenschaft  und  die  Gewährung  des  Asyls  sowie  eventualiter  die  Anordnung  der  vorläufigen  Aufnahme.  In  prozessualer  Hinsicht  ersuchte  er  um  die  Gewährung  der  unentgeltlichen  Prozessführung  gemäss  Art.  65  Abs.  1  des  Bundesgesetzes  vom  20. Dezember  1968  über  das  Verwaltungsverfahren  (VwVG,  SR  172.021)  sowie  der  unentgeltlichen  Rechtsverbeiständung  im  Sinne  von  Art. 65  Abs. 2  VwVG.  Auf  die  Begründung der Beschwerde wird,  soweit  für den Entscheid wesentlich,  in den Erwägungen eingegangen. J.  Mit  Zwischenverfügung  vom  15. April  2010  teilte  der  zuständige  Instruktionsrichter  dem  Beschwerdeführer  mit,  über  das  Gesuch  um  Gewährung  der  unentgeltlichen  Prozessführung  im  Sinne  von  Art. 65  Abs. 1  VwVG  werde  in  einem  späteren  Zeitpunkt  des  Verfahrens  entschieden.  Zugleich  wurde  das  Gesuch  um  Beiordnung  eines  unentgeltlichen  Rechtsvertreters  gemäss  Art.  65  Abs.  2  VwVG  abgewiesen. K.  Mit Vernehmlassung vom 28. April 2010 hielt das BFM vollumfänglich an  seinen Erwägungen fest und beantragte die Abweisung der Beschwerde.  Dem  Beschwerdeführer  wurde  von  der  Vernehmlassung  mit  Schreiben  vom 11. Mai 2010 Kenntnis gegeben.

D­2434/2010 D­2434/2010 Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1.  1.1. Gemäss Art. 31 des Verwaltungsgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005  (VGG, SR 173.32) beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Beschwerden  gegen  Verfügungen  nach  Art.  5  VwVG.  Über  Beschwerden  gegen  Verfügungen, die gestützt auf das AsylG durch das BFM erlassen worden  sind,  entscheidet  das  Bundesverwaltungsgericht  grundsätzlich  (mit  Ausnahme  von  Verfahren  betreffend  Personen,  gegen  die  ein  Auslieferungsersuchen  des  Staates  vorliegt,  vor  welchem  sie  Schutz  suchen)  endgültig  (Art. 105 AsylG  i.V.m. Art. 31­33 VGG; Art.  83 Bst.  d  Ziff.  1  des  Bundesgerichtsgesetzes  vom  17.  Juni  2005  [BGG,  SR  173.110]). 1.2.  Mit  Beschwerde  an  das  Bundesverwaltungsgericht  können  die  Verlet­zung  von  Bundesrecht,  einschliesslich  Missbrauch  und  Überschreitung  des  Ermessens,  die  unrichtige  oder  unvollständige  Feststellung  des  rechtserheblichen  Sachverhalts  und  die  Unangemessenheit gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG). 2.  Der Beschwerdeführer ist legitimiert; auf seine frist­ und formgerecht ein­ gereichte  Beschwerde  ist  einzutreten  (Art.  105  und  108  Abs.  1  AsylG;  Art. 37 VGG i.V.m. Art. 48 Abs. 1 und Art. 52 VwVG). 3.  3.1.  Gemäss  Art.  2  Abs.  1  AsylG  gewährt  die  Schweiz  grundsätzlich  Flüchtlingen Asyl. Als Flüchtling wird eine Person anerkannt, wenn sie in  ihrem  Heimatstaat  oder  im  Land,  wo  sie  zuletzt  wohnte,  wegen  ihrer  Rasse, Religion, Nationalität, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen  Gruppe oder wegen ihrer politischen Anschauungen ernsthaften Nachtei­ len ausgesetzt ist oder begründete Furcht hat, solchen Nachteilen ausge­ setzt  zu werden. Als ernsthafte Nachteile  gelten namentlich die Gefähr­ dung von Leib, Leben oder Freiheit sowie Massnahmen, die einen uner­ träglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 AsylG). 3.2.  Wer  um  Asyl  nachsucht,  muss  die  Flüchtlingseigenschaft  nachweisen oder zumindest glaubhaft machen. Glaubhaft gemacht ist die  Flüchtlingseigenschaft,  wenn  die  Behörde  ihr  Vorhandensein  mit  überwiegender  Wahrscheinlichkeit  für  gegeben  hält.  Unglaubhaft  sind  insbesondere  Vorbringen,  die  in  wesentlichen  Punkten  zu  wenig  begründet  oder  in  sich  widersprüchlich  sind,  den  Tatsachen  nicht 

D­2434/2010 entsprechen  oder  massgeblich  auf  gefälschte  oder  verfälschte  Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG). 4.  4.1.  Das  BFM  stützte  die  Ablehnung  des  Asylgesuchs  in  der  angefochtenen  Verfügung  auf  die  Einschätzung,  die  betreffenden  Vorbringen des Beschwerdeführers seien nicht glaubhaft ausgefallen.  4.2. Glaubhaftmachung  im Sinne des Art. 7 Abs. 2 AsylG bedeutet –  im  Gegensatz zum strikten Beweis – ein reduziertes Beweismass und  lässt  durchaus  Raum  für  gewisse  Einwände  und  Zweifel  an  den  Vorbringen  des  Gesuchstellers.  Entscheidend  ist,  ob  die  Gründe,  die  für  die  Richtigkeit  der  gesuchstellerischen  Sachverhaltsdarstellung  sprechen,  überwiegen  oder  nicht  (so  die  ständige  Praxis  der  ehemaligen  Schweizerischen  Asylrekurskommission  [ARK],  welche  für  die  Rechtsprechung  des  Bundesverwaltungsgerichts  einen  nach  wie  vor  gültigen Massstab bildet; vgl. etwa Entscheidungen und Mitteilungen der  Schweizerischen Asylrekurskommission [EMARK] 1996 Nr. 27 E. 3c/aa).  Dabei  ist auf eine objektivierte Sichtweise abzustellen. Eine wesentliche  Voraussetzung für die Glaubhaftmachung eines Verfolgungsschicksals ist  eine die eigenen Erlebnisse betreffende, substantiierte,  im Wesentlichen  widerspruchsfreie  und  konkrete  Schilderung  der  dargelegten  Vorkommnisse.  Die  wahrheitsgemässe  Schilderung  einer  tatsächlich  erlittenen  Verfolgung  ist  gekennzeichnet  durch  Korrektheit,  Originalität,  hinreichende  Präzision  und  innere  Übereinstimmung.  Unglaubhaft  wird  eine  Schilderung  von  Erlebnissen  insbesondere  bei  wechselnden,  widersprüchlichen,  gesteigerten  oder  nachgeschobenen Vorbringen.  Bei  der  Beurteilung  der  Glaubhaftmachung  geht  es  um  eine  Gesamtbeurteilung  aller  Elemente  (Übereinstimmung  bezüglich  des  wesentlichen  Sachverhaltes,  Substantiiertheit  und  Plausibilität  der  Angaben,  persönliche  Glaubwürdigkeit  usw.),  die  für  oder  gegen  den  Gesuchsteller  sprechen.  Glaubhaft  ist  eine  Sachverhaltsdarstellung,  wenn  die  positiven  Elemente  überwiegen.  Für  die  Glaubhaftmachung  reicht  es  demnach  nicht  aus,  wenn  der  Inhalt  der  Vorbringen  zwar  möglich  ist,  aber  in Würdigung  der  gesamten  Aspekte  wesentliche  und  überwiegende  Umstände  gegen  die  vorgebrachte  Sachverhaltsdarstellung sprechen (EMARK 1996 Nr. 28 E. 3a). 4.3.  Das  BFM  bezweifelte  in  der  angefochtenen  Verfügung  zunächst,  dass der Beschwerdeführer seine  illegalen politischen Aktivitäten  für die  PDKS ­ wie etwa das Verteilen von Zeitungen der Partei  ­ weitergeführt 

D­2434/2010 habe, nachdem er im Jahr 2006 inhaftiert und später nur mit der Auflage  einer Meldepflicht wieder  freigelassen worden sei. Es sei nämlich davon  auszugehen,  dass  der  Beschwerdeführer  diese  Aktivitäten  nicht  hätte  weiterführen  können,  wenn  er  tatsächlich  unter  ständiger  Beobachtung  durch die syrischen Sicherheitskräfte gestanden hätte. Zudem sei davon  auszugehen, dass die PDKS diesfalls auf seine Mitarbeit verzichtet hätte,  da  er  als  Sicherheitsrisiko  für  andere  Mitglieder  gegolten  hätte.  Es  sei  auch  nicht  nachvollziehbar,  weshalb  die  Sicherheitskräfte  ausgerechnet  zum  Zeitpunkt  der  Abwesenheit  des  Beschwerdeführers  eine  Razzia  in  dessen  Geschäft  durchgeführt  hätten,  wäre  dieser  tatsächlich  ständig  überwacht worden. Zudem erscheine es auch als unwahrscheinlich, dass  der  Beschwerdeführer  nichts  über  das  weitere  Schicksal  seines  Angestellten  nach  dessen  Verhaftung  wisse.  Schliesslich  hätten  die  Abklärungen  der  schweizerischen  Botschaft  in  Syrien  entgegen  den  Angaben des Beschwerdeführers ergeben, dass er nicht gesucht werde. 4.4.  4.4.1.  Dazu  ist  zunächst  festzuhalten,  dass  ­  wie  sich  aus  der  Argumentation  in der angefochtenen Verfügung ergibt  ­  das Bundesamt  offensichtlich weder das Vorbringen an sich, der Beschwerdeführer habe  sich  politisch  für  die  PDKS  engagiert,  noch  die  damit  verbundene  Inhaftierung  im  Jahr  2006  in  Zweifel  zieht.  Dies  zu  Recht,  ist  doch  festzustellen,  dass  die  entsprechenden  Schilderungen  des  Beschwerdeführers  ausreichend  detailliert  ausgefallen  sind  und  seine  Ausführungen  auch  keine  wesentlichen  Widersprüche  oder  sonstige  Unstimmigkeiten aufweisen. Sie erscheinen ausserdem kohärent und vor  dem  Hintergrund  der  politischen  Gegebenheiten  in  Syrien  insgesamt  plausibel.  4.4.2. Entgegen  der  Ansicht  der  Vorinstanz  ist  aber  festzustellen,  dass  diese  Einschätzung  nicht  nur  auf  die  politischen  Aktivitäten  des  Beschwerdeführers zugunsten der PDKS vor seiner Inhaftierung im Jahr  2006 zutrifft. Sondern anders als vom BFM angenommen ist kein triftiger  Grund  dafür  gegeben,  dass  die  Aussagen  des  Beschwerdeführers,  die  sich  auf  den  Zeitraum  zwischen  seiner  Freilassung  aus  der  Haft  im  Dezember  2006  und  seiner  Ausreise  aus  Syrien  am  3. August  2009  beziehen, als unglaubhaft zu erachten wären. Insbesondere sind die vom  BFM  vorgebrachten  Einwände  gegen  die  Glaubhaftigkeit  der  Aussagen  nicht  überzeugend. So  erscheint  es  zunächst  als  ungerechtfertigt,  unter  Hinweis  auf  die  vom  Beschwerdeführer  für  die  Zeit  nach  seiner  Freilassung im Dezember 2006 geltend gemachte Beobachtung durch die 

D­2434/2010 syrischen Sicherheitskräfte  ­  gemäss den protokollierten Aussagen eine  regelmässige  Meldepflicht  sowie  wiederkehrende  Durchsuchungen  seines  Geschäfts  ­  schlichtweg  auszuschliessen,  dass  dieser  für  seine  Partei  weiterhin  im  genannten  Rahmen  ­  insbesondere  durch  die  Teilnahme an Sitzungen und das Verteilen der Parteizeitung ­ aktiv sein  konnte.  Ebenso  wenig  ist  die  Annahme  als  zwingend  zu  erachten,  die  PDKS  hätte  den  Beschwerdeführer  aufgrund  seiner  Verhaftung  als  zu  grosses  Risiko  eingestuft  und  demzufolge  auf  seine  Mitwirkung  verzichtet. Des Weiteren wertete das BFM den Umstand als unglaubhaft,  dass  am  23. Juli  2009  ausgerechnet  während  einer  Abwesenheit  des  Beschwerdeführers dessen Geschäft durchsucht und dessen Angestellter  verhaftet  wurde.  Allerdings  ist  darauf  hinzuweisen,  dass  der  Beschwerdeführer  diesbezüglich  im  Rahmen  seiner  Befragungen  eine  Erklärung  abgab,  die  jedoch  in  der  angefochtenen  Verfügung  keinerlei  Erwähnung  fand:  Der  Grund  für  die  Durchsuchung  sei  vermutlich  gewesen, dass an jenem Tag ein Parteigenosse die Monatszeitungen im  Geschäft abgegeben habe, wobei dieser wohl verraten worden sei. Es ist  durchaus  nicht  auszuschliessen,  dass  diese  Vermutung  des  Beschwerdeführers zutrifft, und die Abwesenheit des Beschwerdeführers  ist  jedenfalls  nicht  als wesentliches Unglaubhaftigkeitselement  in Bezug  auf  die  Durchsuchung  des  Geschäfts  und  die  Verhaftung  des  Angestellten  einzustufen.  Ferner  ist  auch  nicht  ernsthaft  ersichtlich,  weshalb gegen die Glaubhaftigkeit des Beschwerdeführers sprechen soll,  dass  er  nichts  über  das  weitere  Schicksal  seines  Angestellten  nach  dessen Verhaftung auszusagen vermochte. Vielmehr ist nicht erkennbar,  wie  der  Beschwerdeführer  überhaupt  zu  entsprechenden  Kenntnissen  hätte  kommen  sollen,  falls  sein  Angestellter  tatsächlich  durch  den  syrischen Staatssicherheitsdienst verhaftet wurde.  4.4.3.  Ferner  wird  in  der  angefochtenen  Verfügung  ausgeführt,  die  Abklärungen  der  schweizerischen  Botschaft  in  Syrien  hätten  ergeben,  dass  der  Beschwerdeführer  nicht  gesucht  werde.  Diesbezüglich  ist  zunächst festzuhalten, dass der Beschwerdeführer nicht behauptet hat, er  werde durch die syrischen Behörden im Rahmen einer Strafuntersuchung  oder  eines  ähnlichen  formalisierten  Prozederes  gesucht.  Sondern  er  macht ausschliesslich geltend, der syrische Staatssicherheitsdienst habe,  nachdem  am  23. Juli  2009  sein  Geschäft  durchsucht  und  sein  Angestellter verhaftet worden sei, auch ihn selbst gesucht, indem Beamte  bei  seiner  Familie  vorstellig  geworden  seien.  Aus  dem  Schreiben  der  schweizerischen Botschaft  vom 8. Februar 2010 an das BFM geht nicht  hervor,  auf  welche  Verfahrensarten  und  welche  Behörden  sich  das 

D­2434/2010 Abklärungsergebnis  beziehen  soll,  der  Beschwerdeführer  sei  in  Syrien  nicht  gesucht.  Insbesondere  ist  nicht  erkennbar,  ob  und  inwiefern  sich  diese  Angabe  nicht  nur  auf  ein  formalisiertes  Strafverfahren,  sondern  auch auf eine Personensuche durch einen der syrischen Geheimdienste ­  von  welchen  eine  Mehrzahl  existiert  ­  beziehen  soll.  Es  ist  somit  festzustellen,  dass  das  von  der  schweizerischen  Botschaft  in  Syrien  mitgeteilte  Abklärungsergebnis  nicht  ohne  weiteres  auszuschliessen  vermag,  dass  der  Beschwerdeführer  in  Syrien  zum  Zeitpunkt  seiner  Ausreise geheimdienstlich gesucht wurde.  4.5. Es erweist sich somit, dass die hauptsächlichen Asylvorbringen unter  Berücksichtigung aller wesentlichen Faktoren entgegen der Einschätzung  des BFM als glaubhaft  zu erachten  sind. Dabei  ist  zudem  festzustellen,  dass  die  Probleme,  welchen  der  Beschwerdeführer  in  Syrien  im  unmittelbaren  Zeitraum  vor  seiner  Ausreise  ausgesetzt  war,  auch  als  flüchtlingsrechtlich  relevante  Verfolgung  einzustufen  sind.  Nachdem  der  Beschwerdeführer  bereits  einmal,  im  Jahr  2006,  während  mehrerer  Wochen  ohne  jegliches  Gerichtsverfahren  in  einem  Gefängnis  des  Staatssicherheitsdiensts  inhaftiert  gewesen  war,  wobei  ihm  durch  Schläge der Arm gebrochen wurde, hat er nach der Durchsuchung seines  Geschäfts  und  der  Verhaftung  seines  Angestellten  am  23.  Juli  2009  in  objektiv  nachvollziehbarer  Weise  (vgl.  EMARK  2000  Nr. 9  E. 5a  sowie  2004  Nr. 21  E. 3b/aa)  befürchtet,  es  drohe  ihm  durch  die  syrischen  Behörden aufgrund seines Engagements  für die  kurdische Partei PDKS  eine erneute  Inhaftierung und er sehe sich somit ernsthaften Nachteilen  im  Sinne  von  Art. 3  AsylG  ausgesetzt.  Des  Weiteren  ist  festzustellen,  dass die Begründetheit der Furcht des Beschwerdeführers vor staatlichen  Verfolgungsmassnahmen  auch  nicht  örtlich  beschränkt  war.  Dem  Beschwerdeführer  stand  folglich  in  Syrien  auch  keine  innerstaatliche  Fluchtalternative  offen.  Schliesslich  ist  angesichts  der  Tatsache,  dass  sich  die  politische  und  menschenrechtliche  Situation  in  Syrien  seit  der  Ausreise  des  Beschwerdeführers  erheblich  verschlechtert  hat,  davon  auszugehen,  dass  diese  Gefährdung  auch  heute  unvermindert  anhält  beziehungsweise sich möglicherweise noch verstärkt hat.  5.  Zusammenfassend  ergibt  sich  somit,  dass  der  Beschwerdeführer  die  Flüchtlingseigenschaft  im  Sinne  von  Art. 3  AsylG  erfüllt.  Nachdem  den  Akten  keine Hinweise auf  das Vorliegen  von Asylausschlussgründen  zu  entnehmen  sind,  ist  die  Beschwerde  folglich  gutzuheissen,  und  die  angefochtene Verfügung ist aufzuheben. Das BFM wird angewiesen, den 

D­2434/2010 Beschwerdeführer als Flüchtling zu anerkennen und  ihm  in der Schweiz  Asyl zu gewähren.

D­2434/2010 6.  6.1. Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Kosten zu erheben  (Art. 63 Abs. 3 VwVG i.V.m. Art. 37 VGG).  6.2.  Gemäss  Art.  64  Abs.  1  VwVG  i.V.m.  Art.  37  VGG  kann  der  obsiegenden  Partei  von  Amtes  wegen  oder  auf  Begehren  eine  Entschädigung  für  die  ihr  erwachsenen  notwendigen  und  verhältnismässig  hohen  Kosten  zugesprochen  werden  (vgl.  für  die  Grundsätze der Bemessung der Parteientschädigung ausserdem Art. 7 ff.  des  Reglements  über  die  Kosten  und  Entschädigungen  vor  dem  Bundesverwaltungsgericht  vom  21. Februar  2008  [VGKE,  SR 173.320.2]).  Gestützt  auf  die  in  Betracht  zu  ziehenden  Bemessungsfaktoren  (Art. 9­13  VGKE)  und  die  angesichts  des  Aufwandes  als  angemessen  erscheinende  Kostennote  des  Rechtsvertreters  vom  12. April  2010  ist  die  Parteientschädigung  auf  Fr. 2'477.­­  (inkl.  Auslagen  und  Mehrwertsteuer)  festzusetzen.  Dieser  Betrag ist dem Beschwerdeführer durch das BFM zu entrichten. (Dispositiv nächste Seite)

D­2434/2010 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1.  Die  Beschwerde  wird  gutgeheissen,  und  die  Verfügung  des  BFM  vom  11. März 2010 wird aufgehoben. 2.  Das BFM wird angewiesen, dem Beschwerdeführer Asyl zu gewähren. 3.  Es werden keine Verfahrenskosten erhoben. 4.  Dem  Beschwerdeführer  wird  eine  Parteientschädigung  von  Fr. 2'477.­­  zugesprochen, die ihm durch das BFM zu entrichten ist. 5.  Dieses  Urteil  geht  an  den  Beschwerdeführer,  das  BFM  und  die  zuständige kantonale Behörde. Der vorsitzende Richter: Der Gerichtsschreiber: Bendicht Tellenbach Martin Scheyli Versand:

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