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Bundesverwaltungsgericht 01.09.2011 D-220/2008

1. September 2011·Deutsch·CH·CH_BVGE·PDF·1,857 Wörter·~9 min·2

Zusammenfassung

Aufhebung vorläufige Aufnahme (Asyl) | Aufhebung der vorläufigen Aufnahme; Verfügung des BFM vom 12. Dezember 2007

Volltext

Bundesve rwa l t ungsge r i ch t T r i buna l   adm in istratif   f édé ra l T r i buna l e   ammin istrati vo   f ede ra l e T r i buna l   adm in istrativ   f ede ra l Abteilung IV D­220/2008/sed Urteil   v om   1 .   S ep t embe r   2011 Besetzung Richterin Contessina Theis (Vorsitz), Richter Bendicht Tellenbach, Richter Pietro Angeli­Busi,    Gerichtsschreiber Alfred Weber. Parteien A._______, geboren (…), Irak,   vertreten durch lic. iur. Magda Zihlmann, Rechtsanwältin, (…), Beschwerdeführer,  gegen Bundesamt für Migration (BFM), Quellenweg 6, 3003 Bern,    Vorinstanz.  Gegenstand Aufhebung der vorläufigen Aufnahme;  Verfügung des BFM vom 12. Dezember 2007 / N (…).

D­220/2008 Sachverhalt: A.  Der  Beschwerdeführer,  ein  irakischer  Staatsangehöriger  kurdischer  Ethnie aus Dohuk, suchte am 18. Februar 2003 in der Schweiz um Asyl  nach. B.  Mit  Verfügung  vom  13.  September  2004  stellte  das  BFM  fest,  der  Beschwerdeführer erfülle die Flüchtlingseigenschaft nicht und lehnte das  Asylgesuch als den Anforderungen an die Glaubhaftigkeit gemäss Art. 7  des Asylgesetzes vom 26. Juni 1998 (AsylG, SR 142.31) nicht genügend  ab. Das Bundesamt ordnete zudem die Wegweisung sowie deren Vollzug  an,  da  es  den  Vollzug  der  Wegweisung  als  zulässig,  zumutbar  und  möglich erachtete. C.  Der  Beschwerdeführer  focht  diese  Verfügung  mit  Beschwerde  vom  13. Oktober  2001  bei  der  damals  zuständigen  Schweizerischen  Asylrekurskommission  (ARK)  an  und  beantragte  in  materieller  Hinsicht,  es  sei  die  angefochtene Verfügung  aufzuheben  und Asyl  zu  gewähren;  eventuell sei festzustellen, dass der Vollzug der Wegweisung unzulässig  beziehungsweise  allenfalls  unzumutbar  sei,  und  demzufolge  die  vorläufige Aufnahme anzuordnen. D.  Am 17. Januar 2006 stellte das BFM im Rahmen eines Schriftenwechsels  fest,  der Wegweisungsvollzug  in  den  Irak  sei  aufgrund  der  allgemeinen  Sicherheitslage als unzumutbar zu erachten, hob demnach die Ziffern 4  und  5  der  Verfügung  vom  13.  September  2004  wiedererwägungsweise  auf und nahm den Beschwerdeführer vorläufig in der Schweiz auf. E.  Mit  Urteil  vom  21.  November  2006  wies  die  ARK  in  Bestätigung  der  vorinstanzlichen Erwägungen die Beschwerde hinsichtlich der Frage der  Flüchtlingseigenschaft, Asylgewährung und Wegweisung ab. Soweit den  Wegweisungsvollzug  betreffend  schrieb  sie  diese  als  gegenstandslos  geworden ab. F.  Mit  Schreiben  vom  8.  Oktober  2007  teilte  das  BFM  dem  Beschwerdeführer mit, in den drei nordirakischen Provinzen Dohuk, Erbil 

D­220/2008 und  Suleymaniya  herrsche  keine  Situation  allgemeiner  Gewalt  (mehr).  Der  Wegweisungsvollzug  sei  daher  grundsätzlich  zumutbar.  Dies  gelte  insbesondere  für  aus  dieser  Region  stammende  Männer,  welche  sich  alleine  in der Schweiz aufhielten. Die Vorinstanz stellte sodann  fest, der  Beschwerdeführer sei in der Provinz Dohuk geboren und aufgewachsen.  Ferner  hielten  sich  noch  seine  Mutter,  sechs  Brüder,  drei  Schwestern  sowie  ein  Onkel mütterlicherseits  und  4 Onkel  väterlicherseits  dort  auf.  Gleichzeitig  räumte  es  dem  Beschwerdeführer  eine  Frist  ein,  sich  zur  beabsichtigten Aufhebung  der  vorläufigen Aufnahme  und  zu  dem damit  verbundenen Wegweisungsvollzug zu äussern. G.  In  seiner  Stellungnahme  vom  28.  Oktober  2007  machte  der  Beschwerdeführer  in  persönlicher  Hinsicht  im Wesentlichen  geltend,  es  sei richtig, dass er Familienangehörige in Dohuk habe. Diese hätten aber  keine  Arbeit  und  könnten  sich  "finanziell  nur  ganz  knapp  über Wasser"  halten. Eine Existenz in Dohuk aufzubauen, sei für ihn "wohl ein Ding der  Möglichkeit"  (recte  wohl:  "ein  Ding  der  Unmöglichkeit").  Er  sei  nun  fast  fünf  Jahre  in  der  Schweiz  und  gehe  regelmässig  einer  Arbeit  nach.  Schliesslich  wies  er  in  seiner  Stellungnahme  auf  seine  gute  Integration  hin. H.  Mit  Verfügung  vom  12.  Dezember  2007  –  eröffnet  am  20.  Dezember  2007 –  hob  das  BFM  die  vorläufige  Aufnahme  des  Beschwerdeführers  auf  und  ordnete  den  Vollzug  der Wegweisung  an.  Auf  die  Begründung  des vorinstanzlichen Entscheids wird, soweit entscheidwesentlich, in den  Erwägungen eingegangen. I.  Mit  Eingabe  vom  11.  Januar  2007  (recte:  2008)  liess  der  Beschwerdeführer  durch  seine  nunmehr  mandatierte  Rechtsvertreterin  beim  Bundesverwaltungsgericht  Beschwerde  gegen  die  Verfügung  des  BFM  erheben  und  beantragen,  der  vorinstanzliche  Entscheid  vom  12.  Dezember 2007 sei aufzuheben, die Sache sei zur Neubeurteilung an die  Vorinstanz  zurückzuweisen,  eventualiter  sei  das  BFM  anzuweisen,  die  vorläufige  Aufnahme  des  Beschwerdeführers  zu  verlängern.  In  verfahrensrechtlicher  Hinsicht  wurde  unter  Hinweis  auf  das  Sicherheitskonto  des  Beschwerdeführers  beantragt,  es  sei  auf  das  Erheben eines Kostenvorschusses zu verzichten. Auf die Begründung der 

D­220/2008 Beschwerde  wird,  soweit  entscheidwesentlich,  in  den  Erwägungen  eingegangen. J.  Mit Zwischenverfügung vom 18. Januar 2008 hielt der  Instruktionsrichter  des  Bundesverwaltungsgerichts  fest,  der  Beschwerdeführer  könne  den  Ausgang  des  Beschwerdeverfahrens  in  der  Schweiz  abwarten  und  verzichtete antragsgemäss auf das Erheben eines Kostenvorschusses. K.  Mit Eingabe vom 6. Oktober 2008 ersucht die Staatskanzlei des Kantons  B._______  (Rechtsdienst/Rekursabteilung)  um Mitteilung,  wann  in  casu  mit  einem  Entscheid  des  Bundesverwaltungsgerichts  gerechnet  werden  könne.  Zur  Begründung  wurde  im  Wesentlichen  ausgeführt,  der  Beschwerdeführer habe beim C._______ ein Gesuch um Erteilung einer  Aufenthaltsbewilligung gemäss Art. 84 Abs. 5 des Bundesgesetzes vom  16. Dezember  2005  über  die  Ausländerinnen  und  Ausländer  (AuG,  SR  142.20)  eingereicht.  Mit  Schreiben  vom  21.  Mai  2008  habe  C._______  dem Beschwerdeführer mitgeteilt, dass gemäss Art. 31 Abs. 1 Bst. g der  Verordnung  vom  24. Oktober  2007  über  Zulassung,  Aufenthalt  und  Erwerbstätigkeit  (VZAE,  SR  142.201)  auch  die  Möglichkeiten  für  eine  Wiedereingliederung  im  Heimatland  zu  berücksichtigen  seien.  Mit  der  erstinstanzlichen  Aufhebung  der  vorläufigen  Aufnahme  des  Beschwerdeführers  bestehe  aber  ein  klarer  Hinweis  darauf,  dass  das  Vollzugshindernis  der Unzumutbarkeit  nicht mehr  vorhanden sei. Weiter  hielt es fest, dass – solange diese Frage nicht abschliessend beantwortet  sei  –  ein  wesentliches  Beurteilungselement  für  die  Gesuchsprüfung  fehlen  würde.  Das  Verfahren  werde  daher  bis  zum  Entscheid  des  Bundesverwaltungsgerichts sistiert. Dagegen sei nun beim Regierungsrat  mit  Eingabe  vom  30.  Mai  2008  Rekurs  erhoben  und  im  Hauptpunkt  beantragt  worden,  C._______  sei  anzuweisen,  unverzüglich  auf  das  Gesuch des Beschwerdeführers einzutreten und dieses vertieft zu prüfen.  Der Regierungsrat sei indessen der Ansicht, eine Rekursgutheissung sei  aus  verfahrensökonomischen  Gründen  nur  dann  sinnvoll,  wenn  in  nächster  Zeit  ohnehin  nicht  mit  einem  Entscheid  des  Bundesverwaltungsgerichts  gerechnet werden  könne. Umgekehrt würde  eine  Gutheissung  dann  keinen  Sinn  machen,  wenn  das  Bundesverwaltungsgericht die erstinstanzliche Aufhebung der vorläufigen  Aufnahme kurz nach Ergehen des Rekursentscheides bestätigen würde. 

D­220/2008 L.  Mit  Schreiben  vom  9.  Oktober  2008  teilte  der  damals  zuständige  Instruktionsrichter  der  Staatskanzlei  des  Kantons  B._______  (Rechtsdienst/Rekursabteilung)  mit,  dass  aufgrund  der  nach  wie  vor  grossen Geschäftslast sowie des Umstandes, wonach das Verfahren des  Beschwerdeführers für das Bundesverwaltungsgericht nicht zur Kategorie  der  prioritär  zu  behandelnden  Fälle  zähle,  kein  verbindlicher  Termin  für  ein  Urteil  in  der  Sache  in  absehbarer  Zeit  in  Aussicht  gestellt  werden  könne. M.  Mit  Beschluss  des  Regierungsrates  des  Kantons  B._______  vom  26.  November  2008  wurde  unter  anderem  der  Rekurs  des  Beschwerdeführers gegen die Verfügung vom 21. Mai 2008 abgewiesen,  soweit  darauf  eingetreten  wurde.  Ferner  wurde  festgehalten,  dass  die  Rekursgegnerin  (Anmerkung  des  Gerichts:  C._______)  das  Verfahren  wieder  aufzunehmen  und  über  das  Begehren  des  Beschwerdeführers  einlässlich  zu  entscheiden  habe,  sobald  der  Sistierungsgrund  dahingefallen sei. N.  In seiner Vernehmlassung vom 3. Februar 2011 beantragte das BFM die  Abweisung  der  Beschwerde.  Zur  Begründung  wurde  im  Wesentlichen  ausgeführt,  der  Beschwerdeführer  sei  irakischer  Staatsangehöriger  und  stamme  aus  Dohuk,  wo  –  wie  den  Akten  zu  entnehmen  sei  –  der  Familienverband  des  Ausländers  lebe.  Auch  wenn  er  als  Flüchtling  im  Iran  gelebt  habe,  so  stehe  dem  BFM  nichts  anderes  offen,  als  den  Wegweisungsvollzug  in  den  Irak  zu  prüfen,  denn  eine Rückkehr  in  den  Iran  stehe  kaum  zur  Diskussion.  Beim  Umstand,  dass  das  BFM  im  Entscheid  vom  12.  Dezember  2007  erwähnt  habe,  er  (der  Beschwerdeführer)  habe  den  weitaus  grössten  Teil  seines  Lebens  in  seinem  Heimatland  verbracht,  handle  es  sich  um  ein  geringfügiges  Versehen,  das  zu  keiner  anderen  Beurteilung  zu  führen  vermöge.  Namentlich  sehe  sich  der  Beschwerdeführer  selber  als  aus  Dohuk  stammend  an,  habe  er  doch  in  seiner  Stellungnahme  vom  28. Oktober  2007  zum  rechtlichen Gehör  hinsichtlich  der  Aufhebung  der  vorläufigen  Aufnahme mit keinem Wort auf den Aufenthalt  im  Iran hingewiesen. Die  Dauer  des  angeblichen  Aufenthalts  im  Iran  stehe  zudem  nicht  mit  Sicherheit  fest, werde  doch  selbst  in  der Beschwerde erwähnt,  er  habe  die  Schule  im  Irak  abgeschlossen  (S.  5),  was  kaum  möglich  gewesen  wäre,  wenn  er  erst  im  Jahr  2000  in  den  Irak  zurückgekehrt  wäre. 

D­220/2008 Zusammenfassend  stehe  fest,  dass  das  BFM  den  Vollzug  der  Wegweisung angesichts seiner Herkunft aus Dohuk, seiner Verwurzelung  in  dieser  Region,  des  heimatlichen  Beziehungsnetzes  und  seiner  gesammelten  beruflichen  Erfahrung  in  der  Schweiz  nach  wie  vor  als  zumutbar beurteile.  O.  Mit  Instruktionsverfügung  vom  7.  Februar  2011  wurde  dem  Beschwerdeführer eine Kopie der vorinstanzlichen Vernehmlassung unter  Fristansetzung  zur  Replik  zugestellt.  Auf  die  –  nach  Gewährung  von  Akteneinsicht  und  Fristverlängerung  –  eingereichte  Stellungnahme  vom  1.  März  2011  wird,  soweit  entscheidwesentlich,  in  den  Erwägungen  eingegangen.  Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1.  1.1. Gemäss Art. 31 des Verwaltungsgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005  (VGG, SR 173.32) beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Beschwerden  gegen Verfügungen nach Art. 5 des Bundesgesetzes vom 20. Dezember  1968  über  das  Verwaltungsverfahren  (VwVG,  SR  172.021).  Das  BFM  gehört zu den Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz  des  Bundesverwaltungsgerichts.  Eine  das  Sachgebiet  betreffende  Ausnahme  im  Sinne  von  Art.  32  VGG  liegt  nicht  vor.  Das  Bundesverwaltungsgericht  ist  daher  zuständig  für  die  Beurteilung  der  vorliegenden  Beschwerde  und  entscheidet  betreffend  die  vorläufige  Aufnahme  endgültig  (Art.  112  AuG;  Art.  83  Bst.  c  Ziff.  3  des  Bundesgerichtsgesetzes vom 17 Juni 2005 [BGG, SR 173.110]). 1.2.  Die  Beschwerde  ist  frist­  und  formgerecht  eingereicht.  Der  Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist  durch  die  angefochtene  Verfügung  besonders  berührt  und  hat  ein  schutzwürdiges  Interesse  an  deren  Aufhebung  beziehungsweise  Änderung. Er  ist  daher  zur Einreichung der Beschwerde  legitimiert  (Art.  37 VGG i.V.m. Art. 48 Abs. 1, Art. 50 VwVG und Art. 52 VwVG). Auf die  Beschwerde ist einzutreten.

D­220/2008 1.3. Mit Beschwerde kann die Verletzung von Bundesrecht, die unrichtige  oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts und  die Unangemessenheit gerügt werden (Art. 49 VwVG). 2.  2.1. Das BFM führte zur Begründung in seinem Entscheid unter anderem  aus,  der  Beschwerdeführer  sei  im  Alter  von  20  Jahren  in  die  Schweiz  eingereist  und  habe  somit  den weitaus  grössten  Teil  seines  Lebens  im  Heimatland verbracht und sei demnach mit Sprache Kultur, Lebens– und  Arbeitsweise  bestens  vertraut.  In  der  Beschwerde  wird  in  diesem  Zusammenhang  eingewendet,  der  Beschwerdeführer  habe  sich  nicht  einmal drei Jahre seines Lebens im Irak aufgehalten, da er seine Kindheit  im  Iran  verbracht  habe.  Eine  derartige  aktenwidrige  und  pauschale  Einschätzung der Vorinstanz weise doch sehr stark darauf hin, dass die  persönliche  Situation  des  Beschwerdeführers  nicht  hinreichend  oder  falsch  gewürdigt  worden  sei.  Damit  sei  der  Sachverhalt  nicht  richtig  erstellt worden, weshalb die angefochtene Verfügung aufzuheben und zur  Erstellung des korrekten Sachverhalts an die Vorinstanz zurückzuweisen  sei. 2.2.  Die  von  der  Rechtsvertreterin  des  Beschwerdeführers  erhobene  Rüge der  unrichtigen Feststellung des Sachverhalts, worin  letztlich  eine  Verletzung  des  rechtlichen  Gehörs  zu  erblicken  ist,  erweist  sich  als  zutreffend.  2.2.1.  Der  Anspruch  auf  rechtliches  Gehör  ist  formeller  Natur.  Eine  Verletzung  des  rechtlichen  Gehörs  führt  deshalb  grundsätzlich  ­  das  heisst  ungeachtet  der  materiellen  Auswirkungen  ­  zur  Aufhebung  des  daraufhin ergangenen Entscheides (vgl. BVGE 2008/47 E. 3.3.4 S. 676 f.,  BVGE  2008/14  E.  4.1  S.  185,  BVGE  2007/30  E.  8.2  S.  371  m.w.H.,  BVGE 2007/27 E. 10.1 S. 332). Die Heilung von Gehörsverletzungen  ist  aus prozessökonomischen Gründen auf Beschwerdeebene nur möglich,  sofern  das  Versäumte  nachgeholt  wird,  der  Beschwerdeführer  dazu  Stellung nehmen kann und der Beschwerdeinstanz  im streitigen Fall die  freie  Überprüfungsbefugnis  in  Bezug  auf  Tatbestand  und  Rechtsanwendung  zukommt,  sowie  die  festgestellte  Verletzung  nicht  schwerwiegender  Natur  ist  und  die  fehlende  Entscheidreife  durch  die  Beschwerdeinstanz  mit  vertretbarem  Aufwand  hergestellt  werden  kann  (vgl. BVGE 2008/47 E. 3.3.4 S. 676 f.).

D­220/2008 2.2.2.  Im  vorliegenden  Fall  hat  die  Vorinstanz  im  Rahmen  ihrer  Vernehmlassung  vom  3.  Februar  2011  die  Begründung  der  angefochtenen  Verfügung  insoweit  korrigiert  und  ergänzt,  als  sie  ausführte,  beim  Begründungselement  (der  Beschwerdeführer  habe  den  weitaus grössten Teil seines Lebens im Heimatland verbracht), handle es  sich um ein geringfügiges Versehen, das zu keiner anderen Beurteilung  zu  führen vermöge. Abschliessend und zusammenfassend wurde  in der  Vernehmlassung  sodann  festgehalten,  dass  das  BFM  den  Vollzug  der  Wegweisung angesichts der Herkunft des Beschwerdeführers aus Dohuk,  seiner  Verwurzelung  in  dieser  Region,  des  heimatlichen  Beziehungsnetzes und seiner gesammelten Erfahrungen  in der Schweiz  nach  wie  vor  als  zumutbar  beurteile.  Angesichts  dieser  Korrektur  respektive  Ergänzung,  der  dem  Beschwerdeführer  dazu  eingeräumten  Gelegenheit  zur  Stellungnahme,  von  welcher  er  mit  Eingabe  seiner  Rechtsvertreterin  vom  1.  März  2011  Gebrauch  gemacht  hat,  und  unter  Berücksichtigung der vollen Kognition des Gerichts hinsichtlich der Frage  der Zumutbarkeit  eines allfälligen Wegweisungsvollzugs  kann daher der  festgestellte  Verfahrensmangel  als  geheilt  erachtet  werden,  zumal  der  rechtserhebliche  Sachverhalt  erstellt  und  somit  die  notwendige  Entscheidreife gegeben ist. 2.2.3. Nach  dem Gesagten  besteht  keine  Veranlassung,  die  Verfügung  des  BFM  vom  12.  Dezember  2007  aus  formellen Gründen  aufzuheben  und die Sache zur Neubeurteilung an die Vorinstanz zurückzuweisen.  3.  3.1.  Am  1.  Januar  2008  trat  das  AuG  in  Kraft;  gleichzeitig  wurde  das  Bundesgesetz vom 26. März 1931 über Aufenthalt und Niederlassung der  Ausländer  (ANAG,  BS  1  121)  aufgehoben.  Gemäss  der  Übergangsbestimmung  von Art. 126a Abs. 4  AuG  gilt  –  unter  Vorbehalt  der Absätze  5  bis  7  –  für Personen,  die  im Zeitpunkt  des  Inkrafttretens  der am 16. Dezember 2005 beschlossenen Änderung des Asylgesetzes  sowie  des  AuG  vorläufig  aufgenommen  sind,  neues  Recht.  Der  Beschwerdeführer  wurde  letztmals  vom  BFM  mit  Verfügung  vom  17.  Januar  2006  gestützt  auf  Art.  44  AsylG  i.V.m.  Art. 14a  Abs. 4 ANAG  vorläufig  aufgenommen.  Aufgrund  der  übergangsrechtlichen  Regelung  gemäss Art. 126a Abs. 4 AuG  ist  im vorliegenden Beschwerdeverfahren  daher das AuG anwendbar. 3.2. Das BFM hebt die vorläufige Aufnahme auf und ordnet den Vollzug  der Weg­  oder  Ausweisung  an,  wenn  die  Voraussetzungen  nicht  mehr 

D­220/2008 gegeben  sind  (Art.  84  Abs.  2  AuG).  Die  Voraussetzungen  für  die  vorläufige  Aufnahme  sind  nicht  mehr  gegeben,  wenn  der  Vollzug  der  rechtskräftig  angeordneten  Wegweisung  zulässig  (Art.  83  Abs.  3  AuG)  und es der ausländischen Person zumutbar und möglich ist (Art. 83 Abs.  2 und 4 AuG),  sich  rechtmässig  in  ihren Heimat­,  in den Herkunftsstaat  oder in einen Drittstaat zu begeben. 3.3.  Bezüglich  der  Geltendmachung  von  Wegweisungsvollzugshindernissen  gilt  der  gleiche  Beweisstandard,  wie  bei  der  Flüchtlingseigenschaft,  das  heisst,  sie  sind  zu  beweisen,  wenn  der  strikte  Beweis möglich  ist,  und  andernfalls  wenigstens  glaubhaft  zu  machen  (vgl.  dazu  WALTER  STÖCKLI,  Asyl,  in:  Uebersax/Rudin/  Hugi  Yar/Geiser, Ausländerrecht, 2. Aufl., Basel 2009, Rz. 11.148). 4.  4.1.  Die  drei  Bedingungen  für  einen  Verzicht  auf  den  Vollzug  der  Wegweisung  (Unzulässigkeit,  Unzumutbarkeit,  Unmöglichkeit)  sind  alternativer  Natur:  Sobald  eine  von  ihnen  erfüllt  ist,  ist  der  Vollzug  der  Wegweisung  als  undurchführbar  zu  betrachten  und  die  weitere  Anwesenheit  in  der  Schweiz  gemäss  den  Bestimmungen  über  die  vorläufige Aufnahme zu regeln (vgl. EMARK 2006 Nr. 6, Erw. 4.2., S. 54  f.;  2001  Nr.  1,  Erw.  6a,  S.  2).  Gegen  eine  allfällige  Aufhebung  der  vorläufigen  Aufnahme  durch  das  BFM  steht  dem  weggewiesenen  Asylsuchenden  wiederum  die  Beschwerde  an  das  Bundesverwaltungsgericht offen (vgl. Art. 105 AsylG i.V.m. Art. 44 Abs. 2  AsylG).  In  diesem  Verfahren  wäre  dann  der  Wegweisungsvollzug  vor  dem Hintergrund sämtlicher Vollzugshindernisse von Amtes wegen nach  Massgabe  der  in  diesem  Zeitpunkt  herrschenden  Verhältnisse  (vgl.  EMARK 1997 Nr. 27, S. 205 ff.) zu prüfen. 4.2. Gemäss Art. 83 Abs. 4 AuG kann der Vollzug für Ausländerinnen und  Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat­ oder Herkunftsstaat auf  Grund  von  Situationen  wie  Krieg,  Bürgerkrieg,  allgemeiner  Gewalt  und  medizinischer  Notlage  konkret  gefährdet  sind.  Wird  eine  konkrete  Gefährdung  festgestellt,  ist  –  unter  Vorbehalt  von  Art. 83  Abs. 7  AuG –  die vorläufige Aufnahme zu gewähren (vgl. Botschaft zum Bundesgesetz  über  die  Ausländerinnen  und  Ausländer  vom  8. März  2002,  BBl  2002  3818). Das Bundesverwaltungsgericht ist im Grundsatzurteil vom 14. März 2008  (BVGE 2008/5) aufgrund einer umfassenden Beurteilung der Situation in 

D­220/2008 den nordirakischen Provinzen Dohuk, Suleymaniya und Erbil – entgegen  der  in  der  Beschwerde  vertretenen  Auffassung  –  zum  Schluss  gekommen,  dass  dort  keine  Situation  allgemeiner  Gewalt  herrscht  und  die  politische  Lage  nicht  dermassen  angespannt  ist,  dass  eine  Rückführung  in  diese  Provinzen  generell  als  unzumutbar  betrachtet  werden müsste.  Zudem  ist  die Region mit Direktflügen aus Europa und  aus  den  Nachbarstaaten  erreichbar.  Damit  entfällt  das  Element  der  unzumutbaren  Rückreise  via  Bagdad  und  anschliessend  auf  dem  Landweg durch den von Gewalt heimgesuchten Zentralirak. Zusammenfassend wurde im erwähnten Entscheid festgehalten, dass die  Anordnung  des  Wegweisungsvollzugs  für  alleinstehende,  gesunde  und  junge  kurdische  Männer,  die  ursprünglich  aus  den  Provinzen  Dohuk,  Suleymaniya oder Erbil stammen und dort nach wie vor über ein soziales  Netz  oder  Parteibeziehungen  verfügen,  in  der  Regel  zumutbar  ist.  Für  alleinstehende Frauen und für Familien mit Kindern sowie für Kranke und  Betagte  ist  dagegen  bei  der  Feststellung  der  Zumutbarkeit  des  Wegweisungsvollzugs  grosse  Zurückhaltung  angebracht  (a.a.O.  E.  7.5  und insbesondere E. 7.5.8). 4.3. An diesen Voraussetzungen dürfte es vorliegendenfalls mangeln. Der  Beschwerdeführer  verbrachte  den  Hauptteil  seines  Lebens  (Geburt  bis  Rückkehr in den Nordirak im Frühling 2000) zusammen mit seiner Familie  als Flüchtling  im Iran. Gemäss eigenen Angaben verbrachte er die erste  Zeit  im  Irak  in  einem  Zeltlager  als  rückkehrender  Flüchtling  und  hatte  danach  seinen  letzten  Wohnsitz  von  Ende  2000  bis  zur  Ausreise  im  Dezember  2002  in  D._______,  Dohuk.  Dieser  Sachverhaltsumstand  ist  unbestritten.  Aus  dem  insgesamt  bloss  etwas  mehr  als  zwei  Jahre  dauernden Aufenthalt des Beschwerdeführers  im Norden des Iraks kann  – wie in der Replik vom 1. März 2011 nachvollziehbar festgehalten – die  Frage  einer  Abstammung  oder  Herkunft  aus  Dohuk  im  Sinne  der  Rechtsprechung  durchaus  in  Frage  gestellt  werden,  womit  eine  massgebende  Voraussetzung  für  die  Bejahung  der  Zumutbarkeit  des  Wegweisungsvollzugs  nicht  gegeben  wäre.  Die  in  diesem  Zusammenhang  in der Vernehmlassung des BFM vom 3. Februar 2011  (vgl.  Bst.  N  hiervor)  angebrachte  Korrektur  sowie  die  von  ihm  weiter  ausgeführte  Begründung  entbehren  der  Grundlage  und  finden  in  den  Akten schlichtweg keine Stütze  (A 1 S. 1, 2 und 5; A 7 S. 7; Verfügung  des BFM vom 13. September 200 S. 2; Urteil der ARK vom 21. November  2006  S.  2).  Der  Beschwerdeführer  führte  in  seiner  Stellungnahme  im  Rahmen  des  rechtlichen  Gehörs  am  28.  Oktober  2007  zwar  aus,  über 

D­220/2008 Familienangehörige in Dohuk zu verfügen, die selber keine Arbeit hätten  und  sich  kaum  über  Wasser  halten  könnten.  Eine  Existenz  in  Dohuk  aufzubauen  sei  für  ihn  daher  nicht  möglich.  Hinsichtlich  des  familiären  Netzes  wird  in  der  Replik  vom  1. März  2011,  mithin  knapp  dreieinhalb  Jahre später, ausgeführt, der Beschwerdeführer  verfüge weder über ein  familiäres  Netz  noch  über  andere  Beziehungen  im  Irak.  Er  habe  vor  längere Zeit erfahren, dass einige Verwandte zwischenzeitlich erneut den  Versuch  unternommen  hätten,  im  Irak  Fuss  zu  fassen,  diesen  aber  aufgrund der wirtschaftlichen Situation wieder verlassen hätten. Sie seien  in der Folge ohne festen Wohnsitz geblieben. Deren Aufenthaltsort wisse  er  nicht,  da  der  Kontakt  zu  ihnen  seit  geraumer  Zeit  abgebrochen  sei.  Zugunsten des Beschwerdeführers ist davon auszugehen, dass er die in  der Stellungnahme vom 28. Oktober 2007 bezeichneten Personen damit  gemeint haben dürfte. Ebenfalls darf angenommen werden, dass –  falls  überhaupt  –  bloss  noch  wenige  bis  keine  Familienmitglieder  des  Beschwerdeführers in Dohuk leben und diese, als ehemalige Flüchtlinge,  grosse Schwierigkeiten bei einer Wiedereingliederung im Irak gewärtigen.  Mithin hat er glaubhaft dargetan, dass er  in seinem Heimatland auf kein  soziales Netz im Sinne der Rechtsprechung zurückgreifen kann, das ihm  bei einer Reintegration unterstützend zur Seite stehen würde. Nach dem  Gesagten  sind  für  das  Bundesverwaltungsgericht  massgebende  und  entscheidende Gründe gegeben, welche einen Vollzug der Wegweisung  des Beschwerdeführers  in den Nordirak unter dem Zumutbarkeitsaspekt  nicht als gerechtfertigt erscheinen lassen. Soweit  der  Beschwerdeführer  geltend  macht,  er  habe  sich  während  seiner  gut  achtjährigen  Anwesenheit  in  der  Schweiz  nicht  nur  hervorragend  integriert,  sondern  sei  hier  regelrecht  verwurzelt,  ist  bei  dieser Sachlage darauf nicht einzugehen. 4.4.  In  Würdigung  der  besonderen  Umstände  des  vorliegenden  Falls  erachtet das Bundesverwaltungsgericht den Vollzug der Wegweisung des  Beschwerdeführers  insgesamt  als  nicht  zumutbar  im  Sinne  von  Art.  83  Abs.  4  AuG.  Den  Akten  können  auch  keine  Hinweise  auf  Ausschlussgründe im Sinne von Art. 83 Abs. 7 AuG entnommen werden. 4.5.  Zusammenfassend  ist  festzuhalten,  dass  das  BFM  zu  Unrecht  festgestellt  hat,  der  Vollzug  der  Wegweisung  sei  zumutbar.  Die  Beschwerde  ist  daher  gutzuheissen  und  die  Verfügung  der  Vorinstanz  vom  12.  Dezember  2007  aufzuheben.  Der  Beschwerdeführer  bleibt  demnach weiterhin vorläufig aufgenommen.

D­220/2008 5.  5.1. Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Kosten aufzuerlegen  (Art. 16 Abs. 1 Bst. a VGG i.V.m. Art. 63 Abs. 1 VwVG). 5.2.  Dem  Beschwerdeführer  ist  angesichts  des  Obsiegens  im  Beschwerdeverfahren in Anwendung von Art. 64 Abs. 1 VwVG i.V.m. Art.  37  VGG  für  die  Kosten  der  Vertretung  und  allfälligen  weiteren  not­ wendigen  Auslagen  eine  Parteientschädigung  zuzusprechen  (vgl.  auch  Art.  7  des  Reglements  über  die  Kosten  und  Entschädigungen  vor  dem  Bundesverwaltungsgericht  vom  21.  Februar  2008  [VGKE,  SR  173.320.2]).  Die  Rechtsvertreterin  des  Beschwerdeführers  reichte  keine  Kostennote  ein.  Auf  die  Nachreichung  einer  solchen  kann  vorliegend  verzichtet  werden.  Der  notwendige  Vertretungsaufwand  lässt  sich  aufgrund  der  Aktenlage  und  in  Anlehnung  an  ähnlich  gelagerte  Fälle  zuverlässig abschätzen (Art. 14 Abs. 2 VGKE). Die Parteientschädigung  ist unter Berücksichtigung der massgebenden Berechnungsfaktoren von  Amtes wegen auf Fr. 1000.–  festzusetzen. Das BFM  ist  zu verpflichten,  dem  Beschwerdeführer  diesen  Betrag  als  Parteientschädigung  zu  entrichten.  (Dispositiv nächste Seite)

D­220/2008 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1.  Die Beschwerde wird gutgeheissen. 2.  Die Verfügung des BFM vom 12. Dezember 2007 wird aufgehoben. 3.  Der Beschwerdeführer bleibt vorläufig aufgenommen.  4.  Es werden keine Verfahrenskosten erhoben. 5.  Das  BFM  wird  angewiesen,  dem  Beschwerdeführer  eine  Parteientschädigung von Fr. 1000.– zu entrichten. 6.  Dieses  Urteil  geht  an  den  Beschwerdeführer,  das  BFM  und  die  zuständige kantonale Behörde. Die vorsitzende Richterin: Der Gerichtsschreiber: Contessina Theis Alfred Weber Versand:

D-220/2008 — Bundesverwaltungsgericht 01.09.2011 D-220/2008 — Swissrulings