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Bundesverwaltungsgericht 20.01.2012 D-218/2012

20. Januar 2012·Deutsch·CH·CH_BVGE·PDF·770 Wörter·~4 min·1

Zusammenfassung

Asylgesuch aus dem Ausland und Einreisebewilligung | Asylgesuch aus dem Ausland und Einreisebewilligung; Verfügung des BFM vom 14. November 2011

Volltext

Bundesve rwa l t ungsge r i ch t T r i buna l   adm in istratif   f édé ra l T r i buna l e   ammin istrati vo   f ede ra l e T r i buna l   adm in istrativ   f ede ra l     Abteilung IV D­218/2012 Urteil   v om   2 0 .   J a nua r   2012 Besetzung Einzelrichter Robert Galliker, mit Zustimmung von Richterin Nina Spälti Giannakitsas; Gerichtsschreiberin Viktoria Szczepinski. Parteien A._______, geboren (…),  deren Ehemann B._______, geboren (…),  sowie deren Kinder C._______, geboren (…), und D._______, geboren (…),  Tschechische Republik, c/o schweizerische Vertretung in Dublin, Irland, Beschwerdeführende,  gegen Bundesamt für Migration (BFM), Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz.  Gegenstand Asylgesuch aus dem Ausland und Einreisebewilligung; Verfügung des BFM vom 14. November 2011 / N (…).

D­218/2012 Sachverhalt: A.  Mit  in  englischer Sprache  abgefasster E­Mail  vom 17. Oktober  2011  an  die  Schweizer  Vertretung  in  Dublin  (Eingangsstempel  vom  18. Oktober  2011)  ersuchten  die  Beschwerdeführenden  –  tschechische  Staatsangehörige  mit  Wohnsitz  in  E._______,  Irland  –  um  Gewährung  von  Asyl.  Zur  Begründung  des Gesuchs  führten  sie  aus,  sie  seien  seit  dem 25. September 2008 in E._______ wohnhaft. Im Frühling 2010 seien  sie  Opfer  eines  Verbrechens  geworden.  Sie  hätten  von  den  irischen  Behörden  keine Hilfe  erhalten  und  seien  psychologischem Terror  sowie  Rassendiskriminierungen  ausgesetzt.  Da  die  wirtschaftliche  Situation  in  Irland  schlecht  sei,  würden  sie  von  der  irischen  Bevölkerung  unmenschliche  Behandlung  erleben.  Es  sei  ihnen  unmöglich,  nach  Tschechien  zurückzukehren,  da  sie  dort  über  keine  nahe  Familienangehörige oder andere Kontakte mehr verfügen würden. B.  Mit Schreiben vom 19. Oktober 2011 (Eingang BFM: 1. November 2011)  übermittelte  die  Botschaft  die  Akten  zuständigkeitshalber  an  das  BFM.  Sie  merkte  an,  sie  habe  aufgrund  einer  Internetrecherche  einen  Gerichtsentscheid  gefunden,  wonach  das  Ehepaar  (Beschwerdeführende) seit längerer Zeit ihren Mietzins nicht bezahlt habe  und deshalb innerhalb von sieben Tagen ihre Wohnung verlassen müsse.  Sie gehe davon aus, dass das Asylgesuch so hinreichend begründet sei,  und es dem BFM als Grundlage für die Entscheidfällung genüge. C.  Mit  durch  die  Schweizer  Vertretung  an  die  Beschwerdeführenden  am  23. November  2011  persönlich  ausgehändigter  Verfügung  vom  14. November 2011 verweigerte das BFM den Beschwerdeführenden die  Einreise  in  die  Schweiz  und  lehnte  deren  Asylgesuche  ab.  Zur  Begründung führte es aus, gemäss Art. 52 Abs. 2 des Asylgesetzes vom  26. Juni  1998  (AsylG,  SR  142.31)  könne  das  Asylgesuch  einer  sich  im  Ausland  befindlichen Person  abgelehnt werden, wenn  es  ihr  zugemutet  werden könne, sich  in einem anderen Staat um Aufnahme zu bemühen.  Da  die  Beschwerdeführenden  keine  besonders  nahen  Beziehungen  im  Sinne von Art. 51 AsylG zur Schweiz hätten, sei es  ihnen zuzumuten,  in  einem anderen Land, wo sie sich zurzeit gefahrlos aufhalten könnten, um  Asylgewährung nachzusuchen.

D­218/2012 D.  Mit  –  an  das  BFM  adressierter  und  am  22. Dezember  2011  bei  der  Botschaft  eingegangener  –  Eingabe  vom  20. Dezember  2011  beantragten die Beschwerdeführenden  in  ihrer "Appellation" sinngemäss  die  Überprüfung  der  vorinstanzlichen  Verfügung  und  stellten  einige  Beweismittel in Aussicht. E.  Die schweizerische Vertretung  leitete das Schreiben vom 20. Dezember  2011 am 9. Januar 2012 an das BFM weiter. Die Vorinstanz übermittelte  dieses zuständigkeitshalber an das Bundesverwaltungsgericht, wo es am  13. Januar 2012 eintraf. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1.  1.1. Gemäss Art. 31 des Verwaltungsgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005  (VGG, SR 173.32) beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Beschwerden  gegen Verfügungen nach Art. 5 des Bundesgesetzes vom 20. Dezember  1968  über  das  Verwaltungsverfahren  (VwVG,  SR 172.021).  Das  BFM  gehört zu den Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz  des  Bundesverwaltungsgerichts.  Eine  das  Sachgebiet  betreffende  Ausnahme  im  Sinne  von  Art. 32  VGG  liegt  nicht  vor.  Das  Bundesverwaltungsgericht  ist  daher  zuständig  für  die  Beurteilung  der  vorliegenden  Beschwerde  und  entscheidet  auf  dem  Gebiet  des  Asyls  endgültig,  ausser  bei  Vorliegen  eines  Auslieferungsersuchens  des  Staates,  vor  welchem  die  beschwerdeführende  Person  Schutz  sucht  (Art. 105  AsylG;  Art. 83  Bst. d  Ziff. 1  des  Bundesgerichtsgesetzes  vom  17. Juni  2005  [BGG,  SR 173.110]).  Die  Frage  eines  Auslieferungsgesuches  stellt  sich  vorliegend  nicht,  weshalb  das  Bundesverwaltungsgericht endgültig entscheidet. 1.2. Das  Verfahren  richtet  sich  nach  dem  VwVG,  dem  VGG  und  dem  BGG, soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6  AsylG). 1.3. Die Beschwerdeführenden  haben  am Verfahren  vor  der  Vorinstanz  teilgenommen, sind durch die angefochtene Verfügung besonders berührt  und  haben  ein  schutzwürdiges  Interesse  an  deren  Aufhebung  beziehungsweise  Änderung;  sie  sind  daher  zur  Einreichung  der 

D­218/2012 Beschwerde  legitimiert.  Da  es  sich  bei  der  vorliegenden  Eingabe  vom  20. Dezember  2011  um  eine  Laienbeschwerde  handelt,  an  die  keine  hohen  formellen  Anforderungen  zu  stellen  sind,  ist  zu  Gunsten  der  Beschwerdeführenden auf die insoweit frist­ und formgerecht eingereichte  Beschwerde  einzutreten  (Art. 105  und  Art. 108  Abs. 1  AsylG,  Art. 48  Abs. 1 sowie Art. 52 VwVG). 2.  Mit  Beschwerde  kann  die  Verletzung  von  Bundesrecht,  die  unrichtige  oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts und  die Unangemessenheit gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG). 3.  3.1.  Über  offensichtlich  begründete  Beschwerden  wird  in  einzelrichterlicher  Zuständigkeit  mit  Zustimmung  eines  zweiten  Richters  beziehungsweise  einer  zweiten  Richterin  entschieden  (Art. 111  Bst. e  AsylG). Wie nachfolgend aufgezeigt, handelt es sich vorliegend um eine  solche, weshalb der Beschwerdeentscheid nur summarisch zu begründen  ist (Art. 111a Abs. 2 AsylG). 3.2.  Gestützt  auf  Art. 111a  Abs. 1  AsylG  wurde  vorliegend  auf  die  Durchführung eines Schriftenwechsels verzichtet. 4.  4.1.  Ein  Asylgesuch  kann  gemäss  Art. 19  AsylG  im  Ausland  bei  einer  schweizerischen Vertretung gestellt werden, die es mit einem Bericht an  das  Bundesamt  überweist  (Art. 20  Abs. 1  AsylG).  Hinsichtlich  des  Verfahrens bei  der  schweizerischen Vertretung  im Ausland  sieht Art. 10  der  Asylverordnung 1  vom  11. August  1999  über  Verfahrensfragen  (AsylV 1, SR 142.311) vor, dass diese mit der asylsuchenden Person  in  der  Regel  eine  Befragung  durchführt  (Art. 10  Abs. 1  AsylV 1).  Ist  dies  nicht  möglich,  so  wird  die  asylsuchende  Person  aufgefordert,  ihre  Asylgründe schriftlich festzuhalten (Art. 10 Abs. 2 AsylV 1). Das Bundesverwaltungsgericht hat in Auslegung dieser Bestimmungen in  BVGE 2007/30 erkannt, dass sich die Unmöglichkeit einer Befragung aus  organisatorischen  oder  kapazitätsmässigen  Gründen  bei  der  jeweiligen  Vertretung,  aus  faktischen Hindernissen  im betreffenden Land oder  aus  bei der asylsuchenden Person liegenden persönlichen Gründen ergeben  kann  (vgl.  BVGE  a.a.O.  E. 5.2  und  5.3).  Da  die  Anhörung  der  Sachverhaltserstellung  sowie  der  Gewährung  des  rechtlichen  Gehörs 

D­218/2012 dient  (BVGE a.a.O. E. 5.5),  ist  die  asylsuchende Person bei  gegebener  Unmöglichkeit einer Anhörung unter Hinweis auf ihre Mitwirkungspflicht in  einem individualisierten Schreiben mittels konkreter Fragen aufzufordern,  ihre  Asylgründe  schriftlich  festzuhalten;  ein  standardisiertes  Schreiben  vermag  diesen  Anforderungen  in  aller  Regel  nicht  zu  genügen  (BVGE  a.a.O. E. 5.4). Allerdings kann sich eine Befragung beziehungsweise eine  schriftliche  Sachverhaltsabklärung  erübrigen,  wenn  der  Sachverhalt  bereits aufgrund des eingereichten Asylgesuchs als entscheidreif erstellt  erscheint; der asylsuchenden Person ist aber diesfalls immerhin im Sinne  des  rechtlichen  Gehörs  die  Gelegenheit  zu  geben,  sich  zu  einem  abzusehenden  negativen  Entscheid  zumindest  schriftlich  zu  äussern  (BVGE a.a.O. E. 5.7). Sodann ist das Bundesamt in jedem Fall gehalten,  den  Verzicht  auf  eine  Befragung  in  der  anfechtbaren  Verfügung  zu  begründen (BVGE a.a.O. E. 5.6 sowie 5.7). 4.2.  Vorliegend  wurden  durch  die  schweizerische  Vertretung  in  Dublin  keine mündlichen Befragungen  der  Beschwerdeführenden  durchgeführt,  obwohl davon auszugehen  ist, dass diese möglich gewesen wären. Das  Gegenteil  ist  jedenfalls  aus  den  Akten  nicht  ersichtlich.  Diese  Unterlassung  wurde  im  angefochtenen  Entscheid  weder  erwähnt  noch  begründet.  Durch  den  Erlass  der  Verfügung  vom  14. November  2011  geht  das  BFM  somit  implizit  davon  aus,  dass  der  Sachverhalt  als  rechtsgenüglich erstellt erachtet werden könne. 4.3.  In casu erscheint  fraglich, ob der Sachverhalt aufgrund einer E­Mail  der Beschwerdeführerin und einer vom BFM getätigten Internetrecherche,  ohne die Beschwerdeführenden mit dem Ergebnis derselben konfrontiert  zu  haben,  bereits  als  erstellt  erachtet  werden  kann.  Selbst  wenn  die  Auffassung  des  BFM  zutreffend  wäre  –  dies  kann  erst  nach  der  Gewährung des rechtlichen Gehörs zuverlässig beurteilt werden –, hätte  das  BFM  den  Beschwerdeführenden  unter  den  gegebenen  Umständen  gemäss Rechtsprechung des Bundesverwaltungsgerichts vor dem Erlass  des Entscheides das rechtliche Gehör gewähren müssen (vgl. vorstehend  E. 4.1),  was  indessen  unterlassen  wurde.  Dessen  ungeachtet  wäre  die  Vorinstanz  gehalten  gewesen,  das  Abweichen  von  der  Regel,  eine  Befragung  durchzuführen,  in  der  Verfügung  zu  begründen,  damit  eine  sachgerechte Anfechtung derselben möglich gewesen wäre. 4.4. Nach dem Gesagten ergibt sich, dass die Vorinstanz ihre behördliche  Untersuchungs­  und  Begründungspflicht  verletzte  sowie  den  Beschwerdeführenden  zu  Unrecht  das  gemäss  Rechtsprechung 

D­218/2012 zwingend  zu  gewährende  rechtliche  Gehör  nicht  einräumte.  Diese  Mängel sind auf Beschwerdeebene nicht zu heilen, zumal es nicht Sinn  und  Zweck  des  Beschwerdeverfahrens  vor  dem  Bundesverwaltungsgericht  ist,  die  von  der  Vorinstanz  unterlassene  Handlungen nachzuholen. 4.5.  Vor  diesem  Hintergrund  kann  letztlich  offen  gelassen  werden,  ob  allein  das  per  E­Mail  gestellte  Asylgesuch  den  Voraussetzungen  von  Art. 18 AsylG zu genügen vermag. 5.  Nach  dem  Gesagten  ist  die  Beschwerde  im  Sinne  der  Erwägungen  gutzuheissen,  die  vorinstanzliche  Verfügung  vom  14. November  2011  aufzuheben  und  die Vorinstanz  anzuweisen,  den Beschwerdeführenden  das  rechtliche  Gehör  zu  gewähren,  den  rechtserheblichen  Sachverhalt  ergänzend vollständig festzustellen und in der Sache neu zu entscheiden. 6.  6.1. Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Kosten aufzuerlegen  (Art. 63 Abs. 1 und 2 VwVG). 6.2. Obsiegende Parteien haben Anspruch auf eine Parteientschädigung  für  die  ihnen  erwachsenen  notwendigen  Kosten  (Art. 64  Abs. 1  VwVG;  Art. 7  ff.  des  Reglements  vom  21. Februar  2008  über  die  Kosten  und  Entschädigungen  vor  dem  Bundesverwaltungsgericht  [VGKE,  SR 173.320.2]).  Da  die  Beschwerdeführenden  im  Beschwerdeverfahren  nicht  anwaltlich  vertreten  wurden,  ist  nicht  davon  auszugehen,  ihnen  seien durch die Beschwerdeführung Kosten erwachsen. Daher  ist  ihnen  keine Parteientschädigung zuzusprechen. (Dispositiv nächste Seite)

D­218/2012 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1.  Die Beschwerde wird im Sinne der Erwägungen gutgeheissen. 2.  Die Verfügung vom 14. November 2011 wird aufgehoben und die Sache  zur Neubeurteilung an das BFM zurückgewiesen. 3.  Es werden keine Verfahrenskosten erhoben. 4.  Es wird keine Parteientschädigung entrichtet. 5.  Dieses  Urteil  geht  an  die  Beschwerdeführenden,  das  BFM  und  die  Schweizerische Vertretung in Dublin. Der Einzelrichter: Die Gerichtsschreiberin: Robert Galliker Viktoria Szczepinski Versand:

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