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Bundesverwaltungsgericht 16.08.2011 D-1931/2011

16. August 2011·Deutsch·CH·CH_BVGE·PDF·1,808 Wörter·~9 min·1

Zusammenfassung

Asyl und Wegweisung | Asyl und Wegweisung; Verfügung des BFM vom 28. Februar 2011

Volltext

Bundesve rwa l t ungsge r i ch t T r i buna l   adm in istratif   f édé ra l T r i buna l e   ammin istrati vo   f ede ra l e T r i buna l   adm in istrativ   f ede ra l Abteilung IV D­1931/2011 Urteil   v om   1 6 .   Augus t   2011 Besetzung Einzelrichter Fulvio Haefeli, mit Zustimmung von Richterin Christa Luterbacher; Gerichtsschreiber Gert Winter. Parteien A._______, geboren (…), Pakistan, vertreten durch lic. iur. Werner Greiner, Rechtsanwalt,  (…), Beschwerdeführer,  gegen Bundesamt für Migration (BFM), Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Asyl und Wegweisung; Verfügung des BFM vom 28. Februar 2011 / N .

D­1931/2011 Sachverhalt: A.  Eigenen  Angaben  zufolge  verliess  der  Beschwerdeführer  seinen  Heimatstaat im Jahre 2007 auf dem Landweg und gelangte – nach einem  längeren  Aufenthalt  im  Iran  –  am  15.  Januar  2009  via  Italien  und  unkontrolliert in die Schweiz, wo er noch gleichentags im Empfangs­ und  Verfahrenszentrum  (EVZ)  M._______  ein  Asylgesuch  stellte.  Anlässlich  der  Befragung  vom  19.  Januar  2009  zur  Person  (BzP)  im  EVZ  M._______ sowie anlässlich der direkten Anhörung vom 27. Januar 2009  durch  das  BFM  machte  der  Beschwerdeführer  zur  Begründung  seines  Asylgesuchs im Wesentlichen geltend, er sei ethnischer Baluchi und habe  von  Geburt  an  bis  zur  Ausreise  im  Jahre  2007  im  Dorf  N._______  (Provinz  Belutschistan)  gelebt.  Als  er  im  Iran  als  Einkäufer  für  den  familieneigenen  Laden  unterwegs  gewesen  sei,  habe  er  erfahren,  dass  sein  Dorf  von  der  Armee  angegriffen  worden  sei.  Deshalb  sei  er  nicht  mehr  nach  Pakistan  zurückgekehrt  und  habe  sich  während  ein  bis  anderthalb Jahren im Iran aufgehalten, bevor er nach Europa ausgereist  sei. Über den Verbleib seiner Familie, namentlich der Mutter und seiner  Geschwister, wisse er nichts. Die Armee habe vor, ihn und seine Familie  umzubringen,  weil  seine  Familie  mit  B._______  zusammen  gearbeitet  habe. B.  Mit Verfügung vom 28. Februar 2011 – eröffnet am 1. März 2011 – stellte  das  BFM  fest,  der  Beschwerdeführer  erfülle  die  Flüchtlingseigenschaft  nicht,  und  lehnte  das  Asylgesuch  ab.  Gleichzeitig  ordnete  es  die  Wegweisung  aus  der  Schweiz  sowie  den  Vollzug  an.  Zur  Begründung  hielt  die  Vorinstanz  im  Wesentlichen  fest,  insgesamt  seien  die  Schilderungen des Beschwerdeführers über weite Strecken oberflächlich,  wenig konkret, wenig differenziert, wenig detailreich und widersprüchlich  ausgefallen.  Seine  Vorbringen  zu  zentralen  Aspekten  seiner  Fluchtbegründung sowie zur Situation im Heimatland seien unpräzise und  ausweichend gewesen. So habe er beispielsweise bezüglich der Frage,  wie er vom Angriff der Armee auf sein Dorf Kenntnis erlangt habe, keine  präzisen Angaben machen können. Anlässlich der Direktanhörung sei er  eingehend  zur  Zusammenarbeit  seiner  Familie  mit  B._______  befragt  worden.  Doch  seien  seine  Vorbringen  unsubstanziiert  geblieben  und  hätten nicht zu überzeugen vermocht. So habe er zunächst auf die Frage,  wie seine Familie B._______ konkret unterstützt habe, angegeben, er sei  Analphabet,  weswegen  er  sich  nicht  an  alles  erinnern  könne.  Erst  auf 

D­1931/2011 wiederholtes  Nachfragen  hin  hätten  vom  Beschwerdeführer  einige  zusätzliche  Informationen  in  Erfahrung  gebracht  werden  können,  doch  seien  die  Aussagen  wenig  konkret  und  oberflächlich  geblieben.  Von  einem  Asylgesuchsteller  könne  jedoch  erwartet  werden,  dass  Vorkommnisse,  welche  ursächlich  in  Zusammenhang  mit  den  Fluchtgründen  stünden,  in  nicht  allzu  grosser  zeitlicher  Distanz  zurücklägen  und  folglich  wesentliche  Punkte  der  Asylbegründung  darstellten,  bei  jeder Anhörung  spontan  vorgebracht würden. Dies  gelte  auch  für  das  Vorbringen  des  Beschwerdeführers,  einmal  in  Pakistan  in  Haft  gewesen  zu  sein.  Obwohl  er  anlässlich  der  BzP  ausführlich  zu  seinen  Asylgründen  befragt  und  ihm  genügend  Raum  für  seine  Vorbringen eingeräumt worden sei, habe er diesen Sachverhalt  lediglich  zum Schluss der BzP erwähnt und auch dies nur auf konkrete Nachfrage  hin.  Namentlich  habe  er  spontan  keine  Gründe  angeführt,  die  zur  Haft  geführt  hätten.  Nicht  zuletzt  vermöchten  die  Vorbringen  des  Beschwerdeführers  auch  nicht  zu  überzeugen,  weil  er  keine  substanziierten  Angaben  über  seine  allgemeinen  Lebensumstände  in  Pakistan  und  Iran  habe machen  können.  So  habe  er  sich  nicht  an  die  genaue Adresse, wo er im Iran während ein bis anderthalb Jahren vor der  Einreise  in  die  Schweiz  gelebt  habe,  erinnern  können.  Ebenso  wenig  habe  er  weitere  Dörfer  in  der  Umgebung  seines  Heimatdorfes  in  Pakistan,  in  dem  er  von  Geburt  an  bis  zur  Ausreise  im  Jahre  2007  wohnhaft  gewesen  sei,  noch  benachbarte  Bezirke  seines  Herkunftsbezirks O._______  aufzählen  können.  Auf  die  Frage,  weshalb  er die Umgebung seiner Heimat nicht habe beschreiben können, habe er  vorgebracht,  die  umliegenden  Ortschaften  lägen  zu  weit  weg.  Diese  Begründung sei angesichts der Tatsache, dass der Beschwerdeführer für  den familieneigenen Laden regelmässig in den Iran gereist sein wolle, um  dort Ware zu beschaffen, nicht nachvollziehbar und deshalb unglaubhaft.  Auf  Grund  der  widersprüchlichen  und  unsubstanziierten  Aussagen  bestünden  Zweifel  am  Wahrheitsgehalt  der  Vorbringen,  weshalb  der  Eindruck entstehe, es handle sich vorliegendenfalls um eine konstruierte  Geschichte,  die  der  Beschwerdeführer  nicht  tatsächlich  erlebt  habe.  Im  Übrigen sei der Vollzug der Wegweisung zulässig, zumutbar und möglich. C.  C.a. Mit Eingabe vom 30. März 2011 reichte der Beschwerdeführer eine  nicht unterschriebene, fremdsprachige Beschwerde und die nachstehend  aufgeführten  Berichte  mit  den  folgenden  Themen  zu  den  Akten:  "Balochistan  Liberation  Army",  eine  Dokumentation  über  verschiedene 

D­1931/2011 Demonstrationen, "Good News from Washington, Finally", "Balochwarna",  "US  embassy  cables:  Karzai  admits  to  sheltering  Baloch  nationalists",  einen Report zu den politischen Verhältnissen  in Balochistan,  "Pakistan:  Two  bodies  found  and  eight  persons  remain  disappeared  after  illegal  arrests by military and paramilitary forces in Balochistan", "Pakistan urged  to  investigate  murder  and  torture  of  Baloch  activists"  und  "BSO­Azaad  senior member Comrade Yayum Baloch along with his  friends abducted  by Pakistani forces". C.b. Mit  Zwischenverfügung  vom  4.  April  2011  forderte  der  zuständige  Instruktionsrichter des Bundesverwaltungsgerichts den Beschwerdeführer  auf,  innert  sieben  Tagen  ab  Erhalt  dieser  Verfügung  eine  Beschwerdeverbesserung nebst einer Übersetzung  in eine Amtssprache  einzureichen und bis zum 19. April 2011 einen Kostenvorschuss von Fr.  600.— zu Gunsten der Gerichtskasse zu überweisen. C.c.  Mit  Eingabe  vom  12.  April  2011  liess  der  Beschwerdeführer  die  nachfolgend  aufgeführten  Rechtsbegehren  stellen:  Es  sei  die  angefochtene  Verfügung  vollumfänglich  aufzuheben  und  dem  Beschwerdeführer  Asyl  zu  gewähren.  Eventuell  sei  die  Sache  zwecks  erneuter  Befragung  mit  einem  Baluchi­Übersetzer  an  die  Vorinstanz  zurückzuweisen. Eventuell sei vom Vollzug der Wegweisung abzusehen  und  das  BFM  anzuweisen,  die  vorläufige  Aufnahme  anzuordnen.  Dem  Beschwerdeführer  sei  die  unentgeltliche  Prozessführung  zu  bewilligen,  und es sei auf die Erhebung einer Kaution zu verzichten. Sodann sei der  Unterzeichnete  als  unentgeltlicher  Rechtsbeistand  des  Beschwerdeführers  zu  bestellen.  Auf  die  Begründung  wird,  soweit  wesentlich, in den nachfolgenden Erwägungen eingegangen. C.d.  Mit  Zwischenverfügung  vom  15.  April  2011  wies  der  Instruktionsrichter  des  Bundesverwaltungsgerichts  die  Gesuche  um  Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege im Sinne von Art. 65 Abs. 1  und  2  des  Bundesgesetzes  vom  20. Dezember  1968  über  das  Verwaltungsverfahren  (VwVG,  SR  172.021)  sowie  um  Verzicht  auf  die  Erhebung  eines  Kostenvorschusses  ab.  Gleichzeitig  teilte  er  dem  Beschwerdeführer  mit,  an  den  Dispositivziffern  2  –  4  der  Zwischenverfügung vom 4. April 2011 werde vollumfänglich festgehalten. C.e. Der  Beschwerdeführer  leistete  den  einverlangten  Kostenvorschuss  am 19. April 2011.

D­1931/2011 Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1.  1.1. Gemäss Art. 31 des Verwaltungsgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005  (VGG, SR 173.32) beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Beschwerden  gegen  Verfügungen  nach  Art. 5  VwVG.  Das  BFM  gehört  zu  den  Behörden  nach  Art. 33  VGG  und  ist  daher  eine  Vorinstanz  des  Bundesverwaltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme  im Sinne von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht  ist daher zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und  entscheidet  auf  dem  Gebiet  des  Asyls  endgültig,  ausser  bei  Vorliegen  eines  Auslieferungsersuchens  des  Staates,  vor  welchem  die  beschwerdeführende  Person  Schutz  sucht  (Art. 105  des  Asylgesetzes  vom  26. Juni  1998  [AsylG,  SR 142.31];  Art. 83  Bst. d  Ziff. 1  des  Bundesgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005 [BGG, SR 173.110]). 1.2. Das  Verfahren  richtet  sich  nach  dem  VwVG,  dem  VGG  und  dem  BGG, soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6  AsylG). 1.3.  Die  Beschwerde  ist  frist­  und  formgerecht  eingereicht.  Der  Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist  durch  die  angefochtene  Verfügung  besonders  berührt  und  hat  ein  schutzwürdiges  Interesse  an  deren  Aufhebung  beziehungsweise  Änderung.  Er  ist  daher  zur  Einreichung  der  Beschwerde  legitimiert  (Art. 105 und Art. 108 Abs. 1 AsylG, Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 VwVG).  Auf die Beschwerde ist einzutreten. 2.  Mit  Beschwerde  kann  die  Verletzung  von  Bundesrecht,  die  unrichtige  oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts und  die Unangemessenheit gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG). 3.  Über offensichtlich unbegründete Beschwerden wird in einzelrichterlicher  Zuständigkeit  mit  Zustimmung  eines  zweiten  Richters  beziehungsweise  einer  zweiten  Richterin  entschieden  (Art. 111  Bst. e  AsylG).  Wie 

D­1931/2011 nachstehend  aufgezeigt,  handelt  es  sich  vorliegend  um  eine  solche,  weshalb  der  Beschwerdeentscheid  nur  summarisch  zu  begründen  ist  (Art. 111a Abs. 2 AsylG). Gestützt  auf  Art. 111a  Abs. 1  AsylG  wurde  vorliegend  auf  die  Durchführung eines Schriftenwechsels verzichtet. 4.  4.1.  Gemäss  Art. 2  Abs. 1  AsylG  gewährt  die  Schweiz  Flüchtlingen  grundsätzlich  Asyl.  Flüchtlinge  sind  Personen,  die  in  ihrem Heimatstaat  oder  im Land,  in dem sie zuletzt wohnten, wegen  ihrer Rasse, Religion,  Nationalität,  Zugehörigkeit  zu  einer  bestimmten  sozialen  Gruppe  oder  wegen ihrer politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt  sind  oder  begründete  Furcht  haben,  solchen  Nachteilen  ausgesetzt  zu  werden (Art. 3 Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich  die  Gefährdung  des  Leibes,  des  Lebens  oder  der  Freiheit  sowie  Massnahmen, die einen unerträglichen psychischen Druck bewirken. Den  frauenspezifischen Fluchtgründen ist Rechnung zu tragen (Art. 3 AsylG). 4.2.  Wer  um  Asyl  nachsucht,  muss  die  Flüchtlingseigenschaft  nachweisen  oder  zumindest  glaubhaft  machen.  Diese  ist  glaubhaft  gemacht,  wenn  die  Behörde  ihr  Vorhandensein  mit  überwiegender  Wahrscheinlichkeit  für  gegeben  hält.  Unglaubhaft  sind  insbesondere  Vorbringen, die in wesentlichen Punkten zu wenig begründet oder in sich  widersprüchlich sind, den Tatsachen nicht entsprechen oder massgeblich  auf  gefälschte  oder  verfälschte  Beweismittel  abgestützt  werden  (Art. 7  AsylG). 5.  5.1.  In  seiner  Beschwerde  beziehungsweise  Beschwerdeverbesserung  vom  30.  März  beziehungsweise  12.  April  2011  lässt  der  Beschwerdeführer  im  Wesentlichen  geltend  machen,  seine  Muttersprache  sei Baluchi. An den Befragungen  im BFM sei  jedoch ein  urdusprachiger  Übersetzer  zugegen  gewesen.  Der  Beschwerdeführer  habe nicht  alles  genau  verstanden und deshalb  nicht  alles  gesagt, was  von  Bedeutung  gewesen  wäre.  Aus  diesem  Grunde  seien  auch  viele  Details  nicht  protokolliert  worden.  Die  meisten  von  der  Vorinstanz  angeführten  Aussagemängel  seien  zweifellos  auf  diese  Umstände  zurückzuführen. Der Beschwerdeführer habe selbstverständlich Anspruch  auf  eine  Befragung  in  seiner Muttersprache  und  nicht  in  einer  Sprache 

D­1931/2011 (Urdu),  die  er  nur  ungenügend  verstehe.  Des  Weiteren  seien  die  unsubstanziierten  Angaben  des  Beschwerdeführers  zum  Attentat  verständlich, sei dieser doch nicht Augenzeuge dieses Vorfalls gewesen  und  könne  nur  vom Hörensagen  berichten.  Auch  seine  etwas  knappen  und  ungenauen  Angaben  über  die  allgemeinen  Lebensumstände  in  Pakistan  und  Iran  könnten  seine  Glaubwürdigkeit  nicht  ernsthaft  tangieren.  Diese  Fragen  beträfen  nämlich  hauptsächlich  geographische  Gegebenheiten. Diese seien angesichts der konkreten Lebensumstände  und  der  fehlenden  Schulbildung  des  Beschwerdeführers  generell  nicht  geeignet,  seine  Glaubwürdigkeit  zu  überprüfen.  Dementsprechend  genügten die Angaben des Beschwerdeführers – wenn auch knapp – den  Anforderungen an die Glaubhaftigkeit gemäss Art. 7 AsylG. Schliesslich  verfüge  der  Beschwerdeführer  entgegen  den  Behauptungen  der  Vorinstanz  nicht  über  ein  funktionsfähiges  Beziehungsnetz  in  seiner  ursprünglichen Heimat. Er wisse nichts über den Verbleib seiner Familie.  Andere  Bezugspersonen  seien  nicht  vorhanden.  Dementsprechend  werde der Beschwerdeführer im Falle einer Rückkehr in den Heimatstaat  aus individuellen Gründen in eine existenzbedrohende Situation geraten,  weshalb der Wegweisungsvollzug unzumutbar sei. 5.2.  Diese  Vorbringen  in  der  Beschwerdeschrift  vermögen  nicht  zu  überzeugen.  Wie  sich  nämlich  aus  den  Akten  ergibt,  erklärte  der  Beschwerdeführer  anlässlich  der  BzP,  er  spreche  fliessend  Urdu,  und  seine  diesbezüglichen  Sprachkenntnisse  seien  ausreichend  für  eine  Anhörung  (A1/12  Ziff.  9  S. 4).  Dies  bestätigte  sich  anlässlich  der  Befragungen auch aus der Sicht des Beschwerdeführers, erklärte er doch  mehrfach ausdrücklich, er verstehe den Dolmetscher gut (A1/12 Ziff. 3 S.  2, Ziff. 23 S. 10, A13/13 F2 S. 2, F103 S. 11). Ausserdem bestätigte er  nach  der  Rückübersetzung  des  Protokolls  der  BzP,  dieses  entspreche  seinen Aussagen und der Wahrheit. Es sei ihm in eine ihm verständliche  Sprache  (Urdu)  rückübersetzt  worden  (A1/12  S.  10).  Anlässlich  der  Direktanhörung vom 27. Januar 2009 bestätigte er, das Protokoll dieser  Anhörung sei ihm Satz für Satz vorgelesen und in eine ihm verständliche  Sprache  (Urdu)  übersetzt  worden.  Es  sei  vollständig  und  entspreche  seinen  freien  Äusserungen  (A13/13  S.  12).  Ausserdem  habe  er  alles  gesagt,  was  er  habe  sagen  wollen  A13/13  F104  S.  11).  Dementsprechend ist entgegen den Vorbringen in der Beschwerdeschrift  nicht  davon  auszugehen,  der Beschwerdeführer  habe  nicht  alles  genau  verstanden  und  deshalb  auch  nicht  alles  gesagt,  was  von  Bedeutung  gewesen  sei.  Vielmehr  muss  sich  der  Beschwerdeführer  bei  seinen  Erklärungen, wie sie  in die Protokolle Eingang  fanden, behaften  lassen. 

D­1931/2011 Dies  umso  mehr,  als  die  angeblichen  Verständigungsprobleme  nicht  einmal dem Hilfswerkvertreter aufgefallen sind. Demnach muss sich der  Beschwerdeführer  auch  bei  seinen  widersprüchlichen  und  unsubstanziierten Aussagen behaften lassen. Es trifft zwar zu, dass seine  Schilderungen  zu  einem  Ereignis,  das  er  lediglich  vom  Hörensagen  kennt,  nicht  mit  denjenigen  eines  Augenzeugen  verglichen  werden  können. Allerdings hat die Vorinstanz dem Beschwerdeführer auch nichts  dergleichen  vorgehalten,  sondern  lediglich  festgestellt,  er  habe  weder  über  den  Angriff  der  Armee  auf  das  Dorf  (A13/13  F62  S.  8)  beziehungsweise die Razzien  in seinem Haus und Geschäft  (A1/12 Ziff.  15 S. 7) noch über den Zeitpunkt des Vorfalls präzise Angaben machen  können.  Bezeichnenderweise  war  er  nämlich  ausserstande,  präzise  Angaben  darüber  zu  machen,  wer  ihn  in  Mand  über  den  Vorfall  in  Kenntnis  gesetzt  habe  und  welche  Informationen  er  bei  dieser  Gelegenheit erhalten habe (A13/13 F61 – F65 S. 7 und 8). Doch obwohl  der Beschwerdeführer über das angeblich fluchtauslösende Ereignis auch  nach eigenem Bekunden faktisch nichts weiss (vgl. a.a.O. F64 S. 8), will  er sich im Hinblick auf seine eigene Sicherheit veranlasst gesehen haben,  die  Reise  nach  Europa  anzutreten.  Derartige  Schilderungen  vermitteln  zwangsläufig  einen  wirklichkeitsfremden  Eindruck.  Dieser  erstreckt  sich  insbesondere  auch  auf  seine  Angaben  zu  seinen  Aufenthaltsorten  in  Pakistan  und  im  Iran.  Auch  ein  Analphabet  ist  nämlich  grundsätzlich  in  der Lage, die Dörfer  in der Umgebung seines Heimatdorfs aufzuzählen,  ist doch derlei Kenntnis nicht abhängig von einer schulischen Ausbildung.  Dies gilt umso mehr, als der Beschwerdeführer als Einkäufer unterwegs  gewesen sein will. Angesichts seiner Vorbringen drängt sich der Eindruck  auf,  der Beschwerdeführer  habe gar nicht  in den von  ihm bezeichneten  Ortschaften gelebt und des Weiteren bei seiner Schilderung der geltend  gemachten  Verfolgungssituation  nicht  auf  Erinnerungen  an  tatsächliche  Begebenheiten zurückgreifen können, sondern eine Verfolgungssituation  lediglich erfunden. 5.3. Bei dieser Sachlage erübrigt es  sich, auf weitere Vorbringen  in der  Beschwerdeschrift  oder  die  eingereichten  Beweismittel  näher  einzugehen, dies umso mehr, als die zahlreichen Berichte keinen direkten  Bezug zum Beschwerdeführer haben. Desgleichen erübrigt es sich, den  vorinstanzlichen Entscheid zu kassieren und zu neuem Entscheid an die  Vorinstanz  zurückzuweisen.  Stattdessen  ist  zusammenfassend  festzustellen,  dass  beim  Beschwerdeführer  keine  Verfolgung  im  Sinne  von  Art.  3  AsylG  vorliegt  und  er  nicht  als  Flüchtling  anerkannt  werden 

D­1931/2011 kann.  Mangels  erfüllter  Flüchtlingseigenschaft  ist  ihm  zu  Recht  das  nachgesuchte Asyl nicht gewährt worden. 6.  6.1. Lehnt  das Bundesamt  das Asylgesuch  ab  oder  tritt  es  darauf  nicht  ein,  so  verfügt  es  in  der  Regel  die Wegweisung  aus  der  Schweiz  und  ordnet den Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit  der Familie (Art. 44 Abs. 1 AsylG). 6.2. Der Beschwerdeführer  verfügt weder  über  eine  ausländerrechtliche  Aufenthaltsbewilligung  noch  über  einen  Anspruch  auf  Erteilung  einer  solchen. Die Wegweisung wurde demnach zu Recht angeordnet (Art. 44  Abs. 1  AsylG;  Entscheidungen  und  Mitteilungen  der  Schweizerischen  Asylrekurskommission [EMARK] 2001 Nr. 21). 7.  7.1.  Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder  nicht möglich, so regelt das Bundesamt das Anwesenheitsverhältnis nach  den  gesetzlichen  Bestimmungen  über  die  vorläufige  Aufnahme  von  Ausländern  (Art. 44  Abs. 2  AsylG;  Art. 83  Abs. 1  des  Bundesgesetzes  vom 16. Dezember 2005 über die Ausländerinnen und Ausländer  [AuG,  SR 142.20]). Bezüglich  der  Geltendmachung  von  Wegweisungshindernissen  gilt  gemäss  ständiger  Praxis  des  Bundesverwaltungsgerichts  und  seiner  Vorgängerorganisation  ARK  der  gleiche  Beweisstandard  wie  bei  der  Flüchtlingseigenschaft, das heisst, sie sind zu beweisen, wenn der strikte  Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft zu machen (vgl.  WALTER  STÖCKLI,  Asyl,  in:  Uebersax/Rudin/Hugi  Yar/Geiser  [Hrsg.],  Ausländerrecht, 2. Aufl., Basel 2009, Rz. 11.148). 7.2. Der Vollzug ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche Verpflichtungen  der  Schweiz  einer Weiterreise  der  Ausländerin  oder  des  Ausländers  in  den  Heimat­,  Herkunfts­  oder  einen  Drittstaat  entgegenstehen  (Art. 83  Abs. 3 AuG). So  darf  keine  Person  in  irgendeiner  Form  zur  Ausreise  in  ein  Land  gezwungen  werden,  in  dem  ihr  Leib,  ihr  Leben  oder  ihre  Freiheit  aus  einem  Grund  nach  Art. 3  Abs. 1  AsylG  gefährdet  ist  oder  in  dem  sie  Gefahr  läuft,  zur  Ausreise  in  ein  solches  Land  gezwungen  zu  werden 

D­1931/2011 (Art. 5  Abs. 1  AsylG;  vgl.  ebenso  Art. 33  Abs. 1  des  Abkommens  vom  28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge [FK, SR 0.142.30]). Gemäss  Art. 25  Abs. 3  der  Bundesverfassung  der  Schweizerischen  Eidgenossenschaft  vom  18. April  1999  (BV,  SR 101),  Art. 3  des  Übereinkommens  vom  10. Dezember  1984  gegen  Folter  und  andere  grausame,  unmenschliche  oder  erniedrigende  Behandlung  oder  Strafe  (FoK,  SR 0.105)  und  der  Praxis  zu  Art. 3  der  Konvention  vom  4. November 1950 zum Schutz der Menschenrechte und Grundfreiheiten  (EMRK,  SR 0.101)  darf  niemand  der  Folter  oder  unmenschlicher  oder  erniedrigender Strafe oder Behandlung unterworfen werden. 7.3.  Die  Vorinstanz  wies  in  ihrer  angefochtenen  Verfügung  zutreffend  darauf hin, dass das Prinzip des  flüchtlingsrechtlichen Non­Refoulement  nur Personen schützt, die die Flüchtlingseigenschaft erfüllen. Da es dem  Beschwerdeführer  nicht  gelungen  ist,  eine  asylrechtlich  erhebliche  Gefährdung nachzuweisen oder glaubhaft zu machen, kann der  in Art. 5  AsylG  verankerte  Grundsatz  der  Nichtrückschiebung  im  vorliegenden  Verfahren  keine  Anwendung  finden.  Eine  Rückkehr  des  Beschwerdeführers  in  den  Heimatstaat  ist  demnach  unter  dem  Aspekt  von Art. 5 AsylG rechtmässig. Sodann ergeben sich weder aus den Aussagen des Beschwerdeführers  noch  aus  den  Akten  Anhaltspunkte  dafür,  dass  er  für  den  Fall  einer  Ausschaffung  nach  Pakistan  dort  mit  beachtlicher  Wahrscheinlichkeit  einer  nach  Art. 3  EMRK  oder  Art. 1  FoK  verbotenen  Strafe  oder  Behandlung  ausgesetzt  wäre.  Gemäss  Praxis  des  Europäischen  Gerichtshofes  für  Menschenrechte  (EGMR)  sowie  jener  des  UN­Anti­ Folterausschusses  müsste  der  Beschwerdeführer  eine  konkrete  Gefahr  ("real  risk")  nachweisen  oder  glaubhaft machen,  dass  ihm  im Fall  einer  Rückschiebung  Folter  oder  unmenschliche  Behandlung  drohen  würde  (vgl.  EGMR  [Grosse  Kammer],  Saadi  gegen  Italien,  Urteil  vom  28. Februar 2008, Beschwerde Nr. 37201/06, §§ 124 – 127, mit weiteren  Hinweisen).  Auch  die  allgemeine  Menschenrechtssituation  in  Pakistan  lässt  den  Wegweisungsvollzug  zum  heutigen  Zeitpunkt  nicht  als  unzulässig  erscheinen.  Nach  dem  Gesagten  ist  der  Vollzug  der  Wegweisung  sowohl  im  Sinne  der  asyl­  als  auch  der  völkerrechtlichen  Bestimmungen zulässig. 7.4.    Gemäss  Art. 83  Abs. 4  AuG  kann  der  Vollzug  für  Ausländerinnen  und  Ausländer  unzumutbar  sein,  wenn  sie  im  Heimat­  oder 

D­1931/2011 Herkunftsstaat  auf  Grund  von  Situationen  wie  Krieg,  Bürgerkrieg,  allgemeiner  Gewalt  und  medizinischer  Notlage  konkret  gefährdet  sind.  Wird  eine  konkrete  Gefährdung  festgestellt,  ist  –  unter  Vorbehalt  von  Art. 83 Abs. 7 AuG – die vorläufige Aufnahme zu gewähren. 7.5. In Pakistan herrscht zur Zeit weder Krieg, Bürgerkrieg noch liegt eine  Situation allgemeiner Gewalt vor. Zu prüfen ist indessen, ob anderweitige  Probleme  des  Beschwerdeführers  allenfalls  individuelle  Gründe  darstellen,  welche  gegen  die  Zumutbarkeit  des  Wegweisungsvollzugs  sprechen. Es sind auch keine individuellen Gründe ersichtlich, welche die Rückkehr  des  den  Akten  zufolge  nach  wie  vor  jungen  und  gesunden  Beschwerdeführers  als  unzumutbar  erscheinen  lassen  würden.  In  den  Akten  finden  sich  keine  konkreten  Anhaltspunkte  dafür,  dass  er  aus  individuellen  Gründen  wirtschaftlicher  oder  sozialer  Natur  in  eine  existenzbedrohende  Situation  geraten  würde.  Vielmehr  ist  den  Akten  sinngemäss  zu  entnehmen,  die  Familie  lebe  in  guten  wirtschaftlichen  Verhältnissen,  sind  die  Familienangehörigen  doch  als  Geschäftsleute  erwerbstätig  (A13/13  F31  –  32  S.  5).  Ausserdem  verfügt  er  im  Heimatstaat  über  zahlreiche  Verwandte  (A1/12  Ziff.  12  S.  4),  wenngleich  er  vorgibt,  über  deren  Aufenthaltsort  nichts  zu  wissen.  Da  seine  Angaben  zu  den  geographischen  Verhältnissen  bezüglich  seines  Wohnsitzes  widersprüchlich  und  unsubstanziiert  ausfielen,  ist  in  casu  davon  auszugehen,  er  dissimuliere  das  in  Wirklichkeit  vorhandene  und  ausreichende soziale Netz. Dementsprechend ist davon auszugehen, der  Beschwerdeführer  könne  im  Heimatstaat  weiterhin  als  Einkäufer  beziehungsweise Kaufmann einer Erwerbstätigkeit nachgehen. Nach dem Gesagten erweist sich der Vollzug der Wegweisung auch als  zumutbar. 7.6.  Schliesslich  obliegt  es  dem  Beschwerdeführer,  sich  bei  der  zuständigen  Vertretung  des  Heimatstaates  die  für  eine  Rückkehr  notwendigen  Reisedokumente  zu  beschaffen  (vgl.  Art. 8  Abs. 4  AsylG  und dazu auch BVGE 2008/34 E. 12 S. 513 – 515), weshalb der Vollzug  der  Wegweisung  auch  als  möglich  zu  bezeichnen  ist  (Art. 83  Abs. 2  AuG).

D­1931/2011 7.7. Zusammenfassend  hat  die  Vorinstanz  den Wegweisungsvollzug  zu  Recht als zulässig, zumutbar und möglich erachtet. Nach dem Gesagten  fällt  eine  Anordnung  der  vorläufigen  Aufnahme  ausser  Betracht  (Art. 83  Abs. 1 – 4 AuG). 8.  Aus  diesen  Erwägungen  ergibt  sich,  dass  die  angefochtene  Verfügung  Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig und  vollständig  feststellt  und  angemessen  ist  (Art. 106  AsylG).  Die  Beschwerde ist nach dem Gesagten abzuweisen. 9.  Bei  diesem  Ausgang  des  Verfahrens  sind  die  Kosten  dem  Beschwerdeführer  aufzuerlegen  (Art. 63  Abs. 1  VwVG),  auf  insgesamt  Fr. 600.— festzusetzen (Art. 1 – 3 des Reglements vom 21. Februar 2008  über  die  Kosten  und  Entschädigungen  vor  dem  Bundesverwaltungsgericht  [VGKE,  SR  173.320.2])  und mit  dem  am  19.  April 2011 in gleicher Höhe geleisteten Kostenvorschuss zu verrechnen. (Dispositiv nächste Seite)

D­1931/2011 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1.  Die Beschwerde wird abgewiesen. 2.  Die  Verfahrenskosten  von  Fr. 600.—  werden  dem  Beschwerdeführer  auferlegt  und  mit  dem  am  19.  April  2011  in  gleicher  Höhe  geleisteten  Kostenvorschuss verrechnet. 3.  Dieses  Urteil  geht  an  den  Beschwerdeführer,  das  BFM  und  die  zuständige kantonale Behörde. Der Einzelrichter: Der Gerichtsschreiber: Fulvio Haefeli Gert Winter Versand:

D-1931/2011 — Bundesverwaltungsgericht 16.08.2011 D-1931/2011 — Swissrulings