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Bundesverwaltungsgericht 09.08.2011 D-1276/2011

9. August 2011·Deutsch·CH·CH_BVGE·PDF·1,729 Wörter·~9 min·2

Zusammenfassung

Asyl und Wegweisung | Asyl und Wegweisung; Verfügung des BFM vom 24. Januar 2011

Volltext

Bundesve rwa l t ungsge r i ch t T r i buna l   adm in istratif   f édé ra l T r i buna l e   ammin istrati vo   f ede ra l e T r i buna l   adm in istrativ   f ede ra l Abteilung IV D­1276/2011 Urteil   v om   9 .   Augus t   2011 Besetzung Richter Thomas Wespi (Vorsitz), Richter Robert Galliker, Richter Gérald Bovier, Gerichtsschreiber Stefan Weber. Parteien A._______, geboren X._______, Kosovo, vertreten durch M. Milovanovic, Beschwerdeführer,  gegen Bundesamt für Migration (BFM), Quellenweg 6, 3003 Bern,    Vorinstanz.  Gegenstand Asyl und Wegweisung; Verfügung des BFM vom 24. Januar  2011 / N_______.

D­1276/2011 Sachverhalt: A.  Eigenen Angaben zufolge verliess der Beschwerdeführer, ein Volkszuge­ höriger  der  Gorani  mit  letztem  Wohnsitz  in  B._______,  Kosovo,  seine  Heimat  zusammen  mit  seinen  Familienangehörigen  am  11.  Dezember  2010  auf  dem  Landweg.  Über  ihm  unbekannte  Länder  seien  sie  am  13. Dezember 2010 unter Umgehung der Grenzkontrolle  in die Schweiz  gelangt,  wo  er  und  seine  Familie  gleichentags  im  C._______  Asylgesuche  einreichten  und  anschliessend  ins  D._______  transferiert  wurden. Nach der Kurzbefragung im D._______ am 27. Dezember 2010  und der ebenfalls dort durchgeführten direkten Anhörung vom 10. Januar  2011  wurde  er  mit  Verfügung  vom  21.  Januar  2011  für  den  Aufenthalt  während des Asylverfahrens dem Kanton E._______ zugewiesen. Zur  Begründung  seines  Asylgesuchs  führte  der  Beschwerdeführer  im  Wesentlichen  aus,  seine  Familie  sei  nach  dem  Krieg  von  Albanern  belästigt,  beleidigt  und  auch  geschlagen  worden.  Im  Jahre  2002  sei  er  von  (...)  Albanern  überfallen  worden,  weil  er  mit  einem  Kollegen  Goranisch gesprochen habe.  Im (...) habe er einen albanischen Kunden  bedient.  Als  er  nebenan  mit  zwei  bosnischen  Kunden  Serbisch  gesprochen  habe,  habe  der  albanische  Kunde  zunächst  einen  Plastikteller  nach  ihm  geworfen,  sei  anschliessend  in  die  benachbarte  Metzgerei  gegangen  und  mit  einem  Messer  bewaffnet  in  ihr  Geschäft  zurückgekehrt,  worauf  er  die  Flucht  ergriffen  und  anschliessend  die  Polizei  benachrichtigt  habe.  Der  Albaner  sei  von  der  Polizei  auf  den  Posten gebracht und mit einer Geldstrafe gebüsst worden. Später habe  der Albaner von seinem Vater verlangt, dass er die Strafe bezahle, damit  sie in Zukunft vor ihm Ruhe hätten. Sein Vater habe daraufhin die Busse  bezahlt.  Es  sei  oft  vorgekommen,  dass  albanische  Gäste  ihres  Imbissgeschäfts das Essen nicht hätten bezahlen wollen. Als sein Bruder  einmal die Rechnung gebracht habe, hätten sie diesem die Rechnung in  den  Mund  gesteckt.  Seinem  Vater  sei  vorgeworfen  worden,  ein  serbischer  Spion  zu  sein  und  bereits  früher  mit  den  Serben  zusammengearbeitet zu haben. Sein Vater habe ihnen nichts über seine  Probleme  erzählen  wollen  und  sei  ständig  aufgeregt  sowie  nervös  gewesen. Diese Probleme hätten  ihn (den Beschwerdeführer) psychisch  belastet,  weshalb  er  Flecken  auf  der  Haut  bekommen  habe  und  sein  Studium  habe  abbrechen  müssen.  Ferner  seien  Fensterscheiben  ihres  Geschäfts zerschlagen und das Auto seines Vaters sei gestohlen worden.  Auch habe dieser oft Schutzgelder bezahlen müssen. Letztmals sei er am 

D­1276/2011 Bajram­Fest  im  Jahre  2010 beschimpft  und  beleidigt worden,  als  er mit  zwei  Kollegen  eine  albanische  Disco  besucht  und  dabei  mit  ihnen  Goranisch  gesprochen  habe.  Die  Probleme  hätten  sich  verschärft,  als  sein Vater Essen in ein Kloster gebracht habe und sein Bruder F._______  (...)  mit  einer  Pistole  bedroht  worden  sei,  worauf  er  sich  zur  Ausreise  entschlossen  habe.  Auf  die  weiteren  Ausführungen  wird,  soweit  wesentlich, in den nachfolgenden Erwägungen eingegangen. B.  Mit Verfügung vom 24. Januar 2011 – gleichentags eröffnet – lehnte das  BFM das Asylgesuch des Beschwerdeführers ab und ordnete gleichzeitig  die  Wegweisung  aus  der  Schweiz  an.  Die  Vorinstanz  begründete  ihre  Verfügung  im  Wesentlichen  damit,  dass  die  Vorbringen  des  Beschwerdeführers  den  Anforderungen  an  die  Flüchtlingseigenschaft  gemäss Art. 3 des Asylgesetzes vom 26. Juni 1998 (AsylG, SR 142.31)  nicht  genügten.  Ferner  sei  der  Vollzug  der  Wegweisung  als  zulässig,  zumutbar und möglich zu erachten. C.  Mit  Eingabe  vom  22.  Februar  2011  erhob  der  Beschwerdeführer  beim  Bundesverwaltungsgericht  Beschwerde,  beantragte,  es  sei  die  Verfü­ gung der Vorinstanz aufzuheben und sein Asylgesuch sei gutzuheissen,  und  ersuchte  in  formeller  Hinsicht  um  Gewährung  der  unentgeltlichen  Prozessführung  im Sinne  von  Art.  65  Abs.  1  des  Bundesgesetzes  vom  20.  Dezember  1968  über  das  Verwaltungsverfahren  (VwVG,  SR  172.021).  Auf  die  Begründung  der  Beschwerde  wird,  soweit  entscheidwesentlich, in den Erwägungen eingegangen. Mit Zwischenverfügung des Instruktionsrichters vom 4. März 2011 wurde  dem Beschwerdeführer mitgeteilt,  dass er den Ausgang des Verfahrens  in  der  Schweiz  abwarten  könne.  Die  Behandlung  des  Gesuchs  um  Gewährung  der  unentgeltlichen  Prozessführung  im  Sinne  von  Art.  65  Abs.  1  VwVG  wurde  auf  einen  späteren  Zeitpunkt  verwiesen  und  gleichzeitig auf die Erhebung eines Kostenvorschusses verzichtet. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. 

D­1276/2011 1.1. Gemäss Art. 31 des Verwaltungsgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005  (VGG, SR 173.32) beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Beschwerden  gegen  Verfügungen  nach  Art.  5  VwVG.  Das  BFM  gehört  zu  den  Behörden  nach  Art.  33  VGG  und  ist  daher  eine  Vorinstanz  des  Bundesverwaltungs­gerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme  im Sinne von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht  ist  daher  zuständig  für  die  Beurteilung  der  vorliegenden  Beschwerde  entscheidet  auf  dem  Gebiet  des  Asyls  endgültig,  ausser  bei  Vorliegen  eines  Auslieferungsersuchens  des  Staates,  vor  welchem  die  beschwerdeführende Person Schutz sucht (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d  Ziff.  1  des  Bundesgerichtsgesetzes  vom  17.  Juni  2005  [BGG,  SR  173.110]). Eine solche Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG  liegt  in  casu  nicht  vor.  Das  Bundes­verwaltungsgericht  entscheidet  demnach endgültig. 1.2.  Die  Beschwerde  ist  frist­  und  formgerecht  eingereicht.  Der  Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist  durch  die  angefochtene  Verfügung  besonders  berührt  und  hat  ein  schutzwürdiges  Interesse  an  deren  Aufhebung  beziehungsweise  Änderung. Er  ist  daher  zur Einreichung der Beschwerde  legitimiert  (Art.  108 AsylG sowie Art. 105 AsylG  i.V.m. Art. 37 VGG und Art. 48 Abs. 1  und Art. 52 VwVG). Auf die Beschwerde ist einzutreten. 1.3. Mit Beschwerde kann die Verletzung von Bundesrecht, die unrichtige  oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts und  die Unangemessenheit gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG). 1.4. Die Abteilungen des Bundesverwaltungsgerichts entscheiden  in der  Regel  in der Besetzung mit drei Richtern oder Richterinnen  (vgl. Art. 21  Abs. 1 VGG). Gestützt auf Art. 111a Abs. 1 AsylG wurde vorliegend auf  die Durchführung eines Schriftenwechsels verzichtet. 2.  2.1. Gemäss Art. 2 Abs. 1 AsylG gewährt die Schweiz Flüchtlingen grund­ sätzlich Asyl. Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im  Land, in dem sie zuletzt wohnten, wegen ihrer Rasse, Religion, Nationali­ tät, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer  politischen  Anschauungen  ernsthaften  Nachteilen  ausgesetzt  sind  oder  begründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden. Als  ernsthafte Nachteile  gelten  namentlich  die Gefährdung  des  Leibes,  des 

D­1276/2011 Lebens  oder  der  Freiheit  sowie  Massnahmen,  die  einen  unerträglichen  psychischen Druck bewirken (Art. 3 AsylG). 2.2.  Wer  um  Asyl  nachsucht,  muss  die  Flüchtlingseigenschaft  nachweisen  oder  zumindest  glaubhaft  machen.  Diese  ist  glaubhaft  gemacht,  wenn  die  Behörde  ihr  Vorhandensein  mit  überwiegender  Wahrscheinlichkeit  für  ge­geben  hält.  Unglaubhaft  sind  insbesondere  Vorbringen, die in wesentlichen Punkten zu wenig begründet oder in sich  widersprüchlich sind, den Tatsachen nicht entsprechen oder massgeblich  auf  gefälschte  oder  ver­fälschte  Beweismittel  abgestützt  werden  (Art.  7  AsylG). 3.  3.1.  Die  Vorinstanz  hielt  zur  Begründung  ihres  ablehnenden  Asylentscheides im Wesentlichen fest, hinsichtlich der geltend gemachten  Vorkommnisse  sei  anzuführen,  dass  es  in  Kosovo  in  den  vergangenen  Jahren  vereinzelt  zu  schwerwiegenden  Übergriffen  auf  Angehörige  der  ethnischen  Minderheiten,  namentlich  der  Goraner,  gekommen  sei.  Es  könne jedoch nicht von allgemeinen Vertreibungen ausgegangen werden.  Nach der Unabhängigkeitserklärung vom 17. Februar 2008 sei in Kosovo  auch nach dem Statuswechsel eine  internationale zivile und militärische  Präsenz  vorgesehen.  In  Kosovo  bestünden  mit  der  UNO­Verwal­ tung (UNMIK)  und  der  EU  zwei  internationale  Missionen.  Die  am  9.  Dezember  2008  offiziell  gestartete  Rechtsstaatlichkeitsmission  EULEX  sei  formal  den  Vereinten  Nationen  unterstellt  und  werde  unter  deren  Oberhoheit  und  innerhalb  eines  statusneutralen  Rahmens  geführt.  Die  internationalen  Sicherheitskräfte  sowie  die  Kosovo  Police  (KP)  würden  die  Sicherheit  garantieren  und  seien  weitgehend  in  der  Lage,  die  ethnischen  Minderheiten  in  Kosovo  zu  schützen.  Bei  Übergriffen  intervenierten die Sicherheitskräfte regelmässig, und bei Straftaten gegen  Angehörige  von  Minderheiten  würden  Ermittlungen  aufgenommen.  Zentrale  Polizeifunktionen  würden  weiterhin  von  internationalen  Polizeikräften  wahrgenommen  und  die  neue  kosovarische  Verfassung  gestehe den Minderheiten umfassende Rechte zu. Dementsprechend sei  die  Polizei  auch  immer  gekommen,  wenn  der  Beschwerdeführer  oder  sein Vater sie hinzugezogen habe. Sie habe angemessen agiert,  indem  sie  beispielsweise  ein  Protokoll  über  die  Vorfälle  oder  Fotos  von  den  Beschädigungen aufgenommen habe. Die Polizei habe im Jahre (...) den  Angreifer auf den Polizeiposten gebracht und ihm eine Geldstrafe erteilt.  Somit  gebe  es  keine  Hinweise  auf  eine  Verweigerung  staatlichen  Schutzes.  Ausserdem  seien  Angehörige  der  Goraner  proportional  in 

D­1276/2011 sämtlichen  wichtigen  Behörden  vertreten,  mitunter  auch  in  den  Polizeibehörden. Folglich könne den kosovarischen Behörden auch nicht  mangelnder  Schutzwille  und  fehlende  Schutzfähigkeit  vorgeworfen  werden.  Da  demnach  vom  Vorhandensein  eines  adäquaten  Schutzes  durch  den  Heimatstaat  auszugehen  sei,  seien  die  geltend  gemachten  Übergriffe  vorliegend  nicht  asylrelevant.  Diese  würden  keine  Intensität  erreichen, welche dem Beschwerdeführer ein menschenwürdiges Leben  in Kosovo verunmöglichten oder in unzumutbarer Weise erschwerten. 3.2.  Demgegenüber  wendete  der  Beschwerdeführer  in  seiner  Rechtsmitteleingabe – soweit nicht eine Wiederholung des Sachverhalts  enthaltend  –  im  Wesentlichen  ein,  der  kosovarische  Staat  werde  von  Drogen­  und  Organhändlern  geführt,  was  aus  neuen  von  der  EU  in  Auftrag  gegebenen  Untersuchungen  hervorgehe.  In  Kosovo  herrsche  weder  Frieden  noch  bestehe  eine  Ordnung.  Vielmehr  sei  die  politische  und polizeiliche Führung von verschiedenen Clanmitgliedern besetzt und  die Bevölkerung kaum geschützt. Die UNMIK und die EULEX würden  in  Kosovo nur eine sporadische Rolle spielen und dienten vor allem dazu,  einen  neuen  Krieg  zwischen  Serbien  und  Kosovo  zu  verhindern.  Für  weitere  Details  werde  auf  die  Ausführungen  der  Beschwerdeschrift  im  Verfahren  seiner  Eltern  (N_______;  Geschäfts­Nr.  D­1278/2011)  verwiesen. 3.3. Das Bundesverwaltungsgericht gelangt nach Prüfung der Akten zum  Schluss,  dass  das  BFM  die  Vorbringen  des  Beschwerdeführers  im  Zu­ sammenhang mit den angeführten Übergriffen seitens privater Dritter zu  Recht und mit zutreffender Begründung als nicht asylrelevant erachtete. 3.3.1. Nach den Erkenntnissen des Bundesverwaltungsgerichts  sind die  bisher zuständigen Behörden in Kosovo – im Rahmen ihrer Möglichkeiten  – systematisch gegen Bedrohungen und Übergriffe Dritter  vorgegangen.  Insoweit  kann  zum  heutigen  Zeitpunkt  vom  Schutzwillen  und  auch  von  einer  weitgehenden  Schutzfähigkeit  der  in  Kosovo  tätigen  nationalen  Sicherheitsbehörden ausgegangen werden. 3.3.2. Die  Vertreter  der  neuen  Regierung  haben  sich  im  Rahmen  ihrer  Unabhängigkeitserklärung  im  Februar  2008  verpflichtet,  sämtliche  Verträge und Absprachen, die sich aus dem "Umfassenden Vorschlag zur  Re­gelung  des  Kosovostatus"  des  Sondergesandten  des  UNO­ Generalsekretärs  für den Prozess zur Bestimmung des künftigen Status  von  Kosovo  ergeben,  vollumfänglich  zu  erfüllen.  Was  die  allgemeine 

D­1276/2011 Situation  der Angehörigen  der  goranischen Ethnie  in Kosovo  betrifft,  ist  festzustellen,  dass  sie  als  gut  integrierte Minderheit  selbst während  der  Unruhen  im  März  2004  grösstenteils  verschont  blieben  und  gemäss  Lageberichten  für  sie  die Situation  auch nach den Unruhen weitgehend  stabil geblieben ist. 3.3.3. Das Bundesverwaltungsgericht  geht  davon aus,  dass Angehörige  ethnischer Minderheiten grundsätzlich die Möglichkeit haben, sich an die  Behörden  zu  wenden  und  diese  um  Schutz  vor  Übergriffen  Dritter  zu  ersuchen.  Zudem  bejaht  das  Bundesverwaltungsgericht  in  seiner  Rechtsprechung  den  generellen  Schutzwillen  und  die  generelle  Schutzfähigkeit der zuständigen Sicherheitskräfte bezüglich strafrechtlich  relevanter  Übergriffe  auf  Angehörige  der  ethnischen  Minderheiten  in  Kosovo  (vgl.  zur  Publikation  vorgesehenes  Urteil  BVGE  D­6827/2010  vom 2. Mai 2011 E. 4.7). 3.3.4.  Das  BFM  führte  zur  Begründung  seines  ablehnenden  Asylentscheides  zu  Recht  aus,  die  Vorbringen  des  Beschwerdeführers  hielten  den  Anforderungen  an  Art.  3  AsylG  nicht  stand,  da  Übergriffe  durch Dritte oder Befürchtungen, künftig solchen ausgesetzt zu sein, nur  dann  asylrelevant  seien,  wenn  der  Staat  seiner  Schutzpflicht  nicht  nachkomme oder nicht  in der Lage sei, Schutz zu gewähren. Straftaten  würden  von  den  Behörden  in  Kosovo  im  Rahmen  ihrer  Möglichkeiten  verfolgt. Bei  den  geltend  gemachten  Bedrohungen  durch  Angehörige  der  albanischen  Ethnie  handelt  es  sich  um  Übergriffe  Dritter.  Solche  Übergriffe  seitens  ethnischer  Albaner  auf  den  Beschwerdeführer  sind  nicht  asylrelevant,  da  ihm  die  Möglichkeit  offenstand,  sich  an  die  heimatlichen  Behörden  zu  wenden  und  diese  um  Schutz  zu  ersuchen.  Vorliegend  sind  keine  Hinweise  dafür  erkennbar,  dass  ihm  staatlicher  Schutz  verweigert  worden  wäre;  vielmehr  sei  die  Polizei  den  Akten  zufolge  jeweils  aktiv  geworden,  nachdem  man  sie  verständigt  gehabt  habe. Aufgrund der Aktenlage  ist nicht auch nur annähernd hinreichend  dargelegt,  dass  der  kosovarische  Staat  dem  Beschwerdeführer  oder  anderen Familienangehörigen adäquaten Schutz verweigert hätte oder in  Zukunft verweigern würde. 3.4.  Zusammenfassend  ergibt  sich,  dass  die  Vorbringen  des  Beschwerde­führers  den  Anforderungen  an  die  Flüchtlingseigenschaft  nicht  genügen;  die  entsprechende  Feststellung  des  BFM  ist  zu 

D­1276/2011 bestätigen. Es kann darauf verzichtet werden, auf die Darlegungen in der  Beschwerdeschrift weitergehend einzugehen, da sie an obiger Erkenntnis  nichts  zu  ändern  vermögen.  Die  Vorinstanz  hat  das  Asylgesuch  des  Beschwerdeführers zu Recht und mit zutreffender Begründung abgelehnt. 4.  4.1. Lehnt  das Bundesamt  das Asylgesuch  ab  oder  tritt  es  darauf  nicht  ein,  so  verfügt  es  in  der  Regel  die Wegweisung  aus  der  Schweiz  und  ordnet den Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit  der Familie (Art. 44 Abs. 1 AsylG). 4.2. Der Beschwerdeführer  verfügt weder  über  eine  ausländerrechtliche  Aufenthaltsbewilligung  noch  über  einen  Anspruch  auf  Erteilung  einer  solchen. Die Wegweisung wurde demnach zu Recht angeordnet (Art. 44  Abs. 1 AsylG; BVGE 2009/50 E. 9 S. 733, BVGE 2008/34 E. 9.2 S. 510,  Entscheidungen  und  Mitteilungen  der  Schweizerischen  Asylrekurskommission [EMARK] 2001 Nr. 21). 5.  5.1.  Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder  nicht möglich, so regelt das Bundesamt das Anwesenheitsverhältnis nach  den  gesetzlichen  Bestimmungen  über  die  vorläufige  Aufnahme  von  Ausländern  (Art.  44  Abs.  2  AsylG;  Art.  83  Abs.  1  des  Bundesgesetzes  vom 16. Dezember 2005 über die Ausländerinnen und Ausländer  [AuG,  SR 142.20]). 5.2. Der Vollzug ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche Verpflichtungen  der  Schweiz  einer Weiterreise  der  Ausländerin  oder  des  Ausländers  in  den Heimat­, Herkunfts­ oder  in einen Drittstaat entgegenstehen (Art. 83  Abs. 3 AuG). So darf  keine Person  in  irgendeiner Form zur Ausreise  in  ein Land gezwungen werden, in dem ihr Leib, ihr Leben oder ihre Freiheit  aus einem Grund nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet ist oder in dem sie  Gefahr  läuft,  zur  Ausreise  in  ein  solches  Land  gezwungen  zu  werden  (Art. 5  Abs.  1  AsylG;  vgl.  ebenso  Art.  33  Abs.  1  des  Abkommens  vom  28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge [FK, SR 0.142.30]).  Gemäss  Art.  25  Abs.  3  der  Bundesverfassung  der  Schweizerischen  Eidgenossenschaft  vom  18.  April  1999  (BV,  SR  101),  Art.  3  des  Übereinkommens  vom  10.  Dezember  1984  gegen  Folter  und  andere  grausame,  unmenschliche  oder  erniedrigende  Behandlung  oder  Strafe  (FoK,  SR  0.105)  und  der  Praxis  zu  Art.  3  der  Konvention  vom  4.  November  1950  zum Schutze  der Menschenrechte  und Grundfreiheiten 

D­1276/2011 (EMRK,  SR  0.101)  darf  niemand  der  Folter  oder  unmenschlicher  oder  erniedrigender Strafe oder Behandlung unterworfen werden. 5.3. Die Vorinstanz wies in ihrer angefochtenen Verfügung zutreffend dar­ auf  hin,  dass  der  Grundsatz  der  Nichtrückschiebung  nur  Personen  schützt, die die Flüchtlingseigenschaft erfüllen. Da der Beschwerdeführer  keine asylrechtlich erhebliche Gefährdung nachzuweisen oder  glaubhaft  zu  machen  vermag,  kann  das  in  Art.  5  AsylG  verankerte  Prinzip  des  flüchtlingsrechtlichen Non­Refoulements im vorliegenden Verfahren keine  Anwendung finden. Eine Rückkehr des Beschwerdeführers nach Kosovo  ist demnach unter dem Aspekt von Art. 5 AsylG rechtmässig. Sodann er­ geben sich aus den Akten keine hinreichenden Anhaltspunkte dafür, dass  er  für  den  Fall  einer  Ausschaffung  dort  mit  beachtlicher  Wahrscheinlichkeit  einer nach Art.  3 EMRK oder Art.  1 FoK verbotenen  Strafe  oder  Behandlung  ausgesetzt  wäre.  Gemäss  Praxis  des  Europäischen  Gerichtshofes  für  Menschenrechte  (EGMR)  sowie  jener  des  UN­Anti­Folterausschusses  müsste  der  Beschwerdeführer  eine  konkrete  Gefahr  ("real  risk")  nachweisen  oder  glaubhaft  machen,  dass  ihm im Fall einer Rückschiebung Folter oder unmenschliche Behandlung  drohen würde (vgl. EGMR, [Grosse Kammer], Saadi gegen Italien, Urteil  vom  28.  Februar  2008,  Beschwerde  Nr.  37201/06,  §§  124­127,  mit  weiteren Hinweisen). Auch aus der allgemeinen Menschenrechtssituation  in  Kosovo  oder  aus  der  Tatsache,  dass  dort  Angehörige  ethnischer  Minderheiten  in verschiedener Hinsicht Diskriminierungen – so auch von  Seiten  privater  Dritter  –  ausgesetzt  sind,  lässt  sich  noch  kein  reales  Risiko  von  Folter  oder  unmenschlicher  oder  erniedrigender  Strafe  oder  Behandlung  herleiten.  Nach  dem  Gesagten  ist  der  Vollzug  der  Wegweisung  sowohl  im  Sinne  der  asyl­  als  auch  der  völkerrechtlichen  Bestimmungen zulässig. 5.4.  5.4.1. Gemäss Art. 83 Abs. 4 AuG kann der Vollzug  für Ausländerinnen  und  Ausländer  unzumutbar  sein,  wenn  sie  im  Heimat­  oder  Herkunftsstaat  auf  Grund  von  Situationen  wie  Krieg,  Bürgerkrieg,  allgemeiner  Gewalt  und  medizinischer  Notlage  konkret  gefährdet  sind.  Wird eine konkrete Gefährdung festgestellt, ist – unter Vorbehalt von Art.  83 Abs.  7  AuG  –  die  vorläufige  Aufnahme  zu  gewähren  (vgl.  Botschaft  zum Bundesgesetz über die Ausländerinnen und Ausländer vom 8. März  2002, BBl 2002 3818).

D­1276/2011 5.4.2.  Die  Vorinstanz  hielt  in  der  angefochtenen  Verfügung  fest,  dass  weder  die  im Heimatstaat  herrschende politische Situation  noch  andere  Gründe gegen die Zumutbarkeit der Rückführung nach Kosovo sprechen  würden.  Die  Sicherheitslage  habe  sich  in  den  vergangenen  Jahren  verbessert  oder  zumindest  stabilisiert  und  die  Wahrscheinlichkeit  einer  konkreten Gefährdung für Bosniaken, Torbes und Gorani alleine aufgrund  der  Ethnie  könne  weitgehend  ausgeschlossen  werden.  Zudem  sei  für  diese  Ethnien  die  Bewegungsfreiheit  grundsätzlich  in  ganz  Kosovo  gegeben.  Auch  der  Zugang  zu  den  medizinischen  und  sozialen  Strukturen  sei  in  aller  Regel  gewährleistet.  Zudem  gebe  es  auch  keine  individuellen  Gründe,  die  gegen  die  Zumutbarkeit  eines  Wegweisungsvollzugs  sprechen  würden.  Der  junge  und  gesunde  Beschwerdeführer besitze eine gute Schulbildung, sei im familieneigenen  Imbissladen  tätig  gewesen  und  verfüge  in  Kosovo  über  ein  familiäres  Beziehungsnetz. Zudem habe er die finanzielle Lage der Familie als sehr  gut bezeichnet. 5.4.3.  In  der  Beschwerdeschrift  führt  der  Beschwerdeführer  zur  Zumutbarkeit  des  Wegweisungsvollzugs  sinngemäss  aus,  dass  er  als  Angehöriger  einer  ethnischen  Minderheit  in  Kosovo  kein  menschenwürdiges Leben führen könne. 5.4.4.  In Kosovo herrscht  im  jetzigen Zeitpunkt  nicht  eine generell  unsi­ chere, von bewaffneten Konflikten oder jederzeit drohenden Unruhen ge­ prägte  Lage,  aufgrund  derer  der  Beschwerdeführer  bei  einer  Rückkehr  unweigerlich einer konkreten Gefährdung ausgesetzt würde. Blosse sozi­ ale und wirtschaftliche Schwierigkeiten, von denen weite Teile der ansäs­ sigen Bevölkerung betroffen sind, genügen nicht, um eine Gefährdung im  Sinne von Art. 83 Abs. 4 AuG darzustellen (vgl. BVGE 2010/41 E. 8.3.6  S. 591, EMARK 2005 Nr. 24 E. 10.1 S. 215). Der Beschwerdeführer gehört der Minderheit der slawischen Muslime und  innerhalb  dieser  der  Untergruppe  der  Gorani  an.  Was  die  allgemeine  Lage der slawischen Muslime betrifft, so wurde ihnen im Vergleich zu den  Angehörigen  der  Ethnien  der  Roma,  Ashkali  und  „Ägypter“  (vgl.  BVGE  2007/10 mit weiteren Hinweisen) sowie den Kosovo­Serben schon immer  eine  höhere  Toleranz  entgegengebracht.  Im  Zusammenhang  mit  der  Beurteilung der Vollziehbarkeit einer Wegweisung äusserte sich die ARK  bereits  in EMARK 2002 Nr.  22  zur Situation  der  slawischen Muslime  in  Ko­sovo. Gemäss aktueller Rechtsprechung  ist ein Wegweisungsvollzug  der  slawischen  Muslime,  so  insbesondere  der  Gorani,  in  sämtliche 

D­1276/2011 Gebiete  von  Kosovo  –  mit  Ausnahme  der  Region  von  Mitrovica  –  als  zumutbar zu erachten (vgl. zur Publikation vorgesehenes Urteil BVGE D­ 6827/2010 vom 2. Mai 2011 E. 8.6). Dem  BFM  ist  darin  zuzustimmen,  dass  die  Wahrscheinlichkeit  einer  konkreten Gefährdung  für  Angehörige  der Gorani  alleine  aufgrund  ihrer  Ethnie  weitgehend  ausgeschlossen  werden  kann.  Zudem  ist  für  diese  Ethnie die Bewegungsfreiheit in Kosovo grundsätzlich gegeben. Auch ihr  Zugang zu den medizinischen und sozialen Strukturen  ist  in aller Regel  gewährleistet  (vgl.  Urteil  des  Bundesverwaltungsgerichts  E­7846/2008  vom 15. September 2010 E. 9.6.). Das Gericht  verkennt nicht, dass die  Reintegration  in  Kosovo  insbesondere  für  Minderheiten  schwierig  sein  kann.  Dieser  Umstand  vermag  jedoch  keine  konkrete  Gefährdung  derselben zu begründen.  5.4.5.  In Bezug  auf  die  individuelle  Zumutbarkeit  des Wegweisungsvoll­ zuges sind folgende Aspekte zu beachten: Der Beschwerdeführer verfügt  den  Akten  zufolge  über  einen  Mittelschulabschluss,  besuchte  die  Universität  während  eines  Semesters  und  arbeitete  im  familieneigenen  Imbissgeschäft  (vgl.  act.  A3/10,  S.  2).  Zudem  kann  er  in  seiner  Herkunftsregion auf ein grosses Beziehungsnetz zurückgreifen, weshalb  er  gute  Voraussetzungen  mitbringt,  die  es  ihm  ermöglichen  sollten,  in  seiner  Heimat  –  auch  in  Berücksichtigung  der  dortigen  angespannten  Arbeitsmarktlage – in absehbarer Zeit für seinen Unterhalt aufzukommen.  So  wird  er  dabei  auch  auf  die  Unterstützung  seiner  engsten  Familienangehörigen zählen können, da seine Eltern und Geschwister mit  Urteilen gleichen Datums die Schweiz ebenfalls zu verlassen haben. 5.4.6. Der Vollzug der Wegweisung erweist sich nach dem Gesagten ins­ gesamt als zumutbar.  5.5. Schliesslich obliegt  es dem Beschwerdeführer,  sich nötigenfalls  bei  der  Vertretung  des  Heimatstaates  die  für  eine  Rückkehr  notwendigen  Reisedokumente  zu  beschaffen  (Art.  8  Abs.  4  AsylG),  weshalb  der  Vollzug der Wegweisung auch als möglich zu bezeichnen ist (Art. 83 Abs.  2 AuG, vgl. auch BVGE 2008/34 E. 12 S. 513 ff.). 5.6. Zusammenfassend hat das BFM den Wegweisungsvollzug zu Recht  als zulässig, zumutbar und möglich erachtet. Nach dem Gesagten fällt ei­ ne Anordnung der vorläufigen Aufnahme ausser Betracht (Art. 83 Abs. 1­ 4 AuG).

D­1276/2011 6.  Aus  diesen  Erwägungen  ergibt  sich,  dass  die  angefochtene  Verfügung  Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig und  vollständig feststellt und angemessen ist (Art. 106 AsylG). Die Beschwer­ de ist deshalb abzuweisen. 7.  Bei  diesem  Ausgang  des  Verfahrens  wären  die  Verfahrenskosten  grundsätzlich  dem  unterliegenden  Beschwerdeführer  aufzuerlegen  (Art.  63  Abs. 1  VwVG).  Dieser  hat  jedoch  um  unentgeltliche  Prozessführung  nach Art. 65  Abs.  1  VwVG ersucht. Gemäss  dieser  Bestimmung  befreit  die Beschwerdeinstanz eine Partei, die nicht über die erforderlichen Mittel  verfügt,  auf Antrag  von  der Bezahlung  der Verfahrenskosten,  sofern  ihr  Begehren  nicht  aussichtslos  erscheint.  In  casu  erschienen  die  Anträge  des  Beschwerdeführers  nicht  als  aussichtslos.  Da  zudem  von  seiner  Bedürftigkeit  auszugehen  ist,  ist  das Gesuch gutzuheissen und  von der  Erhebung von Verfahrenskosten abzusehen. (Dispositiv nächste Seite)

D­1276/2011 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1.  Die Beschwerde wird abgewiesen. 2.  Das  Gesuch  um  Gewährung  der  unentgeltlichen  Prozessführung  im  Sinne von Art. 65 Abs. 1 VwVG wird gutgeheissen. 3.  Es werden keine Verfahrenskosten auferlegt. 4.  Dieses  Urteil  geht  an  den  Beschwerdeführer,  das  BFM  und  die  zuständige kantonale Behörde. Der vorsitzende Richter: Der Gerichtsschreiber: Thomas Wespi Stefan Weber Versand:

D-1276/2011 — Bundesverwaltungsgericht 09.08.2011 D-1276/2011 — Swissrulings