Skip to content

Bundesverwaltungsgericht 28.09.2011 D-1207/2011

28. September 2011·Deutsch·CH·CH_BVGE·PDF·2,532 Wörter·~13 min·2

Zusammenfassung

Asyl und Wegweisung | Asyl und Wegweisung; Verfügung des BFM vom 19. Januar 2011

Volltext

Bundesve rwa l t ungsge r i ch t T r i buna l   adm in istratif   f édé ra l T r i buna l e   ammin istrati vo   f ede ra l e T r i buna l   adm in istrativ   f ede ra l Abteilung IV D­1207/2011 Urteil   v om   2 8 .   S ep t embe r   2011 Besetzung Richter Fulvio Haefeli (Vorsitz), Richterin Christa Luterbacher, Richter Gérald Bovier, Gerichtsschreiber Gert Winter. Parteien A._______, geboren (…), und deren Kinder B._______, geboren (…), C._______, geboren (…), Türkei,  vertreten durch lic. iur. Florian Wick, Rechtsanwalt,  (…),  Beschwerdeführerinnen,  gegen Bundesamt für Migration (BFM), Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Asyl und Wegweisung; Verfügung des BFM vom 19. Januar 2011 / N _______.

D­1207/2011 Sachverhalt: A.  A.a.  Eigenen  Angaben  zufolge  verliess  die  Beschwerdeführerin  den  Heimatstaat zusammen mit  ihren beiden minderjährigen Töchtern am 6.  September 2010 auf dem Luftweg und gelangte am 15. September 2010  via  (…)  unkontrolliert  in  die  Schweiz,  wo  sie  noch  gleichentags  im  Empfangs­  und  Verfahrenszentrum  (EVZ)  D._______  ein  Asylgesuch  einreichte. Anlässlich der Befragung vom 23. September 2010 zur Person  (BzP) im EVZ D._______ sowie der Direktanhörung vom 11. Januar 2011  durch  das  BFM  machte  die  Beschwerdeführerin  zur  Begründung  ihres  Asylgesuchs  im  Wesentlichen  geltend,  sie  sei  im  Jahre  1997  in  die  Schweiz  eingereist  und  habe  im  Jahre  2000  oder  2001  ihren Ehemann  (P.)  geheiratet.  In  der  Folge  habe  sie  in  der  Schweiz  zwei  Töchter  geboren.  Ihre  Schwiegereltern  hätten  erst  ein  Jahr  nach  ihrer  Hochzeit  erfahren, dass sie Alevitin sei. Im Jahre 2005 sei sie mit ihrem Ehemann  und ihren Töchtern in die Türkei gereist. Danach habe ihr Ehemann nicht  mehr  in  die  Schweiz  zurückkehren  wollen.  Die  Beschwerdeführerin  sei  alsdann mit ihren beiden Kindern ohne Ehemann nochmals für kurze Zeit  in  die  Schweiz  gekommen.  Nach  ihrer  Rückkehr  in  die  Türkei  sei  sie  wegen Eheproblemen zu ihrem Vater gezogen. Da ihre Eltern von Anfang  an  gegen  ihre  Ehe  mit  P.  gewesen  seien,  hätten  sie  die  Beschwerdeführerin wieder zu P. zurückgeschickt. Dieser habe sie dann  während  sechs Monaten  immer wieder  geschlagen.  Das Ehepaar  habe  schliesslich  eine  räumliche  Trennung  im  Haus  vorgenommen.  Vor  ca.  zwei Jahren sei ihr Ehemann wieder in die Schweiz gereist. Nach seinem  Weggang habe niemand mehr sie mit  ihren beiden Kindern gewollt. Sie  sei  zwischen beiden Familien hin­ und hergeschoben worden. Sie habe  für sich eine Wohnung mieten wollen, doch sei niemand bereit gewesen,  eine  Wohnung  an  eine  geschiedene  Frau  zu  vergeben.  Ihre  Schwiegereltern  hätten  sie  wegen  ihrer  Glaubenszugehörigkeit  beschimpft und im ganzen Dorf verbreitet, sie habe aus dem Haus von P.  ein Freudenhaus gemacht und sei eine Hure. Daraufhin sei sie für einige  Monate  zu  ihrer  Schwester  nach  E._______  gezogen.  Ihr  Vater  habe  ihrer  Schwester  daraufhin  angedroht,  sie  zu  verstossen,  wenn  sie  die  Beschwerdeführerin weiterhin bei  sich beherbergen würde.  In der Folge  sei  sie erneut  ins Dorf  in das Haus  ihres Ehemanns zurückgekehrt. Am  29. Oktober 2009 habe sie sich scheiden lassen. Von 2008 bis 2009 habe  sie zusammen mit einer Freundin eine kleine Pistazienplantage betrieben  und  sich  ab  Oktober  2009  bis  Februar  2010  bei  ihrer  Schwester  in 

D­1207/2011 E._______  aufgehalten. Diese Veränderung  habe wiederum Drohungen  ihres  Vaters  ausgelöst,  ihre  Schwester  zu  verstossen,  falls  sie  die  Beschwerdeführerin  bei  sich  beherberge.  Im  März  2010  sei  der  Neffe  ihres Ehemanns  um  zwei Uhr morgens  zu  ihr  gekommen  und  habe  ihr  vorgeworfen,  sie  habe  einen  Mann  bei  sich.  Er  habe  jedes  Zimmer  durchsucht  und  die  Beschwerdeführerin  geschlagen.  Sie  habe  diesen  Übergriff anzeigen wollen, doch habe ihr Cousin sie unter Androhung von  Gewalt  genötigt,  dies  zu  unterlassen.  Im  Jahre  2010  sei  sie  zu  ihrer  Schwester  nach F._______ gegangen.  Ihr Vater  und  ihre Brüder hätten  diese massiv  bedroht  und  von  ihr  verlangt,  die Beschwerdeführerin  aus  dem Haus  zu werfen.  Sie  habe  keine Chance  gehabt,  als  geschiedene  Frau  ein  normales  Leben  zu  führen.  Aus  diesen Gründen  habe  sie  am 6.  September  2010  die  Türkei  verlassen  und  sei  von  E._______  nach  G._______  geflogen.  Nach  mehrtägigem  Aufenthalt  in  (…)  sei  sie  am 15. September 2010 mit dem Auto nach D._______ chauffiert worden. A.b.  Die  Beschwerdeführerin  reichte  ihre  eigene  Identitätskarte  sowie  diejenigen ihrer beiden Töchter sowie zwei Zivilregisterauszüge ein. A.c. Zur Untermauerung ihrer Vorbringen reichte sie das Scheidungsurteil  (Beweismittel  1)  und  zwei  Dokumente  bezüglich  der  Namensänderung  ihrer Töchter zu den Akten (Beweismittel 2 und 3). B.  Mit  Verfügung  vom  19.  Januar  2011  –  eröffnet  am  21.  Januar  2011  ­  stellte  das  BFM  fest,  die  Beschwerdeführenden  erfüllten  die  Flüchtlingseigenschaft nicht, und lehnte die Asylgesuche ab. Gleichzeitig  ordnete  es  die Wegweisung  aus  der  Schweiz  und  den  Vollzug  an.  Zur  Begründung hielt  die Vorinstanz  im Wesentlichen  fest,  in Bezug auf die  geltend gemachten Übergriffe und Befürchtungen sei  festzustellen, dass  die türkische Regierung im Rahmen eines auf mehrere Jahre angelegten  Aktionsprogramms  mit  Aufklärungskampagnen,  TV­Spots  und  einer  landesweiten  Telefon­Hotline  gegen  Ehrenmorde  und  häusliche  Gewalt  vorgehen wolle. Zudem solle zur Lösung dieser Probleme auch mit nicht­ staatlichen  Organisationen  zusammengearbeitet  werden.  Ein  weiterer  Pfeiler sei die Religionsbehörde, die Aufklärungsarbeit  in den Moscheen  leisten solle. Auf gesetzlicher Ebene sehe das neue türkische Strafgesetz  für  Ehrenmorde  Strafverschärfungen  statt  wie  vorher  Strafmilderungen  vor.  Der  türkische  Staat  lasse  somit  klar  den  Willen  erkennen,  Ehrendelikte  und  häusliche  Gewalt  zu  bekämpfen.  Die  türkischen  Behörden  verfügten  mit  ihren  Sicherheitskräften  auch  über  die  Mittel 

D­1207/2011 dazu.  Zwar  stünden  die  Bemühungen  der  türkischen  Behörden  zum  Schutz der betroffenen Frauen noch in ihren Anfängen, doch wäre es der  Beschwerdeführerin möglich und zumutbar gewesen, sich beim Staat um  Schutz zu bemühen. Der türkische Staat sei grundsätzlich willens und in  der  Lage,  der Beschwerdeführerin  auf Anfrage  hin  effektiven Schutz  im  Falle etwaiger Bedrohungen und/oder Gewaltanwendungen zu gewähren.  Die  Beschwerdeführerin  habe  jedoch  davon  Abstand  genommen,  von  dieser  Möglichkeit  Gebrauch  zu  machen,  dies  mit  der  Begründung,  ihr  Schwager habe ihr versichert, sie nicht mehr zu behelligen. Ihre weiteren  Schwierigkeiten  mit  ihren  Verwandten  seien  persönlicher  Natur  und  ebenfalls  nicht  asylrelevant.  Es  lägen  zudem  keine  konkreten  Hinweise  vor,  wonach  die  Beschwerdeführerin  nach  ihrer  Rückkehr  in  die  Türkei  seitens ihrer Verwandten einer ernsthaften Gefährdung ausgesetzt wäre.  Abgesehen  davon  seien  ihre  Ausführungen  zum  Teil  widersprüchlich,  weshalb bezüglich der Glaubhaftigkeit der geltend gemachten Probleme  mit  ihren Verwandten  auch  Zweifel  angebracht  seien.  So  habe  sie  sich  unter  anderem widersprüchlich  hinsichtlich  ihres  Aufenthaltes  bei  ihrem  Vater geäussert. Anlässlich der BzP habe sie zu Protokoll gegeben, vom  April  bis  Juni  2010  bei  diesem  gewohnt  zu  haben.  In  der  Anhörung  hingegen  wolle  sie  fünf  Monate  bei  ihrem  Vater  verbracht  haben.  Auf  Vorhalt hin habe sie wiederum gemeint, dass sie von März bis Ende Juni  2010 beim Vater gelebt habe. Wenig nachvollziehbar sei beispielsweise  auch  ihre Darlegung,  dass  ihr Vater  einerseits  ihren Schwestern  drohe,  falls  sich  diese  weiterhin  um  die  Beschwerdeführerin  kümmerten,  die  Beschwerdeführerin jedoch andererseits bei sich aufgenommen und habe  wohnen lassen. Die Vorbringen der Beschwerdeführerin hielten somit den  Anforderungen  an  die  Flüchtlingseigenschaft  gemäss  Art.  3  und  7  des  Asylgesetzes  vom  26. Juni  1998  (AsylG,  SR 142.31)  nicht  stand.  Demzufolge  erfülle  sie  die  Flüchtlingseigenschaft  nicht,  weshalb  das  Asylgesuch  abzulehnen  sei.  Dementsprechend  könne  auch  der  Grundsatz  der  Nichtrückschiebung  gemäss  Art.  5  Abs.  1  AsylG  nicht  angewendet  werden.  Ferner  ergäben  sich  aus  den  Akten  keine  Anhaltspunkte dafür, dass der Beschwerdeführerin und ihren Töchtern im  Falle  einer  Rückkehr  in  den  Heimatstaat  mit  beachtlicher  Wahrscheinlichkeit  eine  durch  Art.  3  der  Konvention  vom  4. November  1950 zum Schutze der Menschenrechte und Grundfreiheiten (EMRK, SR  0.101)  verbotene  Strafe  oder  Behandlung  drohe.  Schliesslich  sprächen  auch  keine  individuellen  Gründe  gegen  die  Zumutbarkeit  der  Rückkehr  der  Beschwerdeführerin  und  ihrer  Töchter.  Zum  einen  verfügten  sie  in  ihrem  Heimatstaat  über  angemessenen  Wohnraum,  da  die  Beschwerdeführerin  im Haus  ihres  Ex­Mannes  (P.),  der  in  der  Schweiz 

D­1207/2011 lebe,  wohnen  könne.  Ausserdem  unterstütze  sie  dieser  auch  finanziell.  Wie in den Erwägungen festgestellt, fänden sich in den Ausführungen der  Beschwerdeführerin  im  Zusammenhang  mit  den  Problemen  mit  ihren  Verwandten  Ungereimtheiten  und  Widersprüche,  weshalb  berechtigte  Zweifel  bezüglich  ihrer  Vorbringen  angebracht  seien.  Es  sei  deshalb  davon  auszugehen,  dass  die  Beschwerdeführerin  in  ihrem  Heimatstaat  nicht  völlig  auf  sich  alleine  gestellt  sei,  sondern  auch  über  ein  verwandtschaftliches  und  soziales  Beziehungsnetz  verfüge,  auf  das  sie  sich  gegebenenfalls  abstützen  könne.  Offenbar  pflege  die  Beschwerdeführerin  eine  gute  Beziehung  zu  ihrem  Ex­Mann.  Die  Rechtsvertretung  habe  einen  Kantonswechsel  der  Beschwerdeführerin  namentlich damit begründet, dass sie und ihre Kinder das Familienleben  mit P. pflegen wollten. Deshalb könne auch davon ausgegangen werden,  dass  allenfalls  bestehende  Probleme  mit  den  Verwandten  angegangen  werden könnten und eine annehmbare Lösung gefunden werden könne.  Die  Beschwerdeführerin  habe  auch  Arbeitserfahrung.  Gemäss  ihren  Angaben  habe  sie  ein  Einkommen  aus  einer  kleinen  Pistazienplantage  erzielen können. Ausserdem sei der Vollzug der Wegweisung  technisch  möglich und praktisch durchführbar. C.  C.a. Mit Beschwerde vom 21. Februar 2011 liess die Beschwerdeführerin  die  Aufhebung  der  angefochtenen  Verfügung  und  die  Gewährung  von  Asyl in der Schweiz für sich und ihre Kinder beantragen. Eventualiter sei  von  einer  Wegweisung  abzusehen  und  die  vorläufige  Aufnahme  der  Beschwerdeführerin und ihrer Kinder anzuordnen; allenfalls sei die Sache  zur  Prüfung  von  Wegweisungsvollzugshindernissen  an  die  Vorinstanz  zurückzuweisen.  Auf  die  Begründung  wird,  soweit  wesentlich,  in  den  nachfolgenden Erwägungen eingegangen. C.b. Zur Untermauerung ihrer Vorbringen reichte die Beschwerdeführerin  diverse Beweismittel zu den Akten: einen Bericht von BBC News mit dem  Titel  "Turkish  girl  was  buried  alive",  einen  "Shadow  NGO  Report  on  Turkey's Sixth Periodic Report to the Committee on the Elimination of Dis­ crimination  against  Women",  einen  Bericht  von  Freedom  House,  einen  Bericht  der  UK  Border  Agency  zur  Türkei,  einen  Bericht  mit  dem  Titel  "Turkey  2010  Progress  Report",  die  Fotokopie  einer  Landkarte,  einen  Auszug aus Wikipedia zur Stadt H._______, eine Meldebestätigung vom  24. November 2009, ein Kindergarten­ sowie ein Schulzeugnis.

D­1207/2011 D.  D.a. Mit Zwischenverfügung vom 28. Februar 2011  forderte der  Instruk­ tionsrichter  des  Bundesverwaltungsgerichts  die  Beschwerdeführenden  auf,  bis  zum  15.  März  2011  einen  Kostenvorschuss  von  Fr.  600.­  zu  Gunsten der Gerichtskasse zu überweisen. D.b.  Der  einverlangte  Kostenvorschuss  wurde  am  13.  März  2011  geleistet. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1.  1.1. Gemäss Art. 31 des Verwaltungsgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005  (VGG, SR 173.32) beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Beschwerden  gegen Verfügungen nach Art. 5 des Bundesgesetzes vom 20. Dezember  1968  über  das  Verwaltungsverfahren  (VwVG,  SR 172.021).  Das  BFM  gehört zu den Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz  des  Bundesverwaltungsgerichts.  Eine  das  Sachgebiet  betreffende  Ausnahme  im  Sinne  von  Art. 32  VGG  liegt  nicht  vor.  Das  Bundesverwaltungsgericht  ist  daher  zuständig  für  die  Beurteilung  der  vorliegenden  Beschwerde  und  entscheidet  auf  dem  Gebiet  des  Asyls  endgültig,  ausser  bei  Vorliegen  eines  Auslieferungsersuchens  des  Staates,  vor  welchem  die  beschwerdeführende  Person  Schutz  sucht  (Art. 105  AsylG;  Art. 83  Bst. d  Ziff. 1  des  Bundesgerichtsgesetzes  vom  17. Juni 2005 [BGG, SR 173.110]). 1.2. Das  Verfahren  richtet  sich  nach  dem  VwVG,  dem  VGG  und  dem  BGG, soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6  AsylG). 1.3.  Die  Beschwerde  ist  frist­  und  formgerecht  eingereicht.  Die  Beschwerdeführerinnen  haben  am  Verfahren  vor  der  Vorinstanz  teilgenommen, sind durch die angefochtene Verfügung besonders berührt  und  haben  ein  schutzwürdiges  Interesse  an  deren  Aufhebung  beziehungsweise  Änderung.  Sie  sind  daher  zur  Einreichung  der 

D­1207/2011 Beschwerde legitimiert (Art. 105 und Art. 108 Abs. 1 AsylG, Art. 48 Abs. 1  sowie Art. 52 VwVG). Auf die Beschwerde ist einzutreten. 2.  Mit  Beschwerde  kann  die  Verletzung  von  Bundesrecht,  die  unrichtige  oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts und  die Unangemessenheit gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG). 3.  3.1.  Gemäss  Art. 2  Abs. 1  AsylG  gewährt  die  Schweiz  Flüchtlingen  grundsätzlich  Asyl.  Flüchtlinge  sind  Personen,  die  in  ihrem Heimatstaat  oder  im Land,  in dem sie zuletzt wohnten, wegen  ihrer Rasse, Religion,  Nationalität,  Zugehörigkeit  zu  einer  bestimmten  sozialen  Gruppe  oder  wegen ihrer politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt  sind  oder  begründete  Furcht  haben,  solchen  Nachteilen  ausgesetzt  zu  werden. Als  ernsthafte Nachteile  gelten  namentlich  die Gefährdung  des  Leibes,  des  Lebens  oder  der  Freiheit  sowie  Massnahmen,  die  einen  unerträglichen  psychischen  Druck  bewirken.  Den  frauenspezifischen  Fluchtgründen ist Rechnung zu tragen (Art. 3 AsylG). 3.2.  Wer  um  Asyl  nachsucht,  muss  die  Flüchtlingseigenschaft  nachweisen  oder  zumindest  glaubhaft  machen.  Diese  ist  glaubhaft  gemacht,  wenn  die  Behörde  ihr  Vorhandensein  mit  überwiegender  Wahrscheinlichkeit  für  gegeben  hält.  Unglaubhaft  sind  insbesondere  Vorbringen, die in wesentlichen Punkten zu wenig begründet oder in sich  widersprüchlich sind, den Tatsachen nicht entsprechen oder massgeblich  auf  gefälschte  oder  verfälschte  Beweismittel  abgestützt  werden  (Art. 7  AsylG). 4.  4.1.  Zur  Begründung  ihrer  Beschwerdeschrift  macht  die  Beschwerdeführerin  im  Wesentlichen  geltend,  mit  dem  Schutz  von  Frauen und Kindern vor familiären Repressalien sei es in der Türkei, wie  die  zahlreichen  Beweismittel  belegten,  nach  wie  vor  nicht  weit  her.  Dementsprechend könne derzeit keineswegs von einer  funktionierenden  und  effizienten  Schutzstruktur  des  türkischen  Staates  gegen  häusliche  Gewalt  und  Ehrenmorde  gesprochen  werden.  Zudem  hätten  die  völlige  Ausstossung  aus  der  eigenen  Familie  und  derjenigen  des  Ehemannes  sowie  die  erlittene Gewalt,  die Nachstellungen  und  die  Ausweglosigkeit  traumatisierende Auswirkungen  auf  die  Beschwerdeführerin  gehabt.  Sie 

D­1207/2011 leide  heute  an Migräne  und  Schlaflosigkeit,  weshalb  sie  Antidepressiva  einnehmen  müsse.  Ein  entsprechendes  Arztzeugnis  werde  sobald  erhältlich nachgereicht. Die traumatisierte Beschwerdeführerin habe denn  auch darauf hingewiesen, dass sie Mühe habe, das Ganze nochmals zu  erzählen, wobei es  ihr  jeweils  immer sehr schlecht gehe. Komme es bei  traumatisierenden Erfahrungen zu Störungen der Gedächtnisleistung, so  könnten  sich  diese  auf  Logik,  Widerspruchsfreiheit  und  Konsistenz  der  Aussagen auswirken. Dies sei bei der Würdigung der von der Vorinstanz  aufgelisteten  Widersprüche  und  Unstimmigkeiten  gebührend  zu  berücksichtigen.  So  habe  die  Beschwerdeführerin  beispielsweise  anlässlich der BzP gesagt,  sie habe von April bis Juni 2010 beim Vater  gewohnt,  während  sie  demgegenüber  in  der  Direktanhörung  von  fünf  Monaten gesprochen habe. Diesbezüglich habe die Beschwerdeführerin  ausdrücklich  darauf  hingewiesen,  dass  sie  sich  auf  Grund  der  traumatisierenden Erlebnisse und der häufigen Wohnortswechsel nicht an  jedes  chronologische  Detail  erinnern  könne.  Die  Vorinstanz  überdehne  hier die Voraussetzungen an die Glaubhaftigkeit,  zumal es sich bei den  geltend gemachten zeitlichen Widersprüchen  jedenfalls nicht um wirklich  wesentliche Details  handle.  In  einer Gesamtsicht  könnten  die  zeitlichen  Unregelmässigkeiten  ihrer  Darstellung  kein  erhebliches  Gewicht  beanspruchen,  weshalb  diese  Abweichungen  auch  nicht  die  Glaubhaftigkeit der von der Beschwerdeführerin geschilderten Tatsachen  zu  beeinträchtigen  vermöchten.  Schliesslich  bringe  die  Vorinstanz  noch  vor,  es  sei  wenig  nachvollziehbar,  dass  der  Vater  gegenüber  den  Schwestern Drohungen ausgesprochen habe  für den Fall, dass sie sich  weiter um die Beschwerdeführerin kümmerten, dann aber diese trotzdem  bei  sich  habe  wohnen  lassen.  Das  sei  jedoch  kein Widerspruch,  wenn  man  die  Hintergründe  in  Betracht  ziehe.  Es  sei  nämlich  die  Schwiegermutter (recte: Stiefmutter), die im Hause des Vaters das Sagen  habe. Obwohl er die Schwestern der Beschwerdeführerin vorher bedroht  habe,  habe  die  Stiefmutter  schliesslich  gegenüber  dem  Vater  die  Aufnahme  der  Beschwerdeführerin  durchgesetzt.  Nach  dem  Gesagten  sei  der  Beschwerdeführerin  und  ihren  Kindern  Asyl  zu  gewähren.  Im  Übrigen sei in casu der Wegweisungsvollzug im Hinblick auf Art. 8 EMRK  unzulässig,  weil  der  vormalige  Ehemann  und  Vater  ein  gefestigtes  Aufenthaltsrecht in der Schweiz habe. Ebenfalls unter dem Gesichtspunkt  von Art. 8 EMRK sei zu präzisieren, dass es nach der Wiedervereinigung  der Familie im Kanton I._______ für die Kinder nicht mehr zumutbar sei,  in die Türkei zurückzukehren, zumal sie bereits die Schule besuchten und  die  Beziehung  zu  ihrem  Vater  pflegten.  Auch  Art.  3  der  Kinderrechtskonvention  sei  in  diesem  Zusammenhang  zu 

D­1207/2011 berücksichtigen. Besonders bedeutsam sei des Weiteren die Verstossung  der Beschwerdeführerin durch ihre eigene Familie wie auch diejenige des  Kindsvaters.  Unter  diesen  Umständen  könne,  entgegen  den  Ausführungen  der  Vorinstanz,  von  einem  verwandtschaftlichen  und  sozialen  Beziehungsnetz  keine  Rede  sein.  Es  sei  davon  auszugehen,  dass  die  Beschwerdeführerin  und  ihre  Kinder  in  der  Türkei  erhebliche  Wiedereingliederungsschwierigkeiten  haben  würden.  Zudem  entspreche  es dem Kindeswohl am besten, wenn die Kinder mit dem Vater und der  Mutter zusammen in der Schweiz das Familienleben pflegen könnten. 4.2.  4.2.1.  Die  Flüchtlingseigenschaft  gemäss  Art.  3  AsylG  erfüllt  eine  asylsuchende  Person  nach  Lehre  und  Rechtsprechung  dann,  wenn  sie  Nachteile  von  bestimmter  Intensität  erlitten  hat  beziehungsweise  mit  beachtlicher  Wahrscheinlichkeit  und  in  absehbarer  Zukunft  begründeterweise  befürchten  muss,  welche  ihr  gezielt  und  aufgrund  bestimmter  Verfolgungsmotive  durch  Organe  des  Heimatstaates  oder  durch  nichtstaatliche  Akteure  zugefügt  worden  sind  beziehungsweise  zugefügt  zu  werden  drohen  (vgl.  Entscheide  des  Schweizerischen  Bundesverwaltungsgerichts  [BVGE]  2008/4  E.  5.2,  Entscheidungen  und  Mitteilungen  der Schweizerischen Asylrekurskommission  [EMARK]  2006  Nr. 18 E. 7 und 8, EMARK 2005 Nr. 21 E. 7). Aufgrund der Subsidiarität  des  flüchtlingsrechtlichen  Schutzes  setzt  die  Anerkennung  der  Flüchtlingseigenschaft  zudem  voraus,  dass  die  betroffene  Person  in  ihrem Heimatland keinen ausreichenden Schutz  finden kann (vgl. BVGE  2008/12  E.  7.2.6.2,  BVGE  2008/4  E.  5.2,  EMARK  2006  Nr.  18  E.  10,  EMARK  2005  Nr.  21  E.  7.3  und  E.  11.1,  EMARK  2000  Nr.  15  E.  7a).  Ausgangspunkt  für  die  Beurteilung  der  Flüchtlingseigenschaft  ist  die  Frage nach der  im Zeitpunkt der Ausreise vorhandenen Verfolgung oder  begründeten Furcht vor einer solchen. Entscheidend ist aber die Situation  im  Zeitpunkt  des  Asylentscheides.  Veränderungen  der  objektiven  Situation  im  Heimatstaat  zwischen  Ausreise  und  Asylentscheid  sind  deshalb  zu  Gunsten  und  zu  Lasten  der  das  Asylgesuch  stellenden  Person zu berücksichtigen (vgl. BVGE 2008/4 E. 5.4, EMARK 2000 Nr. 2  E. 8a). 4.2.2.  4.2.2.1  Begründete  Furcht  vor  Verfolgung  liegt  vor,  wenn  konkreter  Anlass  zur  Annahme  besteht,  es  habe  im  Zeitpunkt  der  Ausreise  eine 

D­1207/2011 Verfolgung  bestanden  beziehungsweise  eine  solche werde  sich  –  auch  aus  heutiger  Sicht  –  mit  ebensolcher  Wahrscheinlichkeit  in  absehbarer  Zukunft  verwirklichen.  Eine  bloss  entfernte  Möglichkeit  künftiger  Verfolgung genügt nicht; es müssen konkrete  Indizien vorliegen, welche  den Eintritt der erwarteten – und aus einem der vom Gesetz aufgezählten  Motive erfolgenden – Nachteile als wahrscheinlich und dementsprechend  die  Furcht  davor  als  realistisch  und  nachvollziehbar  erscheinen  lassen  (vgl. EMARK 2005 Nr. 21 E. 7, EMARK 2004 Nr. 1 E. 6a). 4.2.2.2  Demgegenüber  ist  in  casu  die  Wahrscheinlichkeit  künftiger  Verfolgung  im  Heimatstaat  als  weit  entfernte  Eventualität  einzustufen,  weil  die  Vorbringen  der  Beschwerdeführerin  weitgehend  unglaubhaft  erscheinen.  Auch  in  der  Beschwerdeschrift  wird  nicht  bestritten,  dass  wesentliche  Vorbringen  der  Beschwerdeführerin  in  chronologischer  Hinsicht  widersprüchlich  ausgefallen  sind.  Die  zahlreichen,  von  der  Vorinstanz  aufgelisteten  Unstimmigkeiten  werden  in  der  Beschwerde  jedoch  mit  den  traumatisierenden  Erfahrungen  der  Beschwerdeführerin  beziehungsweise mit Störungen ihrer Gedächtnisleistung "erklärt". Dieses  Vorbringen  vermag  indessen  nicht  zu  einer  veränderten  Betrachtungsweise  zu  führen,  stellen  doch  beispielsweise  die  Wohnsitznahme  in  E._______  oder  der  dortige  sechsmonatige  Aufenthalt,  der  auf  Beschwerdeebene  noch mit  Beweisen  (Beweismittel  10 und 11) untermauert wird, per se keine traumatischen Ereignisse dar.  Die  Beschwerdeführerin  muss  sich  dementsprechend  bei  ihren  widersprüchlichen,  die  Chronologie  betreffenden  Erklärungen,  die  typischerweise  einen  sicheren  Schluss  auf  die  Unglaubhaftigkeit  der  geltend  gemachten  Verfolgungssituation  ermöglichen,  behaften  lassen.  Darüber  hinaus  ist  in  diesem Zusammenhang  anzumerken,  dass  in  der  Beschwerde vom 21. Februar 2011 in Aussicht gestellt wurde, es werde –  sobald  erhältlich  –  ein  Arztbericht  nachgereicht  werden,  der  sich  zum  Gesundheitszustand  der  Beschwerdeführerin  auslassen  werde.  Mittlerweile  ist  etwa  ein  halbes  Jahr  seit  der  Beschwerdeeingabe  verstrichen,  ohne  dass  beim  Bundesverwaltungsgericht  ein  entsprechender  Bericht  eingegangen  wäre.  Schliesslich  bleibt  zu  erwähnen,  dass  das Vorbringen  in  der Beschwerde,  die Stiefmutter  der  Beschwerdeführerin habe im Hause des Vaters das Sagen und letzteren  gezwungen,  die  Beschwerdeführerin  aufzunehmen,  insofern  nicht  zu  einer  veränderten  Betrachtungsweise  zu  führen  vermag,  als  inskünftig  eine  rechtzeitige  Einweihung  der  Stiefmutter  die  Schwestern  der  Beschwerdeführerin  vor  allfälligen  Drohungen  des  Vaters  bewahren  würde,  sollte  die  Beschwerdeführerin  bei  einer  von  ihnen  Unterschlupf 

D­1207/2011 suchen  wollen.  Von  begründeter  Furcht  könnte  bei  solcher  Sachlage  keine Rede sein. 4.2.3. Nachteilen, die Frauen zugefügt werden oder zugefügt zu werden  drohen,  liegt ein flüchtlingsrechtlich relevantes Motiv  im Sinne von Art. 3  Abs. 1 AsylG dann zugrunde, wenn diese Nachteile  in diskriminierender  Weise  an  das  Merkmal  des  (weiblichen)  Geschlechts  anknüpfen  (vgl.  dazu EMARK 2006 Nr. 32 E. 8). Dies ist etwa der Fall, wenn in Ländern  mit  weit  verbreiteten  traditionell­konservativen  Wertvorstellungen  von  Zwangsheirat  oder  Ehrenmord  bedrohte  Frauen  und  Mädchen  nicht  denselben  staatlichen  Schutz  erhalten,  mit  dem  im  Allgemeinen  männliche  Opfer  von  privater  Gewalt  rechnen  können  (vgl.  Urteil  D­ 4289/2006 vom 11. September 2008 E. 6.4). 4.2.4.  Es  stellt  sich  die  Frage,  ob  die  Beschwerdeführerin  als  geschiedene,  allenfalls  von  beiden  Familien  verstossene  Frau  in  der  Türkei  seitens  der  Behörden  und  Institutionen  Schutz  gegen  häusliche  Gewalt  und Ehrenmorde  erlangen  kann  oder  ob  sie  (subsidiär)  auf  den  internationalen Schutz durch Asylgewährung angewiesen ist. 4.2.5. Wie die Vorinstanz zu Recht festgestellt hat, haben die türkischen  Behörden grosse Anstrengungen zur Bekämpfung von häuslicher Gewalt  und  von  Ehrenmorden  unternommen  (vgl.  Urteil  des  Bundesverwaltungsgerichts  E­4654/2010  vom 12. August  2010 E.  6.3.3  S. 11) und in den vergangenen Jahren bei der faktischen Wahrnehmung  frauenspezifischer  Schutzanliegen  erhebliche  Fortschritte  erzielen  können,  beispielsweise  durch  die  Bereitstellung  von  zahlreichen  Frauenhäusern  oder  die  Ansiedlung  gefährdeter  Frauen  an  einem  anderen  Ort  und  unter  einer  neuen  Identität  (vgl.  Urteil  des  Bundesverwaltungsgerichts D­6838/2008 vom 4. März 2009 E. 4.3.4); die  Beschwerdeführerin hat somit auch faktisch die Möglichkeit, anderswo als  beim  Vater  (bzw.  der  Stiefmutter)  zu  wohnen,  wenn  dies  aus  Sicherheitsgründen  opportun  erschiene.  Es  ist  anzunehmen,  dass  die  Beschwerdeführerin  zu  ihrem  Schutz  staatliche  wie  auch  private  Angebote  nutzen  kann, weshalb  ihre Vorbringen  den Anforderungen an  eine  Gefährdung  im  Sinne  von  Art.  3  AsylG  nicht  standzuhalten  vermögen.  Zudem  ist  davon  auszugehen,  dass  sie  wie  schon  in  der  Vergangenheit  bei  einem  Grossteil  ihrer  Verwandtschaft  weiterhin  Rückhalt finden wird, weshalb sie sich nicht in einer Bedrohungssituation  wiederfinden  wird,  der  sie  nur  durch  Aufenthalt  in  einem  Drittstaat  entgehen kann.

D­1207/2011 4.2.6.  Angesichts  der  aufgezeigten  Sachlage  erübrigt  es  sich,  auf  die  weiteren  Ausführungen  in  der  Beschwerde  oder  die  Beweismittel  im  Einzelnen  einzugehen,  da  diese  nicht  geeignet  sind,  zu  einer  anderen  rechtlichen  Würdigung  der  Aktenlage  zu  führen.  In  Würdigung  der  gesamten Umstände ist somit festzustellen, dass die Beschwerdeführerin  einen flüchtlingsrechtlich bedeutsamen Sachverhalt weder nachgewiesen  noch  glaubhaft  gemacht  hat.  Die  Feststellung  des  BFM,  sie  erfülle  die  Flüchtlingseigenschaft  nicht,  ist  dementsprechend  zu  bestätigen.  Das  BFM hat die Asylgesuche zu Recht abgelehnt. 5.  5.1. Lehnt  das Bundesamt  das Asylgesuch  ab  oder  tritt  es  darauf  nicht  ein,  so  verfügt  es  in  der  Regel  die Wegweisung  aus  der  Schweiz  und  ordnet den Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit  der Familie (Art. 44 Abs. 1 AsylG). 5.2.  Die  Beschwerdeführenden  verfügen  weder  über  eine  ausländerrechtliche Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf  Erteilung  einer  solchen,  zumal  die Beschwerdeführerin  als  geschiedene  Ehefrau  aus  Art. 8  EMRK  nichts  zu  ihren  Gunsten  ableiten  kann.  Die  Wegweisung  wurde  demnach  zu  Recht  angeordnet.  (Art. 44  Abs. 1  AsylG;  Entscheidungen  und  Mitteilungen  der  Schweizerischen  Asylrekurskommission [EMARK] 2001 Nr. 21). Dies gilt in analoger Weise  auch  für  die minderjährigen  Töchter  der  Beschwerdeführerin  und  deren  Ex­Ehemann, können diese doch aus den Art. 43 ff. des Bundesgesetzes  vom 16. Dezember 2005 über die Ausländerinnen und Ausländer  (AuG,  SR 142.20) nichts zu ihren Gunsten ableiten, weil auch ihr Vater P. nicht  über kein gefestigtes Aufenthaltsrecht  in der Schweiz verfügt. Bei dieser  Sachlage erübrigt sich eine Prüfung, ob die Familienbeziehung zwischen  dem Vater und seinen Töchtern eng genug wäre, um im Hinblick auf Art.  8 EMRK relevant zu sein. 6.  6.1.  Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder  nicht möglich, so regelt das Bundesamt das Anwesenheitsverhältnis nach  den  gesetzlichen  Bestimmungen  über  die  vorläufige  Aufnahme  von  Ausländern (Art. 44 Abs. 2 AsylG; Art. 83 Abs. 1 AuG). Bezüglich  der  Geltendmachung  von  Wegweisungshindernissen  gilt  gemäss  ständiger  Praxis  des  Bundesverwaltungsgerichts  und  seiner 

D­1207/2011 Vorgängerorganisation  ARK  der  gleiche  Beweisstandard  wie  bei  der  Flüchtlingseigenschaft, das heisst, sie sind zu beweisen, wenn der strikte  Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft zu machen (vgl.  WALTER  STÖCKLI,  Asyl,  in:  Uebersax/Rudin/Hugi  Yar/Geiser  [Hrsg.],  Ausländerrecht, 2. Aufl., Basel 2009, Rz. 11.148). 6.2. Der Vollzug ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche Verpflichtungen  der  Schweiz  einer Weiterreise  der  Ausländerin  oder  des  Ausländers  in  den  Heimat­,  Herkunfts­  oder  einen  Drittstaat  entgegenstehen  (Art.  83  Abs. 3 AuG). So  darf  keine  Person  in  irgendeiner  Form  zur  Ausreise  in  ein  Land  gezwungen  werden,  in  dem  ihr  Leib,  ihr  Leben  oder  ihre  Freiheit  aus  einem  Grund  nach  Art. 3  Abs. 1  AsylG  gefährdet  ist  oder  in  dem  sie  Gefahr  läuft,  zur  Ausreise  in  ein  solches  Land  gezwungen  zu  werden  (Art. 5  Abs. 1  AsylG;  vgl.  ebenso  Art. 33  Abs. 1  des  Abkommens  vom  28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge [FK, SR 0.142.30]). Gemäss  Art. 25  Abs. 3  der  Bundesverfassung  der  Schweizerischen  Eidgenossenschaft  vom  18. April  1999  (BV,  SR 101),  Art. 3  des  Übereinkommens  vom  10. Dezember  1984  gegen  Folter  und  andere  grausame,  unmenschliche  oder  erniedrigende  Behandlung  oder  Strafe  (FoK, SR 0.105) und der Praxis zu Art. 3 EMRK darf niemand der Folter  oder  unmenschlicher  oder  erniedrigender  Strafe  oder  Behandlung  unterworfen werden. 6.3.  Die  Vorinstanz  wies  in  ihrer  angefochtenen  Verfügung  zutreffend  darauf hin, dass das Prinzip des  flüchtlingsrechtlichen Non­Refoulement  nur Personen schützt, die die Flüchtlingseigenschaft erfüllen. Da es den  Beschwerdeführenden  nicht  gelungen  ist,  eine  asylrechtlich  erhebliche  Gefährdung nachzuweisen oder glaubhaft zu machen, kann der  in Art. 5  AsylG  verankerte  Grundsatz  der  Nichtrückschiebung  im  vorliegenden  Verfahren  keine  Anwendung  finden.  Eine  Rückkehr  der  Beschwerdeführenden in den Heimatstaat ist demnach unter dem Aspekt  von Art. 5 AsylG rechtmässig. Sodann ergeben sich weder aus den Aussagen der Beschwerdeführerin  noch aus den Akten Anhaltspunkte dafür, dass die Beschwerdeführenden  für den Fall einer Ausschaffung  in den Heimatstaat dort mit beachtlicher  Wahrscheinlichkeit  einer  nach Art. 3  EMRK  oder  Art. 1  FoK  verbotenen  Strafe  oder  Behandlung  ausgesetzt  wären.  Gemäss  Praxis  des 

D­1207/2011 Europäischen  Gerichtshofes  für  Menschenrechte  (EGMR)  sowie  jener  des  UN­Anti­Folterausschusses  müssten  die  Beschwerdeführerinnen  eine  konkrete  Gefahr  ("real  risk")  nachweisen  oder  glaubhaft  machen,  dass  ihnen  im  Fall  einer  Rückschiebung  Folter  oder  unmenschliche  Behandlung  drohen würde  (vgl.  EGMR  [Grosse  Kammer],  Saadi  gegen  Italien,  Urteil  vom  28. Februar  2008,  Beschwerde  Nr. 37201/06,  §§ 124 – 127,  mit  weiteren  Hinweisen).  Auch  die  allgemeine  Menschenrechtssituation  im Heimatstaat  lässt  den Wegweisungsvollzug  zum  heutigen  Zeitpunkt  klarerweise  nicht  als  unzulässig  erscheinen.  Nach  dem Gesagten  ist  der  Vollzug  der Wegweisung  sowohl  im  Sinne  der asyl­ als auch der völkerrechtlichen Bestimmungen zulässig. 6.4.    Gemäss  Art. 83  Abs. 4  AuG  kann  der  Vollzug  für  Ausländerinnen  und  Ausländer  unzumutbar  sein,  wenn  sie  im  Heimat­  oder  Herkunftsstaat  auf  Grund  von  Situationen  wie  Krieg,  Bürgerkrieg,  allgemeiner  Gewalt  und  medizinischer  Notlage  konkret  gefährdet  sind.  Wird  eine  konkrete  Gefährdung  festgestellt,  ist  –  unter  Vorbehalt  von  Art. 83 Abs. 7 AuG – die vorläufige Aufnahme zu gewähren. 6.4.1.  Es  bestehen  keine  Anhaltspunkte  dafür,  dass  die  Beschwerdeführenden  aufgrund  der  allgemeinen  Lage  in  der  Türkei  bei  einer Rückkehr in eine existenzbedrohende Situation geraten könnten. In  der  Türkei  besteht  keine  Situation  generalisierter  Gewalt,  die  sich  über  das ganze Staatsgebiet oder weite Teile desselben erstrecken würde. 6.4.2.  Einer  Rückkehr  der  Beschwerdeführenden  stehen  auch  keine  überwiegenden  individuellen  Gründe  wirtschaftlicher,  sozialer  oder  gesundheitlicher Natur entgegen. Die Beschwerdeführerin wird nämlich nach  ihrer Rückkehr nicht auf sich  allein  gestellt  sein.  Sie  kann  ihren  Lebensunterhalt  wie  schon  vor  ihrer  Ausreise  mit  den  Alimenten  ihres  vormaligen  Ehegatten  bestreiten  und  gegebenenfalls  mit  der  Führung  einer  Plantage  etwas  dazu  verdienen,  weshalb  sie  auch  nicht  mit  einer  einschneidenden  Einschränkung  ihrer  Lebensführung  zu  rechnen  hat.  Zudem  verfügt  sie  im Heimatstaat  über  ein soziales Beziehungsnetz, das sie in der Vergangenheit nach eigenen  Angaben  materiell  unterstützte,  weshalb  davon  ausgegangen  werden  kann, es werde auch  in der Zukunft nicht an der Bereitschaft  fehlen, die  Beschwerdeführerin nötigenfalls zu unterstützen. Und sie wird sich an die  zuständigen  Behörden  beziehungsweise  an  eine  Nichtregierungsorganisation  wenden  können,  wo  sie  Beratung, 

D­1207/2011 Unterstützung  und  notfalls  Schutz  finden  wird.  Die  Beschwerdeführerin  muss  demnach  nicht  damit  rechnen,  nach  der  Rückkehr  mit  einer  existenziellen  Notlage  konfrontiert  zu  werden.  Blosse  soziale  und  wirtschaftliche Schwierigkeiten, von denen die ansässige Bevölkerung im  Allgemeinen  betroffen  ist,  begründen  im  Übrigen  ohnehin  keine  Gefährdung im Sinne von Art. 83 Abs. 4 AuG (vgl. EMARK 2005 Nr. 24 E.  10.1).  Schliesslich  können  die  Kinder  der  Beschwerdeführerin,  welche  lediglich  die  türkische  Staatsangehörigkeit  besitzen,  aus  Art.  3  des  Übereinkommens  vom 20. November  1989 über  die Rechte des Kindes  (SR 0.107) kein Aufenthaltsrecht in der Schweiz ableiten, selbst wenn ihr  Vater  ein  gefestigtes  Aufenthaltsrecht  in  der  Schweiz  haben  sollte  (vgl.  das  in  der  Beschwerde  zitierte  Urteil  des  Bundesgerichts  2C_353/2008  vom 27. März 2009). Da die Kinder, wie sich aus den Akten ergibt, in der  Türkei eingeschult wurden und erst am 6. September 2010 in die Schweiz  einreisten,  ist  es  ihnen  auch  ohne  Weiteres  zuzumuten,  den  Schulunterricht inskünftig wieder in der Türkei zu absolvieren. Die  Türkei  verfügt  über  effiziente  gesundheitliche  Institutionen  mit  Fachpersonal,  wo  die  Beschwerdeführerin  die  allenfalls  angezeigten  Behandlungen  (Migräne,  Schlaflosigkeit,  posttraumatische  Belastungsstörung  usw.)  vornehmen  lassen  kann.  Der  Vollzug  der  Wegweisung erweist sich somit nicht als unzumutbar.  6.5.  Schliesslich  obliegt  es  den  Beschwerdeführenden,  sich  bei  der  zuständigen  Vertretung  des  Heimatstaates  die  für  eine  Rückkehr  notwendigen  Reisedokumente  zu  beschaffen  (vgl.  Art. 8  Abs. 4  AsylG  und dazu auch BVGE 2008/34 E. 12 S. 513 – 515), weshalb der Vollzug  der  Wegweisung  auch  als  möglich  zu  bezeichnen  ist  (Art. 83  Abs. 2  AuG). 6.6. Zusammenfassend  hat  die  Vorinstanz  den Wegweisungsvollzug  zu  Recht als zulässig, zumutbar und möglich erachtet. Nach dem Gesagten  fällt  eine  Anordnung  der  vorläufigen  Aufnahme  ausser  Betracht  (Art. 83  Abs. 1 – 4 AuG). 7.  Aus  diesen  Erwägungen  ergibt  sich,  dass  die  angefochtene  Verfügung  Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig und  vollständig  feststellt  und  angemessen  ist  (Art. 106  AsylG).  Die  Beschwerde ist nach dem Gesagten abzuweisen.

D­1207/2011 8.  Bei  diesem  Ausgang  des  Verfahrens  sind  die  Kosten  den  Beschwerdeführerinnen  aufzuerlegen  (Art. 63  Abs. 1  VwVG),  auf  insgesamt  Fr. 600.­  festzusetzen  (Art.  1  –  3  des  Reglements  vom  21.  Februar  2008  über  die  Kosten  und  Entschädigungen  vor  dem  Bundesverwaltungsgericht  [VGKE,  SR  173.320.2])  und mit  dem  am  13.  März 2011 in gleicher Höhe geleisteten Kostenvorschuss zu verrechnen. Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1.  Die Beschwerde wird abgewiesen. 2.  Die  Verfahrenskosten  von  Fr. 600.­  werden  den  Beschwerdeführenden  auferlegt  und  mit  dem  am  13.  März  2011  in  gleicher  Höhe  geleisteten  Kostenvorschuss verrechnet. 3.  Dieses  Urteil  geht  an  die  Beschwerdeführenden,  das  BFM  und  die  zuständige kantonale Behörde. Der vorsitzende Richter: Der Gerichtsschreiber: Fulvio Haefeli Gert Winter Versand:

D-1207/2011 — Bundesverwaltungsgericht 28.09.2011 D-1207/2011 — Swissrulings