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Bundesverwaltungsgericht 16.02.2012 C-7712/2010

16. Februar 2012·Deutsch·CH·CH_BVGE·PDF·1,895 Wörter·~9 min·2

Zusammenfassung

Ausdehnung der kantonalen Wegweisung | Ausdehnung der kantonalen Wegweisung

Volltext

Bundesve rwa l t ungsge r i ch t T r i buna l   adm in istratif   f édé ra l T r i buna l e   ammin istrati vo   f ede ra l e T r i buna l   adm in istrativ   f ede ra l Abteilung III C­7712/2010 Urteil   v om   1 6 .   Februar   2012 Besetzung Richterin Ruth Beutler (Vorsitz), Richterin Marianne Teuscher, Richter Andreas Trommer, Gerichtsschreiberin Barbara Kradolfer. Parteien A._______,  vertreten durch lic. iur. Peter Bolzli, Rechtsanwalt,  Beschwerdeführerin,  gegen Bundesamt für Migration (BFM), Quellenweg 6, 3003 Bern,    Vorinstanz. Gegenstand Ausdehnung der kantonalen Wegweisung.

C­7712/2010 Sachverhalt: A.  A.a Die Beschwerdeführerin (brasilianische Staatsangehörige, geb. 1954)  reiste erstmals am 10. Januar 1993 in die Schweiz ein, wo sie am 14. Mai  1993 einen schweizerisch­ungarischen Doppelbürger heiratete. Daraufhin  wurde ihr eine Aufenthaltsbewilligung erteilt. Im Februar 1995 verliess sie  zusammen  mit  ihrem  Ehemann  die  Schweiz,  um  sich  in  Brasilien  niederzulassen.  Dort  wurde  am  6. Mai  1995  die  gemeinsame  Tochter  geboren,  welche  die  brasilianische,  die  ungarische  und  die  schweizerische  Staatsangehörigkeit  erhielt.  Ende  1997  übersiedelte  der  Ehemann  alleine  nach  Ungarn.  Anlässlich  eines  Besuches  der  Beschwerdeführerin  und  ihrer  Tochter  in  Ungarn  im  März  1998  entzog  der Ehemann der Beschwerdeführerin die Tochter. Am 29. Oktober 2001  wurde  der  Beschwerdeführerin  vom  Migrationsamt  des  Kantons  Zürich  (nachfolgend: Migrationsamt) eine Aufenthaltsbewilligung erteilt, damit sie  von  der  Schweiz  aus  auf  dem  Rechtsweg  und  mit  Hilfe  der  schweizerischen  Behörden  auf  die  Rückführung  ihrer  Tochter  in  ihre  Obhut  hinwirken  konnte.  Die  Aufenthaltsbewilligung  wurde  regelmässig  verlängert, letztmals bis zum 22. Dezember 2006. A.b  Am  27.  November  2006  wurde  die  Ehe  der  Beschwerdeführerin  geschieden. A.c Mit Verfügung vom 29. Juni 2007 verweigerte das Migrationsamt die  Verlängerung  der  Aufenthaltsbewilligung  und  wies  die  Beschwerdeführerin aus dem Kantonsgebiet weg. Zur Begründung wurde  angeführt, dass nie ein Anspruch auf Aufenthalt bestanden habe, da seit  Jahren  keine  eheliche  Gemeinschaft  mehr  bestehe  und  der  Schweizer  Ehegatte  im  Ausland  lebe.  Für  die  Wahrnehmung  des  der  Beschwerdeführerin zustehenden Rechts auf Besuche bei ihrer in Ungarn  lebenden Tochter sei der Aufenthalt  in der Schweiz nicht notwendig. Es  sei  ihr  zuzumuten,  sich  in  Ungarn  um  eine  Aufenthaltsbewilligung  zu  bemühen.  Zudem  sei  sie,  abgesehen  von  drei Monaten,  während  ihres  bisherigen  sechsjährigen  Aufenthalts  keiner  geregelten  Erwerbstätigkeit  nachgegangen  und  habe  Sozialhilfe  in  beträchtlicher  Höhe  bezogen.  Diese  Verfügung wurde  sowohl  vom Regierungsrat  des  Kantons  Zürich  (Beschluss  vom  25. November  2009)  als  auch  vom  zürcherischen  Verwaltungsgericht  (Urteil  vom  24.  März  2010)  geschützt.  In  der  Folge  räumte  das  Migrationsamt  der  Beschwerdeführerin  eine  Frist  zum  Verlassen  des  Kantonsgebietes  bis  zum  31. Oktober  2010  ein  und 

C­7712/2010 beantragte  gleichzeitig  bei  der  Vorinstanz  die  Ausdehnung  der  Wegweisung auf das Gebiet der ganzen Schweiz. A.d Am  4.  Oktober  2007  wurde  die  Obhut  und  das  Sorgerecht  für  die  Tochter  der  Beschwerdeführerin  von  einem  ungarischen  Gericht  letztinstanzlich dem Vater zugesprochen. Der Beschwerdeführerin wurde  ein Besuchsrecht eingeräumt. B.  Nachdem  die  Vorinstanz  der  Beschwerdeführerin  im  Hinblick  auf  die  Ausdehnung der kantonalen Wegweisungsverfügung auf das Gebiet der  ganzen  Schweiz  und  des  Fürstentums  Liechtenstein  rechtliches  Gehör  gewährt  hatte,  erliess  sie  am  19.  Oktober  2010  eine  entsprechende  Verfügung. Sie wies die Beschwerdeführerin an, die Schweiz bis zum 31.  Oktober 2010 zu verlassen, und entzog einer allfälligen Beschwerde die  aufschiebenden  Wirkung.  In  der  Begründung  stellte  sie  fest,  dass  die  kantonale Wegweisungsverfügung  in Rechtskraft erwachsen sei und die  Beschwerdeführerin  in  keinem  anderen  Kanton  über  eine  Aufenthaltsbewilligung  verfüge,  weshalb  sich  die  Ausdehnung  rechtfertige.  Ferner  hielt  sie  fest,  dass  der  Vollzug  der  Wegweisung  zulässig, zumutbar und möglich sei. C.  Mit  Rechtsmitteleingabe  vom  29. Oktober  2010  beantragt  der  Rechtsvertreter namens seiner Mandantin die Aufhebung der Verfügung  vom 19. Oktober 2010. Die Vorinstanz sei anzuweisen, den Vollzug der  Wegweisung  zugunsten  einer  vorläufigen  Aufnahme  aufzuschieben.  In  verfahrensrechtlicher  Hinsicht  beantragt  er,  die  aufschiebende  Wirkung  sei  wieder  herzustellen  und  das  Migrationsamt  sei  vorsorglich  anzuweisen,  bis  zum  Abschluss  des  Beschwerdeverfahrens  sämtliche  Vollzugshandlungen  zu  unterlassen.  Zudem  ersucht  er  um  Gewährung  der unentgeltlichen Rechtspflege. Der Rechtsvertreter  erklärt  ausdrücklich,  dass nicht  die Wegweisung an  sich in Frage gestellt werde. Vielmehr sei die Vorinstanz zu Unrecht zum  Schluss  gekommen,  der  Vollzug  der  Wegweisung  sei  zumutbar.  Die  Beschwerdeführerin  könne  aus  finanziellen  und  zeitlichen Gründen  das  Besuchsrecht  nicht  von  Brasilien  aus  wahrnehmen.  Da  sie  zu  Ungarn  weder  in  sprachlicher  noch  in  kultureller Hinsicht  eine Beziehung  habe,  komme eine Wohnsitznahme dort nicht in Frage. Hingegen halte sie sich  seit  2001  ununterbrochen  in  der  Schweiz  auf,  dazu  kämen  noch  die 

C­7712/2010 beiden  Jahre  von  1993  bis  1995.  Insofern  sei  der  Vollzug  der  Wegweisung nicht nur im Hinblick auf die Beziehung zur Tochter und das  Kindeswohl unzumutbar,  sondern auch unter dem Aspekt des Schutzes  des Privatlebens. D.  Mit  Zwischenverfügung  vom  11.  November  2010  wies  das  Bundesverwaltungsgericht  die  Anträge  auf  Wiederherstellung  der  aufschiebenden  Wirkung  und  um  Gewährung  der  unentgeltlichen  Rechtspflege ab. E.  Am  16.  März  2011  sprach  die  Beschwerdeführerin  persönlich  beim  Bundesverwaltungsgericht  vor  und  gab  diverse  Beweismittel  zu  den  Akten. Zudem wies sie eine Ausreisekarte vor, aus der hervorging, dass  ihr  eine Ausreisefrist  bis  zum 31. Mai  2011  gesetzt worden war.  In  der  Folge  reiste  die  Beschwerdeführerin  am  30. Mai  2011  aus  der  Schweiz  aus. F.  Neben  den  Vorakten  zog  das  Bundesverwaltungsgericht  (BVGer)  antragsgemäss die Akten des Migrationsamts bei. Auf  den weiteren Akteninhalt wird  –  soweit  entscheiderheblich  –  in  den  Erwägungen eingegangen. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1.  1.1. Gemäss Art. 31 des Verwaltungsgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005  (VGG,  SR  173.32)  beurteilt  das  BVGer  unter  Vorbehalt  der  in  Art.  32  VGG  genannten  Ausnahmen  Beschwerden  gegen  Verfügungen  nach  Art. 5  des  Verwaltungsverfahrensgesetzes  vom  20. Dezember  1968  (VwVG, SR 172.021), die von einer in Art. 33 VGG aufgeführten Behörde  erlassen wurden.  Darunter  fallen  u.a.  Verfügungen  des  BFM  betreffend  Ausdehnung  der  kantonalen  Wegweisungsverfügung.  Das  BVGer  entscheidet  in  diesem  Bereich  endgültig  (Art.  83  Bst. c  Ziff.  4  des  Bundesgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005 [BGG, SR 173.110]).

C­7712/2010 1.2.  Sofern  das  Verwaltungsgerichtsgesetz  nichts  anderes  bestimmt,  richtet  sich  das  Verfahren  vor  dem  BVGer  nach  dem  Verwaltungsverfahrensgesetz (Art. 37 VGG). 1.3.  Gemäss  Art.  48  Abs.  1  VwVG  ist  zur  Verwaltungsbeschwerde  berechtigt,  wer  durch  die  angefochtene  Verfügung  berührt  ist  und  ein  schutzwürdiges  Interesse  an  deren  Aufhebung  oder  Änderung  hat.  Im  Allgemeinen  ist  ein  Interesse  im  Sinne  dieser  Bestimmung  nur  dann  schutzwürdig, wenn die betroffene Person nicht bloss bei Einreichung der  Beschwerde,  sondern  auch  noch  im  Zeitpunkt  der  Urteilsfällung  ein  aktuelles praktisches Interesse an der Aufhebung oder Änderung hat (vgl.  BGE  137 I  23  E. 1.3  mit  Hinweisen).  Die  nachträgliche  Ausreise  der  Beschwerdeführerin  führte  indessen  zum  Vollzug  des  Wegweisungsentscheides. Die angefochtene Massnahme ist somit durch  Konsumption  dahingefallen  (vgl. Urteil  des Bundesgerichts  2A.538/2003  vom  25.  November  2003  E.  1.1)  und  es  fehlt  am  aktuellen  Rechtsschutzinteresse.  Eine  allfällige  Gutheissung  der  Beschwerde  würde  an  dieser  Situation  nichts  ändern.  Insbesondere  würde  sie  der  Beschwerdeführerin  kein  Recht  auf Wiedereinreise  vermitteln.  Dennoch  kann der Beschwerdeführerin die Schutzwürdigkeit ihres Interesses nicht  abgesprochen  werden,  weil  sie  die  Schweiz  während  des  hängigen  Verfahrens  als  Folge  der  Verweigerung  vorsorglicher  Massnahmen  verlassen musste. Das Interesse der Beschwerdeführerin ist jedoch nicht  länger  auf  die  Aufhebung  der  Verfügung  gerichtet,  sondern  beschränkt  sich auf die Feststellung, ob die angefochtene Verfügung zum Zeitpunkt  des  Erlasses  rechtens  gewesen  ist  (vgl.  Urteil  des  BVGer  C­984/2009  vom 22. Juli 2010 E. 1.3). Im dargelegten Rahmen ist die Legitimation der  Beschwerdeführerin  zu  bejahen  und  auf  ihre  frist­  und  formgerecht  eingereichte Beschwerde einzutreten (Art. 50 und 52 VwVG). 2.  Mit  Beschwerde  an  das  BVGer  kann  die  Verletzung  von  Bundesrecht,  einschliesslich  Überschreitung  oder  Missbrauch  des  Ermessens,  die  unrichtige  oder  unvollständige  Feststellung  des  rechtserheblichen  Sachverhaltes  und  –  sofern  nicht  eine  kantonale  Behörde  als  Beschwerdeinstanz  verfügt  hat  –  die Unangemessenheit  gerügt werden  (Art.  49  VwVG).  Das  BVGer  wendet  im  Beschwerdeverfahren  das  Bundesrecht von Amtes wegen an. Es  ist gemäss Art. 62 Abs. 4 VwVG  an  die  Begründung  der  Begehren  nicht  gebunden  und  kann  die  Beschwerde  auch  aus  anderen  als  den  geltend  gemachten  Gründen  gutheissen oder abweisen. Massgebend ist grundsätzlich die Rechts­ und 

C­7712/2010 Sachlage  zum  Zeitpunkt  seines  Entscheides  (vgl.  BVGE  2011/1  E. 2,  BVGE 2007/41 E. 2 und Urteil des BVGer A­2682/2007 vom 7. Oktober  2010 E. 1.2. und 1.3). 3.  3.1.  Am  1.  Januar  2008  trat  das  Ausländergesetz  vom  16. Dezember  2005  (AuG; SR 142.20) mit  seinen Ausführungsbestimmungen  (u.a. der  Verordnung  vom  24. Oktober  2007  über  Zulassung,  Aufenthalt  und  Erwerbstätigkeit  [VZAE,  SR  142.201])  in  Kraft  und  löste  das  bis  dahin  geltende  Bundesgesetz  vom  26. März  1931  über  Aufenthalt  und  Niederlassung  der  Ausländer  (ANAG,  BS  1  121)  sowie  verschiedene  darauf  gestützt  erlassene  Verordnungen  ab  (vgl.  Art. 125  i.V.m.  Ziff.  I  Anhang  2  des  AuG  und  Art.  91  VZAE).  In  Verfahren,  die  vor  diesem  Zeitpunkt  anhängig  gemacht  wurden,  bleibt  nach  der  übergangsrechtlichen  Ordnung  des  Ausländergesetzes  das  alte  materielle Recht anwendbar. Dabei ist grundsätzlich ohne Belang, ob auf  das Verfahren auf Gesuch hin (vgl. Art. 126 Abs. 1 AuG) oder von Amtes  wegen  eröffnet  wurde  (per  analogiam  Art. 126  Abs.  1  AuG;  vgl.  BVGE  2008/1  E.  2  mit  Hinweisen).  Das  Verfahren  selbst  folgt  dem  neuen  Verfahrens­ und Organisationsrecht  (Art.  126 Abs. 2 AuG). Altrechtliche  Zuständigkeiten bleiben davon unberührt, wenn sie unter der Geltung des  alten  Rechts  begründet  wurden  (perpetuatio  fori)  oder  wenn  das  neue  Recht  auf  das  alte  materielle  Recht  verweist,  die  für  dessen  Verwirklichung  notwendige  Zuständigkeitsordnung  aber  nicht  mehr  zur  Verfügung  stellt  (vgl.  das  Urteil  des  BVGer  C­7842/2008  vom  23. April  2009 E. 3.1 mit Hinweis). 3.2.  Im  vorliegenden  Fall  wurde  das  der  angefochtenen  Ausdehnungsverfügung  zugrunde  liegende  Wegweisungsverfahren  auf  kantonaler  Ebene   vor  dem  1.  Januar  2008  eingeleitet  (vgl.  Verfügung  des Migrationsamts vom 29. Juni 2007). Massgeblich ist folglich das alte  materielle  Recht  einschliesslich  der  diesbezüglich  vorgesehenen  altrechtlichen  Zuständigkeiten.  Das  BFM  war  daher  für  den  Erlass  der  angefochtenen Verfügung zuständig (vgl. Urteil des BVGer C­1249/2010  vom 2. Juni 2010 E. 3.2 mit Hinweisen). Entgegen den Erwägungen der  Vorinstanz  gilt  das  alte materielle  Recht  auch  für  die  Prüfung  allfälliger  Vollzugshindernisse. Indem sich das BFM in seiner Verfügung auf Art. 83  AuG  bezog,  hat  es  das  falsche Recht  angewendet. Weil  einerseits  das  BVGer  – wie  bereits  erwähnt  –  das Recht  von Amtes wegen anwendet  und  andererseits  Art. 83  AuG  inhaltlich  der  früheren  Regelung  gemäss  Art. 14a ANAG entspricht (die vorgenommenen Änderungen sind lediglich 

C­7712/2010 systematischer und sprachlicher Natur),  führt die Anwendung der neuen  Bestimmung  jedoch  nicht  zur  Kassation  der  angefochtenen  Verfügung  und Rückweisung der Sache an die Vorinstanz zu neuem Entscheid (vgl.  das erwähnte Urteil des BVGer C­1249/2010 E. 3.2).  4.  4.1. Gemäss  Art.  1a  ANAG  ist  eine  ausländische  Person  nur  dann  zur  Anwesenheit  in der Schweiz berechtigt, wenn sie über eine Aufenthalts­  oder  Niederlassungsbewilligung  verfügt  oder  nach  dem  Gesetz  keiner  solchen  bedarf  (zu  Letzterem  vgl.  Art.  2  ANAG  und  Art.  1  der  Vollziehungsverordnung  vom  1. März  1949  zum  Bundesgesetz  über  Aufenthalt  und  Niederlassung  der  Ausländer  [ANAV,  AS  1949  228]).  Besitzt  sie  keine  Bewilligung  und  kann  sie  sich  auch  nicht  auf  ein  gesetzliches  Bleiberecht  berufen,  so  ist  ihr  Aufenthalt  illegal  und  sie  ist  von Gesetzes wegen verpflichtet, die Schweiz zu verlassen  (vgl. Art. 12  Abs. 1 ANAG,  ferner den Tatbestand des  illegalen Aufenthalts  im Sinne  von  Art.  23  Abs.  1  ANAG  sowie:  NICOLAS WISARD,  Les  renvois  et  leur  exécution en droit des étrangers et en droit d'asile, Basel/Frankfurt a.M.  1997, S. 102). Abgesehen  von  Fällen,  in  denen  von  vornherein  kein  Aufenthaltsrecht  besteht,  ist  eine  ausländische  Person  unter  anderem  auch  dann  zur  Ausreise  verpflichtet,  wenn  ihr  eine  Bewilligung  oder  die  Verlängerung  einer  solchen  verweigert  wurde.  Die  zuständige  Behörde  hat  in  diesem  Fall  den Tag  festzusetzen,  an dem die Aufenthaltsberechtigung aufhört,  das  heisst,  sie  hat  der  ausländischen  Person  eine  Ausreisefrist  anzusetzen. Ist die Behörde eine kantonale, so hat die betroffene Person  aus dem Kanton auszureisen, ist es eine Bundesbehörde, so hat sie aus  der  Schweiz  auszureisen.  Die  Bundesbehörde  kann  die  Pflicht  zur  Ausreise aus einem Kanton auf die ganze Schweiz ausdehnen (vgl. Art.  12 Abs. 3 ANAG). Art. 17 Abs. 2 letzter Satz ANAV präzisiert diese Norm,  indem er festhält, dass das Bundesamt "in der Regel die Ausdehnung der  Wegweisung  auf  die  ganze  Schweiz"  verfügt,  "wenn  nicht  aus  besonderen Gründen dem Ausländer Gelegenheit gegeben werden soll,  in einem anderen Kanton um eine Bewilligung nachzusuchen". 4.2.  Das  BVGer  hat  sich  in  zahlreichen  Urteilen  zur  Rechtsnatur  der  Ausdehnungsverfügung  und  zu  den  sich  daraus  ergebenden  Konsequenzen  auf  die  Kognition  der  Bundesbehörden  geäussert.  Nach  seiner  Rechtsprechung  stellt  die  Ausdehnungsverfügung  eine  Massnahme  dar,  die  einerseits  als  rein  exekutorische  Anordnung  der 

C­7712/2010 Durchsetzung  einer  vorbestehenden  gesetzlichen  Verpflichtung  dient –  nämlich  der  Pflicht  einer  ausländischen  Person,  nach  Wegfall  ihres  gesetzlichen  oder  auf  einer  Bewilligung  beruhenden  Aufenthaltsrechts  auszureisen  –  und  die  andererseits  gegenüber  der  kantonalen  Wegweisung  streng  akzessorisch  ist.  Hinzu  kommt,  dass  die  Zuständigkeit  zur  Legalisierung  des  Aufenthalts  nach  der  geltenden  bundesstaatlichen  Kompetenzausscheidung  nicht  beim  Bund,  sondern  grundsätzlich bei den Kantonen liegt. Gestützt darauf erachtet das BVGer  in  seiner  ständigen  Rechtsprechung  Kritik  am  negativen  Bewilligungsentscheid  als  unzulässig.  Unzulässig  sind  darüber  hinaus  alle  Vorbringen,  die  darauf  hinauslaufen,  dass  die  ausländische Person  ein überwiegendes  Interesse am weiteren Verbleib  in der Schweiz oder  gar  einen  Anspruch  auf  eine  Aufenthaltsregelung  hat.  Mit  Aussicht  auf  Erfolg  kann  gegen  die  Ausdehnung  nur  vorgebracht  werden,  dass  in  einem Drittkanton um die Erteilung einer Bewilligung nachgesucht wurde,  und  dies  auch  nur  dann,  wenn  dieser  Drittkanton  der  ausländischen  Person  für  die  Dauer  des  Bewilligungsverfahrens  den  Aufenthalt  auf  seinem Gebiet ausdrücklich gestattet (vgl. statt vieler das erwähnte Urteil  des BVGer C­1249/2010 E. 4.2 mit Hinweisen). 4.3. Mit dem in Rechtskraft erwachsenen Entscheid des Kantons Zürich,  ihr  die  Aufenthaltsbewilligung  nicht  zu  verlängern,  fehlt  es  der  Beschwerdeführerin  an  einem  Rechtstitel  für  einen  rechtmässigen  Aufenthalt  in  der  Schweiz.  Die  Beschwerdeführerin  hat  auch  keine  Bewilligung in einem anderen Kanton in Aussicht. Es besteht daher kein  Spielraum,  um  vom  Grundsatz  der  Ausdehnung  der  kantonalen  Wegweisung  auf  die  ganze  Schweiz  und  das  Fürstentum  Liechtenstein  abzuweichen.  Insofern  ist  die  angefochtene  Verfügung  nicht  zu  beanstanden. Davon geht auch die Beschwerdeführerin aus, die in Ziffer  14  der  Beschwerdeschrift  die  Rechtmässigkeit  der  Ausdehnungsverfügung ausdrücklich anerkennt. 5.  Es  bleibt  zu  prüfen,  ob  dem  Vollzug  der  Wegweisung  Hindernisse  entgegen  gestanden  hätten,  indem  der  Vollzug  nicht  möglich,  nicht  zulässig  oder  nicht  zumutbar  gewesen  wäre  (vgl.  Art.  14a  Abs.  2 – 4  ANAG),  und  die  Vorinstanz  gestützt  auf  Art.  14a  Abs.  1  ANAG  die  vorläufige Aufnahme hätte verfügen müssen.  In diesem Zusammenhang  gilt  es  darauf  hinzuweisen,  dass  die  vorläufige  Aufnahme  als  Ersatzmassnahme für den Vollzug der Wegweisung ausgestaltet  ist. Sie  tritt  neben  die  Wegweisung,  deren  Bestand  sie  nicht  tangiert,  sondern 

C­7712/2010 vielmehr  voraussetzt  (vgl.  dazu BVGE 2010/42 E. 5 mit  Hinweisen).  Zu  Recht weist  die Beschwerdeführerin  darauf  hin,  dass die Vorinstanz als  für  die  Anordnung  des  Wegweisungsvollzugs  zuständige  Behörde –  ungeachtet  der  Bestimmung  von  Art. 14b  Abs. 1  ANAG  (bzw.  des  im  Wesentlichen gleich  lautenden Art. 83 Abs. 6 AuG) – von Amtes wegen  eine  umfassende  Prüfung  vorzunehmen  hat  (vgl.  BVGE  2011/7  E. 8,  BVGE 2010/42 E. 10.2). Entsprechendes ergibt  sich aus dem Anspruch  auf  rechtliches  Gehör,  das  den  Betroffenen  eine  Mitwirkung  an  der  Feststellung  des  rechtserheblichen  Sachverhalts  garantiert  und  die  Behörde verpflichtet, Vorbringen ernsthaft zu prüfen (vgl. BGE 137 II 266  E. 3.2). 6.  6.1.  Gemäss  Art.  14a  Abs.  2  ANAG  ist  der  Vollzug  der  Weg­  oder  Ausweisung  nicht  möglich,  wenn  der  Ausländer  weder  in  den  Heimat­  oder in den Herkunftsstaat noch in einen Drittstaat ausreisen oder dorthin  gebracht  werden  kann.  Er  ist  nicht  zulässig,  wenn  völkerrechtliche  Verpflichtungen  der  Schweiz  einer  Weiterreise  des  Ausländers  in  den  Heimat­, Herkunfts­ oder einen Drittstaat entgegenstehen (Art. 14a Abs. 3  ANAG). Ferner kann der Vollzug insbesondere nicht zumutbar sein, wenn  er  für  die  ausländische  Person  eine  konkrete  Gefährdung  darstellt  (Art. 14a Abs. 4 ANAG). 6.2. Die Beschwerdeführerin macht  nicht  geltend,  es  lägen Gründe  vor,  die den Vollzug der Wegweisung unzulässig im Sinne von Art. 14a Abs. 3  ANAG  machen  würden.  Es  gehen  auch  aus  den  Akten  keine  Anhaltspunkte  hervor,  die  auf  die  Unzulässigkeit  des  Vollzugs  der  Wegweisung schliessen liessen. Zwar beruft sich die Beschwerdeführerin  auf  Art. 8  der  Konvention  vom  4. November  1950  zum  Schutze  der  Menschenrechte  und Grundfreiheiten  (EMRK, SR  0.101),  aus  dem  sich  zweifellos völkerrechtliche Verpflichtungen der Schweiz ergeben können.  Im vorliegenden Fall sind jedoch keine Verpflichtungen ersichtlich, die zur  Unzulässigkeit  des  Vollzugs  führen  könnten.  Auf  die  unter  dem  Aspekt  von  Art. 8  EMRK  geltend  gemachte  Unzumutbarkeit  gemäss  Art. 14a  Abs. 4 ANAG ist nachfolgend einzugehen. Ferner fällt die Unmöglichkeit  des  Vollzugs  der  Wegweisung  gemäss  Art.  14a  Abs.  2  ANAG  ausser  Betracht,  da  die  Beschwerdeführerin  die  angesetzte  Ausreisefrist  eingehalten hat. 6.3. 

C­7712/2010 6.3.1.  Als  unzumutbar  im  Sinne  von  Art.  14a  Abs.  4  ANAG  wird  der  Vollzug der Wegweisung in erster Linie dann angesehen, wenn er für die  betroffene  Person  eine  konkrete  Gefährdung  darstellen  würde.  Eine  konkrete  Gefährdung  wird  insbesondere  dann  angenommen,  wenn  im  Zielland Krieg oder eine Situation allgemeiner Gewalt herrscht, wenn die  Menschenrechtslage  desolat  ist  oder  wenn  die  absolut  notwendige  medizinische Versorgung nicht gewährleistet ist (vgl. BVGE E­6220/2006  vom 27. Oktober 2011 E. 11.1, BVGE 2009/50 E. 10.1; BVGE 2007/10 E.  5.1;  vgl.  auch  Urteile  des  BVGer  C­4183/2011  vom  16. Januar  2012  E. 3.4, C­7090/2007 vom 23. August 2011 E. 6.3). 6.3.2. Die  Beschwerdeführerin  macht  in  dieser  Hinsicht  in  Ziffer 18  der  Beschwerdeschrift  geltend,  die  kantonalen  Behörden  hätten  es  abgelehnt, ihren Fall unter dem völkerrechtlichen Aspekt von Art. 8 EMRK  zu  betrachten.  Gemäss  dem  kantonalen  Verwaltungsgericht  käme  ihr  gestützt auf Art. 8 EMRK nur dann ein Anwesenheitsanspruch zu, wenn  das  betreffende  Schweizer  Kind  in  der  Schweiz  leben  würde.  Der  Schutzgedanke,  der  in Art.  8 EMRK zum Ausdruck  komme, müsse nun  zumindest  im  Rahmen  der  Prüfung  von  Wegweisungsvollzugshindernissen  analog  berücksichtigt  werden.  Entscheidend  sei,  ob  das  Besuchsrecht  auch  von  Brasilien  aus  tatsächlich ausgeübt werden könne, was zu verneinen sei. Es gehe um  die Aufrechterhaltung der intakten Mutter­Tochter­Beziehung und um das  Wohl  eines  Schweizer  Kindes.  Der  Vollzug  der  Wegweisung  der  Beschwerdeführerin sei deshalb aus humanitären Gründen unzumutbar. 6.3.3. Wie bereits weiter oben ausgeführt, sind im vorliegenden Verfahren  Vorbringen unzulässig, die den negativen Bewilligungsentscheid in Frage  stellen.  Indem  die  Beschwerdeführerin  sich  auf  die  von  Art.  8  EMRK  geschützten  Garantien  des  Familien­  und  Privatlebens  beruft  und  ein  überwiegendes  privates  Interesse  in  Gestalt  der  Beziehung  zu  ihrer  Tochter  und  der  Tatsache,  dass  sie  das  ihr  eingeräumte  Besuchsrecht  leichter von der Schweiz her ausüben könnte, am weiteren Verbleib in der  Schweiz geltend macht, stellt sie den negativen Entscheid im kantonalen  Bewilligungsverfahren  in  Frage.  Dieser  Aspekt  kann  deshalb  im  vorliegenden  Verfahren,  entgegen  der  Auffassung  der  Beschwerdeführerin,  nicht  überprüft  werden  (vgl.  die Urteile  des BVGer  C­4183/2011  vom  16. Januar  2012  E. 4.3  und  C­2276/2007  vom  24. November 2007 E. 7.2). Dies würde auch gelten, wäre dieses Thema  – wie die Beschwerdeführerin behauptet – im kantonalen Verfahren nicht  ausführlich  behandelt  worden  (vgl.  die  ausführlichen  Erwägungen  im 

C­7712/2010 Entscheid  des  Verwaltungsgerichts  des  Kantons  Zürich  vom  24.  März  2010  E. 2.3 ­ 2.7,  3.2 ­ 3.4).  Die  von  der  Beschwerdeführerin  vorgebrachten  Tatsachen  sind  auch  nicht  dazu  geeignet,  den  diesem  Verfahren zugrunde liegenden kantonalen Entscheid in irgendeiner Form  in Frage  zu  stellen  (vgl.  in  diesem Zusammenhang  das  erwähnte Urteil  des  BVGer  C­4183/2011  E.  4.3  letzter  Absatz).  Es  ist  insbesondere  darauf  hinzuweisen,  dass  nicht  der  von  den  Schweizer  Behörden  erlassene  Wegweisungsentscheid  und  dessen  Vollzug  die  Beschwerdeführerin von ihrer Tochter trennt, sondern die Tatsache, dass  letztere  unter  der  elterlichen  Sorge  des  Vaters  steht  und  mit  ihm  in  Ungarn  lebt.  Ein  weiterer  Verbleib  in  der  Schweiz  würde  den  Kontakt  zwar  erleichtern;  ein  Anspruch  auf  Aufenthalt  ergibt  sich  daraus  aber  nicht.  Auf  der  Familienschutznorm  von  Art.  8  EMRK  beruhende  Ansprüche  könnte  die  Beschwerdeführerin  allenfalls  gegenüber  dem  Staat Ungarn erheben, der die Konvention ebenfalls ratifiziert und in Kraft  gesetzt  hat  (vgl.  zum  Geltungsbereich  der  EMRK  www.eda.admin.ch/vertraege >  Datenbank  Staatsverträge >  Internationale Abkommen nach Gegenstand > 0.10 Menschenrechte und  Grundfreiheiten).  Wegen  fehlenden  Bezugs  zu  diesem  Land  hat  die  Beschwerdeführerin aber offenbar auf entsprechende Schritte verzichtet. 6.3.4. Weder  den  Vorbringen  der  Beschwerdeführerin  noch  den  Akten  können Hinweise  zu  einer  allfälligen  konkreten Gefährdung  entnommen  werden,  die  den  Wegweisungsvollzug  im  Sinne  von  Art.  14a  Abs.  4  ANAG unzumutbar machen würde, müsste die Beschwerdeführerin nach  Brasilien zurückkehren. Eine solche Gefährdung geht insbesondere nicht  aus den medizinischen Berichten hervor, welche die Beschwerdeführerin  am  16. Mai  2011  zu  den  Akten  gegeben  hat.  Zum  Einen  betreffen  sie  medizinische Behandlungen aus dem Jahr 2003 und zum Anderen wird  nicht  geltend  gemacht,  geschweige  denn  nachgewiesen,  dass  die  damalige  Krankheit  heute  zu  einer  konkreten  Gefährdung  der  Beschwerdeführerin  führen  würde,  müsste  sie  in  ihr  Heimatland  zurückkehren.  Der  Vollzug  der  Wegweisung  ist  deshalb  als  zumutbar  anzusehen. 6.4. Nach dem Gesagten kommt das BVGer in Übereinstimmung mit der  Vorinstanz zum Schluss, dass der angeordnete Vollzug der Wegweisung  unter allen gemäss Art. 14a ANAG massgebenden Aspekten rechtmässig  war.  Für  die  Anordnung  der  vorläufigen  Aufnahme  bestand  demnach  weder Anlass noch Raum.

C­7712/2010 7.  Die  angefochtene  Verfügung  ist  demnach  im  Ergebnis  nicht  zu  beanstanden und die Beschwerde abzuweisen. 8.  Bei  diesem  Ausgang  des  Verfahrens  sind  die  Verfahrenskosten  der  Beschwerdeführerin  aufzuerlegen  (Art.  63  Abs.  1  VwVG,  Art.  1  ff.  des  Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen  vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]). (Dispositiv S. 12)

C­7712/2010 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1.  Die Beschwerde wird abgewiesen. 2.  Die  Verfahrenskosten  von  Fr.  900.­  werden  der  Beschwerdeführerin  auferlegt. Sie sind durch den einbezahlten Kostenvorschuss gedeckt. 3.  Dieses Urteil geht an: – die Beschwerdeführerin (Einschreiben) – die Vorinstanz (Akten Ref­Nr. […] zurück) – das Migrationsamt des Kantons Zürich (Akten Ref­Nr. […] zurück) Die vorsitzende Richterin: Die Gerichtsschreiberin: Ruth Beutler Barbara Kradolfer Versand:

C-7712/2010 — Bundesverwaltungsgericht 16.02.2012 C-7712/2010 — Swissrulings