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Bundesverwaltungsgericht 18.01.2012 C-3304/2009

18. Januar 2012·Deutsch·CH·CH_BVGE·PDF·1,672 Wörter·~8 min·3

Zusammenfassung

Einreiseverbot | Einreiseverbot

Volltext

Bundesve rwa l t ungsge r i ch t T r i buna l   adm in istratif   f édé ra l T r i buna l e   ammin istrati vo   f ede ra l e T r i buna l   adm in istrativ   f ede ra l     Abteilung III C­3304/2009 Urteil   v om   1 8 .   J a nua r   2012 Besetzung Richter Antonio Imoberdorf (Vorsitz), Richterin Marianne Teuscher, Richterin Elena Avenati­ Carpani,    Gerichtsschreiberin Mirjam Angehrn. Parteien N.______,  vertreten durch Dr. iur. Roland Winiger, Rechtsanwalt,  Amthausquai 27, Postfach 1113, 4603 Olten, Beschwerdeführer,  gegen Bundesamt für Migration (BFM),  Quellenweg 6, 3003 Bern,    Vorinstanz.  Gegenstand Einreiseverbot.

C­3304/2009 Sachverhalt: A. Der  Beschwerdeführer,  ein  kosovarischer  Staatsangehöriger,  geboren  1982,  reiste  am  7. November  2002  in  die  Schweiz  ein  und  stellte  vier  Tage später ein Asylgesuch, welches mit Verfügung vom 19. Dezember  2003 abgewiesen wurde. Die dagegen erhobene Beschwerde wurde mit  Urteil der damaligen Schweizerischen Asylrekurskommission (ARK) vom  8. März  2004  abgewiesen.  Ein  Revisionsgesuch  vom  14. Januar  2005  wies die ARK mit Urteil vom 17. Februar 2005 ab und leitete die Akten zur  Prüfung unter dem Aspekt der Wiedererwägung an die Vorinstanz weiter.  Das BFM wies das Gesuch mit Verfügung vom 23. Februar 2005 ab. Eine  dagegen  erhobene  Beschwerde  wies  die  ARK  mit  Urteil  vom  30. Mai  2006  ab.  Am  15. August  2006  stellte  der  Beschwerdeführer  erneut  ein  Wiedererwägungsgesuch,  welches  von  der  Vorinstanz  mit  Verfügung  vom  24. August  2006  abgewiesen  wurde.  Die  ARK  trat  mit  Urteil  vom  31. Oktober  2006  auf  die  Beschwerde  nicht  ein.  Auf  ein  nächstes  Wiedererwägungsgesuch  vom  27. November  2006  traten  das  BFM  mit  Verfügung vom 15. Dezember 2006 und anschliessend die ARK mit Urteil  vom 13. März 2007 nicht ein. Ein weiteres Wiedererwägungsgesuch vom  26. März  2007 wies  das BFM mit Verfügung  vom 31. Oktober  2007 ab.  Auf  eine  dagegen  erhobene  Beschwerde  trat  das  Bundesverwaltungsgericht mit Urteil vom 28. Dezember 2007 nicht ein.  B. Mit  Schreiben  vom  10. Februar  2009  teilte  der  Migrationsdienst  des  Kantons  Bern  dem  Beschwerdeführer  mit,  die  Ausreisefrist  sei  am  10. Mai  2004  abgelaufen  und  er  habe  seine  Unterkunft  bis  zum  16. Februar  2009  zu  verlassen.  Gleichzeitig  wurde  er  über  die  jederzeitige  Möglichkeit  der  Anordnung  der  Ausschaffungshaft  in  Kenntnis gesetzt.  C. Am  6. März  2009  stellte  der  Beschwerdeführer  sein  fünftes  Wiedererwägungsgesuch, welches das BFM mit Verfügung vom 30. März  2009 abwies. D. Der  Beschwerdeführer  wurde  am  15.  April  2009  in  Ausschaffungshaft  versetzt. Mit  Entscheid  vom 16. April  2009  bestätigte  das Haftgericht  III  Bern­Mittelland die Ausschaffungshaft bis zum 14. Juli 2009. 

C­3304/2009 E. Mit  Verfügung  vom  16. April  2009  verhängte  die  Vorinstanz  über  den  Beschwerdeführer ein Einreiseverbot  für die Dauer  von drei  Jahren  (mit  Wirkung  ab  21. April  2009).  Zur  Begründung  führte  sie  unter  Bezugnahme auf Art. 67 Abs. 1 Bst. a,  c und d des Ausländergesetzes  vom 16. Dezember 2005 (AuG, SR 142.20; zur damaligen Fassung vgl.  AS  2007  5457)  aus,  er  habe  wegen  Nichtbefolgen  einer  behördlichen  Anordnung und illegalen Aufenthalts gegen die öffentliche Sicherheit und  Ordnung  verstossen  sowie  in  Ausschaffungshaft  genommen  und  ausgeschafft  werden  müssen.  Mit  derselben  Verfügung  wurde  einer  allfälligen Beschwerde die aufschiebende Wirkung entzogen.  F. Am  21. April  2009  wurde  der  Beschwerdeführer  in  sein  Heimatland  ausgeschafft. G. Das  Bundesverwaltungsgericht  trat mit  Urteil  vom  15. Mai  2009  auf  die  Beschwerde  gegen  die  Verfügung  der  Vorinstanz  vom  30. März  2009,  betreffend  das  fünfte  Wiedererwägungsgesuch  des  Beschwerdeführers  vom 6. März 2009, nicht ein. H. Mit  Rechtsmitteleingabe  vom  20. Mai  2009  an  das  Bundesverwaltungsgericht  beantragt  der  Beschwerdeführer  die  Aufhebung  des  gegen  ihn  verhängten  Einreiseverbots.  In  prozessualer  Hinsicht ersucht er um Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege. Zur  Begründung  der  Beschwerde  bringt  er  zunächst  vor,  die  angefochtene  Verfügung  liege  lediglich  in  Fax­Kopie  vor  und  trage  keine Unterschrift,  weshalb die Verfügung ungültig bzw. nichtig  sei. Er  führt weiter aus,  im  Jahr 2002 in die Schweiz gekommen zu sein und ein Asylgesuch gestellt  zu  haben,  welches  abgelehnt  worden  sei.  Anschliessend  hätte  er  die  Schweiz verlassen sollen, habe sich  jedoch bis 2009  in einem Asylheim  und  danach  bei  seinem  Vater  in  X._______  aufgehalten.  Seine  vier  Geschwister  hätten  inzwischen  das  Schweizer  Bürgerrecht  erworben.  Des Weiteren  sei  er  Vater  eines  noch  ungeborenen  Kindes.  Mit  seiner  zukünftigen Familie wolle er  in der Schweiz wohnen. Am 20. April 2009  hätte  er  einen  Termin  zur  formellen  Anerkennung  seines  ungeborenen  Kindes beim Zivilstandamt Kreis Y._______ gehabt. Zudem habe er seine  Freundin  sofort  heiraten  wollen,  doch  dazu  hätte  er  im  Besitz  eines  Reisepasses sein müssen. Der Migrationsdienst des Kantons Bern habe 

C­3304/2009 darüber Bescheid gewusst und dennoch veranlasst, dass er kurz vor der  Vaterschaftsanerkennung ausgeschafft worden sei. Dieses Vorgehen sei  menschenverachtend  und  nicht  rechtmässig.  Ein  Einreiseverbot  würde  zudem das beabsichtigte Familiennachzugsgesuch sehr erschweren und  das  von  der  Konvention  vom  4. November  1950  zum  Schutz  der  Menschenrechte und Grundfreiheiten (EMRK, SR 0.101) verbürgte Recht  auf Familie beeinträchtigen. Seine gesamte Familie  lebe in der Schweiz.  Im Kosovo habe er praktisch keine näheren Verwandten mehr.  I. Mit  Zwischenverfügung  vom  19. Juni  2009  wies  das  Bundesverwaltungsgericht  das  Gesuch  um  unentgeltliche  Rechtspflege  ab. J. Die  Vorinstanz  schliesst  in  ihrer  Vernehmlassung  vom  26. August  2009  auf Abweisung der Beschwerde. K. Mit  Replik  vom  21. Oktober  2009  bringt  der  Beschwerdeführer  vor,  die  Vorinstanz habe sich  in  ihrer Vernehmlassung nicht zum beanstandeten  Vorgehen  der  Behörden  und  den  erheblichen  privaten  Gründen  geäussert.  Falls  die  Abwägung  dieser  Interessen  immer  noch  für  ein  Einreiseverbot  sprechen  würde,  würden  die  Anträge  vom  20. Mai  2009  mit dem Eventualbegehren ergänzt, das Einreiseverbot sei angemessen  zu verkürzen.  L. Auf  den  weiteren  Akteninhalt  wird,  soweit  rechtserheblich,  in  den  Erwägungen eingegangen. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. 1.1  Gemäss  Art.  31  des  Verwaltungsgerichtsgesetzes  vom  17.  Juni  2005  (VGG,  SR  173.32)  beurteilt  das  Bundesverwaltungsgericht  Beschwerden  gegen  Verfügungen  im  Sinne  von  Art.  5  des  Verwaltungs­verfahrensgesetzes vom 20. Dezember 1968 (VwVG, SR  172.021),  sofern  keine  Ausnahme  nach  Art.  32  VGG  vorliegt.  Als  Vorinstanzen  gelten  die  in  Art.  33  VGG  genannten  Behörden.  Dazu 

C­3304/2009 gehört auch das BFM, das mit der Anordnung eines Einreiseverbotes  eine  Verfügung  im  erwähnten  Sinne  und  daher  ein  zulässiges  Anfechtungsobjekt  erlassen  hat.  Eine  Ausnahme  nach  Art.  32  VGG  liegt nicht vor. 1.2 Das Rechtsmittelverfahren vor dem Bundesverwaltungsgericht richtet  sich  nach  dem  VwVG,  soweit  das  Verwaltungsgerichtsgesetz  nichts  anderes bestimmt (Art. 37 VGG). 1.3  Der  Beschwerdeführer  ist  als  Verfügungsbetroffener  legitimiert  (Art. 48  Abs.  1  VwVG).  Auf  die  frist­  und  formgerecht  eingereichte  Beschwerde ist einzutreten (vgl. Art. 49 ff. VwVG). 1.4 Das  Bundesverwaltungsgericht  entscheidet  endgültig  (Art. 83  Bst. c  Ziff. 1  des  Bundesgerichtsgesetzes  vom  17.  Juni  2005  [BGG,  SR  173.110]). 2. Mit  Beschwerde  an  das  Bundesverwaltungsgericht  kann  die  Verletzung  von  Bundesrecht  einschliesslich  Überschreitung  oder  Missbrauch  des  Ermessens,  die  unrichtige  oder  unvollständige  Feststellung  des  rechtserheblichen  Sachverhaltes  und  –  sofern  nicht  eine  kantonale  Behörde  als  Beschwerdeinstanz  verfügt  hat  –  die  Unangemessenheit  gerügt werden (Art. 49 VwVG). Das Bundesverwaltungsgericht wendet im  Beschwerdeverfahren  das  Bundesrecht  von  Amtes  wegen  an.  Es  ist  gemäss  Art.  62  Abs.  4  VwVG  an  die  Begründung  der  Begehren  nicht  gebunden und kann die Beschwerde auch aus anderen als den geltend  gemachten  Gründen  gutheissen  oder  abweisen.  Massgebend  ist  grundsätzlich die Sachlage zum Zeitpunkt seines Entscheides (vgl. BVGE  2011/1 E. 2 mit Hinweis). 3. Entgegen dem Vorbringen des Beschwerdeführers  stellt  die Unterschrift  von  Bundesrechts  wegen  kein Gültigkeitserfordernis  für  eine  Verfügung  dar (vgl. zum Ganzen Urteil des Bundesverwaltungsgerichts C­1346/2010  vom 14. Januar 2011 E. 3.2 mit Hinweisen). Bei Verfügungen kommt der  Unterschrift  lediglich  eine  Beweis­  sowie  eine  Identifikationsfunktion  zu.  Bei Einreiseverboten handelt es sich um Verfügungen, welche in grosser  Zahl  (über 8'000 Verfügungen  jährlich; vgl. BFM Migrationsbericht 2010)  erlassen  werden  und  welche  bei  der  Ausstellung  und  der  Eröffnung  grosse  Unterschiede  zur  Mehrzahl  der  im  Verwaltungsverfahren 

C­3304/2009 erlassenen  Verfügungen  aufweisen.  Ein  Einreiseverbot  wird  immer  von  einem  aufgrund  des  Pflichtenheftes  dazu  berechtigten  Mitarbeiter  des  BFM erlassen. Die  entsprechende Verfügung wird  dazu  elektronisch  im  Zentralen  Migrationsinformationssystem  (ZEMIS)  erfasst,  wobei  eine  Zuordnung zu einem bestimmten Mitarbeiter aufgrund der elektronischen  Protokollierung  im  ZEMIS  jederzeit  gewährleistet  ist.  Dieser  Mitarbeiter  wird  in der Referenz (Referenz/Aktenzeichen) der Verfügung mit seinem  Kürzel  genannt  und  ist  daher  jederzeit  identifizierbar.  Zudem  kann  der  Verfügungsadressat  nachträglich  eine  eigenhändig  unterschriebene  Verfügung  verlangen. Das Aktenzeichen mit  Kürzel  ist mit  Blick  auf  die  Identifikationsfunktion  einer  Faksimile­Unterschrift,  welche  gemäss  bundesgerichtlicher  Rechtsprechung  eine  Originalunterschrift  ersetzen  kann (vgl. BGE 97 IV 205 E. 1), gleichwertig. Die Form der Verfügung ist  somit als rechtsgenüglich zu erachten. 4. Wird gegen eine Person, welche nicht Angehörige eines Staates  ist, der  durch  eines  der  Schengen­Assozierungsabkommen  gebunden  ist  (vgl.  Anhang 1 Ziffer 1 des Ausländergesetzes vom 16. Dezember 2005 [AuG,  SR  142.2]),  ein  Einreiseverbot  nach  Art.  67  AuG  verhängt,  wird  diese  Person gestützt auf Art. 94 Abs. 1 und Art. 96 des Übereinkommens vom  19. Juni  1990  zur  Durchführung  des  Übereinkommens  betreffend  den  schrittweisen  Abbau  der  Kontrollen  an  den  gemeinsamen  Grenzen  (Schengener  Durchführungsübereinkommen  [SDÜ],  Abl.  L  239  vom  22. September  2000,  S.  19­62)  und  Art.  16  Abs.  2  und  4  des  Bundesgesetzes  vom  13.  Juni  2008  über  die  polizeilichen  Informationssysteme  des  Bundes  (BPI,  SR  361)  grundsätzlich  im  Schengener  Informationssystem  ([SIS],  vgl.  dazu  Art.  92  ff.  SDÜ)  zur  Einreiseverweigerung ausgeschrieben. Eine solche Ausschreibung einer  Person  im  SIS  zur  Einreiseverweigerung  aufgrund  einer  vom  BFM  verhängten  Fernhaltemassnahme  bewirkt,  dass  ihr  die  Einreise  in  das  Hoheitsgebiet der Schengen­Mitgliedstaaten verweigert wird (vgl. Art. 13  Abs. 1 der Verordnung [EG] Nr. 562/2006 des Europäischen Parlaments  und des Rates  vom 15. März 2006 über  einen Gemeinschaftskodex  für  das  Überschreiten  der  Grenzen  durch  Personen  [Schengener  Grenzkodex bzw. SGK, Abl. L 105 vom 13. April 2006, S. 1­32]). 5. 5.1  Auf  den  1.  Januar  2011  trat  als  Folge  der  Weiterentwicklung  des  Schengen­Besitzstandes  eine  neue  Fassung  von  Art.  67  AuG  in  Kraft  (zum Ganzen vgl. BBl 2009 8881 und AS 2010 5925). Nach Art. 67 Abs. 

C­3304/2009 1 AuG wird ein Einreiseverbot vom BFM unter Vorbehalt von Abs. 5 nun  gegenüber  weggewiesenen  Ausländerinnen  und  Ausländern  verfügt,  wenn  die  Wegweisung  nach  Art.  64d  Abs.  2  Bst.  a  –  c  AuG  sofort  vollstreckt wird (Art. 67 Abs. 1 Bst. a AuG) oder die betroffene Person der  Ausreiseverpflichtung  nicht  nachgekommen  ist  (Art.  67  Abs.  1  Bst.  b  AuG).  Es  kann  nach  Art.  67  Abs.  2  AuG  sodann  gegen  ausländische  Personen  erlassen  werden,  die  gegen  die  öffentliche  Sicherheit  und  Ordnung  in  der Schweiz  oder  im Ausland  verstossen  haben oder  diese  gefährden (Art. 67 Abs. 2 Bst. a), Sozialhilfekosten verursacht haben (Art.  67  Abs.  2  Bst.  b)  oder  in  Vorbereitungs­,  Ausschaffungs­  oder  Durchsetzungshaft  genommen worden sind  (Art.  67 Abs.  2 Bst.  c). Das  Einreiseverbot wird  für eine Dauer  von höchstens  fünf  Jahren verhängt.  Es  kann  für  eine  längere  Dauer  verfügt  werden,  wenn  die  betroffene  Person  eine  schwerwiegende  Gefahr  für  die  öffentliche  Sicherheit  und  Ordnung darstellt (Art. 67 Abs. 3 AuG). Schliesslich kann die verfügende  Behörde  aus  humanitären  oder  anderen  wichtigen  Gründen  von  der  Verhängung  eines  Einreiseverbots  absehen  oder  ein  Einreiseverbot  vollständig oder vorübergehend aufheben (Art. 67 Abs. 5 AuG). Die  bisher  bestehende  Praxis  der  Vorinstanz  bei  der  Ansetzung  von  Fernhaltemassnahmen  ist  mit  den  obgenannten  Grundsätzen  vereinbar  [vgl. Botschaft  vom 18. November 2009 über die Genehmigung und die  Umsetzung  des  Notenaustauschs  zwischen  der  Schweiz  und  der  EG  betreffend  die  Übernahme  der  EG­Rückführungsrichtlinie  (Richtlinie  2008/115/EG)  (Weiterentwicklung des Schengen­Besitzstands) und über  eine  Änderung  des  Bundesgesetzes  über  die  Ausländerinnen  und  Ausländer  (Automatisierte Grenzkontrolle,  Dokumentenberaterinnen  und  Dokumentenberater,  Informationssystem  MIDES)  (BBI  2009  S.  8896)]  weswegen  sich  für  den  Beschwerdeführer  im  Ergebnis  nichts  ändert  (Urteil des Bundesverwaltungsgerichts C­820/2009 vom 9. März 2011 E.  5.1 mit Hinweis). 5.2 Wie  bereits  die  altrechtliche  Einreisesperre  (vgl.  Art.  13 Abs.  1  des  Bundesgesetzes vom 26. März 1931 über Aufenthalt und Niederlassung  der Ausländer  [ANAG, BS 1 121])  ist das Einreiseverbot keine Sanktion  für  vergangenes  Fehlverhalten,  sondern  eine  Massnahme  zur  Abwendung künftiger Störungen der öffentlichen Sicherheit und Ordnung  (siehe  Botschaft  zum  Bundesgesetz  über  die  Ausländerinnen  und  Ausländer  vom  8. März  2002  [nachfolgend:  Botschaft],  BBl  2002  3709,  3813). Die öffentliche Sicherheit und Ordnung im Sinne von Art. 67 Abs. 2  Bst.  a  AuG  (welcher  der  alten  Fassung  von  Art. 67  Abs.  1  Bst.  a  AuG 

C­3304/2009 entspricht)  bildet  den  Oberbegriff  für  die  Gesamtheit  der  polizeilichen  Schutzgüter.  Sie  umfasst  unter  anderem  die  Unverletzlichkeit  der  objektiven Rechtsordnung; deren Verletzung  ist namentlich gegeben bei  erheblichen oder wiederholten Verstössen gegen gesetzliche Vorschriften  oder  behördliche  Verfügungen  sowie  bei  Nichterfüllung  öffentlichrechtlicher  oder  privatrechtlicher  Verpflichtungen  (Botschaft,  a.a.O., 3809; vgl. auch Art. 80 Abs. 1 Bst. a und b der Verordnung vom  24.  Oktober  2007  über  Zulassung,  Aufenthalt  und  Erwerbstätigkeit  [VZAE,  SR  142.201]  sowie  RAINER  J.  SCHWEIZER/PATRICK  SUTTER/NINA  WIDMER, in: Rainer J. Schweizer [Hrsg.], Sicherheits­ und Ordnungsrecht  des Bundes, SBVR Bd. III/1, Basel 2008, Teil B, Rz. 13 mit Hinweisen). 6. 6.1  In  der  angefochtenen  Verfügung  wird  dem  Beschwerdeführer  insbesondere vorgeworfen, eine behördliche Anordnung nicht befolgt und  sich  illegal  in  der  Schweiz  aufgehalten  zu  haben.  Aus  den  Akten  geht  hervor,  dass  sich  der  Beschwerdeführer  nach  Ablauf  der  Ausreisefrist  (10.  Mai  2004)  bis  zu  seiner  Ausschaffung  am  21.  April  2009  unbestrittenermassen  weiterhin  in  der  Schweiz  aufhielt.  Bei  seinem  ersten Wiedererwägungsgesuch vom 14. Januar 2005 wurde der Vollzug  der Wegweisung ausgesetzt (bis zum Urteil der ARK vom 30. Mai 2006).  Bei den weiteren vier Wiedererwägungsgesuchen wurde das Gesuch um  Aussetzung  der  Wegweisung  jeweils  abgewiesen  und  der  Beschwerdeführer  verpflichtet,  den Ausgang des Rechtsmittelverfahrens  im  Ausland  abzuwarten.  Er  befolgte  jedoch  keine  dieser  Anweisungen.  Somit  hielt  er  sich  rund  drei  Jahre  illegal  in  der  Schweiz  auf.  Dieser  Aufenthalt ist als rechtswidrig im Sinne von Art. 115 Abs. 1 Bst. b AuG zu  bezeichnen (zum entsprechenden bis zum 31. Dezember 2007 geltenden  Art.  23  Abs.  1  al.  4  ANAG  vgl.  VALENTIN  ROSCHACHER,  Die  Strafbestimmungen  des  Bundesgesetzes  über  Aufenthalt  und  Niederlassung  der  Ausländer  vom  26.  März  1931  [ANAG],  Diss.  Chur/Zürich 1991, S. 42  ff.). Es steht ausser Zweifel, dass er durch das  Nichtbefolgen der behördlich angesetzten Ausreisefrist und den illegalen  Aufenthalt von drei Jahren gegen die öffentliche Sicherheit und Ordnung  in der Schweiz verstossen hat (vgl. Art. 67 Abs. 2 Bst. a AuG).  6.2 Weiter wird dem Beschwerdeführer  in der angefochtenen Verfügung  vorgeworfen, er habe in Ausschaffungshaft genommen und ausgeschafft  werden müssen. Somit hat er – wie sich aus dem Sachverhalt zweifelsfrei  ergibt  –  auch  diesbezüglich  Gründe  für  die  Verhängung  einer  Fernhaltemassnahme gesetzt (vgl. Art. 67 Abs. 2 Bst. c AuG).

C­3304/2009 7. Es  bleibt  zu  prüfen,  ob  die  Massnahme  in  richtiger  Ausübung  des  Ermessens  ergangen  und  angemessen  ist.  Der  Grundsatz  der  Verhältnismässigkeit  steht  dabei  im  Vordergrund.  Unter  diesem  Gesichtspunkt  ist eine wertende Abwägung vorzunehmen zwischen dem  öffentlichen  Interesse  an  der  Massnahme  einerseits  und  den  von  der  Massnahme  beeinträchtigten  privaten  Interessen  des  Betroffenen  andererseits.  Die  Stellung  der  verletzten  oder  gefährdeten Rechtsgüter,  die Besonderheit des ordnungswidrigen Verhaltens und die persönlichen  Verhältnisse des Verfügungsbelasteten bilden dabei den Ausgangspunkt  der  Überlegungen  (vgl.  statt  vieler  ULRICH  HÄFELIN/  GEORG  MÜLLER/FELIX  UHLMANN,  Allgemeines  Verwaltungsrecht,  6. vollständig  überarbeitete  Aufl., Zürich/St. Gallen 2010, Rz. 613 ff.). 7.1 Das  Fehlverhalten  des  Beschwerdeführers  wiegt  objektiv  nicht  leicht.  Der  Missachtung  ausländerrechtlicher  Normen  kommt  im  Interesse  einer  funktionierenden  Rechtsordnung  eine  zentrale  Bedeutung  zu.  Auch  was  die  subjektive Seite  anbelangt,  ist  das Verhalten des Beschwerdeführers  negativ  zu  werten.  So  hielt  er  sich  während  rund  drei  Jahren  illegal  in  der  Schweiz  auf,  obwohl  er  den  Ausgang  von  insgesamt  vier  Rechtsmittelverfahren  im  Ausland  hätte  abwarten  müssen. Der  Beschwerdeführer  hat  sich  demnach  bewusst  über  die  geltende  Rechtsordnung  hinweggesetzt.  Somit  ist  dem  öffentlichen  Interesse  an  einer  zeitlich  befristeten  Fernhaltung  grosses Gewicht  beizumessen.  7.2 Persönliche Interessen können in diesem Verfahren in der Beziehung  des  Beschwerdeführers  zu  einer  ungarischen  Staatsangehörigen  und  dem  gemeinsamen  Kind,  welche  in  der  Schweiz  über  eine  Aufenthaltsbewilligung verfügen, erblickt werden.  Der Beschwerdeführer macht diesbezüglich geltend, er hätte am 20. April  2009  einen  Termin  zur  formellen  Anerkennung  seines  ungeborenen  Kindes  beim  Zivilstandsamt  Kreis  Y._______  gehabt.  Zudem  habe  er  seine Freundin sofort heiraten wollen, doch dazu hätte er im Besitz eines  Reisepasses sein müssen. Der Migrationsdienst des Kantons Bern habe  darüber Bescheid gewusst und dennoch veranlasst, dass er kurz vor der  Vaterschaftsanerkennung ausgeschafft worden sei. Dieses Vorgehen sei  menschenverachtend  und  nicht  rechtmässig.  Ein  Einreiseverbot  würde  zudem ein beabsichtigtes Familiennachzugsgesuch sehr erschweren und  das von der EMRK verbürgte Recht auf Familie beeinträchtigen. 

C­3304/2009 Diese Rügen sind unbegründet. Im vorliegenden Zusammenhang können  die  Vorgehensweise  der  kantonalen  Behörden  sowie  allfällige  Einschränkungen  des  Privat­  bzw.  Familienlebens  des  Beschwerdeführers  aufgrund  sachlicher  bzw.  funktioneller  Unzuständigkeit  des  Bundesverwaltungsgerichts  nicht  Verfahrensgegenstand sein, soweit sie auf das Fehlen eines dauerhaften  Aufenthaltsrechts  in  der  Schweiz  zurückzuführen  sind  (vgl.  Urteil  des  Bundesverwaltungsgerichts C­4509/2009 vom 7. Januar 2010 E. 7.3 mit  Hinweisen). Die Erteilung von Aufenthaltsbewilligungen fällt grundsätzlich  in  die  Zuständigkeit  der  Kantone,  wobei  im  Falle  einer  Bewilligungserteilung  auch  das  bestehende  Einreiseverbot  aufzuheben  wäre  (vgl. Urteile des Bundesgerichts 2C_793/2008 vom 27. März 2009  E.  3.2  sowie  bereits  schon  2A.141/2002  vom  19.  Juli  2002  E.  1.4,  eingehender  2C_473/2008  vom  November  2008  E.  2.3).  Dies  hat  der  Rechtsvertreter  übersehen.  Der  Beschwerdeführer  hat  aufgrund  seines  negativen  Asylentscheids  keine  Aufenthaltsbewilligung  erhalten.  Die  Pflege  regelmässiger  persönlicher  Kontakte  zu  seiner  Freundin  und  seinem  Kind  scheitert  daher  bereits  an  seinem  fehlenden  Anwesenheitsrecht  hierzulande. Somit  stellt  sich  die Frage,  ob die  über  die  Verweigerung  des  Aufenthaltsrechts  hinausgehende,  durch  das  Einreiseverbot  zusätzlich  bewirkte  Erschwernis  vor  Art.  8  Ziff.  1  EMRK  (und  Art.  13  Abs.  1  der  Bundesverfassung  der  Schweizerischen  Eidgenossenschaft vom 18. April 1999 [BV, SR 101]) standhält.  Aus  den  vorstehenden  Ausführungen  geht  hervor,  dass  sich  der  Beschwerdeführer  derzeit  nur  zu  Besuchszwecken  in  der  Schweiz  aufhalten  dürfte.  Eine  Aufhebung  des  Einreiseverbots  führte  demnach  lediglich  dazu,  dass er  den allgemeinen,  für Staatsangehörige  aus dem  Kosovo  geltenden  Einreisebestimmungen  (insbesondere  der  Visumspflicht) unterstünde (Quelle: Bundesamt  für Migration,  im Internet  unter:  www.bfm.admin.ch  >  Dokumentation  >  rechtliche  Grundlagen  >  Weisungen und Kreisschreiben > VII. Visa > Anhänge zu den Weisungen  Visa  BFM  >  Anhang  1  Liste  1:  Staatsangehörigkeit  >  Übersicht  der  Ausweis­  und  Visumvorschriften  nach  Staatsangehörigkeit  >  Alphabetische  Liste  der  Länder  >  Kosovo  [Stand  Januar  2012],  Seite  besucht  im  Dezember  2011).  Er  könnte  somit  ohnehin  nicht  bewilligungsfrei  in  die  Schweiz  einreisen.  Die  Wirkungen  des  Einreiseverbots  bestehen  zudem  nicht  darin,  dass  dem  Beschwerdeführer  während  dessen  Geltungsdauer  Besuchsaufenthalte  bei  ihm nahe stehenden Personen in der Schweiz schlichtweg untersagt  wären.  Es  steht  ihm  vielmehr  die  Möglichkeit  offen,  aus  wichtigen 

C­3304/2009 Gründen  mittels  begründetem  Gesuch  die  zeitweilige  Suspension  der  angeordneten  Fernhaltemassnahme  zu  beantragen  (Art. Art. 67  Abs.  5  AuG). Die Suspension wird aber praxisgemäss nur für eine kurze und klar  begrenzte  Zeit  gewährt  (zum  Ganzen  siehe  Urteile  des  Bundesverwaltungsgerichts C­4509/2009 vom 7. Januar 2010 E. 7.4 mit  Hinweisen).  Es  besteht  von  daher  kein  entsprechender  Anspruch,  indessen  kann  den  geltend  gemachten  privaten  Interessen  des  Beschwerdeführers  im  dargelegten  Umfang  und  Rahmen  Rechnung  getragen werden.  7.3 Eine wertende Gewichtung der sich entgegenstehenden öffentlichen  und  privaten  Interessen  führt  das  Bundesverwaltungsgericht  zum  Schluss,  dass  das  auf  drei  Jahre  befristete  Einreiseverbot  sowohl  vom  Grundsatz her als auch in Bezug auf seine Dauer eine verhältnismässige  und  angemessene  Massnahme  zum  Schutz  der  öffentlichen  Sicherheit  und  Ordnung  darstellt.  Demnach  ist  auch  dem  nachträglich  gestellten  Eventualbegehren nicht stattzugeben. 8. Aus diesen Erwägungen folgt, dass sich die angefochtene Verfügung im  Ergebnis  als  rechtmässig  erweist  (Art.  49  VwVG).  Die  Beschwerde  ist  daher abzuweisen. 9. Entsprechend dem Ausgang des Verfahrens sind dem Beschwerdeführer  die Kosten aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Diese sind auf Fr. 800.­­  festzusetzen  (Art.  1,  Art.  2  und  Art.  3  Bst.  b  des  Reglements  vom  21.  Februar  2008  über  die  Kosten  und  Entschädigungen  vor  dem  Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]). (Dispositiv nächste Seite)

C­3304/2009 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1.  Die Beschwerde wird abgewiesen. 2.  Die  Verfahrenskosten  von  Fr. 800.­­  werden  dem  Beschwerdeführer  auferlegt.  Sie  werden  mit  dem  in  gleicher  Höhe  geleisteten  Kostenvorschuss verrechnet. 3.  Dieses Urteil geht an: – den Beschwerdeführer (Einschreiben) – die Vorinstanz ([…]) – den Migrationsdienst des Kantons Bern ([…]) Der vorsitzende Richter: Die Gerichtsschreiberin: Antonio Imoberdorf Mirjam Angehrn Versand:

C-3304/2009 — Bundesverwaltungsgericht 18.01.2012 C-3304/2009 — Swissrulings