Skip to content

Bundesverwaltungsgericht 10.01.2012 C-2558/2009

10. Januar 2012·Deutsch·CH·CH_BVGE·PDF·1,645 Wörter·~8 min·1

Zusammenfassung

Einreiseverbot | Einreiseverbot

Volltext

C­2558/2009 Bundesve rwa l t ungsge r i ch t T r i buna l   adm in istratif   f édé ra l T r i buna l e   ammin istrati vo   f ede ra l e T r i buna l   adm in istrativ   f ede ra l     Abteilung III C­2558/2009 Urteil   v om   1 0 .   J a nua r   2012 Besetzung Richter Antonio Imoberdorf (Vorsitz), Richter Andreas Trommer, Richterin Elena Avenati­Carpani, Gerichtsschreiberin Mirjam Angehrn. Parteien Z._______, vertreten durch Katja Ammann, Rechtsanwältin,  Trittligasse 30, Postfach 208, 8024 Zürich, Beschwerdeführer,  gegen Bundesamt für Migration (BFM),  Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz.  Gegenstand Einreiseverbot.

C­2558/2009 Sachverhalt: A. Der Beschwerdeführer, geboren 1965, stammt aus dem Kosovo. Er reiste  im März 1987 als Saisonnier  in die Schweiz ein.  Im August 1990  folgte  ihm seine Ehefrau nach. Das Ehepaar hat drei  in der Schweiz geborene  Kinder  (1990,  1995,  1997).  Der  Beschwerdeführer  erlitt  zwei  Unfälle,  nach denen er jeweils von der Sozialhilfe unterstützt werden musste.  B. Mit  Strafverfügung  vom  28.  Februar  1994  verurteilte  das  Bezirksamt  M._______  den  Beschwerdeführer  wegen  Missachtung  von  fremdenpolizeilichen  Vorschriften  (Stellenwechsel  ohne  Bewilligung)  zu  einer Busse von Fr. 150.­­.  C. Am  12.  September  1994  wurde  er  vom  Bezirksamt  A._______  wegen  Führens  eines  Personenwagens  in  übermüdetem  Zustand  für  schuldig  erklärt und mit einer Busse von Fr. 600.­­ bestraft. D. Die  Bezirksgerichtskommission  K._______  verurteilte  den  Beschwerdeführer  am  28.  Juni  1999  wegen  Hehlerei  zu  einer  Gefängnisstrafe  von  zwei Monaten,  bedingt  erlassen auf  eine Probezeit  von  zwei  Jahren.  In  der  Folge  wurde  er  am  4.  November  1999  fremdenpolizeilich verwarnt. E. Mit  Strafbefehl  vom  30.  April  2003  verurteilte  ihn  das  Amtsgericht  Konstanz  wegen  gewerbsmässigen  Einschleusens  von  Ausländern  und  Menschenhandels  zu  einer  Freiheitsstrafe  von  zehn  Monaten,  bedingt  erlassen auf eine Probezeit von drei Jahren. F. Das  damalige  Ausländeramt  des  Kantons  X._______  wies  den  Beschwerdeführer  mit  Verfügung  vom  15. Februar  2006  aus  dem  Kantonsgebiet  weg  und  setzte  ihm  eine  Frist  zur  Ausreise  an.  Das  Departement  für  Justiz  und  Sicherheit  des  Kantons  Thurgau  wies  den  Rekurs  mit  Entscheid  vom  29.  November  2007  ab.  Eine  dagegen  erhobene  Beschwerde  wies  das  Verwaltungsgericht  des  Kantons  Thurgau mit Entscheid vom 2. April 2008 ab. Mit Urteil vom 25. November 

C­2558/2009 2008  trat  das  Bundesgericht  auf  die  dagegen  gerichtete  Beschwerde  mangels Bewilligungsanspruch nicht ein.  G. Am 7. Januar 2009 verfügte das BFM die Ausdehnung der Wegweisung  auf die ganze Schweiz und das Fürstentum Liechtenstein und setzte die  Ausreisefrist  auf  den  15. Januar  2009  fest.  Das  Migrationsamt  des  Kantons Thurgau verlängerte die Ausreisefrist bis zum 31. Januar 2009.  H. Mit  Verfügung  vom  20. März  2009  verhängte  die  Vorinstanz  gegenüber  dem  Beschwerdeführer  ein  Einreiseverbot  auf  unbestimmte  Zeit  (mit  Wirkung ab 24. März 2009) und entzog einer allfälligen Beschwerde die  aufschiebende Wirkung.  Zur  Begründung  führte  sie  unter  Bezugnahme  auf Art. 67 Abs. 1 Bst. a des Ausländergesetzes vom 16. Dezember 2005  (AuG,  SR  142.20;  zur  damaligen  Fassung  vgl.  AS  2007  5457)  aus,  wegen  Schleppertätigkeit,  Verursachung  von  erheblichen  Sozialkosten,  sexueller Belästigung und Menschenhandels habe der Beschwerdeführer  gegen  die  öffentliche  Sicherheit  und  Ordnung  vertossen  und  gefährde  diese.  I. Am  23. März  2009  wurde  der  Beschwerdeführer  von  den  zuständigen  Behörden des Kantons X._______ in Ausschaffungshaft versetzt und am  folgenden Tag in sein Heimatland ausgeschafft. J. Mit  Beschwerde  vom  20. April  2009  an  das  Bundesverwaltungsgericht  beantragt  der  Beschwerdeführer  die  Aufhebung  des  Einreiseverbots,  eventualiter  eine  Reduktion  des  Einreiseverbots  auf  ein  Jahr.  In  prozessualer  Hinsicht  ersuchte  er  um  Wiederherstellung  der  aufschiebenden Wirkung der Beschwerde, angemessene Entschädigung  und  Verzicht  eines  Kostenvorschusses,  eventualiter  Bewilligung  der  unentgeltlichen  Prozessführung.  Zur  Begründung  macht  der  Beschwerdeführer  im  Wesentlichen  geltend,  es  sei  ihm  aufgrund  fehlender  kosovarischer  Vertretung  in  der  Schweiz  nicht  möglich  gewesen, ein Reisepapier zu beschaffen. Das Migrationsamt T._______  habe  ihn  weder  über  das  beschaffte  Ersatzreisepapier  informiert  noch  eine Frist zur Ausreise angesetzt, sondern direkt von der Kantonspolizei  verhaften  lassen  und  ausgeschafft.  Das Einreiseverbot  sei  ihm  am Tag  der  Verhaftung  ausgehändigt  worden  und  er  sei  aufgefordert  worden, 

C­2558/2009 dieses  zu  unterschreiben.  Mit  diesem  Vorgehen  sei  der  Anspruch  auf  rechtliches  Gehör  verletzt  worden.  1988  habe  er  einen  Arbeitsunfall  gehabt und sei zu 33,33 Prozent erwerbsunfähig gewesen. Von 1992 bis  1998  habe  seine  fünfköpfige  Familie  wegen  einer  weiteren  unfallbedingten Arbeitsunfähigkeit seinerseits Sozialhilfe in der Höhe von  lediglich rund Fr. 19'000.­­ bezogen. Im April 2003 sei er vom Amtsgericht  Konstanz  zu  einer  Freiheitsstrafe  von  zehn  Monaten  auf  Bewährung  verurteilt  worden.  Ein  unbefristetes  Einreiseverbot  könne  nur  in  schwerwiegenden  Fällen  verfügt  werden.  Ein  Bezug  von  Sozialhilfe  vor  elf  Jahren  sowie  das  Begehen  eines  Vergehens  würden  weder  für  die  Ansetzung  eines  befristeten  noch  eines  unbefristeten  Einreiseverbots  genügen.  Das  Einreiseverbot  sei  zudem  angesichts  der  ihm  vorgeworfenen Taten, der Aufenthaltsdauer von 22 Jahren in der Schweiz  und  seines  grundsätzlichen  Verhaltens  in  der  Schweiz  nicht  verhältnismässig.  Überdies  sei  er  bereits  mit  dem  Umstand  der  Beantragung  eines  Visums  für  die  Schweiz,  um  seine  Familie  zu  besuchen, schon genügend bestraft. K. Mit  Zwischenverfügung  vom  1.  Mai  2009  wurde  das  Gesuch  um  Wiederherstellung  der  aufschiebenden  Wirkung  der  Beschwerde  abgewiesen. L. Die Vorinstanz  schliesst  in  ihrer Vernehmlassung  vom 13. August  2009  auf  Abweisung  der  Beschwerde.  Bezüglich  der  geltend  gemachten  Verletzung  des  rechtlichen Gehörs  führt  sie  aus,  der  Beschwerdeführer  habe anlässlich der Ausdehnung der kantonalen Wegweisung ausführlich  Stellung nehmen können. M. Mit Replik vom 21. September 2009 hält der Beschwerdeführer an seinen  Rechtsbegehren  und  deren  Begründung  fest.  In  Bezugnahme  auf  die  Vernehmlassung  führt  er  aus,  die  Vorinstanz  habe  ihm  in  ihrem  Schreiben vom 15. Dezember 2008 eine nicht erstreckbare Frist bis zum  5.  Januar  2009  gewährt,  um  im  Sinne  des  rechtlichen  Gehörs  zur  beabsichtigten  Ausdehnung  der  kantonalen  Wegweisung  Stellung  zu  nehmen.  Dass  mit  der  Wegweisung  auch  noch  ein  auf  unbestimmte  Dauer geltendes Einreiseverbot verhängt werden sollte, sei  jedoch nicht  erwähnt worden.

C­2558/2009 N. Auf  den  weiteren  Akteninhalt  wird,  soweit  rechtserheblich,  in  den  Erwägungen eingegangen. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1.  1.1 Gemäss Art. 31 des Verwaltungsgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005  (VGG, SR 173.32) beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Beschwerden  gegen  Verfügungen  im  Sinne  von  Art.  5  des  Verwaltungsverfahrensgesetzes  vom  20. Dezember  1968  (VwVG,  SR 172.021),  sofern  keine  Ausnahme  nach  Art.  32  VGG  vorliegt.  Als  Vorinstanzen  gelten  die  in  Art.  33  VGG  genannten  Behörden.  Dazu  gehört auch das BFM, welches mit der Anordnung eines Einreiseverbotes  eine  Verfügung  im  erwähnten  Sinne  und  daher  ein  zulässiges  Anfechtungsobjekt erlassen hat. Eine Ausnahme nach Art. 32 VGG liegt  nicht vor. 1.2 Das Rechtsmittelverfahren vor dem Bundesverwaltungsgericht richtet  sich  nach  dem  VwVG,  soweit  das  Verwaltungsgerichtsgesetz  nichts  anderes bestimmt (Art. 37 VGG). 1.3 Der Beschwerdeführer  ist als Verfügungsadressat  legitimiert  (Art. 48  Abs. 1 VwVG). Auf die frist­ und formgerecht eingereichte Beschwerde ist  somit einzutreten (vgl. Art. 49 ff. VwVG).  2. Mit  Beschwerde  an  das  Bundesverwaltungsgericht  kann  die  Verletzung  von  Bundesrecht  einschliesslich  Überschreitung  oder  Missbrauch  des  Ermessens,  die  unrichtige  oder  unvollständige  Feststellung  des  rechtserheblichen  Sachverhaltes  und  –  sofern  nicht  eine  kantonale  Behörde  als  Beschwerdeinstanz  verfügt  hat  –  die  Unangemessenheit  gerügt werden (Art. 49 VwVG). Das Bundesverwaltungsgericht wendet im  Beschwerdeverfahren  das  Bundesrecht  von  Amtes  wegen  an.  Es  ist  gemäss  Art.  62  Abs.  4  VwVG  an  die  Begründung  der  Begehren  nicht  gebunden und kann die Beschwerde auch aus anderen als den geltend 

C­2558/2009 gemachten  Gründen  gutheissen  oder  abweisen.  Massgebend  ist  grundsätzlich die Sachlage zum Zeitpunkt seines Entscheides (vgl. BVGE  2011/1 E. 2 mit Hinweis). 3. 3.1 Vor einer allfälligen materiellen Beurteilung ist in formeller Hinsicht zu  prüfen,  ob  die  Vorinstanz  den  Anspruch  auf  rechtliches  Gehör  verletzt  hat,  indem sie dem Beschwerdeführer keine Möglichkeit eingeräumt hat,  sich zum Einreiseverbot zu äussern.  3.2  Der  Anspruch  auf  rechtliches  Gehör,  wie  ihn  Lehre  und  Rechtsprechung  aus  Artikel  29  Abs.  2  der  Bundesverfassung  der  Schweizerischen  Eidgenossenschaft  vom  18.  April  1999  (BV,  SR  101)  ableiten und wie er sich für das Bundesverwaltungsverfahren aus den Art.  29  ff.  VwVG  ergibt,  umfasst  eine  Anzahl  verschiedener  verfassungsrechtlicher  Verfahrensgarantien  (vgl.  aus  der  Literatur  etwa  MICHELE  ALBERTINI,  Der  verfassungsmässige  Anspruch  auf  rechtliches  Gehör  im  Verwaltungsverfahren  des  modernen  Staates,  Bern  2000,  S.  202  ff.;  ANDREAS  AUER/GIORGIO  MALINVERNI/MICHEL  HOTTELIER,  Droit  constitutionnel  suisse  Vol.  II.,  Les  droits  fondamentaux,  2.  Aufl.,  Bern  2006, S.  606  ff.; BENOIT BOVAY, Procédure administrative, Bern 2000, S.  207  ff.;  ULRICH  HÄFELIN  /GEORG  MÜLLER/FELIX  UHLMANN,  Allgemeines  Verwaltungsrecht,  6.  vollständig  überarbeitete  Aufl.,  Zürich/St. Gallen  2010, Rz. 1672 ff.; ALFRED KÖLZ/ISABELLE HÄNER, Verwaltungsverfahren und  Verwaltungsrechtspflege  des  Bundes,  2.  Aufl.,  Zürich  1998,  Rz.  129  ff.  und  292  ff.;  JÖRG  PAUL  MÜLLER/MARKUS  SCHEFER,  Grundrechte  in  der  Schweiz, Bern 2008, S. 846 ff.). Zunächst – und für die Prozessparteien  regelmässig  im  Vordergrund  stehend  –  gehört  dazu  das  Recht  auf  vorgängige Äusserung und Anhörung (vgl. Art. 30 Abs. 1 VwVG), welches  den  Betroffenen  einen  Einfluss  auf  die  Ermittlung  des  wesentlichen  Sachverhaltes sichert. Dabei kommt der von einem Verfahren betroffenen  Person  der  Anspruch  zu,  sich  vorgängig  einer  behördlichen  Anordnung  zu  allen  wesentlichen  Punkten,  welche  die  Feststellung  des  rechtserheblichen  Sachverhaltes  betreffen,  zu  äussern  und  von  der  betreffenden  Behörde  alle  dazu  notwendigen  Informationen  zu  erhalten  (vgl. BVGE 2010/35    E. 4.1.2 mit Hinweisen). 3.3 Einen  weiteren  wichtigen  Teilgehalt  des  Anhörungsrechts  bildet  die  Pflicht  der  Behörden,  die  Äusserungen  der  Betroffenen  tatsächlich  zur  Kenntnis  zu  nehmen  und  sich  damit  in  der  Entscheidfindung  und               ­begründung  sachgerecht  auseinanderzusetzen.  Diese  Prüfungs­  oder 

C­2558/2009 Berücksichtigungspflicht  liegt  bereits  Art.  30  VwVG  zu  Grunde,  kommt  aber  besonders  deutlich  in  Art.  32  Abs.  1  VwVG  zum  Ausdruck,  der  bestimmt,  dass  die  Behörde  alle  erheblichen  und  rechtzeitigen  Vorbringen  der  Parteien  würdigt,  bevor  sie  verfügt  (BERNHARD  WALDMANN/JÜRG  BICKEL,  in  Waldmann/Weissenberger  [Hrsg.],  Praxiskommentar VwVG, Zürich 2009, Art. 29 N 80  ff. u. Art. 32 N 7  ff.;  KÖLZ/HÄNER, a.a.O., S. 119). Daraus  folgt schliesslich die grundsätzliche  Pflicht der Behörden, ihren Entscheid entsprechend zu begründen (siehe  BVGE 2007/21 E. 10.2 mit Hinweisen). 3.4 Auf  den Gehörsanspruch  als  solchen  kann  nicht  verzichtet  werden.  Ob das rechtliche Gehör gewährt wurde, ist im Beschwerdeverfahren von  Amtes wegen zu überprüfen (vgl. KÖLZ/HÄNER. a.a.O., S. 46). 4. 4.1 Die Vorinstanz bringt vor, der Beschwerdeführer habe anlässlich der  Ausdehnung  der  kantonalen  Wegweisung  ausführlich  Stellung  nehmen  können.  Den  Akten  ist  zu  entnehmen,  dass  die  Vorinstanz  dem  Beschwerdeführer  mit  Schreiben  vom  15.  Dezember  2008  jedoch  lediglich  das  rechtliche  Gehör  zur  beabsichtigten  Ausdehnung  der  kantonalen Wegweisung  auf  das  ganze  Gebiet  der  Schweiz  sowie  das  Fürstentum Liechtenstein gewährt hat. Zu einem Einreiseverbot hat sich  die  Vorinstanz  weder  in  diesem  Schreiben  noch  anderswo  geäussert.  Dementsprechend  konnte  der  Beschwerdeführer  mit  seinem  Schreiben  vom 5. Januar 2009 ausschliesslich  zur beabsichtigten Ausdehnung der  kantonalen  Wegweisung  Stellung  nehmen.  In  den  Akten  des  Migrationsamtes  des  Kantons  Thurgau  befindet  sich  ein  Schreiben,  datiert  vom  20.  März  2009,  mit  dem  Titel  "Rechtliches  Gehör  Einreiseverbot",  welches  jedoch  leer  geblieben  ist.  Das  am  selben  Tag  erlassene Einreiseverbot wurde dem Beschwerdeführer drei Tage später,  am  Tag  seiner  Festnahme,  von  der  Kantonspolizei  Thurgau  eröffnet.  Demzufolge  hatte  der  Beschwerdeführer  keine  Gelegenheit,  zur  verhängten  Fernhaltemassnahme  Stellung  zu  nehmen.  Besagtes  Vorgehen  der  Vorinstanz  befremdet  sehr,  war  ihr  doch  seitens  der  kantonalen Behörden weder zugesichert worden, dem Beschwerdeführer  werde das rechtliche Gehör gewährt noch war sie im Besitz eines solchen  Schreibens. Sie wäre deshalb gehalten gewesen, den Beschwerdeführer  selbst  über  das  laufende Verfahren  zu  orientieren  und  ihm Gelegenheit  zu  geben,  sich  dazu  zu  äussern  und  diese  Äusserung  zur  Kenntnis  zu  nehmen oder durch entsprechende Nachforschungen bei den kantonalen 

C­2558/2009 Behörden  sicherzustellen,  dass  ihm  das  Anhörungsrecht  rechtzeitig  gewährt wird bevor anschliessend verfügt wird. 4.2 Darauf, dass die vorgängige Gewährung des Anhörungsrechts nicht  erforderlich oder aufgrund zeitlicher Dringlichkeit  nicht möglich gewesen  wäre  (vgl. Art.  30 Abs.  2 Bst.  a – e VwVG),  könnte  sich die Vorinstanz  unter  den  vorliegenden  Begebenheiten  nicht  berufen.  Der  Beschwerdeführer  wurde  am  23.  März  2011  in  Ausschaffungshaft  versetzt  und  am  folgenden  Tag  in  sein Heimatland  ausgeschafft.  Zuvor  hielt  er  sich  den  Behörden  zur  Verfügung  und  bemühte  sich  aktiv,  ein  Reisepapier  zu  beschaffen.  Gemäss  einer  Aktennotiz  der  Vorinstanz  erkundigte sich am 26. Januar 2009 ein Freund des Beschwerdeführers  darüber, was der Beschwerdeführer machen müsse, um ein Reisepapier  zu  erhalten.  Am  20. Februar  2009  hat  das  Migrationsamt  des  Kantons  T._______  bei  der  Vorinstanz  ein  Laissez­Passer  beantragt  und  um  raschmöglichste  Erledigung  gebeten.  Mit  E­Mail  vom  6. März  2009  hat  das  Migrationsamt  bei  der  Vorinstanz  nachgefragt,  wann  mit  der  Ausstellung  eines  Laissez­Passer  gerechnet  werden  könne.  Die  Vorinstanz wurde am 13. März 2009 und das Migrationsamt am 19. März  2009  darüber  informiert,  dass  die  kosovarischen  Behörden  mit  der  Rückreise  des  Beschwerdeführers  einverstanden  seien.  Vom  Zeitpunkt  der  Zustimmung  der  kosovarischen  Behörden  bis  zur  Ausschaffung  vergingen  somit  elf  Tage.  Hätte  das  BFM  die  kantonalen  Akten  herangezogen,  hätte  es  zudem  feststellen  können,  dass  der  Beschwerdeführer  seit  dem 27.  Februar  2009  von  einer Rechtsanwältin  vertreten  ist.  Seine  Erreichbarkeit  war  somit  stets  gewährleistet.  Vor  diesem Hintergrund  ist nicht einzusehen, warum es der Vorinstanz nicht  hätte  möglich  sein  sollen,  das  Verfahren  auf  Erlass  einer  allfälligen  Fernhaltemassnahme so zu  terminieren, dass alle Voraussetzungen der  sachgerechten  Gewährung  des  rechtlichen  Gehörs  erfüllt  gewesen  wären. Demzufolge bestand  keine  zeitliche Dringlichkeit  bzw. war  keine  Gefahr  im  Verzuge  (vgl.  Art.  30  Abs.  2  Bst.  e  VwVG),  welche  es  dem  BFM  erlaubt  hätte,  von  einer  erforderlichen  vorgängigen  Anhörung  abzusehen. Es liegt mithin eine Verletzung des Anspruchs auf rechtliches  Gehör vor.  4.3  Der  Anspruch  auf  rechtliches  Gehör  ist  formeller  Natur.  Seine  Verletzung  führt  grundsätzlich  ungeachtet  der  Erfolgsaussichten  der  Beschwerde  in  der  Sache  selbst  zur  Aufhebung  der  angefochtenen  Verfügung. Ob eine Gehörsgewährung im konkreten Fall für den Ausgang  der  Streitsache  in  materieller  Hinsicht  von  Bedeutung  ist,  d.h.  ob  die 

C­2558/2009 Behörde  dadurch  zu  einer  Änderung  veranlasst  werden  könnte,  spielt  also  keine  Rolle  (vgl.  PATRICK  SUTTER  in:  Christoph  Auer/Markus  Müller/Benjamin  Schindler  [Hrsg.],  Kommentar  zum  Bundesgesetz  über  das Verwaltungsverfahren [VwVG], Zürich/St. Gallen 2008, Rz. 16 zu Art.  29  VwVG;  ANDRÉ  MOSER/MICHAEL  BEUSCH/LORENZ  KNEUBÜHLER,  Prozessieren  vor  dem Bundesverwaltungsgericht,  Lausanne/Zürich/Bern  2008, S. 153 Rz. 3.110; BGE 132 V 387 E. 5 S. 390; BGE 127 V 431 E.  3d.aa; BVGE 2007/30 E. 5.5.1).  Dieser Grundsatz wird allerdings dadurch relativiert, dass die Verletzung  des  Gehörsanspruchs  gegebenenfalls  durch  die  Rechtsmittelinstanz  geheilt  werden  kann.  Eine  Verletzung  des  rechtlichen  Gehörs  ist  nach  ständiger  Praxis  des  Bundesgerichts  ausnahmsweise  einer  Heilung  zugänglich, wenn die betroffene Partei die Möglichkeit hat, sich vor einer  Beschwerdeinstanz zu äussern, die zur freien Prüfung aller Sachverhalts­  und  Rechtsfragen  befugt  ist,  welche  der  unteren  Instanz  hätten  unterbreitet  werden  können.  Von  der  Rückweisung  der  Sache  an  die  Verwaltung  zur  Gewährung  des  rechtlichen  Gehörs  kann  in  solchen  Fällen  nach  dem  Grundsatz  der  Verfahrensökonomie  dann  abgesehen  werden, wenn die Rückweisung zu einem "formalistischen Leerlauf" und  damit  zu  einer  unnötigen  Verlängerung  des  Verfahrens  führen  würde  (BGE 137 I 195 E. 2.3.2 S. 197 f. mit Hinweisen; BGE 133 I 201 E. 2.2 S.  204 f.; BGE 132 V 387 E. 5.1 S. 390 und ebenso bereits BGE 116 V 182  E.  1b  S.  185  f. mit  Hinweisen  sowie  E.  3d  S.  187).  Nach  in  der  Lehre  vertretener  Auffassung  fällt  eine  Heilung  dabei  nur  in  Fällen  nicht  besonders schwerwiegender Verletzungen von Parteirechten  in Betracht  (vgl. WALDMANN/BICKEL, a.a.O., N 115 f. zu Art. 29; SUTTER, a.a.O., Rz. 21  ff.  zu  Art.  29;  MOSER/BEUSCH/KNEUBÜHLER,  a.a.O.,  Rz.  3.112).  Demgegenüber hat das Bundesgericht in jüngeren Entscheiden die eben  dargelegten Grundsätze auch  im Zusammenhang mit  schwerwiegenden  Verletzungen  des  rechtlichen  Gehörs  anwendbar  erklärt  und  damit  grundsätzlich  die Auffassung  vertreten,  auch  solche Verletzungen  seien  einer  Heilung  zugänglich  (vgl.  BGE  133  I  201  E.  2.2  S.  204  f.  mit  Hinweis). Diesen Entscheiden ist seitens der Lehre teilweise heftige Kritik  erwachsen  (vgl.  insb.  SUTTER,  a.a.O.,  Rz.  21  zu  Art.  29;  vgl.  auch  WALDMANN/BICKEL,  a.a.O.,  N  116  sowie  N  125  ff.  zu  Art.  29).  Den  verfahrensökonomischen  Überlegungen  ist  aber  jedenfalls  dann  kein  entscheidendes  Gewicht  beizumessen,  wenn  ein  Verfahren  keinen  Einzelfall  belegt,  sondern  für  eine  Vielzahl  anderer  Fälle  mit  vergleichbaren Konstellationen von Bedeutung  ist. Es gilt zu verhindern,  dass die Vorinstanz darauf vertraut, von ihr missachtete Verfahrensrechte 

C­2558/2009 würden systematisch nachträglich geheilt. Ansonsten verlören die gerade  für das erstinstanzliche Verfahren vorgesehenen prozessualen Garantien  ihren  Sinn  (vgl.  SUTTER,  a.a.O.,  Rz.  18  zu  Art.  29  VwVG;  vgl.  ebenso  MOSER/BEUSCH/KNEUBÜHLER,  a.a.O.,  Rz.  3.113  mit  weiteren  Hinweisen;  WALDMANN/BICKEL,  a.a.O., N 126 zu Art.  29; BGE 126  II  111 E.  6b/aa S.  123  f.  mit  weiteren  Hinweisen  sowie  Urteile  des  Bundesverwaltungsgerichts  C­913/2009  vom  24.  Juni  2011  E.  5.3,          C­1181/2009 vom 8. September 2010 E. 4.3, C­1098/2009 vom 10. Mai  2010, C­6862/2010 vom 26. April 2010, C­31/2007 vom 14. Oktober 2009  E. 5.3.1, C­8304/2007 vom 2. September 2009 E. 4.2, C­8027/2008 vom  2.  September  2009 E.  5.3,  C­1618/2007  vom  27.  Februar  2009 E.  3.3,     C­3985/2007 vom 2. Februar 2009 E. 4.3 und C­7180/2007 vom 8. April  2008 E. 2.1).  4.4  Das  Bundesverwaltungsgericht  verfügt  im  vorliegenden  Verfahren  über die gleiche Kognition wie die Vorinstanz und  ist  zur  freien Prüfung  aller Sachverhalts­ und Rechtsfragen befugt. Eine Voraussetzung für die  (ausnahmsweise) Heilung der Verletzung des Anspruchs auf  rechtliches  Gehör  wäre  somit  gegeben.  Andererseits  ist  hier  von  einer  besonders  schwerwiegenden  Verletzung  der  Parteirechte  auszugehen.  Mit  ihrem  Vorgehen hat die Vorinstanz dem Beschwerdeführer einen wesentlichen  Bestandteil  des  Gehörsrechts  vorenthalten.  Dass  sich  das  BFM  auf  Vernehmlassungsstufe  fadenscheinig  doch  noch mit  dem  Anspruch  auf  rechtliches  Gehör  befasste,  vermag  an  der  Schwere  der  Verletzung  nichts  zu  ändern.  Gegen  die  Zulässigkeit  der  Heilung  des  Verfahrensmangels  spricht  ferner  der  Umstand,  dass  der  Entscheid  betreffend  Anordnung  und  Dauer  des  Einreiseverbots  eine  grosse  Ermessenskomponente beinhaltet (vgl. BGE 104 Ib 129 E. 7 S. 137). Die  Gehörsverletzung stellt sodann keinen Einzelfall dar (siehe etwa die oben  unter E. 4.3 in fine erwähnten Urteile des Bundesverwaltungsgerichts).  5. Bei dieser Sachlage ist auf die übrigen formellen und materiellen Rügen  nicht  weiter  einzugehen.  Fest  steht,  dass  die  angefochtene  Verfügung  Bundesrecht  verletzt  (Art.  49  Bst.  a  VwVG).  Die  Beschwerde  ist  daher  gutzuheissen,  die  Verfügung  vom  20. März  2009  aufzuheben  und  die  Sache  im  Sinne  der  Erwägungen  an  das  BFM  zur  Neubeurteilung  zurückzuweisen.  6. Entsprechend  dem  Verfahrensausgang  sind  dem  Beschwerdeführer 

C­2558/2009 keine Kosten aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Für die  im Verfahren  vor dem Bundesverwaltungsgericht erwachsenen notwendigen Kosten ist  ihm zudem eine Parteientschädigung von Fr. 1'500.­ zuzusprechen  (Art.  64 Abs. 1 VwVG i.V.m. Art. 7 ff. des Reglements vom 21. Februar 2008  über  die  Kosten  und  Entschädigungen  vor  dem  Bundesverwaltungsgericht  [VGKE,  SR  173.320.2]).  Mit  der  Ausrichtung  einer  Parteientschädigung  sind  die  Auslagen  des  Beschwerdeführers  gedeckt, womit sein Gesuch um unentgeltliche Rechtspflege hinfällig wird  (vgl.  MARCEL  MAILLARD  in  Praxiskommentar  VwVG,  a.a.O.,  N  46  zu  Art.  65).  Unterliegenden  Bundesbehörden  werden  keine  Verfahrenskosten  auferlegt (Art. 63 Abs. 2 VwVG). 7.  Das  vorliegende  Urteil  ist  endgültig  (Art.  83  Bst.  c  Ziff.  1  des  Bundesgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005 [BGG, SR 173.110]).

C­2558/2009 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1. Die Beschwerde wird gutgeheissen und die angefochtene Verfügung vom  20. März 2009 wird aufgehoben. 2. Die Sache wird zur Neubeurteilung an das BFM zurückgewiesen. 3. Es werden keine Verfahrenskosten erhoben.  4. Die  Vorinstanz  wird  verpflichtet,  dem  Beschwerdeführer  eine  Parteientschädigung von Fr. 1'500.­­ (inkl. MWST) zu bezahlen. 5. Dieses Urteil geht an: – den Beschwerdeführer (Einschreiben)  – die Vorinstanz (Akten Ref.­Nr. […]) – das Migrationsamt des Kantons X. (Akten Ref.­Nr. […]) Der vorsitzende Richter: Die Gerichtsschreiberin: Antonio Imoberdorf Mirjam Angehrn Versand: