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Bundesverwaltungsgericht 09.08.2011 C-2283/2010

9. August 2011·Deutsch·CH·CH_BVGE·PDF·1,752 Wörter·~9 min·1

Zusammenfassung

Schwerwiegender persönlicher Härtefall | Verweigerung der Zustimmung sowie Wegweisung

Volltext

Bundesve rwa l t ungsge r i ch t T r i buna l   adm in istratif   f édé ra l T r i buna l e   ammin istrati vo   f ede ra l e T r i buna l   adm in istrativ   f ede ra l Abteilung III C­2283/2010 Urteil   v om   9 .   Augus t   2011 Besetzung Richter Antonio Imoberdorf (Vorsitz), Richter Blaise Vuille, Richterin Ruth Beutler,    Gerichtsschreiberin Mirjam Angehrn. Parteien H._______,  vertreten durch Werner Spirig, Fürsprecher,  Maulbeerstrasse 14, 3011 Bern, Beschwerdeführerin,  gegen Bundesamt für Migration (BFM),  Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz.  Gegenstand Verweigerung der Zustimmung sowie Wegweisung.

C­2283/2010 Sachverhalt: A. Die  Beschwerdeführerin  (geb.  1977,  Kosovo)  reiste  am  6.  Juni  1999  illegal  in die Schweiz ein. Der Antrag auf kollektive vorläufige Aufnahme  der damaligen Fremdenpolizei des Kantons Bern (heute: Migrationsdienst  des  Kantons  Bern)  wurde  am  30.  November  1999  vom  damaligen  Bundesamt  für  Flüchtlinge  (heute:  BFM)  als  gegenstandlos  abgeschrieben, da der Bundesrat die gruppenweise vorläufige Aufnahme  am  16.  August  1999  aufgehoben  hatte.  Der  Vater  der  Beschwerdeführerin  befand  sich  damals  bereits  mit  einer  Niederlassungsbewilligung  in  der  Schweiz.  Ebenso  ihre Mutter  und  drei  ihrer Geschwister, die aufgrund eines Familiennachzuges in die Schweiz  gelangten. Ein Gesuch um Familiennachzug  für die Beschwerdeführerin  vom 18. Juni 1999 wurde von der damaligen Fremdenpolizei des Kantons  Bern  mit  Schreiben  vom  17.  Dezember  1999  abgelehnt,  da  die  Beschwerdeführerin zu  jenem Zeitpunkt bereits volljährig war. Es wurde  ihr  eine  Ausreisefrist  bis  zum  31.  Mai  2000  gesetzt.  Die  Beschwerdeführerin reiste jedoch nicht aus der Schweiz aus. B. Am 23. Juli 2008 reichte sie beim Amt  für Migration und Personenstand  des Kantons Bern ein Gesuch  für eine Härtefallbewilligung nach Art. 30  des Ausländergesetzes vom 16. Dezember 2005  (AuG, SR 142.20) ein.  Mit  Schreiben  vom  30.  April  2009  stellte  der  Migrationsdienst  des  Kantons  Bern  dem  BFM  den  Antrag,  es  sei  der  Erteilung  einer  Aufenthaltsbewilligung  unter  Abweichung  von  den  Zulassungsvoraussetzungen  wegen  Vorliegens  eines  schwerwiegenden  persönlichen Härtefalls gemäss Art. 30 Abs. 1 Bst. b AuG  i.V.m. Art. 31  der  Verordnung  vom  24. Oktober  2007  über  Zulassung,  Aufenthalt  und  Erwerbstätigkeit (VZAE, SR 142.201) zuzustimmen. C. Am  19.  Januar  2010  gewährte  die  Vorinstanz  der  Beschwerdeführerin  das  rechtliche Gehör zur beabsichtigten Verweigerung der Zustimmung.  Von dieser Möglichkeit machte die Beschwerdeführerin mit Eingabe vom  5. Februar 2010 Gebrauch und führte im Wesentlichen aus, aufgrund der  Traumatisierung  im  Krieg  habe  sie  in  der  Tat  lange  zurückgezogen  im  Kreis ihrer Familie gelebt. Seit dem 1. Dezember 1999 (recte 2009) habe  sie  einen  Deutschkurs  bei  der  Migros  Thun  besucht,  der  bis  zum  28.  Januar 2010 gedauert habe. Anschliessend habe sie einen weiteren Kurs 

C­2283/2010 besucht,  der  bis  zum  14.  April  2010  dauern  werde.  Sie  sei  gewillt  so  lange Deutsch  zu  lernen,  bis  sie  ein Niveau erreicht  habe,  auf  dem sie  sich  gut  ausdrücken  könne.  Zudem habe  sie  begonnen,  eine  berufliche  Zukunft aufzubauen und besuche einen Nähkurs. Weiter habe sie engen  Kontakt  zu  den  Zeugen  Jehovas  und  daneben  pflege  sie  auch  die  Freundschaft mit fünf Schweizerinnen. D. Mit  Verfügung  vom  5.  März  2010  verweigerte  die  Vorinstanz  die  zur  Erteilung  einer  Aufenthaltsbewilligung  aus  humanitären  Gründen  erforderliche Ausnahme von den Begrenzungsmassnahmen und wies die  Beschwerdeführerin aus der Schweiz weg. E. Mit  Rechtsmitteleingabe  vom  7.  April  2010  beantragt  die  Beschwerdeführerin  beim  Bundesverwaltungsgericht  die  Aufhebung  der  vorinstanzlichen  Verfügung  und  die  Zustimmung  zur  Erteilung  einer  Aufenthaltsbewilligung aus humanitären Gründen. Zur Begründung bringt  die Beschwerdeführerin  im Wesentlichen vor, die Vorinstanz habe keine  Gesamtbeurteilung ihrer persönlichen Verhälnisse vorgenommen, weil sie  insbesondere  nicht  berücksichtigt  habe,  dass  ihr  Wille  zur  vollen  Integration vorhanden sei. Eine Rückkehr in den Kosovo wäre für sie eine  gewaltige  Härte.  Sie  sei  mit  ihrer  Familie  stark  verbunden.  Nach  dem  Krieg  und  dem  gewaltsamen  Tod  ihres  Bruders  habe  sie  durch  ihre  Familie  wieder  zu  einem  seelischen  Gleichgewicht  gefunden.  Diesbezüglich  beantragt  sie  die  gerichtliche  Befragung  ihres  Bruders  Q._______.  Sie  macht  weiter  geltend,  sie  und  ihre  Familie  hätten  nie  Sozialhilfe bezogen und sie habe auch nie illegal gearbeitet, weil es ihnen  wichtig  sei,  nicht  gegen  die  schweizerische  Rechtsordnung  zu  verstossen.  Sie  habe  in  letzter  Zeit  Schritte  unternommen,  um  ein  wirtschaftlich selbständiges Leben führen zu können. Sie habe seit 2009  angefangen  systematisch  und  in  einem  Kurs  Deutsch  zu  lernen,  habe  einen Nähkurs begonnen und vom Motel X. die Zusicherung erhalten, ab  April 2010 eine Teilzeitstelle von 50 bis 60 % als Raumpflegerin antreten  zu dürfen. Sie habe somit  den Willen  zur Teilhabe am Wirtschaftsleben  und  zum  Erwerb  von  Bildung.  Weiter  habe  sie  schon  seit  längerem  Kontakt zu den Zeugen Jehovas und anderen Schweizer Bürgern. F. Die Vorinstanz schliesst  in  ihrer Vernehmlassung vom 15. Juni 2010 auf  Abweisung der Beschwerde.

C­2283/2010 G. Auf  den  weiteren  Akteninhalt  wird,  soweit  rechtserheblich,  in  den  Erwägungen eingegangen. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. 1.1 Gemäss Art. 31 des Verwaltungsgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005  (VGG, SR 173.32) beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Beschwerden  gegen Verfügungen nach Art. 5 des Verwaltungsverfahrensgesetzes vom  20. Dezember 1968 (VwVG, SR 172.021), sofern keine Ausnahme nach  Art.  32  VGG  vorliegt.  Als  Vorinstanzen  gelten  die  in  Art.  33  VGG  genannten  Behörden.  Darunter  fallen  Verfügungen  des  BFM  betreffend  Zustimmung zur Erteilung bzw. Verlängerung einer Aufenthaltsbewilligung und  betreffend Wegweisung. Sofern kein Anspruch auf Erteilung bzw. Verlängerung  einer  Aufenthaltsbewilligung  besteht  und  insoweit  als  die  Verfügung  die  Wegweisung anordnet, entscheidet das Bundesverwaltungsgericht endgültig (Art.  83  Bst.  c  Ziff.  2  und  Ziff.  4  des  Bundesgerichtsgesetzes  vom  17.  Juni  2005  [BGG, SR 173.110]). 1.2 Das Rechtsmittelverfahren vor dem Bundesverwaltungsgericht richtet  sich  nach  dem  VwVG,  soweit  das  Verwaltungsgerichtsgesetz  nichts  anderes bestimmt (Art. 37 VGG). 1.3 Die Beschwerdeführerin  ist  als Verfügungsbetroffene  legitimiert  (Art.  48 Abs. 1 VwVG). Auf die frist­ und formgerecht eingereichte Beschwerde  ist somit einzutreten (Art. 50 und 52 VwVG). 2. Mit  Beschwerde  an  das  Bundesverwaltungsgericht  kann  die  Verletzung  von  Bundesrecht  einschliesslich  Überschreitung  oder  Missbrauch  des  Ermessens,  die  unrichtige  oder  unvollständige  Feststellung  des  rechtserheblichen  Sachverhaltes  sowie  –  wenn  nicht  eine  kantonale  Behörde  als  Beschwerdeinstanz  verfügt  hat  –  die  Unangemessenheit  gerügt  werden  (Art.  49  VwVG).  Das  Bundesverwaltungsgericht  wendet  das  Bundesrecht  von  Amtes  wegen  an.  Es  ist  gemäss  Art.  62  Abs.  4  VwVG  an  die  Begründung  der  Begehren  nicht  gebunden  und  kann  die  Beschwerde  auch  aus  anderen  als  den  geltend  gemachten  Gründen  gutheissen oder abweisen. Massgebend  ist grundsätzlich die Sach­ und  Rechtslage zum Zeitpunkt seines Entscheides (vgl. E. 1.2 des Urteils des  Bundesgerichts 2A.451/2002 vom 28. März 2003  teilweise publizierte  in  BGE 129 II 215).

C­2283/2010 3. 3.1 Hinsichtlich  der  von der Beschwerdeführerin  als Beweismassnahme  beantragten  gerichtlichen  Befragung  ihres  Bruders  Q._______  ist  Folgendes festzuhalten: Der Behörde kommt grundsätzlich die Pflicht zu,  den rechtserheblichen Sachverhalt von Amtes wegen zu ermitteln (Art. 12  VwVG). Die Behörde  ist  verpflichtet,  die  von den Parteien angebotenen  Beweise abzunehmen, sofern diese geeignet sind, den rechtserheblichen  Sachverhalt  zu  erhellen.  Kommt  die  Behörde  bei  pflichtgemässer  Beweiswürdigung zur Überzeugung, die Akten erlaubten die richtige und  vollständige  Feststellung  des  rechtserheblichen  Sachverhalts  oder  die  behauptete Tatsache sei  für die Entscheidung der Streitsache nicht von  Bedeutung, kann sie auf die Erhebung weiterer Beweise verzichten, ohne  durch  diese  antizipierte  Beweiswürdigung  den  Anspruch  auf  rechtliches  Gehör gemäss Art. 29 Abs. 2 der Bundesverfassung der Schweizerischen  Eidgenossenschaft  vom  18.  April  1999  (BV,  SR  101)  zu  verletzen  (vgl.  zum Ganzen BGE 136 I 229 E. 5.3 S. 236 mit Hinweis). Überdies handelt  es  sich  bei  der  Zeugeneinvernahme  gemäss  Art.  14  VwVG  um  ein  subsidiäres  Beweismittel;  eine  solche  darf  –  der  besonderen  Voraussetzungen  und  Folgen wegen  –  nur  ausnahmsweise  angeordnet  werden  (vgl.  dazu  Urteil  des  Bundesgerichts  1C_427/2008  vom  2.  Februar  2009  E.  2.2).  Bei  nicht  anfechtbaren  Entscheiden  kann  der  Entscheid  über  die  Beweisanträge  im  Endurteil  erfolgen  (BERNHARD  WALDMANN/JÜRG  BICKEL,  in:  Praxiskommentar  VwVG,  Waldmann/Weissenberger [Hrsg.], Zürich 2009, Art. 33 N 36). 3.2  Der  entscheiderhebliche  Sachverhalt  erschliesst  sich,  wie  nachfolgend zu zeigen sein wird,  in hinreichender Weise aus den Akten.  Von  der  beantragten  Zeugeneinvernahme  kann  daher  in  antizipierter  Beweiswürdigung ohne Verletzung des Anspruchs auf rechtliches Gehör  abgesehen  werden.  Das  Verwaltungsrechtspflegeverfahren  ist  sodann  vom  Grundsatz  der  Schriftlichkeit  geprägt  (siehe  ANDRÉ  MOSER/MICHAEL  BEUSCH/LORENZ  KNEUBÜHLER,  Prozessieren  vor  dem  Bundesverwaltungsgericht, Lausanne/Zürich/Bern 2008, Rz. 3.85/3.86 S. 143 ff.)  und ein Anspruch auf mündliche Anhörung besteht nicht (BGE 134 I 140 E. 5.3  S.  148).  Zudem  hat  sich  die  Beschwerdeführerin  zu  den  relevanten  strittigen  Fragen  wiederholt  schriftlich  äussern  können.  Dem  Antrag  auf  Zeugeneinvernahme ist deshalb nicht stattzugeben. 4. Gegenstand des Beschwerdeverfahrens kann grundsätzlich nur sein, was  Gegenstand  des  erstinstanzlichen  Verfahrens  war  oder  nach  richtiger 

C­2283/2010 Gesetzesauslegung  hätte  sein  sollen  (ALFRED  KÖLZ/ISABELLE  HÄNER,  Verwaltungsverfahren und Verwaltungsrechtspflege des Bundes, 2. Aufl.,  Zürich  1998,  Rz.  404).  Im  vorliegenden  Fall  geht  es  –  auch  wenn  das  Dispositiv  der  angefochtenen  Verfügung  insoweit  missverständlich  ist  –um ein Zustimmungsverfahren  nach Art.  99 AuG  i.V.m. Art.  85 Abs.  1  Bst. a  VZAE.  Dieses  Verfahren  betrifft  auch  die  Frage  der  Abweichung  von den Zulassungsvoraussetzungen nach Art.  30 AuG und damit  –  so  wie  hier  –  die  Zulassung  im  Rahmen  eines  schwerwiegenden  persönlichen  Härtefalls  gemäss  Art.  30  Abs.  1  Bst.  b  AuG  und  Art.  31  VZAE  (vgl.  auch  zum  Ganzen  BVGE  2010/55  insb.  E.  4.2,  MARTIN  NYFFENEGGER  in:  Caroni/Gächter/Thurnherr  [Hrsg.]  Stämpflis  Handkommentar  zum  Bundesgesetz  über  die  Ausländerinnen  und  Ausländer  [AuG],  Art.  99  N  18  sowie  Weisungen  des  BFM  im  Ausländerbereich, Stand 1. Juli 2009, Ziff. 1.3.2).  5. 5.1  Mit  dem  Inkrafttreten  des  AuG  am  1.  Januar  2008  wurde  das  ehemalige  Bundesgesetz  vom  26. März  1931  über  Aufenthalt  und  Niederlassung der Ausländer  (ANAG, BS 1 121)  abgelöst  (vgl. Art.  125  AuG  i.V.m.  Ziff.  I  des  Anhangs  2  zum  AuG)  und  damit  auch  gewisse  Ausführungsverordnungen wie die Verordnung vom 6. Oktober 1986 über  die Begrenzung der Zahl der Ausländer (BVO, AS 1986 1791; vgl. Art. 91  VZAE). Auf Verfahren, die vor diesem Zeitpunkt eingeleitet wurden, bleibt  das bisherige Recht anwendbar  (vgl. Art.  126 Abs. 1 AuG sowie BVGE  2008/1, E. 2). Das Gesuch, auf welches sich die angefochtene Verfügung  bezieht,  wurde  nach  dem  Inkrafttreten  des  AuG  gestellt.  Für  die  Beurteilung der vorliegenden Beschwerde ist daher auf das AuG und die  VZAE abzustellen. 5.2 Die Anwendung des neuen Rechts hat  jedoch nicht zur Folge, dass  die  bisherige Praxis  des Bundesgerichts  im Zusammenhang mit Art.  13  Bst. f BVO unbeachtlich ist. Aus der Botschaft des Bundesrates zu Art. 30  AuG  geht  nämlich  klar  hervor,  dass  die  "Ausnahmen  von  den  Zulassungsvorschriften" bereits  in der BVO enthalten sind und im neuen  Recht übernommen und soweit notwendig ergänzt werden (vgl. Botschaft  des  Bundesrates  zum  Bundesgesetz  über  die  Ausländerinnen  und  Ausländer vom 8. März 2002, BBl 2002, S. 3786).  6. 6.1  Abweichungen  von  den  Zulassungsvoraussetzungen  nach  Art.  30  AuG  fallen,  wie  schon  die  Ausnahme  von  der  zahlenmässigen 

C­2283/2010 Begrenzung  gemäss  dem  altrechtlichen  Art.  13  Bst.  f  BVO,  in  die  Zuständigkeit des BFM (Art. 40 Abs. 1 AuG). Dieses entscheidet gemäss  Art. 99 AuG über seine Zustimmung, sofern sich die zuständige kantonale  Behörde  in  diesem  Rahmen  zur  Erteilung  einer  Aufenthaltsbewilligung  bereit  erklärt  hat.  Die  Vorinstanz  und  mithin  auch  das  Bundesverwaltungsgericht  sind  daher  nicht  an  die  Einschätzung  der  kantonalen  Behörde  gebunden  (vgl.  Urteile  des  Bundesverwaltungsgerichts C­1555/ 2008 vom 1. September 2009 E. 4.1  und C­196/2006 vom 26. Oktober 2007 [BVGE 2007/45], nicht publizierte  E. 3). 6.2  Gemäss  Art.  30  Abs.  1  Bst.  b  AuG  kann  von  den  Zulassungsvoraussetzungen  abgewichen werden,  um  schwerwiegenden  persönlichen Härtefällen oder wichtigen öffentlichen Interessen Rechnung  zu  tragen.  Nach  Art.  31  Abs.  1  VZAE  sind  bei  der  Beurteilung  eines  schwerwiegenden  persönlichen Härtefalles  insbesondere  die  Integration  des Gesuchstellers  (Bst. a), die Respektierung der Rechtsordnung  (Bst.  b), seine Familienverhältnisse (Bst. c), die finanziellen Verhältnisse sowie  der Wille zur Teilhabe am Wirtschaftsleben und zum Erwerb von Bildung  (Bst.  d),  die  Dauer  der  Anwesenheit  in  der  Schweiz  (Bst.  e),  der  Gesundheitszustand  (Bst.  f)  und  die  Möglichkeit  für  eine  Wiedereingliederung im Herkunftsland (Bst. g) zu berücksichtigen. 6.3 Schon aufgrund der Stellung des Art. 30 Abs. 1 Bst. b AuG im Gesetz  (unter  dem  Abschnitt  "Abweichungen  von  den  Zulassungsvoraussetzungen"),  seiner  Formulierung  und  den  vom  Bundesgericht in der Rechtsprechung zum entsprechenden Art. 13 Bst. f  BVO genannten und  jetzt  in Art. 31 Abs. 1 VZAE aufgeführten Kriterien,  die  allerdings  weder  einen  abschliessenden  Katalog  darstellen  noch  kumulativ  erfüllt  sein  müssen,  ergibt  sich,  dass  dieser  Bestimmung  Ausnahmecharakter  zukommt  und  dass  die  Voraussetzungen  zur  Anerkennung eines Härtefalls restriktiv zu handhaben sind. Die betroffene  Person muss sich in einer persönlichen Notlage befinden. Das bedeutet,  dass  ihre  Lebens­  und  Existenzberechtigung,  gemessen  am  durchschnittlichen  Schicksal  von  ausländischen  Personen,  in  gesteigertem Mass in Frage gestellt sein müssen bzw. die Verweigerung  einer  Abweichung  von  den  Zulassungsvoraussetzungen  für  sie  mit  schweren  Nachteilen  verbunden  wäre.  Bei  der  Beurteilung  eines  Härtefalles  müssen  sämtliche  Umstände  des  jeweiligen  Einzelfalls  berücksichtigt  werden.  Die  Anerkennung  als  Härtefall  setzt  nicht  zwingend voraus, dass die Anwesenheit in der Schweiz das einzige Mittel 

C­2283/2010 zur  Verhinderung  einer  persönlichen  Notlage  darstellt.  Auf  der  anderen  Seite reichen eine  lang dauernde Anwesenheit und eine fortgeschrittene  soziale  und  berufliche  Integration  sowie  klagloses  Verhalten  für  sich  alleine  nicht  aus,  um  einen  schwerwiegenden  persönlichen Härtefall  zu  begründen. Vielmehr wird  vorausgesetzt,  dass  die  ausländische Person  so enge Beziehungen zur Schweiz unterhält, dass von  ihr nicht verlangt  werden kann, in einem anderen Land, insbesondere in ihrem Heimatstaat  zu  leben.  Berufliche,  freundschaftliche  und  nachbarschaftliche  Beziehungen, welche die  betroffene Person während  ihres Aufenthaltes  in  der  Schweiz  knüpfen  konnte,  genügen  normalerweise  nicht  für  eine  Abweichung  von  den  Zulassungsvoraussetzungen  (vgl.  insbesondere  BGE 130 II 39 E. 3 S. 41 f. und BVGE 2007/45 E. 4.2, je mit Hinweisen). 6.4  Rechtswidrige  Aufenthalte  werden  bei  der  Härtefallprüfung  grundsätzlich  nicht  berücksichtigt  (anders  Aufenthalte  im  Rahmen  eines Verfahrens auf Erteilung einer Aufenthaltsbewilligung, vgl. dazu  Urteil des Bundesverwaltungsgerichts C­4551/2008 vom 23. Dezember  2009 E. 5.2 mit Hinweis). In solchen Fällen hat die Behörde jedoch zu  prüfen,  ob  sich  die  betroffene  Person  aus  anderen Gründen  in  einer  schwerwiegenden  persönlichen  Notlage  befindet.  Dazu  ist  auf  ihre  familiären Beziehungen in der Schweiz und in ihrem Heimatland sowie  auf  ihre  gesundheitliche  und  berufliche  Situation,  ihre  soziale  Integration sowie die weiteren Umstände des Einzelfalles abzustellen.  In  diesem  Zusammenhang  ist  auch  das  Verhalten  der  Behörden –  beispielsweise  ein  nachlässiger  Wegweisungsvollzug  –  zu  berücksichtigen (vgl. BGE 130 II 39 E. 3 S. 42 mit Hinweis). 7. 7.1 Das  Familiennachzugsgesuch  der  Beschwerdeführerin  wurde  am  17.  Dezember  1999  abgelehnt,  da  die  Beschwerdeführerin  zum  damaligen  Zeitpunkt  bereits  volljährig  war.  Es  wurde  ihr  eine  Ausreisefrist bis zum 31. Mai 2000 gesetzt, woraus folgt, dass sie sich  seitdem  rechtswidrig  in  der  Schweiz  aufgehalten  hat.  Die  illegale  Anwesenheit  dauerte  bis  zum  Beginn  des  vorliegenden  Verfahrens  (23. Juli 2008). Aus der mittlerweile zwölfjährigen Anwesenheitsdauer  (wovon  bloss  rund  6  Monate  im  Rahmen  des  Familiennachzugsgesuches  und  drei  Jahre  im  Rahmen  des  Härtefallverfahrens  anzurechnen  sind)  kann  sie  somit  nichts  zu  ihren  Gunsten  ableiten  (zum  Ganzen  vgl.  Urteile  des  Bundesverwaltungsgerichts  C­7265/2007  vom  24.  März  2010  E.  6.2,  C­4551/2008  vom  23.  Dezember  2009  E.  5.2  und  6  sowie                  

C­2283/2010 C­4306/2007  vom  11.  Dezember  2009  E.  6.4).  Das  Verhalten  der  Beschwerdeführerin, sprich ihr illegaler Aufenthalt in der Schweiz, darf  daher  im Rahmen der Härtefallprüfung bzw. des Kriterienkatalogs von  Art.  31 Abs.  1 VZAE  (insbesondere  von Art.  31 Abs.  1 Bst.  b VZAE)  nicht  ausser Acht  gelassen werden. Es  stellt  sich  lediglich die Frage,  wie  die  sonstigen  Umstände  ihres  Aufenthalts  und  Verhaltens  zu  würdigen  sind  bzw.  ob  sich  für  sie  allenfalls  daraus  eine  schwerwiegende  persönliche  Notlage  ergibt  (siehe  auch  E.  6.4  hiervor). 7.2  Die  heute  33­jährige  Beschwerdeführerin  hat  sich  in  den  letzten  Jahren  in  der  Schweiz  relativ  gut  eingelebt.  Sie  ist  ledig  und  unterhält  eine  sehr  enge  Beziehung  zu  ihrer  Familie  in  der  Schweiz,  deren  Auflösung  zu  einer  gewissen  Härte  führen  kann.  Sie  hat  jedoch  den  weitaus  grössten  und  prägenden  Teil  ihres  Lebens  –  darunter  ihre  gesamte Schulzeit – in der Heimat verbracht und ist erst im Alter von 21  ½  Jahren  in  die  Schweiz  gekommen.  Persönliche  und  verwandtschaftliche Beziehungen unterhält sie nach wie vor zu ihren drei  verheirateten Schwestern im Heimatland. Dies weist eindeutig darauf hin,  dass  ihre  Beziehungen  zum  Herkunftsstaat  immer  noch  eng  sind  und  eine  Reintegration  nach  den  üblichen  anfänglichen  Schwierigkeiten  möglich  ist.  Der  Aufrechterhaltung  der  Beziehung  zu  ihren  Eltern  und  Geschwistern  in  der  Schweiz  kann  auch  anders  als  mit  einer  Härtefallregelung  begegnet  werden  (Briefverkehr,  Videotelefonie,  Telefonate,  durch  Reisen  der  Familie  in  den  Aufenthaltsstaat  der  Beschwerdeführerin oder Besuche ihrerseits in der Schweiz).  7.3  In  Bezug  auf  die  berufliche  und  soziale  Integration  wird  in  der  Rechtsmitteleingabe  insbesondere  ausgeführt,  dass  die  Beschwerdeführerin  erst  in  letzter  Zeit  Schritte  unternommen  habe,  um  ein  wirtschaftlich  selbständiges  Leben  zu  führen,  indem  sie  einen  Nähkurs  besuche  und  seit  2009  systematisch  Deutsch  lerne.  Dies  sei  darauf  zurückzuführen,  dass  die  Beschwerdeführerin  aufgrund  ihrer  traumatischen Kriegserlebnisse anfangs zurückgezogen bei  ihrer Familie  gelebt  habe.  Auch  wenn  nicht  in  Abrede  gestellt  wird,  dass  die  Beschwerdeführerin  anfangs  aufgrund  traumatischer  Erlebnisse  Schwierigkeiten  hatte,  sich  in  der  Schweiz  zu  integrieren,  ist  doch  erkennbar,  dass  besondere  Integrationsbemühungen  offenbar  erst  nach  Einleitung  des  hier  zu  beurteilenden  Härtefallverfahrens  unternommen  worden  sind.  Dies  in  Form  von  Nähkursen  und  dem  systematischen  Lernen  der  deutschen  Sprache  sowie  einer  immerhin  positiv 

C­2283/2010 ausgefallenen  Stellenbewerbung  als  Raumpflegerin.  Die  Beschwerdeführerin  bringt  vor,  sie  unterhalte  auch  soziale  Kontakte  zu  Schweizern,  sei  es  via  Kontakte  zu  den  Zeugen  Jehovas  oder  via  persönlichen Freundes­ und Bekanntenkreis.   Gemäss  diesen  Ausführungen  ist  davon  auszugehen,  dass  die  Beschwerdeführerin  zweifelsohne  während  ihres  bisherigen  Aufenthalts  in der Schweiz verschiedene Integrationsbemühungen unternommen hat.   Es  kann  jedoch  nicht  davon  ausgegangen  werden,  dass  ihre  diesbezüglichen Anstrengungen  zu  einer weit  fortgeschrittenen  sozialen  und sprachlichen (Deutsch Niveau A2) Integration in der Schweiz geführt  haben.  Daran  können  auch  Empfehlungsschreiben  von  Privatpersonen  für die Beschwerdeführerin nichts ändern. Sie zeigen zwar ein gewisses  Beziehungsnetz  der  Beschwerdeführerin  in  der  Schweiz  auf,  lassen  jedoch nicht auf enge persönliche und affektive Beziehungen schliessen.  Sie  beinhalten  damit  keine  hinreichenden  Nachweise  für  eine  aussergewöhnliche  soziale  Integration,  welche  über  die  während  des  mehrjährigen  Aufenthalts  geknüpften  freundschaftlichen  und  nachbarschaftlichen Beziehungen hinaus gehen würde. 7.4  Die  Beschwerdeführerin  bringt  weiter  vor,  sie  habe  nie  illegal  gearbeitet.  Ihr  sei  es  wichtig,  nicht  gegen  die  schweizerische  Rechtsordnung  zu  verstossen.  Daraus  kann  sie  jedoch  nichts  zu  ihren  Gunsten ableiten, war doch bereits beinahe ihr gesamter Aufenthalt in der  Schweiz widerrechtlich.  7.5 Eine Gesamtwürdigung der wesentlichen Umstände  im vorliegenden  Fall führt somit zum Schluss, dass die Voraussetzungen für die Annahme  eines  schwerwiegenden  persönlichen  Härtefalles  im  Sinne  von  Art.  30  Abs. 1 Bst. b AuG nicht erfüllt sind. Trotz  langjährigem Aufenthalt  in der  Schweiz ist davon auszugehen, dass die Beschwerdeführerin noch einen  Bezug  zum  Heimatland  aufweist,  da  sie  dort  über  ein  soziales  Beziehungsnetz  verfügt  und mit  den  dortigen Gegebenheiten  nach  den  üblichen anfänglichen Schwierigkeiten wieder vertraut sein wird. 8. 8.1  Aus  der  Rechtmässigkeit  der  Zustimmungsverweigerung  folgt  ohne  Weiteres  die  Rechtmässigkeit  der  Wegweisung  aus  der  Schweiz  (vgl.  Art. 64  Abs. 1  Bst.  c  AuG  in  der  Fassung  gemäss  Art.  2  Zif.  1  des  Bundesbeschlusses  vom  18.  Juni  2010  betreffend  die  Übernahme  der  EG­Rückführungsrichtlinie [Richtlinie 2008/115/EG], in Kraft seit 1. Januar 

C­2283/2010 2011,  der  dem  zeitgleich  aufgehobenen  Art.  66  Abs.  1  AuG  in  der  Fassung  vom  16.  Dezember  2005  [AS  2007  5437]  entspricht).  Demzufolge  bleibt  zu  prüfen,  ob Hinderungsgründe  für  den Vollzug  der  Wegweisung anzunehmen sind (Art. 83 Abs. 2 bis 4 AuG) und das BFM  deshalb  gestützt  auf Art.  83 Abs.  1 AuG die  vorläufige Aufnahme hätte  verfügen müssen. 8.2  Weder  aus  den  Akten  noch  aus  den  Vorbringen  in  der  Beschwerdeschrift ergeben sich Hinweise, die gegen die Zulässigkeit und  Zumutbarkeit  des  Wegweisungsvollzugs  in  die  Heimat  der  Beschwerdeführerin  sprächen.  Dem  Vollzug  einer  Wegweisung  stehen  weder völkerrechtliche Verpflichtungen der Schweiz entgegen noch wird  eine  konkrete Gefährdung  im Sinne  von Art.  83 Abs.  4 AuG behauptet.  Die  Beschwerdeführerin  ist  insbesondere  weder  existenziell  gesundheitlich  gefährdet  noch  sonst  von  einer  ernsthaften  Krankheit  betroffen.  Schliesslich  hat  sie  den Kontakt  zu  ihren  drei  Schwestern  im  Heimatland während ihrer Anwesenheit in der Schweiz nie abgebrochen,  weshalb,  wie  erwähnt,  auch  die  Reintegration  keine  unüberwindbaren  Probleme nach sich ziehen dürften. Der Wegweisungsvollzug ist überdies  zweifellos auch möglich. 9. Aus  diesen  Erwägungen  ergibt  sich,  dass  die  Vorinstanz  mit  der  angefochtenen  Verfügung  kein  Bundesrecht  verletzt  hat.  Der  rechtserhebliche  Sachverhalt  wurde  richtig  und  vollständig  festgestellt  und die Vorinstanz hat das  ihr zustehende Ermessen pflichtgemäss und  zutreffend  ausgeübt  (Art.  49  VwVG).  Die  Beschwerde  ist  daher  abzuweisen. 10. Entsprechend  dem  Ausgang  des  Verfahrens  wird  die  unterliegende  Beschwerdeführerin  kostenpflichtig  (Art.  63  Abs.  1  VwVG).  Die  Verfahrenskosten sind auf Fr. 800.­­ festzusetzen (Art. 1, Art. 2 und Art. 3  Bst.  b  des  Reglements  vom  21. Februar  2008  über  die  Kosten  und  Entschädigungen  vor  dem  Bundesverwaltungsgericht  [VGKE,  SR  173.320.2]) (Dispositiv nächste Seite)

C­2283/2010 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1.  Die Beschwerde wird abgewiesen. 2.  Die  Verfahrenskosten  von  Fr. 800.­­  werden  der  Beschwerdeführerin  auferlegt  und  mit  dem  am  16.  April  2010  geleisteten  Kostenvorschuss  gleicher Höhe verrechnet. 3.  Dieses Urteil geht an: – die Beschwerdeführerinin (Einschreiben) – die Vorinstanz (Ref­Nr: […]) – den Migrationsdienst des Kantons Bern (ZEMIS ID […]) Der vorsitzende Richter: Die Gerichtsschreiberin: Antonio Imoberdorf Mirjam Angehrn Versand:

C-2283/2010 — Bundesverwaltungsgericht 09.08.2011 C-2283/2010 — Swissrulings